Ausgabe 
24.1.1919
 
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Nr. 20

ter (Mefceetr Ärytfer erscheint läqltch, anher Sonntags. - Beilnaen: Siebener eamilievblLtter;

Kit stielt für den Kreis Gietze». vrzugspreir:

monoil. Mk.1.35, viertel­jährlich Mk. 4.05, durch Abhole- iu Zweigstellen mottatl. Mk. 1.25, burch diePost Mk. 4.06 viertel» jährt, ausjchl. Beilellq. fternfpred) - Anschtiiffe: für die ed)rtftlcimnqll2 9'n1an/Sieid)äft5fle[lc51 Anschrittsül Dralnimch- r,chten. Anzeiger Tleheu.

Erstes Blatt

169. Jahrgang

Freitag, 24. Januar M9

Gießener Anzeiger

General-Anzeiger für Oberhessen

ZwiHtngrrun-drnck u. Verlag: Brühl'sche Univ.-Buch- u. Zteindruckerei R. Lailge. Zchristleitung, Geschäftsstelle u. Druckerei: Schulstr 7.

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Die Krage dcr neuen Relchrversassung.

Am Samstag sollen die einzelstaatlichcn Vertreter über den Verfassungsentwnrf ge­hört werden. Dazu will dieFrankfurter Zeitung" erfahren haben, daß am heutigen Freitag das, preußische Staatsministerium die Lage erörtern werde und daß aller Voraussicht nach die Vertreter Preußens dessen. Zerstnckung auf das Entschiedenste bekämpfen würden. Schwierigkeiten wer­den auch von anderer Seite her hinznkommen. Eine Massenversannnlung der Demokratischen Partei in Düsse ldorf hat nach Anhörung des Arbeitersekretärs Erkelenz das Vorhaben der Reichsregierung in einer Entschließung abgelehnt, das dar­auf hinauslaufe, das Reich und Preußen zu zertrümmern. Eine RepublikRhein­land" werde nur zu einem Pufferstaat und Spielball feindlicher Mächte werden

Es ist verständlich und auch zu begrüßen, daß die Sorge um die Einheit unseres Reiches sich energisch regt. Unsere Gegner, besonders Frankreich, weisen uns durch ihre Taten immer wieder darauf hin, daß wir auf uns selber gestellt sein werden u. daß vomVöl­kerbund" wahrlich nichts für unseren nationa­len Zusammenschluß zu erwarten ist. Hat doch Marschall Foch auf eine Frage über die Zurückbeförderung der deutschen Ge­fangenen und das Ersuchen um eine übersichtliche Zusammenstellung der Zahlen der in Frankreich festgehaltenen Deutschen erklärt, es könne darauf keine Antwort er­teilt und keine nähere Aufklärung gegeben werden, da der Transport der Kriegs­gefangenen nach Rordfcankreich begonnen habe, wo bis I.März 200000 Deutsche zur Wiederherstellung des durch den ft'rieg verwüsteten Gebietes angesammelt sein sollen. Diese Nachricht muß in deutschen Landen unb allen deutschen Herzen hellste Empörung Her­vorrufen. Auf die Ordnung in den westlichen Grenzgebieten des Neickies muß die größte Sorgfalt und Vorsicht angewendet werden. Wie wir gestern mitgeteilt haben, ist in Bingen zwangsweise in den Schulen Unter­rick) t in der franzüsisck>en Sprache eingesührt worden! Eiserne Klammern müssen unsere Rheinlande beim Reiche halten!

Gespannt darf man darauf fein, was insbesondere Bayern zu dem Berfassungs- entwurf fag<*n wird. Der Minister des Innern Auer hat in derMünchener Post- erklärt, die bayerische Sozialdemokratie werde sich ihre Stellungnahme sehr überlegen muffen Denn wenn Gesetzgebung und Verroaltung dcS gesamten Verkehrswesens, der Eisenbahn, Großschü'sahrt, Post, Telegraph und Kr-ast-ahr- zeuge, der Zölle und des Handels, der Landes- Verteidigung und der militärischen Angelegen­heiten völlig auf das Reich übergingen und bic -Bundesstaaten in der Steuergesetzgebung auf kleine Nebensteuern oder Steuer u ch'äge le ch ä ift toer- den sollten, so bedeute das eben di: Aufgabe des bundesstaatlick>en Eigenlebens. Die Ver e lung Preußens scheine damit sehr teuer, wahrschnnuch W teuer erkauft zu sein, denn schließlich.bleibe Preußen, auch in mehrere Freistaaten aufgelöst, der übermächtige Faktor :wch wie vor."

Auch ein bürgerliches Blatt, bteMün­chener Reuest. Rachr.", meint, daß der neue Entwurf unitarischen Wünschen weiter ent- qegenkomme, als es mit den realen Tat­sachen der Gegenwart vereinbar sei.

Die Sriebcnstonferenj.

Varis, 23. Ian. (Havas.) Amtliche Mitteilung über die Friedenskonferenz: Die Versammlung befaßte sich mit der Prüfung der auf der Tagesordnung für die Vollver­sammlung am Samstag stehenden Verhand­lungsgegenstände. Es wurden in diesem Zu­sammenhänge folgende Punkte genannt: 1. Internationale Arbeitergesetzgebung, 2. Anwendung von Strafmaßnahmen gegen fcte für den Krieg verantwvrtluchen Personen, 3. Schadenersatzleistungen, 4. internationale Regelung des Verkehrs in Häfen, auf den Wasserwegen unb den Eisenbahnen. Die Ver­sammlung befaßte sich dann mit der Durch­sicht des Arbeitsplans, der für die Regelung der Gebietsfragen vorgesehen ist. Der Oberste Kriegsrat wird am Freitag um 2.30 Uhr zu- sammentre en. Teilnehmen werden daran die Marschälle Foch und Haig, ferner Diaz und die der Versammlung beiwohnenden Vertre­ter der verbündeten Mächte.

Am Montag wird eine öffentliche Voll­versammlung stattsinden, in dcr die Fragen des V ö l ke r b u n b e s erörtert werden sollen. Dec Vorschlag Llotch Georges, der in eini­gen Artileln in allgemein gehaltener Weise die Gründung einer Liga der Nationey. ent­

hält, wird die Grundlage für die Debatte bil- oen. Präsident Wilson wird hierauf ein Projekt darlegen, das nach Besprechung mit Leon Bourgeois, Lord Robert Cecil und Ge­neral Smuts niebergefegt wurde, bie voraus­sichtlich ihrerseits ebenfalls in bie Debatte ein­greisen würben, um ihre besondere Stellung zu den Einzelheiten der Durchführung aus-! einanderzusitzen. Schließlich soll ein besvu-! derer Ausschuß für den Völkerbuch ernannt i werden, der die Frage grundsätzlich zu stu-! diecen hätte. Ferner soll in derselben Sit-: »ung eine Kommission für die Entschädigun­gen gebildet werden. Diese wird die Höhe der von Deutschland verschuldeten Schäden, den zu fordernden Betrag für Entschädigung und im einzelnen die mögliche Art der Bezahlung festzusctzen haben.

Für die vom Sonderausschuß festzulcgen- ben Satzungen des Völkerbundes prägte Wil­son das stolze Wort:Magna charta der Kul­tur der Menschheit". Wilsons Umgebung ver­sichert, daß sein der Konferenz vorzulegendec Entwurf mit Begründungen sehr umfangreich sei.

Ein Erlaß de» Kriegsminister».

Ein Erlaß des Kriegsministcrs an die Offi­ziere, die Unteroffiziere und alle ihnen gleichge­stellten Angehörigen des Heeres wird in einem neuenArmee-Verordnungsblatt" veröffentlicht. Darin heißt es:

Die Verordnungen vom heutigen Tage über Kommandogewalt, Stellenbesetzung, Anzug und Grußpflicht eröffnen neue Wege des Wirkens, die mit Erfolg zu betreten dem bewährten Pflichtgefühl der Offiziere, Sanitätsofsillere, Veterinärosfiziere, Beamten und Unteroffiziere in verständnisvollem Zusammenwirken mit den Soldatenräten gelingen muß. Zum Nächstnotwendigen rechne ich das Tragen dec Uniform in den nun bis auf weiteres vorgeschriebenen Formen unter Abstreifung wilder, unordentlicher Bekleidungsstücke, die Veredelung der Haltung auf dcr Straße, die Uebung des gegen­seitigen Grußes, die Aufnahme des AKshildungs- dienstes, insbesondere auch der ernsten beruflichen Weiterbildung der jungen Offiziere und Unteroffi­ziere innerhalb der Truppen, die eingehendste Zu­sammenarbeit mit den Soldatenräten, hie Hebung der Pflege, der Pferde, der Waffen und des Heeres- geräts uno die Ausschaltung der Politik aus dem Gebiet der militärischen Dienstpflichten.

Der Tag der Bekanntgabe der Verordnungen läßt die Armee erkennen, daß der Zentralrat der deutschen sozialistischen Republik und der Rat der Volksbeauftragten im Zusammenarbeiten mit dem Kriegsministerium hierbei jeden Nebenzweck aus­schloß. Die Verordnungen konnten weder die Wahl beeinflussen, noch durch ihr Ergebnis beeinflußt werden. Ihre Quelle ist der rein sachliche, feste Wllle, auf der Bahn der Gesundung fortzuschreiten.

*

Eine große Niederlage der Bolschewisten.

Berlin, 23. Ian. LautLokalanzeiger" wurde nach einer Mitteilung der esthnischen Regierung ein Telegramm Trotzkis ausgefangen, in dein die Auf­gabe von Petersburg angeordnet wird. 3n Peters­burg streiken 60000 Arbeiter, die von chine­sischen Bataillonen beschossen werden.

Die Morgenblätter melden weiter: Die Esthnische Sozialdemokratische Zeitung erfährt von dem Haupt der esthnischen Regierung, Trotzki habe an Sinowjew telegraphiert, daß die Bolschewisten gezwungen sein werden, Petersburg ohne Kampf aufzugeben. Trotzki erklärt, die Bolschewisten hätten eine große Rieder- läge im Norden erlitten, da die ganze Armee mit den Generälen an der Spitze zum Feinde über­gegangen sei.

Skoropad»tt.

Berlin, 23. Ian. DerLokalanzeiger" berichtet: Der frühere Hetman der Ukraine, Skoropadski, ist für vogelfrei erklärt worden.

Ans -em Reiche.

Die Kvhlennot.

B e r l i n, 23. Ian. Ein Mitarbeiter des Vorwärts" hat von amtlicher Seite die Mit­teilung erhalten, daß sich die wirtschaft­liche Situation sehr verschlechtert hat. Dcr Mittelpunkt der Krisis ist die Kvhlen- not. Trotz des Streiks bei den Elektrizitäts­werken, der die Kohlenvorräte etwas gestreckt hat, droht doch in diesen Tagen ein vollstän­diger Stillstand nicht nur dieser Betriebe, son­dern auch aller anderen auf Brennstoff an- qeiuiefenen Betriebe. Die Krisis droht gleich­zeitig in verschiedenen Gegenden Deutschlands einzutreten, sogar in den Bergreviercn fehlt es an der nötigen Kohle. Die Ursache hierfür find die zahlreichen fvildcn Streiks und die lokalen Sozialisierungsversuche.

Bc r l i n, 23. Ian. Um dem starken Ver­brauch von Leucht- unb Kochgas zu steuern, sollen von einem noch zu bestimmenden Zeit­punkte an in dieser Woche Sperr st unden in Groß-Berlin von 8V211 Uhr vor­mittags und von 25 Uhr nachmittags cin- czeführt werden. Die Polizeistunde soll auf 10 Uhr abends festgesetzt werden.

Aus Bremen.

Bremen, 23. Ian. Die Aerzte- schaft Bremens hat beschlossen, ihre beruf­

liche Tätigkeit sofort einzustellen, so­bald durch politische Streitigkeiten der Verkek/r in Bremen sowie die Versorgung der Vevölle-- rung mit Lebensmitteln in gefahrdrohender Weife unterbunden wirb. Die Apotheker- Haben einstimmig den Beschluß gcsaßi, im Falle eines Streikes der Aerzte ihre Apo­theken zu schließen.

Spartakus in Danzig.

Berlin, 23. Ian. DemB.T." wird aus Danzig gemeldet: Der Vollzugs­ausschuß hat für Donnerstag einen allge­meinen Proteststreik gegen die Ermor­dung L i e b k e ch t s und der R 0 s a L u x e m- burg angcordnet. Die Theater und Kinos müssen schließen, die Zeitungen dürfen nicht erscheinen.

Ans SiaM und Land.

Gießen, den 24. Januar 1919.

Ga» und elektrische» Licht von heute ab eingeschränkt.

Aus Drohungen ist Wirklichkeit geworden. Rach heutigen Bekanntmachungen ist von heute ab in allen öffentlichen Lokalen, Klub- und Versammlungs­räumen, Theatern, Lichtspielhäusern unö Konzert­räumen der Verbrauch von Gasbeleuchtung und elekttischem Licht nach 9 Uhr abends verboten.

Außerdem wird zur Einschränkung des Gasver­brauchs zwecks weiterer Ersparnis von Brennstoffen folgendes bestimmt: Gaszimmerheiz-undGasbade- öfen sowie Gaswarmwafferanlagen dürfen nicht in Benutzung genommen werden und können vorn Gas­werk plombiert werden. 3n Hotels und Speisewischaften dürfe die Sprisen nicht auf dem Gasherd zubereitet werden.Jn einer H aus Haltung dürfenmonatlich nur bis 40 Kubikmeter Gas verbrannt werden. 3n der Zeit von 1 Uhr bis 5 Uhr nachmittags und von 10 Uhr abends bis 6/2 Uhr früh darf Gas der Leitung nicht entnommen'werden.

Während der Sperrzeit sind die Gashähne fest zu verschließen, weil sonst leicht Unylücksfälle ein- treten können. Maßnahmen um diesen zu begegnen sind ebenfalls aus einer Bekanntmachung zu ersehen. Es liegt im 3ntereffe sämtlicher Gasverbraucher, daß während der Sperrzeit Gas nicht entnommen wird, weil die Gefahr einer gänzlichen Stillegung des Gaswerks droht. Sttengste Sparsamkeit im Verbrauch von Gas ist dringend geboten. Ein Gas­verbrauch während der Sperrzeit hat ahne weiteres Gasentziehung unter Fvrtnahme des Gasmessers zur Folge.

Wir erinnern gleichzeitig daran, daß in jedem Haushalt gleichzeitig nur zwei 50kerzige Birnen brennen dürfen und in öffentlichen Lokalen die Be­leuchtung nicht Heller sein darf, als daß gewöhnliche Druckschrift eben zu lesen ist.

Die Sperrung der Gaslieferung ist nur eine vor­übergehende Vorsichtsmaßnahme zum Sttecken des vorhandenen kleinen Kohlenvarrats; sie wird aufge­hoben werden, sobald das Gaswerk wieder ausrei­chend mit Kohlen versorgt wird.

Wie besorgniserregend aber die ganze Kohlen­versorgung überhaupt ist, zeigt nachstehende Mittei­lung des Vertrauensmannes des Reichskommiffars für Kohlenversorgung:

Die seit Monaten im ganzen Deutschen Reich so auch in Gießen herrschende Kohlennot hat sich nun­mehr aufs äußerste zugespitzt. Die Kohlenftage stellt sich jetzt in der Hauptsache als Transportfrage dar. Während auf den Zechen die Kohlen in Halden angesammelt und Feierschichten eingelegt werden muf­fen, kann die Eisexbahnverwaltung, die durch Erfüi- lung der Waffenstillstandsbedingungen zur Abgabe eines großen Teils der besten Lokomotiven und Wag­gons gezwungen ist, zurzeit nur 25 Prozent der Friedensm engen an Kohlen transportieren. Es sollen aber von derEisenbahnverwaltungVorkehrungen getroffen werden, um der Schwierigkeiten so rasch wie möglich Herr zu werden. Ob dieses aber gelingt, ist sehr fraglich.

Don den zur Beförderung gebrachten Kohlen entfällt ein beträchtlicher Teil auf den Selbstverbrauch der Bahn, ferner kommt der Bedarf der Kranken­häuser, Kliniken usw., die vorzugsweise beliefert wer­den müssen, in Frage, so daß zum Zwecke der Licht­erzeugung und Wärmeversorgung etwa 20 Prozent Kohlen verbleiben. Die Versorgung mit Kohlen wird auch durch den Umstand erschwert, daß den süddeutschen Städten, die ihren Kohlenbedarf bis­her größtenteils aus dem Saargebiet deckten, dies seit der Besetzung des letzteren durch die Franzosen nicht mehr möglich ist. Ebenso wird Berlin seit dem Ausbruch des Streiks in den Zechen Ober­schlesiens mit Ruhrkohlen beliefert.

Aus den angeführten Umständen ergibt sich die dringende Notwendigkeit, im Licht- und Kohlen­verbrauch äußerste Sparsamkeit zu üben, und die Bevölkerung mutz dringend ersucht werden, hierin die erforderliche Einsicht walten zu laffen, wenn nicht die städttschen Werke, wie bereits in mehreren anderen Städten, mit Destimmtheit zum Erliegen kom­men sollen. So ist die Stadt Esten, die mitten im Kohlenbezirk liegt, bereits acht Tage ohne Licht ge- wes. n, ebenso haben die Lichtwerke in Posen, Gotha, Dcstau, Meiningen usw. den Bettieb infolge Kohlen­mangels einstcllen müssen. Es darf wohl erwartet werden, datz die Bevölkerung sich im Licht- und Kohlenverbrauch auf das alleräußerste einschränkt, um zu verhüten, datz eine Still­legung der hiesigen Lichtwerke eintritt.

Die neue Kultur.

Wenn weit im Osten, in Berkin, Par­teien aufeinanderschtagen, so wird mancher ein Gefühl der Erleichterung dabei haben, soweit vom Schuß zu sitzen, daß der Berliner Radi­

kalismus nur als gelindes Freiheitslüftchen zu ihm hindringen wird. Sind wir wirklich so meit vom Schuß. DerGießener Anzeiger" hatte öfters Feststellungen zu machen, die sich mit einem solchen Optimismus wohl kaum vereinbaren lassen. Die allgemeine Moral ist auch hier in einer erschreckenden Weise ge­sunken. Heeresgut wird von Militärpersonen gestohlen und verschleudert, Privateigentum geraubt, geplündert und, als modernste Form, beschlagnahmt. Wir erinnern an den beschlag­nahmten Waggon Zigarren der Firma Rinn u. Cloos und die gestrige Zuschrift Herrn Kommerzienrats Kllngspvr. Nachstel-end lassen wir den Polizeibericht vom 23. Januar und eine Warnung des Polizeiamtes folgen:

Polizeibericht.

Die Sicherheitswache nahm am 22. ds. Mts. abends auf dem hiesigen Bahnhof zwei entlassen« Soldaten der Nachrichten-Ersatz-Abteilung 18 fest, meiste gestohlenes Heeresgut bei sich führten; einer von ihnen hatte sogar einen Koffer mit Büchern bei sich, welche er in der Realschule, wo er ein« quartiert war, gestohlen hatte.

Drei Kraftfahrer wurden dabei erwischt, als sie. einen der Heeresverwaltung gehörenden Leit er wagen an einen Landwirt aus Atzbach verkaufen wollten.

Ferner wurde ein Mann festgenommcn, welcher Auto-Gummireifen bei sich führte, über deren Herkunft er sich nicht ausweisen konnte.

Dem gleichen Schicksal verfiel die militärische Wache vom 3nf.»Regt. 116 auf der Margareten» Hütte. Diese wurde von der Sicherheitswoche fest­genommen, weil sie in Gemeinschaft mit Arbeitern des Proviamtaints aus dem Magazin an der Mac«, garetenhütte zwei Fässer Butter gestohlen hatte.

Beschlagnahmen und Durchsuchungen.

3n den letzten Wochen habenPersonen in Militär- uniform teils ohne jeden Ausweis, angeblich im münd­lichen Auftrag des Arbeiter- und Soldatenrats, teils mit gefälschten Ausweisen versucht, in hiesiger Stadt Durchsuchungen von Wohnungen und Beschlagnahmen! von Gegenständen vorzunehmen.

Nach den gesetzlichen Bestimmungen steht' die An ordnun g und Durch führ ung von Durch«^ suchungen und Beschlagnahmen nur öem; Richter, bei Gefahr im Verzug auch bet, Staatsanwaltschaft und den Hilfsbeamten der letzteren, den Beamten des Polizei» unb Sicherheitsdienstes, zu.

Das Publikum wird dringend ersucht, jeden der» artigen Versuch von Personen, die sich nicht durch einen ordnungsmäßig gestempelten und unterschriebe- nen Ausweis des Gerichts, der Staatsanwaltschaft, oder des Polizeiamts legitimieren können, energisch zurückzuweisen und dem Polizeiamt auf dem rasche-' sten Wege mitzuteilen, damit letzteres bie Tater zur' Verantwortung ziehen kann.

Zu diesen Polizei amtlichen Feststellungen ist ivvhl jeder iveiterc Kommentar überflüssig. Man braucht hier nur anzuknüpfen, daß die Einquartierung in der Realschule es nicht bei dem einen Diebstahl von Büchern belassen hat. Lehrmittelschränke sind erbrochen und ausge­raubt und auch die Schränke hiesiger Turn­vereine im Turnsaal der Schule wurden er­brochen und der Inhalt gestohlen.

Aber die neue Kultur zeitigt auch noch andere höchst zweifelhafte Werte. Wir wollen nicht verschweigen, daß auch vereinzelte Offi­ziere im Verein mit zweifelhaften Damen in einem hiesigen Etablissement durch Schiebe­tänze ihre Uniform entwürdigen. Das siud vereinzelte Erscheinungen und wer daran teilnimmt, ist durch eigene Stil- losigkeit charak erisiert. Noch schlimmer ist es, wenn in dieser Zeit öffentliche Maskenbälle, die von Truppenverbänden an­gesagt werden, zu Orgien auswachsen, die jedem Schamgefühl ins Gesicht scksiagen. Man braucht kein Mucker zu sein, um Schilderungen von Szenen, die sich während der Bälle und anschließend auf und an den Straßen abge­spielt haben, für den sittlichen Stand des Volkes tiefbeschämend zu finden. In diesem Tempo darf die Volksmoral nicht weiter fin­ken. Die schlechten Elemente, die mit ihrem verderblichen Beispiel voran gehen, müssen, zu­mal in den noch bestehenden Truppenteilen, herausgefunden und unschädlich gemacht, die Sicherheitswachen müssen verstärkt werden.

Sonst gehen wir Zeiten entgegen, wo man sich fragen wird, ob der vielgeschmähte Polizei- und Obrigkeitsstaat, mit seinem Uebermaß an Ordnung dem bedenklichen Tiefstand bet neuen Kultur der Revolution nicht doch vor­zuziehen gewesen sei.

Winke für die

Wahl zur Hessischen Bolk»kammer.

1. Das Wahlgcschäft beginnt um 9 Uhr vor­mittags.

2. Wähle frühzeitig, jedenfalls aber bd TageS^ licht. Es ist möglich, daß die Abstimmung bereits um 6 Uhr geschlossen werden muß, da wegen Erschöpfung dcr Kohlenvorräte die Beleuchtung Schwierig keilen bereiten wird.

3. Eheleute sollen mit ihren wahlberechtigte» Familienangehörigen gleichzeitig z>ur Wahl gehen. Dies erleichtert das Wahlgeschäft außer- arbentlitb.

4. Jeder wählt in dem Wahllokal, in dem er am 19. Januar geioahlt hat.

5. Wer am 19. Januar in der Wählerliste ge­standen hat, steht auch am 26. Januar in bajj