Nr. 15
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Erstes Blatt
169. Jahrgang
Samstag, 18. Zcmuar (919
ZwiHingsnmbdruck u. Verlag: vrkhl'sche Univ.-Such- u. ZteindruSerei R. Lange. Zchriftleitung, SefchaftrfteHe u. Druckerei: Schulstr 7.
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letzener Anzeiger
ä General-Anzeiger für Oberhefsen
Nun wähle!
Dor uns liegt ein großes Elend aus- gebreitet, das Elend, daß der Femdeswille aufs Ernsteste unsere staatliche Selbständigkeit bedroht. Wären n/ir nur arm, so wär's lange nirl)t so schlimm. Armut schändet nicht; der Arme, der seine Arbeit, seinen Stolz, sein Gottoertrauen hat und dem der Himmel seines Strebens und seiner Wünsche offen fleht, ist oft glücklicher als der Reiche. Der an harte Gläubiger verschuldete Arme jedoch, der die Freiheit seines Handelns verloren hat, ist bejam- mernsroert. Die Note, mit der Graf Brockdorff-Rantzau einen flammenden Widerspruch gegen die finanzielle Versklavung Deutschlands erhoben hat, ist ein Aufschrei des Jammers und des Zornes, der im Gewühl der Wahlvorbereitungen nicht ersticken darf und nachhallen muß in die Zeit nach dem 19. Januar. Was in jener von Rantzau zu- rückgeiviesencn Note der Feinde von uns an Verzickiten auf unsere natürlichen Freiheiten, auf allgemeinste Aesitzrechte, verlangt wiro, ist bitterer und schmählick>er, als die neuen Wafsenstillstanüsbedingungen, mit denen Foch die Waffenruhe um wettere vier Wochen verlängert hat. Die Abgabe großer Mengen von landrvirtschaftlichcn Maschinen schmälert unsere nctionaie Habe beträchtlich, erschwert uns aufs Neue den Kampf ums Dasein, aber sie ist schließlich) erträglich- weil es eben nur eine einmalige Einbuße an materiellem Besitz ist. Selbst die „Strafe" der Ablieferung weiterer Lokomotiven und Wagen daiür, daß das Eifenbahnmalerial nicht vollzählig und fristgemäß abgeliefert worden sei, braucht nicht tragisch genommen zu werden, zumal uns zugleich die Abgabe des Rcftbestandes der alten Forderungen, die unser Verkehrswesen so arg bedrohte, erlassen worden ist. An die Grenze des Möglick)en jedoch geht die uns zugemutete finanzielle Kontrolle durch die Entente, denn sie ist noch schlimmer als die Schmach und Bevormundung orientalischer Völler durch die Großmächte, sie ist ein geradezu erschreckender Sprung rückwärts tpn dem Wilsonsckien Ziele der Völkerversöhnung. Allerdings hat der kluge Matthias Erzberger, der berühmte Prophet des Weltfriedens, in seinem Wasfenstillstaichsvectrag den folgenden, sehr dehnbaren Satz unterschrieben: „Während der Dauer des Waffenstillstandes darf der Feind keine öffentlichen Werte beseitigen, welche den Verbündeten als Pfänder für die Deckung der Kriegsschäden dienen könnten." Nun soll sogar der Umfang der Einfuhr von Lebensmitteln, Rohstoffen und Fer- tigfabrilaten nach Deutschland künftig von den Gegnern bestimmt werden! Mit der Negierung muß sich dagegen das ganze deutsche Volk erheben. Für ein solches Vorgehen der Entente würde es, das hat Graf Rantzau laut und drohend hervorgchoben, bei uns Deut- sck-en „kein Verzeihen und Vergessen" geben.
Wenn wir bei den Wahlen am morgigen Sonntag uns fragen, welckren Männern und Frauen und welck-er Partei wir unsere Stimme geben sollen, dürfen wir diese Erlebnisse und Erkenntnisse der letzten Tage nick)t außer Acht lassen. Wir müssen uns in der Brandung und den Stürmen der Zeit ein solides, festgefügtes und sicheres Haus erbauen — und keine sozialistischen Luftschlösser. Die Bestrebungen der Soz-ialdemosratie sind international gerichtet, was aber vermögen wir heute iwch über das Ausland? Wenn Wilson wirklich Ideale verfolgt — die Weltverbrüderung im Sinne der Sozialdemokratie, den großen, inlernaliona.en Zukunftsstaat, meint er sicherlich nicht. Es liege» keinerlei Anzeichen vor, daß die Bruderhände der Sozialisten oder Proletarier aller Länder sich zu ammenfinden würden zum Aufbau einer neuen 'Welt. Der „Völlecfriede" wird von gewinnsüchtigen Häuptern der Entente ausgeklügelt und von den Fäusten der Gewalthaber ausgerichtet. Die internal io a e Arbeiterlonfe - enz, die nach zaghaften Ankündigungen englischer und schwedischer Sozialisten demnächst ftattsinden soll, hat noch geringere Aussichten als die einstmalige Stockholmer Konferenz. Der internationale Kontakt hat versagt, er bringt kein Licht und keine Wärme hervor. Also müssen wir uns national wieder anf- richien! Das heißt: wir müssen die deutsche Produktion steigern, dürfen uns keinen Luxus erlauben, der die wirtschaftliche Gesamtleistungssähigkeit herabmindert. Würde eine sozialdemokratische Mehrheit zur Herrschaft kommen, so würde ein frisch-fröhlicher Wettstreit in der sinnlosen Beschränkung der Arbeitszeit, in Lohnerhöhungen eintreten — die nach Aufrufen der heute Regierenden bereits verwüstend auf dc.s deutsche Volksinteresse gewirkt haben — jeglicher Unternehmungsgeist, der uns doch allein wieder emporl-elfen kann, würde erlahmen. Nach nner kurzen Zeit der Verschwendung und Ver-
lgeudung unserer Kassenbestände würde ein schneller Zusammenbruch kommen. Die Revo- 'lutionszeit hat uns eine höchst lehrreiche Ne- beneinandecftellung von Theorie und Praxis gezeigt. Es wurde niedergerissen, aber nicht aufgebaut. Die Verstaatlichung der Produktionsmittel, die mit dem Sieg der Sozialdemokratie ihren Vormarsch antreten würde, könnte nur niederreißen und niedcrtrelen; dann würde es wohl kampfbereite und streitsüchtige Politiker geben, aber keine befähigten und fleißigen Unternehmungen, keine Ordnung, Stetigkeit und Ergiebigkeit unseres wirtschaftlichen Lebens. Die auswärtige Politik des Reiches, die sich der Vergewaltigung durch die fremden Völker entgegenstemmen müßte, würde, wie bisher, unter dem Streit über die Verwirklichung der Parteiprinzipien das kümmerlichste Dasein führen, und schließlich würde Deutschland vielleicht, wie anscheinend das bolschewistische Rußland, statt mit Spaten und Pflug mit Flinte und Säbel das Werk der Erneuerung betreiben.
Wir warnen vor der Reise in das Land der Utopien, die wir heute weniger riskieren können denn jemals! Unser Staat uitb unsere Politik müssen auf die uns umgebenden Wirklichkeiten eingestellt werden. Wir dürfen dabei nicht von Parteiprinzipien und deren geräuschvollen Auslegungen belastet sein. Das alte Spstem ist gefallen, aber nicht a l l e s daran war falsch und morsch. Vieles muß und wird anders werden. Die Programme der „bürgerlichen" Parteien sehen einander sehr ähnlich; es wird eine völlig neue Entwicklung anheben mit weitgreifenden sozialen Umgestaltungen und freiheitlicher Mitwirkung des Volkes an den Staatsgeschäften. Das alles wird aus der Lage des Reiches heraus, die allerwärts Aufgaben des völligen Neuauf- haues vor uns hinstellt, sich schnell genug entwickeln. Reaktionäre Sehnsüchte nach dem Alten, Erstorbenen, werden die große Mehrheit des Volkes nicht rühren und nicht kümmern. Möge uns der innere Friede erhallen bleiben! Jeder Wähler denke morgen an die traurigen Wochen und Vorzeichen, mit denen uns die Sturzgeister der Linken in Atem hielten. Er lveise die Finger zurück, die allzu ge- schäftig sich an Einrichtungen vergreifen wollen, die das Gemütsleben des Volkes und unsere Volkserziehung nicht entbehren können. Hiergegen werden besonders auch die Frauen auf der Wacht stehen! Wir vertrauen ferner auf den bodenständigen Sinn unserer landwirtschaftlichen Bevölkerung! Sie wird der neuen Zeit und ihren Bedürfnissen Rechnung tragens aber von links her keinen Lockungen folgen. Ist es nicht bezeichnend, daß die Sozialdenlolratie seit 1891, der Verkündung ihres Erfurter Programms, be_n Agrarfragen keine Aufmerksamkeit mehr geschenkt hat? Besteht wirklich eine Gefahr, »ne die Sozialdemokratie behauptet, daß das Kleinbauerntum von dem Großgrundbesitz aufgesogen werde? Ach nein, im Gegenteil, auch die Zukunft wird freie Bauern auf eigener Scholle sehen; alle bürgerlichen Parteien haben eine rege Siedlungspolitik und die Erhaltung und Förderung kleinbürgerlicher Existenzen auf ihrem Programm.
Auf zur Wahl! Es darf, wenn auch die Zeiten trüb und ernst sind, keine Müdigkeit und Gleichgültigkeit in der Politik geben! Bisher hat sich das Bürgertum seit dem 9. November im Hintergründe gehalten. Morgen muß es auf die Schanzen! Es geht um Ruhe und Ordnung im Reiche, um eilte von Illusionen freie, kraftvolle Politik nach außen, um einen sicheren und daher nicht überstürzten Aufbau des Staates und um die entschlossene Abrvehr aller demagogischen Strömungen!
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Die Verhandlungen über die Verlängerung des Waffenstillstandes.
Trier, 15. Jan. Die Verhandlungen über die Verlängerung des Waffenstillstauds- abkommeus begamien heute vormittag 10 Uhr in Trier auf dem Bahnhofe in dem Salonwagen des Marschalls Foch. Mit Foch war als Vertreter Englands an Stelle des verhinderten Admirals Wemhß der Admiral Browning erschienen, der die Waffenstill- ftandsverhaudlungen in Wilhelmshaven und Kiel geführt hatte. Browning, der erst während der Sitzung vorgestellt wurde, und dem die linke Hand fehlt, ist ein barscher Seebär. Auch die ihn begleitenden beiden englischen Marineoffiziere machten einen bärbeißigen Eindruck. Im Folgenden geben wir eine Ueber- icht über den Verlauf der Verhandlungen. Es kommt uns dabei weniger auf eine wortgetreue Wiedergabe an, als darauf, den Geist und die Stimmung der Verhandlungen festzuhalten.
Foch: Wir kommen zu den einzelnen Brim- mtnnen, unter denen eine Verlängerung des Wafsenßi lstandsabkoinmei s stattsinden kann. Ich überreiche einen Schriftsatz; die blau angestriche- jicn Stellen enthalten die Bedingungen., lDiese
haben ttrir unfern Lesern bereits mitgeteilt.) Am 17, Januar, morgens 5 Uhr, läuft der WafsenstÜl- stand ab. Ich erwarte eine Antwort bis morgen, 16. Januar, vormittags.
Erzberger: Ich werbe die Bedingungen bet deutschen Regierung übermitteln, aber ich kann nicht garantieren, ob bis morgen früh die Antwort eingetrofsen sein kann. Ich muß jedoch meinerfeit-5 eine Frage stellen: Für welche Frist ist die Verlängerung in Aussicht genommen.
Foch: Wie bisher, für einen Monat.
Staatssekretär Erzberger verliest nunmehr die bereits im Auszuge mitgeteiltc Rede, welche diesmal im Gegensatz zu der früheren Gepf.ogenh-ttt des französischen Dolmetschers abschnittsweise übersetzt wird. Foch hört gespannt zu und wird erregt, sobald sein Name fällt. Nach Verlesung des Abschnittes der Rede, welche die Ablieferung des Eisenbahnmaterials behandelt, greift Foch sehr lebhaft ein.
Foch: Ich bin ganz überrascht, daß von mir gegebene Zulagen nicht eingehalten worden sein sollen. Ich verlange ganz präzise Angaben.
Erzberger: Ich habe durch General von Winterfeld wiederholt und in letzter Zeit täglich eine Menge von Einzelheiten mit ganz genauen Angaben über die Belästigung des deutschen Eifenbahnpersonals, welches zur Abgabe von Lokomottoen und Wagen ins besetzte Gebiet fuhr, durch den General Nudant in ©paa überreichen lassen.
Foch: Ich wiederhole: Mir ist von diesen Angaben nichts bekannt; ich bitte um weitere Einzelheiten.
Erzberger: Dann form ich nur sagen, daß meine dem General Nudant übergebenen Angaben nicht weitergegeben worden finb. Soweit es hier in Trier möglich ist, werde ich sofort das Material zusainmenuellen intb heute nachmittag um 5 Uhr durch General von Winterfeld dem französischen Generalstabschef Weygand überreichen lassen.
Die Aussprache über die Auslegung des Artikels 6, wonack; die Teilnahme an Kriegsmaßnahmen, die vor Unterzttch- nung des Wafsenstillstandsvertrages stattfanden, nicht strafbar sein soll, gestaltet sich besonders dramatisch.
Erzberger: Ich muß darauf Hinweisen, daß trotz der gegebenen Zu sicher mtgen eine Reihe von Werkleitern, die im guten Glauben Industrie- material von den beut'eben Militärbehörden übernommen haben, jetzt von den Alliierten verfolgt und ins Gefängnis gesetzt wurden. Es liegen hier ausschließlch Fälle doci Leit nähme an den in § 6 bezeichneten Kriegs Maßnahmen vor, die nach dem Wasfensticksta'..bsabkVmmen straffrei sind.
Foch: Ich kann eine solche Auslegung des Artikels nicht annehmen. Für mich handelt es sich dabei nur um Fälle von Spionage, nicht aber um Handlungen mit dem Vermögen der Untertanen des Gegners.
Erzberger: Ich solbst habe seinerzeit in C o m p i ö g n c den Vorschlag gemacht: Ich wies damals ausdrücklich daraus hin, daß in den zu besetzenden deutschen Gebieten Liquidationen statt- gentnben Hätten, und daß fremdes feindliches Ver- niögen rechtmäßig erworoen worden sei. Ich l>abe diesen von deutschen Jndnsttiellen stammenden Vorschlag gemacht, um C?i: deutschen, gutgläubigen Besitzer fremder Maschinen zu schützen.
Foch: Damit hat dieser Artikel gar nichts zu tun. Es handelt sich nur um die Teilnahme am Krieg; nur Kriegsmaßnahmen im engsten Sinne des Wortes ist Straffreiheit zugesagt.
Erzberger: Diese Auslegung ist mir ganz' neu. Sie stimmt mit den Motiven und dem Wortlaut des Artikels nicht überein, denn es liegt durchaus eine Teilnahme an Kriegsmaßnahmen vor, wenn, wie es in Elsaß-Lothringen und im Saargebiet vielfach geschehen ist, ein Industrieller auf Wunsch der deutschen Militärbehörden Maschinen kaufte, nm die Kriegsproduktion zu steigern. Das ganze deutsche Volk ist während der vier Kriegsjahre gezwungen gewesen, nur für den Krieg zu arbeiten. Wenn Frankreich Vergeltung für bte früheren Kriegsmaßnahmen üben will, so muß es sich an das ganze deutsche Volk, oder wenigstens an die deutsche Regierung halten und nicht einzelne Persönlichkeiten herausgreifen, um sie für die Erhöhung der Kriegsproduktion strafbar zu machen. 9tbcr selbst wenn man die Fochsche Erklärung ancrferait, so ist es eine Härte und Unbilligkeit, jemand wegen gutgläubig und rechtmäßig durchgeführter Ankäufe ins Gefängnis ju werfen. Ich erwarte, daß Marschall Foch über diese einzelnen Fälle eine Untersuchung anordnet uni) nach Einsicht in den Tatbestand die widerrechtlich Verhafteten freilaßt.
Foch: Ich erkläre mich bereit, die Fälle zu untersuchen.
Erzberger: Ich stelle zur persönlichen Information des Marschalls Foch eine ausführliche Denkschrift in Aussicht.
Den Höhepunkt erreicht die Aussprache, als Staatssekretär Erzberger das Kapitel der Ausweisungen der Deutschen aus Elsaß-Lothringen in Angriff nimmt.
Foch: Tie Austveisungen ans Elsaß-Lothrin- gen haben mit der französischen Regierung gar nichts zu tun. Hier handelt es sich um rein militärische Fragen. Tas Höchstziel ist die Sicherheit der alliierten Truppen. Ich lehne ^s ab, über Maßregeln militärischer Art Belehrungen ober Kritiken anzunehmen. Im übrigen erinnere ich an das Verhalten der Deutschen in Lille und Nordfrankreich.
Erzberger: Tas war im Kriege, jetzt sind wir im Waffenstillstand.
Foch: Frankreich lebt mit Deutschland nicht
im Frieden; ich bin Soldat, wo kein Friede ist, i st Krieg, ein drittes gibt es nicht.
Erzberger: Tas dritte ist eben der Waffenstillstand. Ich selbst habe während des Krieges wiederholt durch deutsche Soldaten Nachrichten an Bewohner Lilles über ihre Familienangehörigen gelangen lassen. Man konnte doch wenigstens die Härten gegen die elsaß-lothringischen Bewohner dadurch mildem, daß man die Postsperre aufbebt.
Foch: Lassen wir dieses Kapitel. Ich bleibe dabei, die Bilanz von Lille und Nordfrankreich würde nicht zu Ihren Gunsten ausfallen. An dem Kriegszustand in Elsaß-Lothringen wird nicl-ts geändert.
Erzberger: Tas ist tief bedauerlich, denn hier müssen nur Unschuldige leiben und dabei hat Frankreich nicht einmal einen Vorteil davon.
Den nächsten Anlaß zu einer Wiederaufnahme der Aussprache gab die Stelle in Erzbergers Rede: „Deutschland wird nicht der Finanzsklave der Alliierten."
Fach: Ich weise es zurück, daß der alliierte Finanzkommissar, der Vertreter der französischen Regierung, den Vorwurf des Bolschewismus verdient.
Erzberger: Ich bringe nur Tatsachen. Tatsache ist, daß für den Fall der Annahme der französischen Finanzbedingungen der Finanzkommissar uns Verhältnissen aussetzt, deren Aehnlichkeit mit bolschewistischen Zuständen nicht bestritten werden kann.
Fach: Wir haben in der Waffenstillstondskom- Mission nur firiegsfragen zu verhandeln, keine Rechtsfragen.
Erzberger: Einverstanden! Die Angelegenhell ist eine Rechtsfrage, w-.r werden über die ganze Frage überhaupt nicht weiterverhandeln.
Foch «schweigt).
Zu dem Passus über die Notwendigkeit, die deutschen Kriegsgefangenen zu- rückzugeben, und auf die direkte Frage, wann auf die Rückgabe zu rechnen sei, erteilte Foch zunächst keine Antwort. Als er unmittelbar auf die in der T ü r ke i befindlichen deutschen Gefangenen angesprochen wird, wendet er sich an den englischen Admiral, der nach einent demonstrativen Schweigen endlich bemerkt: „Ich habe keine Antwort zu geben!" Dasselbe sagen seine beiden Begleiter.
Erzberger: Wenn ich Keine Antwort erhalte vom Vertreter Englands, so muß ich annehmen, daß es schweigend zulleht, wie durch verbrecherische Tatenlosigkeit Deutsche in den Tod geiriebeit werden, durch eine Tatenlosigkeit, die schlimmer ist als die Greuel gegen die Armenier. Deshalb mußj ich darauf beharren, daß mir eine Antwort gegeben wird.
Foch: Ich werde die Sache prüfen.
Erzberger: Ich bin dankbar für diese Auskunft, aber sie ist ungenügend. Die Antwort muß erteilt werden in der Schiffahrtskommission, denn bie Frage des Rücktransportes unserer Gefangenen ist ist »ns ebenso wichtig, wie die Frage der Lebens» Mittelversorgung. Schiffe sind genug vorhanden.
Darauf überreicht Staatssekretär Erzberger ein Exemplar der soeben verlesenen Rede dem Marschall Foch, auch der englische Vertreter wünscht ein Exemplar. — Foch: Ich nehme Kenntnis vorbehaltlich der von mir bereits mündlich erhobenen Einwände; ich er- ioarte Antwort morgen früh.
Clemencearr über die MeinungSver- schicdeuheiten ans der Pariser Konferenz.
Paris, 17. Fan. (WTB.) Hcwas. In der Kammer hielt Elemenceau eine Rede, in der er u. a. ausführte: „Die Kammer setzte ihre Arbeiten im Geiste vollkommener Herzlichkeit und Versöhnlichkeit fort. Die Regierung gedenkt ihre Politik gegenüber Rußland nicht zu änbem." lieber die auf der Konferenz sich zeigenden Mernungsverschiedcn- heilen sagte Elemenceau: „Wenn nicht verschiedene Auffassungen bestünden, so würde es sich überhaupt nicht lohnen, daß w:r zusammenttcten. Wir versammeln uns ja eben, um uns zu verständigen, um die verschiedenartigsten Interessen in Einklang zu bringen. Sie wissen, daß die Deligierten in der Konferenz auch durch Abgeordnete ersetzt werden können. So wirt» jedermann befriedigt werden, und jedes Problem wird von den zuständigsten Leuten erörtert werden, können, so z. B. die Frage des Völkerbundes. Es ist demnach Vorsorge getroffen im Interesse oller Lander." lieber die Demobilmachung erklärt» Elemenceau, daß am 31. März die gesamte. Landwehr-Reserve, die erste Landwehr-Armer, sowie zwei Klaffen der aktiven Armee ent» lassen werden. Elemenceau warnte die Kammer vor falschen Nachrichten über die Beratungen der- Konferenz. Er erwähnte als.Beispicl ein für Amerika bestimmtes Telegramm, in dem behauptet wurde^ Wilson habe mit der Heimschaffung der amerikanische^' Armee und mit seiner Abreise gedroht, falls man ihm nicht bestimmte Forderungen bewillige. „Ich, habe," bemerkte Elemenceau, „das Telegramm heute Herrn Wilson gezeigt. Er erwiderte: Welch em, pörende Lüge!" Wie der Ministerpräsident weiterausführte, begegnet der Gedanke der Oe ff ent. lichkeit der Beratungen lebhafter Sympathie. „Wenn wir eine Völkergemeinde bilden wollen, so genügen schriftliche Abmachungen nicht, vielmehr kommt es auf die geistige Derfaffung an, die diesem Völkerbund das Arbeiten ermöglicht Wir wollen den Krieg beendigen im vollen Einverständnis aller zivilisierten Nationen, dem hohen Ideal einer befferen Menschheit zuliebe."
Amerika und die Linderung der Hungersnot.
Washington, 16. Ian. (WTB.) Dee Finanz, ausschuß des Senats sprach sich für die Bewilligung von 100 Millionen Dollar zur Linderung deet Hungersnot aus.


