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17.1.1919
 
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' Erstes Blatt M. Jahrgang ,

Gießener Anzeiger

s,ää- General-Anzeiger für Oberhefsen ä

Zwillingrrunddruck u. Verlag: vrühl'fche Univ.-Such- u. Steinöruderei R. Lange. Schriftleitung, Geschäftsstelle u. Druckerei: Schulstr 7.

Hessen als Ztaatseinhekt.

Von BrunoJacob- Kassel.

Seit Jahrhunderten Halen rein dynastische Scheidelinien deutsche Laude durchfurcht, seit Jahr- hmtberteu ist das, was man als Sammeseiuheit in unserer hessischen Heimat ansehen^te, von politischen Greitzen zerrissen.

Als Sta Mineseinheit! Es geht nicht an, den Begri f dieser aus der politischen Geographie deshalb streichen zu wollen,^ weil er nicht exatt nachweisbar, meßbar oder wägbar ist. Das begreift jefcer, der mit dem Warrderstabe sein deutsches Vaterland ober auch andere Länder, selbst das zentralinerte FrtMkrrich durchstreift. Selbstver­ständlich sind Stammeseiirl-ei ien, Volksstämme, «nicht scharf begrenzbar, und wir in Hessen vermögen das auch überall zu beobachten. An der Diemel und der Oberweier mischen sich niedersächsische Elemente mit dem hessischen -Stamme, im Werralarrde sind es Thüringer, die den Einschlag bilden, am Mittel­maine, zwisckM Rhön und Odenwald, schneiden die poliüschm Lftcnzlinien Uniensrankens bis tief in das l-essische Stammesgebiet hinein, und im Süden des Starkenburger und r Hein hessischen Lan­des mischt sich alem<rmriscl-es Blut mit dem l>essi- schen, ebenso wie im nassauischen rheinfränkiscl-er Einschlag unverkeimbar ist.

Wer je mit osjenem Blicke das Hessenland durchioandert, dem wird es klar geworden sein, wie z. B. der Bauer des Kasseler Beckens so ganz und gar schon verschieden ist von dem Westfalen der Warburger Börde, wie viel näher ihm nach Wesensart imb Sitte der Vogelsberger oder ober- hessisclZe Landmann steht, und ohne allen Zweifel scheidet sich der Ober liesse viel schärfer vom Rhein­länder, vom Schwaben und Thüringer, als von seinen Stammesgenossen in Starkenburg oder der Hers selber Gegeird.

Rirtürlich sind Verschiedenheiten vorhanden, ) gerade das mittelgebirgige Land, das wir be­wohnen. ist die Heimat feinster rnrd zartester Unterschiede; man denke mir an die Trachten- iunterschiede im oberhessischen Hinterlande, die Iustis Trachtenbuch so ausgezeichnet wiedergibt. Von Dorf zu Dorf Unterschiede, und doch daneben die Rasseneinheit in Schädel bau und Gesichts­bildung der Leute selbst; man beobachte die seinen Ti,ferenzen zwischen den Mundarten der einzelnen Dörfer in Niederhessen ebenso wie in Oberhessen, )md trotzdem werden beide. Ober- und Nieder-Hesse, sich stets als Landsleute Ms Sdammeseinheit, fünfen. Tie grosteoWWirrch keine erheblichen Gebirgszüge unterschieden FlachlarrdsclMten, wie sie der deutsche Norden und Osten bietet, ebenso tote die «Herbaperische Hochfläche und-die russi­schen und ungarländischen Ebenen, das sind- dix, Gebiete, wo völlige oder fast völlige Homogenität* der Bevölkerung zu beobachten ist, dort auch bestand stets, aus dieser Wurzel heraus, die Nei­gung zur Zentralisation.

Tie Volkseinheit nach Stammes- art, die wir unbedingt, aller Buchweisheit zum Trotze, weil das frische, pulsende L-eben sie ossen- ,sichtlich zeigt, als Realität anerkennen müssen, ist aber die erste Grundlage eines organischen Staatswesens.

Tie ziveite Grundlage ist die Wirtschaft s- einheit. Auch in ihr bestehen Differenzierun­gen, aber auch hier fordert die Materie, daß man sie unbedingt anschaue, daß man Vergleiche siehe zwischen heimischer und fremder Wirtsck)afts- n>etfe.

Bon den Städten soll nachher gesprochen wer­den, wenigstens soweit sie von der Industrie und dem Handel beherrscht sind.

Hessenland ist Bauernland! Wir dürfen für das ganze Gebiet, das durch Werra, Weser und Rhein, sowie die Tiemel im Norden und im äußersten Süden vom Neckar begrenzt wird, eine durchschnittlidie Wirtschastsfläche von 25 bis 100 Acker (ca. "625 ha) für den Einzelbetrieb aimehmen. Ter Bauer mit seiner Familie und einigen in stündigem Lohne stehenden Knechten und.Mägden bewirtschaftet ziemlich intensiv seine SchcKle, und es ist kein großer Unterschied, ob im Starkenburger und rheinlwssischen Lande schon nach süddeutsclier Art die Obstbäume in Reih«: zwischen den Aeckem stellen (auch in der Wetlei an ist diese Wirtscha tsweise noch zu beobachten) oder ob in stkiederHessen die Felder der Svnne frei liegen müssen und die Obstbäume nur im Gras­garten gepflegt werden.

Tie Viehwirtschaft ist verhältnismäßig in­tensiv, wenn auch noch erheblich stei^rungsfähig, dagegen fehlt fast völlig der extensive Getreide-, Kartmfel-, und Rübenbau, wie ihn No rdt rin­gen- ead^en, Ostelbien und auch zum Teil Han­nover betreibt, was wieder bedingt, daß selbst die grvtzen Güter in Hessen, Rittergüter, nie lenes Junkertum" erzeugten, wie es der deutsche Osten (namentlich auf altem deutschen .Kolonial­lande auf Slcuvenbvden) hervorgebracht. Wir haben in .Hessen keineJunker", aber auch kein ausgesprochen ländliches Proletariat. Man denke nur an die armen Thüringer-Wali^Beivohner, deren Hausindustrie an schonendes Stück sozialen Elendes ist, und vergleiche damit einmal unsere armen hessischen Dörfer, der Unterschied ist grell in die Augen leuchtend. Aber ebenso haben wir auch nicht jenen verstädterten Bauern, wie ihn das früh bis zu den Grenzen seiner Leistungs­fähigkeit durchkultiviertr Rheinland hervor georackst.

Eine Betrachtung der industriellen Klwten- punkte des Landes aber, Kassel, Eschwege, Hers­feld, Hanau, Wetzlar, Offenbach (Frankfurt unter­liegt infolge seiner geograplstschen Lage etwas anderen 93c itgun en, die a ,ch natürlich auf Offen­back) wie die übrige industrielle Umgebung ab- särben) zei-gt, daß deren Industrie auch ivieder relativ stark aus den heimischen Markt eingestellt in- Unb die Zukunft, welche ol/ne Zweifel allein W»n in.olge einer weiteren kultur^l-industriell en

I (Durchtränkung der bisherigen rein agrarischen Ge­biete, in die der deutsche und europäisch Expert ging, diesen Prozeß iwch weiter und schneller sortführen wird, wird zeigen, wie wich ig gerabv euch für diese Plätze der heimische, hessisck-e Markt war und ist. DaA soll und kann nicht heißen, baß Hessen nun eineAutarkie", ein selbstgenü- aendes Wirtschaftsgebiet im aristotelischen Sinne sei (solche hat es nie gegeben und wird es nie geben), aber der heimische Markt loird auch für die hessischen Industriestädte besonders wichtig sein, wie er es bisher schon gewesen.

Auch als Verkehrsein he it hat aber Hessen seinen charakteristischen Platz in Deutsch­land, als eine Mainbrücke, gekennzeichnet durch die nordsüdlick)e Richtung seiner Haupttallmien, in denen die beiden wichtigsten Verkehrsadern des Landes, die Main-Wes er-Bahn mit ihrer Fort­setzung über Frankfurt nach Heidelberg, und die ldem Fuldatale folgende Bahnlinie von Kassel zum Mittelmaine ziehen. Alle übrigen Bahnen sind auf diese beiden Verkehrsstr äuge eingestellt, und es ist , kein Zufall, daß das Distelrafen tunn el- Projett schon in der frühesten Gesckstchte der deut­schen Eisenbahnen eine Rolle spielt, daß schon 1832 der Gedanke einer Verbindung der Donau mit der Nordsee sich mit dein Projekte der Bahn­linie KasselFuldaGemündenWürzburg ver­band.

Tie politische Einheit des Landes Hessen ist ja bekanntlich bislang niemals in völliger Reinheit durchgeführt. Es kann nicht Gegenstand dieser Betrachtung sein, all die Wider­stände, Reibungen und auch die in dieser Richtung weisenden Verhältnisse zu schildern, es kann viel­mehr heute nur darauf hingewiesen werden, daß nicht sowohl die Staatseinheit unter Philipp dem Großmütigen, als vielmehr das organische Zu- fantmenftreben der durch dynastische Grenzen zer­rissenen Stammeseinl?eit, das organische Werden eines Gesamthessens in einer in südlich-südwestlicher Richtung ver­laufenden Entwicklung das Entscheidende ist. Bis zum Jahre 1427, in dem Landgraf Lüd- ststg bei Englis und Fulda den Erzbischof Konrad bou Mainz schlug, konnte es zweifelhaft sein, ob die Aufgabe, die getrennten Glieder des Hessenstammes unter seinem Banner zu sammeln, bei den Land­grafen ober den Erzbischof-Kurfürsten läge. Ter bunte Löwe ward es, für den die Geschichte sprach, und der Zusammenschluß der Landgrasschaft durch den Erbanfall von Ziegenhain im Jahre 1450 besiegelte die zu Englis gefallene Grtscheidung. Lange Jahrhunderte vollendeten (annähernd) den Zusammenschluß des hessischen Volkes zu einer allerdings nur ideellen Einheit, die sich iir. der Gleichheit der landesherrlichen Wappen für beide Hälften des Landes (bis 1808) aussprach. Möge es uns vergönn! sein, dem Gewölbe den Schluß­stein einzufügen: allen Widerständen zum Trotze zu schaffen die politische Einheit des hessischen Vol.kes und Staates!

Die neuen Waffenstillstandsbedingungen.

Zu unserer in einem Teil der gestrigen Auflage bereits veröffentlichten Mitteilung ist noch nachzu- tragen, daß nach dem amtlichen Wortlaut das land­wirtschaftliche Maschinenmaterial n euoderin sehr gutem Zustnde sein soll; es muß versehen sein mit dem zu jedem Gerät gehörigen Zubehör und mit den Serien der für einen Betrieb von 18 Monaten nötigen Ersatzstücken. Es stellt übrigens im ganzen einen Wert dar, der beoeuiend unter einem Zehntel des Wertes des ge­schuldeten Eisenbahnmaterials steht.

Artikel 10.

Kriegsgc augcne:

Die alliierten Regierungen fordern von der deut­schen Regierung den Strafvollzug gegen die Schul­digen ; sie verfolgen die Durchführung des Vollzugs, abgesehen von den neuen Garantien, welche das al­liierte Oberkommando gegen die Wiederkehr ähnlicher Vorgänge zu nehmen sich genötigt sieht.

Jim den russischen Gefangenen eine den Ge­setzen der Menschlichkeit entsprechende Behandlung und Heimbeförderung zu sichern, bestimmen die alliier­ten Regierungen:

Die Offiziere, die von den alliierten und assoziier­ten Mächten in Deutschland delegiert sind, um unter Beihilfe von Vertretern für Fürsorgevereinigungen der Vereinigten Staaten, Frankreichs, Großbritan­niens und Italiens den Abtransport der Kriegs­gefangenen der Armeen der (Entente zu regeln, wer­den eine mit der Kontrolle der russischen Kriegs­gefangenen in Deutschland beauftragten Kommission bilden. Diese Kommission mit dem Sitz in Berlin soll befugt fein, nach den Instruktionen der alliierten Re­gierungen alle auf die russischen Kriegsgefangenen bezüglichen Fragen unmittelbar mit der deutschen Regierung zu behandeln. Sie wird von feiten der deutschen Regierung alle Erleichterungen des Verkehrs erhalten, die notwendig sind, um die Lebens- und Verpflegungsbedingungen dieser Kriegsgefangenen zu kontrollieren. - Die alliierten Regierungen behalten sich das Recht vor, die Heimbeförderung der russischen Kriegsgefangenen in dieser oder jener Gegend anzu- orbnen, welche ifrnenijun, angemessensten erscheinen wird."

Zu Artikel 19^;;" \

Finak,Mle Bestimmungen.

3n Anbetracht der oben hervorgehobenen Ver­stöße und um neue Garantien zu nehmen, beschließt das alliierte Oberkommando, sich vorzubehalten, von jetzt ab, wenn dieses für angemessen erachtet wird, den durch die Forts des rechten Rheinufers ge­bildeten Abschnitt der Festung Straßburg mit einem Geländestreifen von 5 bis 10 Km. vor diesen Forts zu besetzen. Die Besetzungsgrenze ist auf der beigesügten Karte angegeben. Diese Besetzung soll drei Tage vorher vonseiten des alliierten Oberkom­mandos angezeigt werden. Ihr soll keinerlei Zer­störung von Material ober oon Räumlichkeiten vor-

hergehen. Die Linienführung der neutralen 10 Kilometer soll entsprechend vorgeschoben werden.

Rückerstattung des aus den französischen und belgischen Gebieten

weggcfiihrtcn Materials.

Die alliierten Regierungen haben bestimmt:

1. Da die Rückerstattung des in den französischen und belgischen Gebieten fortgenommanen Materials für die Wiederingangsetzung der Fabriken unentbehr­lich ist, sollen folgende Maßnahmen zur Durchführung gelangen:

2. Es sollen zur Verfügung der Alliierten ge­langen, um an den Ort ihrei Herkunft zurückgeführt zu werben, wenn die französische und belgische Regierung, es verlangen, die Maschinenteile der industriellen und landwirtschaftlichen Betriebsgeräte, die verschiedenen Zubehörteile jeder Art und im allgemeinen jeder in­dustrielle ober landwirtschaftliche Gebrauchsgegenstand, der aus den Gebieten, welche die deutschen Heere an der Westfront besetzt hatten, unter welchem Vorwand auch immer, von militärischen oder Zivilbehörden ober von einzelnen Personen fortgenommen worben ist. Diese Gegenstände sollen keinerlei Veränderungen und keinerlei Verringerung ihres Gebrauchswertes er­fahren.

3. Um diese Zurückerstattung vorzubereiten, wird die deutsche Regierung der Waffenstillstandskommission schleunigst alle offiziellen ober privaten Rechnungs­stücke, bie sich auf diese Gegenstände beziehen, über­mitteln, ebenso alle Verkaufs-, Miets- ober sonstigen Verträge, ben gesamten barauf bezüglichen Schrift­wechsel, alle Erklärungen unb alle zweckdienlichen An­sagen über bas Dorhanbensein, die Herkunft, bie Um= wanblung, den augenblicklichen Zustanb und ben Lager­ort bieser Gegenstänbe.

4. Delegierte ber französischen ober belgischen Re. gierung werben betreffs ber angezeigten Gegenstänbe in Deutschlanb Feststellungen unb Nachprüfungen an Ort unb Stelle vornehmen lassen, wenn ihnen biese zweckdienlich erscheinen.

5. Die Rückführung wird gemäß ben befonberen Weisungen^ erfolgen, die von den französischen oder belgischen^ Behörden gegeben werden unb nach ben von ihnen getroffenen Entscheibungen.

Insbesondere gilt dies für die Lager jeder Art in Parks, auf der Eisenbahn, auf Schiffen ober Werken, von Treibriemen, elektrischen Motoren ober Motorenteilen und Schiffahrtsgeräten usw., die aus Frankreich, Belgien, dem Großherzogtum Luxem­burg, dem Elsaß bezw. Lothringen unb Italien ent­nommen wurden.

7. Die Einreichung ber in 3 unb 4 aufgezählten Auskünfte muß beginnen innerhalb einer Frist von vollen acht Tagen ab 20. Januar 1919 unb muß voll- ftänbig abgeschloffen fein vor dem 15. Februar 1919.

Marschall Foch erwartet eine endgültige Antwort morgen vormittag. Staatssekretär Erzberger.

Die Berlängeruug unterzeichnet.

Berlin, 16. Jan. (MTB.) Die Verlängerung des Waffenstillstandsvertrages ist heute nachmittag in Trier vom Staatssekretär Erzberger unterzeich­net worden.

Wie uns von besonderer Seite gemeldet wird, erfolgte bie Verlängerung auf Grunb weitgehenber Konzessionen ber gegnerischen Seite. Worin diese Konzessionen bestehen, ist noch nicht bekannt.

Das Ende Liebknechts und Rosa Luxemburgs.

Berlin, 16. Jan. (WTB.) Neber bie Er­schießung Liebknechts beim Fluchtversuch und über die Tötung R osa Luxemburgs auf der Fahrt zum Untersuchungsgefängnis erhal­ten wir vom Stabe der Garde-Kavallerie- Schützen-Divifion folgenden Bericht: Am Mitt­woch den 15. Januar, gegen 9.30 Uhr abends, wurde der durch Mannschaften der Milmersdorfer Bürgerwehr in Wilmersdorf, in der Mannheimer Straße 43, vorläufig festgenommene L i°-e b - knecht und die gegen 10 Uhr gleichfalls dort vorläufig festgenommene Rosa Luxemburg beim Stabe der Garde-Kavallerie-Schützeu-Divi- sion eingeliefert. Nach kurzer Vernehmung der vorläufig Festgenommenen zur Feststellung ihrer Personalien wurde Liebknecht eröffnet, daß er sich weiterhin als vorläufig festgenommen anzusehen habe und auf Anordnung der vorgesetzten Dienst­stelle, Abt. Luetttoitz, in das Moabiter Unter- suchnngsgefänguis geschafft würde, wo die Weiler­verfügung über ihn die Reichsregierung zu treffen l>abe. Die Nachricht Vota der Verhaftung und vom Aufenthaltsort von Liebknecht und Rosa Luxemburg hatte sich schnell in der Umgebung des Hotels verbreitet. Die Folge davon war eine große Menschenansammlung vor dem Eden-Hotel. Teile des Publikums drangen sogar bis in die Halle des Hotels ein. Von der Garde-Kavallerie-Schützen- Division erhielt der Führer der in Aussicht genom­menen Begleitmannschaft daher den ausdrück­lichen Befehl, von der Menge unbemerkt Lieb­knecht durch einen Seibenausgang aus dem Hause zu schaffen und ihn im Dienstautomobil nach Moabit zu bringen. Der Führer machte Lieb­knecht ausdrücklich darauf aufmerksam, daß er bei einem Fluchtversuch von der Waste Gebrauch machen würde. Inzwischen hatte sich aber auch bereits am Seitenausgang eine zahlreiche Men­schenmenge versammelt, so daß es der Begleit­mannschaft mir mühwm gelang, fidr einen Weg zu bahnen. Als Liebknecht und die Begleitmannschaf­ten gerade im Wagen Platz glommen hatten und der Wagen im Begriff wa?7 abzufahren, er­hielt Liebknecht aus der den Wagen umdrängen­den Menge von hinten von einem unbekannten THter einen wu ch ti gen Schlag über den Kopf, wodurch er eine stark blutende Kopfver­letzung davo.ckrug. Der Führer der Begleiimauu- slchaft ließ daraufhin das Automobil so schnell wie möglich anlaufen, um Liebknecht vor der Menge &u schützen. Um Austetzeu zu vermeiden.

Wählte Wer Führer der Begleitmannschaft einer Umweg durch den Tiergarten nach Moabit. Aw Neuen See blieb der Kraftwagen stehen, der offen* bar durch das schnelle Anfahren in Unordnung aeraten war. Als auf Befragen der Kraftwagen- sührer angab, daß die Wiederherstellung der Ma­schine einige Zeit erfordern würde, fragte bet Führer der Begleitmannschaft Liebknecht, ob er sich kräftig genug fühle, die Charlottenburger Chaussee zu Fuß zu erreichen. Hierbei leitete ihn die Absicht, sich eines Mietwagens zu bedienen, falls der Dienstwagen nicht bald wieder fallt* bereit gemacht werden könne. Als sich die Begleit­mannschaften etwa 50 Meter vom Wagen ent­fernt hatten, machte si ch Liebknecht von ihnen los und rannte eiligst in gerader Rich­tung von .ihnen. Etn Begleitmann wollte ihn halten, erhielt aber von Liebknecht einen Messer­stich in bie rechte Hand. Da Liebknecht auf mehr- fack)es Anrufen nicht stehen blieb .schossen mehrere Leute der Begleitmannschaft hinter ihm her.' Einige Augenblicke später stürzte Liebknecht zu­sammen und war anscheinend sofort tot.

Auf Befehl der Garde-Kavallerie- Schützen-Division wurde etloa _ 10 Uhr abends einer zweiten Begleitmannschaft befohlsn^ Rosa Luxemburg in das Untersuchungsge­fängnis tzu überführen. Ta sich wegen des Ab­transportes von Liebknecht durch den Seitenaus­gang gerade dort eine große Menschenmenge an- gesammelt hatte, versuchte der Führer der Begleit- (mannschäften die Menge dadurch zu zerstreuen, daß er mit lauter Stimme vor dem Seitenausg-ng rief, der Abtransport Rosa Luxemburgs sei bereits er­folgt. Ter Führer ließ dann das Automobil ab­fahren und erteilte dem Wagenführer zur weiteren! Irreführung der Menge mit lauter Stimme bert Befehl, nach Hause zu fahren. Der Wagen fuhr dann im Bogen an der Kaiser-Wilhelm-Gedächtnis-^ kirche vorbei und wieder zurück vor dm Haupt­eingang des Hotels. Zur Zett des Vorfahrens war der Haupteingang menschenleer. Ter Führer der Begleitmannschaft forderte die im Zimmer des. ersten Stockwerks befindliche Rosa Luxemburg auf# ihm schnell nach dem Wagen zu folgen und ging- selbst zu ihrem Schutz vor ihr her, während di« Begleitmannschaften sie umringten. Innerhalb bet wenigen Minuten zwischen der Vorfahrt des Wa­gens und der Abholung Rosa Luxemburgs hatte sich aber eine zahlreiche Menschenmenge vor bem HotL und in der Halle des Hotels angesammelt. Die Menge Nahm eine drohende Haltung gegen Rosa Luxemburg ein. Es fielen Verwünschungen, und* wurde mehrfach der Versuch gemacht, gegen Fran Luxemburg tätlich zu werden. Ter öegleihneim* schäft gelang es, die Frau bis zum Wagen zu bringen und den Eingang des Wagens freizu haltern, Da sich aber auch auf der Straßenseite eine er­regte Menschenmenge ansammelte, die gleichfalls aut den Wagen zudrängte, befand sich die Begleit­mannschaft vorübergehend in einem erregten Men- sjchenknäuel und wurde auseinandergerissen. In diesem Augenblick schlug bie Menschen- menge aut Frau Luxemburg ein. Diese wurde vom Führer der Begleitmannschaften auf- gefangen und bewußlos von ihm und seinen Leuten in den Wagen gebracht. Rvsa Luxemburg lag halb zurückgelehnt im Vordersitz des Wagens^ Als sich dieser, der Menge wegen, langsam in Be­wegung setzte, sprang plötzlich ein Mann aus der Menge auf das Trittbrett unb gab auf Rosa« Luxemburg einen Pistolenschuß ab. Auf Befehl des Führers ber Begleitmannschafteui versuchte ber Wagen daraufhin schneller den Kur- fürstendamm in der Richtung Berlin hinunterzu- fahren, wurde aber in ber Nähe des Kanals plötz­lich durch Haltrufe zum Anhalten gebracht. Irr der «Annahme, daß es sich um eine kontrollierende Patrouille handle, hielt ber Wagenführer. In die­sem Augenblick drängte sich eine zahlreiche Men­schenmenge an den Wagen heran, sprang auf bie Trittbretter unb zerrte unter den Rufen; ,^'Das ist Rosa!" den Körper ber Frau aus dem Wagen. Tie Menge verschwand mit ihr in der Dunkelheit. Es ist anzunehmen, daß die Leute, bie das Automobil zum Anhalten brachten, aus der vor dem Eden-Hotel versammelten Men­schenmenge waren. Da sich der Kraftwagen vom Hotel nur langsam hatte in Bewegung fegen kön­nen, war es den Leuten möglich, dem Wagen vor- anszueilen und ihm den Weg zu verlogen. Eine gerichtliche Untertuchung ist in, beiden Fällen ebu geleitet.

Von zuständiger Stelle wird uns zur Tötung Liebknechts und Rosa Luxemburgs mitgeteilt: Tas Verschulden wird in strengster Weise geahndet. Dir Transportführer sind vorläufig festgenommen.

Thronwechsel in Luxemburg.

Luxemburg, 15. Fan. Großherzogin Adelheid bankt ab. Ihre Schwester Charlotte wirb Groß. Herzogin unb leistete den Eid auf bie Verfassung.

Arrr dem Reiche.

Gewaltherrschaft in Bremen.

Bremen, 15. Ian. In Bremen, wo bie ge samte wirtschaftliche unb politische Macht in ben Hän­den einer provisorischen Räteregierung liegt, ist am 10. Januar bas Stanbrecht verhängt worben. Alle Bürger unb Offiziere mußten bei Tobesstrase bis zum 11. Januar ihre sämtlichen Waffen ab liefern. Jeder gegenrevolutionäre Versuch wirb als Hochverral mit sofortigem Erschießen geahndet. Die Polizeistunde wurde auf 9 Uhr abends festgesetzt. Ueber alle bürgerlichen Zeitungen ist die Vorzensur verhängt worben. Zugleich sinb sie genötigt, in ihren redak­tionellen Teil alles auszunehmen, was ihnen vom Rat der Volkskommissare ober dessen Vertretern zu«, gestellt wirb.