Ausgabe 
15.10.1919
 
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Nr. 241

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Erstes Blatt 169. Jahrgang Mittwoch, 15. Tttober sysy

V d Miraa^ae von Anzeigen

Gretzener Anzeiger W

General-Anzeiger für Oberhessen LWZ v ' I f Reinhold Zenz; für den

SwiMngrrunddruS v.Verlag: vrühl'sche Univ.-Buch- u.Zteindruckerei R.Lange.Schrlftlettmrg, Seschastrstelle «.Druckerei: 5chulstr.7. tute*

der

gesetzt, die vor dem Kriege gewisse Anzeichen von Sympathie für Frankreich kund gegeben und bereits ein Naturalisationsgesuch gestellt hätten. Das gleiche treffe bei ausländischen Frauen zu, deren Kinder sich für Frankreich geschlagen hätten. Allen diesen Aus­ländern, Männern und Frauen, würde gestattet, an ihren französischen Wohnott zurückzukehren; immerhin würden sie nichtsdestoweniger Gegenstand aufmerksamer Ueberwachung bleiben. Die verdächtigen Ausländer würden ausgewiesen und nach ihrem Heimatland abgeschoben, was bereits früher gegenüber den Oesterreichern durchgeführt und gegenüber den Bul­garen und Ottomanen in der Ausführung begriffen fei. Die Abreise der Deutschen werde vom 19.Okt. ab ohne Unterbrechung beginnen. Die Konzentrations­lager sollen am 3. November geräumt fein. Die Vor­schriften über die Ausstellung von Pässen an Fran­zosen, die sich nach dem Auslande begeben wollten, blieben die gleichen bis zum Abschluß eines internatio­nalen Abkommens. Die direkte Reise von Deutschland nach Frankreich und umgekehrt könne erst nach der Ratifikation durchgeführt werden. Der den neuttalen Ausländern, die in Frankreich wohnen, auferlegte

Die Freilassung der Deutsche« in Frankreich.

Paris, 14. Okt (Wolff,) Havas. Zur Lage Ausländer feindlicher Herkunft, die sich noch in Konzentrationslagern befinden, meldetPetit Parisien", es würden alle diejenigen nunmehr in Freiheit

ßin Regierungsaufruf an die Deutschen in den Abstimmungsgebieten.

Berlin, 14. Okt. (Wolff.) Die Reich s- regierung und die preußische Staats- regierung erlassen folgenden Aufruf: Deutsche Bruder und Schwestern ans den bedrohten Grenzmarken!

Der furchtbare Friedensverttag von Versailles ist Tuch bekannt. Unerträgliches legt er uns auf. Das Unerträglichste von allem aber ist, daß weite Gebiete deutschen Lodens, Millionen deutscher Volksgenossen ohne Befragung vom gemeinsamen Vaterland losgeriffen werden. Hierin müssen wir uns ergeben. Eine andere Folge der Friedensbedingungen aber gibt es, die noch abzuwenden in Eurer Vlacht steht: lieber Oberschlesien über o st - und we st preu­ßische Kreise, über Nordschleswig und die rheinische Kreise Eupen und M a l m e d y soll die Bevölkerung mittels Abstimmung enscheiden, ab sie beim Deutschen Reiche bleiben oder mit einem fremden Staate vereinigt werden will. Freilich sind

Die baltische Zrage.

Die neue Note an die Entente wegen der Räumung der baltischen Gebiete ist noch nicht abgegangen. Wir haben aber gestern schon in einem Dell unserer Auflage die .Meldung wiedergeben können, die von neuen ! Verfügungen der Reichsregierung. spricht. Danach ist schon am 11. Oktober die gänz­liche Einstellung der Verpflegungszufuhr an die widerspenstigen Truppen im Baltikum verfügt worden, ausgenommen^ an die Truppenteile, die sich nachweislich Snif dem «Rückmarsch befinden und denen die Ver- -sslegung nach den Etappenstationen entgegengeschickt wird. Ebenso wird alle Muni- itionszüführ zurückgehalten. Nur Leerzüge dürfen zur Abholung der Truppen hinaus­fahren; im übrigen ist jeder Personenverkehr nach dem Baltikum gesperrt. An der Stelle hes Generals v. d. Goltz, der schon auf die Befolgung des Regierungsbefehls hinge- toirft hat, kommandiert bereits General ». Eberhardt. Was wird nun der Entente­kommission noch zu tun übrig bleiben? In |ber neuen deutschen Note erwarten wir die schärfste Zurückweisung der neuen Blockade unserer Ostseeküste zu lesen; diese Maßregel ist eine Brutalität ohne gleichen, die mit keinem Hauch von Recht begründet werden kann.

Berlin, 15. Obi. Zu den Besprechungen im Ausschuß der auswärtigen Angelegenheiten der Na- tionaluerfammlung über die Lage im Baltikum und über die Maßnahmen, die zur Zurückbringung unserer Truppen getroffen worden find, erfährt die Deutsche Allgemeine ßeitung-, daß der Vertreter des Auswärtigen Amtes den Entwurf einer an den Ver­band zu richtenden Antwortnote oorlegte, der eingehend besprochen wurde. Heute vormittag werden die Besprechungen fortgesetzt.

Berlin, 14. Okt. (Wolff.) DieDeutsche Ta- ges3eitung" meldet: Gras von der Goltz erb ar im Hinblick auf die letzte Ententenote seine Der ab» s ch i e d u n g , um allen willkürlichen Gewaltmaßnah- men der (Entente gegen Deutschland die Spitze abzu­brechen, die durch Haß gegen seine Person und seine persönliche Stellung veranlaßt sein könnten.

K o w n o , 13. Okt. (Wolff.) Generalleutnant von Eberhard teilte der Ittauischen Re­gierung telegraphisch mit, daß er den Befehl über das 6. Rsservekorps vom Grafen o. d. Goltz über­nehme und daß es fein Bestreben sein werde, nicht nur mit der litauischen Regierung im besten Einver­nehmen zu handeln, sondern auch die entstandenen Zwistigkeiten zwischen den inLitauen stehenden russischen Truppen und der litauischen Regierung aus der Wett zu schaffen. Da ihm mit Rücksicht auf seine Ausgabe die Rückbeförderung der deutschen Truppen der Schutz der hierzu benöttgten Eisenbahn befonbers am Herzen liege und die Gefährdung dieser Dahn ver­hindert werden muffe, sprach v. Eberhardt gleichseitig den Wunsch nach einer persönlichen Rücksprache mit einem bevollmächtigten Vertreter der littauischen Re- gierung aus. Die Manische Regierung erklärte sich mit der Besprechung einverstanden, die in Satkuny ftattfinden soll und wird den Derkehrsminister und einen Offizier des Verteidigungsministeriums dorthin senden.

Mi tau, 14. Okt. (WB.) An der Front herrscht nach (Eintieffen von etwa 6000 Mann estnische Ver­stärkungen zwischen den russischen und lettischen Trup­pen rege Gefechtstätigkeit. Dünamünde und Bal- beraa wurden gestern von den Russen genommen. Oberst Bermondt richtete an die polnische Regierung einen Funkspruch, in dem er erklärt, daß er gegen Polen keine Feindschaft hege, vielmehr in nächster Jett gemeinsam mit den Polen gegen die Bol­schewisten zu marschieren hoffe yttb um die Frei­lassung aller von den «polen festgesetzten Russen bitte, um ihnen den (Eintntt in seine Armee zu er. möglichen. - Zu General Denikin sandte" Oberst Hermonbt General Dawidow mit einer Note, in der Lermondt erklärt, er könne den Befehl des Generals Zudenttjch, an die Nordwestfront zu gehen, nicht nach­kommen, da er die neugebildeten Randstaaten nicht anerkennen könne wie General Judenitsch das getan habe. (Er könne deshalb auch Kurland nicht aufgeben. Die Interessen des zukünftigen einigen Rußlands ver­böten die Abtrennung des Baltikums.

Idle Vorschriften über die Art der Abstimmung mit Dorbehall für uns so ungünstig wie möglich von denen ersonnen, die den Frieden diktiert haben. Den­noch unterliegt es keinem Zweifel, daß die gesamten Abstimmungsgebiete dem deutschen Daterlande er­halten bleiben müssen, wenn jeder von Euch Ab- stimmnngsberechügten am Tage der Abstimmung seine Pflicht tut! Dies gilt nicht nur für die jetzigen De- wohner dieser Landesteile, es gilt nicht minder für alle diejenigen, die zwar in einem der Abfümmungs- bezirke geboren find, aber jetzt an einem anderen Orte wohnen und das 20. Lebensjahr vollendet haben. Gerade die Zahl der letzteren ist überaus groß. Don ihnen vor allem hängt es daher ab, der Heimat, die sie geboren und meist auch chre Jugend behütet Hal, sich dankbar zu erweisen. Euch allen rufe ich heute zu: Erhaltet sie deutsch! Ganz Deutschland erwartet, daß Ihr alle am Tage der Abstimmung an (Eurem Geburtsort seid und dort Seite an Seite mit der ansässigen Bevölkerung von Eurem Deutschtum Zeugnis ablegt Ihr Ansässigen aber gedenkt aller Mühen,Eurer Däter und Vorväter im Dienste deutscher Wohlfahrt und Sitte! Gedenkt des Schweißes,mtt dem sie den Boden, der Euch ernährt, erst urbar gemacht haben! Ihr alle, die Ansässigen wie die Fortgezogenen, Män­ner wie Frauen, steht - bedenkt es wohl! vor einer folgenschweren Entscheidung: Bleibt (Euer Hei­matboden dank (Eurer Treue deutsch,- so bleibt auch (Euren Kindern der Segen deutscher Art erhalten; wttd er aber fremdländisch, so sind (Eure Kinder in Gefahr, im fremden Volkstum uuterzugehen. Bleibt das Land deutsch, - so kann es seine Kraft lechen zum Wieder, aufbau des ganzen deutschen Vaterlandes und der Ruhm seines Wiedererstarkens wird zwiefach (Euer Ruhm; fällt es aber dem Fremdling anheim, so wird (Eure Tüchtigkeit nur fremder Wirtschaft zur Stärkung gereichen. Rettet Ihr (Euer £anb dem Deutschtum durch (Eure Standhaftigkeit denn mtt Versprechungen und Lockungen sucht man Euch zu umgarnen -, so wttd (Euer Vorbild die Millionen Deutscher, die in den abzutreteuden Gebieten woh« neu und denen das Recht der VoLsabsümmnug ver- sagt ist, in ihrem nationalen Empfinden festigen. Fortan werden auch sie umso zäher an ihrem Deutschtum festhalten. Rettet Ihr durch Er- füllung (Eurer Pflicht als Deutsche dem Daterlande, was ihm heute noch bewahrt werden kann, so wttd dies den Schwachmütigen, die heute am Deutschtum verzweifeln, eine Mahnung zur Ein- und Umkehr sein. Selbst wett hinaus ins Ausland werdet Ihr dadurch die Ehre des deutschen Namens tragen.

Mitbürger und Mitbürgerinnen! In (Eure Hand ist es nun gegeben, eine Tat zu vollbringen, die einst die Geschichte an die Seite stellen wttd den großen Taten unserer Vergangenheit. Unzählige Eurer Stü­ber uub Söhne haben Blut und Leben dahingegeben, um die Heimat unversehrt zu erhallen. Denkt an bas viel schwerere Opfer, das sie brachten und bankt es ihnen durch bte Erfüllung (Eurer vaterländischen Pflicht! In der großen Stunde der Entscheidung steht fest zu Eurem Lande, seid treu (Eutern Volke, hallet unversehrt unsere» geliebte Heimat!

Der Reichskanzler: Bauer.

Die Reichsregierung: Schiffer, Dr. Dell, Dr. Da­vid, Erzberger, (ßiesberts, Dr. Koch, Dr. Mayer, Müller, Noske, Schlicke, Schmidt. 1

Die preußische Staatsregierung: Hirsch, Fischbeck Braun, Hönisch, Dr. Südekum, Heine, Dr. Am Zehn- hoff, Oeser, Stegerwald.

Neue Anträge im französischen Senat.

Versailles, 14. Ottbr. (W. B.) Eine Anzahl radikal-sozialistischer Senatoren unter Führung von D e b i e r r e brachte im S e n a t eine Resolution ein, worin die alliierten und assoziierten Negierungen aufgefordert wurden, untereinander darüber zu verhan­deln, durch welche Mittel man zu einer all­gemeinen Abrüstung gelangen könne, ohne die kein dauerhafter Friede möglich sei.

Ferner sollen die alliierten und assozi­ierten Regierungen Frankreich auf die Zah­lungen Deutschlands solange die Priorität zuerkennen, bis die Wiederherstellung der französischen Ost- und Norddepartements vollzogen ist. Diese Resolution ist dem Senalsausschuß für auswärttge Angelegen- hetten überwiesen worden.

3benfititsausw eis werde ebenfate, wenn auch nur oorübergeheub, aufrecht erhalten bleiben. (Es seien gegenwärtig Derhanblnngen ün Gange, die auf eine diesbezügliche Aufhebung binnen Kurzem ab zielen.

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Rnr dem Reiche.

Eduard Berusteia gegen unabhängige .Deklamationen*. Berlin, 15.OKt. Unter der UeberschriftDas Kapital und die Arbeiter* schreibt Eduard Bern­stein imVorwärts": Was soll man dazu sagen, wenn jetzt von unabhängigen Sozialdemokraten ins Blaue hinein darüber deklamiert wttd, daß die Re­gierung der Republik überhaupt das Kapital schütze? Wären die Unabhängigen am Ruder, so müßten sie in demselben Maße, wie es heute geschieht, gründ- satzlich bas auch tun. Sie würden es tun müssen, denn die Sachkundigen unter ihnen wissen, daß beim heu­tigen Stande der deutschen Volkswtttschaft bas Ka» pttal opfern nichts anderes hieße, als über die deutsche Arbeiterschaft das größte Maß von Not und Elend heraufzubeschwören und ihre Entwicklung auf lange Zett hinaus zu beeinträchtigen.

Das hamsternde Zentralbnrean der U. S. P. D.

Berlin, 14. Oktbr. (Prio.-Tek) Die ,B. Z." meldet: Bei einer Haussuchung im Berliner Zentralbüro der U. S. P. D. wurden 20 bis 30 Kisten mittleren Umfanges kondensierter Milch und rationierter Mühlenfabrikate gefunden. (Es wurde ferner festgestellt, daß auch Vorräte an 2peck und Schmalz bis vor kurzem dort vor­handen gewesen find.

Das Urteil ün Geiselmordhrozeß.

München, 14. Okt. (Wolff.) Das heute nach­mittag im zweiten Geiselmordprozeß vom Dolksgericht München 1 verkündete Urteil lautet für ben Hilfsarbeiter Alois Kammer ft ätt er wegen Verbrechens des Mordes auf Todesstrafe, für den Kellner Luitpold Debus, den Taglöhner Rudolf Greiner und den russischen Studenten Andreas Strel&e wegen-Beihilfe zum Mord auf je 15 Jahre Zuchthaus, 10 Fahre Ehrenrechtsoerlust und Zulässig» kett der Stellung unter Polizeiaufsicht. Kammerstätter wurden die bürgerlichen Ehrenrechte auf Lebensdauer aberkannt.

Dir Angelegenheiten der Eisenbahner.

B e - l i v. 14. Oktbr. (Wolf.) Der Eisenbahn« Präsiden t"von Frankfurt a. Dc. verhandelt demBerllner Tageblatt- zufolge mit dem Minister Oeser über die Forderungen der Eisenbahner.

Em Stteik Berliner Bnrean-Bealr.ten.

Berlin, 14. Okt. (Wolff.) Nach einer Mitteilung des Magistrats ist ein großer Teil der Berliner städtischen Bureaukräfte heute mittag 12 Uhr in den Aus stand getreten und hat damit das unter einer längeren Äünbigungsfrift stehende Dtenftoet- hältnis dem Magistrat gegenüber gebrochen und sich gleichzeitig über den rechtsverbindlichen Schiedsspruch vom 11. Oktober hinweggesetzt, der die künftigen Ver­gütungen der Hilfskräfte um eine Zulage von 100 Mk. monatlich vermehrte. An sämtliche Hilfskräfte erging die Aufforderung, die Arbett bis spätestens Donners- tag 8 Uhr früh anfzunehmen, andernfalls sie sich als entlaßen zu betrachten haben.

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Ins dem besetzten Gebiet.

Eintägiger Generalstreik in Ludwigshafen.

Mannheim, 14. Oktbr. (Wolff). Die Pfalzzentrale meldet: Die Ermordung der 17 Jahre alten Katharina Arnold in Lud-- wigsbafen durch französische Soldaten, hat die Bevölkerung Ludwigshafens in neue große Erregung gestürzt. Um gegen den un­glaublichen Terrorismus der französischen Soldateska zu protestieren, hat heute ein eintägiger Generalstreik in Ludwigs­hafen eingesetzt, an dem sich Arbetter und Bürgerschaft gleichermaßen beteiligen. Sämt­liche Geschäfte und Restaurants haben ge­schloffen. Die Straßenbahn hat ihren Be­trieb eingestellt. In Ludwigshafen ruht jeglicher Verkehr. Die Rohett der Tat ver­langt diesmal eine energische Genugtuung.

Ein französischer Uedergriff.

--- Frankfurt a.M., 13.Okt. Wie erst jetzt bekannt wird verhaftete Donnerstag abenb 10 Uhr eine Marokkaner Pa­trouille unter Führung eines französi­schen Leutnants inr Stadtteil Rödelheim zwi­schen Bahnhof und Westerbachstraße jeden Passanten, der keinen französischen Paß bei sich hatte. Der französische Offizier ging bei der Verhaftung rüäsichtslos vor und ver­haftete 9 Damen und 13 Herren, die sich auf dem Heimweg befanden, und führte )te nach Höchst. Freitag morgen gegen 10 tthr wurden durch die Verhandlungen des zustän­digen Polizeikommissars mit der französischen Verwaltung dje Verhafteten wieder aus freien Fuß gesetzt.

Deutsche Nationalversammlung.

98. Sitzung. __

Berlin, 14. Oktober

Am Ministerttsch: Schmidt, Dr. Bell.

Präsident F e h r e n b a ch eröffnet bie Sitzung

um 1.10 Uhr. w .

Auf der Tagesordnung stehen Anfragen. Aus eine Anfrage Landsberg, wegen Umwandlung der

Militärgerichtsbarkeit, wirb geantwortet, daß dem nächst ein Gesetz bett, die Aufhebung der Militär, gerichtsbarkett vorgelegt werden wird.

Abg. Wurm (Unabh.) fragt nach dem Rah- mengesetz über die .Tommrrnalisrernng von Wirt schastsbetrieben.

Regierungsseitig wird erwidert, der erste Ent- Wurf sei ungeeignet befttnden Wochen, an einem zwecken würde gearbeitet. Die Verzögerung liege in der Schwierigkeck der Materie. Sobald als möglich werde der Entwurf vorgelegt werden

Eine Anfrage deS Abg. Gröber iZentt.s bt* antwortet ein Regier irngstertteter dahin, daß ine Beschlagnahme der Glocken aufgehoben sei. Das gewonnene Metall sei nach dem SBaffenfrfflffan* an die lebenswiästigen Betriebe der Industrie mri des Handwerks geliefert worden. 9air geringe Rest« seien iroch übrig. Wettere Beschlagnahmen seien nicht erfolgt.

Es folgt die Fortsetzung der Dnterpcllätior Löbe-Scheidemaun wegen der Lederbcwiri- feffaftungin Verbindung mit dem Bericht deS Aus- schusses für Volkswirtschaft über bie Notstands' Versorgung mit Schuhwerk und dem Vürttag Arn stadt und Ablaß, die Zwangswirtschaft bett.

Tavidsohn (Sv».) hält die Zwangs­wirts ctaTt für daS geringere liebel. An die Stelle der Planwirtschaft solle regierungsseitig eine plan mäßig: Wirtschaft treten, nach den Erfordernrsscr der neuesten Wirtschaftsentwicklung. Prof. Tr. Wirth habe von einem Verbrauchersv^ialismus ge- spvocl en ; den braudjen wir allerdings. Es scheine, daß Minister Schmidt diesem ter Künftigen Der- lmüichersozialismus sich nicht gaiy verschließe.

Ak-g. Dietz (Ztr.): Ohne Aufhebung bei Zwangswirtschaft hätten wir überhaupt kein Leder imS Land bekommen. Die ft?Heu Preise an sich sind nicht gefährlich, sobald sich Löhne und Ge­hälter darauf einfteifcn. Aber die ZwangSwirt- schaft hat sich nicht kräftig genug erwiesen, itw eine gerechte Pertn'lung der R-Hmefterralien <m alle zu erzielen. Zwangsweise Vertftlung der Lebens­mittel wäre Lberhaupt nur nötig für Renten­empfänger und unverschuldete Arbeüslofir. .

Rerchswirtschaftsminister Schmidt: Du Zwangswirtschaft allein hat uns in den Stand gesetzt, mtt 5taats$ufd)üffen an den Brot- und Kartofselratronen festhatterr zu können. Dio Zwangswirtschaft ist nicht zusammengcbrochen.) Hoffentlich sind die Landwirte Dcrnünftig geruM, das ernznsehen. Im Notfälle werden wir bie schärf­sten Maßnahmen anwenden, um die Ablieferungen, seitens der Landwirte zu erzwingen. In dem bem sonderen Fall des Leders mußten wir zur firiad Wirtschaft übergehen, weck wir nur einen kleinen: Teck des Bedarfes «ns dem 5)i!lande decken kön­nen. So haben wir erreicht, oas die Produktion gehoben wurde. Grundsätzlich ist die Ausfuhr von, Säwhwerk nicht gestattet. Wegen der Notver- sorgung mtt Bekleidung verweise ich auf die Denk­schrift. Beträchtliche Bestände sollen direkt an die'. Gemeinden überwiesen werden. Für Vieh unb> Getreide kann die Zwangswirtschaft nicht auf ge­lben werden, für Gemüse getzt es. Für dis Lextckindusttie stehe ich ebenfalls auf dem Stand-* punkt: (Es muß Wolle herein, wenn auch zu enorm' hohen Preisen, damit die Industrie arbeiten kann und damck so das Wirtschaftsleben hoch kommt.

Adg. Dr. Böhme (Dem.) begrüßt den An­trag Ablaß. Tie Bewirtschaftung des Getreides sock auf Brotgetreide deschrLnv werden. Fleisch und MÜch socken nur noch in Höhe deS Bedarfs für Kinder mck Kranke bewirtschaftet werden. Dis Kartoffeln sind bei einer guten Ernte fveüngeben.

Abg. Dr. Semmler (Deutsch-Nack.): Die resi« lose, sofortige Aufhebung der ZwaMstvirtschaft ist unmöglich, aber die Produktion muß geyrbev werden. Ärröere Einrichtungen müssen ringe führ! werden, die eine gewisse Selbstverwaltung ermög­lichen. .Futter- und Düngemittel müssen einge- fnyrt werden, dcmn wird der Landwirt auch ge­nügend liefern können, dann wird der Lanovnrt auch die Schsvein^ucht intensiv betreiben Eoanat Die Zwangswirtschaft soll nur die Brücke sein für Sozialisierung. In diesem Sinne will der An-^ trag Arnstadt den Abbau der Zwangswirtschaft^ in Getreide, Kartoffeln und Fleisch, sobald die Ernährung des Bolles darin durch Er-eugung und Zufuhr gewährleistet ist.

Abg. Wurm (Unabh.): Wir haben gar keine Zwangswirtschaft, sondern für die Landwirtschasi nur Zwangslieferung und Höchstpreise. Den An- bauzlrang müßten wir haben; der Produktions- zwang könnte sofort eingeführt werdest von fjeuü auf morgen. Ein Ueoergang dazu wäre die Ein­führung deS Genosjenschaftswesens in der Land- roirtfebüft Den Antrag Ablatz lehnen wir ab. Durch eine Freigabe des Zuckers würde das Volk Zucker überhaupt nicht mehr zu sehen bekommen.

Abg. Dusche (D.VP.): Nur die vermehrte Beschaffung von Düngemitteln kann der Land­wirtschaft helfen. Schikanöse Verfügungen würden nur erbittern. Ein langsamer Abbau bej Zwangs in der Landwirtschaft verträgt sich wohl mit der Interessen der Konsumenten.

21hg. Gebhardt (bei keiner Fraktion) wende sich gegen die Idee des ZwcmgSaubauenä. Heutt arbeitet die Landwirtschaft noch 1618 Stunden Wie würde es um Deutschtand bestellt sein, wem die sozialistischen und kommunistischen Vorschläge auf dem Lande eingeführt würden.

iEach weiteren Bemerkungen des Abgeordneten Schneider-Franken (Z.) schließt die Besprech ung. Die Ausschußanträge werden angenommen. Der Antrag Ablaß ist jnrüdöejogen. Der An­trag Arnstadt wird angenommen. Abgeordnete' Scheidemanu bezweifelt dis Beschlußfähigfrii des Lxiuses. Der Präsidatt erttärt den iöinfpruch für nicht mehr zulässig.

Nächste Sitzung morgen 1 Nhr. (Deulsck-po!' nischer Vertrag, Fortsetzung des Postctats.) Schlu 63/< Uhr.