Ausgabe 
10.10.1919
 
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Nr. 257

Ter Gießener Anzeiger erscheint täglich, außer Sonn- und Feiertags.

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169. Jahrgang

Freitag, 10. Gttober 1919

Gietzener Anzeiger

General-Anzeiger für Oberhefsen

SwMIngrrunddrud u. Verlag: Brüql'sch- Unio.-Vuch. u. SieinOruderei 8. Lange. Schriftleitung, Seschästrftelle u.Druderef: Schulst». 7.

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Erklärungen über die Lage im Baltikum.

In der gestrigen Sitzung der National­versammlung hat öer unabhängige Abg. Cohn anstelle be>3 von dem Revolveranschlag' betroffenen Abg. Haase seine Klagen lvider die Regierung vorgebracht. Von Ueberrafchungen oder Sensationen kann dabei keine Rede sein. Cohn übte auch in der Beurteilung des Mord­anschlags eine größere Zurückhaltung als die Freiheit und ähnliche Organe, die mit großem Mund sogleich verkündeten, die Tat auf Haase komme auf das Kerbholz der Reak ttoit. In der baltischen Frage waren die An­klagen der Unabhängigen gleichfalls schwach. Sie behaupten, es bestehe in Berlin eine Zen- trcklstelle oder einewestrussische Regierung" zur Anwerbung von Soldaten, die zum Feld­zug gegen die Räterepublik verwendet wer­den sollen. Noske hielt darauf mit harten Worten den Unabhängigen ihre Stiefellcckerei gegenüber dem Auslande und ihre fortgesetz­ten Denunziationen Deutschlands vor. Die alliierten Negierungen, so sagte er, sollten nicht vergessen, daß sie monatelang gefordert haben, daß die deutschen Truppen int Balti­kum bleiben sollten. Die deutschen Soldaten weilten ursprünglich zum Schutz der deut­schen Grenzlande im Osten. Der Dank, der ihnen heute von dem Befehlshaber derrussi­schen Wcstarmee" abgestattet wird, daß sie in Lettland Verwüstungen und Grausamkeiten verhindert hätten, bringt nichts neues in die Oeffentlichkeit. Als Lettland noch in Not war, hatte es, wie der Reichsminister Mül­ler gestern ausführte, unseren Truppen ver­tragsmäßig die Einbürgerung zuqesichert. Daß daraufhin bei unseren Truppen im Osten Verstimmungen und Gehorsamsverweigerun­gen vorkommen, ist nicht gar so verwunder­lich, besonders wenn man bedenkt, daß Ord­nung und Disziplin in der Republik nicht feststen wie im alten Reiche.

Mi tau, 8. Okt. Oberst Aw alvff Ber- nrondt übergab faute dem hiesigen Vertreter der Entente folgende Note: An die Vertreter der al liierten ,Mächte in Jdußlwnd. Ich habe als Chef der russischen Armee dec westlichen Provinzen, um die Bolschewisten zu bekämpfen und die Ord- nung und Sicherheit meiner Aktionsbasis wieder­herzustellen, mit dem Führer der Truppen, die das Land besetzt halten, ein Abkommen schließen müssen, wonach ich die Sicherheit ihres Trans­portes nach Deutschland garantierte, um mitzu- falsen, daß der chaotische Zustand der Verwaltung aufhört, in welchem sich die durch meine Trup­pen besetzten Provinzen befinden. Ich ernannte einen Zentralausschuß und beauftragte ihn, die .zeitweilige Vernmltung zu organisieren sowie die Grundlagen von liberalen Verwaltungsmaßnah­men auf demokratischer Grundlage nach den Wün- Hckien der Bevölkerung vorzubereiten. Zu meinem «roßen Bedauern hat die gegenwärtige lettische Regierung begonnen, gegen die Grenzen meiner militärischen Basis bedeutende lettische und sogar polnische Truppen zu werfen, die die neutrale Zone verletzten und eine Reihe von Scharmützeln hervorriefen, während meine Truppen die deut- sck.-cn Posten ersetzten. Ich hatte meinen Posten den Befehl gegeben, trotz der fortgesetzten Heraus­forderungen sich nicht mit den lettisch-estnischen Truppen einzulassen. Diese aber, weit davon ent­fernt, Zurückhaltung zu zeigen, glaubten, in meinem Vorgehen eine Art Schwäche zu sehen, und griffen meine Stellungen an. Durch ihre Haltung bin ich gezwungen, Maß­regeln für meine militärische Sicherheit zu er- -greisen und eine neue Linie $iu 'besetzen, die mir die Möglichkeit gibt, gegen die Feinde meines Landes, die Bolschewisten, zu marschieren und sie wirksamer zu bekämpfen. Ich wage zu hofsin, daß ibie meinem Lande verbündeten Mächte meine Be- smühmtgen unterstützen, gemäß den Verträgen, die diese Mächte mit meinem Lande verbinden, und mir alle Erleichterungen gewähren werden, die erforderlichen Maßnahmen zu treffen.

Mi tau, 7. Okt. (Wolff.) Der Oberbefehls­haber der freiwilligen russischen Westarmee Oberst Awaloff Bermenet l)at der deutschen Gesandtschaft folgende Note überreichen Msn: In den vom Bolschewismus befreiten Teilen Westrußlands habe ich, unterstützt von dem önl/- Oktober neu gebildeten Zentralrat für West- < . Tnt Namen Gvoßrußlands die Aufgabe

der Wiederherstellung der Staats-, v r d n u n g und -Zucht übernommen. Als Ver- ^eter der russischen Staatsgewalt will ich diese Gelegenheit nicht vorübergehen lassen, ohne der oeutichen Reichsregierung den Dank Rußlands auszu sprechen für die unvergänglichen Dienste, die sich die deutschen Truppen uni die Errettung der mpsuchen Randprvvinzen vor dem russischen jWolschermsmus erworben haben. Nach der Zu- ^rückziehimg der beutfdyen Truppen nrirb der Schutz des von meinen Truppen besetzten Gebietes von /mir übernommen. Die Sicherung der Abtrans­porte der deutschen Truppen nrirb meine besondere Sorge sein. Ich habe das feste Vertrauen, bei der ^ciederwerfung des weltzersetzenden Bolschewismus tnt russischen Staate bei allen Völkern das Ver­ständnis zu finden, das iwtwenbig ist, um diese -Weltaefahr zu beseitigen und allen Staaten F-rieden rinti> freie Entwicklung zu sichern.

Pas veiriebsrätegesetz.

Berlin, 9. Okt. (Wolff.) In der heutigen Sitnng des B c t r i e bs r ä t e - A u s mH u s s e der Nationalversammlung wurde der Antrag der Mehrheitspartei-en, die Artikel 7 und 8 d s Bciriebsrätc-Gejetzes zu streichen, t iftiminin .ingen.'inmcn. Tamit sind die A b t: U » n g s Betriebsräte gefallen. Als Be.ründn.'-g für die Ablehnung gilt die Tatsache, daß durch tri.'te Abteilungs-Betriwsrate ein unabsehbarer, schwer­fälliger Apparat entstehen würde.

Der Fünfcrrat.

Versailles, 9. Okt. (WTB.) Gestern hat die angelündigte Sitzung des Fnnferratcs, in der die Frage der Antwortnote auf die deutsche Note betresrend die Räumung der baltisch e n Provinze n sowie der Bericht Georg Clarks über seine Mission bei der rumänisch)en Regie­rung verhandelt werden sollten, noch nichl statt­gefunden.

Die Reise des Präsidenten Poin- c a r 6 nach England, die wegen des Eisen- bahncrstreiks verschoben werden mußte, ii) nun­mehr aus den 10. November festgesetzt warnen.

A m st e r da m, 9. Okt. (Wolff.) Ter Pariser Korrespondent desAllgemeen Handelsblad" be­richtet, daß die Ateldung, wonach der Fünferrat sich bereits mit den Listen der deutschen Offi­ziere, die an die Entente aus geliefert .ver-l den müssen, befaßt hat, den Tatsachen nicht ent­spricht. Bisher geben sich nur die einzelnen Regie­rungen mit der Aufstellung der Listen ab.

Der italienische Sozialistenkangretz.

Bern, 8. Okt. 'Wolff.) In der der gestrigen Vormittagssitzung des Bvl^gnaer Sozial i st en- k o n g r e s s e s fortgesetzten Debatte über die Par- teitaftif sprach als erster Redner der Direktor des A v a n t i". Cr wies auf die düotwendigctkeit eurer Richtlinie für die Partei hin und betonte, der Par- lamcntismus reiche zur Umgestaltung der bürger­lichen Gesellschaft in eine sozialistische nicht aus; es müßten auch andere Mittel angeioandt werden. Eine davon sei die Anwendung von Gewalt. Nie­mand glaube an das langsame Ab sterben der Bour- goosie: es werde der Endzusammenbruch Kommen., Tas Proletariat werde die bürgerlichen Kreise aufa lösen, aber nicht vernichten. T u r r a l i oerteü>igL^. die Haltung seiner Fraktionen, begegnete aber hef-i tigen Zwischenrufen, wobei es auch zu mehreren Zwischenfällen kam. Er wandte sich gegen die Putschtaktik und gegen die Versuche, in Italien die Tiktatur des Proletariats nach russischem Muster einzuführen. Tie Minderheit applaudierte ihm am Schluß feiner Rede in stürmischer Weise.

B e r n, 9. Okt. (Wolffs In der gestrigen Nachl- mittagssitzuug gab der italienische Sozialistenkon­greß seine Solidarität mit dem italienischen Sozia­listen Migliano kund, der seit den Januar-Unrulwn dieses Jahres in Berlin im Gefängnis sitze. Es sprach noch der französische Sozialist Faure, der Redakteur desPopulaire", der die Haltung der französischen Sozialisten in der Durchführung des Generalstreiks im letzten Sommer bedauerte und feilte Bewunderung über die revolutionäre Haltung der italienischen Arbeiterschaft ausdrückte.

Alsdann erfolgte die Abstimmung über die tut» (gebrachten Tagesordnungen zur Parteitaktik. Die Motion der maximülistischen Wahlreckstsanhänger (unter Ferrati bringt zum Ausdruck, daß das italienische Proletariat alle Mittel zum Sturz der kapitalistischen Wirtschaftsordnung benützen müsse. Es müsse auch zur Gewalt greifen, um sich gegen das aggressive Bürgertum zu verteidigen. Anderer­seits sollen sich die Parteien an den Wahlen zur Aufklärung des Proletanats über die kommunisti­schen Grundsätze, beteiligen. Die Motion Laz- z a r i, die von der Kammerfraktion unterstützt wird, besteht auf dem Programm von 1892, das aber durch die Forderung auf Schaffung von Arbeiter­räten erweitert werden soll. Die konrmunistische Gruppe unter Bordigha will die Abschaffung des eigenen Parteiprogramms, den Anschluß der Reformisten, die Namensänderung inKommuni­stische Partei Italiens", die Festlegung des Akiionsprogramn^ der Sowjetrepublik und die Wahlenthaltung. Alle drei Tagesordnungen for­dern den Eintritt in die dritte Internationale. Das Wstimmungsergebnis ist folgendes: Ferrati 48 411, Lazzari 14,480, Bordigha 3417 Stimmen.

Ans dem Reiche.

Die Lage der Eisenbahn.

In der preußischen Landesver- s a m m l u n g führte am Donnerstag, bei der Be­sprechung der Eisenbahnver.voltung Eisenbahnmini­ster O e s e r u. a. aus: Eine Besserung der Verhält­nisse hat leider noch nicht eingesetzt. Gegen den Voranschlag von 1919 haben -vir einen Muider- ertrag von mindestens 634 Millionen Mark. Wir müssen den Güter-undPersonenverkehr ein sch ranken, trotzdem das wirtschaftliche In­teresse des Landes eine Steigerung verlangt. -MC1 Ausgaben für den Betrieb sollten für 1919 etwa 4800 Millionen betragen, in Wahiheit aber faßen wir 7500 Millionen erreicht. (Hört, hört!) -ten lotteren Beamten ist es auch heute schon möglich, in mittlere Stellen cnrzurücken. Um den mtmereni Beamten das Ausrücten in höhere Stellen zu er­leichtern, werden alle Uebergangsstufen gehobene mittlere Stellen beschafft und die Fachschulen ver­bessert «veroen. An Entschädigungen für Diebstähle .vcrden wir im laufenden ^ahre 160 Millionen Mark zu bezahlen haben. Hort, hört!) Es wird ein besonderes Dezernat im Mini­sterium ernannt werden, das an die Bekämpfung dieser Mißstände ferne ganze Kraft jetzt.

Eine rheinisch-wcstfäliche Jndustrieprovinz.

Köln, 9. Okt. (Wolff.) Wie derKölnischen Zeitung" aus Berlin gemeldet wird, fanb geltem nachmittag eine interfraktionelle Be iprechung der preußischen Abgeordneten aus d. m r h e in i s ch wc st f ä l i s che n I n du st ri e- gebiet über die Bildung einer besonderen Industrie-Provinz oder eines den rhei- ui>ck-west.i schon Judustriefazirk umfassenden

Ziueckverbaiides statt. Tie Ansicht m waren ge tritt, insbesondere äußerten die Vertreter der Deutschen Volkspartei, der Demokraten und So­zialdemokraten schwere Bedenken gegen die Er- rid/tnng einer besonderen Industrie-Provinz. Die Frage wurde zur weiteren Behandlung einem Llusschiuß von fünf Mitgliedern überwiesen.

Das Befinden Haases.

Berlin, 9. Okt. Privattelegramm. Das Acht-Uhr-Abendblatt" meldet: Tas Befinden des Abg. Haase ist durchaus günstig. Tie Röntgen­aufnahme ergab, daß eine Kugel in der Kniegegcnv sitzt, ohne aber das Gelenk verletzt zu faßen. Es wird ein operativer Eingriff nütioenbig werden, um die Kugel zu entfernen. Wenn das Befinden des Patienten, wie anzunehmen ist, weiter günstig bleibt, soll die Opevatwn morgen vvrge­nommen werden.

Terrorismus in Barmen.

Barmen, 9. Okt. (Priv.) Der B o h k o t t von Reichswehrangehörigen wird bon der Arbeiterschaft weiter fortgesetzt. Dse Firma E. Molineus und Söhne hatte einen Angehörigen der Reichswehr eingestellt. Die aus 200 Personen bestehende Arbeiterschaft verlangte die sofortige Entlassung und trat, als der Forderung nicht ent­sprochen wurde, in den Ausstand.

TieFreiheit" ans drei Tage verboten.

Berlin, 9. Okt. (WTB.) Der Oberbefehls­haber Noske hat dieFreiheit" auf drei Tage verboten, weil in chrem AufrufAr­beiter, Parteigenossen!" die wissentliche Unwahrheit aufgestellt werde, daß es in Deutschland Mörder- zentralen gäbe, die hochbezahlte Mordbuben suche, auf welche auch das Attentat aus Haase zurück­zuführen sei.

Aus Hessen.

Die Vollversammlung der Volkskammer tritt am nächsten Mittwoch zusammen. Für die sTogung sind nur zlwei Tage (Mittwoch und Don-« nerstag) vorgesehen, im Notfall noch der Frei­tag. Auf der Tagesordnung steht die Teu­erungszulage für die Beamten usw., daran wird sich eine Ernährungsdebatte sckliesen. Ter Vollversammlung voran geben am Dienstag Sitzungen sämtlicher Fca.tionen. die sich gleichfalls mit der Teuerungszulage befassen wer­den. Außerdem wird ihnen der Entwurf der neuen Verfassung unterbreitet werden. Ter Finanz­ausschuß befaßte sich in der Sitzung am Mitt­woch mit der Teuerungszulage der Beamten. Be­sch lüfte wurden jedoch nicht gefaßt. Die Bera­tungen Iverden morgen fortgesetzt. Ter Ge­setz g eb u n-g s au s s chu ß hatte Mittu och g eich- salls eine Sitzung und erledigte eine 19 Punkte 'umfassende Tagesordnung.

Aus dem Finanzausschuß.

i. Darmstadt, 9. Okt. Ter Finanz­ausschuß der Volkskammer nahm heute einstimmig die Regierungsvorlage berr. Versorg n ngsansprüche der Beamten und ihrer Hinterbliebenen an. Darnach werden die Beamten vorläufig gemäß ihrem jetzi­gen Gehalt zuzüglich Teuerungszulage pensioniert. Später wird chre Pension bann nach der neuen Gehaltsordnung festgesetzt, wobei dann die Teue­rungszulagen in Wegfall kommen. Die Regie­rungsvorlagen, die die Ueberführung der Finanzverwaltung an das Reich zum Gegenstand haben, werden gegen eine Stimme angenommen. Das betreffende Mitglied des Aus­schusses ist Gegner der ganzen Reichsfinanzreform, behält es sich aber vor, für einzelne Bestimmungen einzutreten. Der Finanzminister würde als hessischer Staatsbeamter und als Reichsbeamter (Vorstand des Landesfinanzamtes) einen doppelten Gehalt beziehen. Er verzichtet auf sein Gehalt als Minister zugunsten des hessischen Staates. Das Gehalt des Präsidenten des Landesfinanzamtes entspricht in seiner Höhe dem hessischen Mrnister- gehalt nebst Teuerungszulagen. Darüber hinaus erhält jedoch her Präsident des Landesfinanzamtes vom Reiche auch noch eine Wohnungszulage. Auch diese stellt der Finanzminister dem Land zur Verfügung, was jedoch vom Ausschuß abgelehnt wird; vielmehr soll der Reichswohnuugszuschuß dem Minister zu freier Verfügung überlassen blei­ben. Anck) in ,dieser Frage behält sich das oben­erwähnte Ausschußmitglied seine Entscheidung vor. Eine Verordnung über die Dolzvertei- lung im Lande wird von der Regierung vor- gelegt und vom Ausschuß gutgeheißen. Darnach sollen die Gemeinden das Holz zur Verteilung überwiesen erhalten. Aus dem Ausschuß wird an­geregt, Notstandsarbeiter zu den Holzfallarbeiten heranzuzichen. Auch soll die Belieferung der Ge­meinden mit Kohlen, die von der Reichskohlenstelle sehr schematisch erfolgt, in Anschlag gebracht wer­den. Die Thea terf rage wurde erörtert. Die Frage, ob das Hoftheater zukünftig als Landes^ tbeatcr oder als Stadttheater weitergesührt werden soll, wird jedoch nicht gelöst, sondern das Theater wird vorläufig auf mehrere Jahre von Staat und Stadt gemeinsam finanziert werden.

Der Zweigvcrband, Hessen" desZentralverbandcS Deotschcr Bäckerinnungen

hielt am Mittwoch nachmittag im Fürstensaal in Da r in ft a b t seinen 9. Obermeister tag unter dem Vorsitz von Obermeister Weber-Darmstadt ab. 9iad) einem Bericht von Finger- Tarmsladt über das Genas senschafts.vesen wurde den einzelnen In­nungen empfohlen, Einkaufsgenossenschaften zu bil­den, die sofort in Tätigkeit treten tönnten, wenn die Zwangswirtschaft aufgehoben würde Nur durch den genossenschaftlichen Zusammenschluß kann das Handwerk sich giegen das Großkapital einerseits imtx die Konsumvereine andererseits behaupten. Wenn» auch, urie der Vorsitzende mitteilt, Unterstaatssekre- tär Schmidt auf eine Anfrage des Zentralvorstan- des erklärt habe, daß an die Sozialisierung be<( Kleingewerbes, insonderheit des Bäckergewerbcs nicht gedacht sei, so gebe borfji das Sozialisicrungs-t mantelgesetz den Genceindcn das Recht zur Som--* munalfsierung. Deshalb müsse das Handwerk der Kommunalpolitik vollstes Augenmerk zuivenden. Die Offenbacher Lohnausgleichsstelle fei ein Anfang: zur Kommunalisierung. Man muffe sich in anderen Orten von vornherein einer solchen Einrick^ung widersetzen. Ter Zusammenschluß des gesamten. Handwerks und Getvcrbesbandes sei unbedingt not- tvendig. In Tannstadt habe man damit gute Er­fahrungen gemacht. Nur barni bilde man einen Machtsaktor, der auch zur Selbschilse schreiten Tonne, wie es die Arbeiter und Bauern macksten. Ein An­trag O f s e n b a ch auf Anstellung eines juristischen Spndikusses wurde allgemein beifällig aufgenonu men. Tie eine Mark monatliche Beitrags kosten würde sich, für jedes Verbandsmitglied bezahlt machen. Tie Sache soll vor den nächsten Verbands- tag gebracht werden. Einstweilen müßten die Ober- meifter in den einzelnen Imiungen Propaganda modien. Ein Antrag Erbach auf eine einheülicfa Festsetzung des Brot Preises für ganz Hessen wurde als unmöglich bezeichnet, da die Unkostew verschieden hoch seien. Bei dieser Gelegenheit .uur-4 den verschiedene Klagen vorgebracht über die Be^ Handlung der Bäcker durch die Kommunalverbände., Es wurde empfählen, die Kalkulationen unter bett einzelnen Innungen auszutauschen. Man müsse nur energisch auftreten. Leisetreterei habe keines Zweck. Obermeister Löber-Gießen erklärte, die dortige Innung sei fest zum Streik eartschbossen, luenn ihre berechtigten Forderungen bei der Fest­setzung des Buolpreises nicht berücksichtigt würden.

deutsche Nationalversammlung.

Berlin, 9. Oktober.

Am Ministertisch: Reichskanzler Bauer, Mül« Cer, Noske und andere.

Präsident Fehr en bach eröffnet die Sitzung um 1 Uhr 20 Min. Fortsetzung der zweitelc Be­ratung des Haushalts, politische Besprechung (ge­stern obgebvvchen wegen des Attmtats auf Haase).

Abg. Tr. Cohn Unabh. Soz): Solche Mord- anntläge, wie die auf meinen Freund Haase, ge­deihen nur zu leicht in einer Atmosphähre, wo gefällige Offiziere gehungerte Mörder mit Aus­landspässen versehen. Unser Kurs bleibt b?r alte. Auch die Lockrufe Scheidenmnns können uns nicht rühren. Herr Ebert hat schon (einen Lohn dahin. Wenn die Entwickelung so werter geht, wird et dec erste und letzte sozialdemokratisch: Reichspräsi­dent fein. Redner geht hierauf auf di: Hand­habung der Zensur unb der Berfammlungsverbote durch den Minister Noske ein, die vor krassen Ver- sassungsbrüchen nicht zurückschrecke. Bei den Eini- gnngsverhaudlungeic zwischen den beiden sozial­demokratischen Parteien faben die Mehrheits­sozialisten die Mehrzahl der Ministerposten be- aniprucht, aber bmt Unabhängigen die volle Ver­antwortung aufbürden wollen. (Unruhe und Wider­spruch bei den Sozialdemokraten.) Wenn Sie (zv den Mehrheitsfozialisten) nicht mehr Koalitions- Politik treiieit, sondern wirklich demokratische, \o* zrolisfische Politik vom StMrdpunkt der äußersten Linken aus treiben wollen, bann wäre über eine Wiedervereinigung zu reden. Der Arbeiterschaft wäre viel wvhler, wenn sie nicht in der Regierung säßen, sondern mit uns Opposition macksten. Erst dann hätten wir auch das Vertrauen des Aus­landes. Eitler der Hauptschuldigen im Daltikuw ist Herr Winnig. Tie Wcrbunger: sind in Berlin unter den Augen d.s Reichswehr Ministers bis in den Sommer hineingegangen. Tie schwerste Sünde der Regierung ist die, daß sie die Beziehungen mit Rußland noch nicht wiederhergestellt hat. In der Ostpolitik liegen die Lebensftagen des deut­schen Volkes. Es ist Gefahr vorhanden, daß uns auch noch Ostpreußen verboven geht., Tie R:- gierung muß eine positive Ostpolitik treiben.

Neichswehrminister Noske:

Herr Hergt hat mit heute die bündigste Er-, klärung abgegeben, daß der Parteivorstand den Deutsch-Nationalen dem Jnfalt des gestern er-, wähnten Pamphlets fernsteht. Ich nehme davoir^ Kenntnis. Gegen gepredigte Gewalttätigkeiten hat, die Regienmg sich zur Wehr zu setzen. Darum sind gewisse Schriften verboten worden. Gegen ehren neuen Bürgerkrieg muß die Regierung Siche- rmrgsmaßregeln treffen. Es ilt zuzugeben, daß in Berlin bei den Versammlungsverboten Mißgriffe borge £o mm en sind. Aber mrangemeldete Versammi fimgen können und werden nicht geduldet werden. Die Unabhängigen machen das Ausland scharf gegen uns durch teilwerse erlogene Nachrichten. (Lärm bei den Unabhängigen.) Wir brauchen Solq baten an der Ostarenze und im Innern. Polen vergrößert seine Armee bauentb. Wir werden die Truppen abbauen, sobald es angängig ist. Deutsch­land hat die Ratifizierung nicht verzögert. Tie Regierung wird den Vertrag lohal halten. Tie Partei des Herrn Cohn sollte sich das Denun­zieren allmählich schenken. lZusttmmung. Lärm bei den Unabhängigen.) Die nationale Würdelasis-»