Ausgabe 
10.5.1919
 
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Samstag, (0. ülai (91®

(69. Jahrgang

Erstes Btott

GietzenerAnzeiger

General-Anzeiger für Oberheffen

SwlMyrnmddruS n. Verlag: BrühlW Uiio.-Such. m. Stcindnirfcrei R. £<mge. $<hnftleitnng, SefchZstrstelle u. Druckerei: §ch'.ilftr. 7.

5n.iüt)m< »oi Iiijeifta t die Xaaeenununct bi« zu in Radninuag vorder ohneiede^.ldind.icyteN

Leilrnoretft: für örtliche An,eia« 25 L'i .iut au« n» artig« 30 tif., für '.He (la nie» Mk.l.-uedst 20 .r«u» runa6#ul - laa;Lldtjuop fdinh 20 H Au'schlaa« £>auyt|diri lieber. Aug. Iftari LnantiooNlich füi tiatüit: Hu«. O^oetz. für den übrigen letl: [)r. Dienbol. Jen«; für den Lnzeigenleü: V. deck- sämtlich in ftiefcen

wschrmüllbück.

SFtr fühleai uns alle auf die tiefste Stufe Unserer 6ntiutcfi.unß, in einen wahren Ab- aninb unseres nationalen Hebens zurückge- statzen. Vor einer übergroßen Mehrheit der Menschheit sehen wir unS isoliert, finden tt»ie Graf Brvckdorff'Rcnrtzau, der Führer un­serer Friedensdcpulation, in Versailles so be­deutungsvoll erklärte, einer Flut des Hasses uns gegenüber. Dieses Bewusstsein und die Fülle des Elendes, das über uns hereinbricht, erfordern noch einmal eine genaue Selbst- Prüfung, ein Nachsinnen darüber, ob nicht doch irgendwo ein großer Fehler in unseren (^danlenbildern steckt, ob wir nicht durch eine buggesli n unserer rntwickl ingsgeschichllichen Umgebung aus eine irrige Bahn gelangt sind. Die Meisten unter uns kennen andere Völker nicht aus inniger Erfahrung und wissen wohl, welche Fehler uns Deutschen politisch und gescl.schaftlich anhafken. Denn wir sind ein Voll der Philosophen und Kritiker und sind *fn unserem Auftreten keineswegs selbstsicher -und von unserer geistigen und sittllchewUeber- legenheit überzeugt Wir befinden uns in schwereren parteipolitischen Kämpfen als ir­gendein anderes Volk; außerdem macht uns die Tatsache, daß uns in der Welt auf Schritt irnb Tritt so viel Haß und Schmähung be­gegnet, stutzig. Jetzt eben wollen wir uns tv eber vor dem Fehler hüten, die Handlungen ter Gegenseite, unserer Feinde, nur mit blin­dem Unwillen und leidenschaftlichem Selbst­gefühl adzu fertigen. Daher war uns die ruhig abwägende, unsere frühere Politik und die gegenwärtige Situation streng und sach­lich prüfende Rede des Grafen Brockdorf f- ylantzau, des Führers unserer Friedensdepu­tation, ungemein licht- und wirkungsvoll. kÄr wissen auch, daß es aus praktischen Grün­den notwendig ist, uns auf den Gebieten hei­misch zu machen, auf denen unsere Feinde so viel Ueberlegenheit und Erhabenheit kund- ßcben. Graf Rantzau deutete in feiner Rede auf der ersten Sitzung in Versailles an, daß die deutsche Politik vormals leider es an idealistischem Schwung hat fehlen lassen, in­dem sie auf'den Haager Konferenzen manche Unterlassungssünden beging und in dentra- gistchen Augusttagen" nicht alle Möglichkeiten ergriff, den schrecklichen Krieg au umgehen. Aber je tiefer wir in der Selbstkritik schür­fen, desto mehr festigt sich uns die lieber» ieugimg, daß die deutsche Regierung 1914 beileibe mcht allein schuldig war. Graf Rantzau sagte, es wäre in feinem Munde eine £ ii g e, Deutschland des Friedensbruches zu bezichtigen. Vielmehr sei lange vorher die tiiternaiionale politische Atmosphäre durch «imperialistische Tendenzen berg ftet worden. Nenn uns nun aber irgendetwas in unserer ,Sell)stp:üfung und in unserem Gewissen be­ruhigen kann, so ist es das jetzige Vorgeben unserer Gegner. Mit der Heberrcichung der k'-ew.lltfriedensvorschläge unserer Feinde, in denen diese ihr innerstes Herz- enthüllen, kön­nen wir uns aller Gennssensbedenken ent» !'gen. Die emphathischen Bet.uerungen b> f n er? b r Engländer und Amerikaner hatten manche Skrupel und Zweifel erweckt, und unser Stolz auf unser Tugendmaß war etwas berabgefunken. Vtclleicht waren, so ging un­sere llebcrlcgung, die anderen doch bessere Menschen. An der Friedensformulierung der Entente aber erkennen wir wieder den wahren Maßstab, mit bem wir wenigstens das eine, unsere Gewissensruhe, zurückgewinnen. Un­ermeßliche Schuld, die unaufrichtigste Gesin­nung. liegt bei denen, die uns jetzt den schmählichen Frieden diktieren wouen. Das Vcbermag ihrer Forderungen, die mörderische Unterdrückung, die sie uns angedeihen lassen wol en, führen uns wieder auf den Ausgangs­punkt des Weltkrieges zurück. Es war ihnen von Anfang an Wunsch unb Ziel, uns von der .Höhe unserer wirtschaftlichen und natio­nalen Entwicklung herabzustürzeu, während tont Deutsche nur einen Abwehrkampf führten.

Während also der grausamste Schlag «egen uns geführt wurde, wurde doch zugleich licht und Klarheit verbreitet. In dem von ter Entente uns übermittelten F.iedensbuche

eh en wir, welches von Anfang an die Ab- ichteck unserer H auptgegner gewesen sind. Inb in der trostlosen £age, in der wir uns etzt befinden, dürfen wir uns eines wenig- :env sagen: daß wir keinen Grund haben, und vor uns selbst zu erniedrigen. Des Ntafen Rantzau Rede in der Sitzung zu Ver­sailles war die Kundgebung wahrer Würde inb Menschlichkeit, während am Hufeisentisch ter uns gegenüberstehen de n Mehrheit nur Lnnterhälligkeit und Macht- und Habsucht sich breit machten. Mit einer großen und Ernsten Anklage konnte der deutsche Minister schon vor die Entente hintreten in bem Augen- tuck. als das ominöse Friedensbuch noch ver­schlossen vor ihm auf"bem Tische lag. Nämlich «Hit beui Vorhalt des, kaltherzigen, überlegten

Verbrechens, das in der Fortführung der I Hungerblockade Lag, ckls den Gegnern der Sieg doch bereits verbürgt war. Es war die völ.ig I unnötige Härte und Grausamkeit, mit der die Wehrlosmachung Deutschlands betrieben wurde. Und jetzt foTat die noch barbarischere Mißhandlung, die dem Frieden auch das kleinste Blättchen Hoffnungsgrün raubt. Wir brauchen uns nicht mehr zu fragen, ob wir träumen oder wachen, brauchen nickst zu be­sorgen, uns in nationalistische Befangenheit zu verrennen, wenn die Minister, Parlamente, Parteien, wenn die weitesten Volksschichten in Deutschland nacheinander ihre Empörung hrnbgeben. In all der Trauer, die durch Reichs- und Landesverordnung.auch äußerlich in den nächsten Tagen zum Ausdruck kommen soll, durchdringt uns doch die tröstliche Heber» zeugung, daß wir vier Jahre Sbricg geführt haben nicht gegen gesittetere und befierc Men­schen als wir selbst, sondern gegen ker, die uns Deutschen tatsächlich in Gesinnung und Tat an die Gurgel wollten. Der Heiligen­schein, mit dem sich die Hauptgegner, zu denen wir ja auch Wilson rechnen|)"en, um­geben haben, W nur eitles und tückisches Blendwerk gewesen.

Wir werden also, nach dem übereinstim­menden Urteil aller Denkenden unb Empfin­denden in Deutschland zu den unerhörten Be­dingungen entschlossen nein sagen. Was dann kommt, ist ungewiß Der einzige schütz, unter dem wir unseren verbündete.« Gegmrn gegenüberstehen, ist, wie Graf Vroctoorsf- Rantzau hervorgehoben hat, unser Recht. Aber es gibt noch Anwälte dieses Rechtes bei den Neutralen, ja sogar auch unter den feind­lichen Völkern selbst. Es ist Höck)st bedeutunas- volt, daß die Sozialisten in Frankreich und die englische Arbeiterpartei über den von ihren Regierungen bekundeten FriedenSgeist ganz offen ihr Mißfallen aussprecl)en. Und neu­trale Organe haben dieseFriedensbar­sch l ä g e" nicht weniger scharf charakterisiert als die deutsche Presse. Wir dürfen aufs höchste gespannt sein, wie Präsident Wilson das Kunststück fertig bringen wird, die vor­gelegten Bedingungen mit seinen 14 Punkten tn Einklang zu bringen. Es ließen sich in dem umfangreichen Dokument der Entente noch ganze Berge von Ungeheuerlichkeiten hervor- holen. Aber nachdem daS Programm in gro­ßen Zügen zur Genüge bekannt ist, nachdem die hauptsächlichen Forderungen als offen­kundige Axt hiebe gegen das Reich sich heraus- geftellt haben, widerstrebt es uns, in weitere Einzelheiten uns zu verlieren. Die Ausplün­derung Deutschlands soll auch später noch nachBedarf" und Belieben immer wieder­holt werden. Daher verlangt man neben den 20 Milliarden, die bis 1921 zu entrichten sind, noch 100 Milliarden Schuldverschreibungen. Daher wollen sich die Engländer an der Nord- ostecke des Reiches festsetzen, um dem Reiche die Lebenssäfte abzuzapfen, und in diesem Geiste hat man die Klauseln bei der Saar­gebietsabtretung geschaffen. Mil ion en von Deutschen sollen der Fremdherrscl)aft anheim­fallen, fremde Landvögte sollen in unserem eigenen $)auie unseren Besitz verwalten. Und wir sollen für die Fremden ganz un­verhüllte Sklavendienste tun, z. B. Schiffe für sie bauen. Zum Hohne, zur moralischen Zerschmetterung will man über deutsche Füh­rer, die wir ausliefern sollen, zu Gerichte sitzen. J^tzt ist es an uns, zu zeigen, was noch an deutschem Stolz unb Mut in uns steckt.

Die Arbeit in Versailles.

Versailles, 9. Mai. (Wolsf) Gestern abend fand unter bem Vorsitz Brockdorffs eine Sitzung der gesamten Friedens­delegation einschließ ich der Kommissare imb Sachverständigen statt. Tie Sitzung dauerte von 9 Uhr bis Mitternacht. Es werden fünf Arbeitskommissionen gebildet, eine politische, wirtschaftliche, Fi­nanz-, soziale und rechtspolitische Kommission. Die Auffassung geht übereinstimmend dahin, daß der Entwurf in der vorliegenden Fassung nicht annehmbar ist.

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@in Einspruch

der dänischen Regierung-presse.

Kopenhagen, 9. Mai. (Wolff.) Tie» nische Regierungspresse veröffentlicht anläßlich der Entscheidung der Friedenskonferenz einen anscheinend inspirierten Artikel, in dem eS beißt: Tie Entscheidung der Friedenskonferenzbe­züglich der Abstimmungen in Schleswig rief frei das größte Erstaunen hervor. Tic Bestimmung, daß auch in der sogenannten brüten Zone, also in einem rein deutschen Gebiet, eine gemeinde­weise Abstimmung aoge halten werden soll, steht in direktem Gegensatz zu dem klar eingenomme­nen Standpnnkl des dänischen Reichstags, der dänischen Regierung und des nordschleswigschen Wählervereins. Ter Beschluß der Friedenskonse- LCTti muß auf antcrüduchc CtauLUie dömichcr

Chauvinisten zurückgesührt werden. Er ist eine biedte Fälschung des Seibstbesti.nmungsrechts der Völker und ein Bruch der Dilsonschen Idee. Es kann erwartet werden, daß die Regierung und der Reidrstag Dänemarks so nochdrückllch wie möglich hiergegen protestieren werden.

Protest der französischen Sozialisten gegen den Gewaltfrieden.

Versailles, 9. Mai. (WTB.) Die sozia- liftildjen Blätter Protein er.n heckig gegen den Frieden, den dieH u m a n i t 6" einen Frieden der G malt unb Ungerechtigkeit nennt Dar Iran» witsche Proletariat verweigert bie Unter schrill ,ui dem Vertrag In wenigen Jagen wird es sich gegen dies Dokument im Br rnarck-Stil wenden, ixt? eine Beschimpfung des Böllerrechts und der Moral ist. Wenn der Vertrag vor die Kammer kommt, wird kein sozialistischer Deputierter dies bipcomatisdie Schritnücl gut heißen dürsen, das die Geschichte als eine verbrecherische Berletzimg gebe..er Verspred>en und als ein Altentat ge..eu Moral und Völkerrecht l^eze-chnen wird. DieHu- maniiä" gibt dann Analysen der Bciiimmungen, die sich tut' das Saarbecken und die deut­schen Kolonien beziehen Uinrrwiint die Klausel über das Saargebiel die schlimmste Ge­walttat des Vertrages. Die französische Zeckung fordert die Deutschen des Saargebietes auf, mit Heroismus der Gewalt und Korruption Widerstand zu leisten, die jetzt gegen sie versucht werden. Sie sollen sich ihren nationalen Sinn er­halten. Die franzäsisäien Sozialisten werden für sie eintreten, wie sie für alle unterdrückten Völler eingcticten sind. Ebenso schlimm sei die Wegnahme der Kolonien Tas volkreiche arbeitsame Deutsch­land brauche Kolonien wie jedes andere große Volk. Wüsou habe den größten Fehler begangen, als er zujlimmte, daß f(ie Kolonien zum Vorteil der Sieger geraubt rocroen.

Widerspruch auch bei der cnglischcu Arbeiterpartei.

fionbon, 9. Mai. (WTB.) Reuter. Ein Manifest ber Arbeiterpartei erklärt, batz Teile bes Friebensvertrages den Wilsonschen Er klä- ru.igcn wibersprechen. U. a. wirb bie Be- . ücksichiigimg ber Bcksürsnisse des deutschen Vol­kes bei der Eintreibung ber EntscAdigungen, bie allgemeine Einschränkung ber Kriegsrüstungen und Volksabstimmung in Elsatz-Lothringen, Malmedy und den anderen Gebieten an der deutschen Grenze gefordert.

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Eine Erklärung der badischen Regierung.

Karlsruhe, 9 Mai. (Wolsf.) Tas ba­dische Staatsministerium erläßt folgende Erklärung an dis badische Volk:

Tie Bedingungen, unter welchen die ver­bündeten Feinde dem deutschen Volk den «Trieben «anbieten, sind nunmehr bekann!gegeben. Tie schlimmsten Befürchtungen sind über troffen wor- ben. Keinem Volk der Erde hat je eine Verge­waltigung gedroht, wie sie die Frichensbedingungen dar stecken. Niclsts wird unversucht gelassen wer­den, eine Milderung der harten Bedingungen zu erri-idKn. Noch aber ist nicht abzusehen^ ob es gelingen wird, dem harten ©äm der Feinde Zu- geslm.bnsst adzuringen. Wir geben aber die Hoff­nung nicht auf, daß Vernunft und Menschlichkeit bei den Gegirern noch zum Turclchruch kommen. Tas deutsche Volk ivird sich in dieser Schick­salsstunde geschlossen hinter die Neichs- regierung stellen. Tas StaoiSministerium l>at das Vertrauen, daß auch das Volk Badens die Würde bewahren wird, mit der die Entscheidung in dieser Lebensfrage der Nation getroffen wer­den muß. Wenn es nicht gelingen sollte, den Friedensbediugimgen eine Gesralt zu geben, bie dem btutfeben Volke das Weiterleben als) Volk möglich macht, dann werden wir vor die ernste Frage gesteckt werden, ob wir uns Den Feinden beugen müssen, oder ob nicht einmütig dieser Fri.denssch'.ust zurückgewiesen werden muß.

Tie weitere Besetzung von Kehl durch die Franzosen ist. uns Eibenem u ne r trä glich. T<m wirtschafilichen Leben unseres Landes würde dadurch ein tA>licher Su>ß versetzt. Wir erheben laut Widerspruch gegen Dir-en Hohn auf das Setbstbestimmui-gsrecht der Böcker.

Tas badische Vock rufen wir auf, durch Ernst und Würde zu zeigen, daß es sich der Schwere der Lage bewußt in und der Reick>sregierung das Vertrauen zu bewahren, daß sie dem deutschen Bolte nur die Entscheidung Vorschlägen wird, Die vor der Gesä-ichte wird veranUoortel werden können."

Ein belgisch-englischer Streit über Deutsch-Lstasrika.

Paris, 9. Mai. (Wolff.) Havas-Reuter. Die belgische Delegation übermittelte folgende Note: Die Zeitungen vom Donners­tag morgen melden, daß der Viererrat die Entscheidung über die Zuerteilung des Ber­ni a ltungsmandats für die deutschen Kolonien getroffen habe. Der Rat hat baS Mandat für Deutsch-Ostafrika Eng­land übertragen. Tie belgische Dele­gation kann nicht an tzie Richt g "eit dieser Meldung glauben. Belgien nahm einen großen Anteil an den militärischen Operatio­nen in Afrika und trug durch große Opfer zur Eroberung Deutsch-Lstafrikas bei. Belgien verwaltet auch feit drei Jahren einen be trächtlichen Teil dieser Gebiete. Diese Ver­hältnis se verschaffen ihm Rechte, über die sich nicht durch ein liebereinkommen bestim­men Läßt c

Die Lage in Ungarn.

London, 9. Mai (Wolsf.) Im Unter* hause ' teilte Uulerstaalssckretär Harms- rn o r t h mit, das Auswärtige Amt habe die Nachricht erhalten, baß die revolutio­näre Regierung in Budapest ge­stürzt sei.

Englische (Eeroaltpolitl! gegen Deutsch' land im Osten.

Berlin, 9. Mai. (Wolsf.) Im Auftrage der britischen Regierung ersuchie ber englische Ber* treter in Spa am 22. April bie bcutfd.e Regierung' um bie sofortige Wieber Herstellung bet' Lage in ßibau, wie sie vor bem Staatsstreich gegen die lettische Negierung bestand. Dieser Staatsstreich sei von den Deutsclxm auSgeiüyrt worden. Die lettiscl-c Regierung solle vollständig' wiederhergestellt und ihr gestaltet werden, in ieder Weise ihre Pflichten alö regierende Siaatsmacht zu erfüllen, einschließlich voller Freiheit in bezug auf bie Einstellung lettischer Truppen.

Deutscherseilv würbe auf biefe durch nicht- begründete Anschuldigung erwidert, die deuts che Regierung mische si ch in die inner» pol irischen Verhältnisse Don Lett­land nicht ein, könne aber auch das Recht einer anderen Regierung auf eine solche Ein- knischimg nicht anerkennen. Gegenüber den Be­hauptungen der englischen Note stelle sie fest, daß deutsche Truppen und Behörden keinen SiaatS- streich gegen die lelckiche Regierung ausgesührt unb sich an einem solchen auch nicht beteiligt hätten. Der in Lidau vollzogene Regierungswechsel sei nack ben bisl)erigen Ergebnissen der alsbald ein- eingelcitctcn Untersuchung das Werk der heimischen Bevölkerung. Am 5. Mai übermittelte Oteneral Nubant bem deutschen Vorsitzmden in Spa folgenbe Antwortnote. Balfour übersendet am 4. Mai von den alliierten und assoziierten Reaie- rungen folgendes Telegramm *ur Kenntnisnahme an die deutsche Wasfenstillslondskommission:

Dem durch bie Note vom 22. April von bem Ches bet britischen Mission ben Deutschen unter­breiteten Ersuchen ist in keiner Weife Genüae geschehen. Anbererseits hat ersten- bie lettische Regierung noch nicht wieber ansangen können zu arbeiten, ba bie Minister durch baltische Wacht­posten unb infolge bes vorn General von ber Goltz geübten Wiberstandes in ihren Häusern festgehalte« werden. Lcke von General von ber Goltz ge­gebene Auskunft, baß bie den lettifdien Soldaten entwendeten britifdKn Waffen zurückerstattet wor­den seien, wurde als falsch erkannt. Teilen Sie den Deutschen diese Tatsad-e mit und wiederholen Sie das am 22. April gestellte Ersuchen. Außer­dem geben Sie den Deutid-cn zu verstehen, daß jetzt verlangt wird: die unmilLlbare Zurück- berufung des Generals von der GoItz und die Bezeichnungdeutsche Hilsskrafte" für die deutschen Streitkräfte stattBesatzungs- Armee". Diese Acnderung der Bezeichnung soll von der deutschen Regierung öffentlich angezeigt werden. Bor Erfüllung dieser Beengung werden keine Lebensrnittel irgendwelcher Art für die deutschen Streitkräfte in Liban ausgeschifft werden.

Auf diese unmögliche Forderung Erz* berger am 8. Mai in Spa folgende dtote über* rcidjen:

1. Tie deutschen militärischen Behörden in Lettland weisen es nochmals ausdrücklich zurück, daß irgendwelche deutschenTruppenan dem Sturz der lettischen Regierung beteiligt rva<cn.i Es besteht vollkommene Klarl)eit darüber, daß der! baltische Stoßtrupp selbständig, willkürlich unb un­ter Nichtberücksichtigung aller Berhanblun,-en seiner baltischen Landsleute gehandelt hat. Von deutscher Seite wird keine Regierung in Libau gtbiide t, i.'ire Rechte als regierende Staatsmacht auszuüben. Der Grundsatz der Nichteinmischung in innere An­gelegen l-eiten Lettlands wird von deutscher Seite peinlich gewahrt. 2. Der Frontaus chuß in Lett­land hat bie Bedingungen des Ultimatums der al­liierten Mächte bezüglich der neuen Kabinetts­bildung angenommen. Di§ lettiidx Regieruns wird also auch burd) baltische Truppenkocprr ant Arbeiten nicht gehindert. 3. Den lettcsccheii Sol­daten sind bie in ber Note Balsours erwähntes Waffen bereits zurüdgegcben worden. 4 Ter Forderung, die Bezeichnungt«utsche Hisiskräfte" lür die deutschen Streitkräfte stattBesatzungs­armee" anzunehmen, kann die beutfdje Nesicrung nicht nachkommen. Die Annahme die er Forderung würde dazu führen, daß die deutschen Truppen Be­fehle der Entente durch Vermittlung eines von Den Alliierten abhängigen Kabinetts erhalten würden. 5. Die deut)che Regierung ziehtvielmehrdie gesamten Streitkräfte aus Lettland (unb Litauen in kürzester Frist zurück. Sie hat die vorlvreitenden Schritte zur Herbei­führung der Waffenruhe unb bes sich daran an­schließenden Waffenstillstandes mit bar ihr gegen­überstehenden Truppen bereits eingeleitet. Di« Zurückziehung wird in einem Zeitmaß erfolgen, durch welches bas bem Deutschen Reich gehörig« Eigentum in Lettland unb Litauen gesichert wirb., Tie Verantwortung für bie aus ber Räu­mung von Lettlanb unb Litauen entstehenden Fol­gen tragen bie alliierten unb assoziierten Mächte.«

Erzber^r. t

Unter ben von ben Alliierten gestellten Be­dingungen unb unter ihren direkten Beseh len kön­nen die beutschen Truppen nicht kämpsen, und Deutschland braucht zudem diese Truppen viel not­wendiger in West Preußen und Ober sch le-, sien, um dort für alle Eventualitäten gerüstet zu sein, und um die Ruhe und Ordnung in diesen Gegenden aufrecht zu erhalten.