Ausgabe 
10.3.1919
 
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Nr. 58

Der »itbetitr etfd)cini täfllid), außer Sonntags. - Bettaaen: Gtetzener^amittenblätter;

Kie.stkU ffii den Kreis Liebe».

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Montag, 10 März (9(9

Erster Blatt

(69. Jahrgang

^Hi.uqme von Anzeige» f. die iaflestmmmei bt8 zum Nachmillaq vorher ohnejedeBerbnidlichkeit

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ä« General-Anzeiger für Oberhessen

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Entscheidende Beschlüsse in Paris.

Der Oberste Rat der Entente tn Paris scheint in der Lebensmittelfrage Zugeständ­nisse machen zu wollen. Er erklärt, die Ver­bündeten wollten die Versorgung Deutschlands in vernünftiger Weise" vornehmen. Unsere Negierung wird darauf bestehen müssen, ge­nauer zu erfahren, was in diesem Fallever­nünftig" bedeutet. Sie hat die Zusage vom 16. Januar nur gemacht, um unsere Ver­sorgungz u sicher n". Mittlerweile freut sich) Oesterreich darüber, daß die Blockade gegen es aufgehoben worden ist. Auch die Blockade gegen Deutschland wird vielleicht demnächst allen, nachdem Lloyd George einen ent- prechenden Antrag gestellt und Clemenceau ich Bedenkzeit erbeten hat. Vielleicht will man Deutschland in diesem Punkte etwas besänf­tigen, während man es im übrigen in Ketten legt. Was über die dauernde militärische und maritime Wrhrlosmachung Deutschlands heute bekannt wird, ist aufs Neue empörend. -Die früher erhobenen Anfragen und Forde­rungen Erzbergers, u. a. das Ersuchen um Rückgabe unserer Gefangenen, wird, wie Foch auf ein neues Erinnern erklärte,noch ge­prüft". Möchte unsere Regierung den Mut und die Kraft zu neuen Widerständen finden! Die Gegner müssen ja jeden Tag mehr cin- sehen, daß sie den Bogen nicht Überspannen können.

DledeulscheNotesm-erversorgungrsrage

Berlin, 8. März. (WTB.) Zum Ab­bruch der Verhandlungen über die Versorgung Deutschlands mit Lebensmitteln wurde der Standpunkt der deutschen Regierung in einer Note niedergelegt, die in der Vollsitzung der Waffenstillstands-' konrmission in Spaa am 6. März übergeben wurde. Es beißt darin:

Um tde bcutfdje Auffassung zu würdigen, ist eS »erforderlich, die Gesamtheit der Bestinr- ntunflt n noch einmal kurz Kusammenzusassen. Nach Artikel 26 des Wa.ffe-nstillstandsvertrages vom 11. November 1918 war tn Aussicht genommen, Teutschtai'd während der Tauer deS Wafscnstill- flanM in dem als notwendig cmerftnnitm Matze mit Lebensmitteln zu versorgen. Die durch diese Xk-ftiimnung begründete Erwartung, daß Teutsch- lanb eine Linderung seiner schöneren Ernährmrg-Z!- kiiK fdpn luäbrcitb des Waffenstillstandes erfahren tycrb'?, war einer der wesentlichsten Gründe, die zur An nah weder überaus hrrten Bedingungen des Wafsenstillstcrndsverirages geführt haben. Trotz wiederhol en deutschen Ersitckxns haben die asso­ziierten Negierungen erst bei der Trierer Konferenz iwirt 15. nnb 16. Januar d. I. die Verhandlungen über die Lebensmi trlversorgung Deutschlands auf- gmwnlinen. In Ar.ikcl 9 bes Trierer Vertrages vom 16. Januar 1919 hat sich die beutsä^e Re- sinng verglich et, die deutsche Handels-

slotte während der Tauer des Waffenstillstandes mi.cr (ii.y-y.ucrtc ,<ojitvolle und Flaaac zu stellen, uM die Lebensmittelversorgung Teutschlands und des übrigen Europa zu sicfarn. ES ist klar, daß bei einem so ungel)Aieoen, bedeutsamen Schritt, wie es die Abgabe der deutscfan Handelsflotte ist, unter bcnr Begriffe Lcbensnrittelversorgung nicht die Lieferung cbier beliebigen Menge d Lebensmitteln, sondern die Durchführung emor) P r o g r a m m s verstanden werden mutz, das die Erncihrulrg Teutschlands bis zu dem Zeitwmkt siclrcrstellt, in dem aus eigener Kraft Mhilfc gescliafsen zu werden vermög, d. b. bis zur niWen Ernte. Tal)er konnte auch durch die in Aussicht gestellte Lieferung von 270 000 Tonnen, die zu­rr ä ch st erfolgen sollte und die nur einen zwei­wöchigen Bedarf deckt, die Versorgung Teutschlands nicht als siä)er gelten: mit dieser BJ'icitge konnte vielmehr nur ein Anfang gemacht werden. Auch ist das Trierer Schifsahrtsabkonnnen vom 17. Januar 1919 (insbesondere Artikel 1 imb 10), das nur die Ausführung zuM Artikel 8 des Trierer Vertrages enthält, nicht ohne Zu­sammenhang mit diesem Artikel 8 zu verstehen. Dieser Zusammenhang füljn zwingend zu dem Schluß, daß von enter sofortigen Zur-Versügung- Stellung der Flotte nur dann die Rede sein kann, wen ikercn Zweck, die Sicfarstellung der Ernäh­rung Deutschlands, erreicht ist. Nach Erreichung dieses Zweckes ist allerdings die Flotte sofort zur Verfügung zu stellen, was auch durchaus den Äb- sicküen und Ansicksten der deutschen Regierung ent» spreä^n wurde.

Die deutsche Regierung hat den vorstehenden Standpunkt dauernd vertreten, insbesondere in einer Note vom 13. Februar 1919. Die assoziierten Regierungen hatten verlangt, daß eine Reihe von Schiffen am 12. Februar d. I. fahrbereit gestellt werden sollte und daß am gleichen Tage eine Noti­fikation an die neutralen Regierungen dahin zu ergehen habe, daß die in neutralen Häfen lie­gende deutscl)e Tonnage den assoziierten Regie­rungen übergeben werde. Deutschland mußte diese Forderungen durch die genannte Note mit der Be­gründung ablchnen, daß seine Sicherstellung viit Lebensmitteln noch nicht erreicht sei, da zwei wejeutliche Faktoren, nämlich die Einigung über die Menge und die Preise der Lebensmittel und über deren Bezahlung fehlten. Die asso­ziierten Negieningcn haben in den jetzt in Spaa geführten Verhandlungen und den Porhergefaw-

den Noten der letzten Zeit mehrfach hervorgehoben, daß die deutsche Regterung die Flotte zur Ver­fügung stellen muffe, ehe mit der Einfuhr nach Deutschland begonnen werden könne. Dieser Stand­punkt wird deutscherseits-nicht geteilt, denn die tflotte soll eines der Mittel fein, um die Ver­sorgung Deutschlands und des übrigen (Snropa in die Wege zu leiten: nicht aber hat Deutschland durch Zur-Versügung-Stellung der Flotte Ver- pstichlungen, bevor eine Bindung der assoziierten Regierungen (betr. Menge und Preis der Waren, sowie insbesondere deren Finanzierung) dafür vor­liegt, daß ausreiärende Entfuhren auch tatsächlich erfolgen werden. Ungeachtet der oben erwähnten! Bestimmung des Artikels XXVI des Waffenstill- flandsvertrages hat Deutschland bislang feine Tonne Lebensmittel von den assoziierten Regie­rungen erhalten und nur ein stärkeres Anziehen der H u n g e r s ch r a u b e durch die Verschön- fung.der Blockade dulden müssen, wodurch, von anderem abgesehen, nach dem Durchschnitt der letzten Monate täglich etwa 800 Men­schen zum Tode geführt werden. Deutsch­land muß bertiorfaben, daß ihm sehr häufig seitens der assoziierten Regierungen entgegengehalten wor­den ist, daß noch Krieg sei. Dieses Argument kann Deutschland also nicht aus dem Auge lassen und daher auch die Handelsflotte nid)t abgeben, ohne irgendwelche binbenbe Zusagen. Ohne der­artige Erklärungen ist eine sachgemäße Festsetzung der beiitfdien Lebensmittelrationen überhaupt un­durchführbar. Auch müßten diese Erklärungen dar­über Sicfarheit schaffen, daß eine Verquickung der weiteren Verhandlungen über die Lieferung von Lebensmitteln mit anderen Forderungen, die über die Zurverfügung-Stellung der Flotte hinausgehen, grundsätzlich ausgeschlos­se n ist. Die deutschen Delegierten haben^ den Weisungen der Reicfaregierung folgend versucht, einen Ausweg zu finden. Sie Haden, nachdem einstweilen nur Einigung über die Lieferung einer verhältnismäßig geringen Menge von Lebensmit­teln erzielt werden konnte, den assoziieren Ver­tretern vorgeschlagen, jedenfalls einen Teil der Handelsflotte sofort zur Verfügung zu stellen. Hierbei würde die deutsche Regierung, der der Wunsch der assoziierten Regierungen bekannt ist, die überseeischen Truppen baldmbglichst heimzu­befördern, in erster Linie solche Schiffe vorge­schlagen haben, die für Truppentransporte geeig­net sind. Ta die assoziierten Reaieninaen aber erklärten, über einen derartigen Vorsästag nicht verhandeln zu können, war es nicht mehr mög­lich, ihnen diese Absichten sowie sonstige Einzel­heiten darzulegen.

Etnc Gegennote der Entente.

Paris, 9. März. (WB.) Haoas. Der größte Teil der gestrigen Sitzungen des Obersten Nates der Alliierten war der Prüfung der Lage gewidmet, die durch die Unterbrechung der Verhandlungen in Spa geschaffen wurde. Es wurde beschloffen, an Deutschland eine Note zu schicken, in der darauf hin­gewiesen wird, daß Deulschland die in Artikel 8 des am 16. Januar in Trier unterzeichneten Waffenst'v- stands-Iusatzabkommens aufgestellten Bedingungen erfüllen muffe. Dieser Artikel lautet bekanntlich fol­gendermaßen: Um die Versorgung Deutschlands mit Lebensmitteln zu sichern, wird die deutsche Regierung alle Maßnahmen treffen, um während der Dauer des Waffenstillstandes die deutsche Handelsflotte unter die Kontrolle und unter die Flagge der alliierten Mächte sowie der Vereinigten Staaten, denen ein deutscher Delegierter beigegeben wird, zu stellen. Diese Ab­machungen präjudizieren in keiner Weise die endgül­tigen Verfügungen über die Schiffe.

Der Standpunkt der Alliierten geht nun dahin, daß es unzulässig ist, daß Deutschland, nachdem es der Ablieferung der Handelsflotte zugesttmmt hat, heute ihre Ueoergabe an Bedingungen knüpfen will. Die Alliierten sind bereit, die Versorgung Deutsch­lands mit Lebensmitteln in vernünftiger Weise vorzunehmen. Sie erwartet jedoch, daß Deutschland ihnen bie hierfür erforderlichen Materialien verschafft, indem es die Handelsflotte übergibt.

Am Montag wird der Rat den Bericht der mi­litärischen Sachverständigen über bie Abrüstung Deutschlands entsprechend dem von Lloyd George am Freitag aufgeftelllen Grundsätzen en g ;ennehmen.

Dauernde Entwaffnung Deutschland».

Paris, 9. März. (WB.) Reuter. Die gestrigen Besprechungen am Quai d'Orsay be­faßten sich fauptsächlich mit den Vedinaungen auf dem Gebiete her Flotte. England und Amerika stimmen jetzt in dieser Frage überein und um ihren Standpunkt mit demjenigen, den Frankreich und Italien entnehmen, in lieberein- stimmnng zu bringen, ist es möglich, daß einige Schiffe Frankreich und Ftalien zugetviesen werden.

Eine wichtige Frage war die, ob die Bedin­gungen für das deutsche Heer und die deutscfa Flotte einen zeitlichen oder mehr oder weniger einen dauernden Charakter haben mußten. Ter Vorschlag im Sinne der letzteren Auffassung nahm eine endgültige Form an, da dies ein Mittel ist, um Deutschland für immer im Zwang zu halten. Einige Bedingungen enthalten Be­stimmungen bezüglich der Kontrolle über die Ent- waffmmg und zwar für eine beträchtlich längere Zeit, als der Krieg dauerte. Dieser Umstand er­öffnete wiederum für die englischen und ameri- kamscfan Delegierten die Aussicht auf eine mögliche Verpflichtung zur Teilnahme an dec Besetzung Deutschlands und der Kontrolle für unbestimmte ZZeit über die deutschen Angelegenheiten Ebenso wurde hierbei die heikle Frage zur Sprache ge­bracht, inwieweit eine ge.schlagene Na­tion für.immer die Berechtigung, ihre

eigenen Angelegenheiten zu regeln, verlieren darf; man beriet gestern.über die,« Frage, aber man ist noch nicht zu einem Beschluß gekommen. Tie Bedingungen, die geilem behandelt wurden, können folgendermaßen zusam- mengcsaßt werden: _

Teu-schlands Heer wird auf 200000 Mann betabgcie&t, die durch das Los gewählt werden unb ein Jahr lang dienen müssen. Keine Aushebung darf die Zah Ivon 18 000 Mann überschreiten. Offiziere müifen 25 Jahre und Unteroffiziere 15 Jahre dienen. Tie Menge der Waffen und der Munition wird auf die von dieser Streitmacht genötigte'Menge herabgesetzt. Es werden Garantien für die twllftorünge Durchführung dieses Planes geschaffen. .Die Bedingungen für die Flotte entfalten Bestimmungen für eine entsprechende Herabsetzung der deutschen Flotte, die künftig nur hmreick-end sein wird, um den Polizei- und Ber- teidigungszwecken zu genügen; sie wird nicht mehr zu den Flotten ersten oder zweiten Ranges gerecht net werden können. Sowohl die Heeres- als auch die FloNenbedingungen werden m Kraft bleiben, bis der Völkerbund etwas anderes beschließt. Die Bedingungen für die beulfdjen Lust- ftrcitTräfte setzen die Zahl der Flugzeug.f herab. Das Personal des Flugdienstes wird aus 1000 Mann bestehen. Es wird die Ausgabe haben, bis zum 1. Oktober Minen zu suchen; danach wird der ganze Tienst aufgehoben werden.

Obwohl die Ein-elhei-en dieser Bedingungen noch näfar besprochen werden müssen, locrben sie in der Hauptsache zweifellos unverändert bleiben.

Paris, 8. März. (WTB.) Reuter. Lloyd Ge­orge hat bie vorn Obersten Knegsrat angenommenen Vorschläge zur Entwaffnung Deutschlands ab- geänbert Sie sind jetzt viel schärfer, als von den militärischen Führern vorgeschlagen wurde. Vorge­sehen ist eine viel größere Reduktion der deutschen Armee. Die von Lloyd George abgeänberten ffnt« waffnungsvorschläge wurden angenommen. Die Alli­ierten haben beschloffen, Oesterreich täglich 3000 Tonnen Gebensmittel zu liefern außer den bereits in Triest aus Transport wartenden 80000 Tonnen. Man erwartet, daß die italienisck-iugoslawische Grenze am Montag wieder geöffnet wird.

Aufhebung der Block« degegenvefterreich.

Haag, 8. März. (WTD^ Wie derRieuwe Rotterdamsche Courant" aus Paris meldet, hat der Rat der Zehn gestern beschlossen, die Blockade gegen Oesterreich aufzuheven. Die Lebensrnittel werden über Fiume und Triest geschickt. Die Otoliener waren gegen den Beschluß, die Franzosen, Engländer und Amerikaner dafür. Der Vorschlag Lord Robert Eelils, Deutschland zu Hellen, wurde von Lloyd Georbe, Clemenceau und Oberst House besprochen. Lloyd George und House billigten den Vorschlag, Clemenceau verlangte Bedenkzeit, so daß der Vorschlag bis heute liegen bleibt. Es wird beab- ichtigt, ausreichende Mengen Leb ensmitt ein nach Deutschland zu schicken. Die Bezahlung soll mit Kali, das die Vereinigten Staaten brauchen, und Kohlen geschehen. Man erwartet, daß Deutschland seine Handelsschiffe zur Anfuhr der Lebensrnittel übergeben wird.

Die britische Rheinarmee.

London, 8. März. (WTB.) Reuter. Das Kriegs­amt teilt mit, daß die britische Armee am Rhein aus einer Division Kavallerie von 12 Regimentern, 5 Bataillonen Radfahrern, 260 Batterien Artillerie aller Art, 12 Bataillonen Tanks, 102 Bataillonen Infanterie mit 30 Batterien leichter Laufgrabenmörser, 23 Geschwadern der königlichen Luftstrettkräfte und aus Pionier-, Train-, Signal- und anderen technischen enffprechenden Abteilungen besteht.

Deutsche Nationalversammlung.

(23. Sitzung.)

Weimar, 8. März.

Die Beratttng der Gesetze über die

Sozialisierung und die Regelung der Kohlen- wirlschast

wird fortgesetzt.

Abg. Henke (Unabh.): Die breite Masse der Arbeiter erwartet mit vollem Recht von der So- zialisierung eine Verbesserung ihrer Lebenslage. Wir wissen, daß zwisck>en den Arbeitern und den bürgerlichen Parteien ein Abgrund klafft, der nie zu überbrücken ist, und daß nur auf dem Wege bei schärfsten Kiasfenkampses die ©o° rialisierungsfrage gelöst werden kann. Die Ar­beiter sind durch den Krieg und feine Begleit­erscheinungen auS dem seelischen Gleicfaewicht ge­bracht worden. Sie haben vielfach ihren Beruf wechseln müssen, sie haben aber auch in manches Einfickst gewonnen, in das Wesen und in die Natur der kapttalistischen Gesellschaftsordnung, die sie früher nicht hatten. Wenn sie sich da etwas ungebärdet zeigen in ihren Forderungen, so sollte man solche Erscheinungen zu verstehen suchen, statt sie einfach zu verurteilen und damit zu dem Satz zu kommen: Gewalt gegen Gewalt, lieber die Schwierigkeiten Der Sozialisierung gibt es keine Zweifel. Auch meine Parteifreunde erkennen ohne weiteres an, daß die Schwierig­keiten gerade gegenwärtig sehr groß sind. (Hört, hört! bet den Sozialdemokraten.) Aber damit ist noch lange nicht gesagt, daß man nun gerade dieses Schneckentempo einschlagen muß, das hie Regierung einschlägt. Die Weltrevolution wird ja nicht so schnell kommen, wie jeder Arbeiter )ie ersehnt. (Widerspruch bei den Sozialdemo­kraten.» Wir werden jedenfalls alles tun, um sie herfaizusühren. Ah« durch die Sozialisierung wer­

den die Arbeiter anderer Länder ertmiftgf werden- unS zu folgen. Tic Sozialisierung wird auch kein Hinderungsgrund für den internationalen Handel sein. Der Schutz der ArbettSkraft gegen die kapi­talistische Ausbeutung kann mir durch die voll­ständige Sozialisierung geschehen. Darum drängen die Arbeiter nach der Sozialisierung, und wenn sie dabei überspannte Forderungen stellen, so ist das nur zurückzuführen aus die falsche Behandlung und die Ausbeutung der Arbeiter unter der kapi­talistischen Herrschaftsordnung. (Rufe: Und auf Ihre Hetze!) Gewalt wäre notwendig gegen die besitzenden Klassen. (Unruhe und Ruse: Ihre Ge­waltherrschaft in Bremen!)

Abg. Dr. Hugenberg (D.-Nat.): Meine Partei wird entsprechend ihrem Programm mit jeder Art Sozialisierung einverstanden fein, für die überwiegend Grunde des Gemeinwohls fprecfcn. Man kann aber nicht so sozialisieren, toie die beiden Gesetzentwürfe es wollen. Man kann nicht eine deutscfa Gemeinwirtschast schlechthin schaffen. Jeder einzelne Fall der Sozialisierung muß gründ­lich geprüft 1 verben, nicht mit der entsctzlicfan Oberflächlichkeit, die diese beiden Gesetzentwürfe an der Stirn tragen. Wir stehen grundsätzlich auf dem Boden der freien Wirtschaft als der besten Nährmutter des Wohlstandes und der gei­stigen und fittlicfan Kultur. Wenn der Präsident Ebert es beklagte, daß der Privatunternehmer es jetzt an der nötigen Initiative fehlen ließe, so klingt das ebenso, als wenn man einem Menschen einen Knebel in den Mund steckt und ihn dann fragt, warum er nicht schreit. (Sehr rirfytig! rechts.) Trotz Marx und Möllendorff halten allein der private Unternehmungsgeist und die Ordnung im Lande das Wirtschaftsleben aufrecht. (Sehr wahr! rechts.) Die Nevolutionswirtschast in Verbindung mit der Zwangswirtschaft des Krieges sck lögt der» Unternehmungsgeist tot, neuerdings leider auch bereits den Unternehmer selbst. (Sehr roabr! rechts.) Das deutsche Volk muß und will wieder ehrlich werden. (Große Unruhe bei den Sozml- demokraten.) Ohne freie Wirtschaft gibt es aber keine Ehrlichkeit. (Lauter Wrdersprucb bei den Sozialdemokraten.) Statt dessen will die Regie­rung die Zwangswirtschaft und damit zugleich! die Herrschaft der Stra ße über die Be­triebe verewigen. Eine eingehende Begründung so wichtiger Vorlagen scknint neuerdings nicht mehr üblich zu fein. Unter Ausschaltung auch des Par­laments soll einfach das Geschick des gesamten Kohlenbergbaues in die Hand deS ReichSkohlen- rats, der Regierung und deS StgatenauSschusfeL gelegt werden. Drese Aufsicht des Reiches ist weiter nichts, als daß der Zeckienbesitz auf Um­wegen, die den Tatbestand verschleiern, ohne Ent^ schädigung ans seinen sämtlichen Privatrechten her­ausgesetzt wird. (Sehr richtig! rechts.) Tas ist die Verwirklichung des Kommunismus in Deutsch­land. (Sehr rickstig! rechts. Lack-en links.) Da­find neue, zwar nicht gottgewollte, aber von den Sozialdemokraten, dem Zentrum und den Demo­kraten gewollte Abhängigkeiten. (Sehr gut! rechts.) Es ist dies ein wunderbares Mittel für die En­tente, die Regierungsgewalt über diese Gebiete zu benutzet:, um deutscktcm Privatbesttz in die Hände des Feindes zu überführen. (Zuruf bei den Sozialdemokraten: Drohungen.) Was würden Sie sagen, wenn deutsck)e Zechenbefitzer daran gehen würden, ihren Besitz gegen Auslands-Guthaben am die Entente zu verschachern? Sie würden das eine Niedertracht nennen. (Sehr richtig! links.) Ist es aber ein Vorrecht der Regierung, den Fcinden für solche Geschäfte den Anknüpfungspunkt zn geben? (Zurufe links: Sie sagen es ja den Fein­den!) Halten Sie unsere Feinde für so dumm, daß ich ihnen das erst sagen müßte? Ich warne Sie vor diesem Wege, der mit Sicherheit zum Untergange führt. (Lebhafter Beifall rechts. Zischen links.)

Präsident deSReichSministeriumS Scheidemann: Die Herren Kemples und. Hugenberg leiten nur den Spartakisten Wasser auf die Mühle. (Widerspruch rechts.) Dio Herren bleiben bei ihrer Behauptung, die Regie­rung habe unter dem Druck der Straße diese Vor-j läge gemacht. Ich weise das aus das entschiedenst» zurück. Herr hugenberg möchte das deutsche Volk wieder ehrlich werden lassen. Ich weife die Unter* stcllung, als sei das deutsche Volk unehrlich, mit Entschiedenheit zurück. Tas deutsche Volk ist nicht) unehrlich geworden, es hat auch keine Kriegsge^ winne gemacht und es ist nicht zu tiergleid)en mit den Verfehlungen Krupp'scher Beamten, wie z. B.^ Brandt. Gegenüber Verbrechen wenden wir dies Macht an, ohne 'die keine Regierung auskommen- kann, pnd werden uns darin weder durch die Ent­rüstung Henkes, rwch durch den Beifall der Ilechten^ irremadten lassen. Es ist keine berechtigte politische- Erhebung mehr, wenn in Berlin die Volks- marinebiDifion sich zu einer kriegsüh^ renden Macht aufspielt und wenn am Alexander- platz das geplünderte Diedsgut am Hellen Tage auf der ©traue verkauft wird, oder wenn in Halle ein Offizier, den man ins Wasser geworfen hat, de» sich aber durch Schwimmen gerettet hat, wieder ins Wasser wirft und ihn dann, dem (Srtrhifni nahe,, erschießt. (Große Unruhe.) Tas i.ib®trl'redjen,j gegen die wir mrt äußerster Entschlossenheit und unbeugsam die Gesetze handhaben wcrdfa. Ich mache kein Hehl daraus, daß ich in diesem Auyen- bli es)en Massenstreik als politisches Kampfintttel verwerfen muß. Der Massenstreik war in diwem Augenblick ein Verbrechen am ganzen deutschem Volke. (Sehr richtig? und Zustimmung. Die jetzige Regierung steht nicht mehr wie die früheren, in einem Vorgesetzten- oder gegensätzlichen Ver­hältnis zur Arbeitersckmft. Deshalb ist der jetzige Streit mcht nur iu verurteilen, er ist auch lÄdex-j