Ausgabe 
9.9.1919
 
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Swilllngsnmd-ruck u. Verlag: Srühl'fche Univ.-Buch- u. Zteindruckerei R. Lange. Schriftleitung, Geschäftsstelle u. Druckerei- Schulstr. 7.

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Er. 2(0

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Erstes Blakt 169. Jahrgang Dienstag, 9. September 1919

GietzenerAnzeiger

General-Anzeiger für Gberhesien

Stimmen

DolKsK. Nat.Ders.

abgegebenen Stimmen:

Demokraten

aus der

letzten Tabelle ist

daß in der Tat ein außer

Wahl zum Prov.-Tag

7,67%

9,63%

40,82%

32,04%

9,84%

26 407

19 869

5 945

5 850

4 622

30756

9469 32449 62324

3088 8325

33817

13413

31637

67478

4954

8679

lung am 19.

26. Januar:

Wahl zur Dolksk.

21,01%

6,46%

22,19%

42,55% 2,U% 5,68%

Hier; et

Wahl zur Rat -Vers. 21,15% 8,39% 19,77% 42,18% 3,09% 5,42%

Verbundene Wahlvorschläge der Deutsch-Nationalen und des Bauernbundes

Sozialdemokraten

U. S. P.

Deutsche Dolkspartei

Demokraten

Januar und Volkskammer am

Wahl zum Wahl zur Wahl zur

Demokraten Deutsche Dolksp. Deutsch-Nat. Sozialdemokr. U. S. P. Zentrum Wahlbeteiligung

Prov. Tag

4622

5850

26407

19869

5945

Bei vorstehender Zusammenstellung fällt ins Auge, das; die Beteiligung an den einzelnen Wah­len sehr verschieden war. War die Wahlbeteili­gung von 81,45 Proz. bei der Wahl zur National­versammlung schon auf 75,03 Proz. bei der Volks­kammer-Wahl zurückgegan^n, so machten bei der Wahl zum Provinzialtag nur noch 32,13 Proz. der Berechtigten von ihrem Wahlrecht Gebrauch.

Die folgende Zusammenstellung enthält

Am besten wird die politische Veränderung seit den Wahlen im Januar veranschaulicht durch einen Vergleich der Wahlziffern der Provinzial­tagswahl mit den Wahlen zur Nationalversamm-

62693 146411 159998

Soz. U.S.P. Z. 1675 (soz.)

2745 -

8801 - 2215

5417 2938 -

1315 (soz).

Deutsche DolKspart. Deutsch-Nationale Sozialdemokraten U. S. P.

Zentrum

Namentlich zu entnehmen,

Dem. D. V. D.-N. 5384 (bürgert) 1240 - 4066

1311 845 7508

1880 1714 9069 5997 (bürgert)

Kreis Alsfeld Büdingen Friedberg Gießen Lauterbach Schotten

Die provinzialtagswahl in Oberhessen.

Scham ein flüchtiger Blick auf nachstehendes GesamtergebnisderWahlenzumPro- vinzialtag in Ober Hessen läßt erkennen, daß auch im Provinzialtag ebenso nrie im Kreis­parlament eine, wenn auch knappe Mehrheit der Rechten gesichert ist.

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Don den 62 693 gültigen Stimmen erhielten die beiden Rechtsparteien allein 32 257 Stimmen, nährend es Mehrheitssozialisten und Unabhängige nur aus 25 814 Stimmen brachten. Selbst die Demokraten hinzugerechnet, erreicht die Linke mit 30436 Stimmen noch nicht die Mehrheit.

Die Verschiebung der Stimmenverhältnisse der einzelnen Parteien gegenüber den Kreistags­wahlen läßt sich im einzelnen nicht feststellen. Denn in den Kreisen Alsfeld und Lauter­bach hatten sich die bürgerlichen Parteien auf eine Liste geeinigt, der wiederum nur ein Wahl­vorschlag der beiden sozialisttschen Parteien gegen- überstand. Eine zahlenmäßige Bereä»nung, wie sich die auf die vereinigten Listen abgegebenen Stimmen auf die einzelnen Parteien verteilen, ist nicht möglich. Wetter ist zu berücksichtigen, daß es bei den Kreistogsivahlen im Kreise Schot­ten überhaupt nicht zu «einem Wahlkampf kam, da sich dort sämtliche Parteien, von der äußersten Linken bis zur Rechtet: auf eine einzige Liste geeinigt hatten. Der Vollständigkeit halber lassen imr trotzdem eine Zusammenstellung dec Ergeb­nisse zur Kreistagswahl folgen.

die prozentuale Beteiligung der Parteien an der Gesamtzahl der bei oen jeweiligen Wahlen

ordentlich starker Ruck nach rechts stattgefun­den hat. Diese Tatsache wird nicht nur durch das Bündnis der Deutsch-Nationalen mit dem Hessischen Bauernbund zu erklären sein, denn auf der anderen Seite hat auch die Deutsche Volkspartei einen bemerkenswerten Fort­schritt gemacht/ während die Sozialdemo- krateir ihre Stimmenzahl gegenüber den Vor­wahlen bei weitem nicht haben halten können und die Demokratische Partei gar nur den dritten Teil der früheren Ziffern erlangt hat. In der besonderen Gruppe der äußersten Linken haben allerdings die Unabhängigen gegenüber den Mehrheitssozialdemokraten einen erklecklichen Zuwachs erhalten. Immer­hin bleibt dieses Ergebnis im Rahmen der Gesamtwahl unbeträchtlich. Das Zeichen der Zeit ist, daß die Massen des Volkes an radi­kalen Umwälzungen das Interesse verloren haben und im Bestreben nach Ordnung und Sicherheit, sowie wirtschaftlichem Aufschwung von den revolutionären Bahnen sich ab­wenden. Die allgemeine Wahlmüdigkeit, die wiederum zutage getreten ist, zeugt ebenfalls dafür, daß der deutsche Staatsbürger von Eilmärschen in den Zukunftsstaat nichts mehr wissen will. Wir müssen aber bedauern, daß das deutsche Volk, dem das allgemeine uiü> gleiche Wahlrecht verliehen worden ist, keine besondere Reife bewiesen hat, denn sonst müßte die Anteilnahme an den vielseitigen und be­deutungsvollen Aufgaben, die fortan gerade

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in den engeren Heimatbezirken geleistet wer­den müssen, weit größer sein.

Es ist übrigens in der sozialdemokrati­schen Presse schon bei den Kceistagswahlen ebenfalls das Bedauern darüber zum Aus­druck gebracht worden, daß die sozialdemo­kratische Wählerschaft zu einem großen Teil das Verständnis für die politischen Aufgaben der Zeit verloren habe.

Wenn wir im Zusammenhang damit er­wähnen, daß von sozialdemokratischen Spitzen die früher so verpönte Akkordarbeit, also Ar­beitszwang, gefordert wird, daß neuerdings sogar im sozialdemokratischen Zentralvrgan, imVorwärts", führende Parteimänner an- gesickts der wachsenden Unzufriedenheit mit der Auflösung aller Organisationsbande und oer moralischen Verwilderung eineDiktatur der Mitte" empfohlen wird, wobei man na­türlich an eine mehrheitssozialistische Diktatur deukt, so glauben wir freilich nicht, daß die Entwicklung schon in der nächsten Zeit darauf hinzielen wird. Es ist aber äußerst bezeich­nend, daß-von der Linken, nicht mehr nur von den Unabhängigen, der demokratische Ge­danke nicht mehr als das Helle Ideal der neuen Zeit gefeiert wird.

Eine amtliche deutsche Aeußernng zu den EtttschädigungSziffcrn des französischen Finanzministers.

Berlin, 8. Sept. (WTB.) DieDeutsche Allgemeine Zeitung" schreibt zu der Rede des Finanz Ministers Klotz in der französischen Tepu- tiertenkammer u. a.: Klotz nannte einige Ziffern, für die man in Teutsckchand nur Kvpsschütteln haben tarnt. Er nannte die Kapitalisierungsziffer von 364 Milliarden, die allein für Frankreich in Betracht tarne. Die Gesamtleistungen Deutschlands bezifferte er auf 450 Milliarden. Wie Klotz der­artige Ziffern ausrechnet, ist schleierhaft, noch schleierhafter ist, wie er derrkt, daß Deutschland solche Summen zahlen kann. Man hat es hier nicht mehr mit einem ernst zu nehmenden Finanz Politiker zu tun, und es wäre gut, wenn die Jrauzosän sick- klar darüber würden, wie groß das Vvlksve^mtzg>en Deutschlands zur Zeit eigentlich ist. Dann wird sich> ergeben, daß es nur einen Bruchteil der Summe beträgt, die Klotz nannte. Selbst dieHuman ite" stellte fest,daß Deutschland gar nicht imstande ist, solche Summen zu zahlen". Uebrigens über­treffen die Zahlen Klotz' ganz erheblich) dasjenige, was wir nach dem Friedensvertrag zu zahlen ver­pflichtet sind.

Das angebliche Attentat auf Lcttow-Borberk.

Stargard, 8. Sept. (W. B.) Das angeb­liche Attentat auf General von Lettow-Vor- b e ck stellte sich als ein dummer Jungen­streich heraus. Der Täter, ein achtzehn­jähriger Bursche, gab mit einer sogenannten Schreckschußpistole, wie sie von Kinderrt zum Spielen benutzt werden, einen Schuß ab, bevor General von Lettow-Vorbeck in seinen Wagen stieg. Er gab die Tat unumwunden zu.

Die Verschickung russischer

Kriegsgefangener »«ach Sibirien.

Berlin, 9. Sept. Nach einer Meldung des Bert. Lok.-Anz." aus dem öaag wird aus Paris berichtet, daß acht deutsche Schiffe nach Sibirien gehen werden, um russische Kriegsgefangene dorthin zu bringen.

Tcr Handelsverkehr zwischen London und Hamburg.

A m ft e r d a m, 9. Sept. (WTB.) Tas Prcsse- bureau Radio meldet aus Hiorsea, daß der Han-» delsverkehr zwischen London und Hamburg in dieser Woche wieder aufgeniominen nird. Ter TampserWeimar" fährt am Mittwoch, mit Lebensmtttelu, Wolle, Jute und Oelen aus London ab.

Eine russische Kundgebung gegen die englische Politik in Persien.

H el si ng sors, 3. Sept. (Wolff.) In einem Moskauer Funkspruch nach Taschkent heißt es:

An die Arbeiter und Bauern

von Persien!

Während des ganzen letzten Jahrhunderts be­handelten Euch die russischen und eng­lischen Regierungen wie ein versklavtes Volk, indem sie sich den Umstand zutrutze machten, daß das ehemals so mächtige Volk Persiens unter dem unerträglichen Jocht seiner despotischen Schahs und seiner lüsternen und vergnügungssüchtigen Herr­scher den äußersten Grad von Elend und Erniedri­gung erreicht hatte. Tie englischen Räuber und die Agenten des Zarentttms, dauernd nach Er­oberungen lüstern, erniedrigten Euch zu einem immer tieferen Grad der Sklaverei. In Rußland herrschte die unbegrenzte Macht des autokratischen Zaren, in England herrschte und herrscht auch heute nock die Macht einer Handvoll allmichttger und kapitalistischer Räuber. Beide Raubkonkur- renteu, Rußland und England, befanden srch tn Bezug auf Persien in eitrigem Zwist miteinander, der nur darin bestand, wem es am besten gelinge, Euer Land auszuplündern und es unter dem Jom zu erhalten. Tann kam der Tag, an welchem ttch die persischen Massen erhoben und in unerschrocke­ner Weise versuchten, die unerträglichen hundert­jährigen J*esselu der unbegrenzten Geivalt sowohl der Schahs, als. auch der feudalen Blutsauger und

Bedrücker abzuschütteln. Tie Vorkämpfer für die Freiheit Persiens endeten auf dem Schafott von Teheran und später in Täbris. Aber die große russische Revolution brach aus. Eine der ersten .Handlungen derSowjetregierung Rußlands war die Kundgebung, daß jede Nation, ob gwß oder klein, ob unabhängig oder mit einem anderen Staat verbunden, frei über sich selbst verfügen und keiner anderen Macht gewaltsam ver­pflichtet werden fann. Was Persien anbe- trifst, so gab Kamerad Trotzki in seiner Note vom 14. Januar 1918 dem persischen Volke feier- lichst bekannt, daß alle Geheimverträge zwischen Rußland, England und anderen Mächten in Bezug auf Persien von Rußland aufgehoben seien, und daß das russische Volk Persien alles das wiedergebe, was ihm von den Generalen des Zaren abgenom­men war. Tie persische Regierung erklärte ihrer- leits alle diese Verträge als ungültig. Es schien, als ob für das persische Volk ein neues freies Leben beginnet sollte. Aber es kam anders: Im Frühling des Jahres 1918 besetzten die englischen Truppen nach und nach das ganze Reich Persien. Tie Engländer versprachen, Persien zu räumen, sobald die Türken endgültig aus dem Lande getrieben wären, und das Land für alle Requisitionen, die von den englischen Truppen vorgenommen wurden, ztr entschädigen. Tie Note der englischen Regierung vom 12. März, welche diese-Versprechungen enthielt, wurde am 14. März in der persischen ZeitungBaab" veröffentlicht. Tie Engländer versprachen, obgleich niemand sie darum ersucht hatte, dem persischen Volke nach dem Kriege bei dem Wiederaufbau seines zu­sammen gebrochenen wirtschaftlichen Lebens behilf­lich zu sein. Statt dessen machten sie die persische Bevölkerung zu ihrem Sklaven.

Nachdem die englischen Kapitalisten zusam­men mit den Kapitalisten Frankreichs und Ameri­kas ihren Weltrivalen, den deutschen Imperialis­mus vernichtet haben und jetzt ihren Sieg feiern, halten die Kapitalisten Englands den Zeitpunkt für günstig, unwiderruflich und end­gültig ihre Hand auf das ganze persische Reich zu legen. Persien wird dadurch aus der Zahl der unabhängigen Länder ausgeschaltet, sein Volk ist kein freies mehr, denn seine eigenen Despoten und Bedrücker erhalten Geld von England und machen sich zu dessen bezahlten Dienern. Wie ein schweres Gewicht werden sie auf dem persischen Volk lasten, aber dabei doch die Beute der noch größeren Bestie der Welt, des englischetr Kapitalismus, bleiben, das dem persischen Volke den letzten Blutstropfen aussaugen wird.

Der Münchener Geiselmord vor Gericht.

München, 8. Sept. Im wetteren Verlauf der BeNeiserchebung kommen die Bvrioände zur Erörterung, die zur Verhaftung der als Geiseln erschossenen Mitglieder der Thule-Gesell­schaft führten. Jette Mitglieder der Thule-Gesell- fchaft, die Gräfin Westarp, die Kunstmaler Neuhaus und Teile, Fphr. v. Seidlitz und Eisenbahnsekretär Daumenlang waren als Plünderer und Stempel- sälscher ans dem Hotel Vier Jahreszeiten einge­liefert worden. Die Zeugin Jvsefine Lack war Mitglied der Thule-Gesellschaft. Sie meint,Mün­chener Beobachter" und Thule-Gesellschrft wären voneinander getrennt gewesen. Einzelne Mitglieder der Thule-Gesellschaft waren Angestellte desMün­chener Beobachters", wie die Gräfin Westarp, die dort als Sekretärin beschäftigt war. Ter Vorsitzende verlieft ein Programm der Tlmle-Gesellschaft uird stellt daran antirupfend an die Zetugin die Frage, ob die Gesellschaft' antisemitische Denoenzen gehabt habe. Tie Zeugin erklärt, die Pflege des Teutsch- tums erfordere den Antisemitismus. Tie Mitglie­der der Gesellschaft ivaren Antiseiniten. Ter Zeuge Joses Gruber, Mitglied des Landessoldatenrates, bekundet, daß die Vernehmung der Mitglieder der Thule-Gesellschaft, die durch Eglhofer erfolgte, kein Ergebnis gehabt habe. Die Gefangenen erklärten, sie hätten mit Plünderungen irnd Stempelfälschun- gen nichts zu tun. Nach keiner Richtung fei ein belastendes Moment dafür gefunden worden,, daß die Stempelsälschungen mit der Thule-Gesellschaft oder deren Mitgliedern in Verbindung gebracht werden tonnten.

Hierauf wird eine Reihe von Schutzleu­ten vernommen, die durch Seidl am 28. April im Polizeigebäude zusammen mit Schülern eines Sckutzrnannstehrkursus verhaftet wurden. Sie stellten übereinstimmend dar, wie S^idl in Be­gleitung von etwa 150 Soldaten im Polizei- präiidium erschien und nach einem Panzeraato verlangte, um in diesem die Militärpolizei und die Schutzmannsschüler nach der Verhaftung ab- zuführen. Mit aller Bestimmtheit geht aus diesen Zeugenaussagen hervor, daß Seidl mit einem Re­volver bewaffnet die Treppe heraufstürmte und damit ihm entgegen kommende Personen bedroht:. Tie Schutzleute wurden von ihm als Reaktionäre beschimpft. Tas Zimmer des L<ü)rkurses betrat Seidl mit vorgehaltenem Revolver. Er erklärte die Anwesenden für verhaftet und drohte mit soforti­gem Erschießen, falls sie die Waffen nicht ab­liefern mürben. Tie Schutzleute wurden zusam­men mit den Mitgliedern der Thule-Gesellschaft im Luitpoldgymnasium eilt geliefert. T<ort erklärte Hai smann, er könne nichts machen, solange der Kommandant nicht da sei. Schickl Höfer rief den Schutzleuten zu, sie gehörten alle erschossen. Si: sollten zur Roten Armee gehen, wenn si: richtige Kerle fein wollten. Am 28. April ver­langten Seidl und Hausmann in der Polizei­direktion die Herausgabe der Geiseln. Tabei hatt: Seidl ständig die Pistole in der Hand. Als die Gräfin Westarp frug, wo sie jetzt hinkomme, sagt: er ihr:Sie sollen ruhig sein, sonst schieße ich Sie nieder."

Der ebenfalls unvereidigt vernommene Zeuge Peudelsbacher meint, wenn man mehr Sei­

dels in München gehabt hätte, würde es zu keinem solchen Saustall govommen sein, denn Ceiol sei gegen die dienstwillige Mannschaft anständig und gerecht gewesen, gegen die anderen habe er natür­lich strenge einschreiten müssen. Am dlbend des 30. April sei Hesselmann in der Wohnung des Zeugen mit einem Monokel im Auge er­schienen und habe gesagt:Das hat mir der Fürst Thum und Taxis gegeben, devor er erschossen worden ist." Als ihm Hesselmann von der Gr* schießung der Geiseln berichtete, habe er hinzu-- gefügt:Das hat Eglhofer befohlen. Erst haben wir den telephonischen Befehl bekommen und dann mich den schriftlichen." Am Abend sei Eglhofer ins Gymnasium gekommen und habe den Befehl wieder geholt und ihn dann zerrissen. Der Zeuge hat einige Tage nach der Tat mit Hesselmnnn einen Spaziergang gemacht. Hesselmann sei sehv ausgeregt gewesen, als er den Anschlag mit den Namen der ermordeten Geiseln gelesen habe. Ec habe ihn von dem Anschlag wegziehen wollen. Auch sei er von ihm gefragt worden:Glaubst du, daß sie uns was machen können?" Der Vor­sitzende zeigt dem Zeugen die Hesselmann ab* genommene Uhr und Kette, die als Eigentum zweier ermordeter Geiseln seftgestellt worden sind. Er will diese Uhr bei Hesselmann nie gesehen kerben, im Gymnasium sei er von diesem vielmehr öfters nach der Zeit gefragt worden, weil er feine Uhr besaß.

Aus dem besetzten Gebiet.

Der Putsch in Ludwigshafen.

Aus der Pfalz, 5. Sept. Ueber bie bedauerlichen Uebecgriffe in Ludwigshafen wird nunmehr auch die f r a n z ö s i s ch.e Dar­stellung bekannt: >>

Danach bat der dortige Bezirksamtrnann £)fcw regierungsrat Mattheus am 28. August mit Rück­sicht aus die umlaufenden Gerüchte, es solle in ber Nacht die neutrale Republik ausgerusen tverden, den Vertreter der französischen Mllitärbehörde in Ludwigshafen um militärischen Schutz. Letzterer; erklärte, es sei ihm b*on irgendwelchen Versuchen) zur Ausrufung der Republik nichts befcmit, inc übrigen sei die französische Militärbehörde zur Aufrech.terlxlltung der Ordmmg da. In den 9Lbeni>t stunden bildeten sich starke Ansammlungen, die von den französischen Truppen zerstreut wurden. > Tie Ursache der Erregung toar nach franözsisches Auffassung nur die Ausstreuung der Gerüchte über einen angeblichen Putsch. Nun will die Besatzungs-* behörde auf fallenderweise festgestellt haben, daß crn=* zelne öffentliche Gebäude starke deutsche Gendav-- meriebewachung vhne ihre Benachirichstigung, er*i halten hätten, -obwohl die deutsche Gendarmerie ihr unterstand. Lediglich aus diesem Grunde will man der französischen Polizei den Befehl gegeben haben, den Zweck dieser deutschen dNaßnahmen fest­zustellen. Als mm eine französische Militärpa­trouille, der ein französischer Polizist beigegeben war, ungewöhnliche Beleuchtung des PostMüälwes ermittelt habe uird weiter, daß darin trotz c-er vor­gerückten Nachtstunde ungewohntes Leben hwrschle, habe sie befehlsgenräß Einlaß zum Zugang des Postgebäudes verlangt, der zurrächst »erTveigrrt, dann aber auf 'Anraten der das Gebäude besetzt balteirden deutsch,en Gendarmen erteilt wurde. Bei ihrem Eintritt ins Gebäude befahl die französisck-e Polizei:Hände hock:«!", welchem Befehl die deut­schen Gendarmen Nachnamen. Weichzeittg will der französische Polizist bemerkt haben, wie eine Anzahl von zum Teil mit Totschlägern und Messern be- wafsiieten Zivilpersonen zum zweiten Stock des Gebäudes hrirauseilten, während andere es bereits durch eine Hintertüre verlassen hätten. Mit vor- gehaltenem Revolver begab sich dann besehlsgrmätz der französische Polizist in das obere Stockwerks sei aber hier sofort umringt jnti> von etwa fünf Personen angefaßt worden, die ve-rsucht hätten,, ihn aus dem Feirster auf die Straße zu werfen.: In dem darauf entstandenen Handgemenge h-ab« der Polizist den ihm aus der Hand geschlagenen Revolver wieder ergreifen und Schüsse abgeben können, durch die einer der Postbeamten tödlich verletzt wurde.

Vieles an dieser Darstellung bleibt frag­würdig und unklar.

Die Kommunalwahlerr

Tie ftanzösische Besatzungsbehörde erläßt zu den K o m m u n a l w a h l e n, die sie ror einigere Jagen endlich gestattet hat, eine Ausführung^ Verordnung, der wir folgendes entnehmen: Alle Zusammentünste, Vorstellungen und Versammlun-, gen, soioeit sie nicht unter freiem Himmel statt-, finden, find gestattet, wenn ihre schriftlich^ An­meldung wenigstens 48 Stunden vorher dem Kreis- administrator eingereicht wird und in dieser An­meldung enthalten sind das Programm der Ver-. sammlung und die Namen der verantwortlichen Veranstalter. Tie französische Behörde behält sich jedock vor, in jedem einzelnen Fall die Erlaubnis zu versagen und bereits gestattete Versammlungen, schließen zu lassen, ivenn ein Vertreter der fran­zösischen Behörde, der ihnen beiwohnt, dies für nötig hält. Jedes Flaggen oder jede Kundgebung! nur offener Straße ist verboten. Ueber das An-* ichlagen von Plakaten ist eine Verfügung erlassen worden, nach der keinerlei gedruckte ober hand- >chriitticha öffentliche Anschläge politischen Eha- rokttrs angebracht werden dürfen, ohne im vor­aus den militärischen Behörden unterbreitet wor­den zu fein. Tabei ist eine Erklärung vorzulegen, auf der die Namen der für den öffentlichen An­schlag veranttwrtlichen Personen hervor geht.

Adelung in Mainz wieder ausgenommen.

Mainz, 9. Sept. (W. B.) Der Oberbefehls­haber der 10. Armee, General Mangin, hat dem Mxinzer Beigeordneten Adelung, der sich feit Anfang Juni in Darmstadt aushielt, ge-