Ausgabe 
8.10.1919
 
Einzelbild herunterladen

Nr. 255

Ter Lietzener Lnzelger erscheint täglich, außer Sonn- und Feiertags, vezugrpreir:

»nonatl.2)k.1.60. viertel­jährlich ivtt. 4.80; durch Abhole- il Zweigstellen rnonatl. TU. 1.50, durch diePost Mk.5. viertel- jährl. ausschl. Be'tellg. Fernsprech - Anschlüsse: sürdieSchristleituug112 Verlag,Geschäst4s1elle51 AuschristfürDrahtnach- richten: Anzeiger Siehe».

Poftschecttonto:

Frankfurt a. M. U686

169. Jahrgang

Mittwoch, 8. Mober 1919

Eichener Anzeiger

General-Anzeiger für Oderheffen

Zwillingsrunddruck u. Verlag: vrühl'fche Univ.-Such- u. Steindruckerei R. Lange. Lchriftleitung, Geschäftsstelle u. Druckerei: Zchulstr. 7.

Annahme von Anzeigen s. die Tagesnummer bis zum Nachmittag vorher ohne jedeVerbindlichkeit Preis für 1 mm Höhe für Anzeigen v.34mmBreite örtlich 15 'Vf., auswärts 18 '13f., für Reklame« anzeigen von 70 mm Breite 48 Pi. Bei Platz- vorschriii20°/Auifchlag. Hauptschriitleiter: Aug. Goetz. Verantwortlich für Politik: Ang. Goetz, für den übrigen Tech Dr. Reinhold Zenz; für den Anzeigenteil: H. Bech sämtlich in Gießen

Die Etatrede des Reichskanzlers.

In der.Nationalversammlung war gestern eingrober Tag", der indessen keine gerade großen Ueberraschungen brachte. Reichskanzler Bauer sprach über den Etat und das Programm der Regierung, wobei er uns Kber die Verhandlungen mit den in die Re­gierung eintretenden Demokraten wellig sagte. Das Programm des Kabinetts sei das gleiche geblieben. Die Neuwahl zunl ersten Reichs­tag soll nicht vor dem Frühjahr stattfindcn, da sehr wichtige Arbeiten nochvon diesem hohen Hause" erledigt werden müßten. Bauer leitete seine Rede mit etwas gehobener Stim­mung über den langsam wachsenden Zug nach Arbeit ein, um dann aber gleich mit tiefster Betrübnis von der anderen Erbschaft zu sprechen, die noch in voller Blüte stehe: Die Korruption! Eine moralische Erkrankung ohnegleichen gelte es in allen Schichten zu bekämpfen, lieber das Betriebsräte­gesetz sagte der Reichskanzler, daß die Mehrheitsparteien,soweit ihm bekannt sei" (!) sich über den wesentlichen Inhalt ver­ständigt hätten. Die Wahlen zu den Betriebs­räten sind schon für Anfang des nächsten Jah­res vorgesehen, die zu den Wirt- schastsräten folgen einige Wochen später. Bedeutungsvoll ist die Neuregelung des Schlichtungswesens, die Bauer ankündigte. ES wird ein obligatorisches Schiedsge- sricht eingerichtet,um die Streiks auf das Äußerste Maß und die schwersten Fälle zu beschränken". Weiter wurden genannt ein Ge­setz über den Einstellungszwang für Kriegs­beschädigte, die Neuregelung der Militär- rentenversorgung, ein Reichsheimstätten- V setz. Auch der Achtstundentag soll gesetzlich sichergesteltt werden, ebenso die Arbeitslosen- Berficherung.

* *

Deutsche Nationalversammlung.

Berlin, 7. Ott.

Zu Beginn der heutigen Etatsdebatte nahm sofort

Reichskanzler Bauer das Wort. Er führte aus, das; das Programm der «rrveiterten Negierung das gleiche bleibe ivie bis­her. Die Wahlen foHen so früh wie möglich an Leraumt werden. Bei der Besprechung des Wirt­schaftslebens stellte der Reichskanzler fest, daß der Zug zur Konsolidicrrung deutlich zu erkennen sei, Daß die A r b e i t s f r e u d i g k e i t z u n e h m e. bestreikt werbe allerdings noch viel zu viel, aber «als alter Gerverksclwstler könne er feststellcn, das; die Beruhigung unter der Arbeiterschaft zunehme. sDas Streikrecht solle nicht angetastet werten, es solle das letzte Kampfmittel im wirtschaftlichen Streik bleiben, wenn es auch eine zweischneidige Sache darstelle. Entschieden vorgegangen werden smüsfe gegen die Korruption. Das liege auch iin Interesse des soliden Beamtentums. Der Gc.etz- «entwurf über die Hinterbliebenenrente sei fertig» gestellt, ebenso auch der Gesetzentwurf über die Mirtschaftsrente. Beide Vorlagen toürben sobald toie möglich der Nationalversammlung zugehen. Durch die Schaffung der Betriebs- und Mietschasts- räte, zu denen möglichst schon im nächsten Frühjahr die Wahlen erfolgen sollten, würden alle Einrich- jtungen illusorisch, die nicht auf dem Boden der' Verfassung ständen. Wenn das Streikreckt auch wicht angetastet werden solle, so müßten doch die Kampfmittel der Arbeiterschaft in Einklang ge­bracht werden mit den Notwendigkeiten der All- , gemench.it. Dazu sei erforderlich, die Durchführung einer Scklichtungsordnnng, wozu ein Gesetzentwurf letzt ausgearbeitet werde. Tas Ziel müsse die Ein­führung obligatorischer Schiedsgerichte sein.

An weiteren gesetzgeberischen Maßnahmen kün- drgt der Reichskanzler ein Gesetz über den E i n- stellungszwang von Kriegs beschädig­ten an und ferner die Umbildung der Militär­renten- und Dinterbliebenenversorgung, die nicht nach militärischen Dienstgraden, sondern nach so­zialen Gesichtspunkten ausgebaut werden soll. Auf dem Gebiete des Ansiedelungswesens werde ("in Hei m st ättengesetz für Kriegsteilneh­mer die erfolgversprechenden Llnsätzc weiterführen. Tie Errungenschaften auf dem Gebiete des Arbci- terschutzes werde ein n.ues Gesetz, das vor allem den A ch t st undentag sichere, zusammensassen. Geplant sei ferner die Umgestaltung der vielfach mipbrauchtcn Einrichtungen der Arbeitslosenunter­stützung. Mehr als bisher müßten die Gemein den die Arbeiislosen mit Notstandsarbciten be­schäftigen. Wer dann die ihm zugewiesene angemes- Isrne Arbeit nicht annehme, der gehe seines An­spruchs auf die Arbeitslosenimterstützung verlustig. -Anstelle der Unterstützung soll künftig eine groß­zügig ausgebaute Arb ei l s l o se n v-e r s ich e- run g treten. Von den großen wirtschaftlichen Fra­gen sei es besonders der Zustand unserer Valuta, ! der die Regierung mit ernfter Sorge erfülle. Die sWiederkehr geordneter Zustände im 3nnem' und 'die Hebung der Produktion seien die hauptsäch­lichsten Mittel, die hier eine Besserung herbeizu- 'tühren vermöchten. In den Kohlentergtoerlen sei 1>ie Arbeitsleistung und in Verbindung damit die Produktion neuerdings' in erfreulichem Maße ge- stivgen. Dagegen lägen Transvortverhältnisse noch immer sehr im Argen. Solange nicht von der Eisen­bahn und insbesondere von den Eismbahnwerkstäi-1 tett intensivere Arbeit geleistet werde als bisher, fei eine Besserung kaum zu erwarten. In den Koh-1

lenrcvieren könnten immer noch cttva 38 000 Ar-1 so besser gehen würde, je weniger sie arbeite, richt des Arbeiterverbandes in den beiden letzten

Eine Abstimmung über Alkoholverbot.

C h r i st i a n i a, 7. Okt. (WTB.) Das Ergeb­nis der Abstimmung über das absolute Alko­holverbot, das um 9 Uhr abends eintretet soll, zeigte, daß 396 589 für Ja und 272 641 für Nein gestimmt haben. In Christiania Haber» 18 542 für Ja und 69 977 für Nein gestimmt.

D'Annnnzio an die Bewohner Kroatiens,

Wien, 7. Okt. (WTB.) Nach einer Mel­dung des Laibacher Korr.-Bureaus veröffentlicht das Fiumer BlattPopolv" einen Aufruf d'A n- nunzios an die Bewohner Kroatiens, in dem aufg-esührt wird, daß sowohl die Kroaten, als auch die Jtalierrer das Opfer iitternatioualcr jüdische Spekulanten seien, die einen Bruch zwischen diesen Leiden Böllern herbeizuführen trachteten. Der Auf­ruf schließt mit dem Ausruf: Hoch das italienische Fiume! Hoch die italienisch-slowenische Eintracht!

Monaten vorkamen, und die, wieFederal Re­serve Board" mitteilt, in einigen Teilen des Lan­des die Produktion um vierzig Prozent vermin­derten. Die amerikanischen Eisenbahner beschlossen bereits zu streiken und warten nur aufi die Ergebnisse der Konferenz und darauf, ob die Preise zurückgehen wdrden. Ferner werden die Bergarbeiter eine energische Aktion für die Ver-, staatlichung führen, wenn die Konferenz nicht bc* friedigende Ergebnisse zeitigt.

Bern, 7. Okt. (WTB.) Der Korrespcndent derBasler Nachrichten" meldet aus Paris, die plötzliche Abreise des Obersten House hänge weniger mit der Krankheit Wilsons zu<' lammen als mit der Tatsache, daß der Friede von Versailles Höchstwahrschein-

Per Streit um die Räumung der baltischen Provinzen.

Versailles, 7. Okt. (WB.) Wie ter Temps" mitteilt, hat der Fünfer-Rat die Note der deutschen Regierung tetr, bi? Jo fertige Räumung der baltischen Provinzen 'ür ungenügend tefunden. Sie steh? im Wider­spruche mit den Nachsichten, die er aus Kurland und Litauen erhalte. Marschall Fach wurd? be­auftragt, eine Antwort auf die deutsch: Nute v:o r zub-ere i t.en. Tie in der ,'rsten Note im Falle der Nichtausführimg vorgesehenen Maßnahmen bleiten bestehen und wwten effektiv werden, namentlich was die Einstellung der Nah­rungsmittel- unb bet Nohmaterialzufuhr betrifft. In der morgigen Sitzung soll auch tetr, der Uebcrwachungskommission, die die deutsche Re­gierung vorgeschlagen hat, entschieden wwten.

Berlin, 7. Okt. (WTB.) Der Aufruf der Negierung an die Truppen im Baltikum verfehlt seine Wirkung nicht. Dauernd rollen die Transporte zurück. Ein Teil der Trup-t Pen ist jedoch durch die Verworrenheit der Ziele, die bisher verfolgt wurden, twch sch.oankend in seinem Entschluß. Nachhaltigen Eindruck machten bie' von General von der Goltz besonders betontett Repressalien, die von der Entente ergriffen mürben. Es ist zu erwarten, daß es dem Einstuß der Führer gelingt, die Masse der Truppen von den Notwendigkeit der Rückkehr und der Unmöglich­keit eines weiteren Verbleibens int Baltikum zi» überzeugen.

Die Erkrankung Wilsons.

Amsterdam, 7. Okt. (WTB.)Times" erfährt aus Washington: Obwohl mitgeteilt wurde, daß der Zustand Wilsons sich gestern besserte, fürchtet man, daß es noch lange bauern werbe, ehe Wilson seine Arbeit mieber aufnehmen kann. Man überlegt, ob es notwendig fein wird, den Vi z c- präsidcntenzu beauftragen, an Wilsons Stelle zu treten. Wilson tarnt wegen seiner Erkrankung auf der industriellen Konferenz nicht den Vorsitz führen. An der Konferenz »verden mehrere füh- renbe Jnbustrielle teilnehmen, ferner Geschäfts­leute, Arbeiterführer, Sozialreformer, mehrere Frauen unb Vertreter bes Publikums. Die At­mosphäre ist für bie Konferenz nicht günstig. Obwohl ber Streik der Stahlarbeiter abzuflauenl beginnt, herrscht doch noch große Beunruhigung wegen den zweitausend Streiks, die nach dem Be­

teiter untergebracht werden. Davon sei für 20000 Dadurch müsse das Volk dem Hungertode Unterkunft bereits in ausreichendem Maße vor-1 überliefert werden. Wer nur eine Spur von Ver-

l i ch schon in der nächsten Woche tu Kraft treten wird. Der französische Senat wird spätestens am Samstag ratifiziert haben, so daß bis zum 12. Oktober die drei zum Jnkraft- treten notwendigen Ratifikationen beisammen feirt' werden. Dann ist der Kriegszustand offiziell zu Ende unb bie offiziellen Beziehungen zwiscknm den Ententestaaten unb Deutschland sollen wieder auf-, genommen werden. In Frankreich wirb bann eine Erleichterung im Paßwesen eintreten.

* . *

Die Ausliesernngsliste der Entente.

Versailles, 7. Okt. (WB.) Die Parisi Mrrgenpresse veröffentlicht eine Tepesch: -us Washington, bie meidet, Frankreich unb Bel­gien hätten nunmehr ber Friedenskonferenz die Liste ber Deutschen übermittelt, bi: nach den Bestimmungen des Friebensvertrages wegen Vergehens gegen das Völker­recht ober das Kriegs recht ausgelieftrt wer­den fallen. Kaiser Wilhelm stehe nicht auf ter Liste.

Fapan und der Friedcnsvertrag.

Versailles, 7. Okt. (WB.) Nach einet Meldung aus Tokio, bie derEclair" veröffentlicht, nrirb ber Mikado den Friebensvertrag am 17. O V tober ratifizieren.

Revolutionäre Bewegung in Portugal.

Mabrid. 7. Okt. (Wolff.) Die portugiesische Regierung veröffentlichte vor einiger $dt eine Note, in welcher sie ihrer Besorgnis hinsichtlich ber Gefahr eines neuen Eisenbahner- streiks mit revolutionärem Charakter Ausdruck gab. Die lieberrocifung von 68 gewerkschaftlich Organisierten, an bie Gerichte hat die ersten Zwi­schenfälle hervorgerufen. Im Anschluß an eine Geheimversammlung begab sich eine Gruppe O» ganifiertcr vor das Gefängnis von Limoveire mit der Absicht es zu stürmen, wobei Rufe wie:Es lebe die Anarchie?" laut wurden. Die Truppen griffen ein unb zerstreuten bie Manifestanten. Es wurde besohlen, daß alle Geschäftshäuser unb alle nach ber Straße gelegenen Fenster zu schließen sinb. Ein Aufschub ber Einführung des Achte sluntentages hat die Erregung noch verstärkt.

M abrib, 7. Okt. (Wolff.) Wie ben Zeitun-* gen aus Portugal gemeldete Nachricksten bestätigen, haben bie Revolutionäre in bet Nähe von Aveiro einen Zug zum Entg leisen ge­bracht. Durch bie Umsicht bes Lokomotivführers wurde ein größeres Unglück verhütet. Mehrere Personen wurden verletzt. Gestern Tarn es in Lissabon zu weiteren gewerkschaftlichen Kundgebun­gen. Die Polizei zerstreute bie Manifestanten unb nahm zahlreiche Verhaftungen vor. Die Versuche ber Demonstranten, die Präfektur zu stürmen, schei­terten an dem Eingreifen der Polizei.

Versailles, 7. Okt. (WB.) Nach Mel­dungen aus Lissabon ist dort ein General- streik ausgebrochen, ter sich bis jetzt noch nicht auf bie Provinz ausgedehnt hat.

banden. Wenn das Ausland noch immer nicht das Vertrauen zu unserem guten Willen unb ber Ehr­lichkeit unserer Ge.innmig habe, so liege das zum Teil an ber verhängnisvollen Obstruktion der Deutsch-Nationalen unb Unabhängigen. .Am meisten sei die militärische Institution ter Republik, b i c Reichswehr, vielen Mißdeutungen ausgesetzt. Wir brauchen eine militärisch or­ganisierte Truppe einmal, um im Innern die Ord­nung auftecht zu erhalten, unb bann, nm überall da eine* Vorwegnahme ber Entscheidung zu ver­hindern, wo die freie Abstimmung der Bevölkerung über das Schicksal des Landes entleiben soll. Nach dem Frietensvertrag muß bie Stärke ter Re i ch s- wehr innerhalb zweier Monate nach ber Ratifi­kation auf 200 000 Mann herabgesetzt lverden. Tas wirb gescheh-TN. Wir werden zu diesem Zeitpunft nicht einen Mann mehr über diesen Tag hinaus unter ben Wasim haben. Es ist unser Bestreben, den Friebensvertrag nach Kräften in allen Teilen zu batten unb zu erfüllen. Aufgabe bes Reichswehr­ministers Nürb es sein, den Mißbrauch der Truppen zu verhindern. Taten barf aber keinerlei Gesin­nungsschnüffelei geübt werden. Wir wollen in ber Truppe feilte Politik, keine w.iße, aber auch keine rote Garde baten.

Der Reichskanzler schildert sodann bie Maß­nahmen, bie ergriffen worden find, um die deutschen Truppen aus dem Baltikum znrückzuziehen. Es müsse die Forterung ausrecht erhalten bleiben, baß die Truppen hinausgingen aus einem Lande, wo wir nichts mehr zu suckln haben. Am besten könnte sich bie Entente von unseren Maßnahmm über­zeugen, wenn sie ben Vorschlag auf Einsetzung einer gemischten Kommission annähme. Aber ben schärf­sten Protest müsse die Ankündigung ber Alliierten herausforberu, aufs neue ben Hnngerkrieg gegen unsere Frauen und Kinder zu eröffnen. Der Reichs­kanzler polemisierte zum Schluß gegen verschiedene Presseäußerungen, in denen der deutsch-nationale Chauvinusmus zum Schaden des gesamten beute scksen Ädlkes zum Ausdruck gekommen sei, und erklärte, daß mit staatlichen Mitteln dagegen ein» igefchiütcn werten solle. Das deutsche Volt werde in eivger kultureller Verbindung mit den Stammes- Igenossen an ben Wiederaufbau des Deutschen Reiches zuversichtlich Herangehen.

Darm erhält als erster Redner aus bent Hause das Wort ter Abg. Dr. Petersen der die Gründe barlegte, warum die Deutsche demokratische Partei sich an der Regierungsbildung wieder be ­teiligt habe, unb erklärte, daß vaterländische Inter­essen diesen Wiedereintritt notwendig gemacht hätten. Tie bisherigen Erfahrungen seit ter Re­volution teite'ii gezeigt, daß wir -ohne Akkord- arbeit nicht auskommen können. Wir verlang.'st deshalb die Aufhebung aller Verbote, br ber Wieoereinführung ter Akkordarbeit im Weg1 stehen. Wir sino bereit, jeglick-en AuUoau unserer sozialen Gesetzgebung zu fördern, aber 'wir fordern den Ab­bau drS gegenwärtigen Systems der Arbeitslosen­unterstützung. Tie Zwangswirtschaft muß sobald wie nur irgend möglich auf gerate: t werten, aber wir verkennen nicht, baß. bei einer Reihe von lebenswichtigen Waren zur Zeit noch nicht mög­lich ist. Eine maßlose Ausnutzung ter Konjunktur würde dem Hantel selbst am mcisten schad'«. Auf­gabe der Regierung wirb es, sein, alte Auswüchse in die'er Hinsicht mit rücksichtsloser Strenge zu bekämpfen. Aber sie muß auch auf der an­dern Seite den Hantel von allen un­nötigen Fesseln befreien. Wir 'warum vor allem davor, ohne eine gründliche Prüfung unter Hinzuziehung von Sachverständigen, Versuche auf dem Gebiete der Sozialisierung vorzunehmen. Un­sere niebergebrochene Wirtschaft verträgt keine Ex­perimente, die nicht die Sicherheit des Gelingens in sich tragen! Wir betonen erneut unsere Bestre­bungen zur Hebung des Einftnsses ber Arbeit-, nehmer im Wirtschaftsprozeß: wer diese Forde­rung nicht unterstützt, der verkennt die Zeichen seiner Zeit. Nach dem Zusammenbruch unserer Machtstellung sind wir in besonderem Maße ver­pflichtet, moralische Eroberungen zu machen. Das kann nur geschehen, wenn wir uns zu gemeinsamer Pflege deutscher Kultur zusammenschließen. Wrr wollen ruhig zugeben, daß das bisherige System unserer Politik verfehlt war. Aber wir brauche^ uns deshalb der Vergangenheit nicht zu schämen unb wir wollen bas Gute, das sie gehabt hat, hochhalten. Das gilt auch von ben Männern, die, wenn sie auch schwere Schuld auf sich geladen haben, sich große Verdienste um das Reich er­worben haben! (Starker Beifall links.)

Abg. Scheibe mann (Saz.) begrüßt den Wiebereintritt der Demokratie in bie Regierung, obwohl ihm natürlich eine rein sozialistische Re­gierung lieber gewesen wäre. Jeder Deutsche, der überhaupt rwch ber Vernunft zugänglich sei, müsse jetzt zum mindesten Vernunft-Republikaner sein. Monarchische Offiziere, bie die Republik sogar vor ben Soldaten beschimpften, müßten in ter Armee unmöglich sein. Der Belagerimgszustanb mjf e so bald wie möglich aufgehoben werten; er müiie ein Ausnahmefall bleiben unb dürfe nicht zum Nor- maljuftanb werben. Zur Beschwörung der monar- chisfischen Gefahr gebe es nur ein Mittel: die Eini­gung ber Arbeiterklasse. Seine Partei empfinte den tiefsten Widerwillen gegen bie Spaltung. Haase habe bei tem letzten Behandlungen in Sachsen er­klärt. bie Unabbänignt müßten Bedingungen stel­len, die die Mehrheitssozialisten nicht erfüllen kömi- tcn. Das sei bie Methode des österreichischen Ultl- nlatums an Serbien. (Unruhe bei den Unabhän­gigen Haase ruft: Micke Bedingungen habe ick verlangt?) Ter Weg ter Unabhängigen müsse un­fehlbar zum Ruin der Arbeiterschaft führen. Das Kurpfuschertum ter Unabhängigen habe mit zu bet Heilslehre geführt, baß es ber Arbeiterschaft um

Der bayerische Spartakistensührer Levien verhaftet.

Wien, 7. Okt. (WTB.) Gestern würbe hiei der von ber bayerischen Regierung steckbrieflich verfolgte Spartafistenführer Dr. Max Levien von ter Polizei fest genommen. Es war be Polizei feit einiger Zeit bekannt, daß sich Levien in Wien aufhalte. Die Festnahme erfolgte in ben Abendstimten in ter Nußborserstraße durch zwei Polizeiagentcn, die seine Spur schon seit einigen Tagen verfolgt hatten. Levien machte keinen Ver­such, sich zu widersetzen und ließ sich willig in das Polizeidirektorium führen. Tort versuchte er anfangs zu leugnen, gab diese Taktik aber schließ­lich auf unb gab zu. mit bem Verfolgter? ibentifdj zu sein.

antivortlichkeit in sich habe, müsse pld^n gemein­gefährlichen Irrsinn bekämpfen. Tie Soziali­sierung müsse vorsichtig gehandhabt werten;. In teer Frage des Mitbestimmungs-- unb Miteinsichts- rechtcs aber könne seine Partei feinen Schritt zurückweichen. Unser nächstes Ziel ist die G> staltung des Völkerbundes zu einer Ein­richtung, die allen Völkern bient. Aber ter Friede m u fi revidiert werten, sonst kann bie Wett nicht zur Ruhe kommen!

Abg. Graf Posabowsky (D.-Nat.): Wenn Scheidemann es für nötig hält, wegen unserer monarchisttschen Ucberzeugung mit Drohungen zu kommen, so möchte ich ihn beruhigen: Wir sind keine Revolutionäre, sondern wir sind Evolutionisten. Selbst wenn eine monarchische Regierung wiederkäme, müßte sie manches von den heuttgcn Einrichtungen übenreh- men. Zur Verbesserung unserer wirtschaftlichen Zußäute müssen die Grenzen gegen die ivilte Ein- ruanterung geschlossen werden. Die Zwangswirt­schaft wird sich nicht mehr lange aufrcchterhalten lassen,- die Regierrmg solle daran denken, zu anderen Methoden übcrzugehen. Das Reichs- ii o töpfer ist auf grundfalfck)er Idee aufgebaut. Die Rcichsabgabenordnung führt eine wesentlich verbesserte Erfassung der Steuerobjette [erbei, zer­stört aber die Selbstverwaltung der Länder und Ge­meinden vollkommen. Der burcaukratische Apparat, der erforderlich sein wird, ist kaum ans;u- denken. Wesentlich einfacher wäre es, wenn ter Reichsfinanzminister einen prozentualen Zuschlag zu den Staats steuern ergeben würde. Mit ben Arbeiterräten muß endlich aufgeräumt werden! Im Gesetz .über bie Betriebsräte liegt an sich ein gesunder Gedanke, aber die Räte in die Betriebe selbst hineinredeic zu lassen, halte ich für eine Uebertreibung>. Ich halte es für zu weitgehend, daß man das ganze Elend ber Revo­lution zuschiebt: ein Teil stammt aus dem ver­lorenen Krieg. Aber bie eine -Schuld hat die Re­volution sicher: sie erschvert die Wieteraufrichtung unendlich! Uns Deutsch-ssfationalen sollte man nicht die Sünden ter Deutsch-Konservativen in die Schube schieben! (Zurufe.) Ich habe nie ter deutsch-konservativen Partei angehört. Tie teutsch- nattvuale Partei hat den neuen Bestrebungen in iveittm Umfange Rechnung getragen und kann nicht mit ter konservativen Partei identisch erklärt wer­ten.

Abg. Joos (Z.): Durch den Wiedereintritt der Demokratie hat Die Regierung bie er.m'inschte Erweiterung erfahren und wird sich, hoffentlich zu einem zuverlässigen Block der Verfassungsparteivw enlwickeln. Tie Regierung sollte rücksichtslos zn- greifen irnb durch Einführung von Volrsgerichten den Wucherern unb Schiebern im abgekürzten Ver- foljTcn zu Leibe rücken.

Die Weiterberatung' tvird auf Mittwoch 1 Uhr vertagt. Ein gegangen ist eine Interpellation ter Deutschen Volkspartei über den Schutz ter Jugend gegen sittliche Verwahrlosung.

Schluß 6*/4 Uhr.