Ausgabe 
6.5.1919
 
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Nr. 104

Der siebener Hnjtfget erscheint täglich, anher Sonn- und feiertags.

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Erster Blatt

169. Jahrgang

Dienstag, 6. Mai 1919

Gietzener Anzeiger

General-Anzeiger für Oberheffen

Srollltngsninbbrud u. Verlag vrühl'fche Uni».-Vuch- u. Steii»ri<erei X. Large. Zchristleitung, Seschäftrstelle u. Druckerei: Zchulftr. 7.

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Vas (Ergebnis der deutschen An­frage in Paris.

Mittwoch nachmittag um 3 Uhr sollen unsere Delegierten in Versailles erfahren, die Entente in der langen Zeit des Waffenstillstandes ausgebrntct hat. Gras Rantzau wollte nicht, wie einst Heinrich IV., eitrige Tage barfuß unb im Büßergewande hm Burgtor harren, bis es der ßhitente ge fallen würbe, denSann" zu losen. Er zerriß das tragische und feierlich^ Warten durch eine vlnfrage, eine entschlossene Warnnng, baß die Delegierten, die ihre Zeit nicht gestohlen hät­ten, abreisen würden, wenn nicht endlich ver- Handclt würbe. Das hat nun doch gewirkt. Wir erfahren heute auch, baß die Italie­ner durch irgend ein Komprömiß wieder ver­söhnt worben seien itnb ber Ueberreichung des Friedensdokumentes am Mittwoch beiwohnen würden. Auch die belgische Wolke hat sich pnscheinend wieder verzogen. Ein Minister- rat in Brüssel hatte noch am Samstag ge­raten, ob die Delegierten den Friedensvertrag unterzeichnen oder sich von der Konferenz zu- rückziehen sollten. Belgien ist von dem, was ihm durch den Vertrag gebilligt werden soll, durchaus nicht befriedigt; es wird aber heute gemeldet, daß es den Vertrag unterzeichnen tverde. Nun gehören aber Zwei dazu, näm­lich auch die Deutsck>en, die sich durch soiese Meaiekunst nicht irreführen lassen werden. Belgien soll der Sclmdenersatz von Mil- liaroen zu wenig sein. Auch verlangte es die Revision der Verträge von 1839, indem alles jms diesen Verträgen zu entfernen sei, was 1914 dieUeberrumpelung" Belgiens erleich- tert habe. Hierzu gehörte nun aber auch die Einwilligung Hollands, auf dessen Kosten dieseReformen" erfolgen sollen. Und daran fehlt es, und die Entente hat sich dock nicht aufsckwingen können, gegen unseren kleinen Nachbar Gewalt zu üben. Belgien wird einst­weilen mit Versprechungen gefüttert.

Die österreichischen und ungarischen Dele­gierten sollen die Friedensbedingungen erst später in Empfang nehmen. Die Entente will bekanntlich die Bereinigung Deutsch-Oester­reichs mit dem Reiche verhindern, und ihre Taktik ist noch nicht recht erkennbar, besonders da em Pariser Blatt verraten hat, mit Deutsch-Oesterreich solle ein besonderer Vor- trag geschlossen werden, um den Deutsch­land sich nicht bekümmern dürfe. Die Karten werden nicht offen auf den Tisch gelegt, aber ßkaf Rantzau wird versuchen müssen, die Trümpfe ber Gegner hervorzuholen. Wir leben zwar, wie man sagt, in dem neuen Zeit­alter der großen Versöhnung und derMensch- heitsidee, aber der Rosenkranz Hamlets hatte auch schon einmal die Botschaft mitgebracht, daß die Welt ehrlich geworden sei, und dieser hatte darauf erwidert, so stehe der jüngste Tag bevor, aber die Neuigkeit sei nicht wahr. Tie Friedenskonferenz in Versailles wird vermutlich uid}t schlechter und nicht besser sein als ihre Vorgängerinnen auf der Weltenbühne.

Die Verhandlungen in Versailler.

Versailles, 4. Mai. Von der deutschen Delegation wurde die Prüfung der feindlichen Fric- densvollmachten becitirigt und die Entente hiervon utrternditit. Diese Mitteilung chiirte zum Anlaß genommen, daraus Ifatzuweisen, daß drei Reichs- ufarif-.er in Versailles seien und eine möglichste Beschleunigung der Verhandlungen im all­gemeinen Interesse liegen würde. Tie deurschc Delegation ridfete an die Pariser Konferenz die offizielle Anfrage, wann mit der Vorlage ber Frieden sbedingungen gerechnet werden könne. Tie (Entente gab bis spät am Albend noch keine Antwort.

Die Ueberreichung de» Friedens- dokumente» erfolgt Mittwoch.

Versailles, 6. Mai. (WTBll Auf die A n - frage der deutschen Delegation, wann das Friedensdokmnent überreicht norden würde, ist beute Tiacbmittag die Annvort eingetroffen, daß die Uebcrreia'mna am Mittwoch den 7. Mai, nach­mittags 3 Uhr, im Trianonpalaste vor sich gehen werde.

Die Einladung an die österreichischen und ungarische» Delegierten.

Paris, 6. Mai. Reuter. (WTB.) Der Rat der Drei hat schlossen, die ö st e r r e i ch i s ch e n und ungarischen Delegierten einzu­laden, damit sie übemächste Woche nach Bcr- saillcs kommen foTutien, um dort die Friedensbedin- gungen in Empfang $u nehmen.

Versailles, 6. Mai. (WTB.) Wie der Eclair" meldet, erwartet man ba5 (Einttcffeii der öfterreichis ckcn und ungarischen Delegierten in St. Germain am 14. Mai. D^ehrere Gebäude werden für ihre Unterbringung requiriert. Das Eintreffen der Oesterreicher und Ungarn, wird durch die Vorlegung des Friedens­

vertrages an die Deutschen mitte ftimmt. Voraus­sichtlich werden die Deutschen mit dem Vertrags­entwurf nach Weimar abgereist fein, wenn die Verhandlungen mit den Dcfteneicbern und Ungarn beginnen. Man glaubt, daß die beabsich­tigte Vereinigung Deutschlands und Oesterreichs durch eine Spezialklausel ver­boten wird.

Tie Rückkehr der Italiener nach Pari».

-Paris, 6. Mai. Havas. (WTB.) Ter italie­nische Lvisckiaster in Paris teilte den Regcerungs- häuvtern der Alliierten mit, daß Orlando und Sonnino im Lause des Abends aus Rom ab­reisen und am M ittwoch morgen wieder in Paris eintreffen würden.

Die Belgier und der Friede.

Brüssel, 6. Mai. Havas. Ter Kron rat beschloß, den Friedensvertrag zu unter­zeichnen.

Fouhaux' Brief an Clemenceau.

Berlin, 5. Mai. Der Generalsekretär der französ. Gewerkschaften, Jvuhaux, der bei den Demonstrationen am 1. Mai in Paris ver­wundet worden ist, hat wie bereits kurz ge­meldet sein Mandat a ls Fach dele­gierter der Friedenskonferenz zu­rückgezogen unb dies in einem Briese an Clemenceau begründet, in dem cd u a. heißt:

Als Bertrcter der franzSsischen ArbeiterNassc in die Konferenz berufen, rst es mir unmöglich, meine Ausgabe zu erfüllen, nachdem die franröfische Regierung die Rechte der Arteiter in so brutaler Werse unterdrückt hat. Sie haben gegen die Pariser Arbeiter die Polizei und die Armee mobil gemacht. Sie haben Männer, Frauen und Verstümmelte mit der unerhörtesten Grausamkeit mißlmnbeln lassen, obwohl sie für sich nur eine Freiheit beanspruchten, die ihren Genossen in ber ganzen Welt gewährt wird. Da Sie diese Freiheit den Arbeitern verweigern, ist eS mir als deren Ver­treter nicht möglich, für mich die Freiheit zu er­warten, deren ich für meine Tätigkeit bei der Friedenskonferenz bedarf."

Die Schleifung der Pariser Befestigung-werte.

Paris, 6. Mai. Havas. (WTB/> Gestern morgen 10 Uhr wurde in Gegenwart des Bureaus 1 des OKmeinterctts und zal)lreicher Anschürer der erste Spalenstick zur Schleifung der Pari­ser Befe st igungs werke getan.

Die geplante Volksabstimmung in Allenstein.

Versailles, 6. Mai. (WTB.) DasEcho de Paris^ veröffentlicht folgende Einzelheiten über die Volksabstimmung im Kreise Allen- ft e i n, die laut Artikel 2 des Friedensvertrages vorgesehen sind: Innerhalb 14 Tagen nach Frie­densschluß müssen alle deutschen Truppen aus dem Kreise Allenstein abgerufen werden. Sie haben sich jeder Requirierung zu enthalten. Ein Aus­schuß von fünf Mitgliedern, wclckstr twm Völker­bund ernannt wird, übernimmt die Kreisverwal­tung und organisiert die VoikSabstinnnung. Er kann hierbei von einheimischen Persönlichkeiten un­terstützt werden. Alle Einwohner über 20 Fahren falb stimmberechtigt.

Au» München.

Bamberg, 5. Mai. In München sind, vom Jubel ber Bevölkerung begrüßt, weitere Truppen cingezogen. Bei den Straßenkämpfen in München hat cs bisher in^gefamt 150 Tote und 990 Ver­wundete gegeben. Der Rotgardist Seidl, ber die Geiseln im Luitpold-Gymnasium erschießen ließ, sollte im Schlackst- und Viehhof standrechtlich er­schossen werden. Tie württemtergilckstn Soldaten, weigerten sich dessen, sie haben ihn erschlagen Levien und Levine werden, in den Quartieren Der galizischen Juden gesucht. Alle Geiseln, etwa 100 an ber Zahl, und die weiteren ungezählten Verhafteten sind wieder freigelassen worden, die meisten schon am 30. April, als der Zusammen- brach ber Räterepublik offenfunbig geworden war. 9tur im Luitpold^Gymnaflum kam es zur Ermor­dung der Gefangenen. Nach den amtlichen Er­mittelungen sind folgende Personen er­mordet worden: Walter Neuhaus aus München, Baron von Teuchcrt aus Regensburg, Kunstmaler Friü>rich v. Seidlitz ans München, Walter Teile aus München, Gräfin Hella v. Westarp aus Mün­chen, Eisenbahnsekretär Anton Daumenlang ans- München, Prinz Gusvrv von Thum und Taxis, ferner zwei Angehörige der preußischen Garte- sckülvendirision, dir bei Dachau gefangen und nach München in das Luitpold-Gymnasium gebracht worden sind, wo der Haavtsitz der Kommunist« war. Vermutlich ist ber Befehl zur Erschießung ber Geiseln im L uitpold-Gymnasium zuerst Mrs- gegeben worden, weil Rotgardisten, bte die beisor gefangenen Garbeschutzen dorthin gebracht harten, von den Verhandlungen des roten Ober Komman­danten mit dem Führer der Regierungstruppen. Oberstleutnant Faupcl, berichtet hatten. Letzterer hatte die bedingungslose Uebergabe und Ai-süefe-

rung der Rädelsführer verlangt, worauf ihm mit Erichiesen der Geiseln in München gedroht wurde und er dafür seinerseits mit der Erschießung »an Kommunisten nricbcr gedroht hatte. Tr. Levien und Levine waren im Keller des Luitpolb-Gym» nasiums anwesend, als ber inzwischen verhaftete unb erschlagene Kommunist Seidl aus Clrcmnitz und sein Stellvertreter im Kommando, Haußmann aus Münckstn, ben Befehl zur Ermordung der Gei­seln gaben. Hausmann hat sich vor seiner Vertef- tung erschossen.

München, 6. Mai. (WTB.) Die bayerische Regierung wird lautStvatsst.tung" noch einige Zeit in Bamberg Derbleiben, wo mm auch in absehbarer Seit ber ßanbtag zusammentretcn wirb. Dos Kriegsmini st crium soll in nächster Woche nach München übersiedeln.

Maffeuverhastun-en.

München, 4. Mai. In München sind, laut Bvssischer Zeitung", bis jetzt 5 0j)0 Verhaf­tungen »-.'genommen worden. Schwabing, das Nest der Spartakisten, ist heute besonders aus- geräumt worden. Tort ist auch heute vormittag gekämpft worden. Landauer ist wieder verhaftet.

Die Neich»wehr in Bayern.

Berlin, 6. Mai. (WTB.) Heute nachmittag sand jmiftficn dem Reichstvehrminister Noske und dein bayerischen Militärminister eine Aus­sprache über die Bildung einer Reichswehr in Bayern statt, bei der volle Uebereinftimmung erzielt wurde.

Au» Braunschweig.

Braunschweig, 6. Mai. (WTB.) Ckmeral Märker verläßt mit feinem Stabe am Mittwoch Braunschweig, um sich nach Weimar zu begeben.

Verlangen nach Veröffentlichung der (YeschaftSde. richte und Bilanzen durch die KriegSgcsellfchafteu

Tie Tätigkeit der zahlreichen Kriegsorgmi- sationen ist nicht nur aus prinzipiellen Gründen h. :'t-iter Treffen te5 deutschen Volkes, die für ehre freie Wirtschaft ein treten, Gegenstand der Kritik geworden, sondern insbesondere auch deshalb, weil ein öffentliches Interesse daran bestehl, daß die Geschäftsführung der betreffenden Organ rsa- honen hei der Bewirtschaftung ber Güter ord­nungsmäßigen, kaufmännisch. Grund- satzen folgt. Eine Rücksicht auf den Kriegszweck, babixgefr-nb. daß der Staub ber einzelnen Wirt­schaftszweige den Feinden TeutfcAands verborgen bleibt, besstfst heute nickst mehr. Da ein Teil der (Kriegsorganisatiotven bisher eine Veröffentlichung der Bilanzen entweder überhaupt nicht oder nur! in unzureichendem Maße vorgenommen hat, hat ber Hansa-Bunb für Gewerbe, Handel und In­dustrie, uirb,'schadet seiner Ueberzeugung und seiner Forderung, daß brr Abbau d^ Kriegsgesellschaften im Interesse unserer Vokkswirtschaft sofort in An­griff genommen werben mutz, bei der National- versammlungden Antrag cingebradjt, auf dem Wege der Gesetzgebkmg an-uordnrn, i>itz sämt­liche mit der öffentlichen Bewirtschaftung von Nahrungsmitteln, Roh- und Halberzeitguissen be­auftragt en Gesellschaften, Organisationen unb Aus­schüsse Bilanz und Vermögenssband veröffentlichen. Der Antrag des Hansa-Bundes fordert, datz die Veröffentiichuirgen entsprechend den §§ 260 und 33 dos H.G.B. und des Genossenschaftsgesetzes in den ersten drei Monaten eines jeden Geschäftsjahres, spätestens innerhalb von sechs Mviuuen dem zu- sÄmdigen Ausschüsse der Natiomckversammlurrg bzw. des Reichstags üor^ulegen unb zu veröffent- fatb. Soweit eine solche Beröffenllichmig bisher nicht s!a tgcfunden hat, soll die Vorlage uub Ver­öffentlichung spä cstens drei Monate nach dem In­krafttreten des Gesetzes erfolgen.

Mine Erlebnisse unter der vo^schewisten-kserrschast.

Aus Darmstadt erhalten wir folgende Zu- schrist eines Augenzeugen, der das bol chewistische Olefament in Lettland persönlich milerlebt hat und darüber erschütternde Bilder entwirst:

Als ich im Mai 1918 ein Kommando fnach Narva erhielt, war mir wohl die politische Gestalt deS Bvllch.'wsmus bekannt, und bdb fällte ich tort auch sein wahres Gesicht, wenn auch nur indirekt, kennen lernen. Erde November wurde Narva von der See- und Landseite aus beschossen und unsere Truppen mußten die Stadt räumen. Ich fuhr zu­nächst nach Kurland, wo mir Bekannte das Ver­sprechen abnahmen, Weihnachten bei ihnen zu feiern «und mich einige Zeit von den Strapazen des Feld­zuges zu erholen. Anfangs Dezember ließ ich mich hier demobilisieren unb am 18. Dezember 1918 larfi ich wieder in Mitau an, das m» noch eine schwache Besatzung der eisernen, deutschen Division hatte. Von dort aus brachte mich eine sechsstündige Fahrt auf Neben- und Feldbahnen an mein Ziel. Nir­gends war mehr em deutscher Soldat zu sehen und überall sprachen die Einwohner vom Vormarsch der Roten Armee und von der Anwe<enbcit boucke» wistischer Agenten, die nächtliche Versammlungen abhiclten und örtliche Kommissionen orgamsrerten. ®6 dauerte auch nur noch ein paar Tage, bis sich in dem 50 Werft entfernten Städtchen Tukkum eine örtliche bolschewistische Regierung bildete, die sofort an fing, Verhaftungen unter der «ogcit Bour­geoisie vorzunehmen, Pferde, Vieh, Getreide zu be- ftblaenabmeu unb vH-chLos Wie twockribistionen

cinzutreiben. Die Rote-Räte-Lettland- Republik wurde in Riga koftituiert. In dem etwa 6000 Einwohner Aäblenben Städtchen T. herrschte bei meiner Ankumt große Bcunrubigimg. Noch war keine bolschcwiftische Behörde üorbauben, man sprach aber von nächt!ickien Zusammenkünften unter Antvesenlvit fremder 'Xgtttten. Am 7. Ja­nuar rückten plövlich etwa 15 Mann der eisernen Division von Goldingen her ein Alles atmete wie­der auf, dock war die Freude nur von hr$er Dauer. Die Bolschewisten unter Führung eines efemalincn rull scktcn Offiziers und eines nrg.-n Raubes unb NiordcS nach Sibirien verschickten J-ndivit«»mS, das in diesen Tagen zurückgekehrt war, stellte dem Häuflein Deutscher ein Ultimatum auf fofortigen "Abzug. Da Widerstand sinnlos gewesen wäre, räumten die deutschen Truppen noch in der Nackst T., bas am anderen Tage vollständig im Zeickn» ber roten Fahne stand.

Tie ersten Bckanntmackstmgen betrafen dtz? rest­los Waffemiblieferung bei Todesstrafe. Mn den abgclieferten Waffen, mein Jagdgewehre, a^vr aud* vielen deutschen Jnsanterie- und z.vei MasckstneNM^ genebren, wurde dieNote Otarbc" bcwasftiet.. GleickHeitig wurde zum Eintritt in die rote Armee-, aufgefordert unb täglich 10 Rubel, freie PcrpHe- gung und Belleidung zugefickstrt . Am 9. Janvar, früh 5 Uhr, erschien wieder von Golding.m kom­mend, eine Abteilung von 50 Monn der Baltischen Landesw.'hr, ersckzoß zwei Widers anb leistende Po' en der roten Garde unb nahm cutig? be3 Kriegs- Komitees g-sang en. Ihnen jefjLoifcn fid) Einwohner der Stadt, die für ihr Leben fürckstrten, an mti> sie zog?n sich am 9krd>mittag nurber nach Gol­dingen zurück. Zwei Tage nadiKr hatte fich ein n^ues Koniitee gebildet und gleid^eitig trafen etwa 100 Mann rote Garden von TüllHindern. Sie verlegten ihren Pitz in das freiliegcitbe Sck^ O., daS bald einer Festung glich. Ein nie geahnter Terrorismus brad> über die arme BeviMrung von Stadt unb Kreis T. herein. Jedem Eimvohner nur den Kontributionen in Höhe von 1000 bi» 6000 Rubel auserlegt. Wer nicht zahlte, bekam sein gesamtes Besitztum, Möbel, Kleiber nsw. bist aufs Letzte abgenommen unb mutzte froh sein, wenn es dabei nur mit Mißhandlungen abging. Eines ber ersten Opfer trat Baron H., ber im Gcfpräck' mit der baltischen Landeswebr »'sehe« worden war. Er wurde erschollen und durch Kol­benhiebe und Baionettsliche grausam Derftünrmett. Ein Zweiles und Drittes, ein lettischer Knecht unb ferne Braut, die in dieselbe Grube tarnen. Sie füllten ein der roten Armee gehörendes Pserb gestohlen haben, ^wei Tage nach ihrer Erschießung sand sich das Pferd bet einem Meldereiter, der damit aus Tukküm yurüdlim. Tag äglich^ wurden nun Verhaflung?n vorgenommen unb die Ver­hafteten nach Tukk'.im verschleppt, wo das .Haupt­tribunal t<rge. Tort wurden im ganzen 61 Per­sonen abgeschlachtet. Wer das Glück l>aile, gar keine' TenunLian'.en ober Belastungszeugen gegen sich zu haben, wurde seiner Stiesel unb Oberkleider be­raubt und bei durchschnittlich 15 bis 20 (Hrad Kälte, zu F- nack» Hause gejagt Co ber Oberförster ttnbi Reichsdentickst W., ber über 30 Kilometer im tiefen Schuee ohne Stiefel unb Oberkiewer zurücklegte.

Arn 14. Januar sollte auch meine Stunde-' schlagen. Ich war gerade von einem 32 Kilometer entfernten Gute, wo ich drei Tag; zu Be>uck> weilte, zurückgekehrt, als einer unserer Knechle aus T. kam und uns mitteilte, daß auch ich verhaftet rtürbe. Wir saßen zu Tisch, es .war etwas spät genorben und nickt mehr iveit von VJ0 Uhr abends, als mehrere Schlitten vorsuhren. Um 1 Uhr nachts tarnen wir dann in T. an, wo matt mich in ein volls'andig leeres Zimmer des Schlosses O. einschloß, Tort mutzte ich bis zum nächsten Tage gegen 11 Uhr verweilen, ohne daß fick irgend lemcmd um mich kümmerte. Tann wurde ick vorgeführt und einem Verhör unterzogen, wo ich in ter Nackt vom 12 auf 13. Januar gnwfen fei und wo ich meine Pistole versteckt habe. Ich be­stritt, eine Wasfe zu haben und gib an, daß ich aut dem Gute I. zu Besuch weilte, was dort ja leid.» fcftg?ftcllt werden könnte. Auf meine Frage, neS man mich bescknildigst, wurde mir die Aus­kunft verweigert unb dekretiert, daß ich weiter m Unterst»ckamgshaft verbleibe. Tamit nxir dann «n Aufenihaltswechsel verbunden. War ick diese eine Rackst noch im ersten Stock unb in einem leeren Zimmer, so kam ich jetzt in einen _ebemaL gen Kar- wsselkeller, wo ringsum nasse Wände, unten aber nur ieflgeftampfter Erdboden war und ich mich über Leere nicht zu beklagen brauchte. Schmach­teten v: diesem Raume doch bereits 18 Personen, zwei Pfarrer von Landgemeinten, vier Gesinde- wrrte, d. h reinere lettische Bauern und 12 Tarnen. Unter den letzteren waren 10 Töchter von Be­sitzern aus ter Umg-genb im Alter von 15 bi»' 24 Jahren. Sie ichlicsen schon einige Rächte in ihren Kllitern auf dem Fuhboden, do man ihnen die von ihren Verwanbten übersandten Matratzen nicht crusl)ändigte. Tagsüber mutzten sie an ter Feldkucke terRoten" Kartoffeln schälen, Holz hacken und SBaifcr schtevpen. Jeden Tag kamen neue Opfer dazu. Unter anderen auch ein deutscher BüenaLtmeiöer R., der bei sei-er Braut zurück­geblieben .-rar und auch Angehörigen ter eiser­nen Tiviisvn gispvockstn hatte. Er mar vorn Tri­bunal dafür zu 6 9)h>naten 3nxmg3arbeit Per- urteilt, die er hier verlmßen mußte. Ztvei Tage nach meinet Einlieferung wurde Barvnesse G. und ein Gesindewirt B. abgcnihrt unb zum Tode verurteilt. Erstere sollte 1905 ge­legentlich des lettischen Auslandes eine Folter­kammer erbaut haben, um Revolutionäre darin zu foltern. Sie war damals 161/» Jahre alt! Ter Gelinbewirt B. sollte einen versprengten weißen Gardinen eine Rackst behervergt fa'cn Ich mutte als Totengräber dazu kommandiert, und habe tiefe unb bie folgenden Exekutionen im­mer mit an sehen müssen. Baronesse G., die sich im Walte tm Schnee und ter aro^m Kälte