Erstes Blatt
M. Jahrgang
Vonnerslag, 4. September 1919
Swillingsraniförud u. Verlag: vrützl'sche Univ.-»uch, u. SteinSriiderei «. Sange. Schristleilung, Seschästrstelle u. Druckerei - Schulftr. 7
Amerika und der Zriedenr- iM vertrag. ”
Bernitt
*1919.
Tas „Neue Wiener Jvurmck" bezeichnet den Auftrag an , die Neparativnsbommisfivn, Teutschp- Oeftcrreich eine schonende Behandlmig zuteil werden fru lassen, im gegenwärtigen Elend als die einzige Hoffnung. Die Verhütung des Staatsbankenotts sei der einzige Unterschied des zweiten gegenüber deut ersten Friedensvertrag.
Tie „Volkszeitung" sagt: Wir werden voraussichtlich unterschreiben. Aber dieser Friedensschluß fei alle Merkniale eines Provisoriums, was viel" leicht der entscheidende Umstaird sein wird, den Volksvertretern ihre Stellungnahme zu erleichtern.
Ixßenb jemand nn j> noch zu baden lubl bitte ich muhend föriitl e-n;u- ich., da vor meinem ipgiufl am Eamotag le5 beglich, sein soll. Bradtmann, > Wilbelmftr. 16.
Die ungarischen Kommnnistenführer.
Budapest, 4. Sept. (WTB.) Nach dem ungarischen Korrespondenzbureau stellte die amtliche Untersuchung fest, daß die ^Kv m m u n i st en, iührer nach ihrem Sturze Auslandsvaluta uni altes Geld der austrv-ungarischeu Bank im Werte von 25 Millionen Kronen auf ihrer Flucht nachi Oesterreich mitgenommeo haben.
neu durch Reichsgesetz in das Reich ausgenommen werden, wenn es. ihre Bevölkerung toast des Selbstbestimmungsrechts begehrt." Diesen Bestimmungen steht jedoch Artikel 178 Abs. 2 der Verfassung gegenüber,, der die ausdrücklickst Einschränkung enthält daß „die Bestimmungen des am 28. Juni 1919 in Versailles unterzeichneten Friedensvertrages durch die Verfassung nicht berührt" werden. Ter vom Obersten Rat vertretene Standpunkt dürfte daher wohl auf einem Mißverständnis berufen.
Versailles, 3. September. (Wolff.) Ter „Temps" teilt mit, daß die Unterdrückung des Artikels 61 der deutschen Verfassung vom Obersten jRat der Alliierten auf Veranlassung Cle- menceaus vertrugt wurde.
Der Friedensvertrag in der französischen Kammer.
Versailles, 3. Sept. (Wolff.) Die französische Kammer setzte nachmittags die Beratung über die Ratifizierung des Friedensvertrages fort. Als Regierungskommissar führte T a r d i e u aus, er wolle die Verhandlungen, aus denen die Frankreich zugestandenen Sicherheiten hervorgegangen seien, erläutern. Der Vertrag enthalte Sicherheitsgarantien, Garantien hinsichtlich der Ausführung des Vertrages und Garantien allgemein politischer Art.
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V!e§kieSenzbedmgMgenfürOesterrelch.
Versailles, 4. Sept. (WTB.) Unter den Oester reich: zur Unterzeickstumg übergebenen Dokumenten befindet sich ein Schriftstück, durch das sich Teutsch-Oesterreich verpflichten muß, an fer B l ok- kade gegen Ungarn so lange teilzunehmen, bis Ungarn die von den Alliierten und Assoziierten vorgelegten Friedensbedii'gnmgen angenommen hat.
Wien, 3. Sept. (Wolff.) Corr.-Burean. Tie Blätter beklagen einhellig, daß die von Sachlichkeit cingegebenen Vorschläge des Staatskanzlers Dr. Renner durch die Entente bis aus wenige unbebe utenbe Aenderungen abgelehnt wurden uiÄ erklären, der erste Eindruck der vorläufig auszugsweise vorliegeirden Friefensbedmgungen sei so niederschmetternd, daiß nur der harte Druck der Wirklichkeit Deutsch-Oesterreich zur Unterschrift des Vertrages zwingen könne, den es niemals werde einhalten. Neuerlich betonen die Blätter, daß dem Staatskauzler Dr. Renner, der redliche, gute Arbeit mit Hingebung geleistet habe, der Dank nicht nach dem Ergebnisse zugemessen werden dürfe. Die zugestandenen Aenderuirgen und Milderungen des endgültigen Vertrages hätten das Wesen dieses Gewaltfriedens nicht berührt. Das schmerzende Bewußtsein, daß Millionen deutscher Volksgenossen in Fremdstaaten hineingeznstingt würden, werde noch durch die Tatsache verschärft, daß die Un abhängig keit Oesterreichs, das sich nicht einmal mehr deutscfe nennen dürfe, unveräußerlich erklärt werden, was mit anderen Worten das ausdrückliche Verbot des Anschlusses an Deutschland bedeute.
Die „Neue Freie Presse" erklärt: Deutsch- Oesterreich wird künftig, wenn es überhaupt noch leben kann, nur von der Gnch>e der Wiedergut- machungskommiffion abhängen. Der Fricche von Versailles und der Vertrag von St. Germain Hafen wieder eine deutsche Frage geschaffen. Der Vertrag mit Deutsch-Oester reich ist härter als der mit Deutschland.
Im „Neuen Wiener Tagblatt" wird erklärt: Der Vertrag ist trotz kleiner Milderungen unerfüllbar.
Die „Reichspost" sagt: Es liegt nicht in der Macht des tief gebeugten Deutsch-Oesterr«ich den Vertrag zu ändern, aber in Dfetsch-Oesterreicks Macht liegt es, das innerstaatliche Leben lebenswert zu machen.
Annahme von Anzeigen f. die Tagesmlnuner bis zum Nachmillag vorher ohnejedeVerbindlichkeil Preis für 1 mm höhe für Anzeigen v.34 mm Breite örllich 15 Pf., auswärts 18 Pf., für Reklame- snzeigen von 70 mm Breite 48 Pf. Bei Platz- vorschriii20°/^Auffchlag. Hauvtfchriitteiter: Aug. Goetz. Verantwortlich für Politik: Aug. Goetz, für den übrigen Leib Dr. Reinhold Zenz; für den Anzeigenteil: H. Beck; fämttlch ui Gießen
Der Münchener Geiselmordprozetz.
Berlin, 3. Sept. Jin Münchener Gei-« selmordprozeß wurde gestern die Vernefe mung des Hauptangeklagten Seidl fortgesetzt. Ter Vorsitzende fragte ihn, welche Stellung er, eigentlich im Luitpvldgymnasium bekleidet fefe. Ter Angeklagte antwortete, er inäre politischer Vorgesetzter gewesen und Hütte die Genossen politisch aufzuklären gehabt. Der Vorsitzende hält ifeit darauf vor, ob aud; die Beschlagnahme einer Fuhre Wein zu diesen politischen Aufgaben gehört hätte. Es wäre auch einem türkischen Staatsuntertan ein Besuch) abgestattet und ihm dafei seine sechs silbernen Rasierapparate gestohlen worden — ob das auch aus politischen Gründen erfolgt tuäre. Ter Angeklagte schvcigt darauf. Ter Vorsitzende erörtert dann weiter die Zustande bei der Soldateska des Gymnasiums und stellt fest, daß der Angeklagte ein wahres Schreckensreg i m e >i t führte. Wer ohne Erlaubnis das, Gymnasium verließ, wurde erschlossen.
Seidl gibt an, er habe während der Aus- zahlung der Löhne von Egelhofer den Befehl er», halten, 22 Geiseln zu erschießen. Daß auf 'der Rückseite des Zettels gestanden habe: „Sucht Euch die Feinsten heraus", weiß der Angenagte angeblich nicht. Er behauptet, Hausmann habe ihm bete Befehl ans der Hand genommen, und die Soldaten hätten ihm erklärt, wenn Du nicht mit dem Er-, schießen einverstanden bist, bann schlagen wir Dir mit dem Gewehrkolben den Sckstifel ein. Seidl ist im Laufe seiner Vernehmung etwas kleinlauter geworden. Er erklärt schließlich mit weinerlicher Stimme, daß er die ganze Sache lebhaft bedauere und daß er nichts davon wisse, daß tm Luitpold» gymnasium Wein und Sekt nachfer getrunken worden sei.
Tann wird in die Vernehmung des -weit«« Hauptangeklagten Schickelhofer eilige treten, der zunächst über seine verschiedenen Krankheiten berichtet. Unter anderem sagt er, im Gymnasium wären eine ganze Menge Leute Evesen, die rricht arbeiten wollten. Vorsitzender: Sondern? Ange- llagter: Plündern und stehlen. Er bestreitet ausdrücklich, daß er eigenmächtig vor gegangen wäre.
Der Angeklagte Gsell, der zu Beginn fe3 heutigen Verhandlungstages vernommen wird, wai lediglich als Schreiber im Luitpoldgymnasimn tätig, ohne der Sloten Armee oder der Kommuni- stenpartei angehört zu Hafen. Ter Angeklagte hat von den ernähren Opfern letzte Aufzeicfeungen entgegengenommen. Auf seinem Rücken hat auch die Gräftn Westarp einen Abscfeedsbrief geschrtefeir. Der Erschießung habe er nicht mehr feigeioohnt.
Weigerung vud auf Grund des Vertrages selbst (namentlich des Arttkels 429) erklären die alliierten und af| cs liierten Mächte der deutschen Re- gtenmg, daß diese Verletzung ihrer Verpstichtungm in einem wesenttichen Punkte die Mäckste zwingen wird, unmittelbar die Ausdehnung ihrer Besetzung auf dem rechten Rheinufer zu befehlen, falls ihre gerechte Forderung nicht innerhalb von vierzehn Tagen (vom Datum der vorliegenden Note an gerechnet) erfüllt ist.
Die Stellungnahme der deutschen Regierung.
Berlin, 3. Sept. (Wolff.) Zu der Ente n t e n o t e betreffend die Aenderung des Arttkels 61, Absatz 2, der Verfassung nimmt die Regierung folgende Stellung ein: Die Note verlangt keine Verfassungsänderung, sondern nur eine authentische Feststellung, daß der Artikel 61, Absatz 2, der Verfassung nicht in Kraft tritt, solange der Rat des Völkerbundes nicht der Vereinigung Deutsch-Oesterreichs mit Deutschland zugestimmt hat. Diese Feststellung enthält übrigens schon Artikel 178, Absatz 2, der Verfassung.
Artikel 61 der Weimarer Verfassung, gegen fen der französische Einspruch sich richtet, lautet in seinem zweiten Absatz: „Deutsch-Oesterreich er^ hält nach seinem Anschluß an das Deutsche Reich das Recht der Teilnahme am Neichsrat mit der seiner Bevölkerung entsprechenden Stimmenzahl. Bis dahin Hafen die Vertreter Deutsch-Oesterreichs beratende Stimme." Ter gleichfalls von der Entente angesochtene Artikel 2 der Verfassung bestimmt: „Tas Reichsgebiet besteht ans den Gebieten der deutschen Läüfer. Andere Gebiete kön-
Die beabsichtigte Ausweisung deutscher Arbeiter aus Elsaß-Lothriugerr.
Berlin, 4. Sept. Dem „Vorwärts" wird aus Lörrach gemeldet, daß die Gewerkschaftskartellig in Mühlhausen, Kolmar, Straßburg und Metz erklärt Hafen, der Generalstreik zu pvokla-, mieten, falls die von den Franzosen angekündigte Ausweisung von 15000 deutschen Arbeitern Tatsache werde.
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Die Bölkerliga ist eine Verspottung des großen Ideals der internationalen Organisierung der Völker für Frieden und Kooperation. Sie hoben unsere Erstgeburt für ein Linsengericht verkauft. )An den Zielen der Freihettsfreunde in Amerika und in der ganzen Welt wurde Verrat geübt. Als Amerikanische Frauen fragen wir Sie, ob die Mütter unseres Landes ihre Söhne zu Millionen in den Tod geschickt haben, damit eine neue „Heilige Allianz" geschaffen werde, die die Demokratie in jedem Lande vernichten soll?
. „Nene Tag" schreibt: Wir müssen die x i efendbebingimgen annehmen, weil wir zu schwach sind, eiltet Welt Widerstand zu leisten.
Tie „Arbeiterzeitung" bezeichnet den Vertrag als bitteres Gehüssigkettserzeugnis und furchtbares Unrecht.
Llemenceaus Kote über die deutsche versaffung.
B e r l i n, 3. Sept. (Wolff.) Die Note des französischen Ministerpräsidenten Elemente au, abgesandt von Versailles am 2. September, angekommen in Berlin am 2. September, 4 Uhr 25 nachmittags, hat folgenden Wortlaut:
Tie alliierten und assoziierten Mächte haben vonderdeutschenVerfassung vom 11. Aug. 1919 Kenntnis genommen. Sie stellen fest, daß die Bestimmungen des Arttkels 61 Absatz 2 eine förmliche Verletzung des Artikels 80 des in Versailles am 28. Juni 1919 unterzeichneten Friedensvertrages enthalten. Diese Verletzung ist doppelter Art:
1. Indem Artikel 61 die Zulassung Desterreichs zum Reichsrat ausspricht, stellt er diese Republik den das Deutsche Reich bildenden „deutschen Ländern" gleich — eine Gleichstellung, die mit der Achtung der österreichischen Unabhängigkeit nicht vereinbar ist.
2. Indem er die Teilnahme Oesterreichs nm Reichsrate zuläßt und regelt, schafft der Ar- ttkel 61 ein politisches Band zwischen Teutsch- land ynb Oesterreich unb eine gemeinsame Politische Betätigung in vollkommenem Widerspruch mit der Unabhängigkeit Oesterreichs.
Tie alliierten unb assoziierten Mächte erinnern daher die feutiefe Regierung an den Art. 178 der deutsckien Versaffung, wonach die Bestimmnu- gen des Vertrages von Versailles durch die Ver- sassimg nicht berührt werden können, und fordern die deutsche Stegierung auf, die gehörigen Maßnahmen zu troffen, um diese Verletzung unverzüglich durch die K r a f t l o s e r k l ä r u n g des Artikels 61 Absatz 2 zu bo-seittgen. Unter Vorbehalt weiterer Vfeßnahmen für ben Fäll der
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Innsbruck, 3. Sept. (Wolff.) Der Bund für Südtirvl richtete an den Senatsausschuß für Auswärtige Angelegenheiten in Washington folgendes Telegramm: Entgegen Punkt 9 der am 8. Januar 1918 verkündigten Grundsätze des Präsidenten Wilson, daß Italiens Grenze in Südtirol bei Saturn gezogen werfen müßte, unterwirft der Friedensvertrag für Teutsch- Oesterreich die feiitid>fe und ladnttschen Süd- ttooler fer italienischen Fremdherrschaft. 172 deuffche und ladinische Gemeinden Südtirols, darunter die alten deutschen Städte Bozen, Me- ranunb B r ixen protestierten in jüngster Zeit' zweimal feierlich gegen die gewaltsame Unterwerfung und verlangten "ihr Selbstfesttmmungs- recht. Trotzdem soll Tirol durch die Brenner- gvenze zerrissen und dadurch ein Opfer des imperialistischen Londoner Vortrages werden. Don der Pariser Konferenz nicht gehört, appellieren die deutschen unb ladmischen Südtiroler an den Gerechttgkeitssinn und die Freiheitsliefe des amerikanischen Senats.
Versailles, 4. Sept. (WTB.) Ter amerikanische Senator Knox erklärte einem Sonderberichterstatter des „Echo fe Paris" in Waslstng- ton, ber vorliegende Friedensvertrag bedeute nicht Frieden, sondern .Krieg unb zwar einen viel furchtbareren Krieg als der eben beendete. Der Senat müsse sein möglichstes tun, um ihn zu einem wirklichen Friedensvertrag umzugestalten.
Die Zuspitzung der Schantuugsrage.
Amsterdam, 3. Sept. (Wolff.) Tie englischen Blätter bringen eine Reu ter Meldung aus Tokio, wonach die Annahme des Abändernngs- aittrages bezüglich Schantungs durch den Ausschuß für auswärtige Angelegenheiten des amerikanischen Senats großes Aufsehen erregte. Tie Chinesen, fee sich weigerten, ben Friedensvertrag zu unterzeichnen, wollen jetzt keinerlei Verhandlungen mit Japan, bevor die endgültige Haltung Amerikas geklärt ist. Dies gestaltet die Lage ernster als je.
Zur RvÄehr der Gefangenen.
Berlin, 4. Sept. (WTB.) Haager Blätter» Meldungen zufolge ordnete laut „Temps" eine Zirkularverfügung des französischen KncgSmini- sters an, alle Gefangenenlager die Rückgabe fer feutfefen Kriegsgefangenen aus fern Ausbaug-biel an die Sammelstellen innerhalb 14 Tage an. Ter Minister des Aeußern, P ichon, gab im Kamnrer- ausschuß bekannt, daß sich in Fraorkreich unb feiner^ Kolonien 335 000 deut sche Kri egsgefangene fesänden. Der Minister hob ab 1. Seb* tentber bie Arbeitspflicht der deutschen Kriegsge fang enen auf. Nach einer Reutermelbung werfen alte in England befindlichen feutscken Kriegsgefangenen bis zum 15. Oktober zurückgesandt sein.
Amsterdam, 3. Sept. (Wolff.) Die eng* lischen Blätter melden, daß die brftischen Behörden in der Lage sind, die Zahl fer täglich heim- zufefördernfen deutsckien Kriegsgefangenen auf 6 0 0 0 z u erhöhen, sofern die feutfdjen Behörden die dafür notwendigen Eisenbahnzüge stellen. Im Gefangenenlager Oswestry kam beim Bekanntwerben des Beschlusses des Oberstei' Rates, die deutschen Gefangenen heimzufesörfern» zu großen Freubenkundgebungen.
Auch der näckffte zur Biwnehmung kommende Angeklagte, der 24jahrig>? Artist Bernhard Hessel mann, war als Schreiber tätig.
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9hm hat auch ein getvisser Leutnant A. A. Berle, früheres Mitglied des Sekretariates der amerikanischen Delegation in DersaiUes, der wegen des „Verrates der amerikanischen Ideale" von seinem Posten zurückgetreten war, in der letzten Nummer der angesehenen Wochenschrift „The Nation" interessante Enthüllungen veröffentlicht, die auf eine schwere Anklage gegen Wilson hinauslaufen. Er schreibt, der Meister sei selbst der Verräter gewesen:
„Dieser Ftt-efen ist Herrn WilsouS Werk. Er wurde ihm nicht nach einer diplomatischen Schlacht ausgezwungen, in der er unterlag. Tie Unterlassungssünden sind mit voller Ueberlegenhttj fe- gangen; die begangenen Sünden sind in vielen Fällen nach seiner eigenen, reiflich überlegtem Wahl. In vielen Fällen stanfen.die Leute, die tatsächlich mit ihm zusarnmenarfetteten, bis zum letzten Augenblick für ihre Idee fer Wilsvnschen Prmzipren em, um bann das Resultat ihrer Be- inÜbungen durch Herrn Wüson fekbst vereitelt zn st fern. Sie mußten sehen, wie feine ferüchmten 14 Punkte zum ständigen Witz fer Pariser Musik- feUen wurden. Nachfem fer Frieden svertrag in fenter ganzen Ungerechttgkeit enthüllt war, traten emxge von ihnen zurück: andere protestierten fei der amerikanischen Kommission.
Drei Wochen später war die Gelegenheit gegeben, mcht nur die schreiendsten Ungerechtigkeiten gut zu machen, sondern das aanze Gebäude neu auf fer Basis von Treue und Glauben und Billig- leit, wie man fei Beginn fer Verhandlungen vorhalte, neu zu errichten. Es war Herrn Wilsons Wahl, daß der Vertrag bleiben sollte, wie er war. -vtetzt ist es an ihm, zu antworten."
Jede unterdrückte Nation habe-, s osührt Berle weiter aus, in der amerikanischen Flagge ein Wahrzeichen der Gerechtigkeit gesehen, und deshalb seien alle ihre Vertreter zur amerikanischen Kom- misswn gekommen, um dort Unterstützung berechtigter Wüusck)e und Ansprüche zu suchen, ohne sie jedoch zu finden. So seien die Koroaner, Chinesen, Aegypter, Irländer, Esten, Letten und Litauer Um die Hoffnung betrogen, worden, daß Wilson es mit der von ihm ausgestellten Forderung des Rechtes ber Selbstbestimmung ohne Ansehung der Parteien und Interessen ernst gemeint habe.
„Als Italien einen soliden Block deutscher Be- völkerung in Oesterreichisch^-Tirvl beanspruchte, gab Herr Wilson diesem Anspruch trotz fes Protestes fer Mitglieder seines eigenen Sekretariats sein« Zustimmung. Als Deutsch-Oesterreich feinen Wimich kundgab, sich mit fern neuen Deutschland SU vereinigen — seine einzige Möglichkeit für eine legitime unabhängige Existenz —, wurde ihm dieses Recht abgeiprochen. Es blieb Herrn Wilson vorfehalten, in seiner Rede bei fer Iiückkehr bie brutale Wahrheit zu verkünden, daß bie „S elbstbestim- ^u^igsklau sel" kein Prinzip gewesen sei, sondern lediglich Prvpag.mda, um bie Völker auszu- hetzen, „bie bisher von ber Macht abhängig waren, bie. fer eteg zertrümmert hat". Selbst ihre Be- Ttetung ist nicht Herrn.Wilsons Tat: Revolution und Volte^rheblmg, nicht bie Pariser Gerechtigkeit, waren bie Garantien für ihre Ansprüche."
Aehnliche Beketmtnisse legt Berte, dec offenbar ein wirklicher Idealist ist, über die „Mrüstungssarce" Mlsons und das Feilschen um den Völkerbund ab. Die Stimmung Kegen Mlson wächst in Amerika. Auch die Frauenwelt rückt von diesem merkwürdigen Menschheitsvater ab. Ein in „Womens International Bulletin" erschienener offener Brief an den Präsidenten ist allen Deut- Men wahrhaft aus dem Herzen gesprochen, ^vir geben hier einige Stellen daraus wieder:
„An ^xe, Woodrow Wilson, Präsident fer Vereinigten Staaten, richten wir eine Botschaft ^ener amerikanischen Frauen, deren Hoffnungen auf eme bessere Weltordnung nach fern ^Hcge ferch Ihre unb Ihrer Kollegen Handlungen vm Friefensrat zertrümmert wurden. Voller Stau-
uiib Entsetzen waren wir Zeugen, wie Sie em Prmzrp fer Temokratte unb fer internationalen Gerechttgkeit nach dem anderen auf gegeben haben: trotzdem Sie selbst diese Priu- ■ 'Schien öerfünfet ferten; trotzdem Sie selbst bas ' amerikanische Volk veranlaßt hatten, für diese Prinzipien seine Kraft einzusetzeli unb fein Blut zu vergießen.
Obschmi die Völker der Welt allgemein an- 1 erkmmt, obschon sie selbst verkündet hatten, daß ein i jgierechter Friede nur fei offenen Türen möglich ' itoar, schlossen Sie sich hinter verschissenen. -
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aller Sorten. , , ^^.rronik,, Koldener
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uren m Paris ein und unternahmen es, mit •n ober drei anderen Mäunerii die Probleme fer leit zu lösen, ohne den Völkern eine Gelegenheit ju geben, zu hören oder gehört zu werfen.
Und die Sästuß-Enttäuschnug kam mit fern Friedensvertrag unb fern Völkerbund, über die das amerikanische Volk, ungeachtet Ihres Votvs, sich ^nformatron verschaffte. Uns erscheinen biete Dokumente voni Geiste der Autokratie geschaffen, von ber Toteuhwid derselben Müclfte der wftt- WaftlicEen Ausbeutung inü> des Imperialismus geformt, die die schreckliche K^amität fes großen Krieges über die Welt gebrackst Hafen. Hinter ber scheinbar wunderlichen geographischen Neugestaltung erkennen wir bie Pläne einer kleinen Gruppe Finanjmänne r für die wirtschaftliche Beferrschiung der Welt. Wir sehen, wie Rußland für die Interessen der Bonds bluten muß, fee sich in Händen ftmrzösischer und amerikanischer Bankiers befinden. Wir [efeit, wie Mitteleuropa „zur Strafe" gekreuzigt wird, um in ZuLmft seine Nidustrielle Mttfewerbung zu verhindern. Ltzir sel-en den nahen Osten als ein Sch-chlbrett, aus fern um die ökonomische Kmtvslle Asiens gespielt wird.
Wir können keine Prophezeiung darüber wagen, welchen Beschluß schließlich der Senatsausschuß in Washington über den Friedensvertrag fällen wird — aber so viel ist sicher, daß weite Kreise in Amerika von Wilsons Werk keineswegs erbaut sind. Selbstverständlich sind da meist praktische und egoistische Gründe maßgebend, aber es ist doch auch allmählich überall bekannt geworden, daß Wilsons politisches und persönliches Charakterbild häßliche Flecken trägt. So hat z. B. sein Berater Lansing, mit dem er sich entzweit hat, ausdrücklich erklärt, von den „14 Punkten" sei bei den Beratungen des „Obersten Rates" überhaupt niemals die Rede gewesen. Senator Knox hat die Unbegreiflichkeiten bei der Handlungsweife des Präsidenten ebenfalls vor aller Welt mit schonungslosen Worten nach- gewtesen.
Rt. 206
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General-Anzeiger für Oberhessen
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