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Erster Blatt

169. Jahrgang

Samstag, 2. August 1919

GietzemrAnzeiger

General-Anzeiger für Oberhessen

ZwiMngsrunddruck u.Verlag: vrühl'sche Univ.-Buch- u. Zteindruckerei R.Lange.Zchristleitung, Sefchaftrstette ».Druckerei: Zchulstr. 7.

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wochemllckdlick.

Es werden nicht wenige sein, die erst durch diese Zeilen daran ec innert werden: ja, heute äst der Tag, an dem vor fünf Jahren plötzlich das eine Wort: Mobilmachung den Hebel dec Weltgeschichte herumwarf. Wie ferngerückt sind wir heute den Empfindungen, die uns damals emvorhoben in dem stolzen Bewußtsein, ein Deutscher zu sein, in flam­mender Begeisterung das Schwert des Rech­tes für unser verkanntes, unschuldig über­fallenes Vaterland zu führen, gegen eine Welt von Haß, Schelsucht und Bosheit. Wer unter uns sah damals die Schrecknisse dieses Krie­ges voraus, der uns zu Fluch und Verderben werden sollte. Nicht ohne brennendes Weh den­ken wir an jene Tage zurück, die uns alle glau­ben ließen, daß das deutsche Volk die größten und erhabensten Tage seiner Geschichte durch­lebe.

Was in der Spanne dieser fünf Jahre sich ereignet hat von Erhebendem und Zer­knirschendem, wir wollen es heute nicht an­rühren. Wir sind in Not und Elend geraten, die Wucht des Erlebens dieser Zeitspanne ist uns noch nicht verloren, wir wollen die Sta­tionen des Leides nicht noch einmal zurücü- legen.

Wir wollen nur einen Blick zurückwerfen auf die letzten acht Tage, die zum Bilde der Not ein erschreckendes Bild der Selbstzerflei­schung hinzufügten. Das Wort ich kenne keine Parteien mehr, ich kenne nur Deutsche, hat ebenso seine Geltung verloren, wie der Mann, der es zu Beginn des Krieges ausgesprochen hat. Zwischen den Parteien scheint es keine Lerständigungsmöglichkeit mehr zu geben. Jede Partei sucht die andere mit allen erlaub­ten und unerlaubten Mitteln als die allein Schuldige an dem unglücklichen Kriegsaus­gange hinzustellen. Man ruft es in alle Welt binaus, wessen man die deutschen Heerführer Diplomaten, Staatsmänner und neuerdings aad) die Industriellen bezichtigt und für über- stjhrk erachtet; im gleichen Atemzuge, in dem man die Einsetzung einesunparteiischen" Staatsgerichtshofes verlangt, der diese An­schuldigungen erst prüfen soll. Ein interfrak- twrreller Ausschuß soll darüber entscheiden, wer vor den Staatsgerichtshof gebracht wird; dieser soll sich zusammensetzen aus fünf Rich­tern, fünf Parlamentariern und fünf Dele­gierten des Staatenbundes. Selbst mit ehr­lichem Willen ist hier, wo die Ankläger gleich­zeitig Richter sein sollen, bei der heutigen Er­regung der Meinungen im Parlament and bei den von persönlichem Haß erfüllten Aeuße- rungen verantwortlicher Staatsmänner Zu­weisung und Urteil nach objektiven Gesichts­punkten kaum denkbar.

Die Achtung vor dem politischen Gegner hat so sehr niedriger Gehässigkeit Platz ge>- macht, daß Herr Erzberger die Drohung aus- mstoßen vermochte, die Enthüllungen der nächsten Zeit könnten unsere Feinde veran­lassen, ihre Auslieferungsliste um einige Na­men zu vermehren. Daß ein Deutscher sich zu wlchem Denunziantentum hinreißen ließ, unb gar ein Reichsminister ist ein so er­schreckendes Zeichen, daß man sich nicht ver­sagen kann, an den alten Spruch vom Denun- -ianten zu erinnern. Oder sollte Erzberger mit bei ihm ungewohnter Verschämtheit auf 'ich selbst gewiesen haben? Am 5. 2. 1915 chrieb Erzberger unter der UeberschriftNur keine Sentimentalität" imTag":

Der Krieg ist ein hartes unb rauhes Hand- iiKtf. Zuckerbonbons unb Knallerbsen sind kein Muglick/es Handwerkszeug. Die größte Rücksichts­losigkeit im Kriege gestaltet sich bei vernünftiger limendung zur größten Humanität. Wenn man m der Lage ist, durch ein Mittel ganz London m vernichten, so ist das humaner, als wenn man noch einen einzigen deutschen Volksgenossen nn dem Kampffelde bluten läßt, weil eine solche iiadikalkur am schnellsten zum Frieden führt. Zö­gern und Zaudern, Weichlichkeit unb Rücksicht U unverzeihliche Schwäch. Entschiedenes, rück­sichtsloses Zugreifen ist Stärke unb bringt den I rreg... Nun hat Tirpitz ernst gemacht. Nur ! weiter auf dieser Bahn! Und wenn Deutschland anmal die wirkliche Blockade verhängt, dann auch 'eine Schonung, sondern rücksichtsloses Versenken Es englischen Handelsschiffes. . . 400 Handels- w hat England uns weggestohlen. Die Ant- At wll dahin gehen, daß für jedes deutsche Han- Msschrff mindestens eine englische Stadt oder ein englisches Dorf durch unsere Flugzeuge vernichtet verde. Jeder Tag, an dem Grngktnb die Ernäh- [wyrimg unseres Volkes durch die Seesverre zu oererteln sucht, soll beantwortet werden durch v unb Tod, den deutsche Flugschiffe in

I®® Reihen des englischen Volkes tragen. Warum Ner Rücksichtnahme geübt werden sollte, ist ganz liiRoerpäudlich und imbegründet. Alle Mittel, Elche die deutsche Technik und deutsche Chemie Vierer Vaterlandsverteidigung bietet und bieten i sind gerade gut genug, um nach England ! schrecken des Krieges zu tragen. Wenn wir e verstehen. Feuer vom Himmel regnen zu lassen,, !^um sollte es nicht angewendet werden? Wcich-

I und Sentimentalität im Kriege wären UN-1 ^izerhlich und polizeiwidrige Dummheit. Mag der1

lFeind alles von uns sagen, so soll er beim lFriedensschluß nur nicht das eine konstatieren können: daß die Deutschen die Dummen gewesen seien."

Die immer noch anschwellende Flut von Erklärungen, Enthüllungen und Darstellun­gen im Zusammenhang darzustellen und ob­jektiv auf ihren historischen Wert hin auf­zuwägen, übersteigt jetzt schon die Uebersichls- möglichkeit eines Einzelnen. Kleinste Verschie­bungen können gewichtigen Ausschlag geben, und so ist nicht einnkal zu beurteilen, ob das neue Weißbuch der Regierung über die Vor­gänge vor dem Waffenstillstände endgültige Wahrheiten bringt. Die Objektivität des Ministeriums ist nach den Vorkommnissen in der Nationalversammlung in der Schuldfrage stark anzuzweifeln.

Während wir die Trümmer, die hinter uns liegen, noch weiter zerscherben, ist doch Positives geleistet worden. Ein Tag von histo­rischer,Bedeutung fügte den Schlußstein dem Verfassungswerke ein, das von dem Willen der Mehrheit des deutschen Volkes getragen wird. Ihm voran sind die Worte gesetzt:Das deutsche Volk, einig in seinen Stämmen und von dem Willen beseelt, sein Reich in Frei­heit und Gerechtigkeit zu erneuern und zu festi­gen, dem inneren und äußeren Frieden zu die­nen und den gesellschaftlichen Fortschritt zu fördern, hat sich diese Verfassung gegeben." Es schließt mit den Worten:Das deutsche Volk hat durch seine Nationalversammlung diese Verfassung beschlossen und verabschiedet." Innerhalb des Werkes ist noch manches halb­fertig und Stückwerk geblieben. Mancher Kompromiß in Lebensfragen des Volkes läßt die letzte Klarheit vermissen. Aber dennoch wollen wir das Werk nicht mit launischen Worten bedenken und fröhlich begießen, wie es die Gäste des Reichskommissars Dr. Preuß imErbprinzen" zu Weimar taten, sondern wir wollen es mit tiefem Ernste als ein Sym­bol dafür ansehen, daß nn deutschen Reiche wieder eine Rechtsgrundlage geschaffen ist, auf der wir das neue Deutschland, mit neuem Geiste erfüllt, zukuuftsg kündig aufbauen können.

Das rlheinitmdsabkommen.

Berlin, 1. Aug. (WTBll Die Antwort der Entente auf die am 11. und 12. Juli in Versailles von der deutschen Kommission für das Rheinlandkabkommen gestellten Forderungen we­gen der Ansfülirung des Abkommens über die militärische Besetzung der rheinischen Gebiete trägt in einer Reihe von wesentlichen Punkten dem deutschen Standpunkt Rechnung und ist im allgemeinen in einem von versöhn- l i ch e m Geist getragenen Don gehalten.

Tie Antwort beginnt mit der Versicherung, daß die alliierten unb assoziierten Regierungen immer die Absicht gehabt haben, die Besetzung so toenig drückend als möglich für die Bevölkerung des linksrheinischen Gebiets zu gestalten, voraus­gesetzt, daß Deutschland die Bedingungen des Frie- densvcrtrages genau erfüllen wird. Unter dem Vorbehalte, daß die Kommission der Gitten;e das Recht haben soll, im linksrheinischen Gebiete Ver­ordnungen mit Gesetzeskraft zu erlas­sen, die die Sicherheit der alliierten militärischen Kräfte gewährleisteten, soll die bestehende künf­tige Gesetzgebung des Teutschen Reiches und der Bundesstaaten in dem besetzten Gebiete keiner Beschränkung unterliegen. Unter die­sem Vorbehalte wird ferner anerkannt, daß die Bevölkerung die freie Ausübung der persönlichen unb staatsbürgerlichen Rechte ge­nießt, religiöse Freiheit, Freiheit der Presse, Wah­len, Versammlungen, freie politische, rechtliche, ad­ministrative und wirtsckiastliche Beziehungen mit dem unbesetzten Deutschland. Ebenso wird Ver- kehrssreiheit zwischen dem besetzten und unbesetzten! Deutschland gewährleistet. Wertvoll ist das Zu­geständnis, daß der bevorrechtigte Gerichtsstand, den die Angehörigen und Zugehörigem der alli­ierten Truppen genießen, nicht an deutsche Staats­bürger erteilt werden darf. Tas Abkommen sah anfangs vor, daß die alliierten MilitärpersonenI oder die durch den militärischen Befehlshaber be­glaubigten Personen ausschließlich der miliiäritont Gerichtsbarkeit der alliierten und assoziierten Mächte unterworfen werden sollen, auch hrnffcht- lich des Zivilrechts. Jetzt wurde zngelassen, daß bei Privatverträgen die beulfäjen Gerichte anzu- rusen sind. Tas Abkommen verlangte rigoros, daß jeder, der sich gegen eine Person oder das Eigentum der Entetttestreitkräfte verging, deren Militärgerichtsbarkeit Misgeliefert werden sollte. Jetzt ist die Bestimmung dahin formuliert, daß den alliierten unb assoziierten Behörden die Be­schuldigten ausgeliefert werden, selbst wenn sie auf nicht besetztes Gebiet geflüchtet sind.

Tie Antwort geht sodann auf die Verwal­tung in den besetzten Gebieten ein und spricht davon, daß nickst die Absicht besteht, die poli­tische und verwaltungsrochtliche Einteilrmg ab­zuändern, und daß die Zivilverwalttmg auch di? Verwaltung der Finanzen iimfasst, daß also die Einkünfte des Reiches uitb der Bundes­staaten in den besetzten Gebieten vereinnahmt unb von den zuständigen deutschen Behörden verwaltet werben können. Bei bet Abberufung der Beamten soll btt EntenteSom mr.im mit dem Reick^wnrnisfar sich vorher in Verbindung setzen; abgesehen von dringlichen Fällen soll die Abberufung durch den

Reichskommissar oder die zuständige deutsche Be­hörde erfolgen. Bei Unterbringung der Truppen und Tienststellen soll angesichts der Wohnungs­not in den besetzten Gebieten in versöhnlickn:m Geiste vorgegangen werden. Steuerbefreiung kommt nicht bei privaten Gesckstisten oder Handlungen von Angehörigen der alliierten Stveitkräfte in Frage. Die Privilegien und Zollbefreiungen, die den Besatzungstruppen und ihrem Zivil- und Mili­tärpersonal eingeräumt toerben, sollen kontrolliert werden. Die Freiheit des Verkehrs durch Briefe, Telegramme oder Fernsprechen wird zwi­schen dem besetzten und nichwesetzten Gebiet toieber» hergestellt unter dem allgemeinen Vorbehalt oder den Folgen des Belagerungszustandes. Grundsätz­lich besteht die Absicht, die verschiedenen von den Militärischen Stellen der Besatzung während des Waffenstillstandes erlassenen Verordnungen anfzu- heben. Jede Einmischung in die innere Organi­sation Deutschlands wird abgelehnt. Agenten wie bisher, die beauftragt sind, die deutschen Behör- dest zu beausiichtigen, wird es nach bem1 Inkraft­treten des Friedensvertrages nicht mehr geben, Ter ö lfe ntliche Unterricht bleibt ein Be­standteil der deutschen Zivilverwaltung. Es heißt ausdrücklich, daß die deutsche Regierung nicht zu befürchten hat, daß ein fremdsprachiger Unterricht aus Anordnung der Besatzungsmächte eingeführt 'wirb. .Was die Beitreibungen betrifft, so ver­spricht die Antwort dafür Vorschläge entgegenzu- nehmen unb sodann einReglement im Geiste der Billigkeit und Versöhnung" herauszugeben.

Von zuständiger Seite wird hierzu bemerkt: Die Antwort der Entente hält das deutscherseits unterzeichnete unb ratifizierte Abkommen aufrecht, will aber in seiner Handhabung Zugeständnisse unb Erleichterungen zugestehcn. Den in der Ant­wort mehrmals ausgedrücktenversöhn­lichen Geist" wollen wir gerne anerkennen, im übrigen aber nach den bitteren Erfahrungen der Waffenstillstands^it abirarten, ob dieser Geist auch nachg ordnetm mil. rischen Kochmandostellcn beseelen wird. Härten bleiben trotzalledem noch überreichlich genug. Sie 15 Jahre lang ertragen zu wüsten, wird für die Bevölkerung der besetzten Rheingeviete eine schwere Last und Prü­fung sein. Wenn der versöhnliche Geist, den die Entente der Bevölkerung des linksrheinischen Ge­bietes zusichert, erträgliche Wirklichkeit werden soll, wird sie sich zu weiteren Milderungen bereit er­klären müfier. Diese anzustreben, ist Aufgabe der in den nächsten Tagen beginnenden weiteren Ver­handlungen.

Deutschlands finanzielle Verpflichtungen.

Paris , 31. Juli. (W. B.) Havas. Die Frie­denskommission der Kammer hörte die Berichte von Klotz und L o u ch e u r über die Wieder­gutmachungen und die finanziellen Bedingungen an. Deutschland schuldet, so führte Klotz aus, mit den Kriegs kosten zusammen über 1 000 Mil - liarden Franken. Da eine solche Schuld nur stufenweise mit einem Zuschlag von 5 Proz. abgetragen werden könnte, ergebe sich daraus, daß in einem Zeitraum von 75Jahren nahe­zu 210 Milliarden abg^ahlt werden könn­ten, um die Schuld zu begleichen. Die Alliierten waren der Ansicht, daß die Fähigkeit Deutschlands nicht hinreiche, um eine solche Schuld abzutragen, und daß dieselbe gestundet werden müsse, wodurch aber die Frankreich zukommende Summe gefährdet würde. Die Alliierten haben daher mit Aus­nahme für die Kriegskosten Deutschland nur die Pflicht austrlegt, die Summe für die Pensionen, Unterstützungen und Wiedergutmachungen auf sich zu nehmen. Was die Höhe dieser Summe be­trifft. so konnte diese jetzt noch nicht festgestellt werden, sondern erst bis zum 21. Mai 1920. Gouer mier erläuterte die Finanzlage Frank­reichs in bezug auf die Verbindlichkeiten Frank­reichs mit beif Vereinigten Staaten und machte bekannt, daß Verhandlungen im Gange seien, um die wirtschaftliche Solidarität der betbeit Länder enger zu gestalten.

Versailles, 1. Aug. (Wolsf.) Vor dem Friedensausschuß der Kammer sprach Finanz­minister Klotz über die finanziellen Ver­pflichtungen Deutschlands und sagte er­läuternd: Deutschland schulde Frankreich, England und Amerika alle Summen, die diese Länder wäh­rend k<es Krieges Belgien vorgeschossen hätten. Die Regelung habe, einschließlich der Zinsen, vor 1926 zu erfolgen, und ztoar direkt an Oie Gläu­biger Belgiens. Die Verwüstungen seien nicht leicht zu bewerten gewesen. Auch habe die Prüfung der Forderungen, weil viele Gläubiger Deutschlands vorhanden seien, Schwierigkeiten bereitet. Nach Klotz belaufen sich die Kriegskosten auf 1005 Milliarden. Wenn auch kein Hauptgläubiger bevor­zugt werden solle, habe man trotzdem Privilegien ausstellen müssen und sei zu "dem Ergebnis ge­kommen, daß in erster Linie die Wiederherstellung der besetzten Gebiete und dann die Wiedergut­machung des zugefügten Schadens stattsinden müsse. Von der jährlichen Entschädigungssumme, die Deutschland bezahle, werde Frankreich mehr als 50 Prozent erhalten. Hätte man die sofortige Zahlung verlangt, so wäre Deutschland ruiniert und dem Bolschewismus verfallen gewesen. Tte Grundsatz sei deshalb gewesen, Deutschland die Erfüllung seiner Verpflichtungen dadurch zu er­möglichen, daß es arbeite. ,Es fragt sich men, was Deutschland bezahlen könne.

Die Reichsbank verfüge nur noch über eine Milliarde unb dreihunbert Millionen Goldmark. Die mobilen Werte, die Deutschland verfüg­bar habe, könnten kaum sieben bis acht Milliarden (überfteigen, beim viele Werte seien ins Ausland gegangen. Deutschland habe zwar vor dem Kriege dreißig Milliarden ausländischer Werte besessen, diese Summe sei aber im Kriege vermindert wor­den. Außerdem seien viele Werte seiner früheren

Verbündeten stark entwertet worden. Die Alliierten hätten sich deshalb der Werte unb Güter bemäch­tigen müssen, die Deutsck>en im Auslande gehören. Es handle sich hier um eine große Summe, deren» Höhe man aber noch nicht habe festsetzen können. Dazu kämen die Handelsschiffe unb Bin­nenschiffe. Die einzige Regelung, die als prak­tisch erkannt worden sei, sei die Ausgabe von Schatzscheinen, die zugunsten der Wiederherstel- lungskommiffion bis 1921 in Bezug auf ihre Höhe festgesetzt werden sollen. Ihr Wert werde selbst- verständlich davon abhängen, in welcher wirtschaft­lichen Lage sich Deutschland besinden werde. Die Arbeits- und Sparkraft des deutschen Voltes gebe aber keine Veranlassung zur Verzweiflung.

Versailles, 1. Aug. (WTB.) In der C" igen Sitzung des Frredensausschusses O*c nter sprach sich Finanzminister Klotz über die von Teutschlantz zu zahlende Entschädigungs­summe aus und erklärte auf Anfrage, daß Teutsch- land bereits begonnen habe, seine Verpflichtungen durch Lieferung von Material und Wertm zu erfüllen. Im Laufe der Debatte versuchten einige Abgeordnete, auch das Recht der Elsässer und Lothringer auf Schadenersatz zu be­gründen . TerMatin" beschäftigt sich in einem besonderen Artikel mit der Frage, ob der Friedens­ausschuß der Kammer die Rattsizierung des Frie­densausschusses empfehlen werde. Es sei die An­sicht der Mehrheit der Ausschußmitglieder, daß man grundsätzlich die meisten der Deut;chland anf- erlegten Bedingungen als befriedigend für Frank­reich erklären müsse. Der Vertrag enthalte je­doch hinsichtlich der vorgesckiriebenen Ausführung der Bedingungen einige Unvollkommenheiten. Na­mentlich bemängelte die Mehrheit des Ausschusses, daß.die Einheit des Deutschen Reiches, die Ursache des letzten Krieges, das.Unglück Eu­ropas durch den Vertrag eher gestärtt als ge- schwächt worden sei. Viele AusschußmitgliÄier be­dauerten, daß Frankreich von Deutschland nicht die sosorttge Zahlung von 5 Milliarden ver­langte. Nach den Morgenblättern geht die Kammer jedenfalls vom 8. bis 26. August in die Ferien und beginnt erst nachher die Verhandlungen über die Rattsizierung.

Versailles,!. Aug. kW B.) Der Oberste Rat der Alliietten beschloß gestern, die Frage der Ausführung des Friedensvertrages betr. Danzig, und Memel dem Ausschuß für die baltischen Angelegenheiten zur Prüfung genxffei Einzrlfrav.nL zu überwet sen.

Arbeiter für den Wiederaufbau.

Ber lin, 1. Aug (Wolff.) Da die Verhand­lungen über die Grundbedingungen für den W i e - deraufbau von Nordfrankreich noch nicht ab­geschlossen sind, ist es zwecklos, jetzt schon Bewer­bungsschreiben an die Behörden zu richten. Die 'nötigen Bekanntmachungen werden erlassen. Vor «einer Anwerbung durch Privatunternehmer ist zu warnen.

Französische Justiz.

Berlin, 1. Aug. (Wolff.) Zu der Havas- meldung, daß das Schiedsgericht zur Untersuchung über die Vorfälle, die sich beider Abreise der deutschen Delegierten ereigneten, be--, antragt hat, die Untersuchung niederzuschlagen, er­fährt das Wölfische Bureau: Diese Havasmeldungs steht in sonderbarem^ Gegensatz zu der Tatsache, daß Clemenceau in der bereits bekannten Note der, deutschen Regierung sein Bedauern über das dem Gesetzen der GasffrenMchaft in so ärgerlicher Weise zuwiderlaufende Geschehnis aussprach. Ein Augen­zeuge des Vorfalles bestätigt, daß es den Mit- gliäern der deutschen Delegation in keiner Weise eingefallen ist, das ftanzösische Publikum durch Hochrufe, Grimassen usw. zu reizen. Sehr sonder­bar wirkt die Behauptung, daß nicht festgestellt sei, daß die Menge Steine warf. Frau D o r n b l ü t h, die noch an einer Kopfverletzung ürt Kranken Hause barniebertiegt, kamt das Gegenteil bestätigen. Auch andere Mitglieder der Delegation wurden, wenn auch leichter, durch Steinwürfe verletzt. Das feind­liche Verhalten des französischen Publikums be­schränkte sich nicht auf'den Augenblick, als die deut­schen Delegierten das Hotel verließen, sondern setzte sich den ganzen, ziemlich langen Weg fort, den die Delegation zum Bahnhof zurückzuleMA hatte.

Mus dem Weihbuch.

Berlin, 1. Aug. (Wolff.) Nach derB. Z." ist in bem gestern veröffentlichten Weißbuche ferner ein Telegramm des Kaisers Karlan Kaiser Wilhelm bemerkenswert, welches lautet:

Ich war heute früh genötigt, da die mili­tärische Lage unhaltbar geworden ist, den Jta- lienerrr einen Waffenstillstand anzu­tragen. Falls aber die Italiener die Bedin­gung stellen, daß die Bahnen durch Tirol und Kärnten, die Tauernbahn, Breirnerbahn und Süd­bahn, für den Durchzug der feindlichen Truppen gegen Deine Länder geöffnet werden sollten, so wmde ich mich an die Spitze meiner Deutsch- Oesterreicher stellen und den Durchzug mit Waffen­gewalt verhindern. Darauf kannst Du fest ver­trauen. Auf die Truppen der anderen Nationali­täten kann man sich in bem Falle nicht verlassen.

In treuer Freundschaft: gez. Karl.

Die Antwort Kaiser Wilhelms lautete:

Ntit Bewegung habe ich Dein Telegramm über den Antrag zum Waffenstillstand an Italien ge­lesen. Ich bin überzeugt, daß Deine Deutt'ch- Oesterreicher, an der Spitze ihr kaiserlicher Herr sich wie ein Mann gegen schmachvolle Bedin­gungen erheben werden, und danke Dir dafür, baß Du mir dies noch besonders versickerst.

In treuer Freundschaft: gez. Wilhelm.