m. 50 Zweiter Blatt 165. Jahrgang
Erscheint täglich mit Ausnahme deS SennUgS.
ÄKe „siebener Familienblätter" werden dem ,#n&eiger'’ viermal wöchentlich beigelegt, daS „KrcisDlatt für den Kreis Stehen" zweimal wöchentlich. Die ..randwirtschaftlichen Zeit- fragen" erscheinen monatlich zweimal.
Giehener Anzeiger
General-Anzeiger für Oberhejjen
Mittwoch, 5. gebruar 19J5
Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schen Universiläls »Buch- und Steindruckerei.
N. Lange, Gießen.
Redaktion, Expedition und Druckerei: Schul« ftrafee 7. Expedition und Verlag: 51.
Redaktion: 112. Tel.-Adr.: ÄlnzeigerGleßen.
politische T^gesscbau.
Die preußischen 'Steuernovellen dürften 'bereits jetzt als üollftänbig gescheitert zu betrachten -sein. Nach den Arbeitsdispositionen des preußischen Ab- >geordnetenhnuses ist es, wie uns geschrieben wird, nicht HeabsichLüfi, die Boranschlogsberatungen vorläufig zu unter- brechen. Soweit die Parteien zu dieser Frage Stellung gc- nonunen haben, besteht -keine Neigung, die Steltergesetze noch in dieser Session zu verabschieden. Die Verhandlungen zwischen dem Finanzministerium und den Fraktionen über die endgültige Gestaltung der Steuergcsetze sind apf -einen: toten Punkt angelangt. Selbst wenn die Steuer-Kesietze im Abgeordnetenhause noch nach- Ostern zur Beratung kommen sollten oder wenigstens Teile von ihnen zur Verabschiedun-g gelangen könnten, so wäre es doch sehr zweifelhaft, ob das Herrenhaus eine solche wichtige Vorlage kurz vor dem Schlüsse der Legislaturperiode über das Knie brechen würde. Im Herrenhause rechnet man übrigens mit Bestimmtheit darauf, daß die Steuevgesetze unerledigt bleiben werden.
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Der Beginn b-r Jahrhundert-Feiern.
Aus Königsberg i. P r. wird uns geschrieben:
Die alte Pregelstadt prangt im festlichen Schmuck von Fahnen und Laubgewinden: es gilt der Jahrhundertfeier an die große Zeit vor 100 Jahren. Den gegebenen Mittelpunkt für die Feier Ostpreußens bildet die alte Krönungs- st<adt, in der P o r k seine begeisternde Ansprache an die ostpreußischen Stände hielt. Seinem Andenken ist denn auch ein großer Teil der geplanten Festlichkeiten gewidmet. Jir (Wegentoart des Kronprinzen wird am 5. Februar ein Denkmal des Unterzeichners der Konvention von Tauroggen enthüllt werden, das die charakteristischen Züge des Helden, in d-er Tracht der damaligen Zeit, verewigt. Kurze Zeit nach dem Eintreffen des Kronprinzen wird auch der Kaiser erwartet, dem zu Ehren eine Huldigung in der Stadthalle vorgesehen ist. Daneben werden alle städti- ,scheu und staatlichen Organisationen, die Schulen, die Studentenschaft usw. ihre Feiern abhälten.
Erue besonders glückliche Idee, um die Festesfreude der ganzen Bevölkerung zum Ausdruck zu bringen, hat &c= gierüngsrat Winkel gehabt. Er hat den Vorschlag gemacht, zu der Jubel-feier die Mode der alten „Vivat- b ander" wieder aufleben zu lass.en. Die Sitte .ist zuerst nachgewiesen nach dem siebenjährigen Kriege, wo man air/der Klei.du.UH gestickte Bänder zur Feier der Siege des alten Fritzen trug. Auch nach den Freiheitskriegen trat der schöne Brauch in verschiedenen Gegenden unseres Vaterlandes wieder in die Erscheinung. Es sind nun Nach-- ibildungen eines solchen alten Vivatbandes angefertigt.worden, die an den Festtagen von Jung und Alt getragen werden sollen. Bereits sind über 150 000 Bänder 'abgesetzt worden, und iinnrer noch laufen die Bestellungen ein. Auch bei der Enthüllung des Porkdenkmals werden die Teilnehmer, Offiziere wie Zivilisten, das Vivatband tragen. Der feierlichen Denkmalsenthüllung geht eine Festsitzung der städtischen Behörden voraus, in den Kirchen und in der Synagoge werden Dankgottesdienste stattfinden.
DaH die Erinnerung an die schwere Zeit vor 100 Jahren gerade in Ostpreußen noch eine ganz besonders lebendige ist, dafür haben manche Umstände gesorgt, vor . allem das Elend, das die Jahre der Fremdherrschaft nn-d dann die Kriegsjahre über das unglückliche Land gebracht haben. Haben doch manche Städte noch bis vor einem Jahre an den
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Schulden zu leiden gehabt und Obligationen einlösen müssen, die vor 100 Jahren ausgegeben worden waren.
Am Abend deS ersten Festtages nimmt der Kaiser die Huldigung der Studentenschaft entgegen.
lieber die Gestaltung der Arbeiten des Reichstags herrschen zurzeit noch Meinungsverschiedenheiten. Man hegt, so schreibt man uns auS Berlin, den lebhaften Wunsch, außer dem Voranschlag im gegenwärtigen SessionS- abschnitt noch einige der vorliegenden Gesetzentwürfe verabschieden zu können. Namentlich die Regierung hat ein großes Interesse daran, daß die Arbeiten des Reichstags aus gesetzgeberischem Gebiete nicht zu unfruchtbar ausfallen. Auch der Reichstag dürfte ein Interesse daran tjaben, seine Arbeiten mehr als bisher zu fördern. Man ist sich darüber klar, daß die vorhairdene Zeit bis Pfingsten nicht auSreichen wird, neben dem Voranschlag noch andere Materien zu verabschieden.
Es ist deshalb der Vorschlag aufgetaucht, währen'd der preußischen L a n d t a g s w a h l e n auf etwa drei Wochen im Mai die Arbeiten deS Reichstags ebenso ruhen zu lassen, wie es im Januar 1912-aus Anlaß der ReichstagS- wahlen im preußischen Landtage geschehen ist. Hierdurch wäre dem Reichstage die Möglichkeit gegeben, mindestens noch das Jugendgerichtsgesetz und das Konkurrenzklauselgesetz von den bereits vorliegenden Gesetzentwürfen zu ver- abschiebeu und sich darüber schlüssig zu werden, in welcher Weise die W eh r v o rl ag en mit ihren Deckungsgesetzen zu verabschieden sein werden. Man hält eS vielfach für selbstverständlich, daß der Reichstag die Wehr- Vorlagen, die ihm -etwa Mitte März zugehen werden, noch vor der Vertagung verabschiedet, schon mit Rücksicht auf die auswärtige Lage und auf daS Regiemngsjubilünm des Kaisers. Eine Verabschiedung der Wehrvorlagen wäre immerhin bis Juni möglich, doch erscheint cS als ganz ausgeschlossen, die neuen ReichSsteuervorlagen bis zu dieser Zeit zu verabschieden: Es ist aber wieder nicht angängig, die Wehrvorlagen vor der Vertagung zu verabschieden und die Deckungsgesetze auf den Herbst zu verschieben. Jedenfalls würde daS Zetttrum in erste» Linie sich gegen ein solches Arrangement aussprechen. Es ist auch sehr leicht möglich, daß Wehrvorlagen und Deckungsvorlagen mit Hilfe zwei verfchiedener Mehrheiten unter Dach gebracht werden müssen. Schon hieraus geht hervor, daß an eine Trennung der beiden Materien nicht gedacht werden kann. Auf welchen Ausweg man verfallen wird, steht noch dahin. Vorschläge, die wenig Aussicht auf Verwirklichung haben, Find bereits in parlamentarifchen Kreisen gemacht worden. Die endgültige Gestaltung der Reichstagsarbeiten hängt schließlich von der Länge der Etatsreden ab, wenn hier eine Mäßi- gung zu erzielen wäre, so wäre eine Verabschiedung des HauptmaterialS vor der Vertagung, möge die nun zu Pfingsten oder Mitte ^Juui eintreten, sehr wohl möglich
Die Baifonwirren vor einem deutschen Gericht.
(Der Staatssekretär v. Kiderlen-Waechter als Artikel- schrciber.)
~ Berlin, 4. Febr.
Vor der 149. Wteilung des Amtsgerichts Bcrlin-Mitte sand heute unter dem Vorsitze des Amtsrichters Ho ff Heinz die Vei- handlnng in einer Privatklage statt, die der Herausgeber der „Neuen Gesellschaftlichen Correspondenz" A. v. Wilke gegen den verantwortlichen Redakteur der offiziösen „Norddeutschen Allgemeinen Zeitung", Otto Runge, angestrengt hatte. Der Privatilage liegt folgender Sachverhalt zu Grunde: Die „Neue Gesellschaftliche Correspondenz" veröffentlichte im November v. I.
einen Artikel, in dem behauptet wurde, daß der russische Minister des Auswärtigen, Sasonow, vor vier Tagen in der serbischen Hafenfrage seinen Standpunkt geändert habe, ferner, daß Oester- reich fünf Armeekorps mobilisiere und beabsichtige, in wenigen Tagen ein Ultimatum in Belgrad zu überreichen. Durch diesen Artikel wurde die Berliner Börse an dem fraglichen Tage außerordentlich unruhig. Tie „Norddeutsche Allgemeine Zeitung' brachte darauf eine Erwiderung, in der ausgeführt wurde, die Behauptung, der russische Minister habe seinen Standpunkt geändert, sei schon deswegen unrichtig, weil die Mächte überein» gekommen seien, sich in keiner einzelnen Frage des Balkanproblems im voraus sestzulegen. Auch die behauptete Mobilisierung Oester- .reichs entspreche nicht den Tatsachen, wie sich jedermann aus den ofsiziösen Wiener und Budapester Darlegungen überzeugen könne. Auch die Behauptung, daß au Serbien ein Ultimatum überreicht werden solle, sei unwahr, denn die albanische und adriatische Frage sollten im Verein mit den anderen Ballanfragen diskutiert und geregelt werden. Der dementierende Artikel führte. weiter wörtlich aus: „Es ist besonders bedauerlich, durch derartige unlautere Nachrichten die öffentliche Meinung in einem Augenblicke zu beunruhigen, indem die Regierungen aller Großmächte ernsthaft bemüht sind, für immerhin schwierige Fragen eine sriehrliche Lösung zu Ruben." Dieser Ausdruck „unlautere" wird von dem Privatkläger A. v. Wilke intriminiert. Er ist zur heutigen Verhandlung nicht erschienen, ihn vertritt Rechtsanwalt Krieger. Ter BeUagte Otto Runge ist mit seinem Verteidiger Rechtsanwalt v. Simon anwesend.
Nach Eröffnung der Verhandlung macht der Vorsitzende zunächst Vergleich svor sch läge. Ter Verteidiger des Klägers erklärt', daß dieser einem Vergleich nicht abgeneigt sei, doch müße der Ausdruck „unlautere" mit Bedauern zurückgenommen werden. Ter Privatkläger erwidert, das könne er nickst ohne wefteres tun. Er wolle aber gern erklären, daß er nicht gesagt haben wolle, der Privatkläger habe beabsichtigt, die Börse durch seine Nachrichten zu beeinflussen. Als der Vertreter des Privatklägers nunmehr erklärt, er könne unter keinen Umständen darauf verzichten,' daß der inkriminierte Ausdruck mit Bedauern zurückgenommen werde, macht der Verteidiger des Beklagten Rechtsanwalt v. Sinwn folgende interessante Mitteilung: Ter Beklagte könne den Ausdruck nicht ohne weiteres bedauern, denn der Artikel sei von dem ver st o/r denen Staatssekretär von Kider- len-Waechter selbst verfaßt. Der Verteidiger legt das Originalmanuskript dem Gerichtshöfe vor und erklärt, daß dieses eigenhändig vom Staatssekretär niedergeschrieben sei. Ter Privat- Häger habe den Prozeß eigentlich nur angftrengt, um gegen das offiziöse Preßburean im Auswärtigen Amte und Gehfimrat von Hamann vorzugchen. Dieser habe aber an sich mit per Sache nichts zu tun. Gleich nach dem Erscheinen des Artikels in der „Neuen Gesellschaftlichen Correspondenz" habe Geheimrat von Hamann den Staatssekretär angerufen und dieser habe ihn gebeten, sofort in seine Wohnung zu fonimen. Der verstorbene Staatssekretär habe bann den inkriminierten Artikel in ber „Norddeutscl-en Allgemeinen Zeitung" entworfen und dem Geheimrat vorgelesen. Als dieser das Wort „unlautere" hörte, habe er fofott feine Bedenken geäußert, ob das nicht beleidigend sei.
Ter Staatssekretär habe aber erklärt, er lege Wert darauf, daß gerade dieses Wort in den Artikel hineinkomme, um die Nachricht des Privatklägers besonders scharf zu kennzeichnen. ।
Ter Vertreter des Privatklägers stellt fest, daß er nicht ohne weiteres einen Vergleich eingeben könne, sondern sich erst mit seinem Mandanten besprechen müsse. Es handele sich hier nicht darum, was der Staatssekretär gedacht habe, sondern es sei der Chesredakteur Runge wegen dieses Artikels unter Anklage gestellt. Er müsse doch die preßgesetzliche Verantwortung tragen» ober fei er gehalten, kritiklos alles, was ihm von der Regierung zugehe, aufzunehmen.
Privatkläger Runge: Ich bin durchaus nicht genötigt, jedes Wort, das von der Regierung kommt, imüeränbert aufzunehmen. Selbstverständlich übernehme ich die preßgesetzliche Verantwortung. Ich möchte aber doch nicht den Ausdruck „unlautere" mit Bedauern ^iirücknehmen, da ihn der Staatssekretär ausdrücklich für berechtigt gehalten hat.
Bulgarien — ein Neuland der Nnnftgeschichte.
Tie Archäologie ist stets die letztgeborene der Wissenschaften. Eine Kultur muß schon (ulf einer gewissen materiellen Höhe stehen, die allgemeine Bildung muß tiefere Wurzeln geschlagen haben, bevor man die Erforschung der llebcrreftc vergangener Zeiten, die so wenig praktischen Nutzen verspricht, aufnimmt. So ist denn auch in Bulgarien die archäolpgische Wissenschaft zuletzt entstanden. Der Kunstgeschichtsprofessor an der Universität Charjkov, Theodor Schmidt, der in einem Aufsatz ber Deutschen Literaturzeitung die archäologische Erforschung Bulgariens behandfit, hält es sogar für wunderbar, „daß sie schon geboren ist, daß sie schon kräftig aufblüht und Ergebnisse zutage fördert, die Beachtung verdienen". Zunächst begann eine geradezu unglaublirfic Ent w ick lang der Muses n. 1878 war, i noch unter der Regierung des Fürsten Dondukov-Korsakov, die Nalionalbibliothek begründet worden, deren eine Abteilung eine Sammlung von Münzen, Inschriften und bergt, umfaßte. 1891 wurden diese Altertümer von der Bibliothek getrennt und boten den Grundstock für das Nationalmuseum, das freilich außer der Münzsammlung zunächst nur 163 Nummern, z. T. -zweifelhafter Güte, enthielt. Das Museum nahm jedoch einen bedeutenden Aufschwung, wobei sich Zar Ferdinand als energischer Mäeeu und feiner Kunstkenner besonders hervortat. 1909 umfaßte die Sammlung der Altertümer 88 .Marmorstatuen, 767 Reliefs, 400 Bronzen, 746 Vafen und 11000 Münzen, über 2000 I Nummern Kleinfunde.
Daneben gibt es ein Museum der bulgarischen „Wiedergeburt" seit 1904 und sei 1907 eine Bilder- ri a (e r i e. Gleichzeitig mit der Begründung des Nationalmuseums entwickelte sich auch die einheimische archäologische Forschung. Die i jungen Gelehrten, die meist' in Deutschland ihre Ausbildung erhalten hatten, richteten ihre Aufmerksamkeit hauptsächlich auf die griechischen und römischen Altertümer, die der Boden Bulgariens massenhaft birgt: in neuester Zeit aber erkennt man ' auch den Wert der Denkmäler der byzantinischen und türkischen Zeit, und die Kenntnis des byzantinischen Mittelalters, deren Bedeutung auch in Deutschland erst in den zwei letzten Jahrzehnten erkannt worden ist, wird in Bulgarien reiche Aufschlüße- gewinnen. In den wichtigeren. Städten haben sich Vereine von Freunden des Altertums gebildet, die sich einig ft mit der archäologischen Ortsforschung befassen» die Denkmäler schützen und zusammen suchen. Einen einheitlichen Mittelpunkt erhielt die Tätigkeit durch die Gründung der bulgarischen Archäologischen >Gese 1 lschaft, die im Juni 1910 auf einer Konferenz in Trnovo geschlossen wurde. Die neue Gesellschaft hat bisher zwer Bände ihrer „Nachrichten" erscheinen lassen, die einen starken Eindruck von der archäologischen Forschung in Bulgarien vermitteln. An der Spitze der Arbeiten steht der Direktor des Nationalmuseums zu Sofia, B. Filov, der in musterhafter Weise die bedeutenden Ausgrabungen von Hisar, einer kleinen Festung, 42 «Kilometer nördlich von Plovdiv (Philippopolis) an der alten 'Römerstraße, geleitet hat. Die alten Festungsmauern stehen in <tnem mächtigen Viereck mit vorspringenden Ecktürmen und einem
prächtigen Tor noch aufrecht: in unmittelbarer Nähe der Süd- mauern wurden die Grundmauern einer a l t ch r i st l i ch e n Basilika aufgedeckt, die dem 4. Jahrhundert angehört, während die Festungsmauern eus der Zeit Justinians stammen.
Trotz der bereits gewonnenen bedeutenden Ergebnisse ist Bulgarien noch ein Neuland der Kunstgeschichte, dessen Boden große Schätze birgt und besonders in der mittelalterlichen Shnift= und Kulturgeschichte eine ganz neue Welt erschließen wird.
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— D i e Veröffentlichung von Cavours Briefwechsel. Aus Rom wird berichtet: Der nmfangreiche Briefwechsel Cavours, der heute zum größten Teil in tym Archiven Turins als ein kostbarer Schatz zur Geschichte des italienischen „Risorgimento" gehütet wird, soll der Wissenschaft und der Forschung durch eine umfassende Veröffentlichung zugänglich gemacht werden. Tie zahlreichen Briefe und Dokumente Cavours sollten nach einer Bestimmung der Erben erst 50 Jahre nach dem Tode des großen Staatsmannes heransgegeben werden. Jetzt ist das National-.üomitee fiir die Geschichte des Risorgimento an die Negierung mit dem Vorschlag herangetreten, den Nachlaß zu veröffentlichen und Giolitti, der sich für das 'Unternehmen persönlich stark interessiert, hat den Rat der Archive einberusen. Unter dem Vorsitze Villaris wurde beschlossen, alle jene Schriftstücke, die sich nicht nur in Turin, sondern auch in anderen Archiven befinden, zu ordnen und alle jene Dokumente und Briese herauszugeben, deren Veröffentlichung Bedenken heute nicht mehr begegnen könne.
— lieber 3 00 000 Mark für einen Corot. Ein berühmtes Werk Corots „Orpheus und Eurydiec", das seit seinem ersten Erscheinen in der Kunstwelt im Jahre 1861 viel Bewunderung gefunden hat, entfesselte auf der Emerson McMillion- Auktion in 9? e iu B o r k einen heftigen Kmnpf. Mit 80 000 Mk. begann das Bieten und stieg rasch in Sprüngen von 40 000 9Rk. bei jedem neuen Gebot auf 240 000 Mk. Schließlich erorberte die bekannte Kunsthandlung von Kno edler in der Fifth Avenue das Gemälde für den Riesenpreis von 300 800 Mk. In derselben Auktion erwarb der Kunstsammler und frühere Senator William A. Clark ein Werk des amerikanischen 9Ralers George Jnneß für 66 000 9J?f, womit ein Rekordpreis für Bilder amerikanischer Künstler auf ösfentkichen Auktionen ausgestellt wurde.
— •Sin M o n n m k n t a l w e r k ü b e r Deutschland. In dein Verlage der Chr. Belserschen Verlagsbuchl)andlung in Stuttgart wird unter dem Titel: „Des Deutschen Vaterland" in einem Umfange von nahezu 90 Druckbogen ein umfassendes Werk erscheinen, das Deutschland in landschaftlicher, geschichtlicher, in dustrieller und kulttirgeschichtlicher Hinsicht unter besonderer Berücksichtigung des Volkstums schildern soll. Herausgeber ist der bekannte Biograph und historische Schriftsteller Hermann 9Rüler- Bohn, der einen Stab hervorragender Schriftsteller und Gelel>rter als 9)?itarbeiter um sich gesammelt hat. Darunter folgende 9iÄmen: Ludwig Ganghofer.(Bayerische Volkssitten), Hausjakob (Schwarzwälder Hochzeitsbränchej, Hof rat Trinius und Emil Herold (Thüringen), Peter Rosegger (Deutsckte Sckmtzftistukg in Ödster reich), Prof. Dr. Weise (Die deutschen Stämme), Hofrat Tr. Svielmann (Deutsche Geschichte), R. Reick-ardt (Deutsche Volks
sitten und Festbräuche), Prof. Dr. Hoeniger (Deutschtum im Auslände), Fritz Lienhard und W. Scheu ermann (Elsaß), F. Hupfer (Lothringen), Dr. 9Narx 9Nöller ^Mecklenburg), Hermann Ver- drow (Pommern), Josef Buchhorn und Arthur Rehbein (Die Rheinlande), Dr. Arthur Obst (Die Hansestädte und Sichleswig- Holstein), Fritz Troop (Schlesien und Hannover), Paul SckZaum- bitrg (Provinz Sachsen), Pros. Dr. Sturmhoesel (Königreich Sachsen), Hermann Müller-Bohn (Mark Brandenburg und Berlin), Paul Heidelbach (Hessen-Nassau), Pros. Dr. Gradmann (Württemberg), Pros. Dr. Pfaff uint> Otto Ernst Sutter (Badenh ^Dr. Moys Dreyer (Bayern), Artlmr Fürst (Die deutschen Kttnäle), Prof. Heinrich Sohnrey (Ländliche Wohlfahrtspflege^ Reichstagsabgeordneter Dr. .Hugo Böttger (Deutsches Wirtsckxiftsleben), Ottomar Beta (Die deutschen Kolonien), Franz Como (Hessens, Walter Hey- manit «Ostpreußen), Ewald Müller (Spreewald', Karl Wehrhan (Tie Lippeschen Lande), Franz Poppe (Oldenburg)» Tr. Wiese (Westfalen), Mela E'scherich (Braunschweig), Prof. Dr. Kremmen (^Posen), Universitätsprofessor Tr. Siebs (Helgoland) n. a. Ge- idmuixft ist das Werk mit Originalzeichnuntzen von Franz Stassen,» Georg Eichbaum, R. Hellgrewe, F. Fennel, zahlreickwn farben- photvgraplnschen Aufnahmen von Hans Hildenbrand uötb nahezu tausend Illustrationen. Tas Werk soll in zwei Bänden ausgegeben werden, aber auch in Lieferungen erscheinen. Jede Buchhandlung übernimmt schon jetzt Bestelluugen auf dieses Werk.
ff. E i n e G a s a n st a l t i m E r di n n ern. Die in der Kohle aiifgfipeicherte Sonnenenergie wird, wenn die Kohle in Dampfmaschinen oder anderweitig verbrannt wiyd, nur unvollständig wiedergewonnen. Um diese Energieverluste zu vermeiden, hat längst der englische Chemiker Sir William R a m s a y den Vorschlag gemacht, man solle an geeigneten Stellen die Förderung der Kohle auf geben und den Brennstoff statt dessen an Ort und Stelle in Energie nrnwandeln, die dann in Form des elekttischen Stromes überall hingeleitet werden kann. Nach einer 9JtitteiIung der „Internationalen Monatsschrift für Wissenschaft, Kunst und Technik" soll dieser Vorschlag Ramsays jetzt jur Ausführung gelangen. Das Verfahren, das angewendet werden soll, ist in einem amerikanischen Patente beschrieben. Augenscheinlich handelt es sich um ein amerikanisches Kohlenbergwerk, daS^u diesem Versnck-e benutzt werden soll. Die chemische 9)tethode, die dabei angewendet wird, ist die gleiche, auf der die Wassergas- oder Halbwafsergas- erzeugung beruht: Lust und Wasserdampf, die zusammen über heiße Kohle streichen, werden in ein Gemisch von Wasserdampf und Kohleiwxyd umgewandelt. Nach dem amerikanischen Patent wird nun ein Bolwloch in die Erde getrieben, die Kohlen entzündet und nun durch das Innere von zwei konzenttifchen 'Rohren ein Gemisch von Lust und Wasserdamps in solcher Menge ein- geblasen, daß die Verbrennimg unterhalten und ein dem Halb« wassergas ähnliches Gas erzeugt wird, das dem anderen Rohr entströmt. Ist die Kohle än einer Stelle verbraucht, was man daran erkennt, daß Lust und Wasserdamps unzerfetzt entweichen, so wird an einer etloas entfernten Stelle ein neues Bohrloch in Betrieb genommen. Ans das Ergebnis dieses Versuches darf man mit Recht gespannt sein.


