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4.11.1913 Zweites Blatt
 
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Nr. 259

Erscheint täglich mit Ausnahme des Sonntags.

die Gießener Zamtlienblätter" werden dem .Anzeiger" viermal wöchentlich beigelegt, das Nreisdlatt für den Kreis Siehen" zweimal wöchentlich. Tie ..Landwirtschaftlichen Seit- fragen" erscheinen monatlich zweimal.

Zweites Klatt 163. Jahrgang

Gießener Anzeiger

General-Anzeiger für Oberheffen

Dienstag, 4. November 1913

Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schen Universitäts Buch- und ©tetnbruderei.

R. Lange, Gießen.

Redaktion, Expedition und Druckerei: Schul- straße 7. Expedition und Verlag: 51.

Redaktion: 112. Tel.-Adr.:AnzeigerGießeii»

politische Tagesschnu.

Zar Bekämpfung der Arbeitslosigkeit.

In diesen Tagen, da nach einigen Jahren günstiger ge­schäftlicher Entwickelung eine gewi sc rückläufige Bewegung eingesetzt hat man ist sich noch nid)t darüber einig, ob es sich um einen vorübergehenden Rückschlag oder bereits um den Umschwung der .Konjunktur handelt, den manche erst für das nächste Jahr erwarten, steht das WortArbeits­losigkeit" wieder einmal im Mittelpunkte der Erörterungen. Von der einen Seite wird die Vorhersage einer größeren winterlichen Arbeitslosigkeit dazu benutzt, den Ruf nach Ar­beitslosenversicherung oder Geldunterstützung der Arbeits­losen zu erheben. Auf der anderen Seite ist man, ganz ab­gesehen von gewichtigen Bedenken politischer und sozial­politischer Art gegen diese Form eines Lösungsversuchs des schwierigen Problems der Arbeitslo'enversicherung, der An- sicht, daß es wichtiger wäre, die Arbeitslosigkeit selbst zu bekämpfen, als für die Schäden aufzukommen, die sic an- richtet. Man verweist dabei einmal auf die Möglichkeit, öffentliche Arbeiten auf Zeiten der Arbeitslosigkeit zu ver­schieben, vor allem aber aus die Tatsache, daß es immer noch eine Unmenge von volkswirtschaftlich un­nötiger Arbeitslosigkeit gibt, die sich durch bessere Organisierung des noch sehr mangelhaft und teilweise überhaupt noch nicht organisierten Arbeitsmarktes beseitigen ließe.

Wieviel auf diesem Gebiete auch in Detl tschland noch zu tun ist, wo der öffentliche Arbeitsnachweis bisher die stärkste. Entivickclung erfahren hat neuerdings hat Eng­land auf dem Wege der Gesetzgebung die deutsche, bis jetzt fast ganz der Selbstverwaltung überlassene Organisation mit Riesenschritten ciwgeholt, darüber belehrt uns ein Bericht, der in der Genter Hauptversammlung der Inter­nationalen Bereinigung zur Bekämpfung der Arbeitslosig­keit im September d. I. auf Grund eines reichhaltigen Materials von deutscher Seite erstattet worden und im Oktoberheft desR e i ch s a rb e i t s b l a t t s" wörtlich wiedergegeben ist. Der Bericht stellt fest, daß in fast allen Ländern die Organisation des Arbeitsnachweises noch ein Bild großer Lückenhaftigkeit und starker Zersplitterung zeigt. Reben beit öffentlichen und gemeinnützigen Arbeits­nachweisen stehen die Facharbeitsnachweise der Arbeitgeber und Arbeitnehmer, und in Ermangelung einer zielbewüßten Führung von einheitlicher Stelle arbeiten sic neben- oder durcheinander. Es fehlt daher an wirklichem Aus - g lei ch von Angebot und Nachfrage zwischen ver­schiedenen Orten, namentlich zwischen Stadt und Land. Hierzu bedürfe es eines organischen Aufbaues von Orts-, Bezirks- und Landesarbeitsnachweifen, welche die Arbeits­vermittlung ohne Nebenzwecke, also mit unbedingter Un- partcilichleit betreiben, und denen öfsent'lich-rechtlick>er Cha­rakter, behördliche Befugnisse und Vergünstigungen bei den öffentlichen Verkehrsmitteln zu verleihen wären. Auch die Gcsclstiftsführung erfordere einheitliche Grundsätze, nament­lich zum Zwecke der Herbeiführung einer wirtlich vergleich­baren und die Uebersicht über den Arbeitsmarkt ermög­lichenden Statistik. Das ganze Arbeitsnachweiswesen sei der staatlichen Aufsicht zu unterstellen. Zur Durch­führung einer solchen systematischen Organisierung des Ar­beitsnachweises, die für weitere Maßregeln auf dem Ge­biete der Bekämpfung der Arbeitslosigkeit und ihrer Folgen unerläßliche Voraussetzung sei, bedürfe es der Mitwirkung der staatlichen Vertoaltung und Gesetzgebung.

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Die Errichtung eines Kolonialgerichtshofes soll nunmehr im Reichstag erneut in Angriff genommen werden. Bereits vor drei Jahren lag dem Reichstag ein entsprechender Entwurf vor, der jedoch vom alten Reichstag nicht mehr verabschiedet wurde. Tie Regierung hatte an dem Zustandekommen des Gesetzes, in dem dem neuen Gerichts­hof gleichzeitig die Kons ulargerichtsbarkeit höchster Instanz übertragen werden sollte, kein allzu großes Jnter-

v||e mehr, da der Reichstag namentlich in der Frage der Besetzung des Gerichtshofes einschneidende Aendernngen borgenommen hatte. Von der Einbeziehung der Konsular- gerichtsbarkcit hat die Regierung nunmehr 'Abstand genom­men, hat aber in ihren Vorschlägen über die Schaffung des neuen Kolonialgerichtshofes die B schlüsse des Reichstages berücksichtigt. So sollen durch den Kaiser aus Vorschlag des Bundesrats der Präsid.rrt und die neun Mitglieder des Gericytshoses auf Lebenszeit ernannt werden: Be­dingung für die Berufung ist die B-iähigung zum Nichter- amt und die Vollendung des 35. Levensjahres. Tas Gericht entscheidet in einer Besetzung von fünf Mitgliedern. Ta- neben soll eine Staatsanwaltschaft bestehen. Außer­dem kann in allen Fragen, in denen es das Interesse des Reiches, eines Bundesstaates oder eines Schntzg bi lcs er­fordert, der Reichskanzler einen Beamten c.ls Bertre.er dieses Interesses zu der Verhandlung entsenden, der bis zum Schluß der mündlichen Verhandlung das Wort zur Äeußemng verlangen kann. Auch nach dem Schlüsse der mündlichen Verhandlung kann auf Vergangen des Gerichts ober eines feiner Mitglieder der Vertreter des S.aats- interesses zur Aeußcrnng zugelassen tu erb en. Der Gerichts­hof ist B e r u f u n g s i n st a n z für alle von ben Gerichten ber Schutzgebiete erlassenen Urteile. In bürgerlichen Rechts- strcitigkciten findet bic Rev.sion sta t, wenn ber Äert des Beschwerdegegenstandes 5000 Mark übersteigt. Tie weiteren Vorschriften über die Zuständigkeit, das Verfahren und die Kosten entsprechen genau denjenigen des ersten Ent­wurfes von 1910. Im Sinne der Mehrheit des Reichstages soll der neue Gerichtshof seinen Sitz in Berlin haben.

Ans Inücti.

D i e Erhöhung der Zivilliste des Groß Herzogs.

rb. Darmstadt, 4. November. Ter Finanzausschuß der Ersten Kammer hat soeben einen vom FürstenzuJscnburg- Birstein erstatteten Ausschußbericht über den Nachtrag der Re­gierungsvorlage, betr. die Erhöhung der Zivilliste ces Großher­zogs, erscheinen lassen, wonach der Ausschuß den Antrag stellt, die erste Kannuer wolle sich damit einverstanden erklären, daß die Zivillistc des Großherzogs vom 1. April 1913 ab auf den Be­trag von 1,410,000 Mark festgesetzt wird. Ter Bericht knüpft an ixen früheren Beschluß der Zweiten Kammer, vom Juli 1912 an, zwecks Aufbesserung der Hofbeamten und -Bedienitelen, so­wie des Personals des Hoftheaters und der Hofmusik dem Groß­herzog den Betrag von 75 000 Mark zur Verfügung zu stellen. Die Erste Kammer hatte sich, wie der Ausschußberichterstatter betont, unter Wahrung des Rechtsstandvunktes und unter schwe­ren Bedenken den Vorschlägen der Zweiten KanNwer angeschlossen und dann in ihrer Sitzung vom 15. März os. Is. beschlossen, die Regierung zu ersuchen,den Ständen alsbald eine Vorlage zu machen, wonach die Zivilliste Sr. königl. Hoheit des Großherzogs vom 1. April 1913 an um einen den Bedürfnissen dec Haus- und Hofhaltung angemessenen Betrag erhöht wird." Da sich in­zwischen der bewilligte Betrag von 75 000 Mark als unzureichend für eine gerechte und angemessene Erhöhung der Gehälter für die oben genannten Beamten erwies, so brachte die Regierung bekannt­lich den Antrag ein, die für die Gehaltsaufbesserung zu bewilligende Summe auf 125 000 Mk. zu erhöhen, ein Antrag, dem auch dec Fi­nanzausschuß der Zweiten Kammer berei s zugestimmt hat. Ter Aus­schuß der Ersten Kammer erkennt es nun dankbar an, daß die Regierung dem Wunsch ber Kammer vom 15. März d. I. nach­gekommen ist, er hält es jedoch für zweckmäßig, den bisher im Hauptvoranschlag vorgesehenenBeitrag an die Großh. K a b i n e t t s k a s s e zur Bestreitung der Ordens- k ost en" der Zivil liste zuzuschlagen. Für die­sen Zweck wurde seit 1866 aus der Staatskaffe ein fester Betrag von 5143 Mark gegeben. Seit den nahezu 48 Jahren sei nun dieser staatliche Zuschuß nicht geändert worden, trotzdem die Ordenskosten bedingt durch die mit der Zunahme der Bevölke­rung eingetretene Vergrößerung des Beamtenkörpers und des Heeres beträchtlich gewachsen seien. Für die im staatlichen Inter­esse verliehenen Orden seien in dem Zeitraum von 19071911 durchschnittlich im Jahre 13 988 Mark veraus­gabt worden, wozu noch die Kosten der an Militärpersonen im staatlichen Interesse verliehenen Orden mit durchschnittlich 3000 Mark kommen. Es seien also im staatlichen Interesse jährlich 16 9 8 8 M ark Kosten für Orden auszn wenden, wäh­rend der Kabinettskasse nur 5143 Mark dafür gezahlt würden.

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±\c Regierung beabsichtige deshalb, auch im Budget für 1914 einen erhöhten staatlichen Zuschuß zu ben Ordenskosten anzusor- dern. Tie Zivilliste würde nun mit der Rachtragssorderung von 125 000 Mark und der Gesamtanfwendung für Ordenskoslen sich auf 1 407 000 Mark stellen, und da im Laufe der Jahre mit einer weiteren Steigerung der Ordens kosten gerechnet werden müsse, so beantragt der Ausschuß die ruitbe Summe von 1410 000 Mark für die Zivilliste.

ICiicbc und 5d?ulc.

Neber bic Wert n n g b e s Lehrerberufs lesen wir in berHess. lib. Wochcnschr.": Tic Anforderungen an bic Vorbildung des Lehrers werben "wer höhere. Noch vor mehreren Jahren konnten bic Ab., rienten ber höheren Lehranstalten in Hessen ohne jede weitere Vorbereitung Vcrwenbung als Lehrer im Vollsschulbicnste finden. In« zwischen hat sich bas geäubert; sie müssen jetzt einen ein­jährigen pädagogischen Kursus in Darmstadt besuchen, wo sie vor ihrer Verwendung methodische Unterweisung znm praktischen Schuldienst erhalten. In diesem Jahre hatten sich 70 Abiturienten von Gymnasien, Realgymnasien und Obcrrealschulen für diesen Kursus in Darmstadt gemeldet, von denen aber nur 30 aufgenommen wurden. Die Auf­nahme ist davon abhängig, daß der Abiturient in Her Reiseprüfnng auf Grund guter schriftlicher Leistungen von ber mündlichen Prüfung befreit war. Trotz dieser Ein- fchräntüng ist der Andrang so groß, daß auch junge Leute , mit den besten Zeugnissen wegen Ueberfüllung znruck- i gewiesen werden mußten. Sie sind für den nächstjährigen Kursus vorgemerkt.

Der neueNrupp-Prozeh".

Berlin, 3. Nov.

Da der Gerichtshof eine wichtige Beschlußfassung vorzunehmen hatte, wurde die Sitzung erst um 9,16 Uhr eröffnet. Nach dem Zeugenaufruf wird dem Abgeordne eu Dr. Liebknecht eröffnet, daß er in etwa einer Stunde vernommen w.rden dürfte. Außerdem gab der Vorsitzende den Beschluß des (Gerichtshofes bekannt, wonach die telegraphische Ladung des Generalleutnants v. Bücking für er forderlich erachtet würde, und daß auch ber Dezernent der Feld- . zeugmeisterei, Major Aders, geladen werden würde.

Auf die Vernehmung von August Thyssen wird auf ; Wunsch des Vorsitzenden von der Verteidigung verzichtet. Daun wird in die Beweisaufnahme wieder eingetreten, und zwar erfolgt zunächst die Vernehmung von Dr. Dräger. Er berichtet nun über eine Unterredung, die er am 28. März 1912 in Essen mit Dr. M'iühlon hatte. Sie seien beide übereingekommen, daß die Sache in Berlin aufhören müsse. Dr. Mühlon sagte, er märe über die Tätigkeit Brandts weniger informiert, habe aber den Eindruck, daß sie für bic Firma Krupp von geringem Wert sei. Dagegen sagte Herr v. Dewtch, er entbehre die Berichte Brandts nicht gern, da er sie zur Kontrolle notwendig habe. In einer Direktorialsitzung hat der Zeuge seine Bedenken wegen der Person des Herrn Brandt zur Sprache gebracht. Von einzelnen Herren wurde betont, daß sie auf die bisherige Tätigkeit Brandts fernen Wert legten, und es wurde als taktischer Fehler bezeichnet, Brandt mit einer größeren Selbständigkeit zu betrauen. Der Zeuge hat den Herren mitgeteilt, daß ihm Brandt die Versicherung gegeben habe, daß in seinen Handlungen nichts Strafbares zu finden sei. Darauf wurde der Zeuge beauftragt, bic Sache ihm nochmals auf das schärfste dorzuhalten, von Pen Berichten sollte pber noch nicht endgültig Abstand genommen werden, weil sie harmloser Natur seien. Darüber, wie Brandt seine Berichte fertigfteHte, wurde nichts Näheres gesprochen.

Der Zeuge bemerkt am Schlüsse seiner Vernehmung mit er­hobener Stimme, v. Metzen habe ihm während der ganzen ge­meinsamen Berliner Tätigkeit nicht ein einzigesmal eine An­deutung darüber gemacht, daß Brandts Tätigkeit sich als Be­stechung charakterisiere. Der Zeuge v. Metzen erklärt demgegen­über, er vermöge den Begriff der Bestechung nicht zu definieren, er war sich aber von üomberein darüber klar, daß es etwas Unge­höriges war, Militärpersonen zu einer Pflichtverletzung zu ver­leiten. Der Zeuge D r äg e r erklärt, daß inan ihm darüber niemals etwas mit geteilt hat.

Unter großer Spannung wird hierauf der

Abg. Dr. Liebknecht vernommen. Er bekundet: Einige Tage, bevor er das erwähnte Schreiben an ben Kriegsminister gerichtet habe, sei bei ihm ein Bries mit dem Poststempel Berlin eingelaufen. Dieser enthielt fast

Vie älteste Zeichnung öcs Menschen.

Ein kostbares unb bisher einzigartiges Zeugnis ber Geschichte der Menschheit, das innerhalb ber in neuester Zeit durch so Auf­sehen erregende Funde erschlossenen Kunst der prähistorischen Epoche eine Lücke ausfüllt, ist durch die Archäologen Lucien Mayet unb Jean Pissot aus Licht gebracht worden: die älteste zeichnerische Darstellung des Menschen, die wir bisher kennen. Tie wichtigen Funde der beiden Gelehrten, über bic bereits kurz berichtet wurde, stammen von einer durch die Jahrtausende hin sorgfältig abge- schlosfenen Erdlagerung im Tale des Flusses Ain, von dem Felsen von la Colombiöre.

Ein Fachmann, der in ber Illustration die hohe Bebeutung dieser Funde in das rechte Licht rückt, schreibt auch dem Funde einen besonderen Wert zu, der durch weitere Entdeckungen, die hier noch der Hebung harren, erwiesen werden wird. Tie Erdab­lagerungen, die der Felsen von la Colombiöre schützt, liegen am rechten User des Ain, et nm 20 Meter über dem gegenwärtigen Wasserspiegel dieses Flusses zwischen ben Orten Ponein und Neu- ville-sur-Äin. 50 Meter lang, 10 Meter tief bei einer Hol-e von 13 Meter an der am stärksten emporsteigenden Stelle, direkt nach Süden gelegen, kann diese Schatzkammer prähistorischer Ucberrcftc nach der Ansicht der Archälogen, bic sie bereits Kubiert haben, mit den berühmtesten prähistorischen Fundstätten des Südostens von Frankreich wetteifern: sowohl durch ihre ganz ungewöhnliche Lage wie durch den Reichtum ihrer archäologischen Schichten unb noch mehr durch die Fülle und Mannigfaltigkeit ber hier aufgo speicherten Gegenstände ist sie dazu berufen, in der prähistorischen Forschung noch eine gewaltige Rolle zu spielen. Bereits seit 1875 ist die Aufmerksamkeit auf diese Stelle gelenkt; zahlreiche Samm­ler haben hier in unsystematischer Form schon Grabungen veran­staltet, aber sie durchforschten nur die oberen Schichten: dis zu ben unteren ältesten Lagerungen finb sie nicht vorgedrungen. Erst seit dein Mai dieses Jahres begannen systematische Grabungen, bic in wissenschaftlich einwandsfreier Weise vorgenommen wurden. Sämtliche Schichten stammen aus ber jüngeren Steinzeit; jedoch sind die späteren Lagerungen, bic man in der prähistorischen For- sckmng nach den wichtigsten Fundstätten als bas Solutreen unb Magdalenicn bezeichnet, von der ältesten Schicht, dem Aurig- nacicn, durch eine feine archäologischen Reste enthaltende Sckncht feinen Sandes getrennt. Dieser frühesten Schicht, die durch ihre Lagerung wie durch Hunderte von bearbeiteten Feuersteinen und durch die Reste ber für diese ältere Renickierzeit typischen Tierwelt unzweifelhaft scstgestcllt werden konnte, entstammen nun bic neue­sten Funde. Die prähistorische Kunsts die /ich ja jetzt durch die

Höhlenbilber sowie plastische unb zeichnerische Darstellungen in einer so überraschenben Fülle unb künstlerischen Höhe offenbart, ließ uns nur in der Wiedergabe des Menschen fast völlig im Stich. Während die Bisons, Renntiere, Pferde Mammuths usw. zahlreich in diesen Kunstwerken ber Vorzeit erscheinen, trifft man nur selten auf menschliche oder menschenähnliche Figuren. Während die Tierdarstellungen fein und realistisch beobackstet sind, erscheinen die Mcnschenfiguren in Kopf- und Körperformen oft mit enger Anlehnung an tierische Gestalten, wirken grotesk und karikiert. Die Skulpturen, die fast nur weibliche Körper darstellen, zeigen eine merkwürdige Vorliebe für übertrieben starke Formen, unb jedenfalls lassen uns all diese Darstellungen die so wichtige Frage unbeantwortet, wie wohl diese ältesten Renntierjäger ber Stufe von Aurignac ausgesehen haben mögen, bie bereits eine so hohe Kultur entwickelt hatten. Die halb tierischen Bestien mit ber niedrigen und zurückweichenden Stirn, wie sie aus den Skelettfunden von Ncandcrtal unb Chapelle-Aux-Saints hervortraten, konnten unmöglich die direkten Vorfahren dieser bewundernswerten Künstler der jüngeren Steinzeit sein. Das Mtsel wird nun durch die erste zeichnerische Darstellung des Menschen gelöst, die sich in den Erd­schichten von la Coloinbiöre.gefunden.

In den Lagerungen ber frühesten Periode des Aurignacien, deren Alter auf wenigstens 15 000 Jahre geschätzt werden muß, entdeckte man, vergraben und gut verwahrt unter dem feinen Sand, eine ganze Werkstätte eines prähistorischen Künst­lers: Stichel der verschiedensten Art, Knochenplättcknm von Mam- muth und Rhinozeros, Scheiben aus Kalkstein, die für eine Zeich­nung vorbereitet waren oder bereits Zeichnungen enthielten. Unter diesen zahlreich gefundenen Zeichnungen, die fast alle Tierdarstel­lungen enthalten, ist nun bas Hauptstück die Zeichnung eines Menschen, der von dem Typus des Neandertalmenschcn völlig ver­schieden ist und eher an den Schädel von Chancelade erinnert, der einer viel späteren Zeit entstammt. Der ziemlich umfangreiche Kopf hat eine runde Stirn, die in etwas schräger Richtung auffteigt Das Kinn erscheint vorspringend und trägt einen kurzen durch kleine ^tafficrungen angebeuteten Bart. Die Nase ist lang und sehr dick: das Auge, das durch zwei krumme Striche angebeutet ist, hat einen undefinierbaren Ausdruck; bic Behaarung bes Rumpfes ist als sehr stark dargestellt. Aus Grund dieser Steinzeichnung kann man an­nehmen, datz das Mensckiengeschlecht der jüngeren Steinzeit körper- lid) bereits auf einer hohen Entwicklungsstufe stand und nicht von den Menichen des Neandcrtaltypus abstammt, die vielmehr wahr­scheinlich,einen vertierten unb zum Aussterben bestimmten Zweig des Menfchengeichlechls darstellten.

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ff. Aufdeckung einer Gruft einer thüringischen Fürstin ans dem 4. Jahrhundert. Neue Gräberfunde, die wirklich bedeutend und namentlich für die kunstgeschickstliche Erforschung germanischer Vorzeit sehr interessant sind, bracksten, wie die SeemannscheKunstchronik" berichtet, die Ausgrabungen in Haßleben dieser Tage ans Tageslicht. Auf der Höhe an der Haßlachc entdeckte der Kustos des Stadtmuseums von Weimar, Herr Möller, eine alte Thüringer Hausanlage und daneben nichts geringeres als b/.c 'g.voße, acht Quadratmeter Grundfläche um­fassende Gruft einer thüringischen Fürstin, welche an dieser Stätte etwa im 4. Jahrhundert n. Ehr. beigesetzt ward. Ein seltener Fund mit zahlreick-en Opfergaben von kunstgewerblichen Gegen­ständen, der reicheiiMitgift" der Verstorbenen. 20 Gefäße waren um das zum Teil noch erhaltene Skelett herumgelegt, darunter fel/t schöne Goldarbeiten und birnenförmige Bernsteinpcrlen von purpurfarbenem Schimmer. Bronzeteller mit Jnnenvergoldung, Holzgesaße mit Silbereinfassung, GlasgeMc mit Jrisicrung; dazu die üblichen Sicherheitsnadeln (Fibulas) und Schmucksachen Ein genauer Bericht wird später seitens des Stadtmuseums folgen, dem, der seltene Fund zur Aufbewahrung überwiesen ist. Die Nach­prüfung des kunsthistorisch auch für gbic Aufhellung des noch fast sagenhaften Reickfcs der alten Thüringer verspricht eine bedeu­tende wmenschaftliche Ausbeute.

(EK) Eine Kolossalstatuc Ramses II. auf dem ftairo. Der Reisende, der mit der Bahn nach Kairo fahrt, wird künftig bereits beim Verlassen be* Bahnhofes einen Vorgeschmack von altägyptischer Geschichte und altagyptischer Kunst empfangen. Auf bem von Lorb Kilchener sn- gelegten grotzen Bahnhofsplatz wirb bic mächtige alte Kolossalstatue Ramses II., bie bisher ziemlich unbeachtet in ber Nähe von Be- braschin lag, aufgerichtet werben. Tas Ricsenstanbbilb, bas aus Ichonem harten Kalk,kein gearbeitet ist unb eine Höhe von 42 Fuß aufweist, würbe bereits 1820 aufgefunden, blieb aber am Fundorte hegen, da damals das Interesse nicht allzu groß war und bei Transport bes Denkmals infolge des gewaltigen Gewichtes ge­scheut wurde.

. ~Adrianopel-M art e". Tie Freude ber Türken übet bic Wiedergewinnung von Abrianopel wirb von ben Briefmar­kensammlern geteilt werben, wenn sie erfahren, baß bie tür­kische Regierung zur Erinnerung an dies glückliche Ereignis eine Serie neuer Marken hat Herstellen lassen, die am 26. Oktober aus- gegeben würbe. Tie Erinnerungsmarte zeigt eine hübsche Ansicht von Abrianopel mit ber Sophicn-Moschee in ber Mitte; bie Zehn- Para-Marke ist grün, bie 20 Para rot, bic 40 Para blau.