Nr. 100
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Erstes Blatt
(65. Jahrgang
Mittwoch, 50. April M3
GietzenerAnzeiger
General-Anzeiger für Gberhessen
Rotatronsüruck und Verlag der Vrühl'schen Univ.-Vuch- und Zteindruckerei R. Lange. Redaktion. Expedition und Druckerei: Zchulstratze 7. Büdingen: Fernsprecher Nr. 269 Geschäftsstelle Bahnhofstraße 16a.
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Die heutige Nummer umfaßt 14 Seiten.
Dar hessische landwirtschaftliche Eenojsenschastrwesen.
Da es für die Beteiligten von Wert sein wird, nach der Krisis im hessischen landwirtschaftlichen Genossenschaftswesen das Urteil und den Rat erfahrener Sachverständigen zu hören, haben wir uns an Herrn Prof. D r. C.r ü g e r, den Amvalt des all gern. Verbandes der auf Selbsthilfe be- ruhercken deutschen Erwerbs- und Wirtschaftsgenossenschaft teil, gewandt, mit der Bitte, sich über die Lage äußern zu wollen. Pvof. Dr. Crüger ist unserer Bitte nachgekoni- ntra und hat uns folgenden Aufsatz eingereicht:
Die Redaktion hat mich aufgefordert, mich zu der Lage des Genossenschaftswesens im Großherzogtum Hessen zu äußern. Nach reiflichem Ueberlegen entspreche ich diesem Wunsche. Diese lieber* legung hat darin ihren Grund, daß es das unter der Leitung des Reichsverbandes der deutschen landwirtschaftlichen Genossen- schrften stehende landwirtschaftliche Genossenschaftswesen ist, das von .einigen schweren Schicksalsschlägen getroffen ist. Wer sich mit dem Genossenschaftswesen näher beschäftigt hat, weiß, daß ich oftmals darauf hingewiesen habe, daß in dem Ausbau des landwirtsckxrftlichen Genossenschaftswesens Fehler gemacht 1 werben, die ihre schlimmen Folgen haben müssen. Diese Tatsache braucht nun aber gewiß nicht mein Urteil zu beeinflussen. Tie nachstehenden Ausführungen entstomimen dem dringenden Wunsche, einer wirklichen Gefährdung des Genossenschaftswesens entgegen» zuwirken.
Das landwirtschaftliche Genossenschaftswesen int Großherzogtum Hessen ist von einzelnen schweren Zusammenbrüchen von Genossenschaften heimgesucht. SckMerer vielleicht noch als diese Vorgänge wirkt, daß die Zentralstellen, die für den Geldverkehr geschaffen sind, sich nicht halten können und daß gegen einzelne in diesen Zentralstellen tätige Personen der Vorwurf gerichtet wird, daß sie sich ernster Verfehlungen in der Verwaltung ihres Amtes schuldig gemacht haben. Dadurch ist das Vertrauen ins Wanken geraten. Und damit ist die eigentliche Krisis cingetrelen. An der Üeberwindung dieser, und zwar im Interesse des gesamten ('Genossenschaftswesens im Großherzogtum Hessen und all der vielen Tausend 'Existenzen, die mit diesem Genossenschaftswesen in engster wirtschaftlicher B^iehung stehen, möchte ich Mitwirken. Uno hierzu halte ich mich in meiner Stellung als Anwalt des Allgemeinen deutschen Genossenschaftsverbandes für berufen, weit diesem Verbände eine Anzahl bedeutender Kreditgenossenschaften im Groß- Herzogtum angehören. In diesem Augenblick handelt es sich nicht um Systemunterschiede, sondern allein um die Frage: Was ist unter den gegebenen Verhältnissen zu tun?
Das, was in Darmstadt sich zugetragen, hat auf weite Kreise wie eine Ueberraschung gewirkt. Für den Fachmann war die Ueberraschung nicht so groft,_ wenn ich auch zugebe, daß Wohl nur die ganz Eingeweihten wußten, in welche bedrohliche Sage die beiden Darmstädter landwirtschaftlichen Kreditinstitute geraten waren.. Was wir dort verschwinden sehen, sind — Kartenhäuser.
Leichtfertigkeit und Vertrauensseligkeit werben wohl Begleiterscheinungen im wirtschaftlichen Leben sein und bleiben, solange die Welt besteht. Einen absoluten Schutz gegen solche Auswüchse und ihre schwerwiegenden Folgen gibt eö nicht. Die Vorgänge in Nieder-Modau, Obermockstadt, Darmstadt ('bei der Reichsgenossenschaftsbank und der landwirtschaftlichen Genossenschaftsbank» und an einzelnen anderen Orten sind gewiß aufs tiefste zu beklagen. Mancher Landwirt und Kleingewerbetreibende hat fein Geld ver-
loren — und doch brauchen weitere Kreise deswegen nicht in Unruhe versetzt zu werden. Nichts wäre verfehlter, als wenn jetzt etwa ein Mißtrauen gegenüber den Genossenschaften als solche und der genossenschaftlichen Arbeit Platz griffe. Tie Form der Genossenschaft ist vollkommen unschuldig an jenen Vorgängen. Auch di e unbeschränkte Haftpflicht, a l s solche hat noch nie das Mitglied einer Genossenschaft ruiniert. Schl e cht e Geschäftsführung und Mißbrauch des Vertrauens sind es vielmehr gewesen, die solche Folgen gehabt. Nicht die unbeschränkte Haftpflicht ist für Nieder-Modau und im Odenwald verhängnisvoll geworden, sondern die unerhörte Mißwirtschaft in der Geschäftsführung, mangelnde Kontrolle und Vertrauensseligkeit.
Gewiß Packt die Menschen, die Eisenbahnfahrten Machen müssen, eine gewisse Unruhe, wenn sich zufällig Unglücksfälle häufen. Und doch vertrauen sie sich wieder der Eisenbahn au, in der Erwartung, daß aus den Unglücksfällen gelernt und der Betrieb um so vorsichtiger gehandhabt werden wird. So liegt cs auch bei den Genossenschaften.
Tie Genossenschaft und insbesondere die Kreditgenossenschaft, siei st heute imwirtschaftlichen Verkehr, für das geschäftliche Leben des Mittel- standes in Stadt und Land unentbehrlich. Sie muß in Betrieb bleiben, oder es gäbe einen allgemeinen wirtsäsaftlichen Verfall. Aber aus Vorgängen, wie den erwähnten, ist die entsprechende Nutzanwendung zu ziehen. An SicherungsMaßregeln fehlt es bei keiner (Genossenschaft — sie werden aber zuweilen nicht genügend gehandhabt. Die Mitglieder der Genossenschaft müssen sich um die Geschäfte ihrer Genossenschaft mehr als bisher kümmern. Solange nichts Passiert, pflegen die Generalversammlungen außerordentlich schlecht besucht zu fein. UM die wichtigsten Wahlen kümmern sich die Mitglieder nicht; für den Geschäfts- bericht der Genossenschaft interessieren sich nur die allerwenigsten Mitglieder, und von dem Revisionsbericht, der vom Aufsichtsrat der Generalversammlung vorzulegen ist auf Grund der von dem Verbandsrevisor vollzogenen Revision nimmt kaum ein Mitglied Kenntnis!
So sind vielfach die Mitglieder. Und diese Vertrauensseligkeit der Mitglieder findet zuweilen ihr Spiegelbild in der Vertrauensseligkeit des Aufsichtsrates. Es kann ganz gewiß behauptet werden, daß dort, wo Mitglieder und Aufsichtsrat ihre Schuldigkeit tun, selbst die unbefchränkteHaftpflichtderMitgliedernurihre segensreichen Wirkungen zeigt.
Nieder-Modau ist als eine Katastrophe iM Genossenschaftswesen zu betrachten. Sie ist auf die hier ernxifyrrten Ursachen, wenigstens zum größten Teil, zurückzuführen. Wie der Wiederholung in anderen Orten entgegengewirkr werden kann, ergibt sich daraus ganz von selbst: die Mitglieder sollen die Genossen- fdjaft als ihr Unternehmen betrachten und sich um Wahlen, Geschäftsbericht, Revisionsbericht usw. bekümmern!
Aber etwas anderes lehrt uns noch Nieder-Modau und noch eine weitere Lehre haben mir zu entnehmen den Vorgängen bei der Reichsgenossenschaftsbank und der landwirtsäiaftlicken Genossenschaftsbank. (Zs zeigen sich hier die Gefahren, die sich ergeben aus einer Verkettung d e r Genossenschaften “ntp-'rinanbn-. Dann haben die Mitglieder nicht nur sür die Mrtzwirtschaft der eigenen Verwaltung zu leiden — sondern auch "och für die Mißwirtschaft der Verwaltungen bei anderen Ge- noisteNschaften.
Und weiter: Nicht viel weniger bedenklich wie die Verkettung von Genossenschaften auf Gedeih und Verderb ist es, wenn die
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Kreditgewährung seitens der Zentralbank davon abhängig gemacht wird, daß die kreditnehmende Genossenschaft Aktien der Zentralbank erwirbt. Ist dies der Fall, und die Zentralbank gerät in Scljwierigkeiten, so verlieren die von ihr abhängigen Genossenschaften nicht nur den Kreditgeber, sondern werben auch noch in das wirtschaftliche Schicksal des Kreditgebers mit hineingezogen.
Worauf sollen nun aber vor allem die Mitglieder der Kreditgenoffenschaft achten? Sie sollen sich um die Festsetzung der Kredit grenze bekümmern: sie sollen dafür sorgen, daß in der Kreditgewährung die Verwaltung nicht hinausgeht über die eigene Leistungsfähigkeit der Ge- nossensck.iaft. Tie Kreditgenossensck-aft soll im genossenschaftlichen Rahmen bleiben!
'Es ist vom menschlichen Standpunkt aus zu erklären, daß bei der recht schnellen Folge von Unglücksfällen sich sowohl der übrigen Genosfensck/aften wie deren Mitglieder vielleicht auch hier und da der Gläubiger eine starke Unruhe bemächtigt hat. Und doch ist gerade unter solchen Verhältnissen Ruhe und klarer Blick VorbkÄingung für eine gesicherte Ordnung. Bricht im Theater Feuer aus und das Publikum verhält sich ruhig, so kann auch der Letzte ungefährdet das Theater verlassen. Panik kostet vielen das Leben. So auch im wirtschaftlichen Betrieb.
Ein schönes Bild hat sich in den letzten Monaten im Großherzogtum Hessen geboten, als Genossenschaften ohne Rücksicht auf System oder sonst was sich unter Leitung des Direktors der Darmstädter Volksbank e. G. m. b. H., Herrn Stein, zu- sammeufanüen, um einen Schutzverein für Nieder-Modau ins Leben zu rufen. Unerklärlicherweise scheint man nicht überall gleich die ehrlich? Absicht der an diesem Werk beteiligten Schulze-Telitzsckwn Genossenschaften voll verstanden zu haben. IM übrigen hat sich auch hier gezeigt: selbst ist ber Mann. Solange man bei diesem Schutzverein auf fremde Unterstützung und Hilfe wartete, kam man nicht von der Stelle. Als man bann aber im Vertrauen auf die eigene Kraft zugriff, war der Erfolg ejn glänzender. (S^xm heute stehl fest, daß der Schutzverein in hervorragender Weise feine Ausgabe erfüllt.
Man laun m. E. das, was sich jetzt im Großherzogtum Hessen bei den landwirtschaftlichen Genossenschaften zugetragen hat, nicht ausschließlich als Unglücksfall betrachten. Diese Unglücksfalle haben vielnrehr Mängel eines Systems klargelegt. Hier ist natürlich nicht der Raum, näher daraus einzugehen, zumal ich au-df nicht das Wort ergriffen habe, um hier genossenschaftliche Probleme zu erörtern, sondern um zu der Frage Stellung zu nehmen: was hat unter den gegebenen Verhältnissen zu geschehen? Und da wollte ich daraus aufmerksam mack-en, daß Mitglieder der Genossenschaft und der Gläubiger, die die guten Jahre gemeinschaftlich durchlebt, nun auch weiter Zusammenhalten müssen. Man hüte sich vor alten Ucbcrtreibungen. Tie Genossenschaft ist ein eigenartiges Wirtschaftsgebilde. Tie richtig organisierte und gutgeleitete Genossenschaft wirkt überaus segensreich. Sie ist, wie bereits l-ervorgehoben, unter den heutigen wirtschaftlichen Verhältnissen unentbehrlich. Die Kreditgenossenschaft kann durch kein Kreditinstitut in anderer Form ersetzt werden. 'Das liegt in ihrer Natur und in ihrer Eigenart. Wer Geld ausleiht, läuft immer natürlich ein gewisses Risiko. Tas Risiko bei der Genoffenfck»ft ist eher geringer denn größer, wie bei einem anderen geschäftlichen Unternehmen. Wollten aber die überklugen Mitglieder der Genossenschaft in solcher Zeit wie der jetzigen, sich in Sicherheit bringen durch Kündigung der Mitgliedschaft, wollten Gläubiger ihre Zt-gar nickst gefährdeten Forderungen retten wollen, indem sie Spareinlagen und Depositen kündigen und zurückziehen, so
Die Weltausstellung in Gent.
Brüssel, 27. April.
Es hat ja wohl mich keine Weltausstellung gegeben, die am Eröffnungstage fertig war, aber so unfertig wie die Genter sfftis- stellung dürfte wohl doch noch keine gelvefcn sein. Tas mgg zmN Teil an dem großen Streik liegen, der Belgiens Wirtschaftsleben erschüttert hat, aber es müssen auch Organisationsfehler vothanden sein, denn schon im1 Oktober waren die Ausstellungshallen im.Rohbau fertig, und fein allzu gestrenger Winter hat den Fortgang der Arbeiten gestört. Fertig war nur die große BluMenausstellung, die fogernannten Genter Floralien, die aber eigentlich nur sehr wenig mit der Weltausstellung zu tun haben, denn sie werden seit einem! Jahrhundert und wohl noch länger alle fünf Jahre veranstaltet und waren in diesen Tagen wieder fällig. Fertig ist ferner das Cougo-Museum und das herrliche Stadtviertel Alt-Flandern, eine Stätte, ganz dazu angetan, um an lauen Sommerabenden eine Stunde zu erträumen, um sich in die Glanzepoche niederländischer Kunst zurückzuversetzen. Tie Blumenausstellung ist wohl die umfangreichste, die je gezeigt wurde. Die große Halle allein umfaßt 11000 Quadratmeter, das Palm en Haus 6000 und das Gewächshaus für Tropenpflanzen 3000 Quadratmeter. Tie Anordnung ist überaus wirkungsvoll, man könnte fast sagen, theatralisch geschickt. Zehn Tage wird diese BluMenausstellung bestehen bleiben, und sie wird im Herbst noch zweimal durch, andere Blumen- und Früchteausstellungen ergänzt werden; besonders ist eine große Ehrysanthemenausstellung geplant.
Die Ainordnung der internationalen Hallen ist sehr übersichtlich und praktisch, da jedes große Land getrennt untergebracht jft. Die größte Ausdehnung Hit natürlich die belgische Abteilung (41000 Quadratmeter), dann folgt Frankreich mit 40 000, England mit 17 000, D e u t f ch land mit 12 000, (Sanaba mit 5000, Hollcchd mit 3000, Italien mit 2500 und Persien mit 1200. In einer internationalen SamMelhalle finden sich bann noch etwa 12 Staaten bereinigt, barunter Oesterreich, Rußland, Dänemark, Japan,' Chile, Brasilien, Argentinien und Kalifornien. Frankreich macht die größten .Anstrengungen, es hat sogar wieder einen Pavillon der Stadt Paris geschaffen und wird diesmal ganz besonders stark durch feine schwere Industrie vertreten fein. England beschränkt sich auf zwei Artikel, auf die Keramik und d-e Textilindustrie; so trägt es deut Milien der Ausstellung Rechnung und .zeigt in der Hauptsache Maschinen für die Texti ü industrie, also für Spinnerei und Weberei, einen großen Teil davon sogar rin Betrieb.
Tie deutsche, nicht amtliche Abteilung, die unter Leitung v!on Professor H. Becker aus Frankfilrt a. M steht, zeigt eine gewisse Zurückhaltung, die vom wirtschaftlichen Standpunkt zu bedauern ist; denn die riesigen Anstrengungen der französifchen und englischen Ausstellung in Gent sind die logische Konsequenz der Brüsseler Weltausstellung unb des Erfolges seiner deutschen Abteilung. Auch Raumkunst wird Deutschland diesmal wieder sehen lassen und damit einen lücht sehr großen, aber gut gewählten Kunstsalon verbinden. Italien bietet hauptsächlich Kunstgegen- ftänbe, (Sanaba seine Naturprodukte, Persien seine Teppiche.
^.er Landwirtschaft wird, der Bedeutung Flanderns entsprcchmb, eme besondere Beachtung geschenkt. Man errichtet ein modernes Bauernd o r f mit 22 Gehöften und zeigt dort Musterbetriebe für Bauernwirtschaften von 5, 15 und 40 Hektar Umfang.
,,2o wird sich in etwa drei bis vier Wochen die Weltausstellung in Gent dem Besucher darstellen, als ein großzügiges Unternehmen, das vielleicht nur den einen Nachteil hat, daß es b-on einer Provinzstadt unternommen wurde, die nicht gerade an der großen Heeresstraße liegt. Das Ganze aber stellt sich in einem an;prechenden künstlerischen Rahmen bar, tote es die Stadt Gent ihrer historischen und künstlerischen Vergangenheit schuldig war.
I. W.
Hexenfeuer und ivalpuraisabend.
Als Nachwirkung des mittelalterlichen Hexenaberglaubens sin- ben wir noch mancherlei Bräuche, die sich namentlich in ber Be- bouerung entlegener Lanbstriche erhalten haben. Dazu gehören bie Hexenfeuer in der Walpurgisnacht, die noch in Thüringen, im Vogtlande, im Erzgebirge und in Böhmen abgebrannt werden. Schon ein und zwei Wochen bar dem Walpurgisabend gehen die größeren Schuljungen bon Haus zu Haus, um Brennmaterialien für t)ie Hexenfeuer einzusammeln. Alte Besenstiele und Sck>euer- burflen, zusammengefallcne Holzfässer, Sägespäne und Hobelspäne, Baumwurzeln, ausrangierte Wirtjchastsgegenstäiide, alte unbrauchbar gewordene Dachschindeln und andere brennbare Gegenstände: ccklcs wird bon den Jungen zur Verwendung bei den Hexenseuern am Walpurgisabend angesammelt. Kommt der Walpurgisabend heran, so ziehen die Jungen mit ihrem Brennmaterial auf den Verg, auf dem gewöhnlich die Hexeiiseuer abgebrannt werden. Dann werden an den berschiedensten Stellen auf der Spitze des Berges Holzstöße ausgeschichtet, und wenn dann die TunkeLheit hereinbricht, leuchten bald überall die Feuer empor. Neben den Schuljungen stellen sich auch noch junge Burschen ein. Auch diese bringen noch Brennmaterialien mit, die auf die Holzstöße geworfen werden. Ein besonderes Fest ist es, wenn ein altes Teerfaß verbrannt werden kann: denn mit einem solchen alten Holzgefäß läßt sich ein weithin sichtbares Feuer anmachen. Die jungen Burschen begnügen sich aber nicht damit, Holzstöße anznbrennen, sie bringen auch alte Besenstümpfe und Reisigbündel mit, die vorher mit Teer getränkt sind: die Besenstümpfe und Reisigbündel dienen als Fackeln, die eine Zeitlang rundum gedreht und sckstießlich in die Luft geschleudert werden. Dieses Umdrehen und l’luftocrfen von brennenden Fackeln ist auch noch ein Ueberbleibsel aus früheren Jahrhunderten. Da die Hexen nach dem mittelalterlichen Volksglauben in der Walpurgisnacht in der Luft auf- und abreiten sollten, so glaubte man, daß durch das Hin- und Herschwenken und Aufwerfen von Fackeln der Chor der Hexen vertrieben werden könne. In Böhmen und im Vogtlande sind oft von einer Anhöhe aus Dutzende von solchen Hexenfeuern zu sehen. Während die Feuer auf einer Anhöhe langsam ocrgiimmen, leuchten sie auf einer anderen Anhöhe erst in voller Glut aus. Sind die Feuer niedergebraunt, so üben sich die jungen Burschen noch am Hexen- sprung. Dieser besteht in dem kreuznuifen Ueberspringen der verglimmenden Feuer. Erst nach diesem Ueberspringen, der Feuer sind dw Beteiligten gegen die Hexen gefeit.
— Professor Erich Schmidt in Berlin wird infolge seines Gesundheitszustandes im SomMersemester keine Vorlesungen halten. Professor Schmidt leidet an Atinungsbefchwer- den, und er soll sich nach Verordnung des Arztes während der nächsten drei bis vier Wock>en von jeder Arbeit und Anstrengung fernhalten. Nach dieser Zeit wird der Kranke zur bollständigen Wiederherstellung seiner Gesundheit ein Bad auffuchen. Als sein Vertreter wird Professor Roethe über Romantik lesen. 'Dazu wird dem B. T. geschrieben: „Bei oberftächlichem^ Zusehen scheint alles geregelt, und die Studenten, in deren Plan ein Einarbeiten' in die romantische Literatur lag, scheinen zu diesem Ziel and)! bei der neuen Gestaltung des Vorleseplanes gelangen zu können. Tie Frage bleibt nur, wie es den studierenden Damen ergeben wird, die bei Erich Schmidt zu hören beabsichtigten. Wird Herr Roethe, als Vertreter seines erkrankten Kollegen, sie zulafsen, oder wird er auf dem ihm unbegreiflicherweise zugebilligten Recht belieben, sie bon seinen Vorlesungen auszuschließen? Ties ist ein Punkt, der wohl Beachtung verdient, wenn man bedenkt, daß bor den ernsthaft und systematisch arbeitenden ^Studentinnen unerwartet ein Hindernis sich auftut, mit hem zu rechnen sie vorher nicht in der Sage toarcu, und es bleibt abzuwarten, wie diese Dinge sich gestalten werden/''
—_Arno o f 5 e lt $ 5 0. Geburtstag. DeM Dichter Arno Holz ist zu seinem' 50. Geburtstage von der Vereinigung ostpreußischer Kiinstler und Kunstsreunde in Berlin eine künstlerisch ausgestattete Wresse überreicht toortht. Der Magistrat der Heimatstadt von .Arno Holz, Rastendurg, sandte ein langes Glückw uns chschr ei den und als Geburtstagsgeschenk tausend Mark. Im Rasteiiburger Gymiiasium, dessen Bänke der Jubilar einst gedrückt, sand eine Feier statt, von der Arno Holz durch eilt Glückwunschtelegramm benachrichtigt wurde. Tie Gemeinschast für Kultur in New Bork befindet sich ebenfalls unter den 'Gratu- lauteii. Sie spricht in ihrem' Glückwunsch die Hoffnung auf ein Wiedersehen in Amerika ans. Arno Holz will nämlich im Januar nächsten Jahres eine Tournee durch Nordamerika unternehmen.
— Deutsche Konzerte in It alien. Aus Berlin wird uns geschrieben: Unmittelbar nach Schluß des letzten Dmzertes des Back>-Beethoven-BraHms-Festes begaben sich die Mitglieder des Phil harmonischen Orchesters eUigm Schrittes nach bem Anhalter Bahnhof, um den Sonderzug zu bestechen, in dem Idjon die Singakademie in ber Stärke von 275 'Mitgliedern
harrte, um bie grosst Jtalienfahrt anzutreten. Die dentsck« Mustk wird in Mailand, Bologna unb Turin zu Gehör gebracht werden. Die Smgakademie veranstaltet je zwei' Konzerte, das ^.eutiche Requiem voll Brahms unb die Johannes-Passion, am
■T1,1 yrnb 'NM zweiten Abend die Matthäus-Passion von Bach. Im ge>cklossenen Rahmen des ganzen Kunstwerkes wurde ein Bach-Werk bisher wohl niemals in Italien dargestellt, yluch die Stadt Rom wollte sich beteiligen, iiich es waren wich bereits 20 000 Franks alv Garaiitiesonds gesichert, aber die Verhandlunmn führten nicht num Abschluß, da die römischen Konzerte im April stattfinden mußten, und das Philharmonische Orchester zu dieser Zeit nicht pon Berlin fortkommen tonnte.


