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4.11.1913 Erstes Blatt
 
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m. 259

Erstes Blatt

165. Jahrgang

Die heutige Nummer umfaht 10 Seiten.

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:e Preise

Der Reformator der pariser ©per.

Mit der Ernennung von Jacques Rauche zum Direktor der Pariser Academie nationale de musique tritt an die Spitze der Grotten Oper von Paris eine Persönlichkeit, die sich in Ritter vielseitiger Arbeit ohne Lärm dnrchgesetzt hat und erst sei! verhältnismäßig kurzer Zeit öffentlich in die Praxis des Thccck erlebens eingclrcten war. Jacques Rauche vollendet in den nächsten Tagen sein 52. Lel"ensjahr, ist also gewiß kein Jsmg- ling mehr, aber gerade die letzten Jahre zeigten den etwas überraschten Parisern, daß dieserhomo novus", der vor drei Iabrcn als Theaterleiter als Direktor des Thäatre des Arts in der Bühncnwelt debütierte, die Äunstbegeisterung und den rrormatorischen Eifer eines Jünglings mit deni reifen Urteil eines Mannes in seltener Harmonie vereint.

Vielleicht erklärt sich das dadurch, daß diesem Enthusiasten erb Vorkämpfer einer neuen Bühuenkunst ein Lebensgang bc= Mieden war, der ihn beizeiten lehrte, daß das Theaster nicht der Mittelpunkt der Welt ist: denn der iunge Sohn des berühmten Mathematikers Eugen Ronche studierte die Jngenieurwisscnsck>isten, kenn die Staatswissenschaftcn, trat als 25jährigcr als Attache

Der Einzug des yerzogpaarez in Braunschweig.

Braunschwcig, 3. Nov.

Am heutigen Mvntag ist der neue Herzog Ernst August zu Braunfchweig und Lüneburg mit seiner Gemahlin Viktoria Luise, der einzigen Tochter des deutschen Kaiserpaarcs, in die Mauern der ehrwürdigen Brunsviga eingezogen. Kaum eine andere deutsche ötnbt bietet einen so passenden Rahmen für das etwas mittelalterliche Zeremoniell, das mit einem solchen Fürfteneinzug nun einmal verbunden zn sein pflegt. Braunschweig rühmt sich, neben Hildesheim und Lüneburg ein Stück nordisches 92 f, r a- b e rg zu sein, und wen jemals der Weg durch die wunderlichen alten Straßen und Gassen Braunschweigs geführt, iver die zum Teil noch ans dem 1,2., 13. und 14. Jahrhundert ftammenbem. spitzgiebeligen Häuschen, die altehrwürdige Burg Dankwardcrode, den majestätischen Dom und die schlanke gotische Katharinnr- kirchc, vor allem aber Braunschweigs Juivel, das Altstadtrathans bewundert hat, werf;, wie bunt und wirkungsvoll Braunschweig gerade an einem -tag ivie dem heutigen sich geben würde.

Mit einem Empfang des.jungen Herzogspaares in dem Städt- chen V e l p k e, au dem sich die Landcsgrenze zwischen Braunschweig und Preußen hinzieht, begannen in den frühen Vormittagsstunden die Einzugsfeierlichkeiten. Hier wurde der von Rathenow kommende Herzog offiziell von den Mitgliedern des Stqatsministeriums und erstmals von seinen Landeskindern begrüßt. Wenige Minuten nach V2I Uhr traf der Zug in der festlich geschmückten Hauptstadt Braun,chweig ein. Die blau-gelben Landesfarben herrschten vor doch kamen auch Schwarz-Weiß-Rot und sogar die preußischen Farben Schwarz-Weiß zu ihrem Recht. Die gelb-weißen welfischen Warben sah man hauptsächlich am Bankplatz, wo gelbe und weiße Ra,en den Hauptschmuck bildeten.

Unmittelbar vor dem Hauptbahnhose der Stadt fand der amtliche Empfang statt. Hier hatten sich die städtischen Behörden, die Stadtgeistlichkeit und eine große Schar Ehrens ung- fiauen eingefunden. Unter Glockengeläut und der Musik der Militärkapellen schritt Herzog Ernst Äugust die vom 92. Regiment

Redaktion, Expedition und Druckerei: Zchnlstrahe 7. Anzeigenteil:' H? Beck'.

reis Giesen.:: unterer stock.

g k'/.-8 Ubr abends. - mavon-Alkobolkrankeiv ihre Angehörigen, an»

Heilung.

eben von der Trinker- ntiöortet___

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S chandc des Analphabetentums", wie Giolitti sich nicht scheute, zu bekennen, soll nicht einfach verdeckt und vertuscht, sondern an der Wurzel gepackt und beseitigt werden. Italiens Ansehen leidet in der ganzen Welt, so­lange es diese Schande mit einem anderen großen Staate Europas gemeinsam hat. Und das neue Wahlrecht hät.e ja trotz des politischen Erfolges keine moralische Berechti­gung ohne das ernstgemeinte Bestreben der Regierung, aus den 5 Millionen neu wählend er Analphabeten tünstig Mtt- bürejer mit befriedigender Schulbildung zu machen. Ein zweiter Rcformpuntt ist die Verbesserung des italieni-- schen Verkehrswesens. Wie arg es damit bestellt ist, wissen am besten die reisenden Deutschen, die zu Huu- derttausendeu. . ich das schöne Italien besuchen, und die vergleichen können. Traurig wäre es, wenn der jetzt neu gewählte Nationalist Federzoni, der unter dem Pseudonym de Frenzi den Feldzug gegen die Germanisierung des Garda­sees leitete, auch in der Kammer seinen unheilvollen Ein­fluß geltend machen würde. Der dritte und wich.igste Re- formpunkt ist die s ü d i t a l i eni s ch e Frage. Fast die Hälfte der Städte Südi.aliens muß jetzt von königlichen Kommissaren verwaltet werden, weil der Gemeinderat in­folge des politischen Wahlumschwungs zurückgetreten ist. Wird die Regierung diese Gelegenheit benutzen, um der südlichen Hälfte des Königreichs, die schwer und hemmend wie ein krankes Glied am Körper des Ganzen hängt, neues Leben zuzuführen? Schon Neapel oder Palermo zeigen durch ihre Armut und ihren Schmutz, daß die Zivilisation und Staatskultur dort noch Auferstehungen feiern muß. Und erst die Dörfer! Manche sind halb ausgestorben durch Aus­wanderung! Viele verseucht durch die Rückwanderer. Un­endlich viel gibt es dort zu tun für eine Regierung, die ihren politischen Erfolg durch Kulturarbeit berechtigen will.

Der Eichener Anzeiger erscheint täglich, außer Sonntags. - Beilagen: vi ci in ft ( n'öck'enltich dlebenerFamilienblätter;

wöchenll.Xreir- blatt surden Arris Giehen lL-renstag und Freitag): monarl. Land­wirtschaftliche öeitfraqen nernsprech. Anschlüße: Mr die 9iedaklion 112, «erlag n. Expedition öl Adresse 1ür Depeschen:

«nzelger Gießen.

Annahme von Anzeigen uv die Tagesnummer bis vormittags 9 Uhr. Rotationsdruck und Verlag der vruhl'schen Unio.-vuch- und Zteindruckerei R. Lange.

.7- Karl Schon Herrs neueste Komödie von der A^bner Zeniur verboten. Die Erstaufführung von Karl Schonhevrs neuester KomodieDie Trentwelder" sollte demnächst un Deutschen Volkstheater in Wien stattfinden. Das Stück hat aber vorläufig bei der Wiener Zensur Bedenken hervorgcrufen. «chonyerr will an dem Werke einige Aenderungen vornehmen und

BezuqSvreiA: monatlich 7öPs., otevteb jährlich 'Ulf. 2.20; durch Abhole- u. ZweigsteNen monatlich 65 Pf.; durch die Post Mk.2. viertel» jährt, ausschl. Beüellg. Zeilenpreis: lokal 15Pst auswärts 20 p'eiunq. Ehesredakteur: A Goetz. Beramwortlich iüi den polit. Teil: Ang. Goetz; für .Feuilleton", .Ver­mischtes" und.GeUchts- saal": Karl 9k*uinih; hlrStabt und Land" :

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angelegten Werke hervortrat, in dem er als Vorkämpfer emer neuen Thcaterkunst Fordermtgen erhob, die in der Praxis zu heftigen Erörterungen führten. Rauchs trat damit in jenen Kampf ein, der überall int europäisck>en Bühnenwesen durchgefochten wird' er proklamierte für Frankreich das Ideal einer neuen Szenen- kunst, die alle Zusammenhänge mit dem Naturalismus radikal abstr eisen müsse. Er fordert die Dekoration, die andeutet, und nicht erschöpfen will, er fordert im Bühnenbilde statt der Natur- wahrhett die I m Pression. Aber er blieb nicht bei der Theorie st/hen: der Formulierung seines Programmes folgte mit der Uebetnahme der Direktion des Theatre des Arts aus dem Fuße der Versuch, der Theorie die Praxis beizugesellen. Eine Reihe führender Künstler und junger Talente zog der neue Direktor heran, Vallvtton, Maurice Denis, Andre Helle. Desvalliöres Rene Pivt 11. a. ivurben seine künstlerischen Mitarbeiter, und er beschritt in seinem kleinen Theater Wege, die manches mit den Bemühungen Reinhardts und vor allem Gregors gemeinsam haben. So scheint er, der zudem durch sein großes Vermögen unabhängig ist, in der Tat berufen, die weit hinter den Leistungen der Gegenwart zurückgebliebene Pariser Große Oper einer neuen Aera entgegenzuführen, ja, Gegner von ihm siirchten sogar, daß die Kulisse und die Regie Sieger über die Musik werden könnten. Doch diese Sorge scl>eint nad* den Mozart-, Monteverde- und Offenbach-Auiführungen des Theatre des Arts unbegründet und das umsomehr, als Ehevillard als Dirigent zum Mitarbeiter gewonnen worden ist.

*

Ein Theaterskandal in München. Ein neuer Theater, kaudal wird aus München bekannt. Dr. Robert ver­weigerte, wie uns ein Telegramm meldet, nach geschlossener Vcr- cinsvorstellung vomMahl der Spötter" den aus Berlin eigens nach München berufenen Künstlerinnen, die ausbedungene Gaae von 200 Mark. Die Reklamationen bei der Polizei t^ren er­folglos, da dort keine Kaution hinterlegt war. Die Künstlerinnen gerieten dadurch so in Geldverlegenheit, daß sie nach Berlin um Reisegeld telegraphieren mutzten. Die Angelegenheit ist bereits gerichtlich anhängig gemacht.

Stück, das einen in SchönherrsSonwvendtag" bereits behandelten Konflikt wieder aufgreift, spielt auf dem Lande und gibt im dritten Akte eine Schilderung des Heiligenbilderkultus der ländlichen Bevölkerung.

Leoncavallos neue Operette durchgefal- lcn. Aus London wird berichtet: Leoncavallos neue Operette "Bist Du da?", die dem Publikum als ein neues Kunstgenre, alsRevue-Operette" angekündigt war, verschaffte den Londonern die seit ungezählten Jahren nicht Erlebte Sensatton eines regel­rechten Theaterskandals. Der übermütige possenhafte erste Akt, von gefälliger Musik begleitet, wurde auch freundlich aufge- nommen, aber der zweite, der letzte Akt, der in Nizza zur Karno- valszett spielt, ließ, von einem hübschenRoscnwalzer" abge- lefien,Jne Stimmung des Publikums schnell abstauen, und als zum Schlüsse der Textdichter und Direktor auf der Bühne er- schien, brach ein Sturm los, und der schüchterne Beifall wurde in einer ,y(ut von Zischen erstickt, de Courville versuchte eine ttnsprache zu halten, aber als er dabei sein Bedauern ausdrückte

,^11 .beeidigt zu haben, indeni er ihm eine ganz neue .9111 mm Unterhaltung geboten habe," war es mit der Langmut äu Ende, ,/Aushörcn!"Schweigen!"Fort damit!" klang es von allen weiten des Hauses, unb trotzdem der Direktor immer wieder versuchte, zu Worte zu kommen. Mußte er sich schließ-

? Hnb "^treten, ohne seinem Zorn oder Kummer Aus­druck verliehen zu haben.

n-?.cwipnung keimfreier Lpmphe durch Zusatz ^-^/uosol. Der Kgl. Jmpfanstalt zu Stettin ^Vorsteher Medizmalrat ^,r. Seifert) und der chemisch-bakteriologischen Ab- teilung des Kgl. preußischen 2. Armeekorps 'Vorstehe/Stabsarzt k^wsÄ^ »gelungm, durch Zusatz von Ehinosol eine völlig SfSkn Sa hnnSPr?Ur5a^J?trf'antC unb Wtbarc Lymphe her- SSnJ örrft $JltLbabex um cme tatsächliche Abtötung der

^^entration hat sich ein Zusatz van 3 pro

c; k 10 0 Heber die Verwendbarkeit stärkerer Lösun-

gen finden noch Prümngen statt. Durch die bisherigen Ergeb- Hauptvorwurf der Jmpfgegner gegen die gesetzliche ^mpwstickst hinfällig geworden, daß die Lpniphe durch einen Gehalt an pathogenen Keimen den Impfling gefährde.

. , Kurze Nachrichten aus Kunst und Wissen, schäft, ^n München ist am Sonntag der Komponist Hans Bronsart v. Sch eile n d orf, ein Bruder des früheren preu- ßischen KViegsministers, im Alter von 84 Jahren gestorben. Seine Gattin, die früher bekannte Pianistin Jngcborg, war ihm vor einigen Monaten im Tode borangegangen.

in? Finanzministerium, wurde später Bureauches im Handels- nrifterium, war 1889 sogar Leiter des Generalkommissariats ffit die Welt-Ausstellung und ging dann völlig in die Groß- imistrie über, der er im Grunde heute noch als Besitzer einer Vcisümerie-Fabrik angehört. Aber sein erfolgreiches Wirken Ltz Staatsbeamter und dann als Großkaufmann ließ Ronche Licht einfeitig werden: ja, je mehr Erfolge er auf dem Ge- iid' des praktischen Lebens fand, je stärker trieb ihn sein Na- ' Mlll zur Kttinst. Litei'atur und Philosophie waren ihni nicht

Sfirüertrcib, sondern Führer im Leben und der zur Ausnutzung Ifener Tatkraft auf diesen Gebieten drängende Großkapitalist sah ICTiis einen Teil seines Ideals verioirklicht, als er 1906 als Wen folg er Laboris die Leitung derGrand Revue" übernahm. Schon 8 Jahre früher war der Name Rouche in Theaterkreisen rid genannt woden; ein Aufsatz von ihm, der ein Programm « die Reform des Deklamationsunterrichts am Konservatorium ciifieAte, erregte großes Aufsehen. Seit dieser Zeit begann sich S?i:cfDe in der Stille mit Theaterklmst zu beschäftigen; nicht ® Genießer, der hier Erholung und Anregung sucht, sondern . üj kmtischer Forscher, der Europa zu bereisen begann,, englische, : Mcche und deutsche Bühnenleistungen verfolgte und mit fran-

Ljrttu.'n verglich, unausgesetzt Material sammelte, besonders die i ; Bttiimbe einer neuen Kunst der Theaterdekorativ n

It»Mc und fo plSklich - v°r 3 Jahren mit einem grofr dann soll

_ . _ _ Dienstag, 4. November 1913

Gietzener Anzeiger

General-Anzeiger für Oderhefsen

gestellte Ehrenkompagnie ab unb bestieg dann mit der Herzogin Viktoria Luise den von sechs Schimmeln gezogenen Prunkwagen, dem eine halbe Eskadron Braunschweiger Husaren mit Lanzen- fähnchen in blau-gelben Landesfahnen voranritt. Auch der Herzog trug die Uniform dieses Regiments, das ihm in den letzten Tagen verliehen worden ist, während die junge Herzogin in weißer Spitzentoilette mit blauem pelzverbrämten Mantel und iveißem Hick mit gelbem Reiher erschien.

Vor dem von der Stadt errichteten Prunkzelt gab Oberbür­germeister 3?et em ober seiner Freude darüber Ausdruck, daß ein Mitglied des angestammten Herrscherhauses wieder in Braun­schweig einziehe und zwar an der Seite einer Fürstin aus dem Hohenzollernhaus. Die Herzen aller Braunschweiger schlügen dem Herzogspaar entgegen. Ter junge Herzog Ernst August dankte mit bewegten Worten, worauf der Herzogin durch die Tochter des Zweiten Bürgermeisters ein Rosenstrauß überreicht wurde. Nun bewegte sich der Galawagen, dem eine halbe Schwadron Husaren und ein Hoswagen mit den Mitgliedern des Herzog­lichen Staatsministeriums und dem Gefolge sich anschlossen, zum Rathause der Stadt, dem die Burg Tankwarderodc gegenüberliegt. Hier erfolgte eine zwecke Huldigung des Herzogsvaares durch 2500 Schulkinder, worauf sich' der Festzug zum Schloß begab, dessen Vorplatz Ehrenkompagnien der übrigen hiesigen Regimenter säumten. Im Sck)losse selbst folgte die Vorstellung der Hof­staaten und

die Verlesung der Thronrede.

Sie hatte folgenden Wortlaut:

Meine Herren Abgeordneten! Mit Dank gegen Gott, der aus tiefstem Herzen kommt, begrüße ich zugleich namens bet Herzogin, meiner Gemahlin, Sie, meine Herren, heute hier in meinem Residenzschloß. Die mich beseelenden Gefühle habe ich bereits in dem Patent, mittels dessen ich die Regierung an­getreten habe, ausgesprock'en. Den Jubel der Bevölkerung bei unserem Einzug in das Land und in die Residenz betrachten wir als ein sichtbares Zeichen der Liebe und des Verttaucms, welches uns die gesamte Einwohnerschaft des Landes entgegen­bringt. Es wird mein ständiges Bestreben sein, die Regiiwung so zu führen, daß jeder, ohne Unterschied der Person die Ueberzeugung gewinnen wird, tatkräftige Für­sorge für das Gedeihen des Landes und das Glück der Braun­schweiger sei der Leitstern alles meines Handelns und Tuns. Dazu, meine Herren, bedarf jch msbesondere Ihres vollen Ver­trauens und Ihrer treuen Mitarbeit, wie Sie solches auch meinen Vorgängern an der Regierung alle Zeit erwiesen haben, und um die ich Sie damit herzlich bitte. Nur dann kann es mir ge­lingen, meinen ernsten Willen, die Wohlfahrt des Landes auf allen Gebieten zu pflegen, in die Tat umzusetzen. Der Herzogin, meiner Gemahlin, wird es eine große Freude und eineihr zur lebhaften Befriedigung gereichende ?lufgabe sein, alle auf demGebiet derFrau und Fürstin liegendenB-' r^ungen zu fördern und zu unterstützen. Nachdem ich den Thvon m?iner Vor­fahren beftiegen habe, entbiete ich allen meinen Braunschweigern, michselbstinjederBeziehungals Braunschwei­ger fühlend, meinen landesfürstlichcn Gruß und spreche die zuversichtliche Hoffnung aus, daß das Band zwischen Fürst und Volk ein immer festeres und innigeres werden wird. Dazu wolle Gott der Allmächtige seinen reichen Segen geben!

Am Abend war Braunschweig durch eine Illumination der gan­zen Stadt m ein Flammenmeer getaucht, während im Hostheccker her dritte Akt aus denMeistersingern" in Gegenwart des jungen Herzogspaares in Szene ging.

Eine Stiftung.

Tie amtlichenBraunschweigischen Anzeigen" melden: Der Herzog Ernst August errichtete, um ein bleibendes Andenken an seinen Regierungsantritt zu schaffen, unter dem NamenHerzog Ernst August-Stiftung" zu gemeinnützigen Zwecken eine milde Stiftung und überwies der Stiftung als Grundstock des Vermögens aus der herzoglichen Schatulle 50000 Mark. Die Zwecke und die Bestimmung der Stiftung werben bemnächst be­stimmt.

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Italien nach den Wahlen.

<x. J? Millionen des Lesens und Schreibens unkundige ^rauener haben nach dem neuen Wahlrecht zum ersten ; . s?nuPt ' und Stichwahl ihre Stimme abgegeben.

L? ^>ahlerzahl Italiens, bisher rund 3 320 000, stieg durch Ar auf #800 000. Das gewagte Experiment

0liicfte. Der Erfolg der Wahlen bedeutet einen Ministerpräsidenten, der die Wahtmaschine eines Landes wie kein anderer seiner europäischen Kollegen r'ond hat. Der Triumph hat allerdings etlvas ge- to,tet: eine Annäherung der Regierung an die Klerikalen, «n feyen Dorfpriester wie ihr letztes Wahlschäflein an 01c Urne kommandiert haben. Es ist durchaus glaublich, f wenn man sich erzählt, daß der Papst den Ausspruch tat: I lan9c 'vir mit den Liberalen (soll heißen Ministeriellen) hujammengehen, haben wir 400 Stimmen in der Kammer, Ar Plr abcr ^ne eigene Partei bilden, wird es uns ugehen." Es ist dem italienischen Zentrum (der Papst gab ausdrücklich die Parole aus: Kein katholisches Zentrum!) .. auch bei den Stichwahlen sehr gut gegangen; es bildet jetzt oeu Hauptbestandteil der ungeheuren Regierungsmehrheit > un9 erlebt die Freude, daß Roms vielgehaßter Oberbürger­meister Nathan mit seiner Gefolgschaft zurücktreten muß trotz oer drei römischen Wahlkreise, die in liberalem Besitze bleiben. 1 *

Jperr Giolitti, derZauberer von Montecitorio", hat einen neuen Beweis seiner Geschicklichkeit oder seines Glückes, wie mans.nimmt, gegeben. Als die Sozialisten anfingen, ipm fürchterlich zu werden, bot er ihnen Vertretung im ; «nbinett an und säte dadurch soviel Zank und Hckder in die l $artei' sib durch Zwietracht und Spaltung geschwächt wurde. Als er entdeckte, mit welcher Opferfreudigkeit sich Bauern und Arbeiter m Tripolis für dasgrößere Italien" schlugen, als er den gewaltigen Wert der Jmperialisieruna der unteren Klassen erkannte, trat er, eine unerhörte Kühn- ?eit, mit dem Wahlrecht der Analphabeten vor die Kammer, inahm den Gegnern den Wind aus den Segeln und geht letzt mit 377 Ministeriellen in der neuen Kammer glatt durchs Ziel. Freilich, wie sich mit diesem neuen Parlament arbeiten lassen wird, ist eine andere Frage. Der Vatikan hat jetzt für alles, was Kircheilpolitik und Kirchenintercsseii be­trifft, in der neuen Kammer eine große Mehrheit. Wie schlecht aber mit einemstarken Papste" Kirschen essen ist, lehrt die Geschichte so ziemlich aller christlichen Nationen und am meisten die Italiens. Jedenfalls, eine auch nur irgendwie antiklerikale Regierung ist jetzt ausgeschlossen. . Giolitti muß jetzt alles mit seinen gefälligen Wahlhelfern, ! beit Päpstlichen, machen.

Welche politische stiiesenarbeit nun der Erledigung harrt, bavon hat schon der Regiernngsbericht eine Andeutung ge­geben, der dem königlichen Auslösnngsdekret des verflossenen Parlaments beigegeben war. Giolitti ist der Ueberzeugung, daß Italien die Opfer und Prüfungen des letzten Krieges über Erwarten gut überstanden hat, daß die Schwarzseher sich irrten und daß Italien unbeirrt Vorwärtsschreiten könne, bis es seine Macht über die ganze afrikanische Neuerwerbung ausgedehnt lfabe. Giolitti weiß aber sehr wohl, daß neben Lieser lichten Hoffnung auch tiefe Schatten stehen.

Der innere Ausbau des italienischen Staats-

»vcsens küßt noch so manches zu wünschen übrig. Die Re- ßierung gibt offen eine ganze Menge reformbedürftiger Dünkte zu. Die Hebung des Volksschulunterrichts ist bereits energisch in Angriff genommen worden. Die