Nr. 52
Zweites Blatt M. Jahrgang
Erscheint »-«ch nm Ausnahme des Sonntags. AA ^^18 AA ▲
Die „Siebener Zamilienblätter" werden dem 1 | fcZ |g / 1 || X ||Z 1| gg S
„Anzeiger" viermal wöchentlich beigelegt, das G. ® lä H ffl WL, ÄL W S II IL UM |L
„Kreisblatt für den Kreis Sietzen" zweimal v V «I V S V W Bi W | V V ™ V
wöchentlich. Di», „Landwirtschaftlichen Seit- « - »T8®'
fragen" erscheinen monatlich zweimal. General-Anzeiger für Gberhepen
Montag, 3. März M3
Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schen Universuäts» Buch» und Steindruckerei.
R. Lange, Gießen.
Redaktion, Expedition und Druckerei: Schul- straße 7. Expedition und Berlag: 51*
Redaktton:S^A1I2. Tetz-Adr.: AnzeigerGießen.
Aus Hessen.
Eine andere Erledigung der Wahlpriifnngen.
Abg, Grünewald und Genossen beantragen irr der Zweiten Kammer:
Die Kammer wolle an die Großh. Regierung das Ersuchen richten, einen Gesetzentwurf vorzulegen, welcher die U e b erweis ung der Wahlprüfungen zu den Wahlen der Abge ordneten der Zweiten Kammer der Landstände an das Großh Oberlandesgexicht in die Wege leitet.
Die Begründung dazu lautet:
In allen Parlamenten, auch im Deutschen Reichstage und im Hessischen Landtage, leidet die objektive Prüfung und sichere Be urteilung der Wahlergebnisse unter den Rücksichten, welche die Parteien auf den eigenen Mandatsbesitz und den der anderen Richtungen nehmen. Das 'Recht, das allein maßgebend sein soll für die Frage der Gültigkeit der Wahlen, tritt hinter die Parteivcr hältnisse zurück, wenn auch nicht behauptet werden soll, daß die Wahlprüfungskommissionen oder das Plenum der Parlamente ab- sichtlich oder auch nur bewußt das Recht verletzen. Die Tatsache, dq>ß fast immer nach Parteien abgestimmt wird, beweist, daß eine freie und unbefangene Rechtsprechung bezüglich der Wahlprüfungen nicht obwaltet.
Aus diesen Gründen ist die Uebertragung dieser richterlichen Tätigkeit an eine neutrale, unabhängige, mit allen gesetzlichen Garantien für eine objektive Rechtsprechung ausgestattete Instanz, wie sie der höchste Hessische Gerichtshof darstellt, geboten.
Die Verwendung der E'scnbahniiberschüfse in Hesien.
Der Abg. Joutz hat in der Zweiten Kammer folgenden Antrag gestellt:
Die Kammer wolle beschließen: Großh. Regierung zu ersuchen, einen Gesetzentwurf vorzulegen, daß zukünftig die Eisen- bahnüberschüssc der Preußisch-Hessischen Eisenbahngemeinchaft, welche dem Hess. Staate zugehen, prinzipiell ausschließlich zur Tilgung der Hessischen lAsenbahnschuld bezw. zu Eisenbahnzweckerücklagen dienen.
In der Begründung heißt es u. a.
Tic hessische Eisenbahnschuld beträgt zurzeit rund 360 Mill. Mark und eine Tilgung, wie sie jetzt vorgesehen ist, ist in Anbetracht der hohen Eisenbahnüberschüsse und daß neue Schulden zu machen sind, eine sehr minimale. Daß aber neue Eisenbahnschulden unausbleiblich sind, dazu muß uns die Erwägung zwingen, daß die Vage unseres Landes, trotzdem wir schon ein verhältnismäßig dichtes Bahnnetz, haben, im Interesse einer vorteilhaften Entwicklung unserer Landwirtschaft und Industrie zum Abschluß noch vieler Landesteile an die Hauptbahnen drängen. Ob diese Anschlüsse durch normalspurige Nebenbahnen oder Automobilfahrzeuge oder durch elektrischen Straßenwagenverkehr am besten erreicht werden, ist noch eine offene Frage. Mir erscheint ein elektrischer Straßenwagenverkehr mit Normalspur (zirka 143 Zentimeter), um die kostspieligen und die landwirtschaftlichen Erzeugnisse schädigenden Umladungen zu vermeiden, andererseits man diese Geleise auf ben sogen. Reitpfad der Chaussee verlegen faim und auch Anhöhen überwunden werden können, die beste Art der Zukunft, um heute noch rückständige Landesteile anzuschließen, während der Automvbilwagenverkelw mit seinen Rücksichtslosigkeiten auf andere Fahrzeuge und auch Personen, vielleicht manchmal nicht ganz mit Unrecht, von den Landbewohnern als ein grober Unfug bezeichnet wird und eine Vermehrung dieses Verkehrs auch noch durch Automobillastsahrzeuge des Staates nicht tunlich erscheinen dürste.
Die Vereinigung der Hoch- und Tief- bezw. Strahenbauamter.
Der Abg. Joutz hat ferner in der Zweiten Kammer folgenden Antrag eingebracht:
' Tie Kammer wolle beschließen. Großherzogliche Regierung zu ersuchen, einen Gesetzentwurf vorzulegen, welcher die Hoch- und Tief- bezw. Straßenbauämtern in ein Amt vereinigt.
Erhebung des Feuerversicherungs-Stempels für die Zeit rom 1. April bis 14 Juli 1912.
Die Abg. Kor^ll - Angenrod und Dr. Weber beantragen in'der Zweiten Kammer:
Großh.' Regierung zu ersuchen, die nachträgliche lErhebung des Feuerversicherungs-Stempels für die Zeit vom 1. April bis 14. J-uli 1912 im Verwaltungsweg zu erlassen.
In der Begründung herßt es:
Wie allgemein bekannt ist, ist die Erhebung des Feuerversicherungs-Stempels, wie es durch das Abänderungsgesetz über
den Urklmdenstcmpel vom 17. Juli 1912 bestimmt ist, allenthalben als eine große Härte empfunden, umsomehr als er auch in seiner finanziellen Wirkung weit hinaus geht über die Beträge, die seitens anderer Staaten, insbesondere in Preußen und Bayern erhoben werden. Eine ganz besondere Härte aber ist, daß das erwähnte Gesetz gerade hinsichtlich des Feuerversicherungsstempels Rückwirkung auf den 1. April 1912 erhalten bat, so daß also für die Zeit vom 1. April 1913 bis 14. Juli 1913 der d oppelte Stempelbetrag erhoben werden muß.
Die A'Flinders'aqe an den deutschen Hochschulen, die erst neulich im hessischen Sanbtage auf eine Anregung des Abg. Dr. Osann hin vom Minister des Innern beantwortet wurde (s. Bericht über die Kammersitzung vom 28. Februar) ist von einer im „Kaisersaal" zu Darmstadt tagenden Versammlung deutscher Studierender am Sonntag wiederum angeschnitten worden. Diese Versammlung hat dem Rektorat der hiesigen Technischen Hochschule und durch dessen Vermittlung dem Ministerium des Innern folgendes Schreiben unterbreitet:
Die Versammlung bittet ein hohes Rektorat, in den Ausnahmebestimmungen folgende Gesichtspunkte wahren zu wollen:
1. Die Zahl der Ausländer darf 15 Prozent der Gesamtzahl der Studierenden nickst überschreiten. Aus eine m Staate dürfen nickst melw als 7 Prozent aufgenommen werden. Ausländer, die'Mbsolventen von als vollwertig anerkannten deutschsprachigen Schulen sind, werden von diesen Bestimmungen nicht betroffen.
2. Ausländer haben sich einer akademischen Prüfung in der deutschen Sprache zu unterziehen. Erst das Bestehen der Prüfling berechtigt zur Teilnahme an den Hebungen und Praktika.
3. An ausländische Studierende und Hörer werden erst 14 Tage nach dem Programmäßigen Beginn der Vorlesungen Plätze in Hör- und Hebungsfällen vergeben.
4. In den Aussührungsbestimmnngen zu § 2 der Aufnahmebestimmungen bitten wir den Punkt a) 9 wie folgt zu ändere: (Zur Aufnahme als Studierender an der Darmstädter Hochschule berechtigen:) Die Reifezeugnisse der achtklassigen russischen Gymnasien, wenn die Abiturienten auf Grund des bestandenen Konkurrenzexamens oder unter ausdrücklicher Dispensierung davon aus Grund hervorragender Schulleistungeu zum Besuche einer russischen Technischen Hochschule zugelassen sind.
Wir bitten um Mitteilung an die Hnterzeichn"ten, inwieweit ein hohes Rektorat gewillt ist, unfern Beschlüssen entgegen zu kommen. Gleichzeitig bitten wir darum, daß dem Großherzoglich Hessischen Ministerium beigefügte Abschrift überreicht und ihm somit die Beschlüsse der Versammlung deutscher Studierender bekannt gegeben werden. (Folgen Hnterschristen.)
Der besuch der Kaiserin in Gmunden.
Gmunden, 1. März. Die Kaiserin, Prinzessin Viktoria Luise und Prinz Ernst August trafen mit dem Herzogspaar zu Braunschweig und Lüneburg, dem Großherzogspaar von Mecklenburg-Schwerin, dem Prinzen Maximilian von Baden und Gemahlin und den Prinzessinen Friedrich und Olga zu Braunschweig unb Lüneburg, die den: hohen Besuche bis Attnang entgegen- gefahren waren, um 3 Hhr 30 Min. aus dem hiesigen Bahnhof ein, wo sie von beit Spitzen der Behörden empfangen wurden. Nach kurzem Cercle begaben sich die hohen Herrschaften zu Wagen nach dem herzoglichen Schloß, aus dem ganzen Wege von der Bevölkerung stürmisch begrüßt.
Der Herzog vom Cumberland, der die Uniform seines öfter reichisch-ungarischen Infanterie-Regiments angelegt hatte, stellte auf dem Bahnhof der Kaiserin die zur Aufwartung erschienenen Herren vor, welchen die Kaiserin die Hand reichte. Ter Bürgermeister von Gmunden Dr. Krakowitzer gab in einer kurzen Ansprache der Freude der Gmundener Bevölkerung über den Besuch der Kaiserin und des hohen Brautpaares Ausdruck und übermittelte die herzlichsten Glückwünsche der Bevölkerung. Die Kaiserin erwiderte mit einigen Worten herzlichen Dankes. Inzwischen stellte Prinz Ernst August feiner Braut die zum Empfang erfchienenen Herren vor. Bürgermeister Krakowitzer überreicht- der Prinzesfin ein großes Bukett aus weißen Rosen, weißem Flieder und Maiglöckck>en, mit rot-weißer Schleife, den Farben der Stadt Gmunden, und übermittelte die herzlichste Gratulation der Gmundener Bevölkerung. Die Prinzessin dankte in liebenswürdigen Worten für den herzlichen Willkomm. Im ersten Wagen, einem Landauer-Viererzug, nahmen der H a u s m a r s ch a l l, der
H o f m a r f ch a l l und der Kammervorsteher des Herzogs von Cumberland Platz. Es folgte ein Vorreiter in rotem englischen R o ck. In einem Sechser-Landauerzug, die Pferde reich geschirrt, die Kutscher mit pelzverbrämten roten Mänteln, folgten im Fond die Kaiserin Auguste Viktoria, daneben die Herzogin Thyra von Cumberland und gegenüber das Brautpaar. In Landauer-Viererzügen folgten die übrigen Gäste. Den Schluß bildeten die Gefolge. Aus dem ganzen langen Wege, der über die Esplanade durch die Stadt ins Schloß führte, bildeten ein zahlreiches Publikum, Feuerwehr, Veteranenvereine und Schulkinder Spalier, welche die Gäste begrüßten. In dem herrlich gelegenen Schloß des Herzogs von Cumberland, das Mitte des 13. Jahrhunderts erbaut ist, und von feinen Zinnen einen wundervollen Blick auf den See und das Gebirge bietet, waren für die Prinzessinnenbraut die im ersten Stockwerk gelegenen Appartements, von bereit Fenstern man den Traunsee, sowie die schönsten Partien des Höllengebirgs sieht, reserviert, mit seltenen Blatt- und Blumenpflanzen reich geschmückt. Im Augenblick der Ankunft der Gäste wurde auf den Zinnen die Standarte der Kaiserin hochgezogen.
Gmunden, 2. März-. Heute nachmittag machten die Kaiserin, die Herzogin Thyra von Cumberland und Prinzessin Friederike eine längere Spazierfahrt in einem Viererzug längs des Traun-Sees. Das Brautpaar, das Großherzögspaar von Mecklenburg, Prinz Max von Baden und Prinzessin Olga fuhren in zwei Automobilen! über Altmünster, Traunlirchen und Ebensee bis in die Nähe von Ischl, von wo sie auf denrselben Wege nach Gmunden zu rückkehrten. Das vordere Automobil lenkte Prinz Ernst August, ihm zur Seite saß Prinzessin Viktoria Luise. Das Publikum, welches das Brautpaar erkannte- begrüßte es auf dem ganzen Wege auf das lebhafteste. Hm 8i/2 Hhr abreds war im Schlosse wiederum Familientafel. An diese schloß sich eine musikalische Abendunterhaltung, wozu außer dem Gefolge der Gäste, die Herren und Damen der Hofgesellschaft und andere Persönlichkeiten von Gmunden geladen waren.
Deutsche» Reich.
JmReichstage
hat man sich seitens der Fraktionen bereit erklärt, zur Beratung der Heeresvorlagen und der Deckungsgesetze zu einer Sommertagung nach Psi ng st en am 27. Mai zusammentreten und vom 30. April bis 27. Mai eine Vertagung eintreten zu lassen, hauptsächlich mit Rücksicht auf die Landtagswahlen in Preußen. Tie erste Lesung der neuen Vorlagen soll noch im April stattsinden, damit der Ausschuß schon im Mai seine Arbeiten beginnen kann. Bis zur Vertagung sollen der Voranschlag verabschiedet, die erste Lesung der Heeresvorlagen absolviert und einige kleine Gesetze beraten werden. Im Juni sollen dann die übrigen Vorlagen, soweit sie plenarreif sind, verabschiedet werden. Man rechnet damit, daß der Reichstag sich Ende Juni spätestens auf den Herbst vertagen wird.
Die Gesetzentwürfe
betr. die vorläufige Regelung des Reichshaushalts und des Haushalts der Schutzgebiete für das Rechnungsjahr 1913 nebst Begründung, sind, wie sie vom Bundesrat beschlossen wurden, dem Reichstage zur verfas'ungsmäßigen Beschlufinahme zugegangen. In § 1 wird, bis zur gesetzlichen Feststellung des Reick)shaushaltsetats für das Rechnungsjahr 1913, auf die, nach der Begründung, nach der gegenwärtigen Lage der Reichstagsverhandlungen vor Beginn dieses Rechnungsjahres nicht mehr zu rechnen ist, der Reichskanzler ermächtigt, für April, Mai und Juni alle Ausgaben zu leisten, die Mr Erhaltung der gesetzlichen bestehenden Einrichtungen und zur Durchführung der ersetzlich beschlossenen Maßnahmen erforderlich sind, ferner die rechtlick) begründeten Verpflichtungen des Reiches zu erfüllen und endlich die Bauten, für die durch den Etat eines Vorjahres bereits Bewilligungen stattgefunden haben, fortzusetzen.
Der 15. R ei ch s ta g s a u s s chu ß
zur Vorberatung der Anträge betreffend Regelung des Submissions- und Lieferungswesens hat sich
Line neue Theorie Cer £crn.
Zu diesem in Nr. 45 veröffentlichten Aussatz aus dem British Medical Journal wird uns geschrieben:
Tr Engelbreth hat seine Theorie, daß der Aussatz des Menschen aus die Ansteckung durch Ziegen zurückzuführen sei, in einem am 19. März in der Medizinischen Gesellschaft in Kopenhagen gehaltenen Vortrage entividelt. .
Ta seine Theorie die Ziege in Mißkredit bringt, hat der Landesinspektor für Tierzucht Dr. Attinger (München) schon in Nr. 18, Jahrgang 1912 der Zeitschrift für Ziegenzuckst diese Ansicht zurückgewiesen. , , . .
Tr Engelbreth stützt lerne Theorie einmal aus die geographische Verbreitung der Ziege: wo die Ziege verbreitet ist, da tritt auch der Aussatz in großer Zahl aus. Ware das wahr, dann müßte in Deutschland die Lepra in den letzten Jahrzehnten bedeutend angenommen haben, denn die Zahl der Ziegen ist von 1873—1900 von 2 316 715 auf 3 203 440 Stuck gestiegen, was einem Prozentsatz von 38,3 entspricht Die Zunahme der Ziegen ist in einigen Landestecken noch bedeutender. So fuhrtDr Attinger an, daß in Bayern die Zahl der Ziegen von 1810—1907 von 65 289 auf 308 150 Stück angewachsen ist.
Nun befinden sich aber in Deutschland nur noch ungefähr 30 Aussätzige in einem in der Nähe von Memel gelegenen Aussatzheim Gegenübe dic-sen vereinzelten Fällen m Ostprentzen ist das ganze übrige Deutsche Reich frei von Lepra. Nach der Theorie Dr Engelbreths müßten also in Ostpreußen sehr viele Ziegen gehalten werden. In Wirklichkeit liegen die Verhältnisse gerade umgelehrt. Die Zahl der Stegen nimmt in Deutschland vom Westen nach dem Osten beständig ab. Wahrend z. B. in Hessen auf 100 Einwohner 11,1 Ziegen entfallen, find es in Ostpreußen nur 1,5 Ziegen. Ostpreußen hatte 1900 30 74, Ziegen, Hessen 124 790 Ziegen. Aus die Große des Laiides umgerechnet, tönernen in Ostpreußen auf 1 Quadratkilometer 0.8, in Hessen 16,0 Ziegen. Der Kreis Memel hat nur 335 Ziegen.
Des weiteren führt Dr. Engelbreth an, daß der Aussatz sich meist bei Männern finde, eine Erscheimrng, welche dadurch erklärlich würde, daß die Ziegen meist von Männere gehütet wurden.
Auch diese Ansicht trifft für Deutschland nicht zu: denn die Pflege und Wartung der Ziegen liegt meistens in der Hand der Frauen, wie jeder Ziegenzüchter bestätigen wird.
Als Hauptstützpunkt führt Dr. Engelbreth Hnterfuchungen an, die Tierarzt Hertha in seiner Dissertation „Beitrag zur Kenntnis der Ziegentuberkulose" gemacht hat, Hertha unter
suchte die inneren Organe von 8 Ziegen, die an verschiedenen Schlachthöfen wegen Tuberkulose beanstandet waren. Er sand Formen von Tuberkelknoten, wie sie bei der Rindertuberkülose austreten: in der Mehrzahl der Fälle aber sah er Knoten mit starken, innen glattwandigen Kapseln nebst einem nicht rein käsigen, leicht herausschälbaren Inhalt von festweicher bis schmieriger Konsistenz und grauer bis grauweißer Farbe.
Dieser Befund soll nach Dr. Engelbreth den Erscheinungen ähneln, wie sie. bei der Lepra des Menschen an den inneren Organen auftreten. Bekannt ist, daß die Leprabazillen den Tuberkelbazillen morphologisch und biologisch äußerst ähnlich sind. Hertha konnte nun Tuberkelbazillen nur in 2 Fällen mikroskopisch in den Knoten nachweisre, in den anderen Fällen gelang dieser Nachweis nicht. Dagegen konnte er durch Verimpfen von Material auf Meerschweinchen stets bei den Versuchstieren Tuberkulose Hervorrufen und in den aus den Krankheitsherden angefertigten Ausstrichpräparaten zahlreiche Tuberkelbazillen nachwnseu. Ebenso erhielt er durch Uebertragung von tuberkulösem Material auf erstarrtes Rinderserum oder Glyzerinagar stets Reinkulturen von Tuberkelbazillen, die sämtlich die Merkmale des Typus bovinus (Erreger der Rindertzuberkickose) trugen.
Hiernach ist der Schluß berechtigt, daß die Ziegentuberkulose, wenn sie auch Pathologisch-anatomisch von dem üblichen Bilde der Tuberkulose bei den Haustieren abweicht, doch eine echte Tuberkulose ist.
Wichtig ist auch, daß die Tuberkulose der Ziegen in pro- Oortionalem Verhältnis zur Rindertzuberkickose steht und dort am häufigsten auftritt, ,roo die Rindertuberkülose berbreitet ist. Es ist deshalb wahrscheinlich, daß die Ansteckung der Ziegen gewöhnlich durch" Rinder erfolgt, wozu die Haltung in gemeinsamen Ställen und die Fütterung der Sammer mit Kuhmilch beiträgt.
Tr. Engelbreth stützt seine Theorie auf keinen einzigen sicheren Beweis. Wie die Lepra auf den Menschen übertragen wird, kann er nickt angeben: daß überhaupt sckwu eine Uebertragung der Lepra auf den Menschen von der Ziege ans stattgeffmden hat, belegt er ebenfalls nicht mit Beweisen. Er verliert sich nur in Vermutungen. Andererseits führt die Literatur einen Fall an von Uebertragung der Ziegentuberkulose auf den Menschen. (Deutsche Tierärztliche Wochenschrift 1908, Nr. 35.)
Jedenfalls darf die Theorie Dr. Engelbreths, so interessant sie auck sein mag, kein Grund sein, der zur Aufgabe der Ziegenzucht führt. Die Ziegenzucht ist volkswirtschaftlich von so hoher Bedeutung, daß sie um1 einer unbewiesenen Theorie willen feine Einbuße erfahren darf. Das möge den Ziegenzüchtern Hessens,
von wo der Aufschwung der deutschen Ziegenzucht in den letzten Jahrzehnten feinen Ausgang genommen hat, warm ans Herz gelegt sein.
Schöningen. Tierarzt Dr. A. Machens.
*
— „Isabeau" vonPietro Mascagni. Aus Wien wird uns geschrieben: Es liegt etwas Tragisches in dem Schicksal des einst so gefeierten, jetzt fast schon vergessenen Mascagni. Zuerst urplötzlich wie ein Meteor emporgestiegen zu dem unerhörten, über die ganze Erde eilenden Erfolg der „Cavalleria resticana" und dann, ebenso plötzlich und unerwartet, ein völliges Versagen der Arbeitskraft, ein tragisches Ringen um den Erfolg, der nach dem ersten Male sich nickst mehr einstellen wollte. Auch Mascagnis neuestes Werk, die dramatische Legende „Jsabeau", Text von Luigi I 11 i c a, dürfte wohl keinen weiten Weg zurücklegen- Noch weit farbloser als der Text ist die Musik geblieben. Die ganze Oper hindurch ein belangloses Hingleiten abgegriffener Akkoicke, manche Wendungen aus der „Cavalleria", manche von Mascagnis glücklicherem Nachfolger Pucciui entlehnt. Kaum ein einziges Motiv, das stärkeren Eindruck machen könnte, ein Verschwimmen der Farben ohne bedeutsame Konturen. Freilich klingt alles in Mascagnis Orchester sehr gut, aber das tönende Nichts, das vergebliche Warten auf friirbt barere Momente sckstäfert unwiderstehlich ein. Selbst für die Höhepunkte, selbst für die große Liebes- szene im dritten Akt findet der Komponist nur ein paar gangbare, oft gebrauste Phrasen. Es wäre sckstver, aus der Partitur auch nur wenige Stellen heranszufinden, die etwas eigenes zu sagen hätten. Die Aufführung an der Volksoper unter Kapellmeister Auderieths Leitung war durchaus ackstmigswert, ohne eine besondere Höhe zu zeigen. Dr. Johannes Brandt.
— Die Mannheimer Schauspieler gegen Gre- gori. Aus Mannheim wird gemeldet: Acht Mckglieder des Mannheimer Schauspiel-'Tnsembles veröffentlichen in den Mannheimer Zeitungen eine Erwiderung auf eine Anfang Februar von Prof. Ferdinand G r e g o r i, dem ehemaligen Mannheimer Intendanten, in Wien gehaltene Rede über seine hiesige Theaterzeit, in der er schwere Beschuldigungen gegen die Mannheimer städtische Verwaltung, gegen Die Theaterkommission und insbesondere auch gegen die Schauspieler erhoben hatte. Die Künstler halten ihm jetzt entgegen, er habe als Bühnenleiter eben versagt. Er selbst sei es gewesen, der feine Autorität untergraben habe, und er möge die lirsache für seinen unfreiwilligen Rücktritt nicht in den Mannlieimer Theaterver-, hältnissen, sondere in seinen eigenen Fähig kecken suchen.


