Kreisblatt für »en Kreis Gietzen
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Der Siehener Anzeiger erscheint täglich, außer Sonntags. — Beilagen: viermal wöchentlich LiehenerZamilienblättcr,' zweünal ivöchentl.Areis- blottfürdenAreiäSietzen (Dienstag und Freitag); zweimal monatl. Landwirtschaftliche Zeitfragen Fernsprech - Anschlüsse: für die Redaktion 112, Verlag u. Expedition 61 Adresse sür Depeschen:
Ruzeiger Gießen.
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Jahrgang
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(Elftes Blatt
Anzeiger für Oberhessen
Hotationsörud und Verlag der Vriihl'schen Univ.-Vttch- und Zleindruckerei H. Lange. Redaktion, Expedition und Druckerei: Zchulstrahe 7. ^and"^E.He'ß-^sür den Büdingen: Fernsprecher Er. 269 Geschäftsstelle Bahnhofstraße 16a. Anzeigenteil: 'tz. Beck.
Samstag, 29. März (9(3
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Chefredakteur: A. Goetz. Verantwortlich für den politischen Teil: August Goch; sür »Feuilleton", »Vermischtes" und „Gerichtssaal": K. Neu-
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Die heutige Nummer umfaßt 22 Seilen.
politische Wochenschau.
Gictzcn, 29. März.
Winston Chnrchibt hctt mit feiner Flottenprogrammrede Tcln rechtes Glück gehabt. Selbst die englische Presse ist keineswegs begeistert davon, in der Gewißheit nämlich, das; diese hauptsächlich an Deutschland gerichtete Ansprache ihren Zweck verfehlen würde. Auch die „Times" tut die Rede des Ministers mit kühlen Bemerkungen ab. Keine Aufforderung an Deutschland, nun auch Churchills Weisungen zu folgen, etter eine Mahnung zu besserer Zurückhaltung, da dre wichtige Frage einer Verständigung nicht durch Phrasen zu lösen sei. „Daily Chronielc" beansprucht nach dieser Rede des Marineministers nicht mehr, als daß Deutschland überzeugt sein soll, die englischen Vorschläge würden in gutem Glauben gemacht. Und dabei waren .Herrn Churchills Ergüsse so lang und ausführlich, wie kaum je eine ähnliche Ministerrede, schillernd in allen Tonfarben und sehr widerspruchsvoll! Die an Deutschland gerichteten Stellen bewegten sich, wie von der gesamten deutschen Presse anerkannt wird, in freundschaftlichem Tone. Es fehlt dem englischen Minister aber doch an Takt, seinen Darlegungen den gewinnenden Abschluß zu geben. Zuerst das berauschende Eigenlob, die Verherrlichung der britischen Flottenmacht, dann das auffällige Lob des deutschen Weitblickes in der Flottenpolitii, die bewundernde Anerkennung der Tirpitzschen Aera. Soll aber nun diese anerkannte und bewährte deutsche Flottcnpolitik von Grund aus geändert werden? Im selben Atemzuge, in deni der Minister seine freundschaftlichen Empfindungen versicherte, wurde auch eine ziemlich unverblümte Drohung hervorgestoßen: England werde nicht dulden, daß eine andere Marine annähernd die Stärke der englischen erreiche; sobald eine freinde Seemacht so stark werde, daß sie England in seinen maßgebenden Entschließungen ablenken oder abhängig machen würde, wäre der Kriegsfall gegeben! In einem solchen Ausspruch liegt doch eine ungeheure Anmaßung! England will, nach Churchill, auch nicht einmal den Ein fluß fremder Macht auf seine Entschlüsse dulden; dasselbe England, das anderen Völkern, darunter auch Deutschland, das ganze Gewicht seiner Entscheidungen aufzuerlegen gewohnt war. ,
Winston Churchill rief mit weithin schallender Rede, England werde dein deutschen Reiche seinen Vorschlag einer einjährigen Pause in den Flottenrüstungen demnächst wiederholen. Deutschland sieht dieser Wiederholung des epochemachenden Vorschlages mit großer Gemütsruhe entgegen Cs fällt bei uns keinem Menschen ein, die neuesten Anrufe des englischen Vetters als Feindseligkeiten zu nehmen, oder auch nur als egoistische Ausbrüche, die man ernst zu nehmen habe. Man hat in Deutschland vielmehr ein mitfühlendes Verständnis für die Lage der Engländer. Starke Ausdrücke deö Aergers fanden wir nur bei ein paar extrem nationalistischen Organen; die Mehrzahl der deutschen Zeitungen befleißigte sich eines ruhigen, recht kaltblütigen Tones. Die Aufmerksamkeit, die England uns zuwendet, ist ja doch nicht beleidigend, sondern eher ehrend. Freilich, wir wohnen nicht mehr, um mit Friedlands Menschen- und Weltkenntnis zu reden, „int leichten Feuer bei dem Sala mander", und einige linlsliberale Organe, wie „Vossische Zeitung", „Berliner Tageblatt", „Frankfurter Zeitung", ver- gessen über den schönen Träumen von Völkerfreundschaft und den Vorzügert des Geldsparens die nackte Wirklichkeit. Es ist aber interessant, wie ein Aufsatz int „Berliner Tageblatt" mit den bei der Kritik der Chnrchillschen Rede
sich d-arbietenden Gesichtspunkten abfindet. Da wird, wie in ankeren deutschen Blättern, auf die praktischen Schwierigkeiten hingewiesen, auf die Gefahren eines periodischen Stillstandes der Schifsbauindustrie, der iit England und Deutschland höchst verschieden wirl'eit müßte und zu Vor bereitungen anreizen könnte, bei denen der Ehrliche wieder einmal der Summe wäre. Aber schließlich hält man sich doch an die Sphärenmusik, die von Rüst ungelösten rind nationalen Sorgen nichts mehr weiß, und vergißt es, das Ureil zu fällen in dein Widerstreit der. Interessen des eigenen Landes mit denen des fremden, das mit den geringsten Aufwendungen sich seine lleberleqenheit erhalten und ver- ftärfen möchte. Die Zeitungen, die mit unseren amtlichen Berliner Kreisen in Verbindung stehen, wahren eine wür- digere Haltung. Im Berliner „Lolälcnrzeiger" wird daran erinnert, daß England den ersten „Dreadnought" gebaut hat und alA erster Staat zu einem Kaliber über .30,5 Zentimeter übergegangen ist; „es hat heute eine Zahl von 8 „Dreadnoughts" fertig, die mit 34,3 Zentttneter-Ge schützen bestückt sind, Deutschland - - keinen". Churchill aber hat be.anntlich behauptet, England müsse in der Größe und dem tectmischen Ausbau der Schisse mit fremden ©ta° ten Schritt halten . . . Ein Berliner Telegramm der „Köln. Zeitung" stellt fest, die Durchführung eines Ferienjahres nach Churchills Vorschlag würde England den einseitigen Vorteil bringen, ihm bei der herrschenden Hochkonjunktur im Schiffbau und dem Arbeiterinangel, die seinem Kriegs- schisfbau eine Grenze sehen, Luft zu schaffen. Die englischen Kolonialschiffe würden unbeschadet des Ferieniahres weitergebaut werden können. Das sind Luftzüge, die den englischen Phrasennebel zerschneiden, und nimmt man hinzu, daß Chur will auch noch bar gelegt hat, die neueste Staatenentwicklung im Mittelmeer müsse Englands Bemühungen im Flottenbau beschleunigen, so mangelt für den sachlich prüfenden Beurteiler dem Optimismus des englischen Marineminifters jede Unterlage, und in die Zu- ftimmung zu den neuen Freuiidschaftsversicherungen des redseligen Ministers mischt sich beim besten Willen halb' mi- bewnß't auch ein wenig Spott.
Das wichtige Kapitel der Wehrfragen ist heute fortgesetzt worden durch die amtlichen Veröffentlichungen, die der Verstärkung unserer deutschen Landmacht gewidmet sind. Die Vorlagen, deren Einzelheiten wir in den nach- fiolgeudeu Blättern veröffentlichen, haben keine lieber raschnug und auch keine Enttäuschung hervorgerufen. Enttäuschung nur bei denen, die für nationale Notwendigkeiten fein Verständnis haben, und borirnt auch nicht anerkennen mögen, daß der Decknugsplan der Regierung wahrlich nicht voltsfeindlich genannt werden darf. Der Besitz wird zu den hohen Mehrkosten sehr gründlich herangezogen werden. Der mittellose Bürger mit geringem Einkommen bezahlt so gut wie nichts für die neue Rüstung. Wenn also das „Berl. Tgbl." in seiner Beurteilung der Vorlagen von dem „stärksten Stück" spricht, das je dem Reichstage geboten worden sei, so ist das ein heiterer Verlegenheitsaüs- druck, mit dem das Blatt die Volksaufwiegelung nicht in der gewohnten Weise wird besorgen können. Daß unser Heeresbestand um ein starkes Stück vorwärts gebracht werden muß, hat das ganze Volk mit wenigen Ausnahmen von Bewunderern der „Franks. Ztg." und des „Berl. Tgbl." wohl anerkannt. Daß unsere Flotte in all den vergangenen Jahren so tüchtig vorangekommen ist, war anch immer auf den Widerstand der genannten Nörgler gestoßen, und doch hat sogar ein englischer Minister diese Flottenpolitik als ein glänzendes Beispiel deutschen Weitblickes und deutscher Tüchtigkeit vor aller Welt anerkannt. Sorgen wir dafür, daß später ein fremder Kriegsminister Gelegenheit haben
wird, dasselbe au chvon der Verwaltung unseres Landheeres zu sagen. Die Franzosen haben uns bereits ein Beispiel gegeben, indem ihr Heeresausschuß die dreijährige Dienstzeit grundsätzlich angenommen hat. Die Lehren des Balkankrieges aber sind noch nicht zu Ende, wie die voreiligen und so wenig sorgfältigen Kritiker der neuen deutschen Vorlagen wähnten. Die Großmächte waren bisher ziemlich einig in den Bedingungen, unter denen der Friede geschlossen werden sollte, aber sie stehen bereits wieder sehr unschlüssig und in zwei Lager getrennt da angesichts der neuesten bulgarischen Waffenerfolge. Schou begünstigt man in Paris die russischen Wünsche, wonach der Türkei die Kriegskosten auferlegt werden sollen. Es ist stark zu befürchten, daß dies nur ein Manöver ist, um die orientalische Frage zu einer gründlicheren Lösung zu bringen, als dies bisher in London vorgesehen war.
Vie Veröffentlichung der Heeres- und Veüungsvorlagen.
(Fortsetzung aus dem 2. Blatt.)
Vie Deckung.
Die fort laufend en Ausgaben werden sich inr Beharrnngs- zustande auf etwa 180 dis 190 Millionen Mark belaufen,, diejenigen Ausgaben, die als solche einmaligen/ Charakters angesehen werden können, auf rund 1050 Millionen Mark belaufen.
Neber die Deckung der Kosten der Wehrvorlage wird weiter mitgeteilt: Aus Zöllen und Steuern sind für 1913 24 Millionen Mark für 1914 und 1916 je 16 Millionen Mark Mehrbeträge erwartbar. Tie Erhebung eines Stempels von Gesellschafts- Verträgen und V e r sicheru n g s q ui t t u n g e n verspricht einen Beharrungsznstand von 64 Millionen Mark: indessen soll den Bundesstaaten für den Verzicht auf diesen Stempel eine Entschädigung gewährt werden, nnd zwar für die ersten drei Jahre in Höhe des ganzen Ergebnisses des bisherigen Landesstempels, für die drei folgenden Jahre je die Hälfte. Infolgedessen erhielte das Reieb 1913 22 Millionen, 1914 und 1915 je 44 Millionen. Das Gesetz über das Erbrecht des Staates läßt für das Reib) einen Jahresbeitrag von 15 Millionen Mark erwarten, für 1913 jeboeb nur 5 Millionen. Ter Ueberschnß von 1911 beträgt 4 738 457 Mark, der Ueberschnß vvn 1912 75 Millionen. Ter Wehrbeitrag, der nach dem Vermögensstand vom 31. Dez. 1912 veranlagt wird, soll in zwei Jahresraten erhoben werden nnd einen Gesamtertrag von 975 bis 1000 Millionen Marl ergeben. In späteren Jahren würden bei unverkürzter Beibechal hing der Zucker st euer und des Zuschlags zur Grunbwech- s e l a b g a b e die fortoauernden Ausgaben der Wehrvorlagen mehr als gedeckt sein. Ihre Beibehaltung ist daher nur bis Ende 1917 in Aussicht genommen. Bei den fortdauernden Ausgaben ergibt sich für 1913 ein ungedeckter Betrag von 3 Millionen Mark, für 1914 ein solcher von 63 Millionen, für 1915 von 91 Millionen.' Mark, zusammen von 157 Millionen Mark, denen jedoch nur die Bedeutung einmaliger nnd vorübergehender Fehlbeträge znkommt. Es ist daher gerechtfertigt, zu ihrer Deckung den Wehrbeitrag mit heranzuziehen. Tie einmaligen Ausgaben beziffern sich einschließlich dieser ungedeckten Beträge ans 1055 Millionen Mark, für deren Deckung aus den Ueberschüssen von 1912 rund 65 Mill. Mark bereitgestellt werden. Mithin bleiben 990 Millionen Mark auS dem Wehrbeitrag zu decken.
Der Wehrbeitrag soll nach dem Entwurf in einer Abgabe von 1/3 vom Hundert deS Vermögens bestehen, jedoch ist auch ergänzungsweise eine Heranziehung der hoben Einkommen vorgesehen. Wer ein Einkommen von 5 0 0 00 Mark und darüber hat, soll einen einmaligen außerordentlichen Beitrag von 2 vom Hundert des Einkommens entrichten, sofern er nicht schon aus dem Vermögen einen gleich hohen oder höheren Beitrag leisten muß. Eine weiter gehende Berücksichtigung des Einkommens muß schon daran scheitern, daß sich dadurch die Schwierigkeiten der Veranlagung nnd ihrer raschen Durchführbarkeit in einem Mäße steigern würden, daß sie mit der Natur des Beitrages als einer einmaligen Abgabe nicht ver-
(Sicfecncr Stadttheater.
Maria Magdalena
von Friedrich Hebbel.
Gießen, 29. März.
Tas Gießener Stadttheater beging gestern den hundettsten Geburtstag Friedrich Hebbels, dessen Bedeutung die Mehrzahl unserer deutschen Theater immer noch nicht zu begreifen vermag, mit einer würdigen und gediegenen Aufführung seines erschütterndsten Bnhnenwert'cs, des bürgerlichen Trauerspieles Maria Magdalena, dem wir nach Schillers Kabale und Liebe kein ähnliches an die Seite zu stellen haben. Wie das erstaunliche .Räderwerk einer modernen Maschine greifen die äußeren und inneren Geschehnisse des Dramas genau und sicher ineinander, treiben sie sich gegenseitig unb führen uns eine Welt vor Augen, in der alles mit rechten Dingen zugeht und die dennoch in sich zusammenbricht, weil die „schreckliche Gebundenheit des Lebens in der Einsciiigleit" nicht über den unbedachten Fehltritt des .Märchens hinaus zu tuadrfeit vermag. In diesem Fehltritt des armen, bedrückten Mädchens liegt aber zugleich die iporalisch wie künstlerisch unbefriedigende Voraussetzung des Dramas, die uns imt deswillen so bedrückt, mcil wir sie nicht zu glauben vermögen, unb es liegt darin zügle h Hebbels Vorliebe für erotische Probleme. Mes aber, was ans diese imwahrscheinliche, durch nichts ge- stützle Voraussetzung der Hingabe ohne Liehe aufgebaut ist, sehen wir mit erstaunlicher Meisterfchast gefügt und verbunden. Da ist fast fein Wort zuviel, alles aufs genaueste ermessen, und erwogen. Mit unweigerlicher Sicherheit rückt der Zeiger des ecfyitf= sals vor, und wenn am Schluffe der Vater mit fragenden Augen ms Leere starrt, dann fragen mir uns erschüttert: wer hat nun Recht'? . „ . .
Recht haben sie alle, sagt Hebbel tn einem Briefe an Eine Leasing, und darauf bitßcic er sich auch nach seinen eigenen Worten am meisten ein. Jenseits von Gut und Bös steht ihm hie Welt. Eni jeder Mensch ist so, wie er nach Anlagen und Erziehung sein muß: er geht seinen Weg und weiß nicht iuarum, er bebt sich zu Tode und weiß nicht weshalb. Es liegt |o in ihm, er must. Mit dieser Erkenntnis, die. nicht frei ist von eigener, schmerzlichster Erfahrung und zugleich;. eine Selbstverteidigung enthalten mag, steht Hebbel da, als Bahnbrecher einer neuen Idee unb wiederum sehen wir einmal einen Dichter den Forschungen und dem Geiste seiner Zeit weit vorauseilen, um mit lodernden §-ackeln in das Scelentabyriitth der Menschheit hineinzuleuchten.
Und so selben wir auch heute Hebbel nicht als beit harten und kargen Vollender unserer klassischen Zett, auch nickt als den Vorgänger Wagners, sondern als den Seher und Pfadfinder einer neuen Welt, als den Begründer des auf eingehendster Seelenkennt nis beruhenden modernen Dramas, das fd)on mit ihm weit über Wagner hinaus ist.
Dieser Bedeutung imitbe die gestrige Aufführung aufs vollkommenste gerecht; die Regie des Herrn Dwortowsli hatte mit feiner Ergründung die int Seelischen liegende Größe der Dichtung zu heben vermöcht^rind glücklicherweise ans jede äußer- licbc Färbung verzichtet. Schlickt und einfach, nur von der Zweckerfüllung geleitet, ging er vor unb kam so zu einem Stil. Auch im einzelnen bedarf diese Anerkennung keiner Einschrin- Tung; es war eine volle und reich: Freude, die Darsteller sich in wertvollen Aufgaben gegenseitig aitrcgcu zu sehen. Herr Kliewer spielte den frommen Meister Anton mit klarer Kraft und vergaß auch nicht die spärliche Wärme des Gefühls zu zeigen, die dieser ehro ersessene Mann in Kleinigkeiten offenbart, wie z. B. in der Begrüßung seiner Frau oder in der Erzählung von seinem alten Meister. Klara, feine Tochter, die arme büßende Magdalena gab Fräulein Da g ny. Einfach im Aufwand äußerer Mittel, schön-in ihrer schlickten Erscheinung, groß in der Ver imierlichung ihres Leides, spielte sie das unglückliche, zu völliger Abwartung verurteilte Weib, de.M es selbst unfaßbar ist, wie es sich ohne Liebe verschenken konnte. Ihr bat eine tüchtige Regie in verhältnismäßig kurzer Zeit wertvolle Wege gewissen. Den lansbubig unbedachten Karl spielte Herr Fensen mit gutem Ausdruck, frisch und keck. Ganz in Hebbel ging Herr Dw o r kowski als Leonhard ans; er war der fing berechnende Mann, der lediglich auf seinen Vorteil bedacht ist, so wie es Millionen andere sind, der Mann, der vorwärts kommen null, für den die Menschen nur Zahlen sind, ans denen er seinen Vorteil errechnet. Nicht gut, nicht böse. Er hat ja auch recht, wie Hebbel lagt, und seine Moral ist die landesübliche — die Nützlichkeitsmoral der kleinen Geister, deren tyott die Geldbörse ist. Den sonnigen Sekretär spielte Herr Bruchwitz, und er war wie ein Lichtstrahl in dtr Nacht. Eine fünfte nachsichtige Mutter war Frl. Brehm. Auch Herr Volck als Wolfrain wäre noch anerkennend zu erwähnen. Störend allein wirkte die unkultivierte Stimme des zweiten Gerichtsbieners. N.
*
—Königin Alexandra a l s B r a u t. Bei der fünf zigjährigen Feier des Einzugs der Königin Lller.andra in ihre
neue, englische Heimat sind allerlei Erinnerungen wach geworden. Es gibt noch Leute genug, die sich der schönen Prinzessin und ihres Empfanges erinnern, ein Empfang, der um ein Haar zu einer fürchterlichem Katastrophe hätte werden köilnen, da die Polizeimaßregelit ganz ungitügcnb waren und in der ungeheuren Menickenmenge, die sich in der Citi) staute, auch keiner gewillt war, sein Anrecht auf den Anblick der lieblichen Fürstin aufzugeben. Es waren iwch dieselben schönheitsdurstigen Engländer- die seinerzeit ihre letzten Pennys hergaben, um den Schuh jener Miß Gunning sehen zu dürfen, die um ihrer Schönheit willen berühmt war und einen englischen Herzog heiratete. Nur der kaltblütigen Ruhe Lord Msred Pagets, der den Wagen der Prin- zesfill begleitete, unb sein Pferd zwischen ihn und die Menge schob, während er mit Scherzworten den Janhagel belustigte, gelang es, ein Unglück zu verhüten. Vollständig erschöpft vor Aufregung und Angst erreichte die junge Prinzeß Windsor, wo sie von der Königin Viktoria erwartet wurde. Eine andere Erinnerung, die bei dieser Gelegenheit anftaucht, ist die an allerlei Hochzeitsgäste, unter denen sich auch ein ganz junger Prinz befand, Prinz Wilhelm von Pretißen, der Deutsckte Kaiser. Die Hochländertracht, in der seine jungen Onkel, der Herzog von Con- naught und der Herzog voit Albany, erschienen, muß ihn be-- fremdet haben, wettigstens berichten die Blätter, daß die nackten Beine dieser Verwandten nicht vor seinen Angriffen sicher waren.
— Kurze Nachrichten aus Kunst und Wissenschaft. Der bekannte Theaterbirektor Oscar Hammerstein hat in New Port ein Gelänbe erworben, auf dem er ein tp-oßes Theater errichten will, das zugleich Oper und Variete enthalten soll. Die Eröffnung soll im Januar 1914 stattfinden. — In Basel ist der o. Professor für Nationalökonomie und Statistik an der bortigeit Universität Dr. Theophil Kozak gestorben. — Fn Klobenstein bei Bozen starb Dr. meb. Max Reiner, Privatbozent für Chirurgie cm der Wiener Universität. — Scotts Tagebuch, vom Beginn der Reise an bis zum Todestage geführt, wurde bei der Leiche des heldenmütigeil Mannes, unter dem üopse geborgen, gefunden. Das Werk erscheint bei Brock h a u s sobald als möglich, spätestens im Herbste dieses Jahres. Das erschütternde Schicksal der Südpol Expedition des Kapitän Scott, sei es auf elementare Gewalt, sei es auf eigenes Verschulden zurückzuführen, erregt die herzliche Teilnahme der ganzen gesitteten Welt, unb man wirb deshalb dem Tagebuch des Südpolhelden mit Spannung entgegensehenq


