Ausgabe 
31.1.1913 Drittes Blatt
 
Einzelbild herunterladen

»r. 26 Drittes Blatt <65. Jahrgang

Erscheint IS-Nch Ausnahme des Sonntags. AA. A >_ A aa

DieSietzener ZamUievblUter" werden dem B DH 1 Ä7 17 Fl 17 FD FF »Z 17 | 17 1^

^Anzeiger" viermal wöchentlich beigetegt, das 1 U SH i B H «WL EL

UrdtMoil für öcu Krds Stehen" zweimalS g « V 'V ~ v v

wöchentlich. Di.Londstttschaftlicheo Zett- -- < « * M #

fragen" erseh emen monattich zweimal. General-Anzerger für Gderhessen

zrettag, öl. Januar Ma

Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schen Universiläls Buch» und Steindrnckerei.

R. Lange, Gießen.

Redaktion, Expedition und Druckerei: Scbul- strabe 7. Expedition und Verlag: e<s>51.

Redaktiome^AH2. Tel.-Adr.: Anzeiger Äieven.

Mb. Deutscher Reichstag.

(10f. Sitzung, Donnerstag, den 30. Januar 1913.)

Die Tische dcö BundcSrats |tnD leer, das Haus ist sehr stark besetzt.

Präsident Dr. Kaempf eröffnet die Sitzung um 1 Uhr 15 Min.

Die Mlimmmig gegen den tleichslanzler.

Der erste Punkt der Tagesordnung ist die gestern beschlossene namentliche A b st i ni m u n g über den an die Besprechung der Enteignungsinterpellation gekniipften Polenontrag:

Die Zulassung der Enteignung polnischer Gutsbesitzer für d i e Zwecke der preußischen Ansiedlunskem Mission durch den Herrn Reichs­kanzler entspricht nicht der Auffassung dcS Reichstag s."

An der Abstimmung beteiligen sich 353 Abgeordnete; davon stimmen 213 die Polen, das Zentrum und die Sozial­demokraten für den Tadelantrag. Mit nein stimmten 97 die Rechte und di: Nuiionallib'ralen; 43 Abgeordnete ent­hielten sich der Abstimmung, die fortschritt­liche Volkspartci.

Damit ist die Interpellation über die Enteignung erledigt.

Zweite Lesung des Se'ekes über das Flelschelnfuhc-

Prouisorium.

Der Entwurf, dem die Kommission unverändert zugestimmt hat, ermächtigt den Bundesrat, die unter Vorbehalt der nach­träglichen Genehmigung des Reichstags cingeiübrte Zoll- erleichtern ng bet der F l e l s ch e l n s u h r mit Wirkung vom 1. Cftober 1912 ab, den Gemeinden, die die Bedingungen erfüllen, noch bis zum 31. März 1914 weiterzug.'währen. Die fortschrittliche Volkspartci hat ihre Anträge aus der Kommission erneuert. Sie gehen dahin, die Ermächtigung m der Form des En.Wurf», nur bis zum 1. April 1913 zu geben und den Bundesrat von diesem Termin ob zu ermächtigen, all­gemein die Zölle für Schlachtvieh und Fleisch sowie für Jung­vieh, Magervieh und Zuchtvieh ganz oder teilweise, und ebenso von diesem Termin ob auch die Futterzölle außer H c b u ng zu setzen.

Die Soztoldkwokruten bringen dieselben Forderungen in gestalt einer Resolution zum Ausdruck. Sie stellen aber darüber hinaus den Antrag, nicht nur gewissen Gemeinden, son­dern allen Gemeinden, wie auch den Konsumgenos - senschaftcn und anderen gemeinnützigen Unternehmungen da§ Recht der Fleischeinfuhr zu gewähren Bei der Erstattung des Eingangszolls soll eine Beschränkung im Betrage nicht erfolgen und die vom Entwurf gewährten Vergünstigungen sollen vom 1. März 1913 ab auch für die Einfuhr von lebende nt Vieh, nicht nur für Fleisch, aus dem Ausland gelten. Eine weitere von den Sozialdemokraten beantragte Resolution verlangt unverzüglich einen Gesetzentwurf, durch den. unter Au fhebung des 8 12 des Flcischbeschaugesehcs. die Einfuhr von frischem und gefrorenem Fleisch aller Art ohne anhängende innere Organe aus dem Ausland gestattet wird. Die Dolkspartei will dieser Resolution die einschränkende Be­stimmung hinzugefügt haben:sofern in dem Produktionslande «ine den in Deutschland geltenden Bestimmungen entsprechende fllntersuchung des zur Ausfuhr nach Deutschland bestimmten Fleisches durch deutsche beamtete Tierärzte zugelassen ist . Schließlich fordern die Sozialdemokraten in einer Reso­lution. daß der Reichskanzler bei den verbündeten Regierungen da­hin wirke daß uic Einfuhr lebenden Rindviehs und Schweine aus den Niederlanden, Dänemark, Schweden, Frankreich. Ocster- ^ich, Rußland, Kanada und Argentinien nach Schlachthöfen mit Bahnanschluß und unter der Bedingung gestattet wird, daß das eingefnhrte Vieh in vier Tagen nach seinem Eintreffen geschlachtet werden muß, und zwar soll das für alle Gemeinden gelten. Die Konservativen beantragen namentliche Abstim- m u n g über den sozialdemokratischen Antrag betr die inneren Organe bei der Einfuhr von Gefrierfleisch.

Abg. Simon lSoz.):

Tie Vorlage ist völlig unzureichend. In der Kommisiion sah <e> so aus, als ob die Rentabilität der Landwirtschaft und nicht die Notlage des Volkes zu untersuchen war. Die Preise der land­wirtschaftlichen Produkte sollen hochgehalten werden. Für Deutsch­land kann der Bedarf nicht im Inland gedeckt werden, der Vieh­stand geht sogar zurück. Das Leben in Deutschland ist viel teurer als anderswo, und jetzt kommt noch eine neue Militär- Vorlage.

Präsident Dr. Kaempf bittet den Redner, bei der Sache zu bleiben.

Abg. Simon (Soz.):

Einzig allein bei Großagrariern ist eine Zunahme de§ Ver­mögens festgestellt worden. Die Tabaksteuer trifft nur die kleinen Leute.-

Präsident Dr. Kaempf:

Ich mache Sic wiederholt darauf aufmerksam, daß wir ein 'Gesetz bejr. vorübergehende Zollerleichterung bei der Fleischein­fuhr zu beraten haben.

Abg. Simon:

Diese Tinge sind auch in der Kommission verhandelt worden und müssen daher auch hier behandelt werden können. Der Rechten und dem Zentrum mag das unangenehm sein. lAbg. Dr. Oertcl lKons.): Nein, es ist bloß langweilig! Große Heiter­keit.) Tie Fleischnot hat schon eine Unterernährung veranlaßt. So lange die Junker regieren, kommt keine Abhilfe. Der Redner wirft der Negierung vor, daß sie die Geschäfte der Zollwucher Mehrheit betreibe. (Ter Redner wird zur Ordnung gerufen. Der Präsident erklärt, daß der Ausdruck , Zollwuchermehrheit" unparlamcntarisch ist.)

Abg. Herold (Zentr.)S

Wir halten grundsätzlich an unserem Wirtschaftssystem fest. Wir wollen feine Veränderung des Zollshst-ms wahren!) der Tauer der Handelsverträge. Auch nach ihrem Ablauf werden wir im allgemeinen an den gleichen Grundsätzen festhalten. Das halt uns aber nicht ab. für den vorliegenden Gesetzentwurf zu stim­men, weil darin eine Durchbrechung des grund,atzlichen Zollsiand- punktes nicht enthalten is> Es ist eine Au s n a hmematz- rege l gegenüber einem Notstand, der durch die Dürre veranlaßt wurde. Deutschland ist in ter Lage, den Fleischb-dart zu decken. Wir lehnen daher die Anträge der Linken ab. Aus sanitären Gründen müssen wir und auch gegen d , e Aufhebung des 8 10 des Fleischbeschaugesetzes auS,prechen. Durch Beschränkung der erleichterten Fleischemfuhr auf einzelne Städte wird die beabsichtig».. Wirkung der Preisherabsetzung leichter er- reicht, weil die Maßnahme dann viel intensiver wirkt. Deshalb sind wir gerade im Interesse ter Preisermäßigung gegen den 21 n- trag, die Ausnahme auf alle Gemeinden anszudehnen.

Auch den Antrag auf Aufhebung der futter* in i t t c l z ö l l e lehnen wir ab. Die Zölle sind so unbedeutend, daß sie für den Preis gar nicht ins Gewicht fallen. x,ie Zolle bringen 67% Millionen, deren Fortfall nur dem Ausland zu gute käme, während wir für andere Einnahmequellen sorgen müssen. Die Preise aber würden dadurch nicht herabgehen. (Zuruf links: Unglaubliche Logik!) Wenn Ihnen das unglaublich er­scheint, dann sagen Sie mir, warum das Ausland so auf Herab-

seyung der Zöl- bringt. Wie gl ub.nt, durch die Wlehnn: al c. AbänderungSanträge der Gesamtheit am besten zu dienen. Tie Anträge sollen ja wohl auch nur Reklame für die Antragsteller machen.

Vizepräsident Dr. Paasche teilt mit. daß auf Antrag des '*bg. Fischbeck iVp.) die Abstimmung über den fortschrittlichen Antrag auf Aufhebung der Futtermittelzölle namentlich sein wird.

Abg. Dr. Böttger (Natl.):

Tie in Frage stehenden Bestimmungen sind bei län­gerem Bestand geeignet, unsere ganze Wirtschaftspolitik zu durchlöchern Deshalb können wir nicht für ihre Verlängerung, wie die Anträge cs bezwecken, stimmen. Die Politik deS Schutzes der nationalen Arbeit hat sich durchaus bewährt, und wir haben keinen Anlaß, davon abzugehen. Unter dieser Wirtschaftspolitik ist der deutsche Außenhandel auf 20 Milliarden gestiegen. Die Industrie b-'t sich 'N allen ihren Zweiaen aihntia entwickelt, die Arbeitslosigkeit hat sich vermindert und die Arbeiterlöhne sind erheblich gestiegen. (Lachen bei den Soz.) ist unmöglich, Sozialpolitik zu treiben in einem FieihandelSland. Wenn die Fortschrittliche Volkspartei ihre Anträge mit Angriffen gegen die Anhänger der Zollpolitik begründet, dann wird sie sich damit Iccnia Freunde erwerben.

Man gibt sich auch trügerischen Illusionen hin, wenn man glaubt, daß das Ausland uns ausreichend mit Vieh ver­sorgen kann. Wir können den fortschrittlichen An­trägen nicht z u st i m m m e n und lehnen auch die sozial- demokratischen Aniräge ab. Einer Herabsetzung der Futtcriii'ttel- zölle stehen wir wohlwollend gegenüber, aber wir sind mit dem Zentrum der Meinung, daß jetzt der ungeeignetste Zeitpunkt für die Aufhebung der Futtermittelzölle wäre. (Sehr richtig! bei den Natl., im Zentr. und rechts.) Wir lehnen sie ab auch im Interesse einer gefunden B auern Politik. Wir wollen an der gel­tenden Wirtschaftspolitik festhalten, wir holten eS aber für not- wendig, daß der Leutenot auf dem Lande durch einen Ausbau der ländlichen Sozialpolitik, der ländlichen Wohlfahrts­pflege gesteuert wird.

Was hat eigentlich die F l c i s ch n o t k o n f e r e n z im Reich samt des Innern geleistet. Man sollte endlich mit dieser Geheimniskrämerei ein Ende machen? Was hat sie herans- gefunden? Eine Herabsetzung der Lebenshaltung der Arbeiter wünschen wir nickst. Wir sind für weitere Aufteilung der Domänen und gegen ein Uebermaß von Fideikommissen. Unser wirtschaft­liches Ziel ist, Deutschland vom Ausland unabhängig zu machen.

Abg. Arnstadt (Kons.):

Von einer Fleischnot kann überhaupt nicht die Rede fein. (Lebh. Widerspruch links.) Eine Fleisch­teuerung geben wir zu. Wir sind auch gern bereit Abhilfe zu schaffen. Mit den Regierungsmaßnahmen aber sind wir nicht einverstanden, weil wir die Viehseucheneinschleppung davon befürchten. In vielen Orten ist bereits der neue AuS - bruch von Maul - und Klauenseuche konstatiert. Ich will nicht behaupten, daß daS ausländische Fleisch daran schuld ist, weil sich das nicht beweisen läßt. Aber zu denken soll es doch geben. Den Antrag auf Aufhebung der Futtermittelzölle lehnen wir ab. denn der Zolltarif darf nicht durchlöchert werden. Die Herabf'tzung der Fleischpreise hätte sich auch durch bessere Organi­sation des Jnlandsmarktes erreichen lassen. Das Vertrauen der kleinen Viehhalter darf nicht erschüttert werden. Ein Zoll auf Futtermittel besteht eigentlich nicht, wir haben nur einen Zoll auf trockene Futtermittel. (Gelächter b. d. Soz.)

In normalen Jahren übertrifft unsere Ausfuhr die Ein­fuhr. Auch d'e kleinen Bauern haben ein großes Inter­esse an den Getreidezöllen Ebenso ist ihnen mit einer Auf­hebung der sogenannten Futtermittelzölle nicht gedient. Ter An­trag der Volkspartei ist im höchsten Grade bauernfeindlich. Es berütirt sehr sonderbar, daß er die Namen v. Schulze-Gaever- nitz. Kiel u. a. trägt. Tie sozialdemokratischen Anträge sind un­annehmbar. Im Interesse der Volksgesundheit muß daö Fleisch, beschaugesetz aufrechtgehalten werden. 2Rir können nicht ent­schieden genug gegen die Aufhebung des § 12 deS Fleischbeschau­gesetzes uns auösprechen. Tas einzige Besserungsmittel erblicken wir in der Hebung der Produktion im Inland. Der Landwirtschaft tun stetige Preise not, die häufigen Preis­schwankungen schädigen sie am schwersten. In der inneren Kolonisation sehen wir ein Mittel zur Hebung der Produk­tion. Sie, muß aufs entschiedenste gefördert werden. Die so ge- schaffencn Existenzen müssen aber durch eine vernünftige, nationale Wirtschaftspolitik gestützt und erhalten werden.

Abg. Fischbeck (Vp.)?

Aus der Kommission ist nichts Praktisches herauSgekommen. Wir unterhalten uns eigentlich nur darüber, ob eine Fleisch not oder eine Fleischte uerung besteht. Jedenfalls hat die Gesetz- gebung zu prüfen, ob sie bisher auf dem richtigen Wege ist oder eine Aenderung zu treffen hat. Eine Teuerung hat selbst Herr Arnstadt zugegeben. Wenn die Pre?>e eine solche Höhe erreichen, so besteht eine F l e i s ch n c> t. Die Landwirtschaft muß sich auf solche Faktoren, wie ungünstiges Witter, Dürre usw. ein­richten, wenn sie den gesamten Fleischbedarf decken will. Dem steht ab"r die Zollpolitik diametral entgegen.

An dem Getreidebau hat nur der Großgrundbesitz ein ver­hältnismäßig groß-S Interesse. Wenn Körnerbau und Viehzucht miteinander kollidieren, )o muß der erste Schritt sein, die Futtermittelzölle zu beseitigen. Jeder bestehende Zoll wirkt verteuernd auf die Nebengebiete zurück. Das Aus­land trägt den Zoll nicht, das war auch nicht die Absicht. Man sollte endlich einmal nut der Bevorzugung des Großgrund­besitzes aushören, und an die Kleinbauern denken. Man muß mehr Anreiz zum Wohnen auf dem Lande geben. Dazu mutz man die Selb st Verwaltung auch au f dem Lande fördern. In Oitelbien ist sie vielfach nur eine Farce. Innere Kolonisation nach Möglichkeit! Kleiner und mittlerer Grundbesitz auf dem Lande muß vernünftig gemischt we.'den.

Ter st ä d t i s ch e F l c i s ch v e r k a u f ist nur eine AuL- nahmemaßnahme, denn er ist volkswirtschaftlich ungesund. Der Fleischer mutz ja mit den Preisen unter den Einkaufspreis her- untergehen, nur um die Kundschaft zu erhalten. Taö kann na­türlich jedem anderen Gewerbe auch passieren. Das ist gegen d i e y n t e r c 119 n des Mittelstandes. Also auf diesem Weg ist auf die Tauer nichts zu erreichen Wir können uns daher unter keinen Umstanden entschließen, diesen Weg noch weiter zu wandeln, den wir nur der Not gehorchend betreten haben. Unser Antrag auf Aufhebung der Futtermittelzölle weist den richtigen Weg. das ist echte Klein- bauern Politik.

UnferffaatSfeFretär Richter nimmt Stellung zu den vorliegenden Anträgen. Es sind hier Fragen angeschnitten, die diuchaus nicht ziim Thema gehören. Ich wideistehe der Versuchung, darauf einzugehen. EinS muh ich aber feststellen: I n den letzten dreißig Jahren haben Gewerbe Handel und Industrie einen glänzenden Aufschwung genommen, wie wir es noch in keinem Lande und zu keiner $eit zu verzeichnen hatten. In gleichem Maße ist auch der natio­nale W o h l st a n d gestiegen Auch die Lebenshaltung der minder bemittelten Klassen hat sich in erfreulichster Weise ge­bessert. Nichts ist unrichtiger als die Behauptung, daß auch bei

diesem Gesetz besonders der Großgrundbesitz berück sichtigt worden ist. ES ist untere ständige Sorge gewesen, für die mittleren und kleineren Besitzer mit diesem Gesetz zu sorgen. Auch in den Nachbarstaaten hat Zleischnot geherrscht, die sich bis zum Fleischmangel gesteigert hat.

Hätten wir Erleichterungen geschaffen, so wären die ganzen Vorteile wieder allein dem Handel zugute gekommen. Turch unsere Maßnahmen ist aber der Zweck der Preisermäßigung er­reicht worden, lieber den Stand der Futtermittelvreise bat, sich der Kanzler im November vorigen Jahres hoffnungsvoll geäußert. Ein Vergleich' deS Preisstandes mit denen früherer Jabre kann das nur bestätigen. Die Aufhebung des § 12 des Flenchbesckmu- gesetzeS ist hauptsächlich verlangt, damit gefrorenes Fleisch a u 8 d e m AuSlande eingeführt werden könne. ES kann heute schon eingeführt werden. Taö Reick'SgefiindbeitSamt hat dabei eine beratende und technische Tätigkeit auSzuüben oh auch tatsächlich gesundes Fleisch eingeführt wird. Dieser Tätigkeit ist eS in anerkennenswerter Wüse gerecht geworden.

ES ist sehr wohl möglich, geschlachtetes Vieb mit den inneren Organen auS dem Auslande einzuführen. Bei dem Hammel ist das ganz gleichgültig. Ein Berliner Vorort hat sich 3000 australische Hammel fommcii lassen und un»er technischer Leitung einen Fleischverkauf eingerichtet. Das Fleisch wird von der Bevölkerung gern gekauft, auch von den sogenannten besseren Kreisen. Der Preis stellt sich etwa 30 Pfg billiger als der für das einheimische Fleisch. Bei dem Verkauf von Rindfleisch machte die Gesellschaft Bedenken geltend, der Betrieb würde zu kost- spielig sein. Sie fonntc sich daher nickst einverstanden erklären, auch Rindfleisch zu jeder Zeit einzuführen.

Ter Aufhebung d^ö § 12 stehen sanitäre und wirtschaftliche Bedenken entgegen. Tie sanitären wiegen auch recht schwer. Wir können schon das inländische Fleisch nicht schlechter behandeln als daS ausländische. Tie Einfuhr solchen Fleisches ohne die inneren Organe wäre ein Unrecht gegen den Konsumenten, da gerade dar­aus sich sonst unsichtbare Krankheiten erkennen lassen. _ Da Deutschland 95 Prozent seines Fleiscbbedarfö produziert, so dürfte auch die Versorgung des deutschen Marktes gesichert sein.

Eine schrankenlose Einführung ausländischen Fleisches würde auch schwere wirtschaftliche Folgen haben. Sie würde so stark auf die heimische Produktion driicken, daß diese sich nicht mehr loh­nen würde. Bei England, daß nur 50 Prozent seines Fleisck'b.'darfs produziert. liegen die Verhältnisse sehr viel anders. Wer gut meint mit der Gesundheit des deutschen VolkcS und auch dem bäuerlichen kleinen Grundbesitze, muß die Aufhebung des § 12 ab­lehnen. lBeifall.)

Daö Hauö vertagt sich. Freitag, 1 Uhr: Wcilerberatung, ferner Fer'lepuim der Etatöberatung.

Schluß 6'/h Uhr.

Ans Statt und Land.

Gic ßen, 31. Januar 1913,

** Erweiterung des Gießener Bahnhofs. Ans dem Personen-, und auf dem für den Umschlags-- verkehr wichtigen t c r d a h n h o f sollen in den nächsten Jahren n m s a s s e n d c Aend er.un g e n vorgenoinmcu werden. Die Umgehungsbahn Großen-Linden- Witz ar lvird einen erheblichen Teil des Güterverkehrs vom Bahnhvs Gießen fernhalten, und der Bahnhof soll so umgcstaltet lverden, daß es möglich ist, größere Transporte als bis­her bewegetl Nlid abfcrtigen zu können. Um Raum zu erhalten,'ist geplant, den Stück-Güterschuppen zu verlegen. Die Bahnanlagc soll westlich nach der Lahn hin »oesentlich verbreitert werden. Das dazu nötige Gelände, die Margarethenhütte und die umliegenden Gruno- stücke ist im Besitz der Stadt. Der Gedanke, die Badnhofs- anlage zu verlegen, ist unausführbar, weil darin 40 Mil­lionen Mark investiert ist. Der großzügige Plan zur Er­weiterung des hiesigen Bahnhofs, dessen Ausführung äußerst dringend «geworden ist, wurde dem Eisenbahnmiuister vorgclegt. Die Ausführung würde 3 Millionen Mark kosten.

** 11 cb crVerwendung von Flugfahrzeugen zu krtegerischeu Zwecken" sprach Generalmaior z. D. Neu- re u t h e r aus München int Auftrag des N e r e i n s f ü r Luft­fahrt in der neuen Aula vor einer ansehnlichen Versammlung. Er führte ungefähr ans: In letzter Zeit hat die Flngtechnik einen ungeahnten Aufschwung genommen. Manches, was inan noch vor einigen Jahren als frommen Wunsch glaubte ansprechen zu müssen, ist heute erfüllt. Man ist bestrebt, bei der Her­stellung der Flngfahrzeuge und in der Ausbildung der Lenker und Fahrer der Grenze des Menschenmöglichen nahe zu kommen. Im allgemeinen unterscheidet man Freiballon, Fesselballon, das lenkbare starre, Halbstarre und unstarre Luftschiff und die Flug- Maschinen oder Fliegerapparate. Was den Freiballon anbetrifft, so ist er aus verschiedenen Gründen nicht zu entbehren. Der Fesselballon ist nur als erhöhter Aussichtspunkt zu denken. Von größerer Wichtigkeit sind die lenkbaren Luftschiffe, von dem die mit starrem Shstein erbauten lZeppelin und Schütte-Lanz) den andern überlegen sind, und die Flugmaschinen. Tie Fahrten sind immer noch mehr oder weniger von der Wetterlage abhängig, so daß bei ungünstigen Verhältnissen, Gewitterböen, Schnee­stürmen n. dgl. Luftschiffhallen ausgesucht werden müssen, deren sich in Deutschland zurzeit 20 befinden, die aber in absehbarer Zeit vermehrt werden müssen. In welcher Weise können nun diese Fahrzeuge int Kriege Verwendung finden? Sie eignen sich in erster Linie zum Aufklärungsdienst. Mag diese Art auch gegen die seither geübte manche Vorteile besitzen, ganz wird sie nie an deren Stelle treten können. Welches der genannten Fahrzeuge "oabei am besten und dienlichsten ist, hängt von den Umständen ab. Was die Verwendung von Waffen anbetrifft, so ist es außer Zweifel, daß piau besonders von den Lnst- schisseit aus mit kleineren Schußwaffen und größeren Geschossen das feindliche Heer besckneßen kann. Dabei ist in Betracht zu ziehen, daß die Treffsicherheit naturgemäß sehr gering ist, da infolge der Beweglichkeit und der schwer zu bewerkstellenden Kon­trolle die Möglichkeit eines sicheren Schusses sehr unwalwscheinlich wird. Ms weitcves ungünstiges Moment kommt noch die große Höhe hinzu, zu der die Fahrzeuge aussteigen müssen, nm sich nicht der Gefahr einer Vernichtung ausznsetzen, sowie auch die dazwisckien lagernden Wolken- und Nebelmassen. Viel günstiger muß sich die Wirkung gestalten, wenn es sich um das Herabschleudern von Sprengstoffen handelt, die von Zeppelinluftkreiizern in an­sehnlicher Menge an Bord genommen und auf in Marschkolonne marschierende oder ruhende Truppenabteilungen geworfen werden können. Umgekehrt hat man aber zur wirksamen Beschießung der Lnstsahrzenge Geschütze mit steil anfsteigendem Rohrlauf und dementsprechender, fast senkrechter Flngbahn konstruiert. Aenßerfl wertvoll müssen sich die Lnstsahrzeuge zur Beförderung von Schieß- bedarf, Lebensmittel und anderm Kriegsbedarf erweisen, sonne zur Ueberbringung von Nachrichten nach Plätzen, loohin mau auf andere Weise nicht gelangen kann. Dieser Verbindungsdienst dürfte bei der Belagerung von Festungen besonders wertvoll sein und in erster Linie den Fliegern zufallen. Am besten und voll­kommensten ist die Verwendung von Flugfahrzeugen bet einem Seekriege möglich, wobei die Vorbedingungen zu einem Eingreifen