Ausgabe 
27.1.1913 Zweites Blatt
 
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einem Entquellungsvorgang, einher, als dessen physiologischer Aus-1 druck die Lösung der Totenstarre zu betrachten ist. Zwischen der Muskelkontraktion im Leben und der Totenstarre besieht ein wichtiger Zusammenhang. Tie Muskelzusammenziehung w.rd da­durch hervorgenifen, daß an der Grenze zwischen Fibrille und Sarkoplasma Milchsäure austritt, die eine Quellung der Fibrille aus Kosten der Sarkoplasmaslüssigkeit und dadurch eine Ver­kürzung des Muskels, eine Zusammenziehung hervorruft. Im lebenden Muskel erfolgt infolge der Verbrennung der Milch­säure die Entquellung der Fiorille, was der Entichlaffung des Ätuskels entspricht.

Beim Eintritr des Todes beginnt dieses Spiel genau so, jedoch die Entfernung der Milchsäure kann nicht mehr erfolgen, mit anderen Worten, die Totenstarre ist die letzte Muskelzusammen­ziehung, die nicht mehr rückgängig gemacht werden kann. Tas Gleichgewicht zwischen Quellung und Entquellung der Fibrillen ist ein wichtiges Kennzeichen des Lebens, und die Störung dieses Gleichgewichtes bedeutet den Tod.

Neue Pläne zu m Ausbau des Kölner Domes. Wie dem B. L.-A. ein Kölner Privattelegramm meldet, stehen große bauliche Veränderungen am Kölner Tom bevor, und zwar handelt es sich in erster Linie um den Bau eines großen Kapit e l- s a a l e s neben dem Südportal in den Gartenaiuagen. Dieser Kapitelsaal wird auch die viel zu engen-atzkammern des Tomes aufnehmen. Es werden zurzeit noch andere Fragen erörtert, die eine weitere Bebauung der Umgebung des Toiues vorsehen, im Gegensatz zu den früheren Bestrebungen, den Tom möglichst freizuyalten. Wan hofft durch kunstvolle Umbauten einen wert­vollen Maßstab für die Größe und Schönheit des Tomes zu erhalten. Tiefe Pläne sind jedoch noch iÜQ)t abgeschlossen, sie unterliegen vielmehr noch den Fachleuten zur Begutachtung.

Vom Ernst-Mo ritz-Arndt-Museum. Die Tirektion des Ernst-Atoritz-Arndt-Museums in Bonn bat zur Zentenarfeier der Befreiungskriege ein wundervoll ausgestattetes Album herausgegeben, zu dem die namhaftesten deutschen Tichter Beiträge geliefert haben. Von Alfred Bock finden wir darin die folgenden schönen und beherzigenswerten Worte:Tenke ich an die Zukunft unseres deut,chen Vaterlandes, erfüllt mich oft der Gedanke mit Besorgnis, daß der Erwerbssinn und die Erwerbs- fucht immer mehr die Oberhand gewinnen und gerade in den Kreisen der Bevölkerung, die dazu berufen sind, die idealen Be­strebungen hochzuhalten. Nicht oft genug kann es ausgesprochen werden, daß es das idealistische Element war, aus dem heraus die Erhebung unseres Voltes im Zähre 1813 geboren wurde. Für die Politik gilt: Die Vaterlandsidee stehe über dem Geschrei der erhitzten Parteien, in der Liebe zum gemeinsamen Vaterland sollten alle einander dulden lernen und sich die Hand zum Bruderbund reichen."

Die Ergebnisse der Typhusimpfung. In der jüngsten Sitzung der Pariser Akademie für Medizin gab Prof. C h a n t e m e s s e einen außerordentlich interessanten Ueberblick über die tatsächlichen Ergebnisse der in größerem Umfange in der französischen Warme im vergangenen Jahre vorgenommenen Impfungen gegen Typhus. Seit 25 Jahren arbeitete die ärzt­liche Forschung der Welt an der Gewinnung eines Mittels zur Jmniunifierung gegen Typhus. Nach einem genauen Studium dec bakteriologischen Verhältnisse suchte man die Lösung in einem Jmpfmittel. 4.ie entscheidenden ersten Versuche auf diesem Ge­biete wurden von deutschen Gelehrten vorgenommen^ die geringe Tosen lebender Typhusbazillen Vieren em impften. Diese Experimente hatten insofern günstige Erfolge, als es auf diesem Wege gelang, die Wioerstakidsfähigkeit der Tiere gegen Typhus-- infeftionen zu steigern: die Nachte.le des neuen Jmpfmittels lagen darin, daß es auf Menschen nicht angewendet werden konnte. Auf Grund dieser vorhergehenden deutschen Versuche wurde es Professor Ehantemesse möglich, ein trockenes Imp,mittel zu ent­decken, das sterilisiert uird unschädlich war. Es zeigte sich, daß die damit geimpften Tiere nach drei oder vier Impfungen der weitaus überwiegenden Anzahl der Fälle immun geworden waren. Die ersten Versuche an Menschen, die der Forscher'dann vornahm, liegen schon eine ganze Reilfe von Jahren zurück und seitdem find auch in Afrika, Asien und vor all ent in den Vereinigten Staaten umfangreiche Versuche mit dem neuen. Präparate vor­genommen woroen. Tie Ergebnisse waren so günstig, daß die Vereinigten Staaten die Typhusimpfung als obligatorisch im &eere einführlen. Im vergangenen Frühjahr gab der Marine­minister Deleasse seine Einwilligung zu Impfungen in der fran­zösischen War ine. 3107 französische Matrosen, die noch nie Typhus gehabt hatten, wurden geimpft, während die über» wältigenoc Mehrzahl der Mannschaften aus Vorurteil ober Gleich- güüigicit sich von der Impfung ausschloß. Das jetzt vorliegende Ergebnis zeigt, daß von den 67 000 nicht geimpften französischen Matrosen im Verlause des veraangenen Jahres nicht weniger als 5421 Typhusanfälle mitten, während die 3107 geimpften Matro.en in der gleichen Zeit man c.ncn einzigen Fall von Typ^ts aufzuweifen hatten und somit als immunisiert angesehen werden mußten. Tiefes Experiment, so führte Ehantemesse aus, kann also Beweiskraft beanspruchen, und der Gelehrte sprach die Hoffnung an§, daß nunmehr dank der Impfung der Typhus ebenso ausgerottet werden könne wie die Pocken.

ks. Eine Urkunde über den Durchzug durchs Rote W c e r. Der jüngste Bericht desPalestine Exploratwn öunb" bringt die durch den beEannten Straßburger Aegyptologen erfolgte Ucocrtragung eines vor kurzem entdeckten altägyptlscyen Papqrus, der neue Streiflichter auf den Exodus der Juden nnrtt. Wie dasAmerican Magazine" tem oberen erwähnten Berichte entnimmt, ist der Papyrus ein geographisches Lexikon der T>aupt- ortschaften des östlichen Nildeltas, von wo aus die Juden ihren

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Zweites Blatt

Nr. 22

165. Jahrgang

Gießener Anzeiger

Erscheint täglich mit Ausnahme des Sonntags.

General-Anzeiger für Oberheften

DieHiehener Zamilienblatter" werden dem .Anzeiger" viermal wöchentlich beigelegt, da? Krcisblatt für den Kreis Gießen" zweimal wöchentlich. TieLandwirtschaftlichen Zeit­fragen" erscheinen monatlich zweimal.

Redaktion, Expedition und Druckerei: Schul« ftrafee 7. Expedition und Verlag: oL

Redaktion: 112. Tel.-Adr.:AnzeigerGießen»

Montag, 27. Januar WZ

Rotationsdruck und Verlag der Bruhl'schen Universitats - Blich- und Steindruckerei.

R. Lange, Gießen.

Mb. Deutscher Reichstag.

98. Sitzung, Sonnabend, den 25. Januar.

Am Tische des Bundesrats: Dr. Delbrück.

Präsident Dr. Kaempf eröffnet die Sitzung um 11 Uhr 15 Minuten.

Set Etat Des Neichsam'es des Inneren.

Zehnter Tag.

Die Verhandlung über die Ausführung des Kali­gesetzes wird zu Beginn der heutigen Sitzung abgeschlossen durch Annahme der Resolution der Budgetkommis­sion. die für das von der Negierung angekündigte neue Kali­gesetz rückwirkende Kraft für alle diejenigen Kaliwerke verlangte, die nach dem 15. Januar 1913, dem Tage der Ankün­digung des Gesetzes in der Kommission, in irgend einer Form in Angriff genommen worden sind. Im übrigen werden die Etats­sätze über die Verwendung der Propagandagelder angenommen, geändert durch die von Behrens (Wirtsch. Vgg ) be­antragte Erhöhung des Betrages für die landwirtschaftliche Jn- landspropaganda um 100 000 Mk.

Hierauf wird in der Reihenfolge der Etatsfonds fortgefahren.

Beim Kapitel der Behörden zur Untersuchung von Seeunfällen spricht

Abg. Schumann (Soz.), her Vorsitzende des sozialdemokratischen Transportarbeii.rverban- des, über die Durchführung her Vorschriften der Seeberufs- genossenschaft, und erhebt scharfe Angriffe gegen die Aufsichts­behörden. Die Unfall- und Aufsichtsvorschriften stehen schön auf dem Papier, aber sie werden vielfach nicht beachtet und nicht kon­trolliert. Der seemännische Arbeiter ist durch die Seemanns­ordnung wehrlos gegen die unberechtigten Anforderungen des Ka­pitäns. Der Vorstand der Seeberufsgenossenschaft ist abhängig von den Reedern. Tie vor zwei Jahren erfolgte Revision der Seemannsordnung ist nichts als Scheinreform: Wasch mir den Pelz, aber mach' ihn mir nicht naß! Vertragsrecht, fort­schrittliche Gerichtsbarkeit, Regelung der Arbeitszeit und des Kost- und Logiswesens müssen die Seeleute immer noch entbehren.

Notwendig ist die Schaffung eines Reichsschiff- fahrtsamts als eine von den Unternehmern unabhängige Auf­sichtsinstanz. Der Redner nimmt bczug auf die Seekatastrophen und vor allem den Untergang derTita nie". Ta darf man nicht sagen, das ist ein englisches Schiff, bei uns in Deutsch­land ist alles in Crbnung; die Rekordsucht grassiert auch bei uns. An ausgebildetem technischen Personal, an geprüften Maschi­nisten usw. fehlt es außerordentlich. Nun ist eine internatio-- nale Konferenz in Aussicht genommen, aber die Ver­treter der Arbeilergruppen hat man dafür wieder nicht zugezogen. Die Vorschriften über die Bemannung der Fisch­dampfer hat die Seeberufsgenossenschaft auf Verlangen der Reeder abgeändert. Vielfach werden Dampfer mit ungenügendem Maschinenperfonal herausgesandt, z. B. bei den Differenzen in Bremerhaven. Der Redner spricht über die sogenanntenSarg- schifse". Viel Schuld hat die Ausbeutung und Behandlung der Seeleute. Möge die Regierung sorgen, daß die deutsche See­schiffahrt vor Erschütterungen bewahrt wird.

Ministerialdirektor Dr. v. Joncquidres:

Es liegt nicht in der Absicht der Reichsverwaltung, auf dem Gebiete der Seeschiffahrt in der Sozialpolitik eine Pause ein­treten zu lassen. Ein Entwurf eines neuen Seeschiff­fahrtgesetzes ist im Reichsamt des Innern ausgearbeitet, und es wird mit den beteiligten Regierungen darüber verhandelt, nachdem auch die Interessenten angehört sind. Nun sind aber noch einzelne wichtige Punkte zu klären. Bevor wir an die Re­gelung des formalen Gesetzes gehen, sind hochwichtige materielle Vorschriften zu erledigen, die uns aus Anlaß derTitanic"- Katastrophe bevorstehen. Da haben wir ernstlich zu prüfen, ob auch bei uns alles geordnet ist. Die Fehler, die bei derTi­tanic" vorgekommen fein mögen und es sind Fehler vorge­kommen muß man nicht ohne Kritik auf unsere Verhältnisse übertragen (sehr richtig!), das wäre unrecht, aber wir müssen uns hier im Deutschen Reichstag auch einigermaßen Re­serve auferlegen, wenn wir Verhältnisse auf engli­schen Schiffen beurteilen. Es ist das die Ausgabe der eng­lischen Regierung und Behörden^ und sie haben eine eingehende

Untersuchung eintreten lassen und auf Grund dieser Untersuchung die internationale Konferenz angeregt und gebeten, sic i n London stattfinden zu lassen, und zwar unter englischer Leitung, womit wir uns einverstanden erklärt haben. Wir haben aber selbstverständlich die nötigen Lehren gezogen.

Wir haben am 6. Mai d. I. eine Konferzcn einberufen, und ich muß dagegen protestieren, wenn es eine Vertuschungskonferenz genannt wird. Wir sind uns darüber klar geworden, wie wir bei der internationalen Regelung der Sache, die in Aussicht steht, uns zu verhalten haben. Soweit sind uns die Hände gebunden, daß wir vor der internationalen Regelung nicht mit eigenen Vorschriften vorgehen können. Die Behauvtung des Vorredners, daß der Staatssekretär bei dieser Prüfung nicht auf d i e Seeleute gehört bat, ist unzutreffend; es ist unter der Leitung des Vorsitzenden der Seebernfsgenossenschaft die Führung der seemännischen Arbeiter gehört und ihre Vorschläge proto­kolliert worden, die Vertreter der Arbeiter, vor allem Herr Müller, der Vorsitzende des Seemannsverbandes, den Sie doch gelten lassen werden, und der bat sich durchaus einverstanden erklärt. (Hört! Hört!) Wir Haven unsere Vorbereitungen für die Konferenz vollkommen abgeschlosien. Der Ministerialdirektor weist in weiteren Ausführungen die Angriffe auf die Seeberufs­genossenschaft zurück; deren Vorschriften stehen unter der Kon­trolle des Versicherungsamts, einet Reichsbehörde, die Sie doch wohl anerkennen werden.

Abg. Dr. Heckscher (Vp.)k

Es ist interesiant, daß der sozialdemokratische Redner gerade an das furchtbare Un glück der Titanic angeknüpft hat. Solche gewaltigen Katastrophen, die von keinem Menschen­geist voransgesehen und durch keine Menschenkunst verhindert werden können, werden in der Schiffahrt immer wiederkehren. Aber gerade in England besteht doch eine staatliche Aufsicht, wäh­rend in Deutschland die Aussicht in privaten Händen bei der See­berufsgenossenschaft liegt. Unsere deutsche Seeberufsgenossenschaft arbeitet mit größter Tatkraft und Rücksichtslosigkeit gegen die Reedereien. (Abg. Ledebour: Für!) Nein, gegen die Reedereien! Was haben denn die Reedereien für ein Interesse daran, die Schiffahrt nicht zu fordern? Warum sollten sie nicht alles daran setzen, im ehrlichen Kamps mit dem Ausland in Sicherheitsmaßregeln das Beste zu leisten? (Abg. Ledebour: Aus Ersparnisgründen ) Kommen Sie doch nicht mit so lächerlichen Einwendungen! Wie man weiter die strenge Disziplin tadeln kann, versiehe ich nicht. Gerade Herr Schumann sollte doch willen, daß ohne Disziplin keine 'Schiffahrt möglich ist. Unfälle werden immer Vorkommen, aber sicher ist doch, daß in der deutschen Schiff­fahrt weniger Unfälle Vorkommen, als in anderen. Das beweist auch die Tatsache, daß die deutsche Schiffahrt überall sich des größten Ansehens erfreut

Abg. Graf Westarp (Kons.):

Ich kann dem Vorredner darin vollkommen beipflichten, daß es vollkommen falsch ist, von einer schrecklichen Katastrophe Schlüsse auf die Sicherheit der Seeschiffahrt ziehen zu wollen. Es ist allgemein anerkannt, daß unsere Aufsicht über die Schiffahrt ausgezeichnet funktioniert Tie Herren von der Sozialdemokratie natürlich können nicht zugeben, daß die Aufsichtsbehörden ihre Aufgabe mit allem Ernst und voller Sachkunde zu erfüllen be­strebt sind. Wir loollen unsere Seeleute entschieden davor be­wahren, daß ihr Leben und ihre Sicherheit in die Hände der so­zialdemokratischen Gewerkschaften gegeben wird.

Abg. Schumann (Soz.):

Herr Dr. Heckscher stand sicher selbst auf dem Standpunkt, daß in der Seeschiffahrt vieles faul, ja oberfaul sei. (Abg. Dr Heckscher: Niemals beweisen Sie das doch!) Dazu wird ein andermal Gelegenheit sein. (Abg. Dr. Heckscher: Warum denn nicht gleich?) Die Arbeitersekretäre haben gar keine Möglichkeit, Einfluß auf diele Entschließungen der Behörden auszuüben. Trotz des Vorhandenseins geschulter Arbeitskräfte werden die Fisch- dampfer, ungenügend bemannt, hinausgeschickt. Dagegen wenden wir uns.

SlalMches Ami.

Abg. Bender (Soz.)k

Es ist sestgestellt, daß im Fuhrwerksbetrieb Arbeitszeiten von 16 bis 20 Stunden die Regel sind. Ter Beirat für Arbeiter­statistik hat darauf ein Gutachten beim Gesundheitsamt einge­fordert. Dieses seit 1908 vorliegende Gutachten erklärt, daß die

lange Dauer der Arbeitszeit die Gesundheit der Arbeiter sehr gefährdet. Darauf hat der Beirat eine Mindestruhzeit von neun Stunden für erwachsene Arbeiter gefordert.- Ebenso ging es beim Binnenschiffahrtsgewerbe. Warum hat der Bundesrat von seiner Befugnis, auf Grund dieser einwandsfrcien Erhebungen eine be­stimmte Ruhezeit einzuführen, keinen Gebrauch gemacht? Wahr­scheinlich hat er sich, wie immer, von den Scharfmachern daran ver­hindern, lassen.

Abg. Dr. Mendorfs (Vv):

Meine Freunde haben im vorigen Jahre eine Resolution be­antragt, die vom Reichstage auch angenommen wurde, eine stati­stische Erhebung über Bodenbenutzung, Boden- Verkauf und landwirtschaftliche Nebenbetriebe zu veranstalten. Die Negierung hat sie auf ein Gutachten des Statistischen Amtes ab« gelehnt. Tas ist bedauerlich, denn eine solche Statistik wäre im Hinblick auf die bevorstehenden Verhandlungen wegen Neugestal- tung der Handelsverträge sehr bedeutungsvoll. Auf die Kosten darf es in einem solchen Falle nicht ankommen. Hoffentlich er­fährt unsere weitere Nesolution. öffentliche Erhebungen über das Interesse der einzelnen Gewerbszweige, be­sonders der landwirtschaftlichen an her Zollpolitik und deren Ein­wirkung auf die Konsumenten und die Finanzen zu veransialten, nicht dasselbe Schicksal. Tas Ergebnis ter letzten Vieh­zählung sollte sobald wie möglich bekannt gegeben werden. Von verschiedenen Einzelstaaten weiß man. daß der Viehbestand recht stark zurückgegangen ist. Uebrigens sollte auch der Untericbieb der Preise festgestellt werden, die die Viehzüchter und die Vieh- mäfter erha.ten. Sonst fallen diese Erhebungen lediglich zu­gunsten des Großgrundbesitzes aus. V-elleicht empfeh­len sich auch Zwischenzählungen immer mit Rücksicht auf dis Handelsverträge.

Geheimrat Müller:

Schließlich müßte die eine Hälfte der Menschheit nur im Dienste dieser Zählungen stehen, die Statistiken über die andere Hälite er­möglichen. So weit es angeht, werden wir den ausgesprochenen Wünschen nachkommen.

Abg. Spiegel (Soz.) <

bespricht sehr eingehend die Arbeitsverhältnisse in her Groß- eisenindustrie und wird vom Vizepräsidenten Dr. P a a s ch e darauf aufmerksam gemacht daß er noch kein Wort vom Statisti­schen Amt und Statistik gesprochen habe. Bei Erhebungen soll man auch die Gewerkschaften hören.

Abg. Feldmann (Soz) geht in breiter Weise auf die Verhältnisse der Stein­er bei ter ein und wird vom Präsidenten Tr. Kaempf zur Sache gerufen. Wenn die Regierung es auch bestreite, so sei die Tuberkulose doch eine Berufskrankheit dieser Arbeiter. Der Red­ner fährt fort, die Angelegenheit der Steinarbeiter eingehend zu erörtern. Erneut ersucht ihn der P r ä s i d e n k, sich nicht zu weit vom Thema zu entfernen. Darauf führt der Redner aus: Die Statistik würde beweisen, daß seit 6 Jahren sich die Lage der Arbeiter verschlechtert hat, und leitet fast jeden Sah mit einem Hinweis auf dieStatistik" ein, was schließlich selbst dem Prä­sidenten Tr. Kaempf ein Lächeln entlockt und bei den zwei Tutzend anwesenden Abgeordneten lebhafte Heiterkeit erregt End­lich ruft der Präsident den Redner zur Sache. (Abg. Dr. A re n d t: Da ist er ja noch gar nicht gewesen. Große Heiterkeit.)

Gesun-heilsamk.

Abg. Kappler (Soz.) bespricht die gesundheitsschädlichen Wirkungen der Tangen Arbeits­zeit im Müllergewerbe.

Abg. Astor (Zentr.):'

Die Säuglingssterblichkeit kann nicht durch einzelne Maß­nahmen, sondern durch ein systematisches Vorgehen be­kämpft werden. Das Wichtigste ist eine gründliche Reform des Hebammenwesens. Welche Stellung nimmt die Reichsregierung dazu ein? 1908 hat sich der Staatssekretär gegen eine reichs- gesehliche Regelung ausgesprochen. Eine Zwangsversicherung würde hier Wandel schaffen können.

Das Haus vertagt sich.

Dienstag, den 28. Januar, 1 Uhr, pünktlich: Kurze An­fragen Weiterberatung.

Schluß 4% Uhr.

Die Lo enftarre.

Eine wissenschaftliche Rätselfrage, mit der sich die Gelehrten seit dem Altertum vergeblich abgemüht haben, scheint jetzt gelöst worden zu sein: worauf beruht die Totenstarre? Tie Erscheinung kennt ein jeder: einige Stunden nach dem Tode wird der Muskel, der während des Lebens weich war, hart und fest, und die Gelenke lassen sich nicht mehr biegen. Nach einiger Zeit, nach 23 Tagen, im Sommer auch schneller, löst sich die Totenstarre wieder, der Muskel wird wieder weich, die Gelenke können wieder gebogen werden. Tie Gerinnung und spätere Wiederauflösung des Muskel- saftes, oder Zusammenziehung des Muskels als letzierc Anstren­gung, die man lange Zeit hindurch angenommen hat, müssen als Erklärungen der Totenstarre verworfen werden.

Zwei Physiologen, Lenk und v. Fürth, haben die Frage nach der Erklärung der Totenstarre nun von neuem ausgenommen, und der eine von ihnen, Tr. Emil Lenk, macht in der Sprmgerschcn WochenschriftTie Naturwisiensclwlten" die Lösung des Problems bekannt. Ein neuer Zweig der biologischen Wissenschaft, die Kolloidcheniie, hat die Lösung ergeben. Tie Elweißstofse, die die Hauptmasse des Muskelgewebes ausmachen, sind quellbar. Legt man etwa einen Gelatinewürfel in Wasser, so nimmt er dieses derart in sich auf, daß es durch Anwendung eines noch so hohen Trucles nicht wieder herausgepreßt werden kann. In das Wasser angesäuert, so steigert sich die Wasserausnahme. Macht man den Versuch gleichzeitig mit GclatlNe und srischem Fleisch, so zeigt sich, das; die Gelatineplatte immer _ mehr Wasser ausnimmt, während das Fleisch yach einer bestimm­ten Zeit das Maximum seiner WasserausnalMe erreicht, um dann allmählich anes Wasier, das ausgenommen war, wieder abzugeben. Wird aber ein Fleischstück von einem T>ere unter­sucht, bei dem sich die Toten«larre bereits gelöst bat, |o ist das Fleisch überhaupt nicht mehr imstande, Wasier auszunehmen. Wah­rend der lebende Muskel jede Säure- oder Laugenbildung durch Neutralisation sofort beseitigt, reagiert Flesich nach dem Tode sauer, weil sich Milchsäure bildet, die nicht mehr neuirahliert wird. Aus einem Vorgänge, der mit diesem QuellungSveriuche un engsten Zusammenhänge steht, beruht nun nad) den Ergebnisien von Lenk und v. Fürth die Totenstarre. Ter Muskel besteht aus willkürlich zusammenziehbarem Eiweiß, dem Sarkoplasma, das nach außen hin von einer etwas dichteren Schicht avgegrenzt ist, und den Fibrillen, die in dem Sarkoplasma hegen, uird sich von einem Ende der Faser bis zum anderen hinzlehen. Rach dem Aushören des Blutumlanses beginnt die Milchiaurebitönilg un Muskel. Diese bringt die Fibrillen auf Kosten der Sartoprasma- slüssigkeit zum Quelleri, und dies bewirkt eine Verkürzung des ganzen Muskels. Tie Folge ist ein Zustand der Starre,die Totenstarre. Turch eine weitere Säureanhäusung kommt es zu ^\er .^//rLählichen Gerinnung, einer Ausstocrung der Mustei- v diese geht mit einem verminderten Wasierverbu'.- J gen des kolloidalen Systems, mit einer Wasierabgabc,