Ausgabe 
3.11.1913 Erstes Blatt
 
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Die heutige Nummer umfaßt 10 Seiten.

Der neue Pr 6 vost. Aus Paris wird uns geschrie- ben:Tie Schutzengel", eine Komödie in drei Akten nach dem RomanLes Anges gardiens" von Marcel P r 6 v o st, wurde soeben in der Comödie Marchny ausgeführt. Gegenüber diesem Werk bleibt das eine tröstlich, daß man sich, zum we­nigsten in Deutschland, nie über die literarische Physiognomie Prevosts getäuscht hat. Man hat von seinen: ersten Buche an begriffen, daß dieser Autor es auf das trefflichste versteht, nw-

Die gesprochenen WorteDa steht der Mensch" hatten einen bitter anklagenden Unterton;Erlkönig" undTie Forelle" waren vor trefflich charakterisiert.Das Lied im Grünen" atmete unendliche naive Freude an der Natur und die letzte Strophe dieses entzücken den Liedes war mit einer innig wohlmeinenden Aufforderung an das Publikum verbunden. Die Brahms schen GesängeKein Haus, keine Heimat" undWie bist du, me ne Königin", dann die beiden Lieder von SchumannAufträge" (besonders als Kabinettstück zu verzeichnen) un dIch grolle nickt", Posas LiedDer Handkuß" durch eine augenblickliche Indisposition in der sonst unübertrefflich fein ironischen Wiedergabe etwas verschleiert, Hugo WolfsTer Feucrreiter", eine geniale Komposition dieses unerreichten Liederkomponisten, wie Sindings ,.Ein Weib" waren vortreff liche Darbietungen.. BeiCäcilie" störte mich die tiefe Transposition; das OriginalE-Dur" klingt besonders im Klavierteil viel leuchtender. Der reiche Beifall nach der dritten Abteilung nötigte dem Künstler eine ZugabeDie beiden Gre­nadiere" ab. Die vierte Gruppe bildeteTas Hexenlicd" von Wildenbruch mit der begleitenden Musik von Max Schillings. Daß Wüllner nach dieser seiner oft ' gerühmten Kunstleistung besonders gefeiert wurde, braucht kaum erwähnt zu iverden. Coenrad v. Bos, der als ganz prächtiger Begleiter am Flügel vollständig den Intentionen Wüllners folgte, brachte die Schillingssche Musik zu eindrucksvoller Wirkung, wenn er auch nicht vergessen machen konnte, daß die Komposition nicht für Pianofortc, sondern für Orchester geschrieben ist. A. Z.

Die gescheitert Hamburger Universität.

(db.) Aus Hamburg wird uns geschrieben: Die Hamburger Bürgerschaft hat nun, wie bereits telegraphisch gemeldet, die Uni­versitätsvorlage des Senats ab gelehnt. Man hat nicht einmal einen Beschluß zuwege gebracht, die Vorlage durch einen Ausschuß prüfen zu lassen. Die Tatsache der Ablehnung ist natürlich für alle Freunde einer Hamburger Volluniversität ein harter Schlag aber man muß bedenken, daß ja nicht die Universität selber gefallen ist, sondern nur die Vorlage des Senats, die in ihrer Fassung selbst Anhängern der Universitätsfrage nicht genehm war. Man hofft zuversichtlich, daß die Unioersitätsfrage nicht in allzulanger Zeit mit besseren Aussichten wieder aufgerollt wird

Es t|t nicht uninteressant, stellenweise auch ganz amüsant, den Gründen nachzugehen, die man gegen eine H am- bürger Un iver sität ins Treffen geführt hat. Man sprach, nicht mit Unrecht, von einer Gefährdung des großartig ausge­bauten Hamburger öffentlichen Vorlesungswesens, das der ge- lamten Hamburger Bevölkerung reiche Bildungsmöglichkeit bietet und das man ftolz die Universität des Volkes nennt. Man fürchtete den finanziellen Ruin Hamburgs, sprach von einem finanziellen .Abenteuer" und meinte, das Geld Hamburgs go

Zu den ltammerverhandlungen über die hessische Grdensgesetzgebung.

Die hessische Zentrumsfraltion hat, wie der Oeffent- sichkeit schon bekannt ist, am 19. Dezember 1911 in der Zweiten Kammer der Stände einen Antrag auf Abänderung der hessischen Ordensgesetzgebung eingebracht. Die gefor­derte Abänderung, der Gesetze vom 29. April 1875 und 1. Juni 1895 erstrebt einefreiere Tätigkeit" der Ordrns- leute auf den Gebieten der Seelsorge, des Unterrichts und der Fürsorgearbeit und schließt damit nicht nur eine weitere Vermehrung der Niederlassungen, sondern auch die Zu­lassung weiterer, bis jetzt in Hessen nicht ansässiger Orden ein.

Im .Hinblick auf diese Wünsche ist es für die Oeffcnb- lichkeit gewiß von großem Interesse, zu wissen, welche Entwicklung das Ordenswesen der römischen Kirche, in Deutschland und insbesondere in unserem engeren Vater­land in den letzten 5 Jahrzehnten, also etwa seit dem Be­stehen des Reiches, genommen hat. Der Statistiker Schulte (in Bonn Professor der Rechte seit 1872) zählte 1866 für Deutschland ohne die Reichslande 148 männliche und 848 weibliche Ordensrnederlassungen mit 1940 männlichen und 7795 weiblichen Ordenspersonen, das waren zusammen 996 Niederlassungen mit 9735 Mitgliedern. Schulte zählt ferner für seine Zeit 12489 371 Katholiken in Deutschland. Dem­nach kam danrats auf 1283 Katholiken je ein Ordensglied und aus 1602 Katholiken ein weibliches Ordensglied.

Wir stellen neben diese Zählung und Berechnung das Ergebnis der Statistik, wie sie sich aus KroseKirchliches Handbuch" für 1912/13 ergibt. Danach gibt cs im Jahre 1913 in Deutschland 7081 Ordensniedertassungen mit 70 284 Ordensgliedern Es sind 325 männliche Niederlassungen und 6756 weibliche Niederlassungen. Bon den Ordcnsglie- dern sind 7206 männlichen, 63 078 weiblichen Geschlechts, d. h. also in dem Zeitraum von noch nicht 50 Jahren sind die Niederlassungen von 996 aus 7081, die Ordensglieder von 9735 auf 70 284, die männlichen Niederlassungen von 148 auf 325, die weiblichen Niederlassungen von 848 auf 6756, die männlichen Ordensglieder von 1940 auf 7206, die weiblichen Ordensglieber von 7795 auf 63 078 gestiegen.

Die Seclenzahl der Katholiken beziffert Sck)ulte, wie erwähnt, für die Zeit seiner Statistik auf 12 489 371. Am 1. Dezember 1910 zählte man 23 821 453 Katholiken im Deut­schen Reich. Aus dieser Gegenüberstellung ergibt sich also für das deutsche Reichsgebiet ein gewaltiges Anwachsen des katholischen Ordenswesens in einem Zeitraum von nicht ganz 50 Jahren. Elsaß-Lothringcn eingeschlossen ist die Seelen- zahl der Katholiken um 90,4 Prozent, die Zahl der Ordens- niedertassungcn dagegen um 610,9 Prozent gewachsen. Die Zahl der männlichen Ordensgliedcr hat sich um 271,4 Pro­zent vermehrt, die der weiblichen Ordensgliedcr ist um nicht weniger als 709,2 Prozent in die Höhe gegangen.

9coch von einer anderen Berechnung aus fällt die Aus­breitung der katholischen Orden in Deutschland recht in die Augen. Im Jahre 1866 kam aus 1283 Katholiken ein Ordens­glied, und aus 100 000 Katholiken kamen 78 Ordensglieder. Dieses Verhältnis hat sich sehr geändert. Gegenwärtig kom­men im Deutschen Reich schon auf 339 Katholiken ein Ordens­glied und demnach auf 100 000 Katholiken 295 Ordensglieder. Und vollends, zählt man nach demselben Grundsatz, den

Gießener Aonzertvcrei«.

Erster Solistenabend.

Gießen, 3. Nov.

Das erste Abonnementskonzert gestaltete sich gestern zu einem Kunstgenuß erlesenster Art, war in so hervorragender Weise ein Festkonzert, das; die tmjßanfe der Wintersaison nachfolgenden Kon­zerte schwerlich eine Steigerung in Hinsicht auf solche Festcs- ftintmung bringen können.

Dr. Ludwig Wüllner betrat das Podium, und schon breitete sich ein zauberhafter Bann über die in hoher Erwartung harrenden zahlreich erschienenen Zuhörer. Und die Erwartungen, die das hie­sige Konzcrtpublikum in den Namen Wüllner gesetzt hatte, wurden ganz erfüllt; in nicht endenwollendem herzlichen Beifall bekundeten die andächtigen Lauscher am Schlüsse des Konzertes ihren aufrich­tigen Dank für des Künstlers so tief zu Herzen gehende Dar­bietungen.

Worin besteht nun eigentlich die Größe der Wüllnerschen Vor­tragskunst, die Größe diesesSängers ohne Stimme", wie Wüllner in Amerika genannt wird, dieses Mannes, über den schon so viel ge­schrieben wurde und dessen Biographie in kurzen Worten im Sams­tagsblatt des G. A. erschienen ist?

Außerordentliche Intelligenz gestattet dem Künstler sicherstes Erfassen des geistig'poetischen Ivie musikalischen Inhaltes der ein­zelnen Werke; eine vollendete Atemtechnik, eine wunderbare Vokalisierung, und nicht zuletzt eine höchst kultivierte musikalische Phrasierungskunst, getragen von einer souveränen Kraft des Rhyth­mus, ermöglichen das Zustandekommen jenergroßen Linie", die Wüllner von Anfang in die Reihe der Auserwählten stellt. Und dennoch sind bei diesem Künstler zwei Eigenschaften besonders her- vorzuheben, die ihn über alle feine Kollegen so weit erheben: erstens die, trotz aller äußerst konzentrierten und genau überlegten, wohl­durchdachten Auffassung, einemmomentanen Muß" unbedingt Foltw leistende Ausdrucksweise und vor allem der Mangel schön­klingender, klanglich sinnlich wirkender Stimmittel. Gerade das ist bei Wüllners Kunst das Charakteristische und Suggesttve, daß der aufmerksame Hörer nicht durch eine klangprächtige Stimme, die durch ihre blendende ftraft berauscht, vom wahren Kumtgenuß ab- gdenft wird, sondern sich eben durch ihr Fehlen in die Ideenwelt des Komponisten versetzen, sie ganz mitfühlen und nnterleben kann.

Die Vortragsfolge umfaßte vier Gruppen, deren erste ganze Franz Schubert, dem Großmeister des Liedes, gewidmet war Wer gclefat hat unter welch unsagbar traurigen Umstanden Schubert aerobe die LiederTer Wanderer" undDer Doppelgänger" kom­poniert hat, der wird die restlose Ausdeutung Wüllners gerade dieser beiden Gesänge so schnell nichr vergessen. Wie düster klang im .Wanderer" die StelleIm Geiiterhauch tönt's mit zurück" oder wie dumpf kam die ganze erste Strophe vonDer Doppelgänger".

Schulte einst mit der Bemerkung, daß er damit nach statisti­schen Gesetzen zwar zu weit gehe, aber um so nxmiger der Uebertreibung geziehen werden könnte, anwandte, heute in Deutschland etwa 6 Millionen erwachsene weibliche Katho­liken, so kommen jetzt auf 95 erwachsene weibliche Katho­liken ein weibliches Ordensglied, oder auf 100 000 erwachsene weibliche Katholiken 1052 weibliche Ordensglieder. Die Sta­tistik des Jahres 1866 dagegen ergab erst aus 401 erwachsene weibliche Katholiken ein weibliches Ordensglied und auf 100 000 erwachsene weibliche Katholiken 249 weibliche Or­densglieder.

Ein besonders großer Bestandteil der deutschen Ordcns- leutc wird von Bayern und Preußen gestellt. In diesen beiden Bundesstaaten ist die Zahl der Ordensglieder mächtig gewachsen, seitdem hier die Ordensgesetzgebung einer Aenderung nach römischen Wünschen unterzogen worden ist. Stieg doch in Bayern die Zahl der Nonnen seit 1905 um 3590, sodaß 1910 überhaupt jede 124. Frau in Bayern ins Kloster ging, während die Gesamtzahl nach Kroscs Hand­buch 1912/13 2321 Mitglieder klösterlicher Männcrorden und 15 472 Nonnen, insgesamt 17 793 Ordensleute betrug. Den­selben Verlauf nahm die Entwicklung in Preußen. So wurden hier im Jahre 1875 nur 596 Ordensniederlassungen gezählt, deren Mitgliederzahl unermittelt blieb. 1886 zählte man 746 Niederlassungen mit 7248, 1889: 988 mit 10 428; 1894: 1399 mit 17 398; 1908: 2113 mit 30825 Mitglie­der. Am 31. Dezember 1911 aber waren nach der staat­lichen Zusammenstellung 2377 Ordensniederlassungen mit 35 329 Ordensleuten vorhanden.

Das Deutsche Reich besitzt damit einen ungeheuren Vor­sprung in der Ausdehnung des Ordenswesens und in der Zahl der Ordenspersonen selbst vor ganz katholischen Ländern. DasKirchliche Handbuch" des Jesuiten Krose, S. 231, zählte für 1912,13 bei einer katholischen Volkszahl von 23 821453 im Deutschen Reich 7Ö81 Ordensnieder-i lassungen mit 70 284 Insassen. Oesterreich hatte dagegen im Jahre 1908 mit seinen mehr als 24 Millionen Katholiken nur 2900 Niederlassungen mit 38000 Ordensangehörigen aufzuweisen.

Die Ausdehnung des Ordenswesens hat in Hessen einen ähnlichen Verlauf genommen. Im Anfang der 60er Jahre des vorigen Jahr hunderts, als Schulte seine Sta­tistik schrieb, -gab es in der Diözese Mainz bei einer römisch- katholischen Bevölkerung von 225 775 Seelen 4 männliche und 26 weibliche Ordensniederlassungen mit 29 männlichen und 252 wechlichen, zusammen 281 Ordensgliedern. In einzelnen Verhältniswahlen hieß das, es kamen auf 803 Katholiken 1 Ordensglied, auf 396 Katholiken 1 weibl. Or­den sglied, auf 224 erwachsene weibliche Katholiken 1 weibl. Ordensglied und endlich auf 100 000 Katholiken kamen 124 Ordensleute. Das ist im Jahve 1913 gründlich anders geworden. Es gibt gegenwärtig im Hessenland nach dem Kirchl. Handbuch" von Krose 1912/13 S. 230: 5 männliche Orden und 117 bezw. nach Seite 469: 128 Niederlassungen weiblicher Orden mit 63 männlichen und 1252 weiblichen, zusammen 1315 Ordensgliedern. Berechnen wir die Ent­wicklung dieser 50 Jahre, so ergibt sich in Hessen eine Vermehrung

der männlichen Ordensglieder um 117 Prozent, der weiblichen Ordcnsniederlassungen um 350 Prozent, der weiblichen Ordensglieder um 397 Prozent, der Ordensleute überhaupt um 368 Prozent.

Die römisch-katholische Bevölkerung stieg in demselben Zeitraum von 225 775 auf 397 549, also nur um 76 Proz.

höre allein dem Handel und der Schiffahrt. Mkn entsetzte sich vor einem kommendenGeschlecht akademischer Kaufleute", das die Eigenart Hamburgs in Frage stellen würde; sprach von einem sicherlich nicht ausbleioendenGelehrte nproletaria t", aus dem sich viele der Sozialdemokratie anschließen würden. Und es gab Kaufleute, die allen Ernstes befürchteten, durch das neue Element der Univcrsitätsprofessoren gesellschaftlichen Scha­den zu erleiden. Es ist Tatsache, daß in einer öffentlichen Versamm­lung ein Kaufmann unter starkem Beifall gesagt hat:Bisher spielten wir Kaufleute die erste Rolle in der Gesellschaft. Kommt die Universität, dann werden die Herren Professoren an die erste und wir an die zweite Stelle rücken!" Auch eine Art von Han- seatcnstolz! Sicherlich steht der überwiegende Teil der Hamburger Kaufmannschaft nicht auf solchem kleinbürgerlichen Boden das Schlimmste aber war, daß Vertreter dieser Meinung in einfluß­reichsten Kreisen /aßen.

Jedenfalls ist der Versuch, die Hamburger wissenschaftlichen Einrichtungen zu einer Universität auszubauen, durch das Zu­sammentreffen hervorragender Kaufleute und hervorragender Wis­senschaftler ein Institut zu sckaffen, das geeignet gewesen wäre, wirtschaftliches und wissenschaftliches Leben einander befruchtend durchdringen zu lassen, vorläufig gescheitert. Man wird in Ham­burg nun alle Kräfte daran setzen, das bestehende Kolonial- i n st i t u t, das unserm ganzen Kolonialbetrieb eine wissenschaft­liche Grundlage geben und Leute aller Berufe für das wirtschaft, licke Leben in den Kolonien Dorbereiten soll, nach Möglichkeit auszubauen. Doch wird sorgenvoll die Befürchtung ausgesprochen, datz eine Anrechnung der Semester das Hamburger Kolonialinstitut sich nicht die nötige Stoßkraft bewahren könne, um sich als Zentrum der Kolonialwissenschasten zu behaupten.

Dieses Bedenken ist wichtig und nicht unberechtigt. Denn die Uniticnitätcn des Reiches, zumal Berlin, beginnen bereits die Ueber?ee-Wissenschaften ihrem akademischen Betrieb ciiizugliedern eo erwächst dem Hamburger Jnstiiut eine empfindliche Einbuße' denn gerade die I^rtrorragenbften Gelehrten dieser Wissenschaften werden es vorziehen, in vollausgebauten Universitäten zu lehr'n, als an einem Institut, das einen akademischen Lehrbetrieb im Sinne der Universitäten und damit eine breitere Wirkung vor­läufig nicht bieten kann. Kurt K ü ch l e r.

Ans Hessen.

Aus dem Finanzausschuß der Ersten Kammer.

rb. Darmstadt, 2. Nov. Der Finanzausschuß der Ersten Kammer hat in seiner jüngsten Sitzung sich u. a. auch mit der Regierungsvorlage, betr. die Nachweisung der Staatseinnahmen und -Ausgaben für 1908 und 1909 beschäftigt. Es kam dabei nameittlich der von der Oberrechnungskammer beanstandete Punkt zur Sprache, daß die durch die Ausstattung des Schmuckhoses und der Wartehalle des Badehauses 70, sowie der Fürstenzelle in Bad-Nauheim (auf der Landesausstellung für freie und an­gewandte Kunst 1908> entstandenen Kosten von 12000 Mark zu Lasten der Badeanstalt verausgabt worden sind. Die Zweite Kammer hatte das Monitum der Oberrechnungskammer als be­rechtigt anerkannt, aber mit Rücksicht darauf, daß der Ueberschuß der Ausstellung im Betrage von 60 000 Mark zu einer Stiftung für das hessische Kunstgewerbe und für zukünftige Ausstellungs­zwecke bestimmt worden ist, und da der Großherzog, die Stadt Darmstadt und andere Stifter auf die .Rückzahlung der einge­zahlten Zuschüsse verzichtet haben, sich damit einverstanden erklärt.

Die Zahlen für 1912/13, die Krose gibt, beruhen nach seiner Angabe auf kirchlichen Mitteilungen, sind also nicht zu hoch gegriffen.

Die Großh. Regierung hat nun in ihrer Erklärung vom 9. April 1913 zum Zcntrumsantrag bemerkt:der Antrag der Abgeordneten Dr. Schmitt und Genossen ent­hält keine ins einzelne gehenden Fordernngen." Das Bischöf­liche Ordenariat hat indessen inzwischen der Regierung die kirchlichen Wünsche vorgelegt und ihr damit näher prä­zisiert, was' unter der freieren Tätigkeit der Ordenin religiöser, charitativer und sozialer Richtung", wie es im Antrag heißt, zu verstehen ist. Es handelt sich danach nicht nur um die Beseitigung von gesetzlichen Einschränkungen, die den in Hessen tätigen Orden in ihrer Arbeit vorgeschrie­ben sind, sondern man fordert kirchlicherseits die Zulassung neuer Orden in Hessen. Cs wird verlangt, daß l. die krankenpflegenden Orden ihre Tätigkeit ans das Gebiet der charitativen Fürsorge unbeschränkt erweitern dürfen, daß 2. der Orden vom guten Hirten den krankenpflegenden Orden gleichgestellt werde und damit beliebig viele Niederlassungen gründen und Mitglieder aufnehmen kann, daß 3. dieEng­lischen Fräulein" ihre Mitgliederzahl in 5 Niederlassungen nach Bedürfnis vermehren Können, daß 4. ein männlidier Orden für die Zwangserziehungsanstalten in Älein-Zimmern und Drais und der eine oder andere männliche Orden zum Zwecke der Aushilfe in der Seelsorge zugelassen werde. Eine Zusammenstellung zeigt also, daß sich in dem allgemeinen Inhalt des Antrages viele und sehr weitgehende Forde­rungen verbergen. Betrachtet man insbesondere die in Punkt 4 zusammengefaßten Wünsche, so sieht man, daß der Antrag überhaupt über den Rahmen einer bloßen Abände­rung des hessischen Ordensgesetzes hinausgeht.

Diese Forderungen können nämlich nur dann erfüllt werden, wenn die Grundlage der hessischen Ordensge­setzgebung, wie sie im Artikel I des Gesetzes vom 29. April 1875, Absatz 1 niedergelegt ist, außer acht gelassen wird. Hier heißt es nämlich:Neue Niederlassungen oder Anstalten von religiösen Orden oder ordensähnlichen Kongregationen werden im Großherzogtum nicht zugelassen".

Angesichts der Entwicklung, die nach den angegebenen Zahlen und statistischen Berechnungen das Ordenswesen der römisch-katholischen Kirche in Deutschland und auch in Hes­sen genommen hat, ist zu hoffen, daß die gesetzgebenden Kör­perschaften unseres Landes dem Zentrumsantrag nicht statt­geben.

Nr. 258 Erster Blatt 163. Jahrgang Montag, 3. November M3

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