Ausgabe 
3.4.1913 Zweites Blatt
 
Einzelbild herunterladen

Kr. XI

3wette§ Blatt

163. Mrgcmg

Lrfthemt täglich mit Ausnahme des Sonntags.

D«Siebener Famllienblätter" werden dem .Anzeiger" viermal wöchentlich beigelegt, das ,.K«i$61ott für den Kreis Gießen" zweimal wöchentlich. Die .Landwirtschaftlichen 3eit- fragen" erscheinen monatlich zweimal.

Siehener Anzeiger

General-Anzeiger für Sberheffrn

Donnerstag, 3. April 1913

RotationSdrrrck und Verlag der Br n hl'schen Unioersitäts - Auch- und Steindruckerel.

R. Lange, Gießen.

Redaktion, Expedition und Druckerei: Schul« straße 7. Expedition und Verlag: e^ol. Redaktion: e-ZA 112. Tel.-Adr.: AnzeigerGießen.

3u den Wehrvorlagen.

DieNorddeutsche Allgemeine Zeitung" polemisiert gegen denV o r w ärt s", der einen Widerspruch den Zahlen in der Begründung der Wehirvorlage und derjeni­gen in der Denkschrift iib'cr die Deckung der Kosten kon­struiert. Sie erklärt, die Wehrvorlage behandele nur Auf­wendungen für dos Landheer, die Denkschrift begreife die Kosten für das Luftfahrw-esen und die Morine mit ein. Weiter zeige die Anlage 2 der Wehrvorlage den voraus­sichtlichen Geldbedarf für 1913/15 in der Weise auf, dass iTß&ert der Spalte 1 mit den fortdauernden Ausgaben für 1913 in Höhe von 53,3 -Millionen Mark weiter die absolute Steigerung in den Jahren 1914/15 um 129,2 Millionen und 'der sich daraus ergebende Beharrungszustand ab 1915 mit 182,5 Millionen Mark aufgeführt wird. Die Denk­schrift dagegen setze die wirklichen fortdauernden Ausgaben einzelner Jahre nebeneinander, wie es in Reichstagsüruck- sucheu auch üblich ist. DerVorwärts" aber habe den Beharrungszustand mit der Summe der fortdauernden Ausgaben für drei Jahre durcheinandergeworfen und wun­dere sich, daß er einmal 182,5, das andere Mal 365 Mil­lionen lese.

DieNorddeutsche Allgemeine Zeitung" fordert weiter die deutsche Presse ohne Unterschied der Partei auf, künftig nieder Nachrichten über Erfindungen und Verbesserungen auf dem Gebiete der Bewaffnung und Ausrüstung des >>eerrs, noch über Uebungen solcher Spezialtruppen zu ver­öffentlichen, wovon man annimmt, daß sie denen anderer Armeen überlegen sind. Sie weist dabei darauf hin, daß das Beispiel der englischen Luftflotte lehre, daß auch Tinge, die vielen bekannt sind, der Aufmerksamkeit des Auslandes entzogen werden können, io ernt nur von der heimischen Presse peinlichste Geheimhaltung gewahrt wird.

yeer und Flotte.

Der Wechsel im Admiralstabc der Marine.

Der zur Verfügung des Kaisers stehende Admiral Pohl ist, wie schon gemeldet wurde, zum Chef dieser Behörde ernannt und Admiral v. Herrin gen, der bisher Ad- mrralstabschef war, unter Enthebung von dieser Stelle zur Disposition gestellt worden.

Der neue Chef des Admiralstabs Admiral Pohl ist 1855 in Breslau geboren und gehört der kaiserlichen Marine seit beni Frühjahre 1872 an. Er wurde 1876 zum Leutnant zur See, 1879 zum Oberleutnant zur See, 1887 zum .Kapitän!entnant, 1894 zum Korvettenkapitän, 1898 zum Fregattenkapitän, 1900 zum! Kapitän zur See, 1906 zum Konteradmiral, 11909 zum Vize­admiral urrdim Jan. 1918 zum Admiral befördert. Jn denWinter Halbjahren 188890 besuchte er die Marine-Akademie und wurde damr rm Frühjahr 1890 in das Reichsntarineantt berufen. Nack; Ausbriuh der Boxerunruhen führte Pohl das aus 120 deutschen identen vonHertha",Hansa" undGefion", 330 Fapanern. 250 Engländern, 200 Russen, 24 Italienern und 20 Oester reichern formierte £-a mdun.gslorp s, das er am 17. Ium 1900 zum Sturm! auf die Takusorts führte. Für die hierbei be- «Hcfene Tapferkeit erhielt er den Roten-Adler-Orden 3. Klasse mit Schwertern und der königlichen .Krone.

Ter scheidende Admiralstabschef, Admiral Ang. v. H c c - r in gen, ist ein jüngerer Bruder des preußischen Kriegsministers. Er gehörte dem Flvttendienst sett dem 18. April 1872 an. Nach vielseitiger Verweirdung in der Froitt in den unteren Dienstgraden besuchte er in den Jahren 18861888 die Marineatademie in Kiel und wurde während dieses Kommandos am 15. November 1887 zum Kapitänleutnant befördert, nachdem er vorher zur Dienstleistung beim Prinzen Heinrich von Preußen als persön­licher Adjutant frmVmanbiert war. Als .Korvettenkapitän war er 1897 Kommandant des Küsten PanzersFrithjos", 1898 bis 1899, zur Zeit des ersten Flottengesetzes, organisierte er das Nachrichtenbureau des Reichsmarineamts und wurde als dessen Leiter auch aM 16. November 1898 zum Fregattenkapitän befördert. Darauf wurde ihm bis zum Jahre 1900 die Leitung der Zentralabteilung im Reichsmarineamt übertragen. In diesen Jahren seiner Tättgkeit hat er sich hervorragende Verdienste um das Zustandekommen der F l o 11 e n g c fe t- c von 1898 und 1900 erworben. Zum Kapitän zur See wurde er am 18. Juni 1900,^um Kontreadnttral am 7. Juli 1906 und zum.Vizeadmiral am 5. Sep­tember 1909 befördert. Fm Herbst 1907 wurde er zum Befehls­haber der Anfllärungs kreuz er bei der Hochseeflotte ernannt, die er drei volle -Jahre bis zum Herbst 1910 befehligte. Vom Ok­tober 1910 bis zum Februar 1911 stand ter zur Verfügung des Chefs der Ostseestation. Im Februar 1911 wlsrde er als Nach­folger des Mmirals Fischel Chef des Admiralstabes.

. ________!g 11 " --1 - ----' ih»

Der Besuch der englischen Königspaars.

Das Rcuter-Burecul meldet:

Das englische KönigSPanr wird auf Ein­ladung des deutschen Kaisers an den Feierlich­keitmr zur Vermählung der Prinzessin Viktoria Luis e mit dem Prinzen Ernst August von Cumberland teil­nehmen.

Hierzu verbreitet die Associated Preß folgende Bemer­kung:

Mit der Ankündigung des in Deutschland erfolgenden Be­suches der englischen Majestäten ist weniger beabsichttgt, von dem Besuche als einem solchen Kenntnis zu geben, als vielmehr beit Gerüchten ein Ende zu machen, die über Besuche des Königs Paares aur dem Kontinent int Umlauf sind, und die Ankündi­gung zu erklären, daß die Majestäten in diesem Jahre auf dem Festlande keinerlei Besuche abstatten werden. Es verlautet, daß bei dem gegenwärtigen Zustand der Unsicherheit und Besorgnis in Europa Staatsvisiten und Besuche offiziellen Charakters un­tunlich seien. Die Tatsache, daß die Majestäten der .Hochzeit als Italic Verwandte beiwohnen werden, veranlaßte das Gerücht, die Majestäten würden in diesem Frühjahr die vorläufig aufgc schoben en Staatsbesuche aus Anlaß der Thronbesteigung zur Aus­führung bringen. Der Besuch der Majestäten in Deutschland ist jebodj 'rein privater, familiärer Natu r. Die Majestäten werden nur für kurze. Zeit von England abwesend sein.

Die Trauerseier

für König Georg von Griechenland.

Athen, 2. April. Tie Trauerfeierlichkeit für den König Georg gab der Stadt Dorn' frühen Morgen an 'das Gepräge. Eine dickste Menge füllte den Platz, an der K<tthedrale und säumte den Weg des TrauerWges. Um 8 Uhr rücFtcn die Truppen in das Spalier. Die Trauerversaimnlung füllte die Kathedrale. Neben dem König Konstantin iDaren alle Mitglieder der königlichen Familie, die fremdelt Fürstlichkeiten, darunter die Prinzen Heinrich und Joachim von Preußen, und Protz Ernst August, Herzog von Brauusckstveig und Lüne­

burg anwesend. Unter den Vertretest der fremden Höfe war der sächsische Oberhofjägermeister Graf R c x, der im Namen des Königs und des Kronprinzen Kränze niederlegte.

Um 10 Uhr begann die kirchliche Trauerfeier, wobei die Erz­bischöfe des Königreiches amtierten. 9öack, dem ochluß bildete sich der Trauerzug auf dem Plate vor der Kathedrale in der Hermesstraße bis zum Verfassungsplatz. Voran sckwitteit die Ab­ordnungen des Heeres, bann die hohe Geistlichkeit ans allen griechischen Gebieten. Die Tclorattonen des Königs und die Fahnen der Regimenter wurden vor der Lafette, die den Sarg des Königs trug, vorangetragen. Diese wurde von Matrosen ge­zogen und war von den Flügeladjuianten und Euzonen des Königs umgeben. Dahinter ging das Schlachtroß des Königs. Dem Sarge folgten König Konstantin mit seinen Söhnen, die fremden Fürst- lichkeiten und Abgesandten der Souveräne, sodann die Wagen der Königinwitwe und der Prinzessinnen. Hinter der Geistlichkeit, den Ministern, den Kammerpräsidenten, dem diplomatischen Korps, den Vertretern der fremden Marinen und Städte schlossen Truppen den Zug, der sich zum Larissa-Bahnhof bewegte, >ivo der Sarg Don den Prinzen in den Wagen getragen wurde.

Die Artillerie und die fremden Kriegsschiffe feuerten einen Trauersalut von 101 Schuß- Morgen finden Trauerfeiern im ganzen Königreiche statt.

Der neue amerikanische Zolltarif.

New York, 2. April. Wie dieTribüne" meldet, hat die geplante Tarifrevision teilweise radikalen, teilweise gemäßigten Charakter. ' Stahlschienen, EisenbahnschweUcn und Locheiseit sollen auf der Zollfreiliste, welche viele Artikel ent- halteit soll, stehen. Wollgarne und Decken werden angeblich einem 31prozentigett Wertzoll, maschinengestrickte Tücher, Filze und Plüsche einem 40prozentigen Wertzoll, wollene Kleidertvaren, Hüte und Flanelle einem 40- bis 45prozentigen Wertzoll unterliegen. Folgende Artikel stcklen angeblich gleichfalls zollfrei fein: Zucker, Stiefel, Schuhe, Nutz- und Bauholz, Zement, Dachschindeln, Eisen­erze, Reif- und Bandeisen, Ledergeschirre, Sättel, Sattlerwaren, Pflüge, Schubkarren, Mäh- und Nähmaschinen, Werkzeugnta- schinen, Borar, Kreide, Kali, Schweinfurter Grün, Kalk, Blau­säure, Salpetersäure, Schwefelsäure. Ter neue Zolltarif soll Zölle auf Luxusartikel wie Tabak, Weine, Spirituosen, Seide und Parfümerien enthalten.

Mb. Deutscher Reichstag.

130. Sitzung, Mittwoch, den 2. April.

Die Tische des Bundesrats sind leer.

Präsident Dr. Kacmpf eröffnet die Sitzung um 2 Uhr 15 Min. mit einer Begrüßung der Abgeordneten: Nach den Osterferien, die, wie ich hoffe. Ihnen allen die notwendige Erholung gebracht haben, begrüße ich Sie zu neuer ernster Arbeit, zum Zwecke der Lösung de. hochwichtigen und tiefeinschneiden­de n Fragen, die in unserer neuen Tagung zur Erledigung kommen sollen. Möge die Erledigung dieser wichtigen Fragen gelingen zum Heile des Vaterlandes. (Lebhafter Beifall bei den bürgerlichen Parteien.)

Der Präsident macht bann Mitteilung von dem Hin- scheiden des Fürsten Reuß und teilt mit, daß er aus Anlaß des fluchwürdigen Attentates auf den griechischen König, durch das dessen Leben ein so tragisches Ende genommen hat, dem griechischen Geschäftsträger das aufrichtige Beileid des Reichstages ausgesprochen habe. Der Präsident fährt bann fort: Es ist Ihnen allen bekannt geworden, daß schweres Unglück einen Teil der Vereinigten Staaten von Amerika betroffen hat. Das deutsche Volk nimmt herzlichen Anteil an der Heimsuchung dieser befreundeten Nation. Sie haben sich von Ihren Plätzen erhoben, ich stelle das fest.

Der korlschrMche Meilemmih-MrU.

Aus der Tagesordnung steht zunächst der Antrag D r. Ablaß (Vp-) betrefefnb das Verbot der Errichtung und Erweiterung von Familienfideikommissen, sowie Auflösung bestehender Familien­fideikommisse. Der Antrag lautet:

Den Reichskanzler zu ersuchen, dem Reichstag b a l d i g st einen Gesetzentwurf vorzulegen, durch den die Errich­tung und Erweiterung von Familienfideikom- m i s s e n an Grund und Boden verboten und die Auf­lösung bestehender Familienfideikommisse gefördert wird."

Abg. Gothcin (Vp.)'

begründet den Antrag. Die Bemühungen, das Fideikommißwesen einzuschränken, sind so alt wie das Verfassungswesen in Deutsch­land. Erst die Reaktion hat hier eine Gegenbewegung geschaffen. Seitdem hat sich der Reichstag zu wiederholten Malen mit den Anträgen befaßt, die Fideikommisse aufzuheben.

_Fideikommisse sind erst zur Zeit Friedrich Barba­rossas bekannt geworden. Damals wandten sich die Anhänger des deutschen Rechtes gegen diese welsche Mode, die von Spanien über Italien erst im 16. Jahrhundert noch Deutschland vordrang. Es hat sich auch bald erwiesen, daß die Fideikommisse durchaus nicht den Zweck erreichten, die Familie zu erhalten, eher im Gegenteil. Sie erhalten die Familie nicht einmal in gesicherter sozialer Stellung. DaS Einkommen, das die Gesetze für ein Fibeikommiß vorschreiben, entspricht heute nur noch dem des Mittelstandes. In Preußen verwechselt man in dieser Frage das Junkeri nteresse mit dem Staatsinteresse. Man spricht davon, daß der gesicherte Besitz eine freiwillige Tätigkeit im staatserhaltenden Sinne ermöglichen solle. Aber stammen Blücher, Dorck, Scharnhorst, Humboldt, Bismarck, Moltke oder Roon aus Familien, die im Besitz von Fideikommissen waren? Neu gegründete Fideikommisse sollen heute nur noch das in Handel und Industrie gewonnene Vermögen feudalisieren. Die meisten sind erst nach 1852 entstanden, und gerade die großen Industriellen erweitern fortgesetzt den neu gegründeten Besitz.

Ein jo guter Kenner der Landwirtschaft wie Pros. Conrad nennt die Fideikommisse geradezu schädlich. In England, wo der Grundbesitz stark gebunden ist, hat man die­selbe Erfahrung gemacht. Frankreich hat seit der Revolution so große Fortschritte gemacht, weil damals kleine Grundbesitzer an die Stelle der Fideikommisse traten. Im preußischen Osten um­fassen allein 46 Fideikommisse 1799 Güter. Der landwirtschaft­lichen Bevölkerung wird dadurch der Boden entzogen, sie geht ständig zurück. Da zugleich die Nachfrage immer weniger be- fnedigt werden kann, steigen auch die Güterpreise ganz erheb­lich. Wir steuern englischen Verhältnissen zu, wo bereits mehr als die Halste des Bodens gebunden ist. Es ist auch nicht richtig, daß die Fideikommisse int wesentlichen nur Waldland umfassen Diemei st enFideikommissehatSch le sien, infolge­dessen ist dort eine ständige Abnahme des kleinen und mittleren Besitzes zu konstatieren. Ueberall, wo der Großbesitz dominiert, ist eine Entvölkerung des platten Landes eingetreten, teilweise in der kurzen Zeit bis zu 17 Prozent. Die Fideikommisse aber

sorgen dafür, daß der Großgrundbesitz bleibt und sich nicht der-' mindert. Sie hemmen aber auch die innere Kolonisation, da die Fideikommißinhaber ihre Mittel nicht auf die Güter verwenden,' fbnbern für die Zukunft der jüngeren Kinder zurückhalten müssen. tde Notwendigkeit der inneren Kolonisation wird auch von der andwirtschaft allseitig anerkannt, mit Ausnahme von Olden- burg-Janus.chau, dieser Säule, die aus ihrem Herzen keine Mördergrube macht. Trotz der schonen Worte der Minister hat Preußen nur ganze 25 Millionen dafür übrig

Das Reich ist hier zuständig, weil es nach Art. 4 der Ver­fassung die Aufsicht über das gesamte Bürgerliche Recht hat. Der jetzt geforderte Wehrbeitrag erkennt das auch an, denn er trifft besondere Bestimmungen über die Heranziehung der Fideikommisse. Vom konservativen Standpunkt mag es logisch fein, eine bevorrechtete Klasse, die Junker, künstlich zu erhalten. Aber im Interesse des deutschen Volkes liegt es nicht. Volks­wohlfahrt ist nicht dasselbe wie Junkerwohlfahrt. Helfen kann nur ein Verbot der Fideikommißbildung; der Vorschlag des Landesökonomiekollegiums, daß ein Gut erst 50 Jahre im Be­sitze einer Familie sein müsse, ist absolut unzulänglich. Selbst die bestehenden Fideikommisse müssen aufgelöst werden. Diese Frage muß reiflich erwogen werden, der Neugründung von Fidei-- kommissen ist aber energisch ein Riegel vorzuschieben. Die jetzigen Zustände sind eine Gefahr und eine schwere Anklage gegen Regierung und die Parteien, die die Lösung der Frage immer hinausgeschoben haben. Bei uns hat man nicht den Mut, die innere Kolonisation in die Hand zu nehmen, während sich das Land immer mehr entvölkert und ausländisthe Wander­arbeiter den deutschen Boden bearbeiten. Der Reichstag mutz hier energisch vorgehen. In der französischen Revolution er­klärte der Royalist Trouchet, es genügt Mensch zu sein, um gegen die Fideikommisse zu stimmen. Daran mag die deutsche Volks­vertretung denken!

Abg. Hier! (Soz.):

Für die Volksernährung kommt der Kleinbetrieb viel mehr in Betracht als der Großgrundbesitz, der nicht so intensiv arbeitet. Der bäuerliche Landwirtschaftsbetrieb kann auch weit mehr Men­schen auf gleicher Fläche beschäftigen und ernähren als der Groß­grundbesitz. Die Aussaugung der Bauernwirtschaft en durch die großen Fideikommisse treibt die Arbeiter vom Lande in die Industriestädte, wo sie das Heer der Arbeitslosen vermehren und die Arbeitslöhne drücken. (Sehr richtig! b. d. Soz.) Wir stimmen dem fortschrittlichen Antrag zu, obwohl wir wissen, daß die Regierung, die Fleisch vom Fleisch und Blut vom Blut der Groß­grundbesitzer ist, kaum es wagen wird, die Hand an die Fidetz kommisse zu legen. (Beifall b. d. Soz.)

Abg. Dr'. Cvahn (Zentr sucht nachzuweifen, daß die Fideikommißgesetzgebung nicht zur Zuständigkeit des Reichstages, sondern der Einzel­staaten gehöre. Auch freisinnige Parlamentarier hätten früher diesen Standpunkt eingenommen.

Abg. Dr. Thoma (Natt.):'

Eine Reihe von Reichsgesetzen befassen sich sthon mit den Fideikommissen, aber nur formell. Materiell befaßt sich aber ganz zweifellos der Wehrbeitrag mit ihnen. Weiter ist zweifellos, daß der deutsche Familicnsideikommiß zum bürger­lichen Rechte gehört; ba dieses aber der reichsrechtlichen R^elung unterliegt, so untersteht ihr auch das Fideikommitzrecht. Nicht, wie Herr Dr. Spahn meinte, wegen mangelnder Zuständigkeit, sondern wegen der Buntfcheckigkeit des bestehenden Rechtes hat die Kom­mission für die Schaffung des Bürgerlichen Gesetzbuches die Rege­lung abgelehnt. Das Institut des Fideikommisses ist auch von unserem Standpunkt aus etwas Ueberlebtes, Amichro- nistischcs. Es stammt aus einer Zeit, wo Bildung und Talent­entfaltung nur Privilegium einer dünnen Oberschicht gewesen sind. Man wollte die führenden Männer aus dem fideikommissa­risch gebundenen Grundbesitz gewinnen. Aber wie viele der führeirder Männer von 1870 und 1813 stammen aus ihren Reihen?

Die größere Hälfte der preußischen Fideikommisse ist nicht in Händen des erbeingesesseren Grundbesitzes, sondern der reich­gewordenen Männer aus Handel und Jndusttie, die sich den splendor familiae geben wollen. Aber im allgemeinen Interesse liegt ba£ nicht. So hält der Großgrundbesitz auf einem Hektar nur 26 Stück Vieh gegenüber 80 bis 100 Stück beim Kleingrundbesitz. Die Folge übermäßiger Fideikommißbildung ist ein Ueberhand- nehmen der Forstwirtschaft auf Kosten von Wiesen- und Ackerboden. In Bayern müssen erbliche Reichsratsmitglieder ein Fidei­kommiß haben, das ist ein Anreiz zu weiterer Fideikommißbildung. Daher haben wir in Bayern einen Antrag eingebracht, der sich in­haltlich mit dem heutigen freisinnigen deckt.

Neben den erblichen Reichsratsmitgliedern gibt eS noch leben?4 längliche Mitglieder. DaS siird solche, die sich teils um das Vater­land sehr verdient gemacht haben, teils am Vaterland sehr ver­dient haben. Es ist im Vorjahre ein Antrag in der zweiten baye­rischen Kammer cingebracht, der sich gegen das systematische Dauernlegen wendete. Wir wollen die Erhaltung eines gesunden bodenständigen Bauernstandes und die Durchführrmg einer ge­sunden Bauernpolitik und unteren Kolonisation. Diese Fragen gehören zu den wichtigsten unserer Volksernährung. _ 2Bir machen daher Front gegen die gemeinschädliche Fideikommißbildung und stimmen deshalb für den Antrag der Fortschrittlichen Dolksvartei.

Abg. Dietrich (Kons.):

Zweifellos ist das Reich berechtigt, in die privatrechtliche Rege- lung des Fidcikommißwesens einzugreifen. Aber das schließt nicht nur gewisse Rücksichtnahmen aus. Auch wir wollen das bürgerliche Reckst in Deutschland auf diesem Gebiete verbessern, wo Rückstände sind, aber eS muß schonend verfahr<m iverden bei den Besonderheiten, die in jedem Lande und jedem Stamme sich im Laufe her Geschichte entwickelt haben. Selbst ausgesprochene Gegner her Fideikommisse an sich sprechen sich dahin aus, daß man nicht aprioristisch urteilt, und ivenu wir einen feststehenden Rechts- zustand in Deutschland haben, nach welchem in Elsaß-Lothrin- gen die Familien-Fideikommisse verboten sind, wenn die Eiüwick- lung der Eigentumsverhältnisse von Grund und Boden grundver­schieden im Westen und Osten ist, so sollten diese Verhältnisse dazu führen, die Eigenart der einzelnen Stämme und Länder zu reipektieren. 1

Wir sind Freunde der Errichtung von Familien-Fideikom- missen, das schließt aber nicht aus, wo die Gesetzgebung seit I)ün« dert Jahren nicht eingegriffen hat, eine Besserung der Bestimmun­gen und des Verfahrens für wünschenswert und notwendig zu halten. Die Nachteile in sozialer Hinsicht sind nicht ein Beweis gegen das Institut selbst und vor allem sprechen sie nicht für einen Ersatz der landesrechtlichen Tätigkeit durch das NeichSrecht. Eine Aenderung der preußischen Gesetzgebung wird seit Jahren auch von den Freunden der Fideikommisse erstrebt und 1903 bereits ist ein Entwurf der preußischen Staatsregierung von sachverständigen Kreisen begutachtet worden. Es ist nicht ein besonderer Beweis von Rücksichtnahme auf die einzelnen Bundesstaaaten durch ba3 Reich, sich zwangsweise einmischen zu wolle::, gerade während dis Abstellung von Mißständen in der Landesgesetzgebung erwogen wird. Auch wir erkennen an, daß eS notwendig ist, die übermäßige Beschränkung von Grund und Boden zu verhindern.

Ich. will keine Namen nennen, aber es gibt bei der Linken Herren, die nur zur Hebung ihrer äußeren Position Di i 11 c r g u 18 bcsitzer such. (Zuruf links: Es kann doch nicht jede^