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Erster Blatt
165. Jahrgang
Zreitag, 29. August 19(5
GietzenerAMger
General-Anzeiger für Gderhessen
Rofationsdrud und Verlag der vrühl'fchen Univ.-Vuch- und Steinbruderei R. Lange. Redaftion, Lrpedition und Druderci: Schulstrahe 7.
Geschäftsstelle Büdingen, vahnkfosstrahe 16a.
vc ina »vrei »: n,onallich75Vf^ viertel» jährlich 3)11. 2.20; durch jlbljole- tu Zweigstellen inonatlich 65 Pf.; dnrch die Post '19t.2.— Vierteljahr!. ariSschl. Bestellg. ZeilenpreiS: total lüPf^ anSivärt-r 20 Pfennig. Chesredattenr: A Goetz. Perantivonlich für den politischen Teil: August Goetz; für .Fruüle- lon', .Vermischtes' und .Gerichissaal-: R. 9leu- ratb: für .Stadt u>id Land": E.Heß; für den Äuzeigenleil: H. Beck.
Die heutige Nummer umfaht 10 Seiten.
Tagcskalcn-er aus Dem Jahre 1813.
2 9. u. 3 0. Auau st Ter preußische General v. Kleist fällt über die Nollendorser Höhen dem französischen Marschall Ban dämme in den Rüden und schlägt ihn bei Kulm, „Kleist von Nollendors".
Gemeinderatswahlen in Hessen.
Au-- T a r m ft a b t »vird uns geschrieben:
Mt jeder Tag bringt jetzt neue Meldungen über Ge- mcinderatswahlen in den kleineren Städten und Landgemeinden unseres GroßherzogLurns, und zlva.r Meldungen zumeist erfreulicher Natur. Es ist geradezu überraschend, loic glänzend sich bei den bisher abgehaltenen Gemcinderats- lvahlen nicht nur in zahlreichen Landgemeinden, sondern aud) in den größeren Hodchurgen der Sozialdemokratie die bürgerttchc Wählerschaft erfolgreich betätigt und den sich ihres Sieges vollkommen fidzerfühlenden sozialdemokratischen Kandidaten Niederlage über Niederlage bereitet hat. Um diesen erfreulichen Umschwung in der Betätigung am öffentlichen Leben besser zu verstehen und zu würdigen, mögen hier einige nähere Erläuterungen über die lzcssi- schcn Gemein berat sw ahlen im allgemeinen am Platze sein.
Die gegenwärtig im Laude stattfinbenben Gemeinde- ratswahlen sinb bie erstell, die liach der neuen Land- ge m eindeorbnung zu erfolgen haben. Sie bilbete im Verein mit den anderen großen Regierungsvorlagen der Verwaltungsgesetzrcform bekanntlich bas letzte schwierige <^esetzgcbungsmerk, das vom verflossenen 34. Landtag im Juli 1911 verabschiedet wurde. Die neue Landgemeindeordnung mit ihren 223 Gesetzes Paragraphen trat an die Stelle der gänzlich veralteten Landgemeinde-Ordnung vom Jahre 1874, und erhielt am 1. April 1912 (Gesetzeskraft Die Be stilmnungen über die Wahlen zum OKmeinderat idie Wahl erfolgt aus 9 Jahre; alle 3 Jahre scheidet ein Drittel aus), siiid darin im allgemeinen dieselben geblieben, wie in dem früheren Gesetz, bod) sinb — wie auch von radikaler Seite ausdrücklidi anerkannt werden mußte — in dem neuen Gesetz zahlreidze wesentliche Verbesserungen zur Durchführung gebracht worden. Es wurde nicht nur in vielen Punkten auf Grund der im Laufe der Jahrzehnte gewonnenen praktischen Erfahrungen abgeändert und namentlich mehr den modernen Anschauuinsen und Zeitverhältnissell ange- paßt, sondern aud) durch mancherlei Bestimmungen zugunsten der Wähler zum Gemeinderat Verve rbcss er t. Wad) dem alten Gesetz waren stimmberechtigt alle in der Gemeinde wohnenden Ortsbürger mit vollendetem 25. Lebensjahre (das besondere Wahlrecht der sog. „Ortsbürger" ift im neuen Gesetz in Wegfall gekommen», welche seit 2 Jahren in der Gemeinde ihren Unter stützungswohnsitz hatten, den sie nad) den Bestimmungen des Reichsgesetzes über den Unterstützungswohnsitz in der Regel erst nach zweijährigem ständigen Wohnen in der Gemeinde erlangten. Im neuen Gesetz ist dagegen ein fad) bestimmt, daß jeder 25 Jahre alte Einwohner, der seit 3 Jahren in der Gemeinde wohnt und, wie früher, seit dem 1. April des der Wahl vorhergehenden Jahres aemeindestcuerpflichtig ist, die Wahlberechtigung besitzt. Weiter sind aud) die Bc
stimmungen über das Ruhen des Dahlredns zu Gun-» sten der Wählerschaft verbessert worden. So bestimmt das neue Gesetz, daß nicht mehr als eine das Wahlrecht aus- schlicßcnde Armenunterstützung angesehen werden soll: Die Ärankenunterstützung, die einem Angehörigen wegen kör perlichcr oder geistiger Gcbred)en gewährte Anstaltspflege, ferner Unterstützungen zum Zwecke der Jugendfürsoge, der Erziehung oder der Ausbildung'für einen Beruf, sowie sonstige Unterstützungen, wenn sie nur in der Form ver- einzelter Leistungen zur Hebung einer augenblicklichen Notlage gewährt worden sind und endlich Unterstützungen, die erstattet worden sind.
Durch diese Bestimmungen, die in den früheren Regierungsvorlagen nicht enthalten waren, sind zweifellos aud; die Interessen der minderbemittelten Gemeindemitglieder mehr als bisher berücksichtigt worden.
Um so erfreulicher ist es nun, daß trotz dieser Erweiterung des Wählertreises nickst die Sozialdemokratie die frucht daraus geerntet, sondern sich das Wahlergebnis vielfach stark zu Gunsten der bürgerlich gesinnten Bevölkerung geändert hat. Am auffallendsten zeigt sich der Rückgang der sozialdemokratischen Stimmen im Reichstagswahlkreis Osfen-, bad) und in einigen anderen Hauptzentren der Sozialdemokratie in der Nähe großer Städte. OVerabc Orte mit start überwiegender Arbciterbevölkerung haben bei der jüngsten Gemeinderatswahl eine sehr bemerkenswerte Veränderung im Abstimmungsergebnis erfahren. Bei der Reichs- tagswahl im Januar 1912, die wir hier zum Vergleick) heranzichcn, obwohl itnr wissen, baß eine direkte EKgen- überstellung der Stimmenergebnisse wegen der verschiedenartigen Wahlberedstigungsbesrimmungen nicht ganz zutreffend ift — wurden z. B. in dem jetzt so glänzend für die bürgerliche Sache gewonnene?) Bieber 649 sozialdemokratische und nur 246 Zentrums- und 57 nationalliberale Stimmen abgegeben, in Dieburg standen bei der letzten Reid)stagswahl den 356 sozialbemvtratischen Stimmen 521 Zentrumsstimmen gegenüber. In G r o ß -Z i m m cm, das ebenfalls einen Sieg der Bürgerlickzen brachte, waren 1912 für Ulrich 389, für das Zentrum 176 und für den National- liberalen nur 84 Stimmen abgegeben worden und in Klein-Steiuheim standen 1912 den 368 sozialdemokratischen Stimmen nur 187 Zentrums- und 52 national- liberale Stimmen gegenüber. Einen gapz besonderen Aufschwung hatte die Sozialdemokratie in Eberstadt (Kreis Tarmftabt) erfahren, wo die sozialdemokratische Stimmenzahl von 679 bei der Reichstags-Hauptwahl im Jahre 1907 auf 866 im Jahre 1912 in die Höhe ging, während im letzteren Jahre für Dr. Osann nur 244 und für den fortschrittlichen Kandidaten Dr. Strecker nur 237 Stimmen abgegeben wurden, der Sozialdenrokrat also die doppelte >stimmenzahl den beiden bürgerlichen Kandidaten gegenüber erhielt; ganz ähnlich war es in Naunheim, wo Dr. Osann 38 und Dr. Strecker 83 Stimmen den 254 sozialdemokratischen Wählern gegenüber erhielt. In allen diesen und zahlreick)en anderen, bisher von der Sozialdemokratie beherrschten Ortschaften haben jetzt die bürgerlichen Parteien mehr oder minder große Siege bavong-c- tragen.
Schon bie wenigen, hier angeführten Zahlen beweisen wohl zur Genüge, daß die sozialdemokratische Bewegung in Hessen auf dem Lande zum Teil recht stark im Rückgang
begriffen ist und alle in den letzten Jahren unternommenen Bemühungen der Partei, das Land (II erobern, vergeblich gewesen sind. Es wird hiermit auch die auf Grund des diesjährigen Berick)ts des forialdemokratisckjen Parteivar- standes in der bürgerlichen Presse vielfack) ausgesprochene Ansckstmung bestätigt, daß in der Entwickelung und beut riesigen Aufschnmng der Partei der Höhepunkt überschritten und ein Stillstand, wenn uick)t gar bereits ein allgc* meiner Rückgang eingetreten ist.
Tic jetzigen Erfolge waren aber, dessen sollte man sich allenthalben klar sein, nur möglich durch das einmütige, Zusammengehen der bürgerlichen Wählerschaft und durch Hintansetzung aller persönlichen und kleinlicheu parteipolitischen Meinungsverschiedenheiten. Dies vorbildliche Verhalten sollte auch den bürgerlichen Wählen in den größeren (stabten, in denen ja gleichfalls in wenigen Wockzcn die Ersatzwahlen zur Stadtvertrctung bevorstehen, eine ernste Mahnung zur Einigkeit und ein Ansporn zu energischer, entschlossener Wahlarbeit fein. Wir wollen hoffen, daß die jetzt so vielfach und unerfreulich in den kleinen Städten und Landortcn zutage getretene Wiederbelebung oder Stärkung des gesunden Bürgersinnes auch bei den Wahlen in den Städten eine wirksame Fortsetzung erfahren wird!
Der Kaifcr in Breslau.
Breslau, 21. Aug. Zum Empfang der Majestäten und der fürstlichen Cfäftc ist Breslau prächtig geschmückt. Die öffentlichen und fast ausnahmslos alle Privatgebäude zeigen Mahnen und Girlandenschmuck und die Schaufenster schöne Dekorationen. Die Ausschmückung des Einzugsweges ift in lichten Farben gehalten und nach dem Plane des Stadtbanrats Berg, des Erbauers der Jahrhunderthalle/ einheitlich dnrchgeführt.
Dec Kaiser und d»e Kaiserin trafen um 3 Uhr 45 Min. im Sonderznge hier ein. Ans dem Bahnhofe fand großer nnlilärischer Empfang statt. Tann hielt daS Kaiserpaar feinen Einzug in die Stadt, der Kaiser und die Prinzen zu Pferde, die Kaiserin mit der Kronprinzessin und der Prinzessin Anguss Wilhelm in offenem Wagen. Mit brausenden Hochrufen wurde das Kaiserpaar beim Verlafsen deS Bahnhofs von den vielen Tausenden begrüßt, die sich eingefunden hatten.
Die Ansprache des Oberbürgermeisters M a 11 i n g.
Beim Einzuge des Kaisers und der Kaiserin hielt Oberbürgermeister Matting eine Ansprache, in der er zunächst den Kaiser und der Kaiserin für ihr Erscheinen dankte und dec historischen Ausstellung gedachte, von der ans lebendige Ströme der Vaterlandsliebe und KönigStreue sich in daS Land ergießen würden.
Der Cberbürgennciftcr erinnerte dann an die enge Verbindung zwischen dem Königshaus und dem Geschick des Vaterlandes vor hundert Jahren. Das Verhältnis gegenseitigen Vertrauens zwischen König und Volk und des Sichzusammengebens mi einem Treuebund von unzerreißbarer Festigkeit und heiliger Weihe matty* erst das deutsche Volk unüberwindbar. Nach einem Hinweis <atf die fruchtbare Entwicklung des wirtschaftlichen Lebens unter der 25jehrigen Regierung des Kaisers erinnerte CberourgermciiPr Matnng an das Erscheinen der Wehrvorlage, btc eine teste Bekundung des Willens des Kaisers sei, den Trieben zu la,ätzen.
Vie General vanüamme gefangen genommen wurde.
(Zum 29. August.)
Auf der Straße zwischen Kulm und dem kleinen Tors Schande hält ein Reiter, in französischer Marschallsuniform: Vandammc, der Geschlagene von Kulm. Fern vergrollender Kanonendonner. Das Pferd in Schweiß, Schweiß auf der Stirne des Reiters, ein klopfendes Herz und Augen voll Zorn und Erbitterung. Er reißt mit kräftigem Ruck den Gaul an; die Flanken des Tieres zittern. Der Reiter zieht aus seiner Brusttasche die Backenbergsche Landkarte über die Gegend von Kulm und Nollendors hervor und sucht mit geübtem Blick die Wege. Doch nur einen Augenblick. Er weiß nicht, wie es geschieht; plötzlick) links und rechts von der Straße fremde Gestalten, blitzende Säbel, die großen Tschakos russischer Jager, und bereits liegt er auf der schmutzigen Straße, von stählernen Fäusten traktiert und mit Schimpfwörtern, deren Sinn er nur ahnt, überschüttet. Tie Epaulet- tcii sind weggerissen; ein Aermel und ein Teil des Hemdes ift mitgegangen; „Pardon", dann verläßt ihn für einige Augenblicke das Bewußtsein. Von fern auf der Straße Pferdegetrappel, rasch näherkommend. Ein kleiner Trupp Kosaken und Husaren; die Jäger werden über den Haufen geworfen und setzen sich fluchend zur Wehr. Aber die Herangcsprengten find keine Feinde: es sind keine Erretter für den gefangenen Vandarnme; es find Russen und Deutsche, die wie Schnapp- bähnc anderen die Beute abjagen.
Ter Gefangene wird zwischen zwei Pferde genommen, rechtsumkehrt! und zurück auf Kulm, nach dem fürchterlichen Talkessel, in dem er Sieg, Schlacht und Heer verloren hat. Wie es geschehen ist: er weiß es selbst nicht recht. Er tann fick) kaum selbst in dem fürchterlichen Tohuwabohu zurecht finden; er weiß nur, daß er sich bis aufs Blut gewehrt hat, daß er feine Pflicht als Soldat, als Marschall getan hat. Ein kleiner Kosakenoffizier hält vor ihm. Weit aufgeriffene Augen und ein verwundertes: „Vandamme?" Ter Marschall nidt; seine Lippen zusammengebissen, den Blick fest auf den Frager gewendet. Ter kleine Kosakenoffizier lüftet ehrfurchtsvoll das Haupt und bittet den Gegner, das Pferd zu besteigen, das ein Ko fake am Zügel mitreißt. Tann geht es weiter. Bereits sieht man die Rauchwolken des brennenden Kulm aufsteigen. Ein stattlicher Reiterzug in beschleunigtem
Trab kommt entgegen; an ihrer Spitze die prächtige Gestalt Zar Alexanders. Hinter ihm fein Stab. Vandarnme erbleicht. Zehn Schritte trennen ihn noch von feinem Gegner; bann springt er vom Pferd, eilt auf den Kaiser zu, wirft sich dem braunen Hengst, der den Kaiser trägt, um den Hals und küßt ihn ehrfurchtsvoll. Tann tritt er zurück und grüßt stolz. Alexander, in einem Gefühle des Mitleides mit dem überwundenen Gegner, spricht einige ehrende, mitfühlende Worte, die Vandarnme mit einem kurzen, barschen: „Sie sind der Meister, Majestät" abschneidet. Mit einem Ruck sprengt Generaladjutant von Wolzogen vor, mit zorngeschwollener Ader; ihn ärgert das freche, selbstbewußte Benehmen des französischen Marschalls: er denkt an die unmenschliche Grausamkeit, mit der dieser f r an» zösische Heerführer in deutschen Gauen und T ö r f er ngehausthat. Keuchend preßt er hervor: „Aber, Majestät, erinnern Sie sich doch, daß dieser Mensch derselbe ist, der in Oldenburg ganze Bauernfamilien erschießen ließ, weil sie dem Herzog, Ihrem Schwager, treu blieben." Ter Kaiser hebt nur abwehrend die Hand und gibt einige knappe Befehle. Vandarnme ist nach Wiätka, einem elenden Nest an der sibirischen Grenze bestimmt. Tort mag er über die Wandlungen des Kriegsglückes, über sein Leben und seine Taten nachzudenken. Bereits am folgenden Morgen holpert eine elendigliche alte Kalesche mit dem Franzosen der russischen Grenze zu. Er schäumt innerlich vor Wut. Wie behandelt man ihn! Nicht einmal das bescheidenste Taschengeld, die notdürftigste Verpflegung wird ihm gewährt; er be» fchwert sich; er appelliert an den Kaiser von Oesterreich: „Man setzt mich da auf einen Henkerskarren, ohne Geld, ohne Tiener!" Gemütlich, die Unterlippe nur etwas weiter vor- fchiebend, mit seinen treuen Augen luftig zwinkernd, antwortet Kaiser Franz: „Wenn er Holter kan Geld hat, muß mer ihm doch ans geben." Tas war gut gemeint, aber es blieb dabei.
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. — Alt-Hildesheimer Holzhäuser. Der rote Habn auf dem Markte von Hildesheim.' Ein Schreckensschauer überläuft bei dieser Nachricht jeden, der ein Her; hat für die Herrlrchkrilcn alter deutscher Kunst. Etwas Köstliches und unvergeßlich Liebes, das man so stolz zum festen Bentz des Schatzes an Schön beit m deutschen Landen gerechnet, scheint bedroht, und der bloße Gedanke an die übersrandene Gefahr, dies Gefühl eines möglichen Verlustes läßt uns mit noch größerer Liebe jene malerischen Giebel
und Erker umfangen, die als das altvertraute Zeichen einer bis in unsere Tage bewahrten stolzen Vergangenheit vom Hildesheimer Markt grüßen. Diesmal ist cs noch glücklich abgegangcn: die gefräßige Flamme forderte als Opfer ein Haus der Zpatrenaissence und eine gnädige Fügung ließ den weitaus prächtigeren Nachbar, das schönste aller Holzhäuser Deutschlands, das Knochcnhauer Amtshaus, unversehrt. Hassen wir, daß sich das Geschick mit diesem einen Verlust, den es gefordert, begnügt, und daß wir uns weiter in Ruhe und Sicherheit jener Schmuckstücke deutscher Baukunst erfreuen dürfen. Tie liebliche Blüte des bürgerlichen Wohnhausbaues, wie sie sich in den norddeutschen ’iVad> werkhäusern so reich entfaltete, ist ja nur noch an wenigen Orten in eindrucksvollen Formen erhalten. Nur in Braunschweig und Hildesheim bilden sie heute noch eine köstliche Zier, die gewisses Stadtteilen ihren Charakter aufpräqt. In Hildesheim betrogt ihre Zahl noch über 400, und wieviel bat nicht der Dreißigjährige Krieg und die trübe Folgezeit zerstört! Ein melancholisches Dokument berichtet, daß allein im Jahre 1634 in Hildesheim 245 dieser Häui'er abgebrochen wurden, weil die armen, von dem ewigen Elend ausgesogenen Leute des Hol^s zur Feuerung dringender bcdurslcn. Mit den Braunschweiger Fachwerkhäusern verglichen, sind die Hildesheimer kleiner, bewahren weniger den konstruktiven Ernst der Gotik, sondern ergehen sich im reichen Spiel einer beweglich malerischen Behandlung. Tie strenge Gotik ist hier nur in wenigen Bauten rein bewahrt, fo im alten Trinitatis-Hospital mit dem stark ausladenden Obergeschoß von 1 459, im Kramergildenhaus u. a. Tas älteste dieser Häuser, am Altemarkt gelegen, trägt stolz auf feinen Ständern die Zahl 141* Rascher uno stärker als anderswo wird im Fachwerkbau Hildesheims die Renaissance heimisch und breitet einen ungemessenen Reichtum phantanevoller Schnitzereien, bunter Ornamentik und reichen Figurenschmucks übet die Fassaden aus. Tie Erker, „Ausluchten" genannt, und Zweiggiebel gliedern bie Bauten in einer reich bewegten, anmutig freundlichen und überaus persönlichen Weife, so daß jede dieser Häuserpersönlichkeiten ihr eigen Gesicht, ihr eigen Temperament zur Schau trägt. Tieser kecke und kühne Renaissaneegeist regt sich sogar schon in seinen frühesten Arabeskenspielen in der Lrnamentik der Krone aller Hildesheimer Holzhäuser, des Knochenhauer Amts- bauses von 1529, in dem die monumentale Ausgestaltung der Holzarchitektur einen in Teutschlano nicht wieder erreichten Ausdruck gefunden hat. Noch rein gotisch in seiner .ttonftruftion, noch streng und fast feierlich in der Verwendung des Materials, dabei bäuerlich einfach in der großen rundbogigen Einfahrt, ist dieser Bau ein Muster jenes mächtigen und doch dabei gemütvoll intimen Kunstgeistes, der das 16. Jahrhundert beseelte. In den späteren Bauten treten bann die Renaissancedekorationen in den Verkröpfungen der Profile, in den bunten Trolerien der Schwellen und Fenster immer mehr hervor und führen hinüber zu dem reinen Renaissancestil, wie er nch am imposantesten in dem Wedekind- schen Hause am Markt von 1598 offenbart. Mit dem Einbrechen des 17. Jahrhunderts hatte diese Herrlichkeit ein Ende, die Hildes- 6am zu einem Edelstein altdeutscher Baukunst gemacht.


