Ausgabe 
26.6.1913 Erstes Blatt
 
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bis vormittags 9 Uhr.

Die heutige Nummer umfaßt 12 Seiten.

Der Kaiser und die kreier Woche.

Kiel, 25. Juni.

Hohcnzollcrn" mit dem Kaiser

Deutsches Reich.

Zur dritten Lesung der Wehrvorlage beantragt die konservative Fraktion des Reichstags Wie­derherstellung der drei gestrichenen Kaval­lerie-Regimenter. Ta in den letzten Tagen zwischen einigen Fraktionen über diese Frage Besprechungen statt- gesunden haben, die nicht ohne Erfolg verlausen sind, nimmt nian an, daß, sich für den Antrag eine schwache Mehrheit finden wird. Allerdings hängt die Annahme von der Besetzung des Hauses ab.

Kleine Anfragen im Reichstag.

Der Abg. Dr. Ger lach (Ztr.) fragt im Reichstage an, ob dem Reichskanzler bekannt sei, daß in Coesfeld in

Westfalen Jesuiten patres Schwierigkeiten bei der Ab­haltung von Exerzitien seitens des Regierungspräsidenten gemacht worden seien. Es habe sich nicht um religiöse Bor­träge gehandelt, der Eingriff des Regierungspräsidenten sei daher gesetzwidrig. Die geplanten Exerzitien sind nickst abgehalten worden. Rach der Meinung des Fragestellers liegt ein Widerstand gegen ein Bundesratsbeschluß, vor. Die Anfrage wird am Freitag beantwortet werden.

Im Reichstage sind noch folgende kleine Anfragen an den Reichskanzler eingegangen: Cb die französische Meldung von einem verlustreichen Gefecht in Kamerun zutreffe, wie es mit der Berufung eines Ausschu s s e s zu r Prüfung der Rüstungslieferungen stehe und welche Schritte zur internationalen und nationalen Durch­führung eines besonderen Schutzes für Arbeiter und Arbeiterinnen vom 16. bis 18. Jahre geschehen seien.

Die Aenderung des Schutzgebietsgesetzes.

Der Ausschuß des Reichstages zur Vorberatung des Gesetzentwurfes, betreffend Aenderung des Schutz- gebietsgesetzes erledigte in seiner Sitzung am Mitt­woch die Vorlage. Es entspann sich zunächst eine Ausspracft über die Frage, ob die Ertverbsgesellschaften in das Ge­setz einbezogeu luerbcn sollten. Mit Rücksicht auf die Er­klärung des Negierungsvertreters, daß in dem Kolouialamt darüber Beschluß gefasst worden sei und daß darüber ein neues Rorinaistarut ausgearbeitet werde, beschränkte sich der Ausschuß auf die Vorlage und nahm sie ohne weiteres unverändert an.

Der Herzog von Cumberland und die Welfen.

DieDeutsche Tageszeitung" berichtet aus Gmun­den: In den letzten Tagen empfing der Herzog von Cum­berland in seinem hiesigen Schlöffe sämtliche führenden Mitglieder der Welfenpartei.

Tie Delikates s en händ le r und die Nahrungs­mitte lges etzgebung.

Auf der Jahresversammlung der deutschen Delikatesseu- händler, die am gestrigen Mittwoch in Breslau stattfand, wurde folgende Entschließung angenommen:

Der Verein deutscher Kaufleute der Tclikatessenbrauchc tritt dafür ein, daß bei der bevorstehenden Reform des Nahrungsmittel gesetzes folgende Bestimmungen in das Gesetz auszunehmen sind: Beim Kaiserlichen Gesundheitsamt ist eine Zen traft stelle für das Deutsche Reich cinzurichtcn, »velche folgende Aus­gaben hat: a) einheitliche Methoden der Untersuchung von Naft rungS- und Genußmitteln für alle diejenigen Fälle festzusctzen, in welchen die Untersuchung nach verschiedenen Methoden möglich ist, die verschiedenen Metl-oden aber verschiedene Resultate er­geben können: b) Festsetzungen für die Beurteilung der cinzelireu Nahrungs- und Genußmittel zu treffen: c) auf Ersuchen der Ge­richte über 'Fragen, ivclche die Herslellung und Beschaffenheit von Nahrungs und Genußmitteln betreffen, ausgenommen Fragen der Gesundheitsgefährlichkeit, Gutachten zu erstatten, sofern in dein gerichtlichen Verfahren voneinander abweichende Gutachten mehrerer Sachverständiger vorliegen. Die Festsetzungen der Zen­tralstelle sind zu veröffentlichen, mindestens in Auszügen. Die Ge­schäftsordnung für die . Zentralstelle stellt der Bundesrat auf. Sie muß die Bestimmung enthalten, daß bei allen Beratungen mindestens die Hälfte der Beratenden aus solchen Mitgliedern der Zentralstelle bestehen muß, tvelcft Geiverbetreibende der Nah­rungsmittelindustrie sind. Tas Recht der freien Beweiswürdigung der Gerichte wird durch die Festsetzungen und Gutachten der Zen­tralstelle nicht berührt. Der Verein bestreitet mit Entschiedenheit, daß auf Seiten der an der Erzeugung und dem Handel mit Lebensmitteln beteiligten Berufskreise die einmütige Auffassung herrsche, daß nur durch rechtsverbindliche Festsetzungen über die Beschaffenheit und Beurteilung der einzelnen Lebsensmittel die un­leugbar vorhandenen Mißstände beseitigt werden können."

lag, ob er von Napoleon, ohne sich zu schlagen, dasselbe erreichen könnte, tvie wenn er sich entschieden in die Reih? seiner Feinds stellen lvürde. Tie Erhaltung der Neutralität Oesterreichs mußte deshalb Napoleons Hauptsorge sein.Erllären Sie Ihre Neu­tralität und halten Sie dieselbe, dann geh? ich auf Unterhand­lung in Prag ein."Ter Kaiser" erwiderte Metternich,I>ati den Möchten nur seine Vermittlung, nicht seine Neutralität an geboten. Rußland und Preußen haben sie angenommen, an Ihnen ist es, sich heute noch zu erllären." Tarauf konnte Napo­leon vorläufig nicht eingehcn. Es mußte also ein stärkerer Trumps ausgcspiclr werden.Ihre jetzige Armee, ist sie nicht eine anti­zipierte Generation? Ich habe Ihre Soldaten gesehen, es sind Kinder. Wenn diese jugendliche Armee, die Sie heute unter die Waffen gerufen haben, dahingerafft fein wird, was dann?" Jetzt übermannte Napoleon der Zorn, sein Gesicht wurde fabl, seine Züge verzerrten sich.Sie sind nicht Soldat, Sie wissen nicht, was in der Seele eines Soldaten vorgcht. Ich bin im Felde ausgewachsen, und ein Mann wie ich spuckt auf das Leben einer Mmion Menschen." Mit diesen Worten warf er den Hut in die Ecke des Zimmers. Wenn er aber geglaubt hatte, daß Metter­nich ihn vielleicht aufheben werde, so täuschte er sich, jetzt bückte sich der Diplomat nicht mehr vor ihm, sondern meinte nur in bedeutungsvoller Anspielung auf dieses aus den Abgründen der Herrsck-crseele gestiegene Bekenntnis:Oeffnen wir die Türen, und mögen Ihre Worte von einem Ende Frankreichs bis zum anderen ertönen. Nicht die Sache, die ich vor Ihnen vertrete, wird dabei verlieren." Ties wirkte. Napoleon faßte sich, um rasch, wenn ourf' in ruhigem Tone, ein nicht minder schauriges charakteristisches G-ffländnis äbzulcgen:Tie Franzosen lönnen sich nicht über mich beklagen: um sie zu schonen, habe ich die Deutschen nnb die Polen geopfert." Jetzt war es Metternich, der triumphierte: Sie vergessen, Sire, daß Sie zu einem Teutschen sprechen. Ich will Ihnen offen und frei sagen, Napoleon der Eroberer hat einen Fehler begangen." Das fühlte dieser selbst.Es kann mir den Thron kosten, aber ich werde die Welt unter seinen Trümmern begraben."

lieber acht Stunden hatte die Unterredung gedauert. Im Zimmer wuchsen bereits die Schatten empor, an der Tacke spielten die letzten roten Lichter der untergehenden Sonne, durch die Fenster sttömte der Abend feucht ftrrin. Eine unheimliche Ruhe lag über dem Palast. Um 1 ?9 Uhr öffnete der Kaiser dem Diplo­maten die Türe und klopfte ihm freundlich auf die Schulter: ,,3ic' werden mir nicht den >vrieg machen."Sie sind verloren, Sire; ich hatte ein Vorgefühl dcwon beim Kommen, jetzt beim Gehet! habe ich die Gewißheit." 2>ic Aufgabe, die der Kaiser Franz

lief, gefolgt von dem TepeschcnbootSleipner", um ein Uhr aus der Schleuse in Holtenau unter dem Salut der Kriegsschiffe in den Kieler Hafen ein. Beim Passieren der Kaiseriacht brachte die in Parade stehende Mannschaft drei Hurras aus. Die Besatzung des italienischen PanzerkreuzersAmalfi", in deffen Gestopp die deutsche Flagge wehte, begrüßte den Kaiser mit drei Hurras. DieHohenzollern" machte an der gewohnten Liegestelle fest in der Nähe der Seebadeanstalt. Ter Staatssekretär, Großadmiral v. Tirpitz ist zur Kieler Woche eingetroffen.

Der Besuch des italienischen K ö n i g s Pa a r e s.

Rom, 25. Juni. DieTribuna" meldet: Der König und die Königin reisen am 1. Juli von San Rossore nach Schweden und treffen am 3. Juli morgens in .Bel ein. Die Begegnung mit den deutschen Majestäten findet am Nachmittag desselben Tages statt. Das Königspaar wohnt dem Negattcnschluß der Kieler Woche bei und fährt am 3. Juli abends oder am 4. Juli ab, trifft am 5. Juli in Stockholm ein und reist am 7. Juli höchstwahrscheinlich von Kiel nach Italien zurück.

Metternich gestellt hatte, lautete kurz und bündig:Z'oast will i vom Napoleon d' Allianz z'ruckhaben, derweil kann i mi in alli Sattel rieften! Z'oast bringen's mi d' Allianz z'ruck!" Tiesen Auftrag hatte er erfüllt.

Seh. Hat Krüger über die deuische Sprache.

In seinem Handbuch der Kirchengeschichte für Studierende in Verbindung mit usw. herausgegeben von Gustav Krüger in Gießen verteidigt der Herausgeber in vortrefflichen Worten sein Streben nach einem reinen Deutsch. Er sagt: ,Lwei Aeuftrlichkeiten möchte ich nicht unerwähnt lassen, zumal sich Meinungsoerschteoen- beiten zwischen meinem Freunde P. und mir dahinter verbergen. Tie eine betrifft die Ausmerzung entbehrlicher Fremdwörter, lieber den Grad der Entbehrlichkeit gehen unsere Ansichten auseinander, und ich glaube nicht zu irren, wenn ich meine, daß sich die Mehrzahl der Herren Kollegen an den Universitäten zurzeit noch als meine Gegner bekennen werden. Darüber, daß wir unseren Stil nicht mehr mit Wortbildungen wie signifikant und perniziös verunzieren dürfen, sind wir wohl alle einig. Andererseits sagt schon Goethes Philine richtig, daß es für perfide kein deutsches Wort gibt. Unsere Gelehrten aber fühlen sich anscheinend nur glücklich, wenn sie ihren Stil mit recht vielen Fremdwörtern aus­staffieren und ihm so ein in ihren Augen gefälliges, in denen anderer^Menscheu gespreiztes Ansehen verleihen können. Freilich ist ein Fremdwort oft bequem, wie jeder erfahren kann, der sich beim Sprechen beobachtet. Aber Beguemlichkeit ist kein Rechtstttel. Ich 'glaube, daß wir das Kauderwelsch in unseren gelehrten Büchern zum guten Teil der Hasttgkeit verdanken, mit der oie Fevern arbeiten. Wer jedes Jahr ein halbes Dutzend Auffäft und dazu womöglich noch ein Buch auf den Markt wirft, muß ein Genie fein, unt^tadellos schreiben zu können; er hat die Zeit gar nicht, _ seine Sätze zu bedenken und sorgsam auszufeilen. Uebrigens sorgt dafür, daß das nicht geschehen kann, unser Te- peschenzeitalter ohnehin zur Genüge. Technische Ausdrücke wird eine wissenschaftliche Darstellung freilich nie entbehren können, und Kürze und,Knappheit des Ausdrucks mögen hierbei die Heran­ziehung fremdsprachlicher Bildungen oft unvermeidlich madten. (Soweit sie nämlich schon vorhanden und allgemein üblich sind; neue zu, schaffen, ist niemals nötig. Bei gutem Willen genügt die deutsche Sprache. Hg. i Aber warum soll ich Sukzession und Disziplin reden, wo doch Nachfolge auch der Apo st .! und Kirchen zuckt viel deutlichere und scftnere Bezeichnungen sind?"

Zu diesen schönen, beherzigenswerten Worten des.verausgebers sagt der betroffene Freund P.:Daß ick) dem Streben nach .Gleichförmigkeit im Aeußerlichen meine Sonderwünsche geopfert

Vie Unterredung von Dresden,

(26. Juni.)

Am 26. Juni 1813, mittags 12 Uhr, standen sich in einem kleinen, sonndurchfluteten Rokokozrmmer des Palastes Markottni in Dresden, hinter verschlossenen Türen zwei Männer in ernstem, lebhaftem Gespräch gegenüber. Hochaufgeschossen, eine stolze, statt- lieft Erscheinung in der reicftn Galauniform des öltcrrcmwcftn Ministers der eine, klein und untersetzt, in dem einfachen, gold­bestickten Grün des ftanzösisckstm Marschalls der andere: Metter­nich und Napoleon. Beide waren sich der weltgescknchtlichcn Be­deutung ihrer llnlcrrtinmg wohl bewußt. Heiter, als. ob nichts zwischen ihnen vorgefallen wäre, mit verbind!tcftm Lächeln, mit ehrerbietiger und doch selbstbewußter Grgcbcnftit, mtt vollendeter hofmänniscftr Gewandtheit, aber mit dem testen nmeren Ent­schluß, einen neuen, wenn möglich den letzten ?lft emes Welt­dramas einzuleiten, Ivar der österreichische Diplomat aus der alten habsburg-spanischen Schule dem kleinen, energneftn, tem­peramentvollen Korsen, dem Sch-wiegersohn sernes Kaisers,,gegcn- übergetreten. Napoleon empfing ihn mitten im Zimmer tteftni, den 'Degen an der Seite, den Hut unterm Arm, die Reckte auf einen kleinen, runden Tisch gestützt. Seine Haltung war gesucht, seine Fassung erkünstelt, fern Bleck düster, _dre Stimmung gewitterschwül. Metterni.ch 'fühlte, daß seine gro^ -^tumege­kommen war; er fühlte, daß er in diestnn Augenblick als Ver­treter der europäischen Gesellschaft, als Organisator des zulunstigen europäischen Staatenbildes auftrete.

Tie Unterredung hatte Schicksalsbedeutung. Krieg oder Frie­den^ hieß ihr Motto.Sic !vollen also den Krieg, gut, ric sollen ihn haben." Mit bieien Worten, die Metternich lojort ein Gefühl der Ueberlegenheit gaben, begrüßte Napoleon den schlauen DiplomatenTas Schicksal Europas und Ihre eigene Zulunff ruht in Ihren eigenen Händen," erwiderte er.Heute können Sie noch Frieden schließen, morgen dürste es zu |jmt icin. Cs brauchte eine große diplvmatiiche Dreistigkeit, Napoleon, der doch von allen Vorgängen zwischen Oesterreich und den Verbündeten genau unterrichtet war, mit dielen Worten unter die Augen zu treten. Ter Rückschlag blieb denn auch nickst au-. Osten heraus schleuderte er ihm ins Gesicht:Gestehen Sie mir zu: seitdem Oesterreich den Titel eines Vermittlers angenommen hat, ist.es nicht mehr- aus meiner Seite; .es ist nickst mehr uuparteistch es ist feindlich!" Napoleon mutzte zu gut, daß Metternich aus seiner Verlegenheit einen möglichst großen Vorteil zu ziehm suchte. Er erkannte, daß die große Frage jur Metternich darin

jum Schluß auf die Vcrmögonszuwachsstcuer, die jedenfalls einen ganz unleugbaren steuertechnisck-en Vorteil aufweist, nämlich, daß sie rund 100 Millionen Mark bringen wird.

Erfreulich ist es, daß man bei dieser Gelegenheit mit der Wertzuwachs steuer auf Grund st ücke aufge­räumt hat, denn dies seit frtvei Jahren geltende Gesetz hat die darauf gesellten finanziellen Hoffnungen in keiner Weise erfüllt, aber den soliden Gru n d stücks hau del und damit die Bautätigkeit sehr geschädigt. Ihr Fortbestehen neben der Vermögenszuwachssteuer Ijättc eine jeder steuerpolitischen Gerechtigkeit widersprechende Doppelbesteuerung bedeutet, und es ftit dal)er außerordentliches Erstaunen erregt, daß der Reichsschatzsekretär sich mit solcher Entschiedenheit gegen die mit 14 gegen 12 Stimmen beschlossene Aufhebung der Steuer gewehrt ftit. Im übrigen Ivar der Ausschuß nicht geneigt, den Protest des Schatzsekretärs allzu tragisch zu nehmen, und man zweifelt nicht daran, daß die verbündeten Regierungen dem Steuerkvnipromiß zustimmen werden, aus dem einfachen Grunde, weil ihnen nichts anderes übrig bleibt. Ob wirklich, tvie der Schatzsekretär behauptet, nach den jetzigen Beschlüssen 75 Millionen Mark an den ein­maligen und 20 Millionen Mark an den dauernden Ein­nahmen fehlen, ist durchaus nicht gewiß, denn die Berech­nungen der Regierung beruhen auf keineswegs sicheren Sckstitzungen, und im übrigen rann das vom Ausschuß grund­sätzlich gutgcheißene Erbrecht d e s S t a a t e s , dessen Er­ledigung man auf die Herbstsession verschoben har, die Grundlage zur Auffüllung etwaiger Süden geben. Jeden­falls ist nicht daran zu zweifeln, daß der Reichstag die Deckungsfrage auf Grund des Kompromisses schon in den nächsten Tagen erledigen und daß die Regierungmit einem heitern, einem nassen Ang " dazu Ja und Amen sagen wird.

Der Sieg -es Steuerkompromisses.

Der anfänglich so hitzige Kampf tim die Wehr- und Deckungsvvrlagen gelff im Automobiltempo seinem Ende entgegen. Der Reichstag hat am Dienstag die zweite Lesung der Wehrvorlage beendigt, und gleichzeitig schloß der Budgetausschuß die Beratung der Det- ku n g s v v r 1 a g e n ab. Was die vorn Plenum des Reichs­tags in zweiter Lesung angenommene Wehrvorlage be­trifft, so sind die Forderungen der Regierungsvorlage bis auf die drei heißumstrittenen, aber mit knapper Mehrheit gestrichenen, Kavallerieregimenter sämtlich bewilligt wor­den, so daß also die auf die Jahre 1913 bis 1915 verteilte Heeresverstärkung 3883 Offiziere, 15 017 Unteroffiziere, 116965 Manu und 27 418 Pferde beträgt. Die bisherige Friedenspräsenzstärke von 544 211 wird auf 659 563 Köpfe erhöht, und sie wird einschließlich der Marine (78846 Mann), der Offiziere, Unteroffiziere und Einjährig-Freiwilligen im Jnhrc 1915 920033 betragen. Die in der offiziösen Presse zum Ausdruck gebrachte Hoffnung, daß bei der dritten Lesung die Streichung der drei Kavallerieregimenter noch rückgängig gemacht werden könnte, ruht auf schwachen Füßen. In Wahrheit dürfte sich die Militärverwaltung bereits in das anscheinend Unabänderliche gefügt haben.

Roch weit schneller als Has Plenum bei der Wehrvor­lage hat der Budgetausschuß bei der Erledigung der De k- kungssrage gearbeitet, die durchweg auf Grund des zwischen den liberalen Parteien und dem Zentrum ver-, cinbarien Kompromisses gelöst wurde, zum Teil frei­lich nach dem bekannten Rezept des gordischen Knotens. Es liegt in der Natur des Kompromisses, daß keine Partei davon befriedigt ist, da jede Zugeständnisse machen mußte. Immerhin ist festzustellen, daß sowohl beim einmaligen Wehrbeitrag wie bei der Deckung der laufenden Ausgaben in der zweiten Lesung noch wesentliche Verbesserungen durchgesetzt worden sind. Dor allem ist es mit Befriedigung zu begrüßen, daß man den verunglückten OebanTen der Kapi­talisierung des Einkommens fallen ließ und an dessen Stelle eine Staffelung der Beiträge aus dem Einkommen gesetzt hat. Wenn der Ausschuß bei dem Wehrbeitrag wenig­stens den Grundgedanken des Regierungsentwurfs ange- nonnneu hatte, so ist bei dem Besitzsteuerentwurf das unterste zu oberst gekehrt worden. Im wörtlichsten Sinne des Wor­tes, denn während der schöne Gedanke der veredelten Ma- trikuiarbeiträge mit seltener und erfrischender Einmütig­keit ab gelehnt wurde, hat der Ausschuß die Vermögens- zu wachs st euer, die nur als Eveutualsteuer in Frage kommen sollte und mehr ein Schaustück darstellte, zum Rückgrat der Finanzreform gemacht.

Mau hat nicht ganz mit Unrecht gesagt, daß diese Steuer sich deshalb als Kompromißobjett eigne, weil sie keiner Partei gefalle, denn es konnte somit keine Partei bel)aupten, daß die andere ifyren Willen durchgesetzt habe. Es hat heute wenig Zweck, sich über die volkswirtschaftlichen Bedenken dieser Steuer auf denSpar- und Erwerbssinn" zu unterhalten, da sich eben keine andere Steuer gefun­den hat, für welckse eine Einigung der Parteien zu erzielen war und die zugleich die Zustimmung der verbündeten Re­gierungen fand. Diese hatten die Reichsvermögenssteuer runbtoeg abgelehnt, für die so ziemlich alle Parteien zu haben waren. Und wenn auch im Reichstag eine Mehrheit für die Reichserbschaftssteuer zu haben war, so wäre doch dabei das Schicksal der Wehrvorlage auf eine außerordentlich unsichere Grundlage gestellt worden. So einigte man sich

8IotL 163. Jahrgang Donnerstag, 26. Zuni 1913

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