Ausgabe 
28.8.1913 Zweites Blatt
 
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Nr. 201

Zweites Blatt

165. Jahrgang

Gießener Anzeiger

Grfryetnt täglich mit Ausnahme des Sonntags.

General-Anzeiger für Oberhessen

TwGieheaer $aeilitnbläher" werden dem »Aissrrqer^ Biennal wöchentlich beigelegt, da» Ereisblatt ffir den Kreis Sietzen" zweimal wöchentlich. TieLandwirtschaftlichen Seil- tragen" erscheinen monatlich zweimal.

Donnerstag, 28. Augvst 19(5

Rotationsdruck und Verlag der Brübl'schen Universität» - Buch- und Steindruckerei.

R. Lange, Gießer!.

Redaktion, Expedition und Dntckerei: Schul- straße 7. Expedition und Verlag:

Redaktion: ^^112. Tel.-Adr.:AnzeigerGießen.

Apolitische Cagcsfcbatt,

Neber den Wehrbeitrag der BuadeSiursten

wird derTägl. Rundschau" von unterrichteter Stelle ge­schrieben: Tic Aufstellung von Vermögensverzeichnissen für den kommenden Wehrder trag ist von den bundessürstlichcn Vermögensverwaltungen schon seit einiger Zeit in Angriff genommen. Ta die Bundes fürsten bisher weder Reich S- noch Staatssteuern bezahlt haben, so fehlt eine geeignete Unterlage für die Beurteilung des wehrsteuerpflichtigen Ber- möaens und es verursacht den verantwortlichen Leitern der fürstlichen Vermögen große Mühe, die Ziffern einwandfrei festzustellcn. Zn den Aussührungserlässcn des Bundesrats wird sich die Bestimmung finden, daß zur Entgegennahme der Wehrbeiträge der Bundessürsten die obersten Finanz- behörden der Bundesstaaten zuständig sind. Tiefen sind die Vermöqensbekenntnisse einzureichen. Nachdem aber die Bei­träge freiwilliger Natur find, so können für die Fürsten die gesetzlichen Ueberprüfungsmittel nicht in Anwerrdung foni­mm und wird eine Kontrolle nur dann stattfinden, wenn fte ausdrücklich verlangt wird Für die Feststellung des kaiserlichen Privatvcrmögens ist das königliche Hausmmi- fterium zuständig. Uebrigens dürften die Bundesfürsten von dem Recht, den Wehrbeitrag in drei iährlichen Teilzahlungen abzustatten, keinen Gebrauch machen, sondern ihren ge­samten Beitrag im Frühjahr 1914 bezahlen.

Postscheckgesetz, Telefonreform und Reichspostamt.

Tas Postscheckgesetz sollte bekanntlich schon am 1. April 1913 in Kraft treten, im Reichstage waren bei der Aus- fchußberalung aber bezüglich der neuen Gebührenordnung Schwierigkeiten entstanden, sodaß der Entwurf unerledigt blieb. Tas Reichspoftamt wird beim Wiederzusammentritt des Reichstags mit den Parteien auf Grund einer Bespre­chung, die kurz vor der Reichstagsvertagung stattgefnnden hatte, neue Verhandlungen anknüpfei^, um die Verabschie­dung des Entwurfes zu beschleunigen. In der angebeuteten Besprechung war eine Einigung zwischen dem Rcichspost- amt und den Fraktionen über die endgiltige Gestaltung des Postscheckgesetzes, im allgemeinen erfolgt. Die gesetzliche Re­gelung des Postschcckverkehrs soll zum 1. April 1914 er­folgen. -

Von der Vorlegung einer Telefon reforni will das Reichsposlamt vorläufig Abstand nehmen. Die frühere Vor­lage bat keine Aussicht auf Annahme int Reichstage, nach dem sic zweimal gescheitert ist. Es sind zwar andere Systeme, u a. auch das schwedische, im Reichspostamt für eine Reform der Telefongebührenordnung bearbeitet worden, diese Vorar­beiten sind aber eingestellt worden, weil sich diese Systeme für deutsche Verhältnisse als nicht brauchbar erwiesen. Es bleibt also vorläufig bei den alten Telefongebühren.

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Die Industrie und der Bund der Landwirte.

Aus der Tagung des Reichsdeutschen Mittelstandsver bandeS am letzten Sonntag in Leipzig ist, wie wir berich­teten, die angekündigtc Interessengemeinschaft zwischen be­stimmten Grupen des gewerblichen Mittelstandes, ferner dem Zentralverbande deutscher Industrieller und dem Bunde der Landwirte begründet worden. Dazu wird von der Geschäfts­führung des Bundes der Industriellen folgender Einspruch verbreitet:

Zunächst einiges zu der neuen Interessengemeinschaft zwischen dem Zcntralverl^nde dentsäu'r Industrieller und dem ioaenaiurtcn Reichsdeutschen Mütelstandsverband. Dieser Mittelstandsverband umfaßt diejenigen Gruppen des Handwerks und Kleinhandels, ivelche jederzeit nut besonders scharfen Forderungen gegenüber der Industrie und dem sogenannten ^Großkapital" hervorgetreten sind, so in Bezug aus das Submissionsweien. die Abgrenzung von Fabrik und Handwerk, die Innungspslicht der Industrie-

Spanische ttüstensahrt.

Valencia, int August.

Lieber als mich dem Unbehagen längerer Eisenbahnfahrten auszusetzen, ziehe ich es in Spanien vor, Neptuns Zorn zu tvoyen. Wo nur möglich, habe ich mich meinem Reiseziel stets zu Wasser genähert Es tarnen dabei fast immer das Eabo Sant Antonio und die E a st i l l e in Betracht: zwei Sckstne, die im Interesse von zwei miteinander wetteifernden Reedereien sämtliche spanisciie und sranzösisdre Häfen von Bilbao bis Marseille, Jahr aus Jahr ein hin junb her anlausen. Ich betrat fie immer wieder mit geteilten Gefühlen, aber im großen und ganzen habe ich beiden Schiften ein sreundliäies Angedenken bewahrt Nur ilmen verdanke ich cs, daß es mir vergönnt war, in das Wesen des spanischen Volkes einen tieferen Einblick zu gewinnen, als es mir je auf dem Festlande möglich gewesen wäre: und hier an Bord konnte ich mir die Miseren der untersten Volks- f(hieltenJn unmittelbarer Nähe ansehen. Zwischen hoben Bergen von Fässern, Häuten, Säcken voll von Tungmittcln, Pyramiden von Korkbolzringen, traf ich auf demEabo Sant Antonio^ immer wieder dieselbe bunte Gesellschaft: Dauern, Handwerker, Hirten, Zollwäckt r, blinde Rlapsoden, Zigeimer, Hühner, Hunde, Katzen, Ziegen, Melkkühe. Vierfüßler und Zweifüßler stbersckvvemmten Mv Verdeck wie ein alles niederreißender Girant, jeder Tarifunterschied war ausgehoben: wir, ein paar Passagiere sogenannter erster Klosse, Hanen keine andere Zuslucht als die Kommandobrücke: zuletzt mußten wir sogar unsere Mahlzeiten da oben einnebmen. Irgend ein Bandit oder Strolch übrigens die harmlosesten Leute fing an, wenn ihn die Lust dazu anwandelte, eine jener wehmütigen Melopeen, das Vermächtnis der Mairrc-i, zu summen, die übrigen fielen mit voller Stimme ein: im 9?u tanzte alles, die Hände rhmhmifck zusammen schlagend, wie besessen. Nachts schlief diese Unmenge von Mmschen und Tieren unter freiem Himmel, wie auf einem Schlachtfeld. Ich mußte die größte Vorsicht anivenden, um nicht über Leichen zu schreiten! Plötzlich erschollen die Angstrufe einer Mutter, die ihren Liebling schön im Magen irgend eines Seeungeheuers ge gebettet iräbnte: der Vermißte, em wandelndes Lumpenbündel. kam gähnend wieder zum Vorschein, eine rührende Diederbe gcgnung spielte sich ab heilige Stille sank wieder aufs Schift. ausS Meer.

Auf der Fahrt von Malaga nach Barcelona hatte ich das uvafelhafte Vergnügen, in einer wundervollen Herbstnackt eine Kajüte derEastilla" mit drei Musen söhnen zu teilen. Ihr Er­staunen nur anzudeuten, als ich Miene machte, das elektrische Licht auszudrehen, ja, sogar die Luke zu öftnen, um etwas Luft cinzulassen, bin ich außerstande. Am Morgen tröstete mich meine Reisegefährtin mit dem Bericht, was für eine qualvolle Nackt

betriebe, die Heranziehung der Industrie zu den AuSbildungs- kosten der HandwertLlehrlmge ufw Son den bekannten Angriffen betriebe, Großkapital und Kapitalismus" iwr auch der Leipziger Mitielstandstag mit den Reden der Herren Eberle, Friticke und Fahrenbach erfüllt. Es wird interessant sein zu beobackuen, wie sich die neue Interessengemeinickaft zwiicken diesen idtarfen Gegnern des Großkapitalismus und dem Zenlraloerband deutickcr Industrieller gestalten wird, der doch gerade sehr her­vorragend« Vertreter des industriellen, syndizierten Großkapitals, wie das Kohleninndikat und den Stahlwcrksverband, zu seinen Mitgliedern zählt Wenn bei dieser Tagung die Rede von einem Zusammengehen von Industrie und Landwirtschaft gewesen ist, io ,lt zunächst festzustellen, daß es sich in der Leipziger Versamm lung keineswegs um Vertreter der Gesamtheit der beiderseitigen Interessen gehandelt Hot. Weite Kreise der deutschen Industrie haben bisher in der Politik des Bundes der Landwirte, soweit sie bereits von Erfolg gewesen ist, und in den Forderungen, die der Build der Landwirte rur die Zukunft aufstellt, eine idm>ere Schädigung und Gefährdung industrieller Interessen erblicken müssen. Nach der sür die Industrie überaus schädlichen Finanz» resorm des Jahres 1909 hatten weite Kreise der beutfdxn In­dustrie gerade gegenüber dem Bunde der Landwirte einen festen Zusammenschluß von Industrie, Handel und Gewerbe im Hansa- Bunde sür notwendig eradstet, und sie sahen in diesem einigen Zu­sammenschluß ein Mittel, den notwendigen größern Einfluß am die Gesetzgebung auch sür die Industrie zu erlangen Leider ist es damals der Zentralverband deutscher Industrieller gewesen, welcher burd, seine Abkehr vom Hansa-Bund den notwendigen Zu sammenschluß durchbrach. In der letzten Zeit waren Hoffnungen laut geworden, daß auch die im Zentralverbande vertretene schwere Industrie erneut ihren Anschluß an die verwandten Organisationen der übrigen Industrie und des Handels finden werde Tie Hosf- nungen erscheinen nunmehr zunichte gemacht, da her Zentral verband deutscher Industrieller gerade den entgegengesetzten Weg einscklägt und in eine Intercslengerneinschaft mit dein Bunde der Landwirte,, der radikalsten Vertretung rein agrarischer In­teressen, eintritt.

Radi dieser Kundgebung wird w^hl auch der Zentral- vcrband sich öffentlich äußern.

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Verabschiedete Offiziere als Kaufleute.

Ter Vorgänger des jetzigen Kriegsministers v. Falkcn- hayn, General v. Heeringen, hatte an die.Handelskammern ein Rundschreiben gerichtet, in dem er um möglichst weit­gehende Berücksichtigung verabschiedeter Offiziere bei der Be­setzung leitender kaufmännischer und industrieller Stellungen bat. Diese Anregung hatte, wie gemeldet, in kaufmännischen Kreisen, besonders in denen der.Handelsangestellten, wenig Anklang und vielfachen Widerspruch gefunden. Auch die Soziale Arbeitsgemeinschaft der kaufmännischen Angestell­ten", die in Leipzig ihren Sitz hat, hatte sich dagegen mit einer Eingabe an das Kriegsministerium gewandt, auf die nunmehr ein Bescheid ergangen ist, in dem es u. a. heißt:

Die Zahl der Dcrabfdyiebctcn Offiziere ist im Verlxiltnis zur Zahl der im Handel, in der Industie und im Bankfad) vor­handenen Stellen nur gering. Bedenkt man außerdem, daß von diesen Oftizieren ein großer Teil im Staats- und Kommunaldienst Anstellung finbet, daß ein anderer, vielleicht noch größerer Teil auf Anstellung weder im Staats- und Gcmeindedienst, noch im Privatdienst überhaupt Anspruch macht, so ergibt sich ein solches Verhältnis der beiden Zahlen, daß meiner Ueberzegung nach von einer merkbaren Herabminderung der Aussicht der von Anfang an in diesen Betrieben tätigen Angestellten auf Erlangung besserer Stellungen weder jetzt nod) in Zukunft wird gesprochen werden können. Die in jüngerm Lebensalter und also meist ohne lebens­längliche Pension ausscheidenden Offiziere müssen hier m. E. überhaupt außer Betracht bleiben, denn es ist ganz selbstverständ­lich, das; diese in jedem von ihnen nad) der Verabschiedung ge­wählten Berus wie alle andern von der Pike aus beginnen müssen. Ein weiterer Grund, der die kundgcbenden Besorgnisse als zu weitgehend erscheinen läßt, liegt darin, daß die verabschie- detcn Osftzierc sicher nur bann in leitenden Stellungen Verwen­dung finden werden, wenn sie sich für solche Stellungen eignen. Gerade dem frühem Cffijier stellen sich in seinem Streben, vor­wärts zu kommen, ganz besondere Hindernisse in den Weg, zumal, sie mit vier Tarnen ein und derselben Familie im Tarnen» quartier verbracht habe. Auf der schon achttägigen Fnhrt tvar die Lute kein einziges Mal geöffnet, das einzige vorhandene Handtuch nod) nie gcwedn'elt worden die Luft geschwängert von allerlei Parfüms und Ausdünstungen. In keinem der vielen Zwisdrenhäfen wagten sich die Schönen aus Angst, die Mahlzeiten zu versäumen, ans Land; die Zeit brachten sie mit der Pflege ihrer leuchtenden Mähnen,das einzige, worauf sie mit Recht stolz sind, Plaudern, Schmökern, Knabbern fron Süßigkeiten zu rin wandernder Harem!

Dir hatten zeitweise sogar rin paar Offizierdamcn an Bord: ganz einwandfrei und appetitlich, solange sie ausgetakelt auf dem Verdeck paradierten, aber der Zauber zerfloß ganz, sobald sie sich etwas gehen ließen.

Ter Kapitän, der sich wohl selbst für seine nächsten Unter- gcbcncrt ^rür zu gut hielt, nahm die Mahlzeiten allein in seiner Kajüte. Ter erste und zweite Offizier, ausgezeichnete, überarbeitete Lasttiere, herzlich und gutmütig, aber außerstande, mir rin Wort über etwas anderes als ihren harten Beruf zu reden. Ter ge­wichtige Steward, Ton P^ro . . de Eastilla ein komischer Kauz. Er tat zwar seine Schuldigkeit, aber mit einer so sauer­süßen Miene, daß er das Geschick immer wieder zu fragen schien: Mußtest du denn gerade mich zum Steward an Bord dcrCa­stilla" erwählen? Ter Abstand zwischen diesen einheimischen Schiften und denen z. B. der Hamburger Reederei Sloman, die mit Waren und einigen Passagieren dieselbe Strecke befahren, ist derselbe wie zwischen deutscher und spanischer Kultur.

An Bord desCabo Sant Antonio" hätten wir um ein Haar Sckifsbruch gelitten. Aus klarstem Himmel fiel vlö&lid) ein w undurchdringlicher Nebel, daß wir uns stundenlang nur durch unablässiges ängstliches Tuten unterer Sirenen vor bösen Zu fammenltvtzen in dem sehr belebten Fahrwasser schützen konnten das Antwortruten anderer besorgter Schiffe, das Lauten der Glocken von Malaga drang besorgniserregend klar bis zu uns sehen konnten wir aber nichts plötzlich teilte sich der Nebel' und wir iahen buht vor uns die offenen Anlagen rtm Malaga aunaucken: Die täonntagStmmmler, erstaunt über diesen uner- nxrrtetcn Anblick, blieben bewundernd stehen. Ter Führer eines murerbcotes, das an uns vorbeischoß, rief unserem Kapitän zu- Para, aue fr merbes! Halt' an du läufst ins Verderben' An dem ^ag gelangten wir nicht mehr nach 'Maga. Wir mußten uns begnügen, im äußeren Haien vor Anker zu gehen. Nie ward an Hrid.w ubenckwenglick gefeiert, wie Kapitän Sanchez für tne glücklich überstandene Gefahr! In der Wirklichkeit verlief all dies nicht so glatt wie hier auf dem Papier, aber unge- lchehen möchte ich es doch nicht machen! E. Gagliardi.

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da er in Wettbewerb mit Männern treten muß, die dem Beruf seit langen Jahren angehören. Tic Bewerber aus alle Schwic- rigleiten hinzmvrisen, ilmen die AiiForderungen, die ihrer warten, ausrinanderzusetzen, ihnen aber auck nad) MöglidFeit die Wege zu zeigen, aui denen sie ihr Ziel vichadn erreichen, ist als die weitere Ausgabe der Auskunftsstelle in XusfidH genommen, die keineswegs als Vermittlungsstelle int gewödUicben 2innc gedacht ist. Es ivar der HauptzN'eck dcS au die Hrnbclsdamnier ge­richteten Sdweibens, Unterlagen zu erbahcn, um ihr diese Aus­gabe zu erlridüern. Tie eigenartigen VerIxilmisse des Soldaten- beruss zwingen vielfach auch besonders tüchtige und scvafsens- freudige Männer oft wegen bestimmter, in anderen BerusS- zwrigen gar nicht zur Geltung kommender Mängel 'insbesondere icher "Jirt _ ben Beruf ohne auSkömmlickre Pension in einem Alter auizugeben, in dem die Angehörigen anderer Be­rufe mitten in der besten Tätigkeit stellen. Deswegen halte auch ick es gleich meinem Herrn Vorgänger für eine ernste Pflidit des Kriegsministerium», uad) Kräften da'ür zu sorgen, daß die hierin liegende Hörte gemildert wird und daß zu diesem Zwecke alle sich bietenden Möglidikriten ausgenutzt werden. and> wenn jede einzelne nur einet geringen Anzahl von Offizieren zu weiterer Betätigung Gelegenheit bieten sollte. Und wie id) sicher bin, daß bas tiricgsminutcrium in diesem Bestreben von weiten Kreisen. deS Volkes unterstützt werden wird, so würde es mir bei der Bedeutung dersozialen Arbeitsgemeinsdiaft" eine besondere Freude sein, wenn auch diese sich entfdjlichcn könnte, ihre Bedenken beiseite zu lassen und unter ihren Mitgliedern im Sinne obiger Aus­führungen aufklärend zu wirken, v. Falkenl)al)N.

»

Die gesetzliche Abgrenzung von Fabrik und Handwerk soll, so wird uns aus Berlin geschrieben, durch eine Novelle zur Gewerbeordnung fcftgclcgt werden. Die dementsprechen­den Vorschläge der Regierung werden deninächst den Interes­senten vorgclegt werden, sie bauen sicki auf die kürzlich veran­stalteten Besprechungen im Reichsamt des Innern auf. Auch die Stellung des Handwerks im Handelsregister wird gesetz­lich geregelt und der § 1009 der Gewerbeordnung dahin ab- geänbert, daß den Innungen bei Preisfestsetzungen die Fest­setzung von Mindestpreisen zugestanden wird.

Die Einweihung der Gieftener Hütte.

Gmünd in Kärnten, 25. August.

lieber der feierlichen Eröffnung dcr Gießener Hütte aus dem Gößbichl, er nnr gestrigen Sonntag erfolgte, waltete ein glüd lidxv Stern Schon am Freitag nahm man bie Anzeichen einer Besserung des in diesem Sommer andauernd schledsten Wetters wahr, und am Samstag und Sonntag strahlte denn and) der Himmel in wolkenloser Bläue.

Die Mitglieder bet Sektion Gießen, die an dem Feste teilnahmen, hatten sich schon in den Vortagen, teils von Gmünd burd) den Gößgrabcn. teils von Mallwitz über die Dössener SchiNte.komm lefunden. Einige verbanden die? Wanderung mit einer Besteigung des Säulecks, eines der schönsten Gipfel in unmittelbarer Nähe der Hütte.

In der Hütte selbst gab es noch mannigfache Arbeit. Die Inneneinrichlung mnrjiod) nickt gan; vollendet. Täglich kamen die schwer bepackten Träger sie trugen schier unglaubliche Lasten, bis zu 160 Pfund den überaus steilen, steinigen Pfad von der unteren Kohlmanralrn Höl-enuntcrsdned 1100 Meter herauf und brachten die letzten Bänke, Stühle, Betten. Matratzen, Bilder und andere Gegenstände, die von den anwesenden Mit­gliedern in Empfang genommen und an ihre Plätze brioi-bcrt wurden. So wurde es möglich, den Festteilnehmeru den Ban in fast vollendeter Ausstattung zu srigen. Er fand ungeteiltes Lob. Bon allen Seiten hörte man freiwillige Worte der Anerkennung, denen man es an merkte, daß sie aus dem Herzen kamen. Viele, die schon Jahrzehnte lang das Hochgebirge durchstreifen, behaup­teten, noch nirgends rin so schmuckes, gemütliches Alpenlfeim ge­funden zu haben.

Schon im Lause des Samstags kamen mehrere Vertreter der Schwesterscktionen, ebenfalls über das Säulcck kom­mend, an, so daß die Hütte vom Samstag auf Sonntag bi* ;um letzten Matratzcnlager belegt war. Besonders zahlreich erschienen drc Herren von der Sektion Hannover unter Führung ihres verdienstvollen Vorsitzenden, des Geheimen Regierungc-ratcs Prof, -ir. Arnold, in dessen Gesellschaft wir einen vergnügten Abend im gemütlichen Erkerzimmerchen verleben durften.

Tic Kartause der Schauspieler. Aus wird berichtet: Zwei Monate beinahe sind nun schon verstrichen, inrbem in dem bescheidenen Bahnhof von La Ferte-sous-T umrrc eine Gruppe von Bühnenkünstlern- und Künstlerinnen aussttegen und ohne sich aufzuhalten, zu dem kleinen Weiler L i m o n hin­auf, chritten, fron wu nod) heute kein einziger dieser Schar zurück- g,'lehrt ist. Tort oben, zwischen malerisdvn Häuschen inmitten eines großen schattigen Gattens lebt dieses Dühnenvolkchen in wunderlicher Eintracht: man sieht cs im Gatten einhenvradeln, miteinander beraten, memorieren, sieht cs in den Ni schm her Laubengänge einander klaftische Meisterwerke der Tich'knnst fror» lescn: und nur hin und wieder sielst man diese friedlichen Grup­pen zusammen,tränten, auf einem ,Rasen beieinander stehen und die ländlich stille Einfachheit des Milieus durch einzelne Gesten und Stellungen durchbrechen, die an Bühnenproben ge­mahnen. Was ist das Ziel dieser Künstlerichar, die erst nad) einem hirrmonalhrf>cn Aufenthalt in stiller ländlicher Ab- gc,d)iedenh7it nach Paris zurückkehren will? Die sich dort oraußen zu einem neuen künstlerischen Eroberungszuge rüsten, sind die rünmgen Mitftrriter^acques Eopeaus, des feinsinnigen und emhunastiichen Begründers und Herausgebers der Nou- velle Revue Fran«xnfe", der sich das Ziel gesetzt hat, in rinem eigenartigen neuen Tbeateruntemcf?men, das am 15. CPtober als das Tbeafre du Vieux-Colombiw srinc Pforten ö»'''nen wird, der dramattichen Kunst ihre wirklich,e Würde wiederzugeben und dem Theater bxt Zuneigung des besten Publikums zi'rüd,u- erobern.' Eingeweihte fprecden bereits von einem neuenTh-'ätre hbre , fron einer neuen BühncnrinrichNing, die rc:e einstmals Antvmc das französische Theaterwesen glücklich beeinflussen roerix-- und bock und jn der Tat die Ziele, die der von cnthusiasttsck>em ^dealismus^erfüllte Leiter sich für die ersten Monate gesctzi bat- Molrsre, Ll/akespeare, Müsset. Ten ersten Beweis für seine ideale Betrachtung feiner Aufgabe hat aber Eoreau bereits er­bracht: mit dieser sommerlichenKartause der Schauspieler" in dem lieblichen Simon. 9richl nur aus der Bühne, bet den er,'ten Proben, sollten die künftigen Kamp'genvs'en sich kennen lernen, rin enger menfchlicher Kontakt zwischen allen, die an dem Werke nritarbriten wollen, wllte vorausgehen. Und der neue idealistische Direktor tat, was jeder Geschäftsmann ihm als ein Verbrechen anrechnen würde: er engagierte ,'rine Künstler und Künsttermnen bereits vom 1. Juli ab, zahlt ihnen volle Gagen unb ;og mit ihnen hinaus nad) Limon in bie Natur, wo fern von c-em hastigen Theatergetriebe der Großstadt alle im gegenseitigen Verkehr mit Muße beginnen [offen, sich gemeinsam für die bald beginnende Arbeit frorzuberriten. Und so entstano durch diesen neuen Theater- btreftor, der mehr Mäcen als Geschäftsmann zu sein scheint, die Kartaufe der Schauspieler.