Nr. 2\ Erstes Blatt 165. Jahrgang Samstag, 25. Januar 1915
Der Eichener Anzeiger J1HD ® O BezuqSvret»:
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wirtschaftliche Zeitfragen W g» B HF Hf NP ▼ B8 ▼ _ M Lhesredakteur: A Goetz.
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für die Redaktion 112, politischen Teil: August
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Die heutige Nummer umfaßt 20 Seiten.
politische Wochenschau.
Gießen, 25. Januar^
Der Reichs tag hat einige Tage der Kleinarbeit «gewidmet, intb der Voranschlag des Reichsamts des Innern umfaßt ein sehr ausgedehntes Territorium. Es lönnen da bei den einzelnen „Positionen" soKnsagen nur Kostproben genommen werden, und man kann nur wünschen, daß die etwas schwerfällige Kutsche mit den Abgeordneten nicht an jeder kleinen Herberge Halt macht, um den Gaumen zu netzen und Rhetorik zu üben. Als Kleinschlag, der von der Regierung verwendet werden soll, bleibt eine schier- endlose Reihe von Entschließungen am Wege liegen, aber der Staatssekretär Dr. Delbrück kann doch eine ganze An- zahl nützlicher Anregungen daraus entnehmen. Eine für die Allgemeinheit interessante Besprechung gab es bei dem Abschnitt Zentralstelle für Volkswohlsahrt, der einen so bedeutungsvollen Namen trägt und doch nur einen Reichszuschuß von nicht mehr als 12 500 Mark erfordert. Gleichwohl wollten die Sozialdemokraten den Posten streichen. 'Alle andern Parteien stimmten dafür. Die Genossen wollen in der Zentralstelle keine antirevolutionären Getränke verabreicht haben; namentlich hüben sie in der nationalen Jugendpflege ein .Haar gefunden, und die „Jugendwehr" wurde von ihnen als Albernheit bezeichnet. Nun ist in der besagten Zentralstelle wirklich nicht das Generalstabsburcau der Jugendwehr enthalten, aber man kann es den Genossen nachfühlen, daß sie dieser ihr so unerwünschten Einrich'- tung bei dieser Gelegenheit eins versetzen wollten. Der Hieb traf aber nicht. Zwar wird mit Recht an einer gewissen Art von Soldatenspielerei Anstoß genommen — man soll die jungen Herzen mit diesen Freuden unter sich Meine lassen —, aber der frische Sinn am Tummeln im Freien, an Orientierung bei Märschen durch die Natur, er gereicht nicht nur der Jugend zur frohen, gesunden Unterhaltung und Beschäftigung in freien Stunden, sondern, erweckt auch einen dem Volke später nützlich werdenden Geist. Ist etwa die Kindheit, wie sie im „Simplizissimus" oft nrit bitteren Glossen dargestellt wird, konservierungs- bedürftig, und ist den kleinen Söhnen des Proletariats das stöhliche, das Zusammengehörigkeitsgefühl stärkende Treiben in Wald und Feld nicht zu gönnen? Dia Sozial- d-'mokratie widerstrebt nur dein indirekt und allmählich sich geltend machenden politischen Einschlag, der Erziehung zu national empfindenden Gemütern. Sie will Pessimisten und Unzufriedene großziehen. Die Einmütigkeit, mit der alle Parteien der sozialdemokratischen Kritik begegneten, war eine erfreuliche Stunde der Verhandlungen.
Im Budgetausschuß wurde ein verwandtes Gebiet berührt, und der Staatssekretär Dr. Delbrück hatte auch hier Gelegenheit, Wünsche entgegenzunehmen und Ziele abzustecken. Die Frage der Wohnungsreform und eines Reichswohnungsgesetzes wurde geklärt, allerdings nicht ganz im Sinne eifriger und optimistischer Sozialpolitiker. Die Wohnungsfrage ist zweifellos eines der wichtigsten sozialen Probleme, und von seiner Lösung hängen so manche bedeutungsvollen Unterfragen ab. Das gesetzliche Problem ist aber auch einZ der schwierigsten. Der Staatssekretär verkündete, daß eine reichsgesetzliche Regelung vorerst aussichtslos erscheine, bewegte sich dann aber in einem auffallenden Widerspruch, als er später, anscheinend im Unmute, hinzufügte, wenn Preußen nicht bis zum Herbst dieses Jahres einen Wohnungsgesetz entwarf vorlege, so werde er sich dafür einsetzen, daß das Reich einen Gesetz?- enkwurf vorbereite. So geht es also doch, wenn man nur will. Freilich tvird das Reich nur in großen Zügen für das Wohnungswesen sorgen können und die Einzelfürsorge
den Gemeinden und Bundesstaate:: überlassen müssen. Demgemäß nahm der Ausschuß Anträge an, die Darlehens^ summe des Reiches für den Kleinwohnnngsbau zu erhöhen und eine Vorlage zu fordern, wonach das Reich einen Betrag einstellen soll für Bürgschaften zu zweiten Hypotheken bei bestimmten Fällen des Kleituvohnnngsbaues. Die Bürgschaf kAgewährung soll in Verbllrdung mit den einzelstaat- lichen Regierungen erfolgen. Der Staatssekretär Dr. Delbrück stellte den Vorschlägen schließlich seine Unterstützung in Aussicht.
Nun stecken die Londoner und andere Diplomaten die Köpfe zusammen und wundern sich, daß der Lauf der Dinge in der Türkei nicht nach ihren: Wunsche gegangen ist. Aber man erkenitt auch, auf welich haltloser Grundlage die Beschlüsse der Großmächte aufgebaut waren. Mühsam hatte man sich zu der einen Maßregel auf den: Papier geeinigt; nun aber dieser Umschwung in der türkischen Hauptstadt emgetrctei: ist, zeigt sich, wie toeit es mit der Einigkeit und Entschlossenheit her ist. Und doch hätte man mit dieser Wendung rechnen und eine Einigung für weitere Sck)ritte in diesem Falle schon in der Tasche haben müssen. In Petersburg wartet man ab; man hofft, den mit dem Speichel der Schlange bedeckten Bissen später i:: aller Ruhe genießen zu können. Natürlich ist die allgemeine Stimmung im Auslande für die Tat des türkischen Freiheitshelden nicht gerade günstig. Ihn: fehlt noch die Gewähr des Erfolges; bleibt dem neu gebildeten Kabinett die Glücksgöttin hold, dann wird man in London, Paris und Rom Bewunderung zollen, wo man jetzt noch die Stirn runzelt. England sieht Kiamil, sein altes Werkzeug, tvieder zur Machtlosigkeit verdammt; Rußland hofft aus die Ver- größerung der Chancen des Balkanbundes und seiner eigenen, und Frankreich folgt ihm auf seinen Wegen aus Deutschenhaß getreulich nach. Die redselige Pariser Presse hält denn auch schon von Ratschlägen in diesem Sinne nick)t zurück. Aber der Erfolg wird »lll'in entscheiden. Das Vertrauen in die weitere türkische Widerstairdssähigkeit ist überall sehr schwach. Wenn sich die Mächte mit einer abwartenden Haltung begnügen, wollen wir es der deutschen Regierung nicht verdenken, wem: auch sie den Ereignissen der nächsten Tage zusieht. Etwas anderes aber ist es, wenn ein Blatt wie die „Kreuzztg." heute schreibt: „Vom Standpunkte der europäische:: Politik aus ist dieser türkische Staatsstreich ein furchtbares, ein verdammenswertes Verbrechen!" Fehlt denn dem Blatte gca:z die Einsicht, daß gerade diese europäische Politik alle Gesichtspunkte des Rechtes und der Gerechtigkeit ausgeschaltet hatte? Und denkt die patriotische „Kreuzztg." nicht an die Freiheitskriege vor hundert Jahren, wo doch ein ähnlicher VerzweiflungZkampf geführt wurde, wie ihn heute die Jungtürken vielleicht beginnen werden? Es wird sich zeigen, ob „Europa" Anlaß hat, das „Verbrechen" zu brandmarken. Deutschland hat nicht den geringsten Grund, den Konstantinopeler Uiw- schwung zu bejammern. In diesem Falle gefällt uns beinahe die Rolle des „Vorwärts" noch besser als die des konservativen Blattes. Der „Vorwärts" beschwört Europa, in: Interesse des Friedens gegen die Türkei einzuschreiten. Bilder aus der verkehrten Welt! Sozialdemokraten verurteilen die Revolution! Aber der „Vorwärts" vertritt doch wenigstens gewohnheitsmäßig and) hier die „internationalen" Rechte, während die „Kreuzztg." den Heldenmut verzweifelter Nationalhelden mit dem europäischen Scheidewasser prüft! Ob ihr später nock) die bessere Ueber- legung kommt?
Der junglurkische Napoleon.
Man schreibt uns aus Berliner politischen Kreisen:
Enver Bei, der Umstürzler, dessen 9lame infolge der Konstantinopeler Militärrevolution wieder in aller Munde
lebt, ist in der deutschen Reichshauptstadt kein Fremder. Man kennt in Berlin durch persönliche Bekanntschaft und insbesondere durch zahlreiche Briefe Envers seinen Lebenslauf und seinen Charakter sehr genau. Enver wurde, wie seine hiesigen Freunde wissen — es klingt für europäische Begriffe schier unglaublich —, von einem 18jährigen Vater in die Welt gesetzt und von einer 12jährigen Mutter geboren. Er kam, noch nicht vier Jahre alt, in die Schule und war vor den: 18. Lebensjahre Offizier. Sieben Jahre lang lag er in Albanien im Kampf mit mazedonischen Banden und Nacht für Nacht am Lagerfeuer.
Aus der atoanifdjen Wildnis heraus trat der junge Enver Bei mitten in die europäische Zivilisation. Er bewegte sich in Berlin als Militärattache der hiesigen türki- schen Botschaft und als persönlicher Freund des Generalfeldmarschalls v. d. Goltz mit natürlichem Takt und Feingefühl. Er zeigt sich als vollendeter Gentleman, ohne jedoch die europäische Kultur zu billigen oder gar zu lieben. Wenn er mit Bekannten in: Theater saß, schüttelte er traurig den Kops und meinte: „Ein Elend, daß das da aud) einmal zu uns kommen wird; aber es muß kommen, es gibt kein Mittel dagegen." Enver Bei verriet zwar den modernen aufgeklärten Türken, aber er hielt an alten Bräuchen fest, mehr aus Trad'tiousliebe, als aus Ucberzeugung. Er verschmähte den deutschen Wein und das deutsche Bier und befolgte die Vorschriften des Korans. Sein Steckenpferd, seine immer wiederkehrende Unterhaltung waren Fälle aus der Kriegsgeschichte. Einer seiner Berliner Bekannten erzählt von ihm: „Einerlei, ob das Gespräch auf eine Schlacht Moltkes, Friedrichs oder des Connetable von Bourbon kam, Enver wußte genau und richtig bis ins lleinste, wie sie entschieden ward!" Ohne blank zu ziehen, 6?gab er sich in der ersten Revolution zu Stambul 1908 in die Kaserne eines meuternden Regiments, gab nur mit Hand und Auge:: den Befehl zum Einstellen des Feuers, und die Soldaten beugten sich nach kurzem Wortwechsel seinem Willen.
Enver Beys Heldentaten in der Cyrenaika finfr bekannt. Der Sultan, dessen Nichte Radijie Enver Bey 1911 vor der Mreise nach dem Kriegsschauplatz in Tripolis zur Frau erhalten hatte, erkannte die aufsteigende Bedeutung des jungen Offiziers durchaus richtig, indem er ihn zum Wall von Benghasi einfetzte und ihm im April 1912 den Pascha-Titel verlieh. Enver Bey unterzeichnete seine Briefe, als er vor den Wällen von Dema kämpfte, stolz als „Mutessarif von Benghasi".
Als Enver in der Tschataldschalinie erschien, erhob sich ein einziger Jubelschrei. „Heil dir, Enver! Führe du uns zum Siege! Mit dir werden wir siegen!" Sv brausten die 9h:fe der Begeisterung aus den Reihen der Soldaten. Die kommandierenden Generale eilten nach Konstantinopel und legten dem Kabinett ganz ernsthaft die Frage vor, ob sie Enver verhaften sollten. Man wagte es nicht angesichts der begeisterten Armee. Erinnert das alles nicht an napoleonische Taten und Schicksale? Man meinte seinerzeit, Enver Bey sei keine Bonapartennatur, als er 1908 nach der ersten Revolution ins Ausland ging, obwohl Tausende ihm den Mantel des Kalifen boten. Enver Bey wußte, was er tat. Er wollte auf der Stufenleiter der militärischen Macht und Beliebtheit steigen und hat es erreicht.
Das neue türkische Kabinett.
Konstantinopel, 24. Jan. (Vormittags 10 Uhr.) Die Liste de s neuen K ab in e 11 s, die in der Nacht dem Sultan vorgelegt worden ist, ist folgende: Großwesirrat und Krieg Mahmud Schefket, Präsidium des Staatsrates Prinz Said Halim, Inneres Hadji Adil. Interimistisch übernehmen das Aeußere der frül)ere Gesandte in Athen Mükh- tar, die Marine Mahmud Pascha, Justiz der frühere Mali
Gicszener StaStttycatcr»
Hinter Mauern.
Schauspiel von Henri N a t h a n s e n.
Gießen, den 25. Januar.
Die Gegenüberstellung zweier verschiedener Weltanschauungen bietet allemal starte dramatische Konflikte, und seit Schillerst Kabale und Liebe haben sick) die Theaterdichter immer wieder mit diesem Kampf zweier Welten beschäftigt. Nathansen greift nun in 'feinem Schauspiel Hinter Mauern, das gestern hier seine erste Auf- iührung erlebte, das Rassenproblem auf, inden: er eine jüdische und eine christliche Familie gegeneinander ausspielt. Ter alte Bankier Levin hat sick) und sein Haus in strenger Abgeschlossenheit von den Christen gehalten und treu in den alten Gebräuchen and den alten Anschauungen dahin gelebt. Er hat es zwar nicht verhindern Tonnen, daß sein ältester Sohn im' Stillen einer weitherzigen Weltbetrachtung huldigt und nad) einem großer: und ireien Menschentum strebt, aber er hat es dock) verstanden, sein öcnrs als Mittelpunkt seiner Familie zu erhalten, in der seinem Willen unbedingter Gehorsam bezeigt wird. Ta bringt ihm die Tochter, die sick) heraussehnt aus der Enge ihres Heimes, eilten christlichen Bräutigam, der: Sohn seines Todfeindes Her- ining. Nad) langem Kampfe gibt er seine 'Einwilligung — aber in dem Augenblick, da sich sein Kind lossagen soll, von allem, was er sie als heilig zu verehren gelehrt hat, da versagt ihm die Kraft, und aud) das Mädchen fühlt mit Schrecken, daß es hinter Mauern aufgewachsen ist und sick) nidjt aus dem Mutterboden losreißen lann. In einer kurzen Aussprache findet sich das junge Paar aber dock) zusammen — in reiner Menschlichkeit Vollen sie miteinander leben, eins das andere verstehen lernen unb sick) gegenseitig helfen, die Kluft zu überbrücken.
Nathansen hat hier zwei Probleme verquickt, das religiöse and das der Rasse — und wenn er auch im dritten Auszuge sehr iein über die Rassengegensätze plaudert, die Lösung des Kon- iliktes stützt sick) auf das religiöse Prinzip, und der ganze Bor- Vurf hätte also ebensogut zwisck)en einer streng katholischen und einer protestantischen Familie spielen können. Audi hier wäre dann der rein menschliche Standpunkt als der einzige Ausgleich gefunden Vörden. Diese reine MensdKichkei.t ist die Idee und der Kern des Stückes, das eine starke dichterische Kraft offenbart, sich aber zu sehr in die Breite verliert — hier müßte der Re-
,, mit ein paar starken Strichen nad)helfen, selbst wenn
dabei einige der hübschen Familiengruppen geopfert werden müßten. So ist z. B. ein C-ssen doch nidst interessant genug, um fast einen ganzen Aufzug lang vorgesührt zu werden — und eine schärfere Zusammenfassung der Geschchnisse würde der Aufführung von erheblichem Vorteil sein. Die Charakterzeichnung ist im ganzen sehr anerkennenswert, aber mitunter fehlten die Mitteltöne, besonders bei bem Privatdozenten, der sehr wenig psydiologisch vertieft ist. dlber all dies und aud) der sentimentale Einschlag können die starke Theaterwirküng des Stückes nicht beeinträck)- tigen, unb bie Kritik muß freudig anerkennen, daß hier ein ehrlicher Dichter ein gutes Werk geschaffen hat, das auch rein literarisch betrachtet seine großen Werte birgt.
Die Ausführung, die Herr Dworkowsk: leitete, zeigte überall die Hand eines tüchtigen, feinfühligen Regisseurs, der die Absichten des Ticksters aufs glücklickstte verwirklichte und Bühnenbilder von großem Reiz geschasfei: hatte. Auck) die Leistungen der einzelnen Darsteller waren sehr anerkennenswert. Den alten Bankier Levin spielte Herr D wo r k o w s ki mit stiller, innerlicher Kraft, festgefügt in sich, und mit einem guten und starken Temperament. Seiner Fran gab Fräulein Scholz eine besorgte, innige Mütterlichkeit, eine so liebe, schöne Zartheit, daß es eine Freude war. Den ältesten Sohn Hugo zeid)nete Herr Bruchwitz mit resoluter Sachlichkeit sehr treffend und sid>er. Als Jakob sd>uf Herr Goll .ein kleines Kabmettstückchen komischer Charakterisierungskunst. Fräulein de Bruy n gab wieder einen schönen Beweis ihres starken Talentes, das so ursprüngliche und natürliche Frauengestalten zu schaffen vermag. Ihre Esther war aufs feinste ausgerundet und aud) in ihrer nervösen Unruhe tresflid) ausgefaßt. Dem Prokuristen Meyer gab Herr Volck heitere Beschndenheit und beseelte Mensdstichkeir. Herr Jensen spielte den jugendliche:: Privatdozenten mit gutem Ausdruck, aber es gelang ihn: nicht, der von bem Dichter nicht besonders glück- lid) gezeichneten Gestalt etwas besonderes zu verleihen — und es wird auch anbcreit wohl nicht gelingen. In den kleinere:: Rollen des Etatsrates und seiner Gattin taten fid) Herr Kliewer unb Fräulein Brehm hervor. N.
*
— Darmstädter Hoftheater. Aus Darmstadt, 23. Januar, wird uns gefdyricbeii: Eine junge amerikanische Sängerin, Frl. Florence Macbeth, begann heute als Gilda in Verdis „Rigoletto" ihr Gastspiel. Nod) ist vieles unfertig an der Künstlerin, der Don ist in der Höhe zu spitz, intb auch
im Spiel fehlt es ihr noch an Eigenart. Frl. Macbeth ist aber außerordentlich begabt. Die Stimme ist von Natur klangvoll uni edel, die Höhe entwickelt sich aus einem solchen Material von selbst. Dazu kommt eine anmutige, wenn aud) etwas kleine Bühnenetscheinung. Die Forderung aber, die man gewöhnlich an einen Gast stellt, dem ein guter Ruf oder eine gute Reklame votangegangen ist, daß er aus dem Ensemble hervorttitt, (? Tie Red.), hat die Amerikanerin noch nicht erfüllt. Auch das wird sie nod) lernen: Ansätze zu „Tricks" zeigen sich schon. Im übrigen handelt es sich um eine sehr mittelmäßige Aufführung.
— E i n „alt nürembercher Schau spie hl l". Ms Hamburg schreibt uns unser Korrespondent: Fast wäre es am Tonnerstag abend im Hamburger Deutschen Schauspielhaus zu einem Theater skanbal gekommen. Aber das Publikum bewahrte bei der Uraufführung eines „sellzahmen Schauspiehlls" „Alt Nürember ch", von Charles L e y st, einem nicht mehr jungen homo iwvus, guten Humor und lachte über die traurigen Ereignisse, die sich in dem unendlich breiter. Stück vollziehen, anstatt gegen sie zu protestieren. Was in den vier Akten geschieht, läßt sich schwer erzählen. Der Autor wollte offenbar ein farbiges unb bewegtes mittelMerliches Kultur- und Sittenbild geben, wollte eine lxrrmlos-traurige, marltttisch- sentimentalc, von einem bösen Intriganten katastrophisch unter» feuerte Liebesaffäre zioischen einem Magier-Chemiker und einer ehrsammen Stadthauptmannsgattin sittlich nur benutzen, nm alle Möglichkeiten des Theaters für eine bühnenmäßige Darstellung mittelalterlichen Lebens auszunntzen. Die farbige, mit allen szenischen Mitteln arbeitende Regie Carl Hagemanns und die sd)auspielerischen Kräfte der Darsteller waren vergeblich) bemüht, dem Stück einen Schimmer von Talent zu geben. Unbegreiflich ist nur, wie dieses im wahrsten Sinne des Wortes inittelalterliche Stück auf die vornehmste Bühne Hamburgs gelanget: konnte.
— Kurze Nachrichten aus Kunst und Wissen- s ch a s t. In der Sitzung der Akademie der Wissenschaften zu Berlin verkündigte der Vorsitzende Geheimrat Planck die Verleihung der Helmholtzmedaille an Geheimrat Schwendener für seine Arbeit über Pflanzenphysiologie. Weiter wurde bekannt gemacht, das; die Helmlwltzprämie im Bettage von 1800 Mark dem Professor Mderhalden in Halle verlieben wurde für seine Arbeit über die Untersuchung der E i w e i ß st o f f c.


