Ausgabe 
24.5.1913 Viertes Blatt
 
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vierter Blatt

M. U9

163. Zahrgang

Gießener Anzeiger

Erscheint täglich mti Ausnahme des Sonntag?.

General-Anzeiger für Oberhessen

DieGießener Zamllienblätter" werden dem Anzeiger" viermal wöchentlich beigelegt, das Ureisblatt für -en Kreis Gießen" zweimal wöchentlich. DidLandwirtschaftlichen Zeit­fragen" erscheinen monatlich zweimal.

Samstag, 24. Mai W

Rotationsdruck und Verlag der Vrühl'jchen Univcrsitäts - Buch- und Steindruckerei.

R. Lange, Gießen.

Redaktion, Expedition und Druckerei: Schul­straße 7. Expedition und Verlag: 51.

Redaktion:^^Z112. Tel.-AdruAnzeigerGießen»

Die Aussichten im hessischen Zuftizdienft.

Von einem hessischen Juri st en wird uns geschrieben: Wie bereits jüngst in der Presse erwähnt worden ist, macht sich bei uns in Hessen zurzeit ein auffallender Mangel an Gerichtsassessoren bemerkbar, der momentan einen solchen Grad erreicht hat, däß die Justizverwaltung nicht mehr in der Lage ist, die nötige Vertretung beurlaubter Beamten zu finden; ja sie ist sogar gezwungen, zu Amtsanwälten auch an größeren Posten junge, unerfahrene Referendare zu stellen. Auf den ersten Blick scheint diese Tatsache bei dem bestehenden Ueber- flust an Gerichtsassessorcn nicht recht erklärlich, und doch ist sie eine Erscheinung, die durch die Verhältnisse eine ganz selbst­verständliche Erklärung findet.

Der ungeheure Andrang zur juristischen Laufbahn, der in den letzten Jahren erfolgt ist und trotz aller Warnungen nicht zum Stillstand kommen konnte, hat die Anstellungsverhältnisse in der Justiz derart verschlechtert, daß vor dem 38. Lebensjahre kaum ein Assessor zur Anstellung kommen kann. Was Wunder, daß bei diesen trostlosen Verhältnissen unsere jungen Gerichtsassessorcn fluchtartig Hessen den Rücken gewendet haben, um sich ander­weitig eine Existenz zu gründen? Aber noch ein weiterer Um­stand, befördert diese Abtoanderung. Hatten doch die berechtigten und im Landtag wiederholt anerkannten Bestrebungen auf Ver­besserung ihrer Lage bis jetzt noch keinen Erfolg! Auch die Besoldungsordnung kommt den Wünschen der Assessoren in keiner Weise entgegen. In keinem andern akademischen Beruf finden wir prozentual so viel Staatsdienstanwärter beschäftigt als hier, obnwhl doch in keinem andern Zweige staatlicher Tätigkeit die Versetzung des Dienstes durch angestellte, unabhängige Beamte so nötig ist, wie gerade in der Justiz. Immer und immer wieder wird deshalb auch von Mitgliedern der Zweiten Kammer die Forderung erhoben, die dauernd notwendigen Stellen in dekretmäßige umzuwandeln. Trotzdem auch die Regierung diese Wünsche schon wiederholt als berechtigt anerkannt hat, sind die Verhältnisse bis heute noch die gleichen geblieben. Nach wie vor werden zahlreiche Richter- und Rechtsanwaltsstellen, von denen zweifellos feststeht, daß sie nicht zu entbehren sind, durch Assessoren versehen. Ja, sämtliche 18 Staatsanwaltsstcllen des Landes iver- den seit nahezu 40 Jahren als dauernd notwendig im Budget all­jährlich angefordert, ohne daß man je daran gedacht hat, diese Stellen, wie in Preußen, in Stellen fest angestellter Beamten umzuwandeln. In keinem Ressort werden überhaupt im Budget Assessoren (also ,,Staatsdienstanw«rter"'> etatsmäßig angefordert. Vielleicht bietet die starke Abwanderung aus der Justiz, viel­leicht auch die auf Anregung der Zweiten Kammer zu erwartende Anstellung zahlreicher Gerichtsschreibergehilfen nach dem Grund­satzGleiches Recht für Alle" Veranlassung, auch die.Anstellungs- Verhältnisse der Gerichtsassessoren zu verbessern.

Bei der Besoldungsordnung, die, wie schon ausgeführt, den Wünschen der Assessoren in durchaus unzureichender Weise ent­gegenkommt, könnte doch mindestens für die Staatsdienstanwärter ein angemessener W o hnungsgeldzu schuß gewährt werden, |ime das z. B. in Sachsen der Fall ist. Nichts ist zu lesen in der Besoldungsordnung von einer gerechten Anrechnung der Vordienftzeit.- man kennt bis jetzt nur eine Anrechnung der Vordienstzeit vom 34. Lebensjahre an und zwar höchstens mit T Jahren.

Unsere jungen und jüngsten Juristen wird es bei diesen Aussichten gewiß nicht besonders reizen, in den Justizdienst cin- ^utreten. Die Erwartung, daß in Zukunft die Aussichten gün= ftmer werden, ist durch nichts gerechtfertigt, das Gegenteil wird wohl der Fall sein. Gewiß, die V e r w e n d u n gs Verhältnisse sind zurzeit günstig, aber auch nur vorübergehend. Zahlreiche Assessoren können jetzt alsbald nach dem Staatsexamen ver­wendet werden. Keinesfalls aber werden die Anstellungs- verhältnisse hierdurch berührt und sie allein können doch nur für die Wahl des Berufs maßgebend fein. In den letzten Jahren ist Unser Jnristenstand xascher als sonst verjüngt worden, und für die nächsten Jahre wird dies durch die in Aussicht stehende Be­soldungsordnung noch weiter zu erwarten sein. Dann aber wird wieder -ein folgenschwerer Stillstand eintreten, und dabei warten etwa,130 Gerichtsassessoren auf ihre Anstellung. Auch die jungen Assessoren, die jetzt und in den nächsten Jahren das Staatsexamen bestehen, müssen mit einer Verwendungszeit von 12 bis 15 Jahren rechnen, wenn man sich nicht dazu entschließt, die Anstellungs- cmssichten durch Umwandlung von Richter-, Staatsanwalts- und

Anwaltsstellen in dekretmäßige Stellen zu verbessern. Unsere jungen Assessoren, die jetzt nach bestandenem Examen vor die Frage gestellt sind, welchen Weg sie einschlagen sollen, können deshalb nicht dringlich genug vor dem Eintritt in den Justiz­dienst gewarnt werden. Wer sich jetzt durch vorübergehend gün­stige Verwendungsaussichten blenden läßt, wird es später schwer zu büßen haben.

Das deutsch-englische verständigungskomitee hielt am 19. und 20. Mai in Berlin unter dem Vorsitze des 1. Vizepräsidenten ,Ed. de Neufville seine diesjährige Mit­gliederversammlung ab. Für den verstorbenen Präsidenten, Botschafter' a. D. von Holleben wurde Graf Leyden, Kai­serlicher Gesandter a. D., zum Vorsitzenden gewählt; an Stelle des 2. Vizepräsidenten, Meichstagsabgeordneten Karl Schrader, der kürzlich gestorben ist, trat Prinz Hein- ri^l) von Schönaich-Ca rolath in den Vorstand ein, der ferner durch die Zuwahl des Abgeordneten Eickhaff, Vor­sitzenden der deutschen Gruppe der interparlamentarischen Union, verstärkt wurde. Ein ausführlicher kritischer Be­richt über die im Oktober v. JZ. in London abgehaltene Verständigungskonferenz, herausgegeben von Prof. Sie-- per, ist inzwischen im Buchhandel erschienen und soll den Behörden und anderen geeigneten Stellen zugeleitet werden.

Die Verbindung des-Deutsch-Englischen Verständigungs- Komitees mit dem Kirchlichen Komitee zur Pflege freund­schaftlicher Beziehungen zwischen Großbritannien und! Deutschland, der deutschen Friedensgesellschaft und dem Ver­bände für internationale Verständigung, die gelegentlich der Londoner Konferenz festgestellt ivurde, soll, wenn auch in loser Form, weiter aufrecht erhalten werden, um bei geeigneten Anlässen eine gemeinsame Arbeit der genannten Verbände schnell und wirkungsvoll zu ermöglichen. Die Zentralstelle ruht in den Händen des Oberbürgermeisters Lüb ke, Bad Homburg b. d. H.

Das Komitee beschloß ferner, durch wertere Ausgestal­tung seines BerbandsorgansNachrichten des Deutsch- Englischen Verständigungs-Komitees" sowie durch Vorträge und literarische Unternehmungen das so hoffnungsvoll fort­schreitende Werk der Verständigung fördern und mit allen Mitteln der Aufklärung zu Ende führen zu helfen.

Univerfttäts-NacL^ichten.

- Die im Allgemeinen Deutschen Aurschenb-unde vereinigten Burschenschaften an deutschen Hochschulen hielten in Frankenhausen am Kyffhäuser ihre 30. Verbandstagung ab. Neu ausgenommen wurden die Burschenschaften Askauia - München und Teutonia -- Frankfurt. Der A. D. B. besteht nunmehr aus 29 Burschenschaften an 15 Universitäten, 6 Technischen Hochschulen und 1 Akademie mit zusammen 1800 Mitgliedern. Sehr emgehend wurde das Verhältnis zu österreichischen Burschenschaften be­sprochen und dabei festgelegt, daß nähere Beziehungen zu solchen erst dann möglich werden, wenn sie sich völlig auf den Boden der Satzungen des reichsdeutschen A. D. B. stellen. Der Frankenbura- bauverein des Bundes, der den weiteren Ausbau der dem A. DB. überlassenen Frankenburg oberhalb Frankenhausens bezweckt, hielt zugleich seine erste Generalversammlung ab. Voraussichtlich wird 1914 mit dem inneren Ausbau der Burg begonnen. Gelegentlich seines 30jährigen Jubiläums hat der Bund ein gut ausgestaltetes Handbuch" herausgegeben. Neben den Verhandlungen wurden große öffentliche Feiern am Kyffhäuser - Denkmal und an der Frankenburg abgehalten.

In der Pfingstwoche fand in Arnstadt der elfte Verbands- tag des Arnstadter Verbandes mathematischer und naturwissenschaftlicher Vereine au Deutschen Hochschulen statt. Der Verband zählt jetzt, nachdem er den Mathematisch ° Naturwissenschaftlichen Studenten-Vereiu zu Frank­furt a. Main aufgenommen hat, 19 Vereine, von denen aus hiesiger Gegend der'Alathematisch-Naturwissenschaftliche Studenten- Verein an der Universität Frankfurt, und der Mathematisch-Natur' wissenschaftliche Verem an der Universität Gießen besonders zu nennen sind. Wenn auch ernste Arbeit die Vertreter nach Arnstadt

rief, ließ man doch die Geselligkeit zu ihrem Rechte fommen und verlebte im Kreise der Arnstädler Bürger und Bürgerinnen recht lrohe Stunden.

- 6ine Konferenz über studentisches Wohnungs- ivesen findet am 24. Mai in München statt. Die Vorbereitling ber Konferenz liegt in den Händen eines Komitees, dem neben den Rektoren der drei Münchener Hochschulen Vertreter der bayerischen Staatsregierung, der Stadtgemeinde München, des Bayerischen LandeswohuungsvereinS, zahlreiche Hochschlillehrer, soivie Delegierte studentischer Korporationen aller Richtungen angehören.

Gcrechtstzaal«»

Die Leiden einer russischen Opernsängerin.

Berlin, 22. Mai. Trübe Erfahrungen mußte eine russische Opernsängerin, die sich zu Zivecken einer Operation in Berlin out- hält, in einem Pensionat in der Augsburger Straße machen. Die Künstlerin, ein Fräulein B., war mit ihrer Mutter nach Berlin gekommen, um sich von Geheimrat Bier behandeln zu lassen. Cie war in Baku das Opser eines Vltriolatleutales geworden, mobei die eine Gesichtshälite vollständig zerstört wurde. Ein Kunslmäeeu hatte sich der Künstlerin angenommen und bestritt die Kosten der langwierigen Operation und des Auieuthaltes. Die Opernsängerin wohnte fast ein volles Jahr in einer Pension in der Augsburger Straße. Ta sich im Laufe der Zeit viele Unzuträglichkeiten bemerkbar machten, beschlossen die Künstlerin und ihre lUutter, wie eine Zeugin unter Eide bestätigt hat, das Pensionat zu verlassen. Die Opern­sängerin halte erfahren, daß die Portierfrau des Hauses auch eine Russin sei und zog sie daher ins Vertrauen. Die Portierfrau war bereit, der Künstlerin zu Helsen, und besorgte den beiden Damen eine neue Wohnung in der Milmersdorfer Straße. In dem Pensionat in der Augsburger Straße waren noch etwa fünfhundert Mark zu zahlen, da der betreffende Kunstiuäcen das Geld nicht in regel­mäßigen Zeitabschnitten schickte, sondern in Beträgen von tausend und zweitausend Mark. Der Pensionsinhaber ging gegen die beiden Damen vor, und es gelang ihm auch, einen Arrest zu erwirken. Da die Zwangsvollstreckung nicht zu einem vollen Erfolg führte, erwirkte der Pensionsmhaber einen Sicherheits­arrest, indem er erklärte, daß ohne eine Verhaftung der beiden Damen eine Vollstreckung an deren Vermögen nicht möglich sei. Hierauf wurden die Operscingeriu mit ihrer Mutter auch tatsächlich verhaftet und in das Charlottenburger Amts­gerichtsgefängnis eingeliefert. Der Rechtsanwalt Oskar Neu­mann, dem die Angelegenheit unterbreitet wurde bebrütete darauf alle nötigen Schritte vor, um die Haftentlassung der beiden Damen herbeizuiühren. Tas Amtsgericht Charlottenburg, das den Arrest erlassen hatte, bestätigte den Arrest trotz des Wider­spruchs, und auch die Berufung am Landgericht III zu Charlotten­burg wurde zurückgewiesen. Daraufhin verlangte der Rechtsanwalt im Wege der Klage am Landgericht III Aushebung des Arrestes und erreichte, daß der Arrest von einer anderen Kammer sofort aufgehoben wurde. Nach dreieinhalbmonatiger Haft wurde die Opernsängerin mit ihrer Mutter wieder auf freien Fuß gesetzt. Der Pensionsinhaber gab sich aber nicht zufrieden und erstattete alle möglichen Strafanzeigen gegen die beiden Damen. Eine dieser Anzeigen wurde gestern in Charlottenburg verhandelt. Der Pensiönsinhaber behauptete, daß die Künstlerin und ihre Mutter das Pfandrecht der Vermieter schädigen wollte», als sie bei Nacht und Nebel flüchteten. Wie sich bei der Verhandlung herausstellte, sind die Damen aber nicht nachts, sondern vormittags gegen 11 Uhr fortgegangen. Außerdem war der Pensionsinhaber sofort verstän­digt worden, wohin die Damen verzogen waren. Aus all diesen Gründen erkannte das Gericht auf Freisprechung der angeklagten Künstlerin und ihrer Mutter.

Vermischter.

* Ehetragödie auf dem Semmering. Im Süd- bahnhotel auf dem Semmering hat der 30 jährige Albanier Del- vina Mitha Bei seine Frau und sich erschossen. Er kam am Diens­tag abenb auf dem Semmering an, wo er von feiner Gattin und ihrer Schwester erwartet wurde. Beide Damen wohnten seit drei Wochen auf dem Semmering. Delvina Mitha Bei begab sich mit seiner Frau und ihrer Schwester ins Südbahnhotel, mo sich die Gesellschaft auf ein Zimmer zurückzog. Hier kam es zwischen den Ehegatten int Beisein der Schwester zu Ausein­andersetzungen. Was dabei gesprochen wurde, ist nicht bekannt.

Zum Richard-wagner-Tag.

(22. Mai.)

Eine besondere Ehrung Richard Wagners hat Mainz, die alte Musikstadt, unternommen. Im Foyer des Theaters wurde, wie wir gestern schon mitteilten, eine Büste des Tondichters enthüllt, und außerdem hat die Leitung des Theaters mit .Auf­wendung bedeutender Mittel einen Iubiläums-Zyklus veranstaltet, der mit dem Lohengrin eröffnet wurde. Eingeleitet wurde die Aufführung durch folgenden Prolog?

(Morgen bämnterung!)

Einleitung: 4 Herolde; Fanfaren! - sodann:

Ein fahrender Sänger.

Laßt der Fanfaren lauten Jubel schweigen! Laßt Herz und Sinn in Dankbarkeit sich neigen, Daß einst durch des Geschickes heilige Gunst Ein Genius erstand der deutschen Kun st.

Ein Genius! Es war vor hundert Jahren, Als Freiheitssehnen unser Volk durchglühte, Ms ihm erwuchs in Not und Kriegsgefahren Des deutschen Völkerfrühlings stolze Blüte. Im Lenzsturm war's, als gegen des Titanen Verhaßte Faust sich Preußens Aar erhob, Ein einig Volk sich scharte nm die Fahnen, Vor deren Siegeszug des Korsen Glück zerstob. In jener großen Zeit ward uns geboren, Zum Liebling von den Musen auserkoren. Ein Held und Führer in dem Kampf der Geister Und in dem Reich der. Kunst der Töne Meister. Der Genius, desf heilige Kunst entzündet In Menschenherzen lichte Himmelsglut, Der Ewiges in hehren Tönen kündet. Zum Lichte ruft, was noch verborgen ruht, Zu hellem Glanz. Ihr kennet seinen Schem, Der in die Tiefen unserer Brust entsendet Den Strahl des Göttlichen; und fast geblendet Neigt sich in Ehrfurcht unser ganzes Sein. Er schuf uns Großes! Mit Titanenwillen, Des deutschen Wesens Sehnsucht zu erfüllen, Schwang sich fein Geist, der nirgends Ruhe fand. Aus dieseni Tal der Unvollkommenheiten, So wie die Adler ihren Fittich breiten, Empor, empor zu der Verheißung Land. Er schuf uns Großes! Groß war auch sein Leben. Von Feinden und Spöttern rings umgeben, Blieb ihm erspart kui Leid .leine 3iot;

Doch mochten rings des Neides Pfeile schwirren, In feiner Kunst ließ er sich nicht beirren;

Er blieb sich treu, treu selbst bis in den Tod.

Er schritt dahin, und unter seinen Füßen, Da sproßt und blüht es wie von tausend Lenzen, Waldvöglein fingen und die Quellen fließen-

Und Freya schmückt sich mit des Frühlings Kränzen. Die Welle wogt, und in des Rheines Tiefen Da wiegen sich die schwebenden Gestalten, Der Hort erglänzt, nm den die Wasser schliefen. Und rings erwachen finstere Gewalten. Die Wunder der Natur durch Töne zu beleben, War ihm, wie keinem Anderen gegeben. Sein Zauberwort läßt uns der Heimat Sagen Aus ferner grauer Vorzeit neu erblüh'n. Aus stolzer Ritter rätselvollen Tagen .Seh'n wir des Grales Heiligtum crglübn.. Er kündet uns mit seinen Engelstönen Erfüllung jedem ungestillteii Sehnen Nach der Erkenntnis fernem Sonnenland.

So wurden ihm des Grales hehre Klänge Erlösungsboten himmlischer Gesänge, Der höchsten Treue unzerreißbar Band. So ward er uns, ein Dichter und ein Denker, Der Sänger deutscher Treue bis zum Tod, Des deutschen Wesens zielbewusster Lenker, Der Künder von.des Deutschtums Morgenrot! Doch wollt ihr heut' den großen Meister ehren.

Tut's nicht mit Worten, nicht mit Lob allein; In Andacht sollt ihr seine Werke hören. Mit ganzer Seele müßt ihr bei ihm fein! So führet uns auf rauschendem Gefieder, Ihr goldnen Töne, auf zu lichten Höh'n Und senket dort die bunten Schwingen nieder. Wo fern im Glanz der Helden Burgen steh'n; Schon leuchtet's auf im ersten Morgenstrahl; Empor zum Tempel! Zn dem heiligen Gral!

H. Walter. Vorspiel zuLohengrin"^

*

Berlin, 22. Mai. Einen eindrucksvollen Gedächtnisakt zu Richard Wagners 100. Geburtstag veranstaltete heute abend die Stadt Berlin in der Halle des Stadthauses. Auf Siegfrieds Trauergeleit aus der Götterdämmerung folgte Wildenbruchs Epilog auf Richard Wagners Tod, gesprochen von Hoffchanspieler Krauß- neck. Darnach mürben die Vorspiele zu Parsifal, den Meister­singern, Lohengrin und Tannhäuser durch das Philharuwnische

Orchester unter Camillo Hildebrand aufgeführt. Professor Richard Sternfelds hielt die Gedächtnisrede.

Berlin, 22. Mai. Tie auf Befehl des Kaisers veran­staltete Feier des 100. Geburtstages Richard Wagners begann heute mittag 12 Uhr mit einem Festakt im Schau, pielhause für ein geladenes Publikum. Ter Festakt wurde mit dem a-cap.'lla- Chor aus dem Liebesmahl der Mwstel eröffnet; das Siegfried- Idyll wurde von der königlichen Kapelle glänzend vorgetragen und gab den musikalischen Grundton zu der Festrede des Geheimen Negierungsrates Professor Dr. Burda ch , der Richard Wagner, den Sprößling des Heldenjahres 1813, als einen Helden in seinen Taten, Kämpfen und Leiden und als Erneuerer deutscher Kunst feierte. Die Feier schloß mit dem Lateran-Chor aus Rtenzi, welcher vom Domchor vorgetragen wurde.

Hanau, 23. Mai. Anläßlich des 100. Geburtstages Richard Wagners fand gestern im hiesigen Stadttheater eine Festvorstel-- lung desLohengrin" statt. Lohengrin und Else wurden von dem Frankfurter Ehepaar Gentner-Fischer mit großem Erfolg bar- gestellt. Der Chor bestand aus 70 Personen, das Orchester ver­fügte, über etwa 45 Mann. Tie musikalische Leitung hatte Dr. Lldolf Stübing, die Regie führte Direktor Adalbert Staffter, der für eine schöne Inszenierung gesorgt hatte. Tie Aufführung ging unter lebhaften Beifall des vollbesetzten Hauses vonstatten und soll mehrere Wiederholllngen finden.

Wien, 22. Mai. Heute fand im großen Festsaal der Wiener Universität unter Mitwirkung von 250 Sängern und Sängerinnen eine Wagnerfeier statt. Rektor Dr. Weichselbauin hielt eine Ansprache, woraus das Vorspiel zu Tannhäuser vorgetragen wurde. Die Festrede hielt der Dekan der Philosophischen Fakultät über Wagner als nationaler Dramatiker". Ten Abschluß bildeten musikalische Darbietungen.

Parsifal in Paris. Aus Paris wird berichtet: Im Januar des fommenben Jahres, wenn das Werk Richard Wagners frei wird, werden die Pariser, wie jetzt seststeht, in drei Theatern zu gleicher Zeit Gelegenheit haben, den Parsifal zu hören. In der Großen Oper werden die Herreii Massager und Broussan den Parsifal ausführeii. Tann gibt Gabriel Astruo in fernem neuen Theater an den Chainps Elysees den Parsifal und zwar in deutscher Sprache unb mit deutschen Kräften; die erste Ausführung findet ebenso wie in ber Großen Oper in ber ersten Hälfte des Januar statt. Aber damit noch nicht genug, hat letzt auch Albert Carrö beschlossen, den Parsifal in der Salle Favart aufznführen, er hat sogar die Rollen schon besetzt, den Parsifal wird Ronsseliöre und die Knndrv die Litvinne singen. Die einzigen in Betracht kommenden Pariser Oper Impresarios^ die bis jetzt den Parsifal noch nicht ausführen, sind die Brüder Jstrla vom Gaitö-Lyrigne und Lagvande vom Trianon; aber, wir sind ja auch erst im Mai . . .