Nr. 24.7
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Anzeiger Gießen.
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Erster Blatt
(63. Jahrgang
Dienstag, 2\. Gilover M3
sietzenerAnzeiger
General-Anzeiger für Oberhesien
Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schen Univ.-Buch- und Zteindruckerei R. Lange. Redaktion, Lrpedition und Druckerei: Zchulstrahe 7.
B c; u q S v r c i $: monatlich 75Ps., vierteljährlich Alk. 2.20; durch Abhole- il Zweigstellen monatlich 65 Pf.; durch die Post Alk. 2.—viertel« jährl. ausschl. Bestellg. Zeilenpreis: lokal 15Pf., auswärts 20 Pfennig. Ehesredakteur: A Goetz. Verantwortlich für den polit. Teil: Aug. Goetz; für „Feuilleton", „Vermischtes" und „Gerichtssaal": Karl Neurath; für „©labt und Land" : Kurt Bendt; für den Anzeigenteil: H. Beck.
Die heutige Nummer umfaßt 10 Seiten.
Tageskalender aus dem Jahre 1813.
i21. D f t d b c r. General Dorck schlägt die Fttinzosen bei Freiburg an der Unstrut.
Freiherr vom Stein übernimmt die provisorische Ver- waltung der den Franzosen wieder entrissener! Gebiete.
Gefecht bei Freiburg a. d. Unstrut zwischen den auf den: Rückzug befindlichen Franzosen und den nacheilcnden Rettern des Yorkschen Korps.
Geht es schon wieder los?
Die Balkantragikomödie erinnert ein wenig an die permanenten Kinovorstellungen, bei denen die Tausendmeterfilms einander ununterbrochen folgen und das Publikum seine Schaulust ohne Zuschlag zum Eintrittsgeld so lange befriedigen kann, bis ihm die Augen wchtun oder der Körperteil, auf dem es während dieser Zeit zu sitzen gezwungen ist. Nur mit dem Unterschied, daß bei dem Balkankino ein solcher Zuschlag zum Billetpreis erhoben wird, denn je länger die Wirren auf dem Balkan fortdauern, desto schwerer sind die Wunden, welche dadurch dem Wirtschaftsleben Europas geschlagen werden. Richtet doch die fortdauernde Ungewißheit, die immer wieder genährte Kriegssovae bald ebensoviel Verheerungen an, wie sic ein neuer Balkankrieg im Gefolge haben könnte.
Es ist Albanien, dies zur Zeit noch fürstenlose Schmerzenskind Europas, welches den Anlaß zu Kriegssorgen gibt. Wie bedrohlich die Lage sich gestaltet hat, das ist jetzt aller Welt klar geworden durch die Verbalnote, welche der österreichisch-ungarische Geschäftsträger in Belgrad der serbischen Regierung überreicht hat und worin die Forderung ausgesprochen wird, daß die serbischen Truppen binnen acht Tagen das Gebiet des autonomen Albaniens vollständig geräumt haben müssen. Ter in dieser befristeten Note gegebene Termin läuft am 26. Oktober ab, nebenbei bemerkt an demselben Tage, an dem Kaiser Wilhelm zum Besuch des Kaisers Franz Josef in Schönbrunn eintrifft, ein Besuch, der die Gerüchte über ein angebliches Kriseln innerhalb des Dreibundes gründlich zu widerlegen geeignet ist. Eine Unterstützung findet das Vorgehen des Wiener Kabinetts ebenso Ivie bei der italienischen auch bei der deutschen Regierung. In entschiedenem und sehr unerfreulichem Gegensatz AU. dieser Haltung steht die Stimmung in Frankreich und Rußland. Besonders die Pariser Presse speit Feuer und Flamme über das Verhalten der Donaumonarchie, der sie ein einseitiges Vorgehen ohne Rücksicht auf den Dreiverband zur Last legt. Zugleich wird in ostentativer Weise hervorgehoben, daß in dieser Frage zwischen der französischen und russischen Regierung volle Einmütigkeit bestehe. Man braucht nun freilich die kriegerischen Töne, welche die Pariser Presse anschlägt, nicht allzu tragisch zu nehmen, denn einmal ist von den Mächten ausdrücklich aner-> tonnt worden, daß Oesterreich-Ungarn und Italien an Albanien ein besonderes Interesse haben, zweitens hat das Wiener Kabinett die Mächte des Dreiverbandes in loyaler Weise von seinem Vorgehen unterrichtet, und drittens hat das Kabinett von St. James offenbar keinerlei Neigung, «einen etwaigen französisch-russischen Husarenritt zu der serbisch-albanischen Frage mitzumachen.
Was aus der serbischen Hauptstadt vernehmbar wird, klingt widerspruchsvoll. Einmal heißt es, daß Anweisung zur Zurückziehung der Truppen aus Albanien gegeben worden sei, dann wird wieder angekündigt, daß Serbien der österreichischen Aufforderung nicht Folge leisten könne. Oesterreich wird sich wahrscheinlich nicht mit Worten beruhigen lassen, sondern nachprüfen, ob den Worten auch die Taten folgen. Jedenfalls ist die Lage wieder einmal recht unklar und heikel.
Tie „Triple-Entente" und das Ultimatum Oesterreichs.
Paris, 20. Okt. Bezüglich des österreichischen Ultimatums an Serbien heißt es in einer allem Anschein nach vom Quai d'Orsay herrührenden Meldung:
In der Mitteilung-, welche der österreichisch-ungarische Geschäftsträger Graf Somssich vorgestern abend dem französischen Ministerium des Aeußern überbrachte, wird erklärt, das; die österreichisch-ungarische die serbische Regierung ersucht habe, in einer F r i st von acht Tagen die von serbischen Truppen besetzten albanischen Gebiete zu räumen. Nach Ablauf dieser Frist würde sich die österreichisch-ungarische Regierung in die peinliche Not- we ndigkeit versetzt sehen, geeignete Mittel zu ergreifen, um die Verwirklichung ihres Ersuchens zu sichern. Der Direktor der politischen Angelegenheiten des französischen Ministeriums des Aeußern, Paleologue, der als Vertreter Pichons den österreichisch-ungarischen Geschäftsträger empfing, habe diesem erklärt, daß er hiervon Akt nehm«, dabei icdoch ausdrücklich V o r - behalte betreffs der Richtigkeit der von der österreichisch-ungarischen Regierung zur Rechtfertigung ihres Ultimatums vorgebrachten Tatsachen erhoben. Paleologue bemerkte insbesondere, es scheine nach den der französischen Regierung zugekommenen Meldungen keineswegs festgestellt, daß die albanischen Aufrührer nicht in serbisches Gebiet, eingedrungen seien. Er frage den Grafen Somssich ferner, ob die österreichische ungarische Regierung in der Sage wäre, Serbien gegen ein neues Eindringen der albanischen Aufrührer irt_ serbisches Gebiet zu schützen. Schließlich erklärte Paleologue, daß die albanische Frage in höchstem Grade eine europäische Frage sei und daß es demgemäß Sache aller Mächte sei, die Ausführung ihrer gemeinsam gefaßten Beschlüsse zu sichern. Minister P i ch o n habe diese Auffassung Paleologues gutgeheißen. Die Mitteilung der älter- rcichisch-ungarischen Regierung sei gegenwärtig der Gegenstand eines Meinungsaustausches zwischen den Staatskanzleien der Triple-Ententemächte.
Tic beste Antwort auf die französischen Einwendungen ist in einer Zuschrift enthalten, die uns einer unserer Mitarbeiter in Berlin zugehen läßt und in der über den
Standpunkt der deutschen Regierung in der serbisch-albanischen Streitfrage folgendes gesagt wird:
Es steht fest, daß Serbien durch seine Truppen Gebiete! besetzt hat, die nach dem einmütigen Spruche der Großmächte zum Staate Albanien gehören. Albanien steht zurzeit unter dem Schutze der Mächte, die es ihrem Ansehen schuldig sind, daß ihre Beschlüsse betreffs Albaniens respektiert werden. Serbien hat zweifellos das Recht, in den von ihm neuerwvrbenen Gebieten albanische Ausstandsgelüste zu unterdrücken, und man wird es auch Serbien glauben müssen, daß diese Aufstandsgelüste der serbischen Albanier von den autonomen Albaniern unterstützt werden. Die Grenzen des autonomen Albaniens sind noch nicht genau vermessen, Serbien ist also sür kleinere Zwischenfälle an der neuen Grenze zu entschuldigen, wenn weiter nichts vorgefallen wäre. Tie serbischen Truppen sind aber weit nach Albanien e i n marsch i e r t. Dies bedeutet für die autonomen Albanier den Krieg. Wenn Serbien seine Truppen nicht sofort zurückzieht, müssen Oesterreich und Italien eingreifen, um einen weiteren Balkankrieg zu verhüten. Sie werden dies im Einvernehmen mit allen Großmächten tun, denn die Weigerung Serbiens, seine Truppen aus Albanien zurückzuziehen.
muß vermuten lassen, daß Serbien in bekannterGroß- m an ns sucht seine Gebiete abermals erweitern will, ein,Unterfangen, daß auf dem Balkan die ernsteste Lage wieder schaffen könnte. Darüber kann fein Zweifel bestehen, daß die Mächte wenigstens ihre Beschlüsse über Albanien aufrechterhalten müssen, nachdem sie sonst in allen Balkansragen diplomatische Niederlagen erlitten hatten. Wenn Serbien jetzt dem Willen Europas trotzt, und dieses Europa wieder nachgibt, wird aus dem Balkan der Wille Europas nichts mehr gelten. Dar Dreibund wird jedenfalls die Londoner Beschlüsse gegen Serbien zu w a h r e n wissen. Es liegen auch schon Anzeichen vor, daß Serbien cinl enf en wird, wenn auch widerstrebend.
Für die Mächte wird dieser Zwischenfall ein Ansporn sein müssen, die albanische Frage schnell zu erledigen. Leider ist bisher in den Kabinetten nicht viel für Albanien getan worden Der internationale Kontrollausschuß arbeitet langsam, es ist noch gar nicht abzusehen, wann die internationale Gendarmerie ausgestellt wrrd. Bei dem Charakter der Albanier ist auch hier noch mit inneren Schwierigkeiten zu rechnen. Die F ü r st e n f r a g e tft ungeklärt, definitive Abmachungen der Kabinette sind bisher nicht getroffen. Solange Albanien keine Zentralgewalt besitzt, wird es nicht zur Ruhe kommen.
Wien, 20. Okt. Die „Albanische Korrespendew;" meldet aus Skutari: Nachdem infolge des Zusammentritts des internationalen Kontrollausschusses das Mandat des Admiralrates abgelaufcn ist, reiste der deutsche Delegierte, Fregattenkapitän v. Klitzing bereits ab'. — In letzter Zeit bemühen sich in Skutari Agitatoren eifrig für die Thronkandidatur des Prinzen Fund Achmed und bekämpften die Wahl des Prinzen zu Wied. Die Bevölkerung verhält sich aber gegen Fuad Achmed oblehnend.
Paris, 20. Okt. Einer Blättcrmeldung zufolge soll sich der hiesige s e r b is ch e G e s an d te heute zum Minister P i ch o n begeben haben, um diesem eine Note zu überreichen, in welcher "die serbische Regierung erklärt, daß sie getreu ihrer bisherigen Haltung und ihren Verpflichtungen es En - r o p a überlasse, dafür zu sorgen, daß die Grenzen Albaniens tatsächlich und an Ort und Stelle genau festgesetzt werden. Die serbische Regierung schließt an diese Mitteilung, welche ihrer Ansicht nach den durch den österreichischen Schritt l)er vor gerufenen Zwischenfall erledigt, eine Anzahl Reklamationen betreffs des unbe^ stimmten und unlogischen Charakters, der von der Londo-ner Konferenz vorgesehenen theoretischen Mgrenzimg Albmri-ens an. Die serbische Regierung erneut die Behauptung, daß sie gewisse vorübergehende Maßnahmen lediglich deshalb ergreift, um die Sicherheit ihres Landes, zu schützen und sie ersucht die Großmächte unter Hinweis auf deren Versprechungen und die Londoner Beschlüsse, ihr in wirksamer Weise diese Sicherheit zu verbürgen.
Belgrad, 20. Okt. Der Generalsekretär des hiesigen auswärtigen Amtes Stefanowitsch erklärte dem österreichisch-ungarischen Geschäftsträger von Stork, daß der B e fe hl zur Räumung der von serbischen Truppen besetzten Gebiete Albaniens beschlossen und heute früh yinaus- gegeben wurde. Die Räumung werde innerhalb der festgesetzten Frist von acht Tagen durchgeführt sein.
Wien, 20. Okt. Wie der „Südslawischen Korrespondenz" aus Belgrad gemeldet wird, erklären die dortigen, Blätter, Serbien könne wegen seiner staatlichen Sicherheit den Forderungen der Dreibundmächte nicht nach geben.
Rom, 20. Okt. Der Agenzia Stefani wird aus Belgrad gemeldet: Die serbischeRegierung teilte durch
Die verbündetem in Weimar.
(21—24. Oktober 1813.)
Den stärksten Anprall der zurückflutenden Kampfeswogen der Völkerschlacht hatte das nahe gelegene Weimar zu bestehen, wo sich in der Zeit vom 21. bis zum 24. Oktober als ein Nachhall der gewaltigen Ereignisse aufregende und erhebende Vorgänge, Szenen voll banger Ängst und Zweisel und voll Jubel und Glück in buntem Wechsel abspielten. Reichhaltige Dokumente für diesen Epilog des großen Völkerringens sind in dem im Insel-Verlag von Friedrich Schulze herausgegebenen Sammelwerk „Weimar in den Freiheitskriegen" zusammengestellt. Mit erregter Span- juing wartete man in Weimar den Ausgang der großen Schlacht, die sich um die Mitte des Oktober in der Umgegend von Leipzig vorbereitete. „Vom 16. Oktober an bis zum 19.," so erzählt der Kanzler von Müller in seinen Erinnerungen, „schlug von ferne her fortwährend dumpfer Kanonendonner an unsere Ohren, ohne daß wir den Ausgang der Schlacht erfuhren. Da erschienen plötzlich in der Nacht vom 19. Oktober mehrere hundert Kosaken in Weimar deren Anführer unverzüglich aufs Schloß zu dem Merian gebracht zu werden verlangte. Als der Herzog geweckt wurde? gab sich dieser Anführer als der russische Obryt von Geismar zu erkennen, verkündete den siegreichen Ausgang der Schlacht von Leipzig und eröffnete dem .Herzog, daß er von dem Kaiser Alexander ^geschickt fei, b:e herzogliche Familie zu beschützen und in Sicherhett zu bringen, wenn ihr, wie.hoch wahrscheinlich bei dem Rückzug der zranzoiychen Armee. Gefahr drohen snl'te" Der Herzog witterte zunächst einen franzottichen Anfchlag, j-m ihn durch einen Gewaltstreich schnell °°n Weimar WMU- führen da der Obrist keine Segthmatton bet fich hatte. Allein ein Landsmann und Jugendfreund Geismars der, Kammerherr vmr Sweirel beitätiate seine Angaben und so „ichwand leder Argwohn und an die" Stelle desselben trat die lebhafteste Freude über die Siegesnachricht und die erhabene Furforge des Kauers Aleran^r" Die Kosaken, die in ihrem Biwak auf dem Markt einen malerischen Anblick boten, unterhielten nun einen w.rg- samen ^Aufklärungsdienst, und tonnten am 21 starke feindliche Kolonnen feststellen, die in der Richtung nach Weimar über den Ettersberg herabzogen. Eine Anzahl franzöiischer Reiter drangen 2 bis in die Vorstädte von Weimar, und es fanden in der Umgegmd am 21. und 22. Oktober Ijcrttge Kampfe statt, dock wurde die Stadt durch das Ersthemen von Retterscharen d« Verbildeten gerettet: es waren mehrere Pulks Ko,aken unter dem Hetman Platow, preußiiche freiwillige Jager zu Pferd mid österreichische Dragoner. Dos unenvartetc fefefetnen dmer Scharen brachte panischen Schrecken unter die Franzosen die bereits in Weimar eingedrungen waren; m wild«, unordentlicher Flucht suchten sie das Weite. „Als die stegenden Reiter sich vor der
Stadt aufgestellt hatten," berichtet von Müller, „empfingen die! Bewohner sie mit dem lautesten Jubel. Noch entsinne ich mich lebhaft, welchen begeisternden Eindruck die preußischen freiwilligen Jäger aus uns machten, die geschmückt mit frischen grünen Zweigen, voll Jugendsrische und Siegeslust heranzogen und uns mit öen mutigsten und heitersten Kriegsliedern begrüßten."
An dem darauffolgenden Sonntag, dem 24., herrschte besonderes Gewühl und Tumult in den Straßen Weimars, denn die drei Aionarchen sollten eintreffen und hier ihr Hauptquartier nehmen. Imposant und prächtig war der Einzug, den ein Bericht von Theodor .Götze folgendermaßen schildere: „Den Zug eröffnete eine Abteilung dänischer Garde-Kosaken, österreichische Ulanen und preußische Kürassiere. Dann kamen die drei Monarchen mit entblößten Häuptern. Zur rechten Hand ritt Alexander, Kaiser von Rußland, linker Hand Franz der Zweite, Kaiser von Oesterreich, und in der *Htte Friedrich Wilhelm, König von Preußen. Dicht hinter ihnen unser Herzog Karl August nebst den übrigen dem Heere angehörigen Fürsten, Marschällen, Generälen und sonstigen zum Stabe gehörigen hohen Stabsoffizieren, nebst etlichen Kavallerie-Regimentern Bedeckung, uneingedenk des nachfolgenden Zuges von Ordonnanzen und dergleichen. In der Atadt selbst herrschte Freude und Jubel. Obgleich auch die kleinste Hütte mit Einquartierung an Menschen und Pferden überfüllt .war, so war doch keine Not vorhanden, denn das Militär faßte auf Bons seine Rationen an Brot, Fleisch, Reis und Graupen täglich, so daß viele mit ihrer Einquartierung zu leben hatten. Nur zwei Artikel waren fast nicht mehr zu bekommen und dabei enorm teuer, nämlich Bier und Branntwein." Am Abend war eine F estvo rstell n n g im Theater, bei der „Wallensteins Lager" gegeben wurde. „Das Haus war zum Brechen gefüllt," erzählt Genast. „Man sah fast nichts als Uniformen. Jede bezügliche Stelle nahm das milttärische Publikum mit Akklamationen auf; als aber der erste Jäger (Unzelmann) die Worte sprach: „denn seit der Leipziger Fatalität", brach ein stürmischer Jubel los. Unser erster Tenor, der den Rekruten spielte, hatte rasch, auf Veranlassung Goethes, das Lied: „Ich will ins Feld, ich muß dich meiden" komponiert und sang dasselbe zur (Gitarre. Goethe hatte zwar dies Intermezzo mit einigen Worten eingeleitet, aber es paßte dock in „Wallensteins Sager" wie die Faust aufs Auge. Der allgemeine Freudentaumel jedoch setzte sich über das Drollige dieser Einlage hinweg, und reicher Beifall wurde dem Sänger zuteil." Goethe, der den österreichischen Feldzeugmeister Colloredo als Einquartterung hatte, hielt sich in dem allgemeinen Trubel sehr zurück, wie auch die einsilbigen Aufzeichmingen seines Tagebuches beweisen.
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— Der Tangotanz im Gerichtssaal. Ter Tango, der zum Entzücken der Tanzlehrer eine so gewaltige Anziehungs
kraft ausübt und den Meistern dieser 'Kunst die lernbegierigen Schüler in hellen Scharen zutreibt, hat natürlich mit dem echten argentinischen Tango kaum noch mehr gemein als den znin Schlagwort gewordenen Namen; es gibt säst schon so viele verschiedene Tangos als Sehrer dieses Tanzes. Ein jeder der „Tangos Professoren" hat sich, je nach den Gesellschaftsklassen, die seine Schüler bilden, eine andere Form des Tangos erwählt und ersonnen; vom wirklichen Tango ist nur ein Abglanz geblieben, man hat nach Dämpfungen den Rhythmus übernommen, auch eilt paar Grundfiguren, aber gerade die Einzelheiten der Bewegungen, gerade das Charakteristische des echten Tango ist dabei — zum Segen unserer Tanzsäle! — glücklicherweise längst verwischt und verloren gegangen. Allein damit wird es auch immer schwieriger, zu definieren, was der Tango ist und welche der unzähligen Formen, die heute getanzt werden, ein Recht auf entfernte vage Erbansprüche an den echten argentinischen Tango erheben dürfen. In Cleveland in Ohio soll jetzt das Gericht dieses Preisrätsel lösen, der ehrwürdige Richter Vickcry soll darüber das Urteil fällen, und um dem weisen Herrn die nötigest Grundlagen zu dieser folgenschweren Entscheidung zu bieten, gab es im .Gerichtsgebäude ein eigenartiges Bild: einen regelrechten Tangotanz im Gerichtssaal. Der Tanzmeister „Professor" A. Anderson hat die amerikanische .Gerichtschronik um diese Neuheit bereichert, denn er klagte gegen die Polizeibehörde, die ihm die Erteilung von Tango-Unterricht verboten hatte, mit der Begründung, es handle sich dabei um einen Tanz anstößigen Charakters. Der Andrang zu der Gerichtsverhandlung war gewaltig, aber die Zuschauer kamen auch auf ihre Kosten, als Herr Anderson mit einer hübschen Partnerin dem wißbegierigen Richter, unter den Klängen .Mozartscher Musik, den Tango vortanzte. Das geschah mit so viel Grazie und Anmut, daß Pie Zuschauer die Würde des Gerichtssaales vergaßen und Beifall klatschten. Selbst der ehrwürdige Richter Vickery erklärte kopfschüttelnd: „Nein, dies ist wirklich ein wunderschöner Tanz, es gibt kaum etwas Erleseneres, ich verstehe nicht, was hieran anstößig oder unsittlich sein soll." Allein das Bild änderte stch, als nun die beklagte Polizeibehörde ihrerseits ein Tango tänz- chen im Gerichtssaal inszenierte. Sie hatte sich dazu den Tangotänzer Keane aus Chicago und dessen Partnerin verschrieben: und die beiden tanzten in der Tat einen Tango, der icine Öetf hm ft aus den verrufensten Spelunken Südamerikas noch nicht abgeftreift hatte und ganz gewiß nicht zu dem „Erlesensten gehörte was die Kultur des Tanzes hervorbrmgen kann. Nun stehen sich die beiden Tangotänzer gegenüber, em jeber von ihnen will natürlich den allein echten und unverfaftchten -Lango sozusagen sein eigen nennen, ein jeher erhärt, ben -vango des anderen für eine Fälschung: und in 8 -vagen >oll nun der, ehrwürdige und in diesem Fall gewrtz Nicht beneidenswerte Richter Vickery entscheiden, wer recht hat.


