Ausgabe 
19.11.1913 Erstes Blatt
 
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Der Roman tihtr orWchen Grisette.

4 Berlin, 18. Nov.

Vor der 10. Strafkammer des Landgerichts Berlin I nahm Heute vormittag unter großem Andrang des Publikums bie Ver­handlung gegen die jetzt 42 Jahre alte Gräfin Elisabeth Fischler von Treuberg ihren Anfang, die sich unter der Anklage des trief' sachen Betruges zu verantworten hat. Die Angeklagte ist die Tochter eines Offenbacher Schneiders namens Uhl, der schon mehrfach die Dilfe der Polizei gegen sein allzu unternehmungslustiges Töchter­lein in Anspruch nehmen mufi»e. Anfangs 1911 verheiratete sie sich mit dem Oberleutnant zur See q. D. Ernst Grafen Fischler von Treuberg, der sich aber bald darauf wieder von ihr trennte und die jGültigkeit der Ehe airfocht mit der Begründung, daß ihm das Vorleben seiner Frau nicht bekannt gewesen sei. Einen Referendar wußte die Angeklagte zur Vergabe von 700 000 Mark zu bewegen; der leichtgläubige junge Mann erschoß sich, als er sein Geld ver­loren sah. Einem Offizier nahm die Angeklagte 4000 Prozent Zinsen ab. Der Sproß einer bekannten gräflichen.Familie, der ein Darlehen von etwa 80 000 Mark benötigte, mußte zunächst Wechsel in Höhe von 100 000 Mark unterschreiben, 160 000 Mark an Hypotheken übernehmen, den Jagdpachtzins seines Gutes mit 22000 Mk. verpfänden und erhielt dafür bare 16 000 Mürk. Vor Verlesung des Eröffnungsbeschlusses beantragt Bert. R.-A. B a h n die Laouna des R.-A. Königsberger (Frankfurt a. M.), der bekunden soll, daß die Prinzessin zu Psenburg, mit der die An­geklagte längere Zeit verkehrte, Heiraten vermittele und ihm ein­mal einen aus einem solchen Geschäft stammenden Depotwcchsel gegeben habe. Der Staatsanwalt bemerkt hierzu, daß man den R.-A. Königsberger nicht benötigen werde, da die Prinzessin es nicht bestritten hat, in einem Fall eine Heirat vermittelt zu haben.

Der Vorsitzende hielt hierauf der Angeklagten ihr Vorleben vor. Hieraus geht hervor, daß tatsächlich die damals 18 jährige Schneiderstochter aus Veranlassung ihres Vaters in polizeilichen Schutz genommen und später unter Sittenkontrolle gestellt wurde. 1894 wurde sie auf Betreiben eines Kaufmanns Aron aus Ham­burg aus der Kontrolle entlassen, mit dem sie längere Zeit zu­sammenlebte. Später heiratete die Angeklagte einen Hotelbesitzer, von dem sie aber aus eigenem Verschulden bald wieder geschieden wurde. Im Lause der Zeit wurde sie auch unter Anklage gestellt, weil sie ihre eigene Tochter verkuppelt haben sollte; sie wurde aber damals freigesprochen, weil das Gericht ihrer Tochter nicht Glmtben schenken wollte. Dem Oberleutnant zur See Grafen Fischler von Treuberg, der Schiffsoffizier bei der Hamburg- Amerika-Linie tvor, soll sie dafür, daß er sie heirate, 25 000 Mark versprochen und ihm erklärt haben, er brauche nicht weiter mit ihr zusammenzubleiben, sie wollten gleich nach der Hochzeit wieder auseinandergehen. Aus der Vernehmung geht weiter hervor, daß die Angeklagte sehr viel Alkohol genossen hat, darunter Schnaps, den sie wie Wasser trank. »

Hierauf erstatteten Gerichtsarzt Marx und Medizinalrat Dr. Stürmer ihre Gutachten über den Geisteszustand der Angeklag­ten. Sie bekunden übereinstimmend, daß die Angeklagte zwar hyste­risch sei, von Geisteskrankheit aber keine Rede fein könne. Bei der Angeklagten liege zweifellos eine gewisse Minderwertigkeit vor; ebenso seien Schädigungen durch Syphilis, Alkohol, und Ziga- rettenmißbrauch zu konstatieren, eine Geistesstörung im Sinne des §51 sei jedoch nicht gegeben.

Der erste Fall betrifft einen armenischen Studenten Solikian vus Erzcrnm. Er lernte eines Tages die Tochter der Angeklagten Tennen, die sich alsWen Komtesse von Treuberg" vorstellte. Der junge Mann, der glaubte, feine wirkliche deutsche Komtesse Tennen gelernt zu haben und durch sie in die ferneren Gesellschafts- Treife ein geführt zu werden, verabredete mit dem Mädchen eine Zusammenkunft, zu welcher auch die Angeklagte erschien, die sich aber dabei als S/hwester ihrer eigenen Tochter ausgab. Beide ließen sich dann von dem jungen Mann in verschiedenen Hotels bewirten; .Solikian soll nach seinen .Angaben dafür etwas über 100 Mark ausgegeben haben. Es wurde dabei durch die Angeklagte das Gespräch darauf gebracht, daß ihre Tochter in den nächsten Tagen Geburtstag habe und daß sie sich einen weißen Pudel ge­wünscht habe, den eine adlige Dame in Frankfurt am Main für 100 Mark zu verkaufen hätte. Der Student erbat sich die Gunst, der gnädigen Komtesse" den Pudel zu ihrem Geburtstag (der in Wirklichkeit schon mehrere Wochen zurücklag) schenken zu dürfen.

Vermischte-.

* Ehescheidung des Prinzen Eitel Friedrich. Das von einem sächsischen Blatte verbreitete Gerücht von der an­geblich bevorstehenden Scheidung der Ehe des P r i n z e n Eitel L ri e d r i ch von Preußen wird von zuständiger Seite als völlig aus der Luft gegriffen entschieden dementiert.

* Do p v e l felbstmv rd. Aus Halle (Saale), 18. Nov., wird gemeldet: Der fledjntfler Gabriel-Halte verletzte feine# Geliebte, die Fabrikantenhochter Delitzsch durch einen Revolver-, s^chuß schwer und erschoß sich dann selbst. Das Mädchen gab an.

daß bie Tat in tietberfeitigem Ernverstnndnis verübt Warden fei, weil ihre Hochzeit unmöglich sei.

* Schwindel. Im Zentralarbeitsnachweis in der Gor- 'mannstraßc in Berlin erschien gestern nachmittag ein elegant ge­kleideter Herr, der sich Direktor Bartum aus Reichenbach in Schle­sien nannte und angeblich im Auftrage der Reichenbacher Bürger­meisterei für ein dortiges großes Elektrizitätswerk Arbeiter an- roerben wollte. Er verlangte, die Leute sollten jeder 5,50 Mk. für Fahrgeld mitbringen, zwei Extrazüge zur Beförderung auf dem Görlitzer Bahnhof seien bereits bestellt. Auf telegraphische Anfrage in Reichenbach stellte sich die Sache als Schwindel heraus. Offenbar beabsichtigte der inzwischen flüchtig gewordene Mann den 1000 Arbeitern auf dem Bahnhof die verlangten 5,50 Mk. abzunehmen und darauf zu verschwinden.

* Einbrecherbande. Aus Warschau wird gemeldet: Die _ hiesige Polizei Verhaftete eint Pande hiesiger Einbrecher, die soeben aus Berlin ankam, wo sie bei mehreren großen Ein brächen Juwelen im Werte von 15 000 Rubel erbeutete.

* Ein Dampferunfall oder die bösen Deut­schen. Aus' Buenos Aires, 18. Nov.., wird gemeldet: Die Passagiere des: .in Rio de Janeiro eingetrofjenen DampfersLu­tetia" erklären,' .daß der Dampfer bei der letzten Uebersahrt schwere Havarien hatte. - Seit der Uebersahrt von Lissabon hatten sie kein frisches Wasser, -sondern nur Mineralwasser. Das Maschinen per soilal, unter Jbem sich keine Deutschen befanden, Dcrnxrigcrte beit Dien st wegen mangelhafter Ventilation bei der Heizung. Tie Heizer wurden iriit bdm Revolver zur Arbeit gezwungen. Vdfi Rio de Janeirv wurde auch die dritte Maschine beschädigt, sodaß zuletzt nur noch miit einer Geschwindigkeit von vier Meilen ge­fahren werden konntet Es taurbe versucht, den Deutschen dis -uld für das Vorkommnis ^uzuschieben, weil zwei angcblidj deutsche Stewarde versehentlich die Wasserhähne in der Badctv kämmer auftießen. Die deutsä-en Passagiere ivurden bedroht und blieben in den Kabinen. Der Kapitän erklärte, keine Beweise für eine Sabotage zu haben. The hjesige Vertretung gibt an, den über den Vorfall verbreiteten Nachrichten tu der Presse fern- zustehen.

Diamantendiebe. Aus Antwerpen wird ge­meldet: In einer hiesigen Diamantschleiferei fesselten zwei Individuen während der Mittagspause den Wächter und raubten eine größere Menge Diamanten, die einen Wert von 300 000 Francs haben sollen. Von den Dieben fehlt jede Spur.

* Bazillen als Mittel der Erpressung. Wie der Vossischen Zeitung aus Chikago gemeldet wird, hat dort eine ganze Anzahl der ersten Kreise cntonhme Briese erhalten, in Wen der Schreiber sie mit einer ganz neuen Art Erpressung bedroht. Am 10. September erhielt zuerst Frau Frederiee Steele in Chikago einen derartigen Bries. Als sie ihn aufmachte, sand sie darin eine gallertartige Mässe und außerdem ein mit Schreibmaschine her- gestelltes Schriftstück. Der Brief entbleit 2 Millionen Bazillen. Der Schreiber verlangte 10 000 resp. 100000 Mark für die Heber» sendung eines Heilmittels gegen die Bazillen. Es handelt sich wahr­scheinlich um die sog. Wbllesortiererkrankheit, über die man noch äußerst wenig weiß, die aber nach einer mehrwöchigen Krankheit unbedingt zum Tot« führt.

Wenn man ein X-Strahlen-Kleid trägt . . . Ganz New Bork amüsiert sich heute köstlich über den luftigen ©tireiri), den man kürzlich in Patchogue auf Lang Island einer Anzahl Won jungest Damen spielte, die als Pioniere der berühmten X-Strahlen-Mode den Neid unb die Eifersucht aller jener Frauen erregten, die nicht den Mut fanden, sich mit ähnlich durchsichtigen, zur Indiskretion herausfordernden Gewandungen zu pmhüllen. Die ersten dieser mobernen duftigen Kleider, die so kokett und sorg­los die Körpersilhouetten der schonen Trägerinnen durchscheinen ließen, machten auf Lang Island so großes Aufsehen, daß ein paar unternehmende Leute auf den boshaften Einfall kamen, eine Probe aufs Exempel zu machen und zu prüfen, ob diese modernen Damen auch wirklich den Mut hatten, die Konsequenz der von ihnen an­genommenen Mode zu ziehen. Ein Tanzftst bot dazu willkommene Gelegenheit. Als das Tanzvergnügen im schönsten Gange war, erloschen plötzlich alle Lichter im Saale, und an ihrer Statt ergoß sich jäh die Lichtflut eines starken Scheinwerfers auf die allzu durch­sichtig gekleideten Tänzerinnen. Der Erfolg war verblüffend, die transparenten Damen schrien entsetzt auf, suchten sich krampfhaft zu verhüllen so gut das bei einer X-Strahlen-Toilette eben mög­lich ist und flohen von Lachen begleitet aus dem Saale. Als sie eine Stunde später wieder erschienen, hatten sie ihre schonen durchsichtigen Roben abgestreist unb dafür Kleider angelegt, die weniger verräterisch, dafiir aber durchauslichtsicher" waren.

* Höchst bedenklich.Leidet sie wirklich so an Appetit­losigkeit?"Ja, sie verlangt sogar nicht einmal mehr nach den Sachen, die der Doktor verboten hat."

«Dilemma. Mrs. Newed:Ach, Mama, ich bin in einem schrecklichen Dilemma."Ja, was ist denn?"Heute

abend habe ich Georges Taschen durchgesucU, wie Du es mir angeraten, unb dabei die Briefe geftinben, die ich ihm vorige Woche zum Besorgen gab, unb nun kann ich ihn wegen seiner Dergeßüchkeit nicht ausschimpfen, tveil kl) Angst habe, er schimpft mich aus, daß ich über seine Taschen gegangen bin."

ßanöcl

10 Millionen Mark 5 proz. Obligationen der russischen Aktiengesellschaft Zellstofsiabrik W a l d h o i bei Perna« (Livland), garantiert von dem Stammhause, der Zellftoffsabrik Waldhof bei Mannheim, werben von dem Bankhanfe Baruch Strauß Nachfolger hier zum Kurse von 98"', netto abgegeben ; angesichts der guten Fundierung dieses ?lnlagepapiercfl und des billigen Preises dsiyjte der zur Verfügung stehende Betrag sehr bald vergriffen sein.

Amtlicher Wetterbericht.

Oeffentlicher Wetterdienst, Gießen.

Wetteraussichten in Hessen für Donnerstag, den 20. Nov. 1913: Wechselnde Bewölkung, vorwiegend trocken, etwas kühler, lebhafte westliche bis nordwestliche Winde.

Letzte Nachrichten.

Die deutsch-russischen Beziehungen.

Berlin, 19. Nov. DerBerliner Lokalanzeiger" mel­det aus Petersburg: An offizieller russischer Stelle wird versichert, daß die deutsch-russischen Beziehungen sich seit Jah­ren nicht so herzlich gestaltet hätten, wie jetzt. Beide Regie­rungen seien in allen politischen Fragen vollkommen einig. Der Minister des Aeußern Sasanow äußerte wiederholt seine große Befriedigung über seinen Berliner Aufenthalt. Der Besuch Kokowtzows könne die schon bestehenden guten deutsch­russischen Beziehungen nur aufs neue bekräftigen. Maßge­bende russische Kreise hoffen für die nächste Zeit aus der deutsch-russischen Freundschaft ein ersprießliches Zusammen­arbeiten.

Die Munition der französischen Flotte.

Paris, 19. Nov. Marineminister Baudin teilte einem Berichterstatter mit, daß nunmehr alle Schlachtschiffe der ersten Linie mit neuen Pulvervorräten versehen seien. Be­hufs genauer Prüfung des für die Kriegsflotte hergestellten Pulvers sei in Sevren Livry (Dep. Seine-et-Oise) mit einem Aufwand von 600 000 Frks. ein eigen e5 Laboratorium er­richtet worden, das bereits in einigen Wochen unter Lei-, tung des Professors der polytechnischen Schule, Derzeit, und unter Mitwirkung von Marineoffizieren und Artillerie­ingenieuren seine Tätigkeit beginnen werde. Er fügte hinzu, daß er sich nach dem Falle von Skutari, als die änßere Lage beunruhigend schien, nach Toulon begeben imb im Einri vernehmen mit dem Admiral Gaucher, dem Vorsitzenden der Artilleriekommission, der KrieHsflottille den Auftrag erteilt habe, die Kriegsschiffe unverzüglich mit den erforderlichcni Munitionsvorrätcn zu versehen. Gegenwärtig werde eifrig daran gearbeitet, diese Vorräte durch das neue Pulver zu, ersetzen. '

Erfolg der Jnsurgenten in Mexiko.

New York, 19. Nov. Nach einem Telegramm auS BrownSville in Texas hat der Jnsurgentenführer GonzaleS die Stadt Viktoria eingenommen unb die Garnison bis auf den letzten Mann niedergemacht. GonzaleS meldet, daß diese Schlacht die blutigste der ganzen Revolution ge- wescn sei.

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Heuchelheim, den 19. November 1913.

7540

Für die vielen Beweise herzlicher Teilnahme sowie für die zahlreichen Kranzspenden und für die trostreichen Worte des Herrn Pfarrer Glück sagen wir innigsten Dank. Dank auch dem Gesangverein für den Vortrag feiner schönen Lieder.

Frau Carle und Kinder.

Heinrich Wahl und Frau.

Gießen lFrcmkf. Str. 125), am 19. November 1913.

Tie Beerdigung findet Freitag nachm. 3 Uhr statt.

Heinrich

im Alter von 6 Monaten.

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