Ausgabe 
26.8.1913 Zweites Blatt
 
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Kr. 199 Zweiter Blatt

163. Jahrgang

Erscheint ILßlich mit Ausnahme de« Sonntags.

DieOtetzener FaaiilieNdILNer" werden dem .Anzeiger" viermal wöchentlich beigelegt, das KreisUett (8r Sen Kreis Gieheo" zweimal wöchentlich. Diecandwirtschaftlichen Seit- fragen" erscheinen monatlich zweimal.

Gießener Anzeiger

General-Anzeiger für Oberhefsrn

Dienstag, 26. August 1915

Rotationsdruck und Verlag der Br üblichen Universität« - Buch- und Stcinbrudcrtu R. Lange, Sieben.

Redaktion, Expedition und Druckerei: Schul» flraße 7. Expedition und Verlag: e=ss 51. Redaktion:e^lI2.rel.-AdruAnze,gerGieben.

politische Tagesschau.

Besserung in den Reichseinnahmen.

DaS zwecke Quartal im laufenden Rechnungsjahr läßt sich für die Reichseinnahmen besser an, als das erste Quartal geendek. Während die Einnahmen auS den Zöllen hinter dem Etatsansatz zurückgeblieben waren im April um 6,3 Millionen, im Mal um 10,2 Millionen, im Juni um 11,8 Millionen, ins­gesamt um 28,4 Mill., hat die Julieinnahme 78,9 Millionen oder 18,8 Millionen mehr alS der ctatsmäßige Monatsanteil betragen. Infolgedessen ist der Ausfall an Zolleinnahmcn für die bisher verflossene Zeit deS Rechnungsjahres von 28,4 Millionen auf 9,6 Millionen zurückgegangen, wodurch das Gesamtbild der Enmahmecutwicklung, auch für das verflossene erste Drittel deS laufenden Rechnungs­jahres günstig beeinflußt wird. In diesem Zeitraum haben erbracht die Zölle 230,8 Millionen ober 9,6 Millionen weniger als der int Etat vorgesehene Betrag, die Tabak steuer 3,1 Millionen ober 0,5 Millionen weniger, die Zigaretlensteuer 13,2 Millionen oder 0,8 Millionen mehr, bie Zuckersteuer 59,3 Millionen ober 6,9 Millionen mehr, die Salzsteuer 19,1 Millionen oder 0,9 Millionen weniger, die Branntweinsteuer 69,9 Millionen ober 4,7 Millionen mehr, die EfligsäureverbrauchSabgabe 0,3 Millionen (gleich dem Etatsansatz), die Schaumweinsteuer 3,5 Millionen ober 0,1 Mil­lionen weniger, die Leuchtnuttelsteuer 5,1 Millionen ober 0,1 Millionen weniger, die Zündwarensteuer 7,3 Millionen ober 0,5 Millionen mehr, bie Brausteuer 41,1 Millionen ober 0,5 Millionen weniger, bet Spielkartenstempel 0,7 Mil­lionen ober 0,1 Millionen mehr, der Wechselstempel 6,8 Mil lionen oder 0,4 Millionen mehr, die Börscnsteucr 28,8 Mil lionen oder 1,2 Millionen weniger, die Lotterieftcuer 16,9 Millionen ober 0,1 Millionen mehr, der Frachturkunden stempel 6,3 Millionen ober 0,3 Millionen mehr, bie Per soneufahrkartensteuer 7,4 Millionen ober 0,2 Millionen we­niger, die Kraftfahrzeugsteuer 2,2 Millionen ober 1,0 Millio­nen mehr, die Tantiemesteuer 3,4 Millionen ober 1,4 Mil« lionen mehr, ber Scheckstempel 1,0 Millionen ober 0,2 Mil­lionen mehr, der GruubstücksübertragungSstempel 11,9 Millio neu ober 1,3 Millionen weniger, bie Zuwachssteuer 5,9 Millionen oder 4,3 Millionen mehr, bie Erbschaftssteuer 14,1 Millionen ober 1,5 Millionen weniger, bie Statistische Gebühr 0,7 Millionen ober 0,3 Millionen mehr.

Es stehen sich somit gegenüber Mehreinnahmen im Betrage von 21,0 Millionen Mk. unb Minbereinnahmen im Betrage von 15,9 Mllioncn Mk, so baß bas Einnahme- ergebuis für bie ersten vier Monate bes laufenden Rechnungs­jahres bei einer Gesamteinnahme von 558,9 Millionen Mk. mit einem Plus vou rund 5 Millionen Mk. gegenüber dem anteiligen Etatsansatz abschließt.

Zu den Einnahmen aus Zöllen, Steuern und ®e= bührcn treten noch hinzu die Einnahmen der Reichs post- ü c r m a 11 u Hfl mit 272,3 Mill. Mk., und die Einnahmen bev ReichSeisenbahn Verwaltung mit 53,5 Mill. Mk. Dje Einnahmen der ReichSpvstverwalwng sind damit um 7,9 Millionen Mk. hinter dem anteiligen Etatsansatz zurück­geblieben, die Einnahmen der Reichseisenbahnverwaltung haben den anteiligen Etatsbetrag um 2,3 Mill. Mk. über­troffen. Mithin sind von dem Mehrertrag an Einnahmen alls Zöllen, Steuern und Gebühren 5,6 Mill. Mk. in Ab­zug zu bringen; eS ergibt sich somit für die Gesamtein­nahmen auS den genannten Einnahmequellen, die sich für die ersten vier Monate des laufenden Rechnungsjahres auf 885,3 Mill. Mk. belaufen, ein Ausfall von 0,5 Mill. Mk. Demnach ist eine wesentliche Besserung gegenüber

dem biSherigen^Stande der Reichseinnahmen auf Grund der Einnahmcentwicklung im Juli festzustellen.

Ter Statthalter von Elfaß-Lothringen, Graf Wedel ist zu einem mehrtägigen Aufenthalt in Berlin cingctroffcn. Wie verlautet, so schreibt man uns von dort, wird der Statt­halter mit dem Reichskanzler Besprechungen über elsaß. lothringische Fragen pflegen, vor allem darüber, ob dem Reichstage ein Entwurf über eine Beschränkung des Verein s- und Presserechts in den Reichslan­den vorgelegt werden soll. Bekanntlich hat der Statthalter einen solchen Antrag im Bundesrate gestellt. Der Reichs­tag hatte aber, bevor der Bundesrat hierzu Stellung ge­nommen hatte, kein Hehl daraus gemacht, daß ein solcher Ent­wurf keine Annahme im Reichstage finden würde. Jeden­falls muß sich der Bundesrat demnächst mit dem vorgelegten Antrag beschäftigen, sowie er seine Arbeiten wieder auf- nimmt. Wie wir hören, besteht Aussicht, daß die Angelegen­heit im Bundesrate nicht zur Entscheidung kommt, da die elsaß-lothringische Regierung ihre Ziele auf einem anderen Wege erreichen will, der der Zuständigkeit des Reichstags nicht untersteht. In Straßburg scheint auch eine mildere Auffassung jetzt zu herrschen und man hofft mit Verwalt waltungsmaßnahmen auszukommen.

*

Gilt das Wehrbeitragsgcsetz auch für die Kolonien?

In den Kolonien war die Befürchtung ausgesprochen worden, daß der einmalige Wehrbeitrag auch von Kolonialdeutschen entrichtet werden müßte. Aus Anfrage an zuständiger Stelle ist einer Berliner Kolonialgesellschaft mitgctcilt worden, daß die Kolonien die staatsrechtlich Ausland find nicht unter dieses Gesetz fallen, daß also der Grundbesitz in den Kolonien auch für Jnlandsdeutsche nicht zur Steuer heran­gezogen wird und Deutsche in den Kolonien zur Wehrbei­tragsentrichtung nur herangezogen werden können, sofern sie ihren dauernden Wohnsitz in der Kolonie noch nicht län­ger als 2 Jahre haben, vorausgesetzt, daß sie vor diesem Termine in Deutschland ansässig waren.____________________

Qccr und Flotte.

Die Bildung eines Reserve-Offizierkorps ber Flieger truppen ist seitens ber deutschen Kriegs­ministerien in bie Wege geleitet worben. Zurzeit bestehen zwar selbstänbige Fliegertruppen noch nicht, die Militär- slieger sind gewissermaßen Bestandteile der Luftschiffer- bataillonc. Mit der Zeit werden aber wohl auch Fliegcr- abteilungen gebildet werben unter selbständigen Führern. Um für diese Truppe einen Stamm für den Krieg zu schaffen, sollen möglichst viel Flieger aus der Armee ab­gesehen von den abkommandierten Fliegeroffizieren zur ÄÜlitäraviatik herangezogen werden. So ist Einjährigen aller 2ßaff en gatt ung en, bic auf dem Gebiete derFlieger- kunst bewandert sind, gestattet worden, sich für das zweite Halb­jahr zu Fliegerabteilungen abkommandieren zu lassen. Sie müs­sen hier ihre Fliegerprüfung ablegen und können als Fliegeroffi­ziere der Reserve später Verwendung finden. Auch Zweijäh­rige, die im Flugwesen tätig sind, können bei diesen Flieger­truppen Verwendung finden. Es ist auch geplant, beson­ders fähigen Mechanikern der Flugzeugbranche die Berechtigung zum einjährigen Dienst zuzuerkennen, falls sie durch eine Prüfung Nachweisen, daß sie über genügende Kenntnisse der Branche verfügen, die zur Aus­bildung als selbständiger Flieger genügen. Durch diese Maßnahmen will man für den Ernstfall einen Stamm von Reservefliegeroffizieren bilden, da die Zahl der _ aktiven Fliegeroffiziere nicht ausrlkichen wird unb der größte Teil

der Fliegerosfiziere wieder bald zur eigenen Truppe zurück- tritt, also ständig mit dem Flugwesen nicht in Berührung bleibt.

Kirche und Schule.

Die evangelische Saminlnng für die Nationalspenbe zum Kaiserjubiläum zugunsten bca christlichen Missionen ist seit der letzten Tlüteilung anfangs Juli wieder um 233067 Mk. gesnegcu, so bau bad bisherige Enbergebuiö 8441170 Mk. betragt. Ta immer noch nachträgliche Beiträge entlaufen, wird gebeten, alle etwa noch auSstchenben Betrage spätesten» bi« ginn 81. August an bat Baut» hanS Delbrück Schicki er u. Eo., Berlin, Mauerstr. 6266, abzuführen

Verbandstag Deutscher Milchhandler-Vereine.

** 2 e i vzra. 26 August

Unter zahlreicher Beteiligung seiner Mitglieder aus dem gan­zen Reiche trat hier imBuchhändlerhos" der Verband Teutscher Milckhänbler-Vereine zu seinem 9. Berbandstag zusammen Ter Berbandssynbikus Tr. Kraus; ,Berlin) erstattete den Geschäfts- bericht über die beiden Jahre 1911 12 und 1912 13. In einer gan­zen Reihe von Vorstandssitzungen wurde der Entwurf eines Rcichsmilckgcsetzcs beraten und fertiggestellt, und et ilt gelungen, eine Anzahl Abgeordneter für bie H.Mebungen des Ver­bandes zn gewinnen. Weiter wurde beraten die rtragc einer Reichs­anstalt zur wisscnschastlrcku'n Erforschung der Milchwirtschaft, und es floht zu hoffen, baß int Laufe der neuen Session des Reichs­tages bav Milchgesetz zur Verhandlung kommen wird, umsomehr, als sich Reichstagspräsident Kaempf lebhaft dafür interessiert. In der Frage bes M i l ch t r a n s v o r t e s auf der Eilen»- bahn haben die Bemühungen des Verbandes bereits zu ber Ab­stellung einer großen Reihe von Ucbelüänbcn geführt, namentlich soweit Berlin in Betracht kommt. Ein Antrag beim Justizminister, die P o l i z c i str a f e n, gegen welche gerichtliche tfhitidietbmifl be­antragt wird, nicht als Vorstrasen anzusehen, ist seitens des Justiz- minifteriums unbeantwortet geblieben.

Tas Dauptthema ber Tagung, btc Einführung eines

Reichs milch gesetzes

behandelte Syndikus Karl Krauß Berlin) in eingehenden Aus­führungen. Als wichtigster Punkt des (Mehe-3 müsse unbedingt ver­langt werden die Kontrolle im Stalle bc» Sanbrot r t 5. Rur bann kann gute schmutzfrcic Milch an bie Verbraucher abgeführt werben. Wenn ber Milchl-anbler die Milch schmutzig erhalt, kann er sic wohl äußerlich reinigen; ber Schmutz, beit mau sieht, tit aber nur ein Fünftel des beim Melken htiteingckommeneu Schmutzes, vier Fünftel des Schmutzes, der Kuhkot, löst sich vollständig auf und ist nicfc mehr aus der Milch heraiwzubringcn. Es liegt also int bringcnbücn Interesse des Publikums, baß bic Milch beim Land­wirt im Stalle kontrolliert wird. Jede Pomcivcrwaltung int R. ich hat das Recht, Fettbcstimmungen zu erlassen. Hier ist die Fett- grenzc 2,4 Prozent, dort 3,5 Prozent. .Hier ist also der Milchhanblcr, der Milch mit 2,7 Prozent verkauft, ein reeller Mann unb hort ist er ein infamer Fälscher. Es muß deshalb bie ganze Milch- Versorgung rcichsgesetzlich geregelt werden. Zum Schluß beantragt der Redner eine Aenderung des 8 2 des Nahrungsmtttclgcseszcs dahin, daß bei amtlichen M i l ch p r ob eent n a h m e n zu Mer- trollzweckcn eine Gegenprobe beim MilchHändler zu­rück g e l a s s c n werden muß. Der § 17 des Nahrungsmittelge,- setzcs müsse dahin abgeänbert werden, daß die Strafgelder nicht mehr in die Kassen der Untersuchungsämter fließen sollen, die bie Anzeigen erstattet haben. Tie beamteten Nahrungsmittelchemiker, bie bann am meisten Anzeigen burch führen, stehen in den Augen ihrer Behörden als besonders tüchtig da. Sie füllen die Kassen ihrer Aemter und entlasten somit den Staat. Endlich betonte der Redner, daß der Milchhändler eine wichtige Pflicht zu erfüllen habe: Tie Versorgung des Volkes mit dein edelsten Nahrunge- mittel. Tiefes Amt in jeder Beziehung voll und ganz auszusullen, wird von dem organisierten Milchhandelgewerbc als eine Ehreir- pflicht aufgesaßt. Taß dies das Publikum erfährt und Schulter an Schulter mit den Produzenten die Kvntrollc ausübt im In­teresse der Volksgesundheit, ist mein gatu besonderer Wunsch. (Stür­mischer Beifall.) , . .

In der Aussprache fprach Dr. Müller vom landwtrtichait- lichen Institut ber Stabt Leipzig. Er stellte sich im allgemeinen auf den Standpunkt des Vorrebners und betonte, baß auch fein Institut bie Schaffung eines Reichsmilchgefetzes anstrebe, ebenso bic Kontrolle an ber Probuktionsstüttc. Dr. Röhrig vom stabtischen Untersuchungsamt in Leidig betonte, daß die Kontrolle an der Probuktionsstätte den Sandwirten keine Schikanen verursachen dürfe.

Am Schluffe des heutigen Beratungstages wurde in das Pro­gramm ein Vortrag überKonzcsswnicrung oes Mildchanbclb"

Napoleon während der Schlacht bei Dresden.

(26. und 27. August.)

Trüb hämmert der Morgen des 26. August heran. Sckpvcre Regenwolken wälzen' sich nach Osten. Von Böhmen her dumpscs Kanoncngcbrull. Am Mordgrund bei Trcsden, wo sich die Straßen nach Bautzen und PUlnitz trennen, ein kleiner, untersetzter Reiter, in einem unfcheinbaren ?rauen Oberrock, weißen Beinkleidern, hohen Ecuyersne ein, einem kleinen, gestutzten Hut nach dem Muster Fried­richs des Großen auf einem Schimmel: Napoleon unb neben ihm einige Generäle. Er hat eine durcharbeitete, schlaflose Nacht und einen anstrengenden Ritt hinter sich, nnb dock ist auf diesem Marmorgesicht keine Spur von Müdigkeit oder llcbcranftrengung zu bemerken. Stumm und steif wie eine Statue betrachtete er das gegenüber liegende Gelände, auf dem sickr die Schlacht entwickeln foIL In einem riesigen Halbkreise haben die Verbündeten Dresden umschlossen. Plötzlich, mit einem kurzen Zuruf an fein Gefolge, wirft der Kaiser sein Pferd herum, und jagt mit feinem Stabe in ge­strecktem Galopp auf Dresden zu. Sein Erscheinen wird mit Begeisterung aufgenoinmen. "Dresden glaubt sich bereits allen Greueln der Zerstörung preisgegeben, da erscheint mit einem Male der Retter Napoleon.Vive l'Empereur!" durchbraust es tausenbfrimmig die Straßen und jagt es hinaus dis in die Vorposten, bie nahe am Feind stehen. Bive l'Empereur!" hören auch die Generale der Verbün­deten: sie wissen also, daß der Korse, den sie noch in Schlesien wähnen, ihnen gegenübersteht: sie nnssen also, mir wem sie es zu tun haben. Napoleon stellt sich an der Brücke in Dresden auf und läßt die Truvpen an sich vorbei- marschieren. Mit brausendem 5?urra geht es an ihm vor­über, dem Tod entgegen.Sie können auf uns zählen, Sire, wir werden fechten, wie die alte Garde!" Dies ist dev Geist der jungen Garde. Ein Bienenschwarm um ben Kaiser herum! Adjutanten sprengen heran, knapp unb mir Berthier verständlich, zischt der scharfe Mrmd Napoleons bie letzten Befehle. Tann loendet er sein Pferb unb reitet mit kleinem Gefolge bie Schlachtlinie ab.

Kapitän von Borte, ber damals bei ben westfälischen

Hilistruppen stanb, hat von diesem Ritt ein plastisches Bild des Kaisers hinterlassen.

Alle bexfenben Gegen stäube ber Umgebung waren auf Schuß weile von fcinbttchen Truppen besetzt, bereu Kugeln Napoleon unb seinem Gcwlge um die Ohren pfifsen. Einzcknc aus dem Gefolge wurden getroffen, was ber Kaiser gar nicht bemerkte, aber Tür ihn war keine Kugel ba und er schien bie Gefahr nubt zu ahnen Auf seinem Marmorgesicht lag unveränberlick Gleich mut, fltulK und ein eigentümlicher, nur ihm eigner, kalter und teilnahmsloser Ernst, gleich als ob er von dem, was um ihn vor­ging, nichts höre n nb sähe: um ihn herrschte trotz der ihn be­gleitenden Menschenmenge eine so tiefe, feierliche Stille, daß, wären bie Tritte ber Pferche unb das durch bic Kugeln hervor- gebrachte Geräusch nicht gewesen, man ein Blatt voiy Baume hätte fallen hören können. Nur sprach er, indem er sich leicht umwandte, zuweilen einige Worte, meist zu Bertlüer, welcher faß ununterbrochen den .\yut in der £>aitb hielt, ober dos Kaisers Worte galten einem Befehl ;ür einen anderen der Großen, der sich dann aus einen unmerklichen Wink, ben Hut in ber Haub haltend, mit Unterwürfigkeit nahte und, nad-bem er abgefmtgt war, entweder sein Pferd anhielt oder auf seinen Platz zurücklehrte ober zur Ausführung eines Befehles abritt. Im Anschauen konnte ich mich bes f'lcbanitn5 nicht erwehren, er sei nicht Mensch, wenn meine Embübungskran audi keinen Gott, sondern ein anderes, noch nickt bageivesene-5 unbegreisluhes Wesen in ihm zu sehen glaubte. Es schien mir, daß, der Kaiser anderen Naturgesetzen unterroorren sei, wenn ich bie Gefahr erwog, in welcher er sich in diesem Augen­blick befand."

Bor feinen Augen gehen Löbtau und dasFeldscklöß- chen'" verloren. Napoleon bleibt ruhig: er ist seiner Sache so sicher, daß er zum sächsischen Ätiegsminifter von Gers- dorf sagen Tattn:Wahrhaftig, sie greifen uns an, was sie doch nicht tun sollten, ba sie wissen müssen, baß ich mit meiner ganzen Armee hier bin!" Napoleon hat für biesen Tag Recht behalten. Bor Treiben rauschte noch einmal ber rolle Glanz her finTenben Kaiser Herrlichkeit auf. Als bie Nacht herernbrach, hatte sich her Sieg eigentlid) schon zu Napoleons Gunsten entschiehen. Weit in die Nacht Hinein saß er im Schloß zu Treshen unb biftierte bei mattem Lampenlicht Befehle für ben kommenden Tag. Als die schweren Schritte des Korps Viktor unb des Korps Mar- mont, die noch rechtzeitig zur Unterstützung eintrafcn und ba£ Schicksal der Schlacht eutschieben, zu ihm hinaufkstmgen,

sagte er zu Berthier:Ich glaube, bic Alliierten haben eine Dummheit begangen, hier auszuhalten." Das war richtig, aber in ben nächsten Tagen war bicDummheit" hurchaus auf Seiten Napoleons, wie es bic Tage von Kulm unb Katz- bad) bewiesen.

Tas fliegende Zweirad. Dutzende von Erfindern haben sich m't dem Problem des stiegenben ZmeirabeS beschäftigt. Man hatte für biesen neuen Apparat bereits einen entzückenben Namen gesunben: Aoiette. Leider widT*von der geplanten Ersm- bung and) nur bieser Name übrigbleiben Ein Wettbewerb in Frankreick, verbunben mit einer genauen wissenschaftlichen Prüfung ber Mobellc, hat ba« völlige Fiasko be« Problems ergeben. Es waren bic sonberbarsten Kombinationen vorhanben. Ter eine Apparat verlegte ben Führerütz nach hinten unb bic Tragflächen nadi vorn, ber anberc ben Führerütz nach vorn unb bic Tragflächen nach hinten. Bald waren Die Flügel fest nnb unbeweglich über bem Fnhrersttz anqebrackt, balb durch einen kleinen Notationsmotor in Bewegung gesetzt unb sollten den Flug der Vögel nachahmen. Einzelne Erfinder haben mit dem fliegenden Zweirab nodi vropeller- artige Gebilde, bie balb vorn, balb hinten an ber Maschine ange­bracht worben waren, verbunden. Tas Grundprinzip war aber immer das gleiche: ber Rabfahrer sollte sich ohne Zuhilfenahme ber motorischen Kraft in ber Luft wie an ber Erbe bewegen. Es mgr ein utopischer Gedanke. Soeben hat Üerr Eonsiantm, wie bie giahire* mitteilt, in bet Gcsellichasi für Lnltichiffahrt in Paris auf Grtinb einer soliben mathematischen Berechnung, bie vollstän- bige Aussicktslosigkeit der praktischen Seprunbung bieses Problems ngchgewiesen, unb gn sämtliche Eninber bie Bitte gerichtet, Nch nicht weiter mit bicter Utopie zu befchäitigen. Doron scheitert beim bie­ses Problem? Weil bie Mgschine nur bann ben nötigen Stützpunkt, bic nötige Tragfähigkeit erlangen kann, wenn sic eine gyvch'c Gc- schwinbigkclt erreicht hat. Tieje Geschwinbigkcit läßt sich zunächst mit bloßer Meiifchenkrasl nicht erreichen, ferner wirb stets ein Wibcrlpruch zwischen ber Größe ber Tragflächen unb bem Schwer­gewicht bestehen. Es müßten Tragflächen verwendet werben, bie durch ihre Größe nnb ihr Gewicht für biejen Ziveck völlig illusoriich werben. Um 75 Kilogramm - als Gcwichifatz für Flieger und Maschine wahrlich nicht zu hoch gegriffen zu tragen, wären 20,5 Cuabratmetcr Tragfläche nötig. Dieser setzt bie Luft 388 Gramm Wiberstanb pro Quadratmeter entgegnen, bg= heißt glso. dieAvi- eite* Halle 1,8 Kilogramm pro Kilogramm be5 Gesamtgewichts an Widersranb zu überwinden. Dazu wäre em Auftrieb nötig, btt ohne molorifche Kraft nicht erreicht werden kann.