Ausgabe 
23.7.1913 Erstes Blatt
 
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Die heutige Nummer umfaht 10 Seiten.

Mitte Schritt für Schritt ihm nach. Es ging langsam und für uns, die wir nur allerdings mit aller Vorsicht in die gemachte Stusc zu treten hatten, nicht anstrengend. Es blieb uns Zeit, während wir, die Füße fest in die Stufen ge­treten und die Eispickel kräftig in den Schnee geschlagen, an der Eiswand hingen, hcrumzusehen, nach dem Grat, den Felsen zur Linken, in den nür zunächst einsteigen mußten, und hinunter in die Tiefe der Eismulde, die wir verlassen hatten.

Der Einstieg in die Felsen war auch nicht so leicht, denn wo steile Felsen in einen Gletscher fallen, bildet sich gar oft eine Randklust, die den Eintritt schwer oder gar unmöglich macht. Wir hatten scharf ausgespäht und eine Stelle entdeckt,' wo eine Schneebrücke nach den Felsen hinüberzuhängen schien. Dort­hin richtete unser Führer seinen Schlangenweg. Wir erreichten die steilgeneigte Schneebrücke und kamen glücklich in die Felsen. Nun gab es eine richtige Felskletterei, bei der mit Hän­den und Füßen gearbeitet werden mußte. Sie sührte uns auf den Grat, der, durchschnittlich etwa 3100 Meter hoch, die Scheide zwischen Gößgraben und der jenseitigen, von dem mäch­tigen Hochalmkees erfüllten, über dem Maltatal liegenden Hoch­fläche bildet. Wir schauten noch einmal zurück auf die Fels- und Eis­wände, die wir soeben heraufgekommen waren. Sie sahen so jäh aus, daß mein Reisebegleiter meinte, wären wir von der anderen Seite gekommen und hätten jetzt vor, hinunterzugehen, so würde er sich unter allen Umständen weigern, das zu tun. Wir schauten auch den Grat entlang nach der Steinernen Mandln, die nun recht nahe mären, recht nahe, aber, für uns doch unerreich­bar, so scharf und jäh wird hier der nach ihnen laufende Grat. Da hinüber und über sie hinaus nach dem Zsigmondykops, das wäre eine Kletterei für einen Erstklassigen, zu denen die Brüder Zsigmondy gehörten, die hier herumsttegen, zu denen wir uns aber nicht rechnen.

Inzwischen hatte sich der Himmel in graues Gewölk gehüllt, weswegen der Blick nur in die nächste Nachbarschaft reichte. Nun sing es auch an zu graupeln. Schöne Aussichten für die weitere Wanderung! Wir suchten an der Nordseite des Grates eine geschützte Stelle, um zu rasten. Speck, Käse und Brot bildeten unser einsaches Mahl: dazu mundete ein Schluck süßen Tees vortresflich. Mein Wandergenosse kam im Gespräch immmer wieder auf den ins Auge gefaßten Bau eines den Anstieg erleichternden < Steiges. Nun, auch dieser Plan soll ja noch in diesem Sommer zur Ausführung kommen. Die Sektion Rudolstadt hat

Die Sage auf dem Vallan.

Eine Erklärung der bulgarischen Regierung.

Sofia, 22. Juli. Der Minister des Auswärtigen, Genadieff, gab gestern in der Sobranje die bereits angekündigte Erklärung ab.

Er sagte u. a., er betrachte es als seine Pflicht, zu betonen, daß die Regierung, seitdem sie die Geschäfte übernommen habe, von allen Mächten nur gute und aufrichtige Ratschläge erhalten habe, und warme Sympathie für ihre Bemühungen, der Krise ein Ende zu setzen, gefunden.Wir werde,: trachten," fuhr der Redner fort,diese wohlwollenden Absichten der Mächte weiter zu entwickeln und zu stärken, indem wir diese vor allem von der unerschütterlichen und ehrlichen Absicht Bulgariens überzeugen, loyal mitzuarbeiten an ihrem Werke där Wiederherstellung des Friedens und dadurch unsere Achtung vor ihren Ratschlägen zu beweisen. So stark auch das Recht Bulgariens ist, so groß auch die Qualitäten des bulgarischen Volkes sind, glauben wir dennoch, daß unsere Interessen nur dann am besten gewahrt sein werden, wenn wir mit den allgemeinen Interessen des zivilisierten Europas gemeinsame Sache machen, wenn wir jenem Solidaritätsgefühl der Zivilisation gehorchen werden, das schon Pichoneuropäischen Patriotismus" nannte. Wir konnten da^ Wohlwollen der Mächte auch gelegentlich des Einfalls der türkischen Truppen in unser Gebiet jenseits der Linie MidiaEnos sehen. Allerdings haben die von den Botschaftern der europäischen Mächte unternommenen Schritte noch nicht den vollen Erfolg gehabt: aber wir haben die Zusicherungen, daß die Großmächte, unter deren Leitung unsere; Grenze gegenüber der Türkei festgesetzt ist, es nicht zulassen werden, daß die Türkei sich jenseits dieser Grenze festsetze. Andererseits rechnen wir darauf, daß auch bei der Pforte die Einsicht die Ober­hand gewinnen werde über böse Leidenschaften, die danach angetan sind, die in den letzten Zeiten angebahnten Versuche zur Her­stellung freundschaftlicher Beziehungen zwischen Bulgarien und der Türkei, wie sie den wechselseitigen »Bedürfnissen der beiden Nachbarvölker entsprechen, zum Scheitern zu bringen. In diesem

j m a r s ch bereit. Es war noch völlig Nacht. Tie Laterne mußte deshalb angezündet werden und anfangs aus dem Weg führen. Wir erreichten wiederum den Gößbichl, wo wir einen kleinen Halt machten, um uns noch einmal den für unsere Sektion so bedeutungsvollen Platz anzusehen. Inzwisäten hatte sich der Tag genähert. Ein dunkel brennendes Morgenrot lag über den Bergen, das einen Witterungswechsel befürchten ließ, der Himmel war noch wolkenfrei, aber seine graublaue Farbe ließ auf eine bevorstehende Trübung schließen.

Vom Gößbichl, der in der Nordseite des gewaltigen Felsen- rundes des oberen Gößgrabens liegt, steigt man am Fuß des Winterleitens empor, des Querriegels, der jenes Rund nach der nordöstlichen Seite abschließt. Es geht zuerst mäßig auswärts über Fclsgeröll, zwischen dem noch Alpengräser und -blumen üppig wuchern. Aber es dauert nicht lange, so kommt man in nacktes Felsgebiet, das man überklettert, um den Rand des hier unter der Hochalmspitze hängenden Gletschers zu er­reichen, des westlichen Trippkeeses. Hier legten wir Seil und Steigeisen an. Wir hatten keine eigenen Steigeisen bei uns, deswegen hatte unser Führer geliehene mitgebrachl. Tas ist immer eine mißliche Sache. Passen sie nicht ganz, ttric das bei den meinigen der Fall war, so können sie zur Gefahr werden.

Der gerade Weg von: unteren Rand des Trippkeeses zur Hoch­almspitze führt an den Fuß des südlichen sehr steilen Absturzes, der nur in schwerer und gefährlicher Kletterei überwunden wer­den kann. Etwas bequemer ist der Aufstieg über den von der Hochalmspitze südöstlich nach dem Z si g m o n d y ko p f laufen­den Grat, auf den man von» der Nordostecke des Trippkeeses kommen kann. Dorthin strebten wir. Zuerst ging es mäßig ansteigend über den Gletscher, aber schon sperrte eine breite, gäijnenbe Kluft unseren Weg. Das trockene Jahr hatte mehr wie sonst den Schnee der Gletscheroberslächen aufgefressen und sonst verborgene Eis- schründe aufgedeckt. Eine schmale Schneebrücke vermittelte den Uebergang. Bald hatten wir uns dem steilen Anstteg zum Grat genähert. Wir standen in einer Eismulde, die sich im Halbrund vor uns an den Wstürzen hinaufzog und aus der, überragend und einfassend, die Felsen emporstarrten. Gradaus über uns lief der zackige Grat dahin mit seinen zwei Felstürmen in der Mitte, den Steinernen Mandln. Wir stiegen empor, es wurde steiler und steiler, derSchneidersepp", der voranging, roanb sich, Stufen tretend und schlagend, in Schlangenlinien aufwärts, wir am Seile dahinter mein Wandergenosse in der

Sinne richteten wir an den Großwesir unsere Depeschen." Der Minister sprach schließlich die Hoffnung aus, daß es der ^Regierung durch ihre loyale Politik des Friedens und der nationalen Würde möglich sein würde, eine befriedigende Lösung des gestellten Pro­blems sicher zu stellen. Tic Mission, die die Regierung über­nommen hat, und an deren Durchführung sie sofort nach ihrer Bildung geschritten ist, bestand dann, das Königreich durch einen ehrenvollen Frieden aus der gegemvärtigen Krise zu befreien. Die Schritte, die >vir bei der rumänischen Regienlng zur Wieder­herstellung freundschaftlicher Beziehungen zu Bukarest untcrnabimcn, bildeten die erste Bekundung unseres Entschlusses, mit den dringend­sten Mitteln auf die Durchführung unseres Programms hinzu­arbeiten. Die Antworten, die wir von Rumänien erhieltet:, über­zeugten uns, daß unsere Initiative bei ihr demselben WunsclZe begegnete, sobald als möglich der abnormen Lage zwischen den beide:: Völkcrit, zwischen denen nach ihrer gemeinsanien Vergangen­heit und ihren gemeinsanten Interessen die größte Harmonie be­stehen sollte, ein Ende zu machen. Wir sind nach wie vor überzeugt, daß diese natürliche Harmonie trotz der letzten Mißverständnisse ihren Ausdruck in einer festbegründeten politischen Frcundsclmst finden könne. Um zu diesem sreundschaftliclxn Verhältnis zu ge­langen, brachte Bulgarien alle möglichen Opfer. Tiefer Beweis unseres guten Willens wurde von der rumäniüben Regierung und den Großmächten gewürdigt und es ist unsere Ueberzengung, daß er ein genügendes Unterpsatw unseres festen Entschlusses sein wird, mit unseren Nachbarn intime und herzliche Beziehungen zu unterhalten. Ich möchte demgemäß erklären, daß unser Ein­vernehmen mit Rumänien auf gutem Wege ist. Die Ergebnisse sind nicht vollständig, versprechen jedoch ein Fortschreiten für die nahe Zukunft. Nachdem die Regierung mit Rumänien Verhand­lungen eingeleitet hat, tritt sie mit Serbien und Griechen­land in Verhandlungen. Auf Einladung der russischen Regierung entsandten wir zwei Delegierte, die die Friedensverhandlungen beginnen sollten. Wir entsprachen damit nicht bloß den wohl­wollenden Ratschlägen Europas, sondern führten gleichzeitig einen in der ersten Stunde gefaßten Entschluß der Regierung aus. Wir glauben, der Entschluß entspricht den Wünschen der Bulgaren und den höchsten Interessen Bulgariens. Wir können über die bevor­stehenden Verhandlungen erklären, die Regierung wünscht fest und ausrichtig einen ehrenvollen Frieden abzuschließen. Wo die Ver­handlungen stattsinden, ist noch nicht festgestellt. Wir sind von dem Wunsche des Kabinetts in Bukarest verständigt, durch einen Gesandten an den Verhandlungen über der: allgemeinen Frieden ans dem Balkan teilzu nehmen, worüber wir unsere vollkommene Befriedigung anssprechen, da wir Grund haben zu glauben, daß Rumänien, erfüllt von dem Bewußtsein und der Notwendigkeit, eine dauernde Sage auf der Balkan Halbinsel herzustellen, im Geiste der Versöhnung und Unparteilichkeit vorgehen toirb. Während fiefr cinerseits die Aussichten für den von der ganzen Welt so heiß ersehnten Frieden eröffnen, muß ich andererseits bedauernd feft' stellen, daß die Serben und Griechen ihre Angriffe gegen uns erneuern. Dank der Festigkeit und unerschütter­lichen Moral der bulgarischen Armee, der ich hier die begeisterte Liebe und Anerkennung unserer aller ausdrücken will, (Lebhafter Beifall) wurden alle Angriffe zurückgeschlagen. Ich kann indessen nicht umhin, mein Bedauern darüber auszudrücken, daß dies neuerliche Blutvergießen sich gerade in dem Moment ereignete, wo die Mächte den Kriegführenden nachdrücklichst empfahlen, ein­ander die Hand zu reichen.

Die Friedensverhandlungen.

Wien, 22. Juli. Der Politischen Korrespondenz toirb' aus Belgrad und Bukarest gemeldet, daß eine rasche Verständigung Bulgariens mit seinen Gegnern um so eher zu erwarten ist, als letztere nicht die Absicht haben, eine Beilegung des Konfliktes übermäßig zu er­schweren. Ter türkische Vormarsch auf Adriano'pel rief in Belgrad peinlichsten Eindruck hervor. Es wird betont, daß sich die Türkei durch ihre Haltung nicht nur zu Bulgarien, sondern auch zu der Gesamtheit der Ver­bündeten in Gegensatz bringe.

Bukarest, 22. Juli. Die rumänische Regie­rung hat an den bulgarischen Minister Ghonadiew eine Antwort auf die bulgarische Note gerichtet. Ter erste Punkt setzt genau die strategische Grenze Turtukai Dobritsch Baltschik fest. Ter zweite Punkt erhält

Die Gießener Hütte aus dem Eöhbichl.

Von Otto Altendorf -Gießen.

III.

Eine Besteigung des Ankogels und der Hochalmspitze.

(Schluß.)

Für die Besteigung der Hochalmspitze unterstützte uns das Ehepaar Kvhlmayr mit Rat und Tat. Wir mußten auf der Trippochsenhütte übernachten, tonnten aber nicht dar­aus rechnen, bei dem Halter Speise und Getränke zu finden. Frai: Köhlmayr stattete uns mit dem Nötigen aus, vor allem mit einen: großen Stück Speck und kräftigem Kornbrot. Die Wanderung sollte auch dem Zweck dienen, den Hüttenplatz genau zu bestimmen und für die schon damals ins Auge gefaßte An­legung eines Steiges vom Hüttenplatz zum Gipfel der Hoch- almsprtzc den Anstteg zu untersuchen. Bis zum Hüttenplatz ging ein Zimmermann auS Malta, der sich um bei: Bau beworben hatte, mit. Der Bergführer Josef Klampserer, betSchneider- scpp", der für ben Bau des Steigs auf die Hochalmspitze in Betracht kam uni) uns deshalb bei der Besteigung begleiten sollte, erschien ebenfalls gegen Abend auf dem Gößbichl.

Bei eintretender Dunkelheit kehrten wir in der Tripp- ochsenhü11e beim Halter ein. Er nahm uns mit freudigem Entgegenkommen auf_ und bemühte sich dienstfertig um unfer Wohl (V-r war mit Speise unb Trank besser als erwartet aus­gerüstet, konnte mit Tee, Zucker und Eiern aufwarten, selbst einen kräftigenSchmarren" setzte er uns vor. Bor dem Schlafen- . gehen traten wir noch einmal aus der Hütte und bewunderten die sternenhelle Nacht. Gespenstig hoben sich die Berge der an- : Heren Talseite ab. Ob das Wetter uns am folgenden Tage treu P bleiben wird? Dann stiegen wir die Leiter hinauf zum i <jW)cn, in dessen Heu wir uns eine Lagerstätte bereiteten. Wir : Kiefen, in unsere. Bergmäntel gehüllt, unb der Rucksack diente | Kopfkissen. Es war ein ziemlich lustiges Uebernachten. Der ' mjinb war stärker geworden und strich nun durch die Tach- ' schindeln und über unsere Köpfe. Das fnnb^rtc aber meinen ! Wandergenossen nicht, in kräftiges Sckmarchkonzert zu beginnen.

Es war zwischen 2 und 3 Uhr, als wir uns erhoben. Die morgendliche Pflege des Leibes war rasch erledigt, auch der Tee genommen, und so standen wir kurz nach 3 Uhr zum Ab­

staaten und taten, was sie wollten. Unb wieder behielten die Großmächte sich alles vor und nochmals kamen die Bal- kanier. Es ist ein grotesker Wechsel tanz, der von feiner Ro­lnik nur dadurch verliert, daß- er so viel tragijckie Folgen für die Staaten und die Einzelnen 'in sich birgt. Nun kommen wieder die Vorbehalte. Denn die Türkei rückt vor und niemand Tann sie zum Stehen bringen. Es ist wie eine aus­gleichend gerechte Hand, die in des Schickfalsrades Speichen greift und es nun nach der anderen Seite dreht. Die Groß­mächte ernten auch hier, was sie gesät. Dicht vor dem ersten Balkanwaffengang, bevor Nikita losschlirg und die Bulgaren die thrakische Grenze überschritten, hatte die Türkei recht­zeitig zuManöverzwecken" große Truppenmassen in Europa angehäuft. Tann kamen die Botschafter der Mächte in feierlichem Aufzuge und erklärten, das europäische Kon­zert würde keinerlei Veränderungen, keinerlei Verwicke­lungen auf dem Balkan dulden. Die Türkei könne ruhig ihre Truppen nach Hause schicken. Garantie für ihre Sicher­heit sei Europa. Tie Türken glaubten . . . Trotzdem kamen die Bulgaren, kam das Unglück über Kirkilisse, Lüle Burgas, Adrianopel. Jetzt reitet Enver Bep, der Held des konstitu­tionellen Putsches, der geniale Verteidiger Afrikas, an der Spitze seiner Bergvölker in den blutigen Morgen. 2ie Erde schweigt, lein Donner aus ehernen Kanonen sch lünden rollt ihm entgegen. Nur die Gebeine der gemordeten Brüder weisen ihm durchs öde Land ben Weg. Und endlich blinken fern die Spitzen der Minarette der alten heiligen Kalifen­gräberstadt. Adrianopel-, die Verlorene, harrt der Reiter . . .

Weltgeschichte, Weltgericht. Verborgen hinter dem Pup­penspiel' der äußerlichen Vorgänge schlummert die tiefe Logik des Ausgleichs im uralten Wechsel, die Logik bis zur letzten Konsequenz für Gut und Böse. Alle Maßlosigkeit rächt sich. Recht in polickicis ist allein die Kraft. Die Groß­mächte stehen beiseite, vermeiden Krisen mit Reden und behalten sich vor". Wie lange werden sie es für den Frieden unseres Erdteils noch ungestraft tun dürfen?

Die Balkan-Sphinx.

"ouen Tage zeigt die Balkankrise ein neues veffcht. Wenn auch aus dem völlig zusammengebrochenen "^Sedrungen friedliche Töne erklingen, und von allen S-nten her die Unterhändler sich nach Risch be igeben, um dem Schrecken und dem Blutvergießen ein Ende 311 machen, so i)t noch lange nicht die Möglichkeit neuer Lwmpllkatwnen, neuer Zwistigkeiten und Kämpfe ausge- lchl-ossen. Schon beginnt wieder die albancsische Frage be- unrul):gend am Horizonte sich zu zeigen. Serbische Truppen, die noch immer auf dem von den Großmächten einem nnab- lhaiigigen Albanien zugesprochenen Gebieten weilen, liefern den Mallsforenstämmen erbitterte Kämpfe und im Süden wollen die Griechen wider Erwarten nichts von den ita< llenischen Forderungen bezüglich der albanesischen Süd­grenze wissen. In Sofia hat eben der neue bulgarische Mwisterpräsident Radoslawow seinen festen Entschluß ver­kündet, ben Balkanfrieben herbeizuführen. Jnbeß, ist es nn- gelvist, wie viele Tage er sich überhaupt noch nm Ruber wird behaupten Tönncn. So wenig bie überaus spärlich herausgelassenen Nachrichten auch zu berichteii wissen, eines scheint so gut wie sicher zu sein: in Bulgarien bereiten sich furchtbare Dinge vor. Ein großer Teil bes Volkes ist aus ben Schlachtfelbern gefallen, ein anberer krank und ver- tounbet heimgekehrt. Tie Ernte ist nur zum verschwindend kleinen Teil bestellt worben, das Land ist vollkommen von der Außenwelt unb ber Möglichkeit ber Zufuhr von be­treibe uuo anderen Lebensmitteln abgeschnitten. Run haben auch noch bie Rumänen bie Brücke über ben Vidfluß bei Plewna abgebrochen unb damit jede Zufuhrsmöglichkeit aus dem nördlichen Teil Bulgariens verhindert. Hunger, Seuche, Verzweiflung ein schreckliches Terzett, das die Reste eines Volkes wohl zur befinnnngslosen Raserei treiben kann. Ob diese sich ziellos entladen ober gegen den An- stlster alles Unglücks, gegen Danew, gegen oas jetzige Ka­binett ober vielleicht sogar gegen ben König richten wird, steht dahin. Jedenfalls wird es Krisen geben, bie ihre Schatten auch über die Landesgrenze werfen müssen, wenn ber Friede nicht sehr balo geschlossen wirb. Heute ist in Bulgarien noch eine verantwortliche Regierung vorhanden; wird eine solche aber auch morgen noch ba sein? Noch eine britte Komplitationsmöglichkeit steht am Balkanhimmel. Unb diese ist vielleicht die größte von allen. Die Türkei mar- sschiert, hat längst bie in London vereinbarte Enos-Mibia- Grenze überschritten unb steht mit dem Gros ihrer Truppen nicht mehr weit von ber Linie KirkilisseAdrianopel ent­fernt. Enver Bey und seine Kurden-Regimenter sind schon dicht vor den Toren Adrianopels, ja, sie sollen auch nördlich darüber hinaus in ber Richtung auf bie nahe bulgarische Grenze schivärmen. Auf bie väterlich-wohlwollenben Vor­stellungen ber Großmächte hat bie hohe Pforte in kaum ver- .hüllter Ironie geantwortet, bie Generäle wollten anbers als bie Minister unb gehorchten einfach nicht-nehr, unb ba die türkischen Minister, selbst wenn sie Jungtürken sinb iso durften sich die Großmäckste ergänzen doch lieber in Frieden ihren Kaffee schlürften und sich ihre Verdauung durch Wortwechsel mit Säbelträgern nicht gern stören ließen, so lassen sie die Ungeratenen lieber gewähren und be­hielten sich vor . . .

Was übrigens hat man sich in dieser kurzen Krise nicht Vorbehalten". Tas Wort hat noch nie solche Orgien ge­feiert, wie in diesen letzten Monaten. Selbst den nun end­lich erledigten Statusquo hat es übertroffen. Es sagt näm­lich so bequem viel und doch nichts, je nachdem. Es schneidet weitere Fragen ab unb verpflichtet zu nichts. Erst haben sich die GroßmächteVorbehalten". Dann kämen bie Balkan­

Zr W19t, ^Erster Blatt 163. Jahrgang Mittwoch, 23. Juli 1913

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