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22.7.1913 Zweites Blatt
 
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Smettes Blatt

463. Zahrgang

Erscheint täglich mit Ausnahme DcS Sonntags.

Tie ..Eichener Scmtlicnblätter werden dem ,9ln3ciflcve viermal wöchentlich beigeleot, daS Krcisblatt für den Kreis Eiehen" zweimal wöchentlich. TieLandwirtschaftlichen seil- fragen" erscheinen monatlich zweimal.

Sietzener Anzeiger

General-Anzeiger für Gbrrhesfen

Dienstag, 22. Zun lOfo

Rotationsdruck und Verlag der Brnhl'schen Universttäts - Buch- und Steindruckerei.

R. Lange, Gießen.

Redaktion, Expedition und Druckerei: Schul­straße 7. Expedition und Verlag: e=»31. 9tebafti9n:e=^ 112. Tel.-Adr.: AnzetgerGießen.

Der prodrtttive Lharatter der t?eere$= imd Klottenrüstrmgen.

Februar bi I. halt der bekannte Berliner Wirt-. stiXtstshistottiker Professor Hoeniger in der Gehc-Stif- lurog Dresden einen Vortrag über:Die wirtschaftliche Bedeutung des deutschen Militärmcsens" gehalten, der nun­mehr beim Verlag von B. G. Teubner, Leipzig, im Druck erschienen ist. Tiefe ausgezeichnete Schrift ist gerade gegen- wärtäg von besonderem Interesse, als darin mit der fozial-- bemolrnlifdyen Phrase von der Unprodultivität der Heercs- imb Flottenrüslungen gründlich aufgeräumt wird. Als be­sonders wertvoll müssen diese Ausführungen deshalb gel­ten, weil cs sich nicht um eine politische Streitschrift, son­dern um eine rein wissenschaftliche Darlegung handelt.

Daß das Militärwesen zu allen Zeiten eine wesentliche, vielfach sogar entscheidende Nolle im Wirtschaftsleben un­seres Volkes gespielt hat, ist heute allgemein anerkannt. Schon Friedrich Naumann hat das Wort geprägt:Es gibt keine Wirtschaftsgeschichte, die nicht zugleich 5)eeres- geschichte ist". Indessen hat sich ein lebhafter Streit dar­über erhoben, ob die Ausgaben für Heer und Flotte pro­duktiv oder wenigstens reproduktiv seien, d. h. ob sie in irgendeiner ^orm der Volkswirtschaft wieder zugute k'om- Daß die laßenden Kosten der Heeresverwaltung bis auf einen verschwindenden Bruchteil im Lande bleiben, wird ja kaum noch bestritten, dagegen richten sich die Beschwerden der Sozialisten gegen das Endergebnis, indem sie meinen, daß nur den Neichen und Uebcrreitijen, den Panzerplatten­patrioten usw., der Gewinn zufließe.

Demgegenüber weist .Hoeniger nach, daß sich eine un­gerechte Benachteiligung der niederen Klassen nicht her­ausrechnen läßt. Erstens ist es bekannt, daß die Heeres- unb Flottenverwaltung, wo irgendwie möglich, auch Klein­betriebe zu Lieferungen heranzieht. Es wird möglichst unter Ausschluß des Zwischenhandels gekauft, bei Tuchlieferungen werden Innungen und Kleinhandwerker berücksichtigt. Da­bei wird, um Lohndrü-ckereien vorzubeugen, verlangt, daß die Arbeiter ortsübliche Löhne erhalten. Zweitens sind in den Militär- und Marinebetrieben Zehntansende von Zivil- arbeitern angestellt; 1911 waren es rund 64 000. Sie sind dauernd beschäftigt, gut bezahlt und erfreuen sich weit­gehender sozialer Fürsorge. Drittens bemüht sich die Heeres­verwaltung, ihre Bestellungen den Bedürfnissen und Wün­schen der Industrie anzupassen, in stillen Zeiten Liefe- nmgen aufzugeben, bei unverhofften Aufträgen der Privat­industrie die Lieferungsfristen hinauszuschieben. So fordert das Reichsmariueamt ein zeitlich weit bemessenes Bau- Programm, um spätere Arbeitslosigkeit zu verhindern. Vier­tens kommen in Betracht die große Beträge, die Offiziere, Einjährige und Mannschaften über Gehalt und Löhnung hinaus in den Garnisonen verausgaben, die Riesensummen, die Kaufleuten, .Handwerkern, Gastwirten, Zimmervcrmie- tem usw. unmittelbar zufließen. Taher der Wunsch aller Städte nack) Garnisonen. Fünftens werden durch unsere Wehrmacht materielle Wirkungen ausgelöst, indem die ver­schiedensten Zweige unseres Wirtschaftslebens erziehlich för­dernd beeinflußt werden. So infolge der hohen Anforde­rungen der Militärverwaltung die Pferdezucht, die Leder­industrie, die Waffenfaorikatiou, die Feinmechanik, die draht­lose Telegraphie, die Automobiliudustrie, Schiff- und Luft­fahrzeugbau. Sechsteus bringen die Errungenschaften auf diesen Gebieten, an denen das Heerwesen hervorragenden Anteil hat, der deutschen Industrie und dem deutschen Ar­beiter Dom Auslande neue Aufträge und neue Beschäftigung. Siebentens endlich ist noch ein Faktor in Rechnung zu ziehen: die gesundheitsördernde und charakterbildende Eiu- wiriung der Erziehung, die jedem gedienten Manne zuteil wird. Diese Tatsache ist allgemein anerkannt, daß darüber teilt Wort mehr zu verlieren ist.

Zieht man alle diese Punkte in Rechnung, so ist irgend­ein erheblicher Verlust an Volksgut nickst zu verzeichnen. Kein Zweifel, unsere Wehrmacht bringt mehr ein, als sie kostet. Gewiß, vom Einzelnen werden Opfer gefordert. Aber verloren ist so schließt.Hoeniger feine Betrachtungen, was er leistet, für den (HesamtvolksbesiH nicht. In tausend Kanälen fließt das weitaus Meiste der Volksgemeinschaft wieder zu, belebt in wohltätiger, selten genügend gewürdig­ter Weise.Handel und Wandel. Was als Verlust für Liefe­rungen aus dem Aiusland zu buchen bleibt, wird vermutlich in vollem Maße aufgewogen durch Erzielung unmittel barer materieller Vorteile durch die erhöhte Wettbewerbs­fähigkeit gegenüber der Auslandsindustrie. D. I. C.

hessischer Lanterverein für Krebsforschung.

Gießen, 20. Juli.

Am 19. Juli sand, wie bereits mitgeteilt, in der Aula dcr Universität die Gründung eines ärztlick)en Landesvereines zur Ersorscknmg und Bekämpfung der Krebstrankheit statt. Tie Ver­sammlung ivar cinberusen worden von dem Großh. Ministerium des Innern in Darmstadt und der McdizinisclZen Fakultät in Gießen. Der Rektor der Universität und der Prorektor, sonne der .Hosmarsck>all der Großherzogin mußten wegen Krankheit ihr Erscheinen absagen, bekundeten aber ihye Teilnahme durch schriftliche Wünsck>e tüt einen günstigen Verlauf der Sackx'.

Herr Geheimrat B e st ging dann kurz aus die von uns ebeu- salls schon nntgeteilten Gründe ein, welche die Veranlassung zur Gründung eines hessischen Landcsvereines sind. Der Vortragende wies daraus hin, daß die bisherige Behandlung des Krebses doch nur unvollkommene Erfolge zeitigen konnte, und daß man des­halb nach anderen Mitteln Umschau halten muß, die wirksamere Hilfe versprechen. Die weitere Aufgabe eines Landes Vereins muß es sein, die Bevölkerung über das Wesen des Krebses aus­zuklären, damit die Kranken rechtzeitig in die Behandlung des Arztes kommen; auch die Fortbildung der Aerzte und die Auf­klärung von Hebammen und Krankenpflegerinnen gehört dazu. Neuerdings hat die Behandlung des Kremes mit Röntgen- und anderen Strahlen einen großen Ausschwung genommen und ver­spricht, Gutes im Kampfe gegen den Krebs zu leisten. Ihre Be­nutzung ist jedoch mit so hohen Kosten verknüpft, daß die Unter­stützung weiterer Kreise h.'rangezogen werden muß.

Daraus ergrifs Professor Opitz zu einem einleitenden Vor­trage das Wort. Er führte zunächst aus, daß die statistisck^n Feststellungen ein immer weiteres Anschwellen der Zahl der Er­krankungen an Krebs erkennen lassen. Wir haben jetzt mit einer Sterblichkeit von etwa 8 aus 1OOOO Einwohner im Jahre nach den statistischen Feststellungen zu rechnen. Bei Berücksichtigung der Sektionsbesunde an großen Krankenhäusern zeigt es sich aber, daß diese Zahl, die an sich schon erschreckend hoch ist, in Wirk­lichkeit noch zu niedrig gegriffen ist. Man kann damit rechnen, daß von den Todesfällen, welche die' Menschen zwischen dem 40. und 60. Lebensiahrc betreuen, durchschnittlich etwa/6 bis Vs aus Krebs zurüazuführen ist. Der Krebs muß demnach als eine wahre Volkserkranlüng bezeichnet werden, deren Bekämpfung als eine Ausgabe weiterer Kreise anzusehen ist.

Die ärztliche Wissenschaft bat sich ständig bemüht, durch Nutzbarmachung aller Errungensckxlften der Arznei!unde, oct Tcck>- nil, der Chemie und Physik, immer iveitere Erfolge zu erzielen. Bis vor kurzem mußte man aber sogen, daß die einzige aussichts­volle Behandlung des Krebses, trotz vielsacher gegenteiliger, in der Presse austauchender Behauptungen, immer noch das Messer des Chirurgen ist. In der Tat sind auch die Erfolge in Bezug auf dauernde Heilung des Krebses durch Operationen allmählich immer besser geworden. Bei der eigenartigen Natur ocs Krebses und der aller bösartigen Geschwülste jedoch sind die besten Ersolge nicht höher gestiegen, als daß etwa Vs *!ler den Arzt zu Rate ziehenden Kranken mit Krebs durch Operation dauernd geheilt werden können. Es ist wichtig, dies sestzustellen, weil im Volke immer noch der Glaube verbreitet ist, daß der Krebs ein unheil­bares Leiden sei. Aber freilich können diese Erfolge noch nicht befriedigen, wenn -/., der unglücklichen Kranken ihrem Schicksal überlassen werden müssen.

Eine Aenderung in diesen ungünstigen Heilungsoer hältnisfen ist erft durch Einführung der Behandlung dieser Geschwülste mit Röntgenstrahlen und mit denen von gewissen Metallen ausge­sandten Strahlen zu verzeichnen.

Der Vortragende geh: dann näher auf die Art der Behandlung mit Röntgenstrahlen ein und schildert schließlich die langwierigen,

mühevollen Untersuchungen, welche der zweckmäßigen Anwendung dec von Becquerel entdeckten Strahlungen gewisser Metalle, ins­besondere de§ Radiums und Mesothoriums, für die Behandlung des Krebses vorausgehen mußten. Es sind in der Hand einzelner hervorragender Aerzte, die in den glüdJIicben Besitz genügender Mengen strahlender Metalle gelangten, schon sehr bemerkenswerte Erfolge erzielt worden, die freilich noch keine Sick^crheil gc«, währen, aber die Belxmdlung als zum mindesten höchst au such ts- voll und weit wirtsamer als alle bisher verwandten Mittel erscheinen lassem Das größte Hindernis für die breitere An­wendung dieser Strahlenarten aber ist ihr ungeheurer Preis. Ein Milligramm Radium sowohl wie Mesothorium kostet beute ungefähr 700 Mk. Die nötige Menge für eine wirksame An­wendung beträgt aber ungefähr 200 Milligramm, so daß zu. ihrer Beschasfung rund 150 000 Mark erforderlich sind.

Der Redner kommt zu dem Schluß, daß es ein unbedingtes Erfordernis sei, auch der Landesuniversität Gießen die nötigen Mittel zur Beschasfung dieses kostbaren Materiales zur Ver­fügung zu stellen, und er hofft von dem Opfer sinn der hZsiscl>en Bevölkerung, daß sie sich durch das Beispiel an anderen örtert in Düsseldorf z. B. sind aus privaten Mitteln in kurzer Zeit 200 000 Mark für diese Zwecke gestiftet worden wird anscuern lassen, diesem so wichtigen und nötigen Zweck die kräft tigste Hilsc angedeihen zu lassen.

Nach diesem Vortrage erfolgte die einstimmige Annahme bet von Geheimrat B e st vorgelegten Satzungen für den Verein und die Wahl zu einem Istgliedrigen Arbeitsausschuß, der sich nach Schluß, der Sitzung sofort konstituiert und seine Tätigkeit aufnimmt. In den Landesansschuß werden gcwähck: die Professoren Boström, Neumann, Olt, Opitz und Popper t, G heim rat Obermedizinalrat Tr. Hauser-Darmstadt, Geh. Medftincilrat Dr. Reisinger-Mainz, Professor Dr. Heidenhain-Worms, Medizinalrat Dr. Fischer Darm- stadt, Direktor Dr. Rebentisch-Offenback., Sanilätsrat Tr. Habicht- Darmstadt, Sanitätsrat Tr. Vogel-Laubach, Sanilätsrat Dr. Pull­mann-Offenbach, Geheimrat Dr. Dietz-Darmstadt, Oberbürger­meister Dr. Köhler-Worms, Provinzialdirektor Fey-Darmstadt, Vrovinzialdirektor Dr. Usinger-Gießen und Geh. Kommerzienrat Dr. L. Mercks Darmstadt. Ter Landesausschuß wählte aus seiner Mitte den Vorstand: 1. Vorsitzender Prof. Dr. Opitz-Gießen, Stellvertreter Tr. Dietz-Darmstadt, Schriftführer Dr Rcbentisch- Osfcnbach, Schatzmeister Geh. Kommerzienrat L. Merck-Darmstadt.

Aus Sta-t und Land.

Gießen, 22. Juli 1913.

Spiel und Entwicklung.

Es ist falsch, anzunehmen, das kindliche Spiel sei weiter nichts als ein für die Jugend angenehmes Mittel, die Zeit tot» zusckckagen. Und eine vollständig schieß Aussassung wäre die Ansicht, das Spielen der Kinder schade diesen mehr als es ihnen nütze. Jeder Jugenderzieher hat Gelegenheit, wahrzunehmen, daß gerade die spiellustigsten Kinder die intelligentesten sind oder werden!

Spiel und Arbeit wecken und entfalten die Kräfte des Kindes nur, daß die Arbeit die einseitig nachdrückliche, strenge und bewußte, das Spiel dagegen die vielfältigere, allgemeinere, mildere und dazu unbewußte Betätigung ist.

Da die Arbeit immer mehr in der geistigen Leistung ihren Ausdruck findet, neigt das ergänzende Spiel «mmer mehr der körperlichen Leistung zu. Die Tatsache, daß die häuslichen Spiele und Beschäftigungen immer augenscheinlicher hinter allerhand Leibesübungen (Sport) zurücktreten, ist eine keineswegs zufällige Erscheinung, sondern ein notwendiges Ergebnis der Lebens­betätigung. Die Natur läßt sich nicht bändigen, nicht einseitig verschieben: der Ausgleich folgte wie das auslösende Gewitter gleich hinterher. Und das ist unser Trost und Heil! Fände dieser Ausgleich nicht statt, die Menschheit hätte sich schon tau­sendmal umgebracht!

Der Ernst, mit dem ein Kind spielt, ist zuweilen noch tief­gründiger als der, mit dem es arbeitet, wenn auch der junge Körper beim Spiele hüpft, das Auge leuchtet, der Mund lacht und scherzt! Denn das Spiel ist ein von dem Kinde gewollter Zustand, den es mit Leib und Seele unterstützt. Die vorge­schriebene Arbeit aber wird nur zu gern alsZwangsarbeit" aun­gefaßt und empfunden. Je selbständig-kräftiger der Wille ist, um so mehr! Damit soll aber nicht gesagt werden, daß man den Eigenwillen der Kinder unterstützen und befürworten soll. Das Kind muß früh lernen, fremden Wünschen nachzukommen nnb den eigenen Willen dem Willen des Erziehers unterzuordnen.

Dentsch-engüsche Ltitcttengogrnsotze.

In den Ferienkursen der Londoner Universität, an denen gegen­wärtig 250 Ausländer, darunter viele Deutsche, teil nehmen, ist die Vorlesung über englische Gesellschastssitten und englische Etikette zu einem Gegenstand sehr lebhafter Diskussionen geworden. Eine der Dozentinnen, Miß Violet Partington, erzählt in einem Lon­doner Blatte von diesen eifrigen Erörterungen, bei denen die Gegensätze zwischen deutsck-cn und englisckjen Gesellschastssitten im Vordergrund stehen. Bekanntlich gift es in allen angelsächsischen Ländern als ein schwerer Verstoß gegen den guten Ton, wenn ein Herr eine ihm bekannte Dame aus der Straße zuerst grüßt. Man steht aus dem Standpunkt, daß es das Recht der Dame ist, darüber <\u entscheiden, welchem Herrn ftc erlauben will, sie in der Oessent- lid)icit zu begrüßen; der Mann aber, der vor einer Dame den Hiit zieh., ei,.- sie ihm mit einem diskreten Lächeln oder einem leichten Nicken dazu die Erlaubnis gegeben hat, gilt als schlecht erzogen, gilt als Mann ohne Taft und Lebensformen.Eine junge deutsche Dame," so erzählt nun die englische Dozentin der Universität,war nicht wenig erstaunt, als ich ihr erklärte, es sei ihre gesellschaftliche P'licht, auf der Straße dem bekannten Herrn das erste Erkennungszeichen zu geben."Ich würde das für hockst unziemlich halten," crroiberic mir die junge Deutsch-, in meinem Vaterlande verbeugt sich stets der Herr zuerst." Dann berichtete die Dozentin, wie sich speziell die deutschen Hörer darüber wundern, daß der Herr auf der Straße stets am äußeren Rande der Bürgersteige gehen muß, auch wenn er damit seinen Platz zur Rechten der Dame einnimmt. Der Engländer geh. an der äußeren Seile des Bürgersteiges, um seine Dame gegen Staub und den aufgewirbeltcn Straßenschmutz zn schützen, der besonders bei feuchtem Wetter von vorübersausenden Gefährten ausgeht. Der deutsche Herr dagegen geht unter allen Umständen links und setzt auf den Straßen daher die Dame diesen kleinen Unannehm- lichkeiten sorglos aus. Im Verlause der nritcren Diskussionen ergaben sich dann noch eine Fülle von interessanten kleinen Gegen­sätzen zwischen deutscher und englischer Etikette. Wenn der Deutsche Suppe ißt, führt er das Ende oder die Spitze des Löffels an die Lippen: das sieht der Engländer roiederum als unfein an, man führt nur die Mitte bezw. die Seite des Lössels an den Mund. Bn einem Besuche nimmt der englische Herr stets Hut und Stock mit in den Salon, er betont damit, daß er Besucher und Gast ist, wähnend in Deutschland der Herr vielfach den Stock draußen läßt. Das gilt in England als zu familiär. Wenn der deutsche Gast nach einer Mahlzeit sich zurückzieht, dankt er der Dame des Hauses für ihre Gastfreundschaft oder wünscht gesegnete Mahlzeit: Der Engländer empfindet das als ungehörig und will jede Anspielung

auf die gewährte Mahlzeit unter allen Umständen vermieden sehen. In England gilt es als unpassend, wenn nach einem Diner wie in Deutschland Herren und Damen sich zur gleichen Zeit erheben. Die englische Dame hat das Vorreck t, zuerst auszustehen und den Speiscsaal zu verlassen, während die Herren zurückbleiben.

Aus der Luche nach dem Sensationsfilm.

Eine Abteilung der französischen Gebirgstruppen erklettert mit unsäglicher Mühe die steile, gefährliche Spitze des Mont P el - non x, der sich 4000 Meter cmporrcckt. Einige hundert Meter von ihr, im Schutze der Felsen, erscheint von Zeit zu Zeit einige» heimnisvolles Wesen, das immer wieder rasch verschwindet. «Lwl- baten und Offiziere sind in Unruhe. Eine Patrouille nnrd aus- geschickt, das Geheimnis zu erforschen, aber jedesmal entzieht es sich geschärft ihren Nachstellungen. Erst aus der Spitze des Berges, wo die sonderbare Gemse nicht mehr ausweichen kann, erklärt sich Das Rätsel: es ist ein Filmoperateur, der die interessanten Gebirgs­übungen des französischen Heeres im Film festhalten wollte und infolgedessen Der Truppe vorausgeeilt war.

Andere interessante Züge aus dem Leben und der Tätigkeit des Filmoperateurs berichten dieLcctures pour Tous". Als vor einem Jahre die Automobilbanditen von Choisy-le-Roi be­lagert wurden, stand ein Filmoperateur ohne jede Deckung dem Hause gegenüber, aus dem die Banditen ihre Salven abgaben. Der Polizeipräsekt machte ihn auf die große Gefahr, in der er sich befand, aufmerksam, und forderte ihn auf, den Platz zu verlassen. Lassen Sic mich bitte hier: ich kann keinen besseren Platz sindcn: dcr Film wird zur Erziehung der Massen beitragen!" Gut," antwortete Lcvine,so mögen Sie bleiben, aber ich kann keine Garantie für Ihr Leben übernehmen." Noch an demselben Abend erzitterte das Publikum bei den aufregenden Bildern dieser Belagerung. Eine eigenartige Karawane hat vor kurzer Zeit in Stijabe in Afrika großes Aufsehen erregt. Sie bestand aus einer Truppe von 30 Trägern, Cowboys, Pferden und Hunden, die sich mit dem berühmtesten Cowboy Amerikas, Buffalo Jones, auf die Löwenjagd begaben. Bei Der ganzen Karawane befand sich nicht ein einziges Gewehr, da Bussalo Jones mit dem Lasso, Den er mit untrüglicher- Sick-erheit zu werfen versteht, dein König der Tiere zu Leibe rücken wollte. Der Filmoperateur sollte ihm bei dem gefährlichen Beginnen aus dem Fuße folgen. Die Jagd gelang, nur daß der Operateur es mehrere Male für gut fand, sich ans einen dornigen Akäzienbaum zu flüchten, der ihm Die Haut arg zerstach. Schlimmer erging cs dem Filmoverateur Fiörc, Der im letzten Jahre einen deutschen Offizier auf einer Lowen- jagD in Jnnevasrika begleitete. Die beiden WHrvrr standst auf

20 Schritte Entfernung dem König der Tiere gegenüber. Der Offizier schießt, aber der Löwe hat noch die Kratt, sich auf den Operateur zu stürzen und ihn zu Boden zu schlagen. Fiere ist Denn auch an den Folgen dieser Verletzung gestorben.

Mit knapper Not dem Tode entronnen ist der Filmkriegs­korrespondent Lavanture, der im Auftrage einer Filmgesellschaft den Balkanftieg mitgemacht hat. Er wurde gefangen genommen und wäre beinahe als Spion erschossen worden. Eine sehr ge­fährliche Ausnahme hat jener Filmoperateur gemacht, der vor einiger Zeit mit dem Vizedireftvr des Observatoriums aus dem Vesuv, Professor Meladra, etwa 180 Meter tief in den Krater des Vesuv hinuntergestiegen ist. Die beiden Wagehälse waren ost dem Erstickungstode durch giftige Gase ausgesetzt.

Eine eigenartige Vcnvendung hat der Film im Tripolis- kriege gesunden. Die italienische Militärbehörde gestattete zu gewissen Zeiten den Angehörigen und Freunden der Soldaten, sich im Kasernenhose zu einer tinematographischen Aufnahme ciip jufinben. Die Films wurden dann bei den seltenen Ruhepausen den tapferen Kriegern in Tripolis vorgeführt.

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Fürstliche Schuljungen. Unter den vierzehn Public Schools in England nimmt Eton in sozialer Hinsicht den ersten Rang ein. Es zählt nicht wemger als sechzehn Herzöge unter seinen Alten Herren. Es ist deshalb nicht verwunderlich, Daß man sich bei der Wahl einer Schule für Prinz Henry, den Dritten Sohn König Georgs, für Eton entschieden hat. Trotzdem ist es Das erstemal, daß Die Schule einen euglisck^en Königssohn ausgenommen hat, es ist also gewissermaßen eine soziale Auszeichnung rür Eton. Der erste englische Prinz, Der dort erzogen wurde, war Der Sohn des Herzogs von Connaught, dem bald der junge Herzog von Albany fber jetzige Herzog von Sachscn-Koburg-Gotha) solgte. Man erzählt sich, daß die jungen Aristokraten, die unter sich eine strikte Gleichheit int er par es walten lassen, den fürstlichen Ge­nossen manch heimlichen Tritt verabfolgten, um später einmal sich rühmen zu können, einen Prinzen, wenn nicht sogar einen öerricivr, mit Füßen getreten zu haben. Eton ist schon immer eine Schüfe für alle möglichen Potentaten gewesen, besonders für indische Radschahs. Selbst Ungarn hat seinen fürstlichen Repräsentanten dort gehabt in der Person eines ferner größten Magnaten, des Fürsten Batthyany-Strattmann. Dafür hat Harrow den Kron­prinzen von Siam, Winchester den (englischen > Radschah von <sara- wak und Wellington die Prinzen von Battenberg und den ver^ storbenen Prinzen Christi an Viktor aufzuweisen Eton ist ldvlmch gelegen, ganz in der Nähe des königlichen Schlosses Windsor.