Nr. 228
Zweites Blatt
165. Jahrgang
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Erscheint täglich mit Ausnahme des Sonntags.
Gmeral-ANzeiger für Oberheffen
Tie „Siebener Zamilienblättcr" werden dem .Anzeiger" viermal wöchentlich beigelegt, das „Nreisblatt für den Kreis Gießen“ zweimal wöchentlich. Tie „Landwirtschaftlichen Zeitfragen“ erscheinen nionatlich zweimal.
Montag, 2Y. September $915
Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schen Universitäts - Buch- und Steindruckerei.
R. Lange, Gießen.
Redaktion, Expedition und Druckerei: Schulstraße 7. Expedition und Verlag: 51.
Redaktion:e-^I12. Tel.-Adr.: AnzeigerGießen.
politische Tancsschou.
Dielrcdner im preußischen Abgeordnetcnhause.
Im preußischen Abgeordnetcnhause ist eine Zusammen- Itellunq über die Zahl der Reden der einzelnen Redner vom Regierungstische und aus dem Hause während der letz tetr Seslion der verflossenen Legislaturperiode ausgegeben worden
Von den Ministern sprachen am meisten der Landwirt- schaflsminifter Frhr. v. <?chorlcmcr ^109 Reden), der Minister der öffentlichen Arbeiten v. Breitenbach (83 Reden) und der Minister des Innern v. Dallwitz (76 Reden >. Bon den übrigen sprachen der Finanzminifter Dr. Lentze 49, derHan- delsminister Dr. Sydow 45, der Kultusminister Dr. v. Trott zu Solz 43, der Iustizminister Dr. Beseler 38mal. Der Reichskanzler sprach nur 3mal, .Herr v. Kiderlen- Wächter lmal.
Von den Abgeordneten haben mit wenigen bürgerlichen Ausnahmen die Sozialdemokraten die meisten und auch längsten Reden gehalten. Obenan steht unerreicht mit 232 Reden Dr. Liebknecht, der sozialdemokratische Dauerredner, ihm folgt nach weitem Abstande, sonst aber auch nicht überboten, der Sozialdemokrat Hoffmann, der Zehngebote-Hossmann, mit 142 Reden. Der nächstfolgende Retordredner ist Dr. Friedberg (natl.) mit 117 Reden, er wird fast erreicht vom Frhrn. v. Zedlitz (frkf.) mit 112 Reden. Heber 100 Reden, nämlich 102, hielt nur noch der Sozialdemokrat Lcinert.
Die 6 Sozialdemokraten hielten zusammen 682 Reden, die Führer der bürgerlichen Parteien iDr. v. Hepdebrand, Frhr. v. Zedlitz, Dr. Porsch, Dr. Friedberg, Dr. Pachnickc) zusammen nur 341 Reden, also genau nur die Hälfte.
Die Frage der Verleihung von Kohlcnabbaubcrechtigungen an Private
will dem Vernehmen nach im nächsten Winter die prellst i s ch c Regier u n g zn lösen versuchen. Die Regelung des Gegenstandes ist sehr schwierig. Die Negierung ist durch die Novelle zum Berggesetz von 1907 verpflichtet, die Frage zu regeln, vor allem Regeln dafür aufzustellen, unter welchen Voraussetzungen Private das Recht der Aufsuchung und Gewinnung der Steinkohle ern»?rben dürfen. Dem Landtage werden in einem Gesetzentwürfe dementsprechende Vorschläge gemacht werden. Der Staat hatte bekanntlich für sich das Recht vor Jahren in Anspruch genommen, sich genügend große Flächen zum Steinkohlenabbau zu reservieren und für die übrig bleibenden Felder das Privatmutungsrccht zu regeln. Dies soll nunmehr geschehen. Für einige Provinzen ^Brandenburg, Schleswig-Holstein, Pommern, Ostpreußen) wird der neue Entwurf nicht gelten.
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Zur Schaffung eines Reichsschulmuseums
wird uns mitgeteilt, daß begründete Hoffnung besteht, daß dieses Museum bereits im nächsten Etatsjahre ins Leben gerufen wird. Es finden zwischen Preußen und den größeren Bundesstaaten Verhandlungen statt, in Berlin ein solches Museum zu schaffen, als Grundstock sollen das Berliner Schulmuseum und die Sammlungen von der Brüsseler Weltausstellung dienen. Hebet den Aufbau dieses Reichsschulmuseums ist mit hervorragenden Schulmännern in Verbindung getreten worden. Es liegen mehrere Vorschläge, zum Teil sehr großzügiger Art vor, um das neue Museum zu einer Stätte allseitiger Belehrung und einer internationalen Sehenswürdigkeit zu machen.
Die Hauptversammlung der Evangel. Bundes.
** Görlitz, 27. September.
In der er st en Mitglicoerversammliing der 26. Hauptversammlung des Evangelischen Bundes sprach heute tfornüttog an erster Stelle Superintendent D. B u ß m ann ! Ahlden) über das Thema: „D i e deutsch-evangelischen Auslandsgemeindcn und der konfessionelle Fried e".
Eine ganze Anzahl unserer Auslandsgemeindcn, so führte der Redner aus, sind aus dem Anlaß entstanden, roeil man ihren Mitgliedern keine Duldung gewähren wollte und weil die Mitglieder selbst den sehnlichen Wunsch nach einem Leben tn konfessionellem Frieden hatten. Der erste und bedeutsamste Notstand entstand in katholischen Ländern, luemt deutsche Protestanten eine Ehe schließen wollten. Es ist noch nicht lange her, daß in rein katholischen Gegenden Standesämter entstanden sind. Das bedeutete für Brautleute, daß sic erst zur katholischen Kirche übertreten, katholische Kindererziehung versprechen, manchmal auch zur Beichte geben mußten. Noch schwieriger wird die Lage, wenn evangelische Deutsche ein katholisches Landeskind heiraten. Jede Mischehe kann nur dann rechtsgültig vollzogen werden, wenn sie eingesegnet wird. Auch l)at man l)äufig erfahren, wie die deutsch-evangelischen Kinder innerhalb einer katholischen Umgebung in den Schulen des Landes katholischen Einflüssen ausgesetzt werden, oder wegen ihrer Nichtzugehörigkeit zur alleinseligmachenden Kirche von anderen Kindern verspottet unb vor den Lcrndeslindern zurückgesetzt werden. So taucht der Wunsch aus, eine Schule zu haben, btc beides den Kindern vermittelt: deutsche Erziehung und evangelischen Glauben. Der Redner schildert die Schwierigkeiten, die sich vielfach der Errichtung evangelischer Gemeinden und Kirchen entgegcnstcllen. Es kam soweit, daß im Jahre 1875 der päpstliche Nuntius bei der argentinischen Regierung meinte das Ansinnen stellen zil dürfen, alle Protestanten aus dem Lande zu jagen, da Argentinien ein gut katholisches Land sei. Als Antwort er- lnelt er darauf sofort seine Pässe zugeftellt, da seine Anwesenheit eine Störung des konfessionellen Friedens bedeute, und das entrüstete katholische Volk steckre in der Nacht Kolleg und Kirche der Jesuiten, denen die intellektuelle Urheberschaft dieses An- siimens zuzuschreiben war, in Brand. 3?ernt wir auch diesen Gewaltakt verurteilen, so sehen wir aus diesem Vorfall doch, wie auch ein katholisches Volk es lernt, das Gut des konfessionellen Friedens zu schätzen. Bei den evangelischen Gemeinden haben diese Schwierigkeiten das Gegenteil von dem bewirkt, was beabsichtigt war. Es' hat alles dazu beigetragen, daß sie selbst um so fester verbunden waren und ihren Glauben um >o höher schätzten, den Bund zur Wahrung der deutsch-evangelischen Interessen um so enger schlossen. Unsere Auslandsgemeinden vermeiden Angriffe und suchen mit ben Angehörigen der anderen Konfession gleichen Stammes nationale Ystmeinbürgschaft zur Stärkung des deutschen Volkstums rind Unterhaltung nationaler Institute zu pflegen. Die tzstmeinden verhalten sich entgegenkommend mit ihren Schulen, Unterstützungsvereinen, Spitälern, unter zartester Rücksichtnahme auf den Glauben der Katholiken. Sie üben Duldung bei kirck- Fid)en Handlungen, die verlangt werdet!, so vor allem bei Mischehen und bei Beerdigungen. Sie erziehen auf diese Weise ihre
Umgebung zu konfessionellem Frieden, den diese sonst nicht kennt. Im Auslande geht es ihnen auf: konfessioneller Friede in eine evangelische Sache und ein protestantische-' Wort. Solche Erziehung zu lonfefsionellem Frieden sann aber nur von unseren Auslandsgemeinden ausgehen, wenn sie stark sind, nicht als ein unschein Haftes Häuslein inmitten der anderen Bevölkerung stehen. Eine Stärkung der Auslandsgemeinden bedeutet daher indirekt stets eine Stärkung des konfessionellen Friedens: dort ist er am sichersten, wo die evangelische Gemeinde eine Bedeutung hat.
Eine Aussprache sand nicht statt. — Sic. Everling teilte darauf mit, daß der für morgen bestimmte Vortrag des Geh. Regierungsrates Professor Bau mgart Königsberg' über das Thema „Die theologischen Fakultäten, ihre Bedeutung für die nationale Kultur und den konfessionellen Frieden" ausfallen müsse, da der Redner verhindert sei. Man wollte aber angesichts der Wichtigkeit des Tl-emaS nicht daran vorübergehen und so habe man sich entschlossen, wenigstens eine Kundgebung zu der Sache der Versammlung vorzulegen.
Es erhielt darauf das Wort hierzu Justizrat Dr. Gensel (Leipzig), der
folgende Kundgebung verlas:
„Der Evangelische Bund vermag einer Hochschule, von der die Theologie als Lehrsach ausgeschlossen ist, den Charakter einer Universität, einer allumfassenden Stätte der Wissenschaft nicht anzuerkennen. Er sieht im Gegenteil in solchen Anstalten eine große Gefahr für unsere Kultur, die einseitig zu werden droht und in den schweren Auseinandersetzungen zwischen Glan- ben und Wissen einer natürlichen Vermittlung entbehren wird. Andererseits aber läge, wenn das von Frankfurt gegebene Beispiel und die für Hamburg vorliegenden Pläne weitere Nachahmung finden sollten, die Gefahr der Er richtung^gesonderter Anstalten für die Ausbildung evangelischer junger Theologen nahe, denen dann die vom Standpunkt des Protestantismus aus unerläßlich stete 'Berührung mit allen Zweigen der Wissenschaft und deren Jüngern fehlt und die so dem gesunden geistigen Leben würden entfremdet werden."
Nach einer kurzen Begründung wurde die Entschließung angenommen.
Hierauf behandelte Oberlehrer Sic. Moldaenkc lBerlin- Lichterfeldei das Thema „Evangelische Mission in den Kolonien und die Wahrung d e § k v n s e s s i o n e l le n Friedens". Ter Redner gab einen Ileberblicl über die evangelische Mission und ihr Verhältnis zur katholischen in. den Kolonien. In Deutsch-Ostairika entsprechen rund 260 evangelische Miß sionsarbeiter mehr als 500 katholischen, wobei die Zahl der auf dem Missionsfelde so wichtigen Lehr- und Krankenschwestern bei den Evangelischen 170, bei den Katholiken 270 beträgt. Erheblich ist auch der Unterschied in der Zahl der Getauften. Ruud 18 700 evangelischen Heidenchristen stehen rund 70 000 katholische gegenüber. Das Verhältnis steht also wie 1 zu 4, ivährend es im Jahre 1909 noch 1 zu 3 betrug. In allen deutschen Kolonien zusammen beträgt die Zahl der weißen evangelischen Missionsarbeiter 688, die der katholischen 1200. Daß die katholische Mission tut, was sie kann, ist ihr Recht. Aber daß sie ihre ganze Kraft einsetzt, um die deutschen Kolonien zu erobern, kann uns nicht gleichgültig sein. Daß sie ein politisches Ziel verfolgt, wo es sich nur um einen friedlichen Wettbewerb in Liebesübung und Glaubenslebens handeln sollte, muß uns stutzig machen. Wie laßt sich nun der Friede der Konfessionen in den Kolonien wahren oder wiederherftellen? Eine Teilung der Missionsgebiete für immer ist ausgeschlossen. Sie ist aus praktisch pädagogischen Gründen unmöglich und wird von beiden Konfessionen auch aus religiös dogmatischen Gründen verworfen. Aber in der Erkenntnis/ daß die Heidenwelt dem freien Wettbewerb beider Konfessionen noch für Jahrzehnte Arbeit gibt, stimmt die evangelische Mission allen Maßnahmen zu, um dem Wettbewerb das Peinliche zu nehmen und ihm räumliche Schranken für einen bestimmten Zeitraum zu geben, innerhalb deren jede Konfession den Beweis des Geistes und der Kraft führen kann. Sie wird daher grundsätzlich Grenzverträge auf Zeit eingehen und halten. Die gemeinsamen Aufgaben schreien nach vertraglicher Abgrenzung. Mler- dings wird es den Evangelischen niemand verdenken können, daß sie nach den bisherigen Erfahrungen äußerst pessimistisch geworden sind. Wir können es nicht vertragen, daß man uns die Hand drückt und gleichzeitig hintergeht. Die evangelische Mission wird auch durch eine erfolgreiche .Kraftanstrengung des Gegners nie veranlaßt werden können, Methoden anzuwenden, die sie nicht billiat. Aber jedes ehrliche Mittel wird sie gebrauchen, um das in kraftvoller und gesunder Entwicklung befindliche Arbeitsgebiet zu erhalten und auszugestalten. Unser Glaube ist der Sieg, der die Welt überwinden wird. (Lebh. Beisall.)
** Görl itz, 28. Sept.
In einer öffentlichen Versammlung wurde das Thema: „Was hemmt den konfessionellen Friede n?"'behandelt. Hierzu waren zwei Redner bestellt worden, von denen der erste Profeffor D. Scholz (Berlin) über „Falsche Triebe n^begriffc" sprach,. Ter zweite Vortragende, Land- aerichtsdirektor v. Loesen (Elbing), sprach über „Unduldsame Ansprüch e".
In der heutigen Hauptversammlung hielt der stellvertretende Direktor des Bundes Lic Everling (Berlin) eine« Vortrag über die Jahresarbei t. Er führte aus: Für den großen Gedanken der Einigung, Vertiefung und Sammlung des Protestantentuins kämpft der Evangelische Bund schon seit mehr als einem Vierteil ahrhundert. Von der Wende des Jahrhunderts bis zum 1. April d. Js. sind die 100 000 Mitglieder auf 510 000 in 3389 Vereinen angewachsen (lebh. Hört! Hört! und Beifalls Es ist nie schwer gewesen, gegen große gemeinsame Unternehmungen die Lust zur Zersplitterung zu wecken. Im Jahre 1911 wurde ein Richtungsverein gegründet, der ohne neue Arbeitsziele eine unserem Bunde ähnliche Firma annahm. Ende 1912 wurde dieser neue Verein als Konkurrentbund etabliert und die Dustrittsbewegung .aus dem Evangelischen Bund verkündet. Dieser Vorstoß wurde glänzend abgeschlagen (Bravo!'. Seit Jahrzehnten haben wir, mit Ausnahme des Borro- mäusjahres, keinen solchen M i t gl i e d e r z u w a ch s gehabt wie in diesem Jahre. Der Bundesgedanke ist der arbeitssrohe Wille des Protestantismus zur Tat. Mitten in den sorgenvollen Zeiten der auswärtigen Wirren hat sich das Zentrum nickt gescheut, wohl auch um den Blick von seinen inneren Wirren abzulenken und den mißtrauisch gewordenen Papst zu beruhigen, die I e s u i t e n f r a g e in den Vordergrund zu schieben. Mit dem ersten Zentrumsminister erschienen auch sofort die Jesuiten auf der Bühne des öffentlichen Lebens. Es gelang dem Zentrum mit Hilfe der Sozialdemokratie einen Gesetzentwurf betreffend Aushebung des Jesuitengesetzes durchzudrücken, aber wir erwarten, daß der Kanzler auch von dieser Mehrheit das Gruseln nicht lernt, sondern mit den nationalen Parteien, mit dem ReicMag und Bundesrat auf dem Standpunkt beharrt, daß btc völlige Bewegungsfreiheit der Jesuiten für unvereinbar zu halten ist mit dem Frieden und der Wohlfahrt der deutschen Nation. Jedenfalls werden wir auch fernerhin auf der Wacht stehen, um unser Vaterland von „dieser Landplage" zu bewahren, wie der römftch-kathokische Kardinal Hohenlohe die Jesuiten genannt hat. Alle Versuche, die erbitterten Feinde der Reformation zu lammfrommen Hütern des Friedens und der Ordnung zu machen,
scheitern an den unwiderlegbaren Zeugnissen der Geschichte. T)cf Protestantismus trägt jetzt schon schwer an manchen Privilegien der römischen Kirche, ihrer Priester und ihrer Kirchenfürsten. Wollen wir noch zusehen, ivic ein Grenzgebiet zwischen Staat und Kirche nach dem andern den römischen Forderungen preis- gegeben wird, wie schließlich die Staatsschule der Kirchenschule weicht, wie endlich die Kirchenhoheit des Staates beseitigt und wie schließlich die freie privilegierte MirdK im machtlosen Staate herrscht? Das ist der tiefste Grund der Beunruhigung der deutschen Protestanten aus Anlaß der Jesuitenfrage. Nachgiebigkeit beruhigt Lier nickt, sondern reizt zu neuer Begehrlichkeit. Nur Festigkeit kann hier helfen und darum rufen wir dem Bundesrat zu: Hüte Dich vor dem Schritt aus dieser Bahn und wenn auch in Deinen Reihen der ultramontane Einfluß gewachsen ist, bleibe fest?
Der Redner schlug dann folgende
E n t s ch l i e ß u ng vor: „Die 26. Generalversammlung des Evangelischen Bundes zu Görlitz erblickt in der Tatsache, daß der Metzer Katholikentag unbetümmert um den einmütigen Widerspruch weitester evangelischer Volkskreise die völlige BeweguitgS- und Betätigungssrei- beit des Jesuitenordens im Deutschen Reiche gefordert hat, eine erneute Ansage des schärfsten konfessionellen Kampfes. In der lieber;,eugung, daß eine beutfdx evangelische Gemeinschaft und eine nationale Gemeinbürgschaft nur dann möglich ist, wenn die Bolksteile aufeinander Rücksicht nehmen, der Jesuitenorden aber die rücksichtslose Bekämpfung des Protestantismus und wichtiger Kulturerrungenschaften zur traditionellen Aufgabe bat, erwartet die Generalversammlung zuversichtlich, daß der Bundesrat im Interesse des konfessionellen und inneren Friedens weder der Auf- Hebung noch einer Abbröckelung des Jesuitengesetzes zustiinmt."
Die Entschließung wurde einstimmig angenommen und hierauf die Hauptversammlung durch den Vorsitzenden D. Scholz geschlossen.
Ein Festzug.
Am Sonntag nachmittag bewegte sich der Festzug durch die Strafen. Voran schritten Schüler der höheren Lehranstalten von Görlitz, Reichenbach und Löbau, es folgten die Bundesvor- stände, die geladenen Körperschaften, Abgeordnete der Zweigvereine, auswärtige Jünglings- und Arbeitervereine, Bundesmit- glieder des Königsreichs Sachsen, Brandenburgs und Schlesiens und eine Sammelgruppe evangelischer Männer und Frauen Oesterreichs. Den Schluß bildete die Kirchengemeinde Görlitz. Am Festzuge nahmen etwa 6 000 Personen teil und neun Musikkapellen. Eingeleitet wurde die Feier auf dem Fest- platz mit dem Choral: Nun danket alle Gott. Superintendent Kröber aus Pirna hielt die Festrede. Nach einem geselligen Beisammensein wurden die heutigen Veranstaltungen gesclstosfcn. Mit einer Volksversammlung morgen abend int großen Saale in Zittau endigt die Hauptversammlung.'
Bundestag Ser deutschen vodenresormer.
Straßburg, 27. Sept. In Anwesenheit der Unterstaatssekretäre Exzellenz Mandel und Köhler, die zur Seite A. Damaschkes am Vorstands tisch Platz genommen hatten, wurden heute vormittag 10 Uhr int ziemlich gut besetzten Aubette-Saat die Verhandlungen des 23. Bundestages der deutschen Bvdenreformer ausgenommen.. Nach begrüßenden Worten A. Damaschkes hieß) llnterstaatssek'retär Mandel im Namen und im besonderen Auftrag des kaiserlichen Statthalters die Bodenreformer im schönen, Elsaß lierzlich roiMommen. Der Unterstaatssekretär wies auf die; Bedeutung der- jungen wirtschaftlichen Bewegung hin, und auf die Vorteile, die daraus für die Kreise der kleinen Grundbesitzer zw erhoffen seien und betonte besonders, daß der Boden niclü zum Gegenstand der Spekulation gemacht werden dürfe, sondern daß er für die Allgemeinheit da sei. Bürgermeister Dr. Schwan der, der,die Versammlung im Namen der Stadt Straßburg willkommen
sprach von den bodenreformerischen Maßnahmen der Stadt Straßburg, die beizeiten einen namhaften Teil lwckwertigen Bodens erworben habe. In weiteren Begrüßungsworten hob Mim der Prapdent der Zweiten .M’ammer, Dr. Ricklin, hervor, daß die Tagung geeignet sei, gewisse irrtümliche Ansckamtngeu über Elsaß- Lothringen zu bekämpfen. Die Grüße des abwesenden Bisckwss von Strafchura überbrachte Professor Gaß vom katholischen Priesterseminar. Weitere Worte des Willkommens sprachen noch Professor Curt ins namens der .Kirche 2lugsburgisck>er Konfession und im Auftrage des Shnodalvorftandes der Reformierten Kirche des Landes Pfarrer Kunz. Von zahlreichen Korporationen und Stadtverwaltungen sind Begrüßungsschreiben und Telegramme eingegangen.
Ter Kassenbericht Mr 1912 schließt ab mit 162 225 Mk. an Einnahmen und Ausgaben, wobei auf neue Rechnung 58 325 Mark vorgetragen werden. Aus dem vorn Bundesvorsitzenden er- Itatteten Jahresbericht ist zu entnehmen, daß der Bund im vergangenen Jahre ifln 2400 Einzel Mitglieder und um 100 Korporattonen zugenommen hat. Die Zahl der letzteren beträgt nunmehr im ganzen 561. Mit einem Vortrag des Prälaten Mjgr 'Dt W erthm a nn-Freiburg i. B. über Wohnungsnot und Sittt lrckstert schloß erst nach Mittag die erste Versammlung.
Deutscher Naturforscher- und Aerztctag.
~ Wien, 27. Sept.
Die gegenwärtig im Mittelpunkt des Interesses stehende Frage der
Krebsbehandlung mit Radium und Mesothorium erfuhr auf dem Naturforscher- und Aerztetag eine eingehende Erörterung.
Hof rat Professor Dr. S ch a u t a berichtete über die Erfahrungen in der Wiener Frauenklinik und führte dazu aus: Wir muffen im vorhinein erklären, das alles das, was wir bis jetzt mit Mesothorium und Radium unternommen haben, nur Versuche waren, die uns dahin führen sollten, eine StanbaiV- methode ausfindig zu machen, welche sich als die im allgemeinen zweckmäßigste und beste ergeben sollte. Es ergaben sich dabei zunächst gewisse Unten(flicbe zwischen Mesothorium und Radium Wir hatten den Eindruck, daß R a d i u m w e i t roirff amerfei Man nimmt an, daß die Wirksamkeit dersetben Caiititär Radium bei derselben Zeitdauer der Applikation etwa die zwei- bis dreifache der des Mesothoriums betrage. Von kleinen Quantitäten von Radium oder Mesothorium wurden keine Erfolge gelben. Erst der Kongreß zu Halle belehrte uns, daß man/wenigstens bezüglich des Mesothoriums, auch große Quantitäten ohne r-g-mb einen Nachteil anwenden kann. Bei entsprechender Anwendung des Radftims bemerkt man sehr weitgehende Veränderungen im Krebsgewebe. Das Krebsgewebe schmilzt wie Eis unter der Sonne. Diesen lokalen Veränderungen, die durch das Radium bedingt werden, stehen Mgemeinwirtungen gegenüber, die sich tn einem Ergriffensein des Nervensystems, in Kovsschmerzen^in Appetitlosigkeit, Magenschmerzen äußern. Leider sind auch Schädigungen infolge der Ra- drumwirkung zu verzeichnen. Jiisolge des Radrunls kann cs zu Durchbrüchen in benachbarte Gewebe kommen. Wir können uns nicht auf den Standpunkt stellen, daß wir jeden Krebs für die Radiumbehandlung geeignet erachten. Operative Fälle sind zu operieren, da wir von der Dauerwirkung des Radiums noch zu wenig wissen. Die nicht mehr operativen Fälle zeigen bei der Radiumbehandlung ein Schwitchen


