Ausgabe 
17.3.1913 Zweites Blatt
 
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Zweites Blatt

Nr. 64

M. Jahrgang

Erscheint täglich nrtt Ausnahme des Sonntags.

be-

H. B.

zweifelhaft.

Säuglingsheim", eine derb satirische Burleske, mit Beifall ausgenommen. Das Werk glossiert in Simplizissimusmanicr die Tätigkeit eines von dem allmächtigen Kammerpräsidenten völlig abhängigen Ministeriums in dem Kulturstaat, in dem Zentrum Trumpf ist. So lustig mich die Karikierung einzelner im Vorder­gründe des politischen Lebens stehender Persönlichkeiten in ihrer grotesken Ucbertreibung wirkt, so wenig kann man Thoma von dem Borwurf sreisprcchen, das; er diesmal bei der Verspottung der politischen Gegner zu weit gegangen ist, daß seine Burleske sich von Gehässigkeit nicht ganz frei hält. In München, dessen Publikum in dieser Hinsicht nicht besonders feinfühlig ist, konnte dies den Erfolg der Ausführung nicht beeinträchtigen, aber wie das Bekenntnis an anderen Orten ausfallen wird, erscheint sehr

Redaktion, Expedition und Druckerei: Schul- strahe 7. Expedition und Verlag: e^sj&l. Redaktion:^^112. Tel.-Adr.: AnzeigerGießen.

das Gemeindenmlagengesttz

vorn 8. Juli 1911, e'ingetreten. Der Antrag lautet:

Die unterzeichneten Mitglieder der Ersten Kammer antragen, Großherzogliche Regierung zu ersuchen:

Das Spielwerk und die Prinzessin, die neue Oper Franz Schreckers, die am Samstag an mehreren Bühnen gleichzeitig zmn erstenmal aufgcführt wurde, fand in Wien eine geteilte Aufnahme, so daß die Vorstellung unter großem Lärm schloß. Die Aufnahme des Werkes in Frankfurt«. M. war nicht besonders herzlich. Die Zeitungen sprechen von einem Achtungserfolg.

Von der deutsch-französischen Grenzrege-» lung am Kongo. Die deutsche und die französische Mission, die am Kongo und in Kamerum neue Grenzregelung durchführen, setzen ihre gemeinsamen wissenschaftlichen AÄcitcn, über deren Programm sich beide Teile verständigt hatten, in gleicher Rich­tung fort. ImMalin" wird ein Bericht des Leiters der: französischen Mission, des Administrateurs Psriguet, veröffent­licht. Die Mission drang in bisher unerforschte Gebiete des Kongos ein und es gelang ihr, nach einem mühseligen Marsche die noch unbekannten Quellen des Pamaflusses zu ent­decken. Der Pama mündet in der Nähe von Bangi in den Ubangisluß. Die Eingeborenen der Pamaregion traten ihnen sehr unfreundlich gegenüber. Vor allem hatten die schwarzen Führer der Mission unter den Feindseligkeiten der Eingeborenen zu leiden: ihnen warf man vor, den verhaßten Weißen den Weg gewiesen zu haben. In der Gegend herrscht noch heute die Menschenfresserei. Bei den Quellen des Pama stieß Psriquet der Verabredung gemäß mit den Leutnants Messire und Frioourt zusammen, die auf einem anderer! Wege dem gleichen Punkte zugestrebt waren. Die beiden Offiziere hatten bereits mit der Errichtung einer drahtlosen Telegraphie- statron begonnen; nach deren Fertigstellung wird man auf eine Entfernung von 1000 Kilometer mit Brazzaville drahtlose Nach­richten wechseln können. Das Quellengebiet des Pama wird als ein sehr schönes Land geschildert, das aber während der Trocken­zeit oft durch große Busckchräude heimgesucht wird. Das Feuer legen die Eingeborenen an, um die größeren Sträucher zu zev-

DieGlrtztner Lamilienblätter" werden dem .Anzeiger" viermal wöchentlich beigelegt, das Kreisblatt für den Kreis Sietzen" zweimal wöchentlich. DidLandwirtschaftlichen Scit- frogen" erscheinen monatlich zweimal.

hessische Crfte Kammer.

bs. Darmstadt, 15. März.

Um lO/o Uhr eröffnet der Präsident G ra f G ö r tz z n S ch l i tz die Sitzung. Es liegt ein Antrag von 5 Mitgliedern' der Ersten Kammer vor, der lautet:

1. Die Zivilliste S. K. H. des Großherzogs wird vont 1. April 1913 an für die Dauer Seiner Regierungs­zeit auf 1365 000 Mark für das Jahr festgesetzt. 2. Auf diese Summe wird süt das Etatsjahr 1913 der nach Art. 3 des Ge­setzes, betreffend die Dienstbezüge der Staatsbeamten und Volks- sckjullehrer usw. bewilligte Betrag angerechnet. Ter Fürst zu I s e u b u r g-B i r ft e i n verliest hierzu folgenden Ausschußantrag: Großh. Regierung zu ersuchen, den Ständen alsbald eine Vor­lage zu machen, wonach die Zivilliste S. K. Hol;, des Großherzogs vom 1. April 1913 an um einen den Bedürsnissen der Haus-

Die beantragte dreijährige Dienstzeit in Frankreich.

Paris, 15. März. Heber die gestrige Sitzung des H e er es a u s s ch u s s e s der K a nt ni e r wird noch gemel­det : Der radikale Abgeordnete Bsnazet trat entschieden für die Wiedereinführung des dreijährigen Dienstes ein, indem er nach einem Vergleich zwischen den deutschen und den französischen Bestünden erklärte, die Haltung Deutsch­lands mache es dem französischen Parlament zur Pflicht, für die Regierungsvorlage zu stimmen.

Dagegen bekämpfte der sozialistisch-republikanische De­putierte und ehemaliger Minister Augagneur den Gesetz­entwurf mit großer Scharfe. Das Gesetz, sagte er, gebe Frankreich in Kriegszeiten nicht einen Mann mehr. Zu einer entsprechenden Verstärkung der Deckungstruppen wür­den 30000 Mann genügen. 20000 Mann würde man leicht finden, wenn man alle Soldaten des Verwaltungsdienstes zum Waffendienst heranziehen werde, die übrigen 10 000 Mann könnten von den Garnisonen des Innern geliefert werden. Die 200 Millionen, die die Einführung der -dreijährigen Dienstzeit kosten würde, könnte man besser zur Erhöhung des Soldes der Offiziere und Unteroffiziere verwenden.

Der linksrepublikanische 9£bgeorbnete Josef Reinach erklärte, eine Ablehnung des Gesetzentwurfes wäre ein Ver­brechen gegen das Vaterland.

Aus Anlaß des von Jaures gestellten Antrages, dem Kriegsminister neue Fragen zu unterbreiten, kam es zu einem lebhaften Zwischenfall. Der nationalistische Abgeordnete von Nancy, Major Dry an t, ein Schwieger­sohn des Generals Boulanger, erklärte in heftigen Worten, daß es Jaurös lediglich um eine Verschleppung der Aus­sprache zu tun sei, denn schließlich werde er, wie auch immer die Antwort des Kriegsministers lauten möge, zweifellos gegen die dreijährige Dienstzeit stimmen. Jaures erhob gegen den Vorwurf der Obstruktion scharfen Einspruch und der Ausschuß nahm dann auch seinen Antrag an.

Die Gruppe der Geeinigten Sozialisten beschloß, dem Gesetzentwurf über die dreijährige Dienstzeit unermüd­lichen Widerstand entgegen zu setzen und sowohl die ge­samte Vorlage, wie auch die einzelnen Artikel durch Zusatz­anträge zu bekämpfen.

Tie gestern abend unter Beteiligung mehrerer Universitäts- Professoren abgehaltene Protestversa m m lung gegen da dreijährige Militärdienstzeit verlief sehr stürmisch. Mehrere hundert Camelots du Roi", die die Redner mit Hohngeschrei unter­brachen, wurden nach einer heftigen Prügelei, bei der es auf beiden Seiten Verwundete gab, aus dem Saal geworfen.

In Rennes hielten etwa 1000 Sozialisten in der Ar­beitsbörse eine Versammlung gegen die dreijährige Dienstzeit ab. Plötzlich drangen etwa 300 nationalistische Studenten, die Marseillaise" singend und Trikoloren tragend, in den Saal. .Es entstand eine furchtbare Rauferei. Die Sozialisten Vertrieben schließlich die Studenten, zerrissen ihre Fahnen und prügelten sie mit den Fahnenstangen durch. Mehrere Studenten wurden erheblich verletzt. Auf der Straße kam es noch wieder­holt zu Zusammenstößen zwischen Sozialisten und Studenten.

1. einen Gesetzentwurf, betreffend Auslegung be5 Gemeinde - um'lagengefetzes vom 8. Juli 1911 vorzulegen, wodurch die Doppelbesteuerung des landwirtschaft­lichen Betriebskapitals beseitigt wird:

2. alsbald einen Gesetzentwurf vorzulegen, wodurch bestimmt wird, daß der Steuerpflichtige bei künftigen Veranlagungen schon während des Veranlagungsverfahrens von der Be­wertung seiner landwirtschaftlickien Grundstücke durch die Steuerbehörde beziehungsweise die Veranlagungskommission Kenntnis erhält, um ihm das Antragsrecht gemäß Artikel 4 des Gesetzes vom! 8. Juli 1911 auf Besteuerung nach einem Mittelwert zu sichern.

In der B c g r ü n d n n g, die G r a f z-u S t o l b e r g - R o ß l a als Mitglied des Ausschusses verliest, heißt es zu 1:

Da das landwirtschaftliche Betriebskapital in Artikel 9 Ab­satz 3 des Gemeindeumlagengesetzes der Gewerbesteuer unterworfen wird, so ergibt sich bei der Zugrundelegung des Ertragswerts gemäß Artikel 4 Absatz 3 des Gemeindeumlagengesetzes eine teilweise Doppelbesteuerung des landwirtsck-aftlichcn Betriebskapitals. Diese Konsequenz ist in hohem! Grade unerwünscht: sie schwächt die Bedeutung der nach langen parlamentarischen Kämpfen errungenen Möglichkeit der Besteuerung nach dem Mittelwert, weil die Span nung zwischen gemeinem Wert und Ertragswert dadurch ver­ringert wird.

Es wird deshalb der Antrag gestellt, zuni klaren Ausdruck zu bringen, daß bei Berechnung des Ertragswerts nur die Boden­rente berücksichtigt werden darf.

Zu 2: Tas Gemeindeumlagengesetz tritt am 1. April 1913 in Kraft. Die Veranlagung hat inzwischen stattgefunden und zwar für die landwirtschaftlichen Grundstücke nach dem gemeinen Wert. Der Steuerpflichtige hat bis jetzt keine Möglichkeit ge­habt, die Bewertung seiner Grundstücke kennen zu lernen. Er war

Montag, \I. März 191(3

Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schen Unwersiläts - Buch- und Steindruckerei.

R. Lange, Gießen.

das sonderbarste Geldstück der ganzen Welt sein und ist nur aus Jap allein zu sinden. Dieser Geld stein besteht aus gclblick>- weißem, kristallisiertem Kalkspat oder Arragonit, einem Gestein, das auf Jap nicht vorkommt, dagegen auf einer der Palau- Inseln sehr reich vertreten ist. Tort wird es von den Jap- Leuten gebrochen und zu einer dicken, runden, in der Mitte durchlöcherten Scheibe gehauen. Der Umfang wechselt zwischen Taler- oder Handtellergröße und mächtigen Mühlsteinen von 111/2 Meter Durchmesser und mehr. Das Loch in der Mitte dient dazu, die Steine tragbar zu machen. Die gan^ großen Steine werden mittels einer Bambusstange auf den Schultern zweier Männer getragen. Der Wert dieser Geldsteine ist in den Augen der Eingeborenen ganz ungeheuer, da endlose Schwie­rigkeiten überwunden werden müssen, um sie in Besitz zu be­kommen. Die Steine dienen tatsächlich als Geld. Mit ihnen bezahlt man z. B. einen größeren Ankauf von Lebensrnitteln, den Arbeitslohn für hie Mithilfe an einem Gemeindehausbau, eine Kriegsentschädigung, eine Bundesgenossensckmft^ usw. Auch dienen die Geldsteine den Händlern als Pfand für Schulden, die die Eingeborenen bei ihnen gemacht haben. Endlich werden sie auch maiichmal von der Regierung als Strafgeld für Ungehorsam oder Nachlässigkeit im Wegebau eingezogen, d. h. vielmehr an ihrem Standort gelassen, aber mit dem bedeutungsvollen B. A. lBezirks-Amt) gezeichnet, das nach Aufhebung der Pfändung ein­fach wieder durchgestrichen wird. Sonderbar nimmt sich auf den ersten Blick die anscheinend oft sehr sorglose Aufbewahrung der Geldsteine aus. Sie stehen oder liegen offen und unbewacht am Wege, am Meeresstrande, manchmal wie herrenlos und verlassen mitten im Busche, als einzig übrig gebliebene Zeugen einer einst vorhandenen menschlichen Behausung. Die Steine erzählen wie. die gewaltigen Ruinen auf Ponape von einer Kultur, die zweifellos den gefürchteten Taifunen der Südsee einst zum Opfer gefallen ist. Die entsetzlichen Orkane haben in wenigen Stunden alles nieder­gerast, >vas in ilyre Bahn kommt, Menschen, Häuser, Bäume, Vieh. Tie Gefährlichkeit der Taifune wird durch die Ungewißheit über ihr Auftreten nach Zeit und Oertlichkeit noch erhöht. Und dieser Um­stand verhinderte sehr wahrscheinlich das Wiederaufleben der zer­störten Kulturstätten. Zwar spricht man von einerZeit der Taifune", aber sicher ist man vor ihnen in keinem einzigen der zwölf Monate des Jahres. Auch die deutsche Herrschaft hat schon viel durch die Taifune zu leiden gehabt, so daß es auch ihr noch hart und schwer genug werden wird, durch die Ko­lonialarbeit zu Kulturerfolgen zu kommen.,

.*

Der n e u e st c Thoma. Aus München, 14. März, wird uns gemeldet: In den M ü n ch e it c r K am m erspiele n wurde gestern Ludwig Thomas neueste dramatische ArbeitDas

Kulturfimbe auf den Karolineninfeln?

Die englische Presse läßt sich aus Sidnep melden, das; in der Nachbarschaft von Ponape auf den Karolineninseln gewaltige Ruinen einer vorgeschichtlichen Kultur gefunden worden sind. Der Entdecker fei ein Engländer namens Peterson, der soeben nach Australien zurückgekehrt ist. Peterson berichtet, die Ruinen ließen auf eine Art von Venedig schließen, dessen Verkehrswege zum Teile Kanäle, zum Teil wohlgepflchterte Straßen waren. Die noch stehenden Mauern sind von ungeheurer Dicke und zeugten von großer Baugeschicklichkeit. Das Ruinenfeld ist febr groß. Peter­son glaubt, daß es sich 11m die Ueberbleibsel von Ansiedlungen einer geistig und körperlich hoch entwickelten Raße handle, die nichts mit den jetzigen Bewohnern der Karolinen gemein hatten.. .

Der Engländer Peterson kommt mit seinerEntdeckung" reich­lich spät. Was er gefunden haben will, ist d er d e ut f chc 11 K0 - lonialverwaltung bekannt. Zweifellos hat P,onape in früheren Jahrhunderten ober Jahrtausenden eine iveit dichtere Bevölkerung gehabt, die ungleich tüchtiger und gelitteter gewesen sein muß, als die heutige. Tie gewaltigen Ruinen, die Peter,on jetzt gesehen hat, liegen auf einigen Jnselcken im Wetterhaten an der Ostseite der .Hauptinsel. Die aus Baialtsaulcn berge,teilten Vauiverle bedecken eine Fläche von 42 Hektaren, die von einem Netze von Kanälen durck>zogeit ist. Man hat die ganze Anlage deshalb dasmikronesische Venedig" genannt langst ehe nun ein englischer Tourist den Vergleich mit Venedig anstellte. Tic heutigen Insulaner der Karolinen wißen nicksts über die Ent­stehung und Bedeutlinn dieser mächtigen Hau pt l1ngsf1tze, Grabstätten und Befestigungen, ui denen sich ernst eine geschäftige Menge tummelte, und die mit Hilfsmitteln ge­baut sein müssen, die uns fast unerklärlich.scheinen, da bn, zu 3000 und 1000 Kilogramm fchwere Stein,aulen oft 3n 10 Meter hohen Mauern aufgeschichtet sind.

Heute ist dort alles tot und verelnstrmt Der Eingeborene Ponapes fürchtet die Ruineii aus abergläubischen Gründen, und keine Belohnung kann ihn reizen, seinen Fuß m gewiße be- smrders, amiichmc Teile der alten Kulturstätten unseres deut­schen Südseegebietes zu setzen. Die Scheu haben ihm auch die protestantifchen Äcissionen nicht nehmen können, die fchon 18a-, aus Nordamerika auf Ponape Fuß gefaßt hatten, und denen letzt etwa die Hälfte aller Einwohner angehört.

Nicht richtig wäre es, die 4 Meter hohe und lehr dicke Mauer alsPrähistorisch" anzusprechen, von der die europaifche Ansiedlung im Nordeii der Insel Ponape am Lang ar-Hafen umgeben ist. Diese Mauer stammt aus der Zeit der ,panischen Herrschast, die der deutschen kurz Dorangtng. Sehr intere,laute Kulturfunde kann man dagegen noch auf der andern Karolineu- insel I a p machen, nämlich das große S t e i n g c 1 b. Es dürfte

und Hofhaltung angemessenen ergänzenden Betrag erhöht wird. In der Begründung des Antrages heißt es, baß nachgewiesen worden sei, baß die provisorisch bewilligte Erhöhung nicht aus- rtiehenb sei.

Staatsminister Dr. von Ewald: Tie Großh. Regierung hofft, daß diesem Anträge entsprochen werden kann.

Tas Haus stimmt dem Ausschußantrage einstimmig zu.

Es wird dann über eine ganze Reihe von kleineren Einträgen und Vorstellungen abgestimmt, die sämtlich im Sinne der Aus sckmßanträge hierzu verabschiedet werden.

Zur Vorstellung der Schachcelinacher Philipp Hoffmann III. und Georg Trinlaus III. bittet Oiewerberat Falk um Unter stützung eines der Bittsteller, da nach den Ißeflimmutigen eine Ent schädigung ja nickst gewährt werden kann. Minister des Innern von H 0 in d e r g k sagt Berücksichtigung ?>u.

Zu dem Anträge der Adg. Dr. Zuckmeyer und Genossen, Vergebung von öffentlichen Arbeiten und Lieferungen, macht^Ge Werberat Falk folgende Ausführungen: Er will auf die Dar­legungen des Ausschußberichts nicht näher eingeben. Als Bei tret er des bei dieser Frage hervorragend interessierten Handwerks muß er aussprechen, daß das ^>ubmissionswesen in Hessen allen billigen Wünschen entspricht. Von jeher sei es vorbildlich für die anderen Bundesstaaten gewesen und auf den verschiedenen deutschen Haudwerkertagen als solches an­erkannt worden. Es wäre nur zu wünschen, int Interesse der Gesundung der Verhältnisse im Vergebungswesen, daß auch die städtischen Verwaltungen int Lande die gleichen Grundsätze wie die staatlichen durchsührten. Sehr anerken­nenswert sei es, das; in den letzten Jahren chnige Stadtverwal­tungen bereits damit begonnen haben und die ansässigen Hand- werker-Jnnungen und Vereinigungen bei größeren Arbeiten heran- ziehen und dabei angemessene Preise bewilligen. Hierdurch werde sicher wieder die Qualitätsarbeit zu Ehren kommen zum Vorteil beider Teile. Er wünsche auch noch, daß die Regierung öfter die ausführenden Organe dahin kontrolliere, daß die Be­stimmungen auch ausgeführt werden.

Zu der Vorstellung des Vorstandes des Verkehrsverbandes der Strecke Frankfurt a. M.-Darmstadt spricht Geheimer Kommerzien­rat Dr. Bamberger, daß die Bittsteller derartige.Wünsche in erster Linie an dett Bezirks-Eisenbahnrat gelangen lassen.

Nach einer kurzen Panse wird in die Beratung über den Antrag von 26 Mitgliedern der Ersten Kammer, betreffend

Gießener Anzeiger

General-Aqeiger für OberheW

also nicht in der Lage, zu prüfen, ob es für ihn zweckmäßig ist, von dem Art. 4 Abs. 3 Bildung eines Mittelwertes Ge-, brauch zu machen. Diese Prüfung kann der Steuer pflichtige vielmehr erst nach Empfang des Steuerzettels vornehmen. Aber auch dann nur in höchst unvollkommener Weise, da, foweit be­kannt ist, der Steuerzettel eine Ausscheidung des lanbiuirtldiaft* lieb genutzten Besitzes von dem übrigen Grundbesitz nicht vorsieht. Der Steuerpflichtige muß also nach Erhalt seines Steuerzettels zunächst vom Finanzamt die Mitteilung über die Bewertung seines landwirtschaftlich benutzten Grundstückes bedangen, erst dann kann er event. von der ihm in Art. 4 Abs. 3 gebotenen Möglichkeit, Besteuerung nach dem Mittelwert zu erlangen, Ge­brauch machen. Es wäre richtiger gewesen, wenn die Regierung angeordnet hätte, daß nach Feststellung des gemeinen Wertes der Grundstücke eine Mitteilung dieser Feststellung an den Steuer­pflichtigen erfolgt. Der Antrag bezweckt, diese Mitteilung herber­zuführen.

Geheimerat Dr. Becker: Der Gedanke nach dem Ertrags­wert zu besteuern, bat im landwirtschaftlichen Besitz Fortschritte gemacht. Die beiden Punkte, um die es sich hier bandelt, sind bereits in mündlichen und schriftlichen Verhandlungen zwischen Regierung und Interessenten erörtert worden. In diesen Verhandlungen wurde erklärt, daß die Doppelbesteuerung be­züglich des Ertrages in der Ziffer 1 von uns von vornherein als solche anerkannt worden ist. Die schwierigste Frage war, wie der Betriebswert festzustellen und zu berechnen sei. Tie Auffassung der Zweiten Kammer weicht vollständig von der der Ersten Kammer ab, in Bezug dessen, was al§_ Ertragswert bezeichnet werden kann. In diesem Hohen Hause ist man davon ausgegangen, däß der Pachtwert der Ertrag ist. Wenn man von dem Betriebswert ausgeht, so müßte man das landlvirt- schaftliche Kapital nicht mehr selbständig in Ansatz bringen. Das wäre theoretisch und praktisch der richtigste Weg. Ein zweiter Weg wäre umgekehrt. Man bringt das Betriebskapital m An­satz,' vergleicht aber nicht den Ertragswert, sondern man ver­gleicht ihn mit dem gemeinen Wert. Der dritte Weg wäre, daß man vom Betriebswert absetzt den Wert des Betriebs­kapitals.

Zu dem zweiten Teil des Antrages macht Geheimerat Dr. Becker eingehende finanztechnische Ausführungen.

Graf zu S 101 b e r g - R 0 ß l a geht nochmals auf das Be­anstandete in dem Gesetze näher ein.

Frhr. v. Hehl: Herr Geheimerat Dr. Becker hat alle Be- schwerdeii und "Bedenken als berechtigt zugegeben. Der Gemein- wert ist vollständig bankerott. Man wird den Kompromiß als unhaltbar ablehneii müssen. Wir werden nach dem Ertrage zu besteuern haben. Geheimerat Dr. Becker hat zugegeben, daß die Regierung bereit ist, den Weg der Verhandlungen zu be­trete!! Nachdem man im Ministerium klar war, daß das Gesetz im ersten Jahre ohne vorbereitende Erhebungen nicht ausführbar sei, sollte man das alte Gesetz noch um ein Jahr verlängern. Wir haben den Antrag eingcbracht, nachdem wir erkannt haben, daß das Gesetz Mängel hat, um so unsere gesetzgeberische Ehre zu schützen.

Geheimerat Dr. Becker geht nochmals kurz auf die tech­nische Seite der Sache ein.

Bantdirektor Pareus: Auch ich kann die Veranlagung nicht für richtig halten.

Frhr. v. Hehl: Die Berechnung des Ertragswertes ist einfach. Wemi man aber, wie Herr Geheimerat Dr. Becker, so viel Staats- und Steuerrecht und Steuerphllosophie treibt, ver­wirrt man die Sache.

Finanzminister Dr. Braun geht auf die Verhandlungen, die mit Vertretern der Zweiten Kammer gepflogen sind, ein. Diese hätten sich mit dem Gesetz einverstanden erklärt.

Fürst zu Jsenburg-Bir stein: Der Abg. Dr. Weber ist gefragt worden, ob er eine Kränkung in den Ausführungen, die wir hier gemacht haben, erblicken würde. Er hat aber ausdrücklich gesagt: Ich stelle mich auf den Standpunkt der Ersten Kammer.

Frhr. v. Hehl: Die Situation, wie sie hier hervortritt, stimmt überein mit der Majorität der Zweiten Kammer. Es sind nicht die Wünsche' der Großgrundbesitzer, die hier zum Ausdruck kommen.

Geheimerat Dr. Becker: In der Sache selbst besteht keine Meiiiungsverschiedenheit zwischen Regierung und Aiitragsteller. Die Frage, ob die Zweite Kammer in ihrer Mehrheit die eine oder andere Auffassung billigt, kann man dahingestellt sein lassen.