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21.6.1913 Drittes Blatt
 
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Er. 145

Drittes Blatt

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General-Anzeiger für Gberheijen

Erschein! lägttch mit Ausnahme des Sonntags.

Die ..Siebener.^emMenblötter" werden dem Anzeiger" viermal wschenttich beigelegt, das ..Kreisßlatt ffir den Kreis Sichen" zweimal wöchentlich. DieLondwirtschaftlichen Seit, trsged" erscheinen monatlich zweimal.

Samstag, 2j. Juni 1913

Rotationsdruck und «Zerlag der Brnhl'schen Universuäls - Buch- und Sleindruckerei.

9t Lange, Gießen.

Redaktion, Expedition und Druckerei: Schul« straße 7. Expedition und Verlag: 51.

Redaktion: 112. Tel.-ALr.: ^lnzcigerDreßen.

Der Kaiser in Hannover.

Hannover, 20. Juni. Der Kaiser traf mit Ge­folge mittelst Sorrderzugcs um 7 Uhr 45 hier tein und Veaab Nch imter lebhaften Kundgebungen des Publikums nach dem Könrglichcn Schlosse, wo er Wohnung nahm. Das Wetter rst trübe.

Eine Rede de8 Kaisers.

Bei der Einweihung des neuen Rathauses hren der Kaiser auf die Begrüßungsansprache des Stadt- rnrcktors Tramm folgende Rede:

banfe Ihnen und den städtischen Kollegien für die freund- I- p^^ung zur heutigen freier. Ihre Begrüßungsworte und dre Mrr in den Mauern Ihrer schönen Stadt heute zuteil gewordene besonders herzliche Aufnahme, spiegelten die freudigen Empfin­dungen lebhaft wieder, mit denen 'Uteine treue Stadt und Provinz Hannover im Wettbewerb mit den übrigen Teilen der Monarchie rn btefen festlichen Tagen bic Vermählung Meiner geliebten Tochter und Mein 25 jäbriaes Regierungsjubiläum begleitet und mit» gefeiert lzaben. Roch ganz unter dem erhebenden Eindruck dieser festlichen Begebenheiten freue Ich Mich, hier auch mündlich für alle die zahlreichen Beweise der Treue, der Liebe und des Ver> trauens Meinen innigsten Dank ausdrückcn zu können. Zugleich beglückwünsche Ich Meine Haupt- und Residenzstadt Hannover zu dmr neuen Rathaus, zu dessen Weihe wir hier versammelt sind. Durch langiährigc mühevolle Arbeit ist es gelungen, den gewaltigen Ban zur Vollendung zu bringen und ein Wahrzeichen des kraft­vollen Aufblühens und des wirtschaftlichen Aufschwungs Ihrer Stadt zu errichten. Dkft den beiden ttcfslichen Bildwerken vor uns hat die Stadt ihren Dank für die landesväterliche Fürsorge Meines Hauses in innigster Weise zunr Ausdruck gebracht und damit zugleich von ihrer treuen Anhänglichkeit und loyalen Ge­sinnung ein beredtes Zeugnis für alle nachkommenden Geschlechter abgelegt. Möge das neue Rathaus alle Zeit eine Stätte sein, an der für das Wohl einer glücklichen Bürgerschaft mit ?8eishcit, Hingebung und Pflichteifer beraten und gearbeitet wird im Auf­blick zu Gott und treu zu König und Vaterland. Indem Ich nun den Pokal ergreife zur Weihe dieses Hauses, dessen Bal- kone Ich mit den Frauen und Jungfrauen Hannovers geschmückt sehe, schließe Ich auch diese hier ein und trinke auf das Wohl Meiner getreuen Haupt- und Residenzstadt Hannover und das Glück ihrer Bürgerschaft.

Das neue Rathaus ist mit einem Kost-enaufwand von mehr als 10 Mill'. Mart errichtet. Tas monumentale Bau­werk, zu deni vor zehn JaHren der Grundstein gelegt wurde, ist nach dem Entwurf des Geheimen Baurats Eggert ausyeführt unb nach dessen Rücktritt von Prof. Hal mH über vollendet worden. Ten Mittelpunkt der den Ehrenhof umschließenden einzelnen Flügel des Rathauses bildet eine bis fast 100 Meter aufsteigende, mit einer ver­goldeten S-pitze versehene .Kuppel, die sich über der 30 Mtr. hohen Eingangshalle wölbt. Von dieser Halle führt eine MarmortrcPpc, die mit überlebensgroßen, in Bronze ans- geführten Standbildern Kaiser Wilhelms I. und Wil­helms II. geschmückt ist, zu den Fefträumen, die von erster Künstlerhmtd ausgeführt sind.

Kloster Loccum, 20. Juni. Die Fahrt des Kai­sers nach Kloster Loccum ging über Nenndorf und Reh­burg. lleberall auf dem Wege, auch in Loccum selbst, zeigte sich reicher Naggenschmuck'. Schulten und Vereine bil­deten Spalier und begrüßten zusammen mit der übrigen Bevölkerung den Kaiser. In Anwesenl)eit des Kaisers fand fobmrn die Feier des 7 5 0jährigen Jubiläums des protestantischen Klosters Loccum statt, welches reichen Schmuck angelegt hatte. Kurz nach 3 Uhr traf der Kaiser im Automobil ein und wurde au der Stiftskirche von dem Abt, welcher die Mitra angelegt hatte und den silbernen Krummstab in her Hand hielt, und den Konventualen des Klosters empfangen. Mit dem Kaiser kamen Prinz Wal­demar und la.ußer den Herren des Gefolges noch der kommandierende General v. Emmich. Ferner waren u. a. anwesend: der Kultusminister v. Trott zu Solz, Ober- präsidcnt v. Wentzel, der Kurator des Klosters, der Präsident des Landeskonsistoriums Steinmetz, Regie­rungspräsident Graf Berg-Schönfeld und Landes­hauptmann v. d. Wense. Nachdem der Abt die Konven­tualen vorgestellt hatte, fand in der Stiftskirche ein li­turgisch reich ausgestatteter E^ottesdienst statt. Ter Kaiser iirtfynt neben dem Altar Platz. Der Abt legte seiner Fest- prddigt zu Grunde Lucas 19 Vers 40:Wo diese schweigen, werden die Steine schreien." In seiner Festrede aab der !Abt einen Ueberblick über die eigenartige Geschichte des Mofterd. Der Kaiser verlieh dem Abt und Oberkonsiftorial- rat Dr. Georg Hartwig den Stern zum Kroncnorden 2. Kl., dem Kurator des Landeskonsistoriums, Steinmetz, die Krone zum Roten Adlerorden 3. Klasse mit der Schleife, dem GeneralsusTerintendenten Möller den Kronenorden 2. Kl., ferner noch eine Reihe weiterer Auszeichnungen. Tie Rück­fahrt nach Hannover erfolgte gegen 5 Uhr. Dort speiste der Kaiser beim Oberpräsidenten v. Wentzel.

Ein Erlaß des Kaisers.

DerReichsanzeiger" veröffentlicht folgenden Erlaß Seiner Majestät des Kaisers:

In dein an ernften und frohen Gedenktagen so reichen Jahre ist Mir ein besonders glücklicher Tag beschicden gewesen, der Tag, an welchem Ich vor 25 Jahren auf den Thron Memer Vater berufen wurde. In Gesundheit habe Ich ihn mit Ihrer Maieital der Kaiserin und Königin, Meiner Gemahlin, tm Kreise unserer Kinder und Kindeskiuder freudig begeben können. Ich danke Gott, baß Ich mit Besriedigung zurückblicken darf auf die vergangenen 25 Jahre ernsten Schaffens, auf die großen Errungenschaften, welche ste dem Vaterlande auf allen Gebieten des geistigen, sozialen und wirtschaftlichen Lebens gebracht haben. Auch dre beispiellose Zu­nahme an VslkZkrast und Rntionaloerinogen, das auf dem Fundament der Einheit der deutschen Stämme und ihrer pursten von Kaiser Wilhelm bem Groben errichtete deutzche vaus, ist nach innen imb außen weiter ausgebaut zu einem geschützten und freundlichen Aufenthalt für ferne Bewohner. Daß dies unter dem befruchtenden Strahle der Friedenssonne geschehen ist, deren Krast zedes am Horizont auftauchende Gewölk siegreich zerltuckelte, macht Llich besonders glücklich: ein Herzenswunsch ist Mir damit in Erfüllung gegangen. In reicher Fülle ist Mir an Meinem Ehrentage Siebe und rreue Anhänglichkeit von allen Seiten entgegengebracht worden. Die e stauchten Fürsten und die Freien Städte haben es NZ . m ck lvrhruen lassen, ihre Mich beglückende kitreundschast und die Festigkeit d"s Bandes Deutscher Einheit durch perfonliche Ueberbrmgung inemidschastlicher Glückwünsche von neuem zu bestätigen, ^as d'wtsche Volk hat Mir durch Abordnungen und Tausenden von Zuschriften, Telegrammen und künstlerischen Adressen aus alleuGmren

des Vaterlandes, aus den Kolonien und aus allen Teilen des Erd­balles^ treue Glückwünsche kundgegebeii. In Stadt und Land ist der -tag mit sreudiger Teilnahme festlich begaiigen ivorden. In den festlichen Veranstaltungen der Parlamente, Behörden und Vereine und in den freuiidlichen Festartikelii der TageSprcffc ist eine patriotische G e s i ii ii n n g von außergeivöhii- licher Stärke zu Tage getreten. Aber lischt aus Glückwünsche »nid Festreden alleiii haben sich die Mir gewidineten Austnerksam-- reiten und Ehrungen beschränkt. Wenn Festessreude mit bem Aerzen einpsunden wirb, drängt sie znr Betätigung durch Dankopser. Provinzen, Kreise, Städte, Gemeinden und Vereine haben trotz hoher Ansorderungen an ihre Opserivilligkeit sich gedruiigen qesühlt, zahlreiche, mit Meinem Rainen verbundene Stiftungen zu errichten, dazu bestimmt, die Not der Bedürftigen, Kranken und Eleiiden zu lindern iiild gemeinnützige Bestrebungen mannichfaltigster Art zu lörderu. Zu Meiner Freude ist dabei auch der in unseren Kolonien segensreich wirkenden christlichen Missionen uni) der mit Glücks- 9fitem nicht gesegneten Veteranen ans großer Zeit dankbar gedacht worden. So i ft Mein Regierungsjubiläum zur Quelle eines S e g e ii s st r 0 »i e s für die d e ii t s ch e ii L a n d e noch f n r k 0 rn ,n en d e G e s ch l e ch t e r g e iv 0 r d c n. Beglückt und bcivegt durch die Begeisteruug, mit der Mein Ehren- lag als nationaler Festtag gefeiert worden ist, spreche Ich jedem einzelnen, welcher Meiner so frelmdlich gedacht und zur Erhghung der Festesfreude bcigetrageu hat, aus diesem Wege Di e i n e u wärmsten Dank aus. Ich werde auch ferner für das Wohlergehen des deutschen Volkes gern Meine v 0 l l e K r a s t e i n s e tz e n, so lange Gott der Herr sie Mir er­hält. Er aber ivolle Mein Wirken und Streben mit seinem Segen begleiten und das teure Vaterland alle Zeit in seine gnädige Obhut iiehmen.

Der Abschluß der ersten Ausschuhlesung der vesitzfteuer.

:: Berlin, 20. Juni.

Der Budgetausschuß des Reichstags hat in fleißiger Arbeit heute die e r st e L e s u n g des Besitz st eu er gesetzes erledigt unb bann die übliche Frühstückspause gemacht. Sie hat nur fünf Sitzungen dazu gebraucht, davon für die eigentliche Besitz steuer nicht einmal volle drei, du zwei Sitzungen durch die Beratung des Finanzgesetzes beansprucht wurden, zu dem Vas Bcsitzsteuer- gesetz formell eine Anlage darstellt.

Der Abschnitt über die Wer ter m i ttelnn g führte in der heutigen Sitzung noch zu längeren Erörterungen: in der Hauptsache handelt es sich bei den hierbei gestellten und zumeist angenommenen Anträge?! um Folgerungen aus den .Beschlüssen der ersten Lesung des Wehrbeitrags: insbesondere war, da das Gesetz als Reichsgesetz in Aussicht genommen ist, eine Aenderung der Bestimmungen über die Veranlagungsbehörden erforderlich. Hierzu lag eine Reihe Anträge des Nationalliberalen Schiffer vor, die der Schatzsekretär, da sie auch sonstigen Gesetzesvorschriften entsprechen, befürwortete. Dagegen äußerte er Bedenke?? gegen eine von den Nationalliberalen empfohlene Entschließung, die die Forderung erhebt, daß bei Ausführung des Besitzsteuergesetzes Reichsbevolt- mächtigte zu Reichsbeamten gemacht werden mit her Erweiterung ihrer Befugnis und Vie Veranlagung nicht den Behörde?? un d Beamten der allgemeinen Verwaltung, sondern besonders finanz- und steuer­technisch ausgebildeten Beamten übertragen werde. Indes sagte der Schatzsekretär zu, in die Prüfung dieser kompli­zierten Frage erneut einzutreten; man müsse vorsichtig vorgehen, um nicht unter Umständen das Avancement der Beamten zu verschlechtern.

Die Fortschrittliche Volkspartei wünscht eine alljährliche Berichterstattung über die Tätigkeit Vieser Beamten: hierfür hält der Schatzsekretär auch für den Reichstag ein Bedürfnis nicht für Vorhanven. Scharf wendet sich ein Konservativer gegen die erwähnte Entschließung der Nationalliberalcn, die eine Spitze gegen den preußischen Land­rat habe. Man vürfe die Rechte der Einzelstaaten nicht einschränken. Die Sozialdemokraten erklären, dem ganzen Gesetz durchaus kühl gege?rüberzustehen; sie seien aber bereit im einzelnen mitzuarbeiten und würde?? für die Anträge der bürgerlichen Linken stimmen. Allerdings seien schon nach der bestehenden Reichsversassung die Be­vollmächtigten Reichsbeamten.

Tie Anträge werden in der Abstimmung angenommen.

Die Sozialdemokraten beantragen die ge­setzliche Steuerpflicht der Bundesfürsten.

Ter Schatzsekretär wendet sich lebhaft gegen diesen Antrag; hier liege die Sache anders als beim Wehrbeitrag, wo die Fürsten aus freien Stücken ihre Beteiligung zu- qefaat haben. Hier handelt es sich um die Frage, ob oer Reichstag berechtigt sei, in ein Etatgesetz Bestimmungen hineinzusetzen, die von der Regierung an sich ab gelehnt werden ?nüßten, aberuichtabgelehnt werden kön­nen,umnichtdasganzeEtatsgesetzzugefähr- d en. Diese Frage sei für die Regierung von so ungeheurer $ Deutung, daß sie gar nicht nachgeben könne u?ü> nicht nachgeben dürfe. Denn sonst würde der Einfluß der Re- gjerung völlig ausgeschaltet. Man fei damit be­schäftigt, ein ungemein großes Werk zu- standezubringen unter Mitwirkung sämt­licher Parteien. Die Regierung habe auch sehr große Opfer bringen müssen, um zustim­men zu könne?? imi> in einem solchen Moment möge man doch nicht eine Streitfrage hineinwerfen, die das Gesetz zum Scheitern bringen müßte.

Der Antrag der ^Sozialdemokraten totrb gegen die Stimmen der Antragsteller und der Bolkspartei abgelehnt. Die ablehnenden Parteien stehen auf dem Standpunkt, daß es sich hier einfach um eine Anslegnngsfrage handle, über die eventuell die Gerichte zu enticheiden haben.

Bei dem Abfchnitt über die Besitz steuerer kl ärung beantragt Schiffer die Streichung der eides­stattlichen Versicherung. Man töiute die Vermehrung der Verwendung des Eides nicht befürnrorten; man möge eine Verschärfung der Strafen einfützven, aber weiteren Gavrssens- zwang zu schaffen, fei bedenklich. Ter Antrag wird einstimmig angenommen. Auch bei den folgenben Abschnitten werden Anträge Schiffer angenommen, die größtenteils rebaEteonefle Aen- dernngen cirtbalien oder die Konfeguenzen der .Fefhtelluug des atz ReiMgejer. in sich schließen.

Ein sozialdemokratischer Antrag fordert 0,2 pro Mille als eine verschleierte Vermögenssteuer. Der Antrag soll den Gedanken, der offenbar ursprünglich in dem bür­gerlichen Kompromiß enthalten war, wieder anfncInnen. Ter Schatzsekretär wendet sich gegen den Antrag, der n n durch­führbar fei und möchte wünschen, daß hierfür ei n beson­deres Gesetz eingefuhrt unb daß nicht etwa bie Vermögens- st e u e r unter falschem Namen ein geführt werde Ein Mitglied der Volkspartei ist gern bereit, an sich für bat Antrag zu stimmen: wenn aber bic Vertreter der Regierung' entschieben erklären, daß der Anttag nicht annehmbar sei, dann stehe er genau auf bem Bvbcn, den er riiiqcnommeit habe in der Frage der Vermögenssteuer selbst, nämlich bas Unmög­liche dann nicht mehr anzustrcken. Der Schatzsekretär erklärt, baß bic verbünbeten Regierungen eine Vermögenssteuer ans den bekannten Grünben nicht annehmen können, sie konnten also auch nicht es in biescr verschleierten Form tun. Ter Antrag wirb abgelehnt.

Auf Anfrage erklärt ber Schatzsekretär, baß eine Stundung namentlich bei Erbgang in lanbwirtscl-astliche?r Grunb stücken stattfinden soll im Sinne der früheren Hand­habung unb ber Bestimmungen im Erbfallsteucrentwurf.

Zn ben Strafvvrschriften beantragt Schiffer, daß auch die Verurteilung auf Kosten des Schuldigen öffentlich be­kannt gemacht werben kann.

Ein volksparteiliches Mitglied unterstützt diese Aus­führungen durchaus. I

Bei der Abstimmung wirb ber Antrag Schiffer, der eine ausbrücklicbe gesetzliche Einschränkung der Strafe vorselun will, auf ben Fall ber HinterzieHnngsabsicht, gegen bic National- liberalen unb Volksparteiler abgelehnt, der Antrag auf öffentliche Bekanntmachung ber Strafen wirb einstimmig an­genommen.

Zu ber Entschäbigung ber Bunbesftaaten für bic Erhebungskostcn liegt ein Antrag vor, zehn Pro­zent der 9tobeinnal>mcn ben Bundesstaaten überlassen. Gegen bi eien Anttag werben mancherlei Bcdenlen geäußert, namentlich nrirb hervorgehoben, baß j edes Prozent eine Million Mark koste. Speziell Preußen habe gar keine besonberen Aus­lagen, weil ja eine birefte Verbindung mit der Veranlagung zur Ergün?,ungsftcuer hergestellt sei. Man könnte höchstens nur bic tatsü chlichen K0sten bis zum Höchstbetrage von zehn Prozent erstticn.

Ter Schatzsekretär befürwortet eine ausreichenbe Ent- fdiäbiqung. In allen Bnnbcsstaaten seien wesentliche Kosten zu erwarten, ba bic neuen Gesetze mit allen bestehenden Lanbes- gesetzen stark befferieren. Insbesondere der Wehrbeitrag werde hohe Kosten vernrsack'Cn unb er empfehle daher zehn Prozent, benn er möchte bavor warnen, nur bic Kosten zu ersetzen.

Ter preußische G e n e r a I ft cu c rbi r c ft or tritt ber Auffassung entgegen, als ob Preußen nur geringe Kosten hätte. \ Ein Konservativer hält eine wesentliche Ent­schäbigung ber Bundes st aalen für durchaus erforderlich.

Ein volksparteiliches Mitglied hält an sich fünf Pro­zent für hoch genug, gibt aber zu, daß manche Bnnbcsstaaten, die noch keine Vermögenssteuer besitzen, weit größere Kosten haben werden. Am besten wäre die Ersetzung bet Kosten, boch sei dies technisch nicht möglich. Man könne das erste Mal zehn Prozent, später fünf Prozent geben.

Ein Zentrums Mitglied meint, Preußen werde allein durch den Tcklarattonszwang des Reichsgesetzes erheblich mehr an Vermögens- und Einkommenstenern ausbringen, so daß eine besondere Entschädigung hier eigentlich gar nicht mehr not- w c n d i g sei. Ta übrigens nur int dritten Jahre große Ar­beit zu leisten sei (unb man trotzdem dreißig Millionen Mark zahlen müsse, so sei nach feiner Ansicht diese Entschädigung vielzuhoch.

In der !Abfttm1n?mg wird der Antrag, für die erste Ver­anlagung zehn Prozent, später fünf Prozent Entschädigung zu ge­währen, mit großer Mehrheit angenommen. Damit ist die erste Lesung des Besitzsteuergesetzes erledigt unb ber Ausschuß macht eine Frühstückspause. '

Nach ber Pause roenbet sich bie Beratung der

Frage der Zuckerfieuer

zu. Das Finanzgesetz beftintmt, baß bie Zuckersteuer in bei bisherigen Höhe, also 14 Mark, noch bis ?,um Enbe bes Rechnungs­jahres 1917 aufrechterhalten bleiben soll. Dazu liegt ein sozial- bemokratischer Antrag vor, bie Ermäßigung ber Zuckersteuer mit bem Inkrafttreten bes Besitzsteuergesetzes et-ntreten zu lassen. Wei­terhin ein Antrag Schiffer, ber bie Aufrechterhaltung ber bis­herigen Steuer wünscht. Zur Begrünbung des letzteren Antrags wirb auf bie ganze Leibensgeschichte ber Zuckerstcuer verwiesen. Eine weitere Vertrösttmg auf bie Zukunft sei nicht zweckmäßig: man sollte also lieber diese Vertröstung ganz fallen lassen, selbswerständ- lich unter bem Vorbehalt späterer Ermäßigung der Zuckersteuer. Dagegen sollte man bic ganz einseitig wirkende Unrsatzsteuer iir Jahre 1914 aufbeben.

Tie Abstimmung ergibt die Ablehnung des foziolbemokratifchen Antrages gegen bie Stimmen der Antragsteller. Ter Antrag Schiffer wirb mit ben Stimmen ber Nationalliberalen, Fortschritt­ler unb bes Zentrums angenommen unb mit derselben Mchrl^t ber betreffenbe Paragraph ber Regierungsvorlage. Damit bleibt bie Zucker st euer bis auf weiteres in ber bisherigen Höhe von 14 Mark bestehen.

Sobann werben noch aus bem ReichSsternpelgefetz burch An­nahme einer Reihe von Abünberungsanträgen bes Nationallibe­ralen K e n a t b bie Gefellfchaftsstempel angenommen. Morgen folgen bie Vercinbarungsstempel und unmittelbar darauf wird bie zweite Lesung des Webrbeftrags beginnen.

Der prozetz Spohr-Sachem.

Frankfurt a. M 20. Juni.

Unter ber Anklage der fahrlässigen Tötung, ber fahrlässigen Körperverletzung unb ber Uebertretung des Reichsseuchengefekes haben sich bic praktischen Aerztc Dr Roderich Spohr und Dr. Ma^ Bachern von hier zu verantworten. Beide Aerzte stehen auf bem Standpunkt, baß bie Schutzpockenimpfung völlig zwecklos, ja birekt schüblich fei, und erstreben daher bie Aufhebung.des gesetzlichen Impfzwanges. Tas Unglück wollte es nun, baß Dr. Spohr selbst an ben schwarzen Blattern erkrankte unb bic An­klage wirft ihm vor, baß er unter Außerachtlassung ber Vor­schriften bes Reichsseuchengesetzes bie Erkrankung nicht zur Anzeige gebracht habe, währe??b der Angeklagte behauptet, baß er bie Erkrankung ber Patientin als Winbblattern angesehen habe. Im übrigen habe er, weil er feine Lust gehabt habe, sich in ein Kranken­haus aufnehmen zu lassen, alles getan, um sich von der Außen­welt zu isolieren und dadurch eine Weüerverbreitung ber QranP- heit unmöglich zu ??rachen. In ber fraglichen Zeit habe ihn nur bet behändelnbe Arzt Dr. Bachem besucht, ber sich jeoesmal sorg­fältig bcsinfiziert habe.

In der Folgctztit erkrankten noch einige toeitere Personen an Pocken, M hat sich pftt zieuckichcr Sicherheit feMcllen lassen.