Nr. 221
Erscheint täglich mit Ausnahme des Sonntags.
nächsten Aufstieg ge
Hoffnungen gestiegen, unsere Zukunftspläne
aufnahme lober 1913.
durch die Herstellung des Drachen hervorgerufen. Zwar gibt es in den Läden fertige Drachen zu kaufen, wer aber ein echter und rechter Junge ist, der wird sic immer mit einer Art! Geringschätzung betrachten. Denn den Drachen, der gut steigen soll, muß man sich selber bauen. Dazu braucht es besonderes Geschick, und zwar — Jugend hat keine Tugend — schon bei der Beschaffung der nötigen Materialien. Wie nun im einzelnen die Kunstgriffe ausgeführt werden müssen, das liegt im Gefühl und kann nicht gelernt werden. Ist aber der Drachen gelungen, dann kann er steigen, hoch und immer höher, und immer von neuem kann bei gutem Wind unten Schnur nachgelassen werden. Ein genügend großer Drachen kann sich stundenlang in der Luft halten. Abenteuer kann man beim Drachensteigen genug erleben, namentlich wenn sich der große Papiervogel „verfliegt und man ihn von wer weiß wo wiederholen muß, von einem Baum herunter oder ungesehen aus einem fremden Garten oder Feld. Einen ständigen Kampf mit dem Drachen führt die deutsche Neichstelegraphenverwaltung, deren Leitungen erfahrungsgemäß im Herbst sehr oft durch Drachen und Drachenschnüre gestört werden. Wer seinen Drachen in den Telegraphendraht fliegen läßt, der tut gut, locnn er sich nicht erwischen läßt, denn ein Paragraph des Strafgesetzbuches ist allein bem Schutz der Telegraphen bestimmt. Deshalb suche man sich zu den Flugübungen vollkommen ffeies Feld aus.
Das Drachensteigen ist nicht das schlechteste Kapitel aus dem Jungensvaradics. Ich sehe die Zeit noch vor mir, da ick mit meinen Kameraden Drachen hock) über Thüringens Berge lnnaus fliegen ließ. Für die armseligen Geschöpfe, die, aus dem Spielwarenladen gekauft, in den Straßen ein Stockwerk hoch in der Lust ein trübseliges Dasein führten, hatten wir nur Verachtung. Wir wollten höl>eren Flug nehmen. Selbst ist der Mann. Und ein Drachen sollte es werden, wie er bis dahin noch nicht gesehen worden war. Jeder steuerte dazu bei. Dem einen kam es zunutze, daß er dicht bei einem Zimmerplatz wohnte, der andere brachte das Papier und die Nägel, und der dritte lieferte den Bindfaden. Berechtigter Stolz schwellte uns die Brust, als eine stattliche Zahl Bindfadenrollen vor uns lag. Nun ans Werk! Es wurde genagelt, geleimt und geschnitzt, und Berechnungen wurden angeitellt, bis nach langer Arbeit endlich der fertige Drachen gezimmert war. Draußen klapperte schon die steife Bö an den Schiefertafeln des Hauses uirt> klatschte die regennassen Weinranken schwer gegen das Fenster. Unser Flieger wurde von seinem Element gerufen und sollte nicht lange untätig auf dem Fußboden liegen. Er war über mairnSlang und sehr stark gebaut, die .Hoffnungen auf einen guten Flug waren die besten.
So zogen wir denn an einem schulfreien Nachmittag hinaus, fern von jeder Telegraphenleitung. Das Wetter war rauh und unfreundlich, und ab und zu drohte ein kleiner Spritzregen, aber es wehte eine steife Brise ans diordwest, und das war die Hauptbedingung. Unser Flieger wurde beim Kopf genommen, unter den behenden Stiefelabsätzen flogen die Lehmklumpen, und schon hatte der Wind die Tragfläche unseres Fliegers gefaßt iinb hvb ihn in unbeholfenen Winkelzügen langsam, aber sicher in die Höhe. Als unser Drachen dann aber oben in den frischen Wind kam, da schüttelte er sich einmal, wie einer, der vom tiefen odtfaf erwacht, und stolz blähte er sich im frischen Wind und schwebte in einer schönen schrägen Linie aufwärts. Er stand. Bindfaden her! Schnur wurde an Schnur gebunden, der Suftfegler stieg und stieg noch immer. Endlich war nichts mehr anzuknoten, die letzte Rolle blieb als Reserve liegen. Zwischen zwei Stöcken, die in den Erdboden getrieben worden waren, wurde eine Art Welle angebracht, an diese die oteigleinc angebunden; das letzte Ende lief aus der Welle und wurde sorglich bewacht. Durch wohlbedachtes Anziehen und Loslafsen wurde der Drachen den ganzen schönen Nachmittag lang in der Luft gehalten. Er schwebte wie ein kleines Pünktchen über bem unfernen Walde, in einem vom Winde durchgedrückten Bogen hing die Leine zur Erde nieder. Entzückten Blickes schauten wir auf und waren überzeug«:: Em solcher Drachen war noch nie erbaut worden und
Mit dem Drachen aber waren „untere und unter feinem Rauschen hatten wir geschmiedet.
Samstag, 27. September 1913
Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schen Universitäts - Buch- und Steinbrudereu R. Lange, Gießen.
Gelegenheitskäufe und Wettbewerbsgesetz.
Wer in der Absicht, den Anschein eines besonders günstigen Angebots hervorzurnsen, in öffentlichen Bekanntmachungen oder in Mitteilungen, die für einen größeren Lreis von Personen bestimmt sind, über geschäftliche Verhältnisse, insbesondere auch über den Zweck und den Anlaß eines V e r k a n fs zur Irreführung geeignete Angaben macht, wird nach §4desWett- bewerbsgesetzes strafbar. Gegen dieses in § 2 des Gesetzes enthaltene Verbot wird am häufigsten dadurch verstoßen, daß von Händlern Verkäufe als G e l e g e n hei t s kä u se hingestellt werden, zu denen sich erfahrungsgemäß Kauflustige viel leichter einfinden, weil sie glauben, bei Gelegenheitskäufen viel billiger zu kaufen als sonst. Wie das Reichsgericht jetzt erneut ausgesprochen hat, kommt es für die Strafbarkeit derartiger Ankündigungen allein darauf an, daß über den Anlaß des Verkaufs falsche Angaben gemacht toorben sind: der Umstand, daß tatsächlich sehr billig verkauft worden i st, kann, sofern die Angaben über den Anlaß des Verkaufs falsch waren, eine Be- ftrafung aus S 4 des Gesetzes nicht hindern. Denn der Zweck des Wettbewerbsgesetzes ist nicht so sehr, das kaufende Publikum vor Ueberteuerung, als vielmehr den reellen Geschäftsmann vor unlauterer Konkurrenz zu schützen. Der Bund der Handels- und Gewerbetreibenden in Berlin hatte gegen den Fahrradhändler Max Guhse daselbst (Strafantrag wegen unlauteren Wettbewerbs gestellt, auf den hin Guhse auch vom Landgericht Berlin zu 150 Mk. Geldstrafe verurteilt wordyn den mar. Der Angeklagte, der damals nur noch Geschäftsführer der auf den Namen feiner Frau umgeschriebenen Fahrradhand- lung war, hatte von einem in finanzielle Schivierigkeiten geratenen Fabrikanten eine größere Anzahl Fahrräder gekauft und zwar unter dem Selbstkostenpreis, der 36 Mk. pro Stück betrug, während dafür nur 33 Mk. zu zahlen gewesen waren. Die Räder wurden von Guhse für 39 Mk. weiter verkauft, also gleichfalls zu einem fthr billigen Preise. Das Mittel aber, durch das Guhse zu diesen an sich vorteilhaften Käufen anlockte, war unlauter, und dadurch wurde er straffällig. Er erließ nämlich in Berliner Zeitungen Ankündigungen des Inhalts: „Herrenfahrrad, unbenutztes, schnellstens zu jedem annehmbaren Preise zu verkaufen." Kamen Kauflustige, die hinter der Annonce einen Gelegenheitskauf vermuteten, dann wurde ihnen zunächst ein grnn altes Fahrrad gezeigt, dessen Kauf natürlich von den Käufern prompt abgelehnt wurde. Erst bann würben ihnen die anderen Räder vorgeführt, die, ba sie ja sehr billig abgegeben werden konnten, rasch Absatz fanden. In seiner Revision beim Reichsgericht wies der Verurteilte darauf hin, daß es sich ja in der Dat um ganz besonders günstige Käufe gehandelt habe. Das Reichsgericht erkannte dies auch an, war aber gleichwohl mit dem Vorderrichter der Ansicht, baß Guhse {ebenfalls über den Anlaß der Verkäufe falsche Angaben gemacht habe, um das Publikum anzulocken, unb daß bieS bereits zu seiner Verurteilung auS § 4 beS Wettbewerbsgesetzes genüge. Die Revision würbe beShalb verworfen.
Redaktion, Expedition unb Druckerei: Schul- straße 7. Expedition und Verlag: es«© öl. Redaktion:S-^112. Tel.-Adr.:AnzeigerGießen.
vermischtes,
* Drahtlose Telephonie unter Wasser. Um von Kriegs- unb Handelsschiffen ohne Draht telegraphieren zu können bedurfte öS bisher bekanntlich hochragender Masten, die als Antennen bienen mußten. Sie bieten ein weithin sichtbares Ziel für ben Feind, und um sic vor dessen Kanonen einigermaßen zu schützen, mufiten besondere Hilfsmittel erfunden werden, ser es, daß man in ihre Basis schwere Gewichte einbaute, oder daß man sie, wie bieS in Englanb und Japan geschah, auf brei Beine stellte. Eine Erfindung, bie vor kurzem unb zwar in Deutschland, gemacht worben ist, wird voraussicht- bie Masten überhaupt beseitigen unb den Kriegsschiffen der nächsten Zukunft ein völlig verändertes Aussehen geben. Die Masten werden verschwinden, nichts als Schornsteine und Panzertürme werden über Deck zu sehen sein. Die Nachrichten aber, die man bisher hoch oben auffing, werden in den untersten Räumen des Schisses, hinter seinem Panzer, aufgefangen werben: Von dort aus wird man drahtlos durchs Meer telephonieren. Mikrotele- phonische Apparate find in einer entsprechend gebauten Kabine aufgestellt, und wie bei der drahtlosen Telegraphie roerden starke Ströme crusgefchickt, aber nicht wie bei dieser durch bie Lust, fonbern durchs Meer hin. Durchs Meer wird von Schiff zu Schiff gesprochen werden, gleichgültig, ob seine Oberfläche ruhig liegt oder von Stürmen aufgewühlt ist, unabhängig von jenen Situationen, bie die drahtlose Telegraphie stören, von Nebel und großen Temperaturunterschieden. Für Rettung aus Schiffsnot ist bie Telephonie unter Wasser von ungeheuerer Bedeutung - kann doch vom bedrohten Schiff fast im Moment des UnglütfS nicht nur bie Nachricht, sondern bie genaue Lagebezeichnung in weitem Umkreis hinausgesprochen werden: alle in der Reichweite befindlichen Schiffe, bie Empfangsstationen an Bord haben, müssen diese Stimme aus der Mecrcsttefc vernehmen. Man muß w-mn man von diesen beinahe schon erfüllten Möglichkeiten hört an Jules Vernes phantastischen Zukunftsroman „20 000 Meilen unterm Meer" denken. Aber diese vor einigen zwanzig Jahren auSgedachten Phantasien, die damals durchaus als Utopien galten sind heute von der Wirklichkeit auf ganz ungeahnte Weise überboten, sie find Alltag geworden.
* Winke für die Stellensuche, die für viele Frauen und Mädchen gerade zum Herbst von Nutzen fein werben, gib' em Auftatz, den wir in der illustrierten Wochenschrift „Die Deutsche ftrau/ (Verlag der „Deutschen Frau" sVelhagen & Klassing, Leipzigs finden und aus dem nur eine Probe nritteifen:
Drachen.
Kindheitserinnerungen eines Mannes.
Bon F. Straczik.
Unsere^ Zukunft liegt in der Lust. Diese modern umge- wandelte Sentenz hat von jeher bei unseren Jungen gegolten, sobald der Hcrbstwind über die Stoppeln wehte. Und wieder ziehen sic droben in der Luft, die Drackren, die man in Ost- beut|d)land auch Affe nennt, zufrieden und genügsam unb kein bißchen stolz auf die Erfolge, die durch sic dic Menschen errungen vaben Ist eS doch der Papierdrachcn gewesen, der unserm ganzen Flugwesen den Weg gezeigt. Man hat die Drachen einfach oder doppelt genommen, hat sie vergrößert und aus bnfbem Stoff ge- Tertigt, hat Motoren eingebaut und hat sie lenkbar gcmackst. Nuii sind es ftol’c Flieger, die überlegen auf ihre papicrnen Borfahren herabschauen. Unsere Jugend aber läßt sich dadurch nicht anfechtcn. ^hre unbemannten Luftfahrzeuge werden bei der männlichen Lugend nie ihres Reizes verlustig gehen, um deswillen sich sogar ernste Männer mit Drachensteigen beschäftigen, zumal wenn sic Väter sind.
Draußen vor dem Ende der Stadt ziehen die Drachen ihre teerte, unb in allen Papierläden sind sie zu kaufen, wenn auch ihre Urform ist mehr und mehr verschwunden. Der Lufffchiffbau bat seinen Einfluß auSgeübt. Es gibt jetzt Eindecker und Doppeldecker, es gibt Drucken mit mehreren Tragflächen hintereinander, und wer Bewunderung auf sich lenken will, der steckt vorne an seinen Drachen eine der bekannten papicrnen Windmühlen und freut sich, wenn dieser stolze Trugpropeller tüchtig in der Luft arbeitet, daß man ihn unten ordentlich funen hört. Man hat außerdem Kastendrachen, man hat solche nach chinesischem und solche nach japanischem Muster, so daß der Abwechselung jetzt genug ist
Das Steigenlassen von Drachen ist ein sehr altes Spiel und weit auf der Erde verbreitet. Aber nicht immer ist es nur ein Spiel gewesen und auch heute dienen Drachen der Wissenschaft und der Praxis. Bereits in der Mitte des 18. Jahrhunderts bediente man sich des Drachens, um mittels daran gehängter Thermometer die Temperatur in den höheren Luftschichten zu erforschen. Am bekanntesten find die Drachenversuchc Benjamin Franklins, der durch fic fcftftelltc, daß der Blitz die Entladung der in der Luft angefammelten Elektrizität fei, unb ber über ben Drucken zu ber Erfindung des Blitzableiters kam. Scitbcm hat sich bie meteorologische Wissenschaft anbauemb beS Drachens be- bient. Wenig bekannt wird auS ber praktischen Verwendung deS Drachens sein, daß bic Fischer ihn zum AuSlegcn von Angeln benutzen, baß er als „Hühnerbrachcn" dem Jäger wichtige Dienste leistet, daß so oft schon durch einen Drachen von einem Schiss in Seenot bic erste Verbindung mit bem Lande hergestellt wurde. Auch Photographische Höhenaufnahmcn werden mit bem Drachen gemacht. Für militärische Zwecke ist er gleichfalls schon lange verwendet worden, man hat ihn für biefe Zwecke später so konstruiert, baß er einen Mann mit in die Luft nehmen konnte, unb schließlich würde er zum Drachenballon ausgebaut.
Vor allem aber ist bas Drachensteigen doch immer noch baS Vergnügen der Jugenb, und es ist ein gesundes Vergnügen. In der frischen Hcrbstluft röten sich die Wangen unb weiten sich bic Lungen. Nicht der fleinfte Teil der Freude wird
Hat man sich entschlossen, ober besser gesagt, glaubt man den in dem Ausschreiben ausgeführten Anforderungen genügen zu können, )o gebrauche man nicht bie abgeschmackte Wendung: „Ich wäre nicht abgeneigt, bie Stelle in Ihrem Hause auzunchmen " Wenn man nur „nicht abgeneigt" ist, so unterlasse man bie Bewer- burtg. Es muß vielmehr ber Wunsch der Suchenden sein, eine ©teile und augenblicklich gerade diese Stelle anzunchmcn. Man melde sich also, das ist einfach, kurz und höflich. Ist das Nicht- abgencigtsein eine törichte „Hochnäsigkeit", die schon manche Zu- ruckiveisung nach sich zog, so wäre es auch wieder ganz verkehrt, nn ersten Briefe gleich LebenSschicksalc aller Art mitzuteilen. Derartige Mitteilungen sind auf diesem Standpunkt der Verhandlungen unnötig und unerwünscht. Vor allen Dingen vermeide nuin alles, was bas Mitleid hcrauSfordern soll, wie „arme Waise" ustv. Später, wenn ber Schriftwechsel zum Ziele geführt hat, toirb sich bic Familie gewiß für bas Geschick beS jungen Mädchens mtcrcnicrcn. Bei biefert Vorbesprechungen könnte die Erwäh- nung doch nur dazu bienen sollen, bas Mitleid mit in die Wagschalc zu legen, und dazu sollten unsere jungen Mädchen zu stvlz sein. Ein Mäbchen von über 21 Jahren, baS selbständig über sich verfügen Fann, mag ihr Alleinstehcn noch so schmerzlich empfinden, andere Menschen geht das gar nichts an — oder wie jemand mit verblüffender Offenheit sagte: Waisen über 21 Jahre gibt cs nicht! Die Zeugnisse, bie dem Bewerbungsschreiben beiliegen, müssen gut unb sauber abgeschrieben fein. Originale versende man nur, wo sic von Behörden für staatliche Stellen auSbrüdlidj verlangt werden. Man wird sie von lolchen Stellen pünktlich zurückerhalten. Werben Photographien verlangt, eine oft recht unangenehme Belastung für bic Suchende, so sorge man für eine, bic nicht vor etwa 10 Jahren ange- fertigt würbe unb eine ganz anbcrc zeigt, als die sich vielleicht einige Wochen später ber erstaunten Familie vorstellt. Dic Adresse der Ausbildungsanstalt zu nennen, ist immer gut, wegen etwaiger Erkundigungen auch an dieser Stelle. Es ist immer ganz nützlich, wenn man statt aller persönlichen Bemerkungen noch besondere Fertigkeiten und Kenntnisse anführt, wie ettva: Kursus in Krankenpflege, HandarbritSexamen usw. Den Zeugnissen und der Photographie ist Rückporto anzufügen.
Die „Siebener Familienblätter" werden dem .Anzeiger" viermal wöchentlich beige fegt, das „Kreisblatt für den Kreis Eiehen" zweimal wöchentlich. Die „Landwirtschaftlichen Selb fragen" erscheinen monatlich zweimal.
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Maimebmcu, Sdmittwdmcn, rtigeu moderner Tamenaardc iben beginnt am 1. Cttooer. eit.
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— D i e Hurnboldtianer. Ein historisches Gedeukspiek zur Erinnerung an Gießens Erlebnisse vor 100 Jahren von Dr. Reinhard Strecker (Bad-Nauheim) gelangt Anfang Oktober in eleganter Ausstattung zum Preise von 1 Mk. (franko nach auswärts bei Einsendung des Betrages von 1,10 Mk.) im Verlage von Emil Roth, Gießen, zur Ausgabe. — In 5 Akten entrollt der Verfasser vor uns rin ebenso Personen- wie farbenreiches Bild der Ereignisse, die sich vor hundert Jahren in der heisisckpcn Universitätsstadt absviellcn. Da durch sie bekanntlich Blüchers Marsch mit der schlesischen Armee ging, so war ihr Anteil an den großen Begebenheiten schon äußerlich nicht gering. Ginauarticrung und Lazarettwesen machten ben Einwohnern schwer zu schassen unb bunberte von ihnen fielen bem Lazarettficbcr zum Opfer. Wichtiger war natürlich bie innere Anteilnahme an dem entscheidenden Umschwung, und dieser war um so stärker, als gerade Persönlichkeiten an der Gießener Universität eine hervorragende politische Rolle spielten und unter Studenten und Bürgern die Parteinahme für und wider Napoleon, oder ein einiges freies Deutschland förderten. Bis in die Reihen der Nebenpersonen hinein begegnen wir historisch echten Namen aus jener Zeit, wie ben Professoren Weicker, Erome, Hcgar, ben Studenten Folie- Uius, Schulz, Eämmerer, dem Buchhändler Heyer, den Bürgern Weidig,Scip, bem Ausscheller Moll, ber alten Markentenberin Stumpf, ben Bauersfrauen Klingelhöf er, Kolb u. a. Echt sind auch bie eingeschobenen Lieder Gießener Poeten, ber preußische Aufruf an bic Hessen u. a. Der erste Akt zeigt uns Hessen am 15. August 1813 noch als Rheinbunbstaat. Ter Geburtstag beS großen Protektors wirb (zum letztenmal) offiziell gefeiert unb baS gibt Gelegenheit, bic VorstellungSkreife von Bürgern, Beamten und Professoren kennen zu lernen. Der zweite Akt zeigt die Gärung in ber Stubentenschast, unter welcher sich bie spätere Gründung der deutschen Burschenschaft schon vorbereitet. Die bäuerliche Umgebung Gießens wirb in die Wochenmarktszene des britten Aktes einbezogen, die dann auch bic Nachricht von ber Leipziger Schlacht, ben Abzug ber französischen Garnison und die Ankunft der ersten Preußen bringt. Dadurch, daß der Verfasser vermieden hat, Blücher selbst auf die Bühne zu stellen, wurde dem Stücke alles Schablonenhafte fcrngehaltcn und bie Gießener Persönlichkeiten bleiben überall im Vorbei. - grunbe. Der vierte Akt ist ein tragisches Zwischenspiel, bas die furchtbare Not ber Zeit in dem Tode beS Lazarettinspektors Professor Hegar veranschaulicht. Hier kommt am tiefsten zum Ausdruck, waS an Napoleons Weltregiment daS Große war. Der fünfte Akt läßt mit ber Einsegnung ber hessischen Freiwilligen unb zugleich mit weitem Blick in bie Zukunft das Spiel feierlich ausllingen. Das Stück gelangt im Gießener Stadttheater demnächst zur Aufführung und auch andere Bühnen werden biefeS erfolgreiche geschichtliche Schauspiel bringen.
— Im Banne des Schreckenskaisers. Albert Kleinschmidt, der uns Hessen besonders bekannte, und in feinem engeren Vaterlande beliebte Erzähler, der Verfasser anmutenber Jugendschriften hat in seinem zweibändigen Werke „Im Banne des Sckreckenskaisers" den Ton gefunden, ber in ber Zeit der Jahrhundertfeier angeschlagen werben muß. Wie schon der Titel erraten läßt, umfaßt diese Geschichte bie ganze Zeit ber Herrschaft Napoleons über „Deutschland von 1806 bis 1815". Die Ereignisse spielen sich in ber Umgebung von Halberstadt ab, in demjenigen Teile Preußens, welchen Napoleon damals zum Königreich Westfalen bestimmte und seinem Bruder, dem Könige Jerome, schenkte: fic beginnen mit der unglücklichen Schlacht bei Jena und Aucrstädt. In lebenswahren Bildern wird hier vorgeführt, wie das preußische Volk unter der Herrschaft des Bedrückers litt: die Schicksale einer Gutsbesitzers-, einer Pastoren- und einer Lehrerfamilie werden uns als Beispiele dafür vor Augen geführt. Die französische Geheimpolizei und das Spionagewesen lernen wir in all ihrer Niederträchtigkeit kennen. Die Rücksichtslosigkeit unb Roheit ber französischen .Soldaten werden geschildert. Wir erleben den Zusammenbruch der Herrschaft Napoleons auf Rußlands weiten Schneefeldern und sehen die Reste dieser glänzenden „Großen Armee", die hungernden, frierenden Gestalten in zerrissenen Uniformen krank uno abgemagert durch Deutschlands Gauen wanken, immer westwärts, der französischen Grenze entgegen. Andererseits erleben wir aber auch bie riesengroße Begeisterung des preußischen Volkes, als König Friedrich Wilhelm III. feinen Aufruf „An Mein Volk!" erläßt. Wie ein Manu erhebt sich das geknechtete Volk. Wer nur irgend kann, greift zu den Waffen, jmb wem das nicht vergönnt ist, der hilft durch Hingabe feines Vermögens und durch Einsetzung feiner »Kraft zur Befreiung. Wir erleben das gewaltige Ringen ber Schlacht bei Leipzig, die Schlacht bei Waterloo und den .Einzug der Verbündeten in Paris. Eine heilige Begeisterung und wahre Vaterlandsliebe durchströmen das Werk von Anfang bis Ende. — Preis für jede der beiden, von Herbert teötel mit Bildern geschmückten Bände beträgt 2 Mk.
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toürbe auch nie wieder erstehen. Da wurde uns vor Begeisterung warm und behaglich ums Herz, trotzdem es ganz gewallig durch die Kleider pfiff. Aber aud) für die äußere Wärme sollte gesorgt werden. Holz von dürren Wildrosenfträuchern gab ein prächtiges Lagerfeuer, den Magen befriedigten einige Rüben aus aem nächsten 9Ider, welchen Mundraub wir in Anbettacht des UmftandeS, daß cs sich um die Abwendung einer Gefahr für teib und Leben Handelle, für erlaubt ansahen.
Sechster Blatt 163. Jahrgang
Gietzener Anzeiger
General-Anzeiger für Oberhessen
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Ich 1913-14.
Grau in grau dehnte sich der Horizont, uns aber war sehr behaglich und wohl in unserm Feldlager. Tie Sonne senkte sich, herab; immer noch rauschte der Wind im Papier unseres Fepclballons und jagte die Depeschen, die „Apostel", hinauf, dtc wir an der Seine steigen ließen. Ein fahles Gelb zeigte schließlich am Himmel an, daß die Abendschatten nicht mehr lagge zögern würden, es war Heimgehenszeit. Die Leine wurde auf- gewickell, und wie widerwlllig kam der Drachen in allerlei sonderbaren Schwingungen tiefer und tiefer. Endlich lag er, der fr belebt geschienen, wieder als ein totes Machwerk von Holz und Papier zu unseren Füßen. Er hatte aber seine Probe glanzend bestanden und wir waren ob unseres Erfolges stolzer als die geschicktesten Ingenieure, lieber dem verglimmenden Feuer wurden rasch noch dic Beratungen für den nächsten Aufstieg gepflogen, dann stapften wir wieder durch den Lehm der Landstraße zu, denn die Nacht kam schon mit einem Bein über den Berg im Osten geschritten.


