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19.6.1913 Zweites Blatt
 
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Nr. 141

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Mb. Deutscher Reichstag.

164. Sitzung, Mittwoch, den 18. I u n i.

Am Tische des Bundesrats: v. Heeringcn. nutc^rU^li,Cnt $>r' ßacmpr eröffnet die Sitzung um 3 Uhr 15 Mi-

Die Meile Lesuna der Wehrnorlage.

(Sech ste r Ta g.)

Z u n ä ch st w i r d a b g e st i m m t. Dec sozialdemokratische ? 2 ra0\JK ' rnstzclt allgemein aus ein Jahr fcstzu- sctzcn, wird gegen die Antragsteller a b g e l c h n t. A n g e - nom men wird die Resolution der Budgetkommission auf eine Reform des Einjahrig-Freiwilligen- o i c n st c s im Sinne einer Erweiterung und Erleichterung der Zulassung auf Grund auch der Fachausbildung. Hin-m- gcfugt wird auf Antrag Ablaß (93p.):ober erwiesener hervor­ragender Leistungen auf dem Gebiete des Turnens" 3ur Annahme gelangt auch die Resolution der Volkspartei aus Er- eichterung und Abkürzung der Dienstzeit, cnt- Jugend d bCt bcffcrcn geistigen und körperlichen Ausbildung der

Die Resolution der Budgetkommission auf Mahnahmen zur Verringerung der Burschen wird angenommen. Die anderen Anträge zum Burschenwesen werden abgelehnt."

Privilegien.

Die Budgetkommission verlangt Mahnahmen gegen die Bil­dung a d 11 g e r Offizier korpS und empfiehlt einen ständi- gen A usta u s ch zwischen den OffizierkorpsdcrGrcnz- g a r n r s o n e n und den Offizierkorps in den großen Garni­sonen.

Ein Antrag Ablaß (Vp.) wendet sich gegen jede Privi­legierung einzelner bestimmter Truvpen körper Ein Antrag Albrecht (Soz.) verlangt die Beseitigung der Pri­vilegien des Gardekorps.

Abg. Dr. Lcnsch (Soz.):

Resolutionen sind billig wie Brombeeren. Man sollte gleich -Kas Gesetz ändern. Für die Gründung eines Gardekorps fehlt jede gesetzliche Grundlage. Es existiert dafür kein gesetzlicher Begriff. Aber wo Begriffe fehlen, da stellt sich ein Wort ein, oder vielmehr em Platzregen von Wortci^mit andern Worten: Kollege E r z - bergerl (Heiterkeit.) Für bic Mobilmachung der Garde be­stehen außerordentliche Schwierigkeiten, da die Gardisten aus den entserntcslen Landestesten genommen werden. Die Berliner Be­völkerung wird bei der Garde so gut wie gar nicht berücksichtigt. Die Heeresverwaltung nimmt aufs schärfste Stellung gegen un­fern Antrag. In deinselbcn Moment, wo man uns sagt, das Vaterland ist in Gefahr, wenn die Vorlage nicht angenommen wird, erklärt der Kriegsminister in der Kommission: Wenn Ihr mir die Garde st reicht, fällt das ganze Gesetz Wir danken dem Kriegsminister für diese offene Erklärung, die barlbC Berechtigung unseres ablehnenden Standpunktes

Wenn wir gefragt würden, wer dekoriert werden soll, würden Dir für den Genossen Heer ingen deshalb den Orden pour le merite verlangen. (Große Heiterkeit). Man verschanzt sich hinter den mystischen Begriff der Kommandogewalt. Tas ist eine Oer stärksten Wurzeln der politischen Rückständigkeit in Deutschland. Es ist die A u f r e ch t- erhaltung des Absolutismus m schärfster Form. Deshalb ist cs unsere Oringendste Pflicht, dieses Feigenblatt des deutschen Absolutismus, die höchste Kommandogewalt, zu be­seitigen. Unser Antrag ist ein Schritt auf diesem Wege. Die Garde stammt ja aus der Zeit der Soldatenspielerei, der Serenissimuszeit. Aber auch heute ist diese Solbatenspielerei noch nicht beseitigt. Tas zeigt besonders die Aufrechterhaltung der Uniform der Gardekavallerie, die für den Kriegsfall ganz un­brauchbar ist. Tie Gardcrcgimentcr werden zu allen möglichen höfischen Zwecken, zu Fackelzügen und dergleichen verwendet. Und welchen Leuten diese Soldaten präsentieren müssen! Ich erinnere nur an den Zaren und seine Kumpanei. (Große Unruhe rechts.)

Präsident Dr. Kaempf: Herr Abgeordneter, es geht nicht an, fremde Souveräne in der Weise zu beleidigen. Ich rufe Sie zur Ordnung. (Lebhafter Beifall rechts. Lärm bei den Soz.)

Abg. Dr. Lcnsch (Soz.):

Wenn man solche Zustände hier nicht kritisieren darf wie in jeder Volksversammlung, (Präsident Dr. Kaempf fordert den Redner erneut auf, dies Thema zu verlassen). Die Garderegimenter garnisonieren in Berlin und Potsdam. Diese Städte entsenden Sozialdemokraten in den Reichstag. (Sehr- gut! bei den Soz.) Und noch dazu was für welche! (Heiterkeit.) Sehen Sie sich z. B. meinen Freund Ledebour an: Wenn das die Früchte der Gardeerziehung sind! (Erneute große Heiterkeit.) Was hat denn die Garde geleistet? Bei St. Privat sind die Sol­daten gescheiter gewesen als die Gardeoffiziere und die Offiziere dümmer als die1 Soldaten. Was ist in der Budgetkommission nicht alles abgeleugnet an Tatsachen, die nicht abzuleügnen sind, es sei denn, daß man Kriegsnstnister ist. (Unruhe.)

Präsident Dr. Kaempf ruft den Redner zum zweiten­mal zur Ordnung. (Beifall rechts.)

Abg. Dr. Lcnsch (Soz.):

Der Feudalismus in der Garde nimmt anstatt ab immer noch mehr zu. Es gibt sogar eine besondere Garde­justiz. Ta wird selbst bei der Urteilsverkündung die Oeffent- lichkcit ausgeschlossen. (Hört, hört! bei den Soz.) Wie man die Gardeofsizier-e bevorzugt, dafür ein Beispiel. Als vor einigen Jahren Hauptmann von Grolman wegen Mißhandlungen ver­urteilt und versetzt wurde, folgte gleich darauf seine Beförderung zum Major unter Uebcrfprirgen von vier Vordermännern. Der Kriegsminister sagte, gegen innere Unruhen brauche er die Armee nicht. Wenn cs bei Unruhen noch nicht zum Schießen gekommen ist, so tragen Sie nicht die Schuld daran. Die Sozialdemokraten sind nicht so dumm dorthin zu gehen, wo Sie sie gern hinhaben mochten. 1896 hat der deutsche Kaiser in einer Ansprache an die Gardcofsizüre von einer Rotte von Menschen gespro­chen, die nicht wert sei, den NamenDeutsche" zu tragen, und ?r hat da die Garde aufgerufen, bereit zu sein, um der hochverräte­rischen Schar zu wehren. Also zur Niedermetzelung des Volkes - und die Sozialdemokratie gehört doch auch zum Volk __ soll die Garde verwandt werden. Die Garde steht in

Widerspruch mit der Verfassung, sie ist sogar eine ständige vedrohnng der Verfassung. (Lachen rechts.) Darum muß sie beseitigt werden. Das Volk verlangt sein Recht. Es oird der Tag kommen, wo der Soldat sagt: Auf Vater und Mutter :

allein drei Viertel seiner Offiziere und ein Drittel seiner Mann­schaften, nachdem cs bei Großgörschen im Jahre vorher schon zwei Drittel seiner Offiziere hatte liegen lassen. Wie der Abge- ordnete das als einen Spaziergang bezeichnen kann, muß cr vor s'ch selbst verantworten. Tann kommt 1866, wo das erste Garde- rcgimcnt mit flammender Bravour bis zu den Hohen von Blumenau stieß und über die Hälfte verlor. Der Vorredner ist dann auf das Jahr 1870 gekommen und speziell auf Et. Privat. Ich mochte ihn auch an die Attacken b e i V i o n v i l I c und Mars - la ° Tour erinnern. Da haben drei Garderegimenter die 38. Brigade vor der Zertrümmerung bewahrt. In jedem Feldzug macht natürlich auch der Sieger Fehler. Ter alte Moltke bat einmal erklärt, es komme nur darauf an, daß man die wenigsten Fehler macht. Wenn nachher am grünen Tisch die Airittf einsetzt, kommt man oft zu ganz anderen Resultaten als im Auge«» blick der Aufregung vor dem Feinde, wo der Offizier in aller Eile disponieren muß. So war es auch bei St. Privat. Deshalb nun in aufreizender Weise zu sagen, daß die Offiziere dümmer gewesen wären als die Mannschaften, dafür habe ich überhaupt keinen Ausdruck. (Sehr richtig! rechts.) Der Offizier hat seine Schuldigkeit im Frieden und im Kriege b i i 1870 und na ch dem I a h r e 1870 getan. (Beifall.)

Ich weise weiter auf die großen Verluste der Garde bei St. Privat hin, daß die Gardeschützen alle ihre Ofsizicre auf dem Platze ließen. Selbst, wenn man sich auf den Standpunkt stellt, daß das durch schlechte Führung entstanden wäre, müßte man den Mut, die Tapferkeit und Entschlossenheit anerkennen, die in der Garde damals geherrscht haben. (Beifall.) Selbst wenn die Auf­fassung des Vorredners richtig wäre, dürfte er das doch nicht die Truppenteile entgelten lassen. Alle Ausführungen, die Dr. Lensch dagegen gemacht hat, fallen damit zu Boden. Glauben Sie, daß Sie Regimenter mit so ruhmvoller Vergangenheit einfach durch ein Gesetz aus der Welt bringen können, ohne daß Sie damit das innere Wesen der Armee erschüttern und die Leistungsfähigkeit gegen den Feind? Ich nicht. Wie ist denn die Garde größten­teils entstanden? Sie ist nicht, wie Dr. Lensch sagte, eine Haus- truppe gewesen, die sich nachher ausgewachsen hat. Nein, die Garde ist aus der Anerkennung der Leistungen der Linie entstanden.

Es ist ein merkwürdiges Zusammentreffen, daß gerade heute das 2. Garderegiment hier sein 100 jährige» Jubiläum feiert unter der Anteilnahme von über 5000 alten Leuten (Bravo! rechts) und daß gerade an demselben Tage hier im Reichstag eine solche Rede gegen die Garde gehalten lverden kann. In der Kabinettsorder vom 20. Juni 1813, durch die das 2. Garderegiment errichtet wurde, heißt es:Der hohe Mut meiner braven Truppen, der den alten Ruhm Preußens wieder bewährt hat, hat mich bewogen, der Armee einen ausge­zeichneten Beweis meiner Zufriedenheit über die Pflichterfüllung zu geben, daß ich aus ihrer Mitte das 2. Garderegiment formu- miere." Die Garde i st eine i m Frieden und Kriege erprobte Truppe, die ihre Pflicht und Schuldigkeit bei jeder Gelegenheit in überreichem Maße getan hat, an der eine Kritik, wie sie hier geübt ist, überhaupt vorbeigeht. (Lebh. Beifall. Zischen bei den Soz. Erneuter lebh. Beifall.)

Abg. Dr. Müller-Meiningen (Vp.)k

Wir haben nur solche Anträge gestellt, die bei der Zusammen^' setzung des Hauses Aussicht auf Annahme haben. Wir haben verzichtet auf die Forderung der achtzehnmonatlichen Dienstzeit. Wir haben keinen Demonstrationsantrag gestellt, rein sachliche, feine Manifestationsanträge ä la Rosa Luxemburg. Wir haben verzichtet auf Anträge, die streng sachlich mit den militärischen Interessen zusammenhängen. So wie es die Sozialdemokratie macht, bei Dingen Anträge zu stellen, die mit ihnen nicht im geringsten zusammenhängen, können Sie erleben, daß Sie bei einer anderen Zusammensetzung des Reichstags aus gewerblichen und sozialen Anträgen eine Zuchthausvorlage, eine Lex Heinhe, eine Verkürzung des Wahlrechts bekommen. (Sehr richtig!) Ich. warne Sie vor solcher Gesetzesmucherci. Einige Anträge der Sozialdemokraten verlangen etwas Unsinniges, andere die Poli­tisierung der Armee, eine dritte Gattung geht auf administra­tivem Wege vor. Es fällt mir nicht ein, die Garde anzugreifen oder gar beleidigen zu wollen. Tas Gardekorps hat ganz un­zweifelhaft große Verdienste, hat seine Pflicht und Schuldigkeit getan, wie die besten Truppen der anderen Teile der Armee.

Unsere Anträge haben keine Spitze gegen das Gardekorps. Aber die Privilegien einzelner Truppenteile können nicht ge­leugnet werden, und es ist Tatsache, daß vom Oberstleutnant an das Verhältnis zugunsten der Adligen immer besser wird. In den gesamten Gardekavallerieregimentern gibt cs nur einen bürgerlichen Offizier. (Hört! Hort! links.) Es ist eine erfreuliche Stellungnahme des Kriegsministers, was er über die Mißhandlungen gesagt hat. Ich bedaure nur, daß mit der De - Mobilisierung von Gerhart Hauptmann die No- bckisierung von dreißig bürgerlichen Generälen erfolgt ist, die im Volke als Mißachtung des Bürgertums und als vorsätzliche Provo- kation angesehen wird. Von militärischer Seite bin ich wiederholt darauf aufmerksam gemacht, daß die Garde die besten Unteroffü z-ere aus andern Regimentern herausnimmt.

Vom sozialen Standpunkt aus stellen wir unsere Anträge. Das Gardekorps erscheint beim jetzigen System als ein un­natürlicher Fremdkörper und paßt nicht in die jetzige Zeit. Tie Verfassung hat damit nichts zu tun. Die Kommando­gewalt des Kaisers wird in keiner Weise angegriffen. Man ver­wechselt die Armee des Staates, des Volkes mit einer Haus­truppe. Ein Kaiserwort, von Friedrich III. sollten wir nicht ver­gessen: «Wir können ein Gebäude nicht deshalb festhalten, weil wir uns wie in eine Gewohnheit eingelebt haben." Nicht Still­stand, sondern Fortschritt. Die Idee der sozialen Gerechtigkeit' muß auch in der Armee durchdringen. Je freimütiger der Fort,' schritt geboten wird, desto besser für die Arnee und die Monarchie/ Deshalb nehmen Sie unsere Anträge an. (Beifall links-X

Abg. v. Graeve (Kons.):'

Die Resolutionen sind kein Blumenstrauß, sondern "eine Menge lose nebeneinanderliegender Blumen, die allerdings aus einet Wurzel, aus einem Stil gewachsen sind, und darum einem Ziele zu streben. (Heiterkeit.) Der sozialdemokratische Antrag wurde zwar sehr harmlos begründet, aber es ist doch Erpressung, wenn jemand die Zwangslage eines andern ausnüht, um Zuge- geständnisse zu erhalten, die er unter normalen Verhältnissen nicht erhalten würde. Die ganzen Resolutionen gipfeln letzten Endes in einem Ansturm gegen die vermeintliche Bevorzugung des Adels in der Armee. Wenn Ihnen immer wieder von berufener Stelle ver­sichert wird, daß das nicht der Fall ist, bann haben Sie keine Be­rechtigung, diese Behauptung immer aufs neue aufzustellen. (Lachen links.) _ ,

Die Tabellen, die Dr. Müller-Meiningen vorgetragen hak, sind sglsch.Sie dürfen nicht dir, heutigen Uenergle zum. Vergleichs

schieße ich nicht! Tann ist ihre Stunde gekommen, dann ist es aus, bann kommen w i r! (Lebhafter Beifall bei den Soz.)

Kriegsminister v. Heeringcn:

Es liegen Ihnen die beiten Anträge der Sozialdemokraten und der Fortschrittlichen Volksparlci vor. Ich bitte Sie, beide ab- zulehnen, und zwar namentlich den der sozialoemokratiscken Par­tei, aber auch den anderen. Ich mochte zunächst fragen, was beißt denn:sonstige Elitetruppen"? Vielleicht ist -es Ihnen selbst nicht Nar. Was heißt das im Antrag der Volkspartei:gewisse Truppenteile"? Wenn man Anträge stellt, so muß man doch ganz genau wissen, was man will. Ferner: Im Antrag der Sozial­demokraten heißt es:Es sollen die besonderen Bestimmungen dieser Art abgeschafft werden." Ja, welche Bestimmungen? Man muß darunter die Forderungen in bezug auf die Aus­bildung verstehen. Kurz und gut: alles soll gleich- gemacht werden, alles soll ßerungeniert werden. Dauernde Versetzungen von Truppenteilen in vermutlich schlechtere Garnisonen sind doch nicht angängig, nicht nur nicht aus finanziellen und militärischen Rücksichten, sondern auch mit Rücksicht auf bas Volk. Jeder Truppenteil wächst mit sei­nem Standort zusammen und schlägt bortWurzeln. Das Ausziehen oieser Wurzel ist öfter eine sehr schmerzhafte Operation, nicht nur für bic Truppen, sondern auch, Gott sei Dank, für das Volk selbst. In einem Falle bat deshalb ein Regiment, das in eine soge­nannte bessere Garnison kommen sollte, dringend, an seinem Platze zu bleiben. Ich glaube, es war Dieuze.

Wer den Zusammenhang zwischen Armee und Volk aufrecht erhalten will und das wollen angeblich Sie (zu den Soz.), der soll nicht Wandertruppen schaffen. Damit schneidet cr bas Band zwischen Armee und Volk durch. Auch ein Beförde­rungsprivileg einzelner Truppenteile existiert tatsächlich nicht. Es ist geradezu falsch, daß die Garde ein solches Privileg haben soll. Tie Beförderung ist genau geregelt. Jeder Vorschlag des Regi­mentskommandeurs hat jede einzelne Dienststelle zu passieren bis herauf zum Kaiser, und lmnn cr hier einheitlich gut geheißen wird, nur dann hat cr Aussicht auf Erfolg. Es kommen nicht Truppen­teile, sondern lediglich die einzelnen Personen in Betracht, die nach der Ansicht ihrer Vorgesetzten eines solchen Vorzuges würdig sind. Heber die adligen ^Regimenter haben wir in diesem Jahre schon öfter gesprochen, und ich kann nur wiederholen, daß wir jetzt eine viel größere Mischung haben als früher. Wenn bei einem adligen Regiment, das an die Grenze verlegt wurde, die adligen Offiziere angeblich den Abschied genommen haben, bann ist auch schon das Umgekehrte geschehen, nämlich bei dem zwölften Dra­gonerregiment, das in Gnesen steht. Die militärische Kommando­gewalt des Kaisers ruht sicher auf der Verfassung, dem Reichs- militärgesetz. Das hat nichts Mystisches, sondern eine sehr reale Grundlage. Auf der Reichsverfassung ruht aber mehr als die Kommandogewalt des Kaisers. Die Regierung hat noch niemals versucht, an den verfassungsmäßigen Rechten anderer Rcichsinstan- zen zu rütteln. Ich bitte, rütteln S i e auch nicht an den Rechten Seiner Majestät. (Unruhe b. b. Soz., Beifall rechts.)

Wenn nach Artikel 63 der Reichsverfassung der Kaiser die Pflicht hat, für die Einheitlichkeit der Organisation der Armee zu sorgen und daraus die VerfassungsWidrigkeit der Garde gefolgert wird, so kann ich auf die Ausführungen verschiedener Mitglieder wie des Abgeordneten Erzberger in der Kommission Hinweisen, daß die Einheitlichkeit der Organisation ganz genau in dem Reichsmilitärgesetz festgelegt ist. Ich be­streite auch ganz entschieden, in der Kommission das Wort ge­braucht zu haben: Erst die Garde, dann das Vater­land. Ich habe mich sofort gegen diese falsche Auslegung ich hatte das WortVerdrehung" gebraucht, das, wie Sie sich erinnern werden, von dem Präsidenten moniert wurde (Heiter­keit) gewendet. Hier handelt es sich wieder um die Kom- manbogctoalt des Kaisers. Ein Eingreifen wäre ein Eingreifen in den Geist der Armee. Wer ein Stockwerk auf ein Haus setzen will, greift die Fundamente nicht vorher an, sondern stärkt sie. Und die Fundamente sind hier die Autorität und bic Kommandogewalt des Kaisers. (Beifall rechts.) Ich habe auch nicht zugegeben, daß die Existenz der Garde die Mobil­machung und Schlagfertigkeit schädige. Das ist mir nicht im Traum eingefallen. Im Gegenteil, bie Mobilmachung der Garde ist durchaus gesichert,- und die Garde wird an demselben Tage, wie jedes Provinzarmeekorps, mobil sein, weil wir spezielle Vorbereitungen dafür getroffen haben.

Es ist Phantasie, daß die Schlagfertigkeit dadurch geschädigt würde, ihre Widerlegung lohnt sich kaum. Hinsichtlich der Mißhandlungen habe ich betont, daß nicht nur ich, sondern auch die oberste Stelle mit Energie darauf hält, daß gegen Miß­handlungen eingeschritten wird, und daß der Kaiser durchaus der Meinung ist, solche Mißhandlungen seien ein Fleck auf der Ehre der Armee. Denken Sie doch an bie Amnestieorber z u seinem Jubiläum, worin gerabc Bestrafungen wegen Miß­handlungen ausdrücklich ausgenommen sind. (Lebhafter Beifall.) Bei der Garde wird genau so scharf und entschieden gegen solche Mißhandlungen eingeschritten wie bei anderen Armeekorps. Auch ist wohl zu beachten, daß der größte Teil der Leute bei ber Garbe aus Freiwilligen besteht, die sich wahrhaftig nicht in Verhältnisse hineinbegeben würden, wo wirklich die Mißhandlungen derartig in Hebung wären. Die Garde beruht auf gesetzlicher Grundlage, ihr einziges Vorrecht ist die Aushebung, alle anderen sind abgeschafst.

Artikel 63 ber Reichsverfassung sagt ausbrücklich, baß ber Kaiser bie Einteilung ber Kontingente bestimmt. T«mch hat cr zweisellos das Recht, für die Ergänzung bestimmter Truppenteile besondere Anordnungen zu treffen. Zum Heberfluß wird dies Recht durch das Reichsmilitärgesetz ind'irekt bestätigt. Im ersten Reichsmilitärgesetz von 1874 wurde bereits im § 3 bie gesamte Heeresmacht des Deutschen Reiches in 18 Armeekorps geteilt, bas Gebiet von Dcutschlanb aber in § 5 nur in 17, unb dies hat sich bann in bem Gesetz immer weiter erhalten. Daraus geht zweifellos hervor, baß die Gesetzgebung des Reichsmilitärgesetzes von Anfang an gewollt hat, baß ein preußisches Armeekorps auf alle Bezirke verteilt to rb. Die Rekrutierung der Garde aus den verschiedensten preußischen Orten hat besondere monarchi­sche Bebeutung. und darauf ruht insbesondere auch die Bedeutung der Garde. Der Abg. Lensch hat von berPotsdamerWacht- parabe gesprochen. Das ist ein Ehrenname. Wenn Sie die Geschichte angesehen hätten, würden Sie wissen, daß dieser Name nach ber Schlacht bei Leuthen entstanden ist, und an diesem Ehrennamen werden Sie auch hoffentlich heute im Jahre 1913 nicht mehr rütteln wollen.

Da der Vorredner weiter auf historische Ereignisse eingegangen ist, muß ich ihm darin folgen. Er sagt, im Jahre 1813 hätte die Garde mit Ausnahme von Großgörschen gar nichts geleistet, sondern nur einen Spaziergang gemacht. Am 30. März 1814 war die Schlacht bei Paris, da verlor baS erste Aarberegiment

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163. Jahrgang Donnerstag, IN. Juni 1813

Siebener Anzeiger

General-Anzeiger für Oberhessen

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