Erstes Blatt
163. Jahrgang
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vollen Wortlaut verbreitet wird, atmet nicht eine jenes Geistes der Nachgiebigkeit, wie ihn Londoner
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noch Seine ihrem Spur
rückt am 3. Mai in die Stadt ein. — Nach der Schlacht bet Groß-Görschen treten die Verbündeten den Rückzug nach der Elbe an. — Das hessische provisorische leichte Infanterieregiment (jetzt Inf.-Regt. Nr. 116) verlor in der Schlacht bei Groß-Görschen, wo es bis in die späte Nacht auf französischer Seite im Feuer stand, ein Drittel seiner Offiziere und ein Sechstel feiner Mannschaften.
wenn der Kaiser uns ruft und wenn wir die Hände frei haben Müssen für das Schwert."
Gerade die Erlebnisse der ]«.
Die Sympathien bqc Kulturvölker
lichkeit die Konflikte Hinhalten Tonne, so werde bis zum Untergang der Welt doch immer das Schwert der ausschlaggebende Faktor bleiben. Fordert so das Geleitwort des Kronprinzen zur Vorbereitung auf die große Stunde der Entscheidung auf, so gibt auch sein sachlicher Beitrag, der dem Regiment b c r Garde d u Corps gewidmet ist, Zeugnis von dem echten Soldatengeist, der ihn beseelt. Seine Schilderung einer Attacke schließt er: „Wer solche Attacke mitgeritten hat, für den gibt's nichts Schöneres auf der Welt. Und doch noch eines erscheint dem echten Reitersmann schöner: wenn alles dies dasselbe ist, aber am Ende des schnellen Laufes uns der Feind entgegenreitet und der Kampf, für den wir geübt und erzogen sind, einsetzt: der Kamps auf Leben und Tod. Wie oft bei solcher Attacke hat mein Ohr den sehnsüchtigen Ruf eines daherjagenden .Kameraden aus- gefangen: „Donnerwetter, wenn das doch Ernst wäre!" . . . Reitcrgeist? Alle, die rechte Soldaten sind, müssen's fühlen und wissen: Dulce et decorum est pro patria mori!"
3. Mai. General von Bütow unternimmt am 4500 Mann einen siegreichen Sturm auf
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Amsterdam die Leitung der dortigen Festspiele gehabt. Die bedeutendsten Bühnenleiter, Angelo N-enmann, Gregor u. a. schätzten die Arbeitskraft dieses Mannes. Eine seiner letzten Neuinsze- itierungen am Darntstädter Hoftheater war die Glncksche Oper „Iphigenie in Aulis", mit der die neue Saison eröffnet wurde, und die mit Recht einen außergewöhnlichen Erfolg für die Bühne bedeutete. Ferner hat er die Hebbelschen Nibelungen neu herausgebracht. Auch eine Tat, die ihin viel Anerkennung brachte. Gern gab er sich der Regie der Operette hin. Der „Grigri" von Paul Lincke verhalf er nicht zum kleinsten Teil durch seine Kunst zum Erfolg. „Der liebe dlugustin" war ebenfalls sein Werk.
Valdek ist vom Großherzog und anderen Fürstlichkeiten mehrfach mit hohen Ordensauszeichunngeit bedackst worden. Vont rns- fisck-en Kaiser besaß er eine prächtige goldene Uhr und andere wertvolle Andenken.
Die Einäscherung der Leiche findet am Montag, ben 5. d. Mts., naclnnittags 1 Uhr in Offenbach statt.
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— D i e Ruinen des römischen Tempels aus dem A d d i g b e t P e s ch in der Eifel werden zurzeit auf Veranlassung des Bonner Provinzial-Museums ausgegraben. Das eigentliche Tempelgebäude ist, nach einer Mitteilung des Nachrichtenamts des Eifelvereins in Düsseldorf, bis zum Sockel noch erhalten, weist gutes geschichtetes Mauerwerk auf und zeigt int freigelegten Innenraum drei mächtige Säulenreste. Neben den Ruinen des Tempels sind noch die freigelegten Grundmauern bloßgelegt. In der Nähe liegt ein Brunnen, der „Heidenpütz", der sicher sit den Tempelgebäuden gehört hat. Leider haben in früherer Zeit bereits unberufene Schatzgräber das ganze Gebiet durchwühlt und auch Funde verschleppt.
hk. Bedeutsame archäologische Funde von Mar- morstatuen, Gesäßen, GlaSgegenstänben usw. sind nach der „Um ’ schau" bei der französischen Ortschaft Montreal (Gers) gemacht werden. Nunmehr ist ein Haws sreigeleqt worden, das einem reichen Patrizier namens Seveaens gehört zu haben scheint. Der Bau stammt aus dem drittelt oder vierten Jahrhundert it. Ehr. U- a. wurde ein prächtiges MosaiT von 27 Metern Länge und nahezu vter Metern Breite ans Tageslickst gefördert.
— Kurze Na chr ichten au s Kunst u nd Wissen- schaft. Zur Versicherung der Kunstschätze des verstorbenen Piee- pont Morgan sind Verttäge in der Höhe von 23 Millionen Dollars abgeschlossen worden. Etwa 4 Millionen Dollars davon sind bei ausländischen .Gesellschaften ulttergebracht iwrbci^
gesandten sollte Oesterreich aufs Neue untätig verharren? Es kommt hinzu, daß mit der montenegrinischen Antwortnote zu-gleich der Wortlaut einer Proklamation bekannt wird, in der Erbprinz Danilo namens des Königs von der Stadt Slutari dauernd Besitz ergreift. Darin werden die Einwohner in ben süßesten Tönen als Brüder begrüßt und — scharfe Bestrafungen im Falle des Zuwiderhandelns gegen die Maßnahmen der „Sieger" in Aussicht gestellt! Und willst du nicht mein Bruder sein, so schlag ich dir den Schädel ein! Ganz dasselbe Verfahren, wie es die serbischen Brüder in Dschakova bei der „Bekehrung" der Bevölkerung zum orthodoxen Glauben angeordnet haben! Die Bevölkerung von Skutari, so erklärt König Nilita in seiner Antwortnote an die Mächte, will die Einverleibung tu Montenegro. Was die russische Regierung über diese Frage amtlich veröffentlicht hat, läßt er völlig unbeachtet. So wirb denn am Montag die Londoner Konferenz vor einer klaren Sachlage stehen. Und wenn bis dahin die öfter- reichisch-italienischen Würfel noch nicht gefallen sind, wird die Konferenz dann endlich zu einem andern Ergebnis gelangen als zu der bloßen Feststellung, daß sie sich noch ihres Bestehens erfreut?
Die heutige Nummer umfaßt 20 Seiten.
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Blätter der Wiener Politik zur Berücksichtigung empfohlen haben. Jin Gegenteil, König Nikita geberdet sich hartnäckiger denn je, ergeht sich in scharfer Kritik des gemeinsamen Vorgehens der Mächte und stedlt ganz keck die Behauptung auf, die Einnahme von SlUtari habe eine andere Lage geschaffen, die auch von den Großmächten zu berücksichtigen sei. Er will also weder aus Skutari heraus, noch will er die Abgrenzung Albaniens güt heißen, noch deutet er auch nur daraus hin, daß er sich mit „Kompensationen" zufrieden geben würde. Und auf vage mündliche Aeuße- rungen eines in London weilenden montenegrinischen Ab-
Tageskalender aus dem Jahre 1813.
Einer Anregung aus unserem Leserkreis folgend, wollen wir künftig die Daten aus dem großen Kriege an dieser Stelle kurz erwähnen. Ereignisse von hervorragender Bedeutung werden wir wie bisher auch noch an anderer! Stelle besprechen.
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Bezuftsprcis: monatlich 75Ps., vierteljährlich Alk. 2.20; durch Abhole- il Zweigstellen monatlich 65 Ps.; durch biePost Mk.2.— viertel- jährl. ausschl. Bestellst. Zeilenpreis: lokal 15Ps., auswärts 20 Pfennig. Chefredakteur: A. Goetz. Verantwortlich für den politischen Teil: August Goetz; für „Feuilleton", „Vermischtes" und „Gerichtssaal": K. Neu
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Notationsdruck und Verlag der Vrühl'schen Univ.-Vuch- und Steinönicfcrci N. Lange. Nedaktion^Expedition und Druckerei: Zchulstratze 7.
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Die Antwort Montenegros.
Cetinje, 2. Mai. (Amtlich.) Die Antwort Montenegros auf den Schritt der Mächte lautet:
Die königliche Regierung batte die Ehre, die Mitteilung der Großmächte vom 14. (27a Llpril zu empfangen. Sie glaubt diesen gegenüber ihre Pflicht za erfüllen, und gleichzeitig der nationalen Sache, die ihr obliegt, gebührend Rechnung zu tragen, indem sie ihre Halt ungdurch Darlegung der Gründe rechtfertigt, welche sie bestimmten, die Entscheidung der Großmächte bezüglich der Nord- und Norbostgrenzeu Albaniens nicht ohne weiteres zur Kenntnis zu nehmen. Tic königliche Regierung bedauert es sehr, mit ihren Alliierten bezüglich der Abgrenzung Albaniens nicht befragt worben zu fein, welches von dem türkischen Joch durch die siegreichen Armeen der Verbündeten befreit wurde und denen es allein seine Emanzipation verdankt. Andererseits bestimmen die Grenzen Albaniens das territoriale Verhältnis der alliierten Staaten und lösen gleichzeitig eine Anzahl politischer und wirtschaftlicher Interessen aus, die diese Staaten nicht gleichgiltig lassen können. Die königliche Negierung kann nickt umhin, zu glauben, daß sich t>en Beratungen der OKoßmächte die Notwendigkeit der ^Befragung der Verbündeten hätte aufzwingen müssen, insbesondere seit der Unterbreitung des Memorandums der Ballanbelegierten in London, da die politische Entwickelung der Balkanstaaten tief und ausschließlich von der Gründung des neuen albanischen Staates berührt wird. Die königliche Regierung glaubt überdies, baß, nachdem die Feftsctznng b er Grenzen Albaniens der Statur der Sache nach er ft n a ch dem Abschluß des Friedens zwischen den Verbündeten und dem Ottomanischen Reiche durchgesülrt werden könne, jede von den (Großmächten ergriffene Maßnahme zwecks Räumung vormals belagerter Plätze und besetzter Gebiete sowie zwecks Einstellung der Feindseligkeiten notwendigerweise eine. Verletzung der Neutralität, das beißt des Rechtes der Verbündeten als Kriegführende, im ganzen Umfange auf den: Schauplätze des Balkankrieges zu operieren, und infolgedessen eine willkürliche Begrenzung der Grundlage für die Friedens per Handlungen mit dem Ottomaniscken Reiche mit s i ch bringe. Die Regierung^ bebauett, daß die erwähnten Gründe ihr nicht gestatteten, Kenntnis zu nehmen von der Festsetzung der fraglichen Grenzen, insbesondere hinsichtlich der Regelung der Frage von Skutari und seincsHGebietcs, dessen Abgrenzung ganz z n m
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Antwortnote an die Großmächte, die
Valdek ist 56 Jahre alt geworden; seit 1895 wirkte er am Darmstädter Host Heater. Eine seiner ersten Taten war die
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Darmstadt, 2. Mai.
Die Nachricht von dem plötzlichen Tode des Oberregisseurs Emil Valdek hat in den hiesigen Theaterkreisen große Bestürzung hervorgerusen. Was die Ursache dieser unseligen Tat des ver- dicnstvollen Mannes ist, wird niemand mit Bestimmtheit angeben können. Seit 18 Jahren hat Valdek an der Darmstädter Bühne gewirkt und sich große Verdienste erworben. Er war einer jener Regisseure, die mit verhältnismäßig wenig Mitteln doch gute Bühnenwirkungen erzielen konnten. Mit großen Reformplänen hat sich Valdek wohl nie abgegeben. Er war ein unermüdlicher Arbeiter, der, weil er die größten Anforderungen an Ausdauer an sich selbst stellte, sie auch von den darstellenden Künstlern forderte. Wenn der Verstorbene in letzter Zeit etwas mehr in den öintergrunb trat, so lag das vielleicht daran, daß er an der Erneuerung des Hoftheaters durch ben Generalbirektor Eger nicht so willig mitarbeiten mochte, wie eS notwendig ist. Er glaubte sich zurückgedrängt, und bas wird wahrscheinlich mit Schuld an der Gemütsbepression geivesen sein, an der er in der leisten Zeit litt. Es muß dabei aber ausdrücklich betont werden, daß niemand daran dachte, ben arbeitsamen Mann zu verbrängen. Im Gegenteil, man hat alles versucht, ihn für bie neue Gestaltung zu gewinnen. Aber bie menschliche Schwäche, da eine Kränkung zu suchen, wo keine vorhanden ist, hat Tiefen, in die niemand blicken kann.
Nr. 102
Der Gießener Anzeiger erscheint täglich, außer Sonntags. - Beilagen: viermal wöchentlich GiehenerZamilienblätter; zweimal wochenll.ltteis- blatt siir den Ureis Gießen (Dienstag nnbFreitacß; zweimal monatl. £anb= wirtschaftliche Zeitfragen Fernfprech - Anschlüsse: für bie Redaktion 112, Verlag u. Expedition 51 Adresse für Depeschen:
Anzeiger Gießen.
Annahme von Anzeigen für bie Tagesnummer bis vormittags 9 Uhr.
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Der Aronprinz über DeutschlanS in Waffen.
In dem mit Spannung erwarteten Bilberwerk „Deutschlanb in Waffen", bas von ber Deutschen Verlagsanstalt in Stuttgart soeben ausgegeben wird und das in ernster Zeit das deutsche öeer und bie deutsche Flotte in Bild und Wort anschaulich vor- iührt, wendet sich ein besonderes Interesse dem „Wort zum Geleit" zu, das der deutsche Kronprinz dafür geschrieben hat.
In knappen Umrissen schildert er Deutschlands Lage in ber Gegenwart, die unser Land zwingt, Heer unb Flotte auf der größten Höhe ber Schlagfertigkeit zu erhalten, spricht er von dem waffenfrohen Geiste, ben ber Deutsche von feinen Ahnen ererbt unb den wir pflegen müssen, betont er aber auch eindringlich bis Gefahren, die diesen Geist bedrohen: „Wir leben freilich bcuffiiitagc in einer Zeit, die mit besonderer Genugtuung die stolze Höhe ihrer Kultur betont, die nur zu gern sich ihres internationalen Weltbürgertums rühmt und sich in schwärmerischen Träumen von der Möglichkeit eines ewigen Welt- l'riedens gefällt. Diese Lebensauffassung ist unbeutsch und steht uns nicht an." Der erstaunliche wirtschaftliche Aufschwung Deutschlands seit dem letzten Kriege, ber gewiß viel Gutes schaffe, habe auch bie Ansprüche an bie Lebenshaltung pnb ben Luxus entwickelt, und es zeigten sich drohende Schattenseiten: „Schon hat die Bewertung des Gelbes bei uns ein Gewicht gewonnen, das man nur mit Sorge beobachten kann. Die tüchtige Leistung als solche gilt heutzutage leiber häufig schon weniger als das Vermögen, bas einer ererbt ober errafft hat. Unb auf welche Weise das Vermögen verdient worben ist, banach wirb ost schon kaum mehr gefragt. Diese Sucht nach bem Besitz möglichst großer Geldmittel droht alte unb ehrwürdige Begriffe zu verschieben. Dinge, die früher nicht als „fair" oder besser gesagt als „anständig" galten, werben stillschweigend geduldet: bem hitzigen Gelderwerb wird alles geopfert. Die alten Ideale, ja selbst An- Hen Und Ehre der Nation können in Mitleidenschaft gezogen werden; denn zum ungestörten Geldverdieneu braucht man Frieden, Frieden um jeden Preis." Die Geschichte aber lehre, baß die Staaten zugrunde gegangen wären, bei benen bie kaufmännischen Interessen in entscheidenden Stunben den Ausschlag gaben. Ge- tyiß wollten wir „keine Säulenheiligen heranziehen, bie sich, ous alle Freuden der schönen Erde verzichtend, von Wildem Stontg nähren und rauhe Kamelfelle zur Gewandung nehinen. Mögen wir den Komfort und Luxus, ben wir als Kinder nn- ftrer in der Technik so fortgeschrittenen, an prakttschen Ecfin- diingen so reichen Zeit genießen, als angenehme Beigabe betrachten, die an sich feine selbständige Berechtigung ljat. Als ein lieber flüssiges, das wir lachend in die Ecke werfen in dem Augenblick,
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politische Wochenschau.
Gießen, 3. Mai.
Die Wiener Diplomatie hat eine äußerst dauerhafte Probe von Geduld abgelegt; trotzdem kommen ihr aus Paris Und Londou noch warnende Ratschläge. Die „Times'" hat ^crußer den sanften Ermahnungen, die wir gestern nach einem Auszug des Wolfs-Bureaus wiedergeg.'ben haben, noch einen recht boshaften Aus sprach getan', der darum vielleicht von unseren ängstlichen Berliner Offiziösen von der Tafel abgewischt worden ist. Das Londoner Blatt erlaubte sich nämlich eine Anspielung auf die diplomatischen Vm:handluirgen des Jahres 1859, die durch die Fehler der Wiener Diplomatie zum allgemeinen Kampf gegen Oesterreich und zur nationalen Einheit Italiens geführt hätten, der Tat hat die heutige Lage einige Aehn- lichkeit mit derjenigen des Jahres 1859,' wenn auch der Wille der Balkanslawen, einen Einheitsstaat zu begründen, wirtlich noch in weiter Ferne liegt. Und die Gefahr, daß Serbien sich des kleinen Bruders in Cetinje annimmt und mit ihm die Waffen gegen die Oesterreicher erhebt, ist wohl nicht so schreckhaft. Allerdings sehen wir auch Frankreich heute wieder auf der Seite von Oesterreichs Gegnern, und daneben scheint Rußland an eine späte Vergeltung der österreichischen Undankbarkeit von des Krimkriegs Zeiten her zu denken. Aber so ganz öde sieht es heute um Wien doch nicht aus wie im Jahre 1859. Im Gegenteil, der Vergleich der „Times" ist angesichts der Tatsache; daß auch italienische Interessen an der Adria mitwirken, und daß im Hintergründe nicht, wie damals, ein schwankendes Preußen, sondern ein entschlossenes Deutsches Reich steht, übel angebracht. Wenn der Wiener Ministerrat heute nochmals zu einer Vertagung gewaltsamer Schritte gegen Montenegro gelangen sollte, so ist es immer noch eine sehr mrentschiedene Frage, welche rönnen beiden Parteien, Oesterreich oder die Slawenmächte, Cavoursche Vorsicht geübt hat. Serbien und Montenegro allein wären der habsburgischen Kriegsmacht dock) wohl nicht gewachsen, die übrigen Baltanverbündeten haben noch genug mit ihren Wunden und eigenen Händeln zu schaffen, und Rußland ist zwar groß, aber der Zar, bei der Unsicherheit und Spaltung int Innern des Reiches, sehr, sehr ferne. Jedenfalls ist es bei dem Ernste der europäischen Lage von dem Londoner Weltblatt eine arge Taktlosigkeit gewesen, Oester-
lungsten Zett haben gezeigt, daß Ncumszemerung deS Goetheschcn Faust, den er in drei Wenden ker „nut dem forsch unb tapferj spielen ließ, Bis znm heutigen Tage hat sich die Aufführung
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reich auf seine Mißerfolge im Jahre 1859 hinzuweisen. Es regiert zwar heute noch derselbe Kaiser Franz Josef, der damals, nach der Schlacht bei Solfcrino, den Ausspruch tat: „Lieber eine Provinz verloren, als noch einmal so gräßliche Dinge erleben" — aber, wenn die Ehre seines Reiches auf dem Spiele steht, wird er auch am Abende seines Lebens nicht mehr zögern, noch einmal die Zustimmung zu kriegerischer Abrechnung zu geben.
Die gemütlichen Wiener sind schon voll Erbitterung, und ihre Presse verlangt vom Grafen Berchtolb in ungestümen Ausdrücken endlich Taten. Die „stieichspost" hat in ihrer gestrigen Abendnummer schon das Wort „Feigheit der auswärtigeit Politik" mtsgesprochey, und hinzng.sügt, daß die Wiener Regierung Gefahr laufe, diesen Vorwurf des Auslandes unerwidert zu lassen: „Wie rommt unsere brave Pflichtgeckreue Armee dazu, daß sie ein Werkzeug einer solchen würdelosen Politik werde und ihre Fahnehre für eine Diplomatie opfern solle, die sich unausgesetzt auf dem Rückzüge befindet?" — Nun, das Wiener Auswärtige Amt und bie offiziöse Presse in Ofen pest haben gleichzeitig zur Mäßigung angeraten mit dem Hinweis, daß, wie man schon sehen werde, die Regierung zielbewußt vorg.'he und am Ende einen ehrenvollen Weg zur Beendigung acker dieser Sorgen finden würde. Es wird dabei auf die Absicht angespielt, von der wir gestern schon gesprochen haben, in Gemeinschaft mit Italien das albanische Problem noch gründlicher zu lösen, als es die Londoner Botschafterkonferenz zuwege gebracht hat. Das wird wohl der einzige Grund fein, weshalb Oesterreich nicht sogleich nach her Londoner Donnerstag-Sitzung Gewalt ang.'wendet hat; die Einigung mtt Italien ist noch nicht ganz zum Abschluß gekommen.
Der heutige Herr der „schwarzen Berge", König Nikita, scheint sich ganz in die Wolle des russischen Bären festgeklammert zu haben, unbekümmert darum, ob der Zar den Panslavisten oder immer noch dem Herrn Sasonow Gehör schenkt. In den Zeiten des Zaren Nikolaus I., der die Montenegriner schon einmal in einen Krieg mit der Türkei gehetzt hat, um die Vormacht über bie Balkan- ftaaten zu gewinnen, hat der Fürst Danilo, ein Vorgänger Nikitas auf dem Throne Montenegros, schließlich dem Wiener Kabinette seine Erhaltung zu danken gesucht, das die türkische und die russische Gefahr noch rechtzeitig ab- wehrte^ Wenn heute König Nikita tvotz ber Hohn vollen Wasfergüsse Sasonows noch an Petersburger Hilfe glaubt, so könnte es ihm passieren, daß ihm weder dort,
käinpfenbeii gehen, unb wenn auck, biploinatische Gescknck in dieser Form in Darmstadt erhalten. Sein eigentliches Feld war die Oper. Als Spielleiter Wagnerscher Opern hat er sich einen tebentenden Ruf erworben. Mehrere Jahre hat er auch in
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