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3.1.1913 Zweites Blatt
 
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165. Jahrgang

Zweites Blatt

Nr. 2

Erscheint täglich mit Ausnahme des Sonntags.

Lanv-- und forsLwirts^astlitde verusrgenossenjchast

Deuticbc Kolonien

Redaktion, Expedition und Druckerei: Srbul- ftroBe 7. Expedition und Verlag: e=g^cl. Redaknon:^M112. Tel.-Adr.: AnzeigerGießen.

DieSiehener Zamiliendlätter" werden dem Anzeiger" viermal wöchentlich beigelegt, das Kreisblatt für den Kreis Giehen" zweimal wöchentlich. Di«,Landwirtschaftlichen 5eit- fragen" erscheinen monatlich zweimal.

Freitag, 3. Januar 1913

Rotationsdruck und Verlag der Vr ü bl'schen Universiläls - Buch- und Sieindruckerei.

R. Lange, Gießen.

Die böse Presse schlägt kräftig zu Und zeigt sick immer dolyser C hätten wir lieber doch in Ruh Gelassen den braven Moser!

Der Kladderadatsch wollte die Bearbeitung der Presse durch Kiderlen-Wächter geißeln. Ein Zeichner des Wochen­blattes läßt einen württembergischen Plesiosaurus uns dem Schiefer hervorsteigen, der sich beim nahenden Ende des Jahrhunderts einmal die moderne Welt ansehen will. Das Tier fühlt sich von -den Gewohnheiten der neuzeitlichen Reptile nicht sehr erbaut und sieht mit Verwunderung, W Herr v. Kiderlen-Wächter, auf einem modernen Reptrl reitend, einen Leitartikel schreibt: Moser weg! N.cht minder boshaft ist eine Darstellung einer ganzen Reihe vonRep­tilen", darunter heute noch sehr gelesener Zeitungen, die aus der Preßlrippe fressen, in die Herr v. Kiderlen-Wächter die offiziöse Preßtinte eimerweise schüttet.

Das Scherzgepkänkel endete sehr ernst. Der damals in Vertretung des Redakteurs Trojan den Kladderadatsch verantwortlich zeichnende Herr W. Polstorff wurde von Herrn Kiderlen-Wächter zum Duell gefordert. Der Zwei- ~ " Polstorff erhielt einen

** For st Personalien. Der Groß Herzog hat dem Oberförster der Oberförsterei Lörzenbach, Dr. Jak. Weber zu Lörzenbach, den Charakter als Forstmeister verliehen.

** L a n d w. B e r u f s g e n o s s e n s ch a f t. Ernannt wurden der Sekretär der land- und forstwirtschaftlichen Berufsgcnossenschaft für Hessen W. Pieper zum General- ekretär der Berufsgenossenschaft und Haftpflichtversiche­rungsanstalt und der Assistent und Buchhalter K. Weis zum Sekretär und Abteilungsvorsteher.

* Jubiläums-Bereinigung ehem. 116er. Der geschäftsführende Ausschuß hielt am 30. Dezember eine Sitzung ab. Es wurden sämtliche einzelnen Arbeits­ausschüsse gebildet und ihnen ihre Aufgaben zugewiesen. Besprochen wurde besonders die Einteilung des Festplatze?, die insofern Schwierigkeiten bereitet, als Teile des über die Kirschenallee hinausgelegenen Trieb mit Rücksicht auf die dort geplante Kaiserparade nicht benutzt werden kön­nen. Es wurde deshalb beschlossen, das gesamte Gebiet der Liebigshöhe mit einzubeziehen und dem Bauausschuß anheimgegeben, die drei zu erbauenden großen Festhallen möglichst in den Raum in der Nähe der Germania, den Juxplatz dagegen entfernt von ihnen, entlang der Kirschen- ailee, zu legen. Man war sich darüber einig, daß außer den großen Festzelteu Bierzelte mit einem Fassungsraum und Sitzgelegenheiten für mindestens 15 000 Personen auf- geschlagen werden müssen. Ter Wirtschaftsausschuß wurde beauftragt, in diesem Sinn mit den einzelnen Brauereien zu verhandeln. Für den Verein selbst soll eine Militär- lapelle für die drei Tage des Festes angenommen wer­den, neben der vielleicht noch eine weitere Militär- unb Zivilkapelle in Tätigkeit treten. Die Verhandlungen hier­über wurden dem Musik- und Bergnügungsausschuß über­tragen. Bis zur nächsten Sitzung sollen die Einzelaus- schusse ihre Voranschläge vorlegen. Schon jetzt war aus dem Mitgcteilten ersichtlich, daß das Fest außerordent­lich große Anforderungen an den vorbereitenden Ausschuß stellen wird. In der Einquartierungsfrage ist beabsich­tigt, deinnächst gemeinsam mit dem Herrn Regiments­kommandeur einen Aufruf an die Bürgerschaft Gießens um Zeichnung von Freiquartieren und Einqnartierungs- zuschüssen zu- veröffentlichen. Jrn Anschluß daran wer­den Zeichnungen durch die Bezirlsobmünner des Woh- nungsausschusses eingeholt werden. Die nächste Sitzung deS großen Festausschusses der Jub.-Bereinigung wurde aus den 8. Februar, vormittags 10 Uhr, bestimmt. Auf Anfragen wurde von dem Borsitzenden mitgeteilt, daß die kürzlich in verschiedenen Zeitungen erschienene Veröffent­lichung, wonach das Fest Dom 1315. Juni stattfinde, unrichtig ist, daß vielmehr Seine Königliche Hoheit der Großherzog als Festtage die Zeit vom 7.-9. Juni bestimmt haben.

** Verhaftet wurde gestern abend ein Arbeiter von hier, der während der Feiertage P o st a u s Helfer­dienste getan und diese Gelegenheit benutzte, eine größere Anzahl von Briefen z u u n t e r s ch l a g c n. Er hat die Briefe geöffnet und die darin befindlichen Werte für sich verwendet.

Landkreis Gießen.

Klein-Linden, 2. Ian. Der GesangvereinArion" hält seine Winterfeier am 26. Januar in derDeutschen Eiche" bei Konzert, GesangSvorträgen, Theateranffnhrungen and Tanz ab.

Großen-Linden, 1. Ian. lieber die Einkommen der Ortsgerichtsmänner sind vielfach irrige Meinungen verbreitet. Es sei deshalb mitgeteilt, daß im Jahre 1912 jeder hiesige OrtsgerichtSmann an Gebühren 6 M ark ver- üent hat.

= Lollar, 2 Ian. Im Jahre 1912 wurden in die mesigen StandesanltSregllter 68 Geburten (41 männ­liche'und 27 weibliche), 30 Stcrbefälle und 16 Eheschließungen eingetragen.

' © Lich, 3. Jan. Blühende Veilchen zu Weih­nachten und Neujahr dürften wohl eine außergewöhnliche Seltenheit sein. Ein hiesiger Landwirt pflückte gestern ein kleines Sträußchen an einer besonders geschützten Stelle unter einer Hecke.

io(d)e von 200 Mk. Nachweisen. Bon diesen Beträgen sind 400 Mk. von Europäern und 150 Mk. von Farbigen bei de Linie zu hinterlegen, um als Deckung der Rückfahrkosten zu dienen, falls die Behörde die Landung nicht gestatte: oder die Heimsendung anordnet. Tie Rückzahlung tau. nur erfolgen, nachdem das Gouvernement seine Zustim mung erteilt hat. Diese Bestimmungen finden and) An Wendung auf solche Personen, mit Ausnahme von Ehe Tauen und Kindern, deren Angehörige in Ostafrika an­sässig sind.

Bestimmungen für Einwanderer in die Kolonien.

Um den Zuzug Mittelloser nach den Schutzgebieten zu verhindern, wird vorn 1. Januar ab von jedem Ein­wanderer, der ohne sichere Lebensstellung nach Sud- westafrika reist, die Hinterlegung von 300 Mk ver­langt: ohne dies erhält der Reisende kemen Fahrschein. Der Betrag wird bei der Landung von den Agenturen der Dampferlinie zurückerstattet, wenn die Behörden damit ein­verstanden sind. Für O st a f r i t a ist die Regelung fvl aende: die Europäer müssen, wenn sie keine feste An­stellung haben, eine Barschaft von 600, die Farbigen eine

Giehener Anzeiger

General-Anzeiger für Gberhefien

für h sien.

Darmstadt, 30. Dez.

Die Genossenschaftsversammlung fand ant Sonntag hier unter dein Vorsitz des Geh. Regierungsrats Bich mann 'tatt. Anwesend waren Obermedizinalrat Dr. Balser, di. Geh. Oberforsträte Dr. Walther und Dr. Grünewald sowie Finanzamtinann Hesse, f ent er die bisher von den Kreis­tagen gewählten Mitglieder aus den 18 Kreisen. Die von dem Vorsitzenden für 1911 erstatteten und im Druck erschie­nenen Geschäftsberichte der Berufsgenossenschaft und der dieser angegliederten Haftpslichtversich rungsaustalt lassen eine erhebliche Steigerung des Geschäftsnrnfanges erkennen. Die Zahl der angemeldeten Betriebsunfälle betrug 3229. llebernommen wurden aus dem Vorjahre 1509 Unfälle, so daß insgesamt 4738 Unfälle neu zu bearbeiten waren. An Entschädigungen für Renten an Verletzte, Kosten des -Heil­verfahrens wurden 1 Oll 450 Mk. bezahlt und 4571 Renten­bescheide erlassen. Die Summe der erstmalig im Rechnnngs- jahre gezahlten Entschädigungeii betrug 185 270 Mk. Die Mittel der Rücklage beziffern sich auf 1998031 Mk. Die Zahl der bearbeiteten Schriftstücke betrug 47115. Die Reichsversicherungsordnung verlangte die Aufstellung einer neuen Satzmtg und Dienstordnung. Ebenso machte die Ab­änderung des Gemeindeumlagegesetzes die Ermittlung eines neuen Maßstabes für die Beitragserhebung nötig. Das Landesversicherungsamt wurde mit dem 1. Oktober auf- g eh ob en, die Berufsgenossenschaft untersteht fortan ebenso wie die Landesversicherungsanstalt dem Rcichsversiche- rungsamt. Außer den für landw. Maschinen erlassenen Unfallverhütungsvorschriften sind für 1913 Vorschriften zur Verhütung von Unfällen für die landiv. Bau-, Vieh- und Fuhrwerkshaltung, ferner für landw. Geräte und Spreng­mittel in Aussicht genommen. Die Anstellung eines Ver­trauensarztes, die einer Forderung des Reichsv ersick>e- rungsamtes entspricht, wurde in der Person des General­oberarztes Dr. Eichel beschlossen. Ebenso steht die Anstel­lung eines technischen Aufsichtsbeamten bevor, worauf das Reichsversicherungsamt ebenfalls dringt. Der Voranschlag schließt mit dem Betrage von 2 760 361 Mk. ab. Die Haft- pflichtversichierungsanstalt hatte im Berichtsjahre einen Zu­gang neuer Mitglieder zu verzeichnen. Ihre Zahl beträgt jetzt nahezu 11000 Personen. Das Vermögen beziffert sich auf rund 80000 Mk. Der Rückversicherungsverband, durch den Schäden über 5000 Mk. gemeinsam getragen werden, umfaßt die Haftpflichtversicherungsanstalten Her Ostpreußi­schen, Schlesisckwn, .Hessen-Nassauischen. Pommerschen und Brandenburgischen Berufsgenossenschaft, sowie der für das Fürstentum 'Reich j. L. Die Haftpflichtversicherungsanstalt des Provinzialverbandes Hannover wird demnächst in den Verband neu ausgenommen. Die Einnahmen und Ausgaben der hessischen Anstalt finb mit 24 600 Mk. eingestellt. Aus der weiteren Tagesordnung find die Beratungen des Ent­wurfs einer neuen Satzung, Aufstellung eines Gefahren­tarifs und Neuaufstellung einer Dienstordnung hervorzu­heben. Aus den Bestimmungen der ersteren möge erwähnt sein, daß entsprechend dem neuen Ausführungsgefetz die Genossenschaf tsberfammlung lünftighin aus je einem aus jedem Kreise zu wählenden und drei weiteren vom Mini­sterium der Finanzen ernannten stimmberechtigten Mit gliedern bestehen wird. Die Wahl der ersteren erfolgt provinzweise durch die Ausschüsse der Landwirtschafts­kammer nach den Grundsätzen der Verhältniswahl au: Gruird einer von dem Ministerium des Innern zu erlassen­den Wahlordnung. Ein weiterer Vertreter, den ebenfalls das Ministerium bestellt, wird aus der Zahl der selb­ständigen Handelsgärtner entnommen, insolange die land­wirtschaftliche Berufsgenossenschaft die Gärtnereibetriebe umfaßt. Neu find ferner die Besttmmungen, daß die Bei­träge der Berufsaenossen nach dem Steuerwert der bei­tragspflichtigen Grundstücke, wie er für die Gemeinde- steuerveranlägung festgestellt wird, umgefegt werden und die Genossenfck-aftsversammlung für die der Genossenschaft zugehörigen Betriebe durch einen Gefahrentarif Gefahr- klassen nach dem Grade der Ungefähr zu bilden und danach die Höhe der Beiträge abzustufen hat. Der Vorstand fami gegen Unternehmer, die ihren satzungsmäßigen Pflichten zuwiderhandeln, auf Geldstrafen erkennen. Wichtig für die Betriebsunternehmer ist die Vorschrift, daß em Lohn- 1 nachweis, sowie die Aufstellung von Lohnlisten, aus denen : sich die Namen, die Art und Zeit der Befätzistigung sowie : her Entgelt der einzelnen Betriebsbeamten uird Fach­arbeiter für den einzelnen Tag ergeben, zu erfolgen hat, von dem Vorstand künftighin verlangt werden wird. Bon i der neuen Dienstordnung, die den Besttminungen der Rcichs- l versicherungsorduung Rechnung trägt, ist zu sagen, daß die - Berufsgenossenschaft, abgesehen von den Beamten, die : bereits mit den Rechten imb Pflichten der hessischen Zivck- ' staatsbeamten angestellt sind, nunmehr die Fürsorge für alle Bediensteten nach Maßgabe der Besttminungen der Fürsorgekasse für die hessischen Gemeindebeamten selbst übernimmt. Bezüglich der Invaliden- und Angestellten Versicherung wird nach Maßgabe der gesetzlichen Bestim­mungen Versicherungsfreiheit in Anspruch genommen.

lieber den derzeitigen Stand des Antrags auf Errich­tung eines Lehrstuhls für soziale Medizin an der Landes- nniversität und Erbauung eines Unfallkranken- Hauses in Gießen lag ein ausführliches schriftliches Referat des Vorsitzenden vor, in dem die zurzeit noch bestehenden Schwierigkeiten eingehend dargelegt sind. Es wird zu dieseni Gegenstand nach einer Erwiderung des Obermedizinalrates Dr. Balser, der den jederzeit wohl­wollenden Standpunkt der Regierung zu der ganzen Frage

kämpf sand im April 1894 statt. , , nicht lebensgefährlichen Schuß in die Lunge und mußte später auf die Festung Glatz. Er starb in, Jahre 1906.

Die veischnngrseier für ttlderlen-wachtcr.

Stuttgart, 2. Jan. Reichskanzler v. B e t h m a n n Hollweg ist heute mittag 11.50 Uhr in Begleitung zweier Herren hier eingetroffen. Die Leiche des Staatssekretärs wurde heute früh vom Sterbe- zimmer in der Wohnung feiner Schwester, der Frei­frau v. Gemmingen-Guttenberg, in deren Salon verbracht und dort in einem einfachen schwarzen Holzsarg auf gebahrt. Er ist förmlich in Blumen eingehüllt, die in ungeheurer Menge im Trauerhause einlaufen.

Bald nach zwei Uhr sanden sich die Trauergäste im Trauer- Hause ein. Der Reichskanzler legte int Austrage des Karscr- paares eine kostbare Blumengabe am Sarge nieder. Der Ober- hosprcdiger Dr. v. Kolb hielt eine kurze Andacht. Daraus wurde der Sarg auf die Straße getragen und im Leichenwagen geborgen. Alsbald setzte sich der Zug von der Friedrichstraße durch'die Bahnhofstraße zum Pragfriedhofe in Bewegung. Tas Musikkorps des 7. württembergischen Infanterie-Regiments Kaiser Friedrich, König von Preußen, Nr. 125, in dem der Verstorbene den F e l d z u g von 1 87 0/7 1 mitgemacht und dem er jahrzehntelang als Reserveoffizier angehört hatte^ spielte auf dem Wege Trauermärsche. Die Studentenschaft der Stuttgarter Tech­nischen Hochschule und Vertreter der Tnh'no"r akademisclmi Ber- bindung Normania, bei der Herr v. Küurlen in ferner Student n- z ir aktiv war, schritten dem Leichenwagen ooraus, der nut kost­baren Blumengewinden und Palmen und prächtigen ^cksteifen mit Widmungen fast bedeckt war. Unmittelbar hinter dem Sarge schritt der Reichskanzler v. Bethmann Hollweg als Vertreter des Kaisers und der Kaiserin, begleitet von Frhrn. v. Palm, einem Verwandten des Verstorbenen. Daraus folgten die Ver­treter der anderen Fürstlichkeiten, darunter der bayerische Minister­präsident Frhr. v. Hertling im Namen des Prinzregenten Ludwig von Bayern und Graf von Abelmann als Vertreter des H'ürsten von Hohenzollern. Dann kamen die Vertreter der fremden Regierungen, die Staatssekretäre Krätke und Dr. Solf, das hiesige diplomatische Korps und die württembergischen Minister.

Auf dem Pragfriedhose war König Wilhelm von Württemberg persönlich erschienen. In seiner Be­gleitung befanden sich die hier weilenden Herzöge des königlichen Hauses. Ter Sarg wurde in die Kapelle getragen. Unmittelbar hinter ihm folgten der König, der auf die Schwester des Ver­storbenen, Freifrau von Gemmingen Guttenberg, zulchritt und ihr in herzlichen Worten sein Beileid aussprach. Tem König folgten die Herzöge, sodann der Reichskanzler mit feinem Adiutanten, beibc_bic Kränze des Kaisers und der Kaiserin tragend, die sie am Sarge niebedegten.

Der Geistliche richtete sodann Worte des 4,ro)tc5 an die An­gehörigen und schloß mit einem Gebet. Hieraus wurde der Sarg zum Grabe getragen, gefolgt von der Trauerversammlung, wie bei dem Einzug in die Kapelle. Oberhofprediger Prälat Tr. v. Kolb sprach am Grabe nochmals ein Gebet. Hieraus trat ber König als erster an bas Grab und watt einen Tannenzweig in bas Grab hinab. Es folgten die Herzöge, die Vertreter der fremden Fürstlichkeiten und die übrigen Herren des ^raucr- gefolges. Tic Trauerfeier, die mit einem Choral schloß, war um Uhr beendet. .... ._

Der Reiwskanzler hat heute nachmittag 5 Uhr dem Minister­präsidenten Dr. v. Weizsäcker einen Besuch abgestattet. Zu Ehren des Reichskanzlers fand heute abend ein Abendessen beim König statt. Der Reichskanzler reifte abends um 9.17 Uhr in Begleitung des italienischen Botschafters Pansa nach Berlin ab.

GeheimratSpätzle" und der Kladderadatsch.

Herr v. Kiderlen-Wächter war im Auswärtigen Amt int Jahre 1893, wie schon erwähnt, als Vortragender Rat das Ziel scharfer Angriffe, die der Kladderadatsch gegen ihn und feine Tafelfrennde bei Borchardt eröffnete. Die Taselfrennde waren vor allem: Fürst Philipp zu Eulen­burg und v. Holstein. Kiderlen erhielt den Spitznamen Spätzle" nach' der württembergischen Eierspeise, die er so gerne. Diesen Dreien wurde nachgesagt, daß ihr emsiges Bestreben dahin ginge, anstelle des Herrn v. Moser ihren Freund Axel v. Varnbühler als württembergischen Bundesratsbcvollmächtigten nach Berlin zu bringen. Der Kladderadatsch adressierte ein Gedichtan Herrn Geheimrat von Späkle", worin es hieß:

'Tu schüttelst Tein sonst so kluges Haupt Und sprichst zu Dir bcHoinnieit: Die Sache, ist wer Hütt' es geglaubt Nun doch ans Licht 'gekommen."

Was wir gesponnen mit stillem Fleiß

' In treu verschwiegenem Bunde, Es liegt jetzt oor mir Schwarz am Weiß Und macht durch das Reich die Runde.

-ervorhebt, schließlich ein Antrag ans der Mitte der Ver­sammlung auf Vertagung angenommen. Zum Schluffe er- olgte die Mitteilung einer Verfügung des Ministeriums des Innern über die Wahlen der Genoffenfchaftsverfamm- 'ung und zum Genoffenschaftsvorstand. Hiernach geht die Amtsdaner der Mitglieder der ersteren mit dem 1. Januar ',n Ende, während die derzeitigen Mitglieder des Genossen- 'chaftSvorstandes noch bis zum 1. Septauber 1913 im Amt verbleiben. Alsdann hat auch hier eine Neuwahl nach den Grundsätzen der Verhältniswahl zu erfolgen.

Ans Stadt nn- Land.

Gie ' en, 3. Januar 1913.

3itm Kampf gegen die Schundliteratur.

Vom Lande wird uns geschrieben: Wie energisch wird er geführt und wie gering sind feine Erfolge auf dem Lande. Dem Städter stehen Verzeichnisse guter Bücher znr Verfügung. Er kann wenigstens das Gute wählen. Ganz anders ist es im Dorfe. Der Bauersmann greift am langen Winterabend auch gerne nach einem Buche. Doch was wird da gelesen?Die Wetterhexe",Der Schinderbannes",Ter Räuberhanptmann Pikard Fetzer". Das sind ständige Gäste.' Sie wandern von einem Hans zum andern und gehen durchs ganze Dors. Wieviel Schund und Schmutz steckt darin, von aller Unwahrheit abgesehen. Welchen schäd­lichen Einfluß solche Bücher auf Geist und Gemüt aus­üben, kann man sich denken. Gibt es denn gar nichts Besseres im Dorfe zu lesen? Doch! Da sind ja die Biblio­theken der Gemeinde und Schule. Wieviel schöne, echt volkstümliche Geschichten bieten sie! Gehr nur hin und fordert euch die Bücher, und ihr werdet sehen, daß sie euch mehr geben für Herz und Geist, als solch ein ellen­langer Schundroman. Gerade in unserer Landbevölkerung ruht die Volkskraft, und für sie ist das Beste gut genug.