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1.2.1913 Viertes Blatt
 
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^Anzeiger" viermal wöchentlich beigelegt, das B ® iL, H H .SL, DUM

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wöchentlich. Die Landwirtschaftlichen Seit- *5^

fragen" erscheinen nwnatlich zweimal. Seneral-AnzeMr für ©berufen

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Rotationsdruck und Verlag der Brübl'schen Universiläts Buch- und Steindruckerei.

R. Lange, Gießen.

Redaktion, Expedition und Druckerei: Schul- straße 7. Expedition tind Vertag: e=^51.

Redaktion: 112. Tel.-Adr.: AnzetgerGietzen.

Lin wichtiger Eisenbahnprojekt für Giehen ist die vovgeschlagene neue Eisenbahnverbindung, von Len hau s-en über Aliendorf nach Neheim Hüsten Werl H amm. Sie tvürde eine Ablürznng des Schienenweges nach Norden gegenüber den bestehenden Linien um 45 Kilometer bedeuten.

Der Eisenbahmninister hat selbst ausgeführt, daß neue Abfuhrlinien an der Ruhr und Siegbahn geschaffen werden müßten. Die Stderke StagenSiegen ist völlig überlastet. Wenn der Verkehr aus dem Siegerlande von Finnentrop bezw. Lenhausen ab, nach der Ruhr über NeheimHüsten geleitet werden könnte, so würde das eine gewaltige Ent­lastung der Deitnetalbahn bedeuten. Der lokale Fracht- Verkehr auf dieser wichtigen Verbindungshahn zwischen der Ruhr, bezw. dem Industriegebiet und dem Siegerland ent­wickelt sich erst von Finnentrop lenneabwärts bei Pletten­berg, Werdohl, Altena, namentlich Letmathe und Hohen­limburg nach Hagen. Daher würde die Ableitung des Durchgangsverkehrs nach Münster und dem Norden von Lenhausen-Finnentrop ab eine ganz bedeutende Entlastung der Linie bewirken.

Die vorgeschlagene Eisenbahnverbindung von Len­hausen über Atlendorf nach NeheimHüstenWerl .HammMünster bildet nicht nur von allen bisher vorge- schlaaeneu Entlastungs- und Ab'.ürzungslinien die, die am gründlichsten Abhilfe schafft, sie ist auch iin Bau die billigste und hat so gut wie Peine Steigung. Nur auf eine Länge von 2,9 Kilometer würde eine Steigung von 1 :80, und auf eine Länge von 1,9 Kilometer von 1 :100, sonst durchweg eine solche von 1 :400 und weniger vorliegen. Ein Blick auf die Karte zeigt, daß es sich hier um eine bedeutungsvolle Linie handelt. Es ist auch nicht unerheblich, daß die Linie eine Gegend aufschließt, die sich schon seit einem Menschen­alter um eine Eisenbahnverbindung vergeblich bemüht, nämlich einen großen Teil des Kreises Arnsberg. Es hat erst eine Generation dahin gehen, der Eisenbahnverkehr zwischen Ruhr und Siegertani) sich so gewaltig entwickeln müssen, daß >er nicht mehr auf den bestehenden Linien bewäl­tigt werden kann, ehe man auf diese, von der Natur ge­gebene und bereits vor Verstaatlichung der Eisenbahnen von der Berg.-Mürk. Eisenbahn-Gesellschaft geplanten Linie achtet.

Der an der Lippe und bei Hamm sich immer größer entwickelnde Steinkohlen-Bevgbau würde auf diesem, von allen am kürzesten Wege, das Siegerland, Wetzlar und Gießen mit Kohlen versehen können.

Die vorgeschlagenen Abkürzungslinien von Schwerte nach Letmathe oder von Mtena nach Iserlohn sind gegen­über dieser grundlegenden Abkürzung nur Palliativtnittel, sie haben nur lokale Bedeutung.

Es hätte nur gefehlt, daß an einem der zahlreichen Tunnels an der Lennebahn eine Störung, während des riesigen Herbstverkehres eingetreten wäre/und das ganze Siegerland wäre still gelegt worden, lieber die Rheinischen Bahnen über Betzdorf könnte das Siegerland nicht versorgt werden. Die^Möglichkeit, daß wegen der Tunnels mal eine längere Störung eintritt, besteht durchaus, wir haben es bei Altenbeken und Kotthausen erlebt.

Es wird ja auch beständig an einem der zahlreichen Tunnelsgebaut". Zu verwundern ist das nicht, denn der Lenneschiefer, in dem sämtliche Tunnels stehen,schiebt".

Die bezeichnete Linie macht alle die Tunnels über­flüssig, allerdings wird auch an dieser neuen Linie ein Tunnel erforderlich, und zwar ein recht bedeutender von etwa 3 Kilometer Länge. Er würde aber ganz im festen Grauwackegebirge zu stehen kommen. Das verteuert wieder den Bau: man rechnet für ein Kilometer Tunnel etwa 1 Million Mark. Was bedeuten aber die 23 Millionen Mark gegenüber dem Schaden, der allein in diesem Herbst im Kohlenrevier aus 80 Millionen Mark durch den ent- stcmdenen Wagenmangel berechnet wird. Dabei sind noch die enormen Summen, welche der Eiseichahnfiskus an .Schadenersatz für verdorben gar nicht oder verspätet an­

gekommene Güter bezahlen muß, in keiner Weise berück­sichtigt.

Gegenüber solchen Verlusten spielt die Bausumme für 2535 Kilometer Eisenbahn, auch wenn ein Tunnel dabei in Frage kommt, gar keine Rolle; noch dazu, wenn sie eine Verkürzung von 45 Kilometer zwischen Nord und Süd bringt, eine so entwicklungsfähige Gegend aufschließt, und eine überlastete Strecke entlastet.

Durch den Bau dieser Verbindung würden tatsächlich sänttliche Tunnels an der Strecke HagenSiegen umgangen, selbst der lange bei Welschennest, wenn die mit ihren vorzüglichen Steigungsverhältnisscu als Vol.bahn gebaute Linie FimtentropOlpeRotemnle benutzt würde. Auch die enorme Steigung der bestehenden Strecke bei Welschen­nest würde vermieden. Es brauchte nur das kurze Stück: FinnentropLenhausen (3 Kilometer) viergleisig aus- gebaut zu werden und es beständen dann zwei vollständig unabhängige Vollbahnverbindungen zwischen Ruhr uno LenneStegen. Eine Verkehrsstockung wäre für alle Zeiten ausgeschlossen.

Kürzlich ging durch die Zeitungen eine Notiz, daß unverzüglich mit dem viergleisigeit Ausbau der Siegstrecke (HagenSiegen) begonnen werden sollte. Wir können es uns kaum vorstellen, daß man bei den ganz ungeheueren Kostest, die technische Möglichkeit, die gar noch nicht so sicher sein Idürfte, überhaupt zugegeben, wirklich daran denkt. Der vollständige Umbau der zahlreichen uralten, in schlechten Gestein stehenden, für einen viergleisigen Verkehr viel zu schmalen Tunnels, die anscheinend unüberwindlichen Terrainschwierigieiten in dem schmalen Lennetal (man braucht nur an Letmathe, Altena, Werdohl zu denken) dürften von selbst auf diese neue Linie Hinweisen. Diese würde jedenfalls erheblich billger wer­den wie der Umbau der LenneSiegbahn und die Strecke FrankfurtMünster nach dem Norden würde 45 Kilometer abgekürzt.

Stadt und Bezirk Frankfurt, die Dill- und Lahngegend und der Westerwald haben neben dem Siegerland ein gl.ich großes Interesse an dieser neuen Linie. Nach Fertig­stellung der im Bau befindlichen Strecke WeidenauDillen­burg, die ebenfalls 45 Kilometer ab kürzt, würde der Weg FrankfurtMünster um rund 90 Kilometer kürzer fein. Das ist ein so außerordentlich schwerwiegender Umstand, daß dieses neue Projekt die größte Beachtung und Förde- rung verdient.

wachs- und Zettgewinnung aus pflanzlichen und tierischen Abfallen»

Uns wird eine Eingabe des Privatdozenten Dr. Thomae an die Verwaltung der Stadt Gießen zur Verfügung gestellt. Die Erfüllung der Wüitsche des Ver­fassers durch die Stadtverwaltung lassen wir dahingestellt sein; wir halten die Ausführungen für interessant genug, sie unfern Lesern mitzuteilen:

Hiermit richte ich an die Verwaltung der Stadt Gießen die ergebene Bitte, baldmöglichst eine Versuchsanlage zur Verwertung von Abfällen und Laub, deren Kosten gering sind, geneigtest cinrichten zu wollen.

Es handelt sich um die Uebertragung von Versuchen in Groß betrieb, die eine Gewinnung von Wachs, bezw.. Fett, aus vegetabilischen und tierischen Substanz-en bezwecken und die im Laboratorium bei kleinen Mengen günstige Resultate ergeben haben.

Me Vegetabilicn sind bekanntlich mit einer Oberhaut, der sogenannten Epidermis, überzogen, die die darunter liegenden Gewebe vor dem Austrocknen schützt.

Die Wasserundurchlässigkeit dieser Oberhaut wird durch einen Gehalt an Pflanzenwachs bedingt.

Auch die Pflanzenfarbstoffe, z. B. das Chlorophyll unb die Blütensarbstofse sind, wie man schon lange weiß, in Wachs ein­gebettet.

Desgleichen i|t die Ansicht nicht unberechtigt, daß sogar die einzelnen Zellen jedes Organismus in ihren Wandungen Spuren von Fett enthalten, die sie wasserschwerdurchlässig machen iinb den Zellsaft innerhalb der Zelle zurückhalten helfen.

Wenn auch der hier in Betracht kommende Fettgehalt der einzelnen Pflanzenobjckre gering ist, so bildet er doch in icinei Gesamtheit eine Riesenmenge.

Ausdrücklich sei bemertt, das; es sich bei vorliegenden Aus­führungen nicht um die besonders fett- bezw. ölreichen Pflanzen­gebilde, wie z. B. Oliven, Nüsse, Mandeln und Kokosnüsse handelt, sondern nur um fettarme, ivic z. B. Gras und Laub.

Aus verschiedenen Gründen ist die Gewinnung der Fette aus hieran armen Vegetabilien nach den gebräuchlichen Methoden der Fettgewinnung in technisch befriedigender Weise nicht durch­zuführen. So z. B. erreicht man bei Versuchen, das Pflanzen- wachs auszupressen, wenig ober gar nichts, auch wenn man bie Pslanzenteile bis zum Schmelzpunkt bes Wachses warm hält, unb bad Extrahieren ber Vegetabilien mit fettlösenden Flüssig­keiten, z. B. Aether, Schweseltol/enstoff usw., bleibt infolge der zu hohen Kosten des Lösungsmittels gegenüber der geringen Menge des zu getüinnenben Fettes unrentabel.

Anders liegen jedoch die Verhältnisse bei dem Erhitzen der Pflanzenteile im luftleeren ober lnfwerbünnten Raum, ber so­genannten Vakuumerhitzung, bie sowohl mit frischem, als auch getrocknetem Material vorgenommen werden kann unb nur ganz geringe Kosten verursacht.

Hierbei wirb bas Wachs ausgeschmokzen unb destilliert.

Wie aus der beigefügten Patentanmeldung zu ersehen ist, läßt sich Wachs bezw. Pflanzenfett durch Vatüumerhitz.ung ge- wiunen aus Aepfelschalen, Traubenschalen, Kartoffelsck-alen, beit Frucht häuten der Slpfelsine, Blütenblättern, Tannennabein, grünem unb verborbenem Laub, Gemüseblättern, Heu, Stroh usw.

Das Wachs, das nach ber Art des Destillierens als gelbliches oder weißes Produkt mit dem Schmelzpunkt von ungefähr 60° ohne weitere Reinigung erhalten wird, scheint bei den verschie­denen Vegetabilien das gleiche zu sein, so baß.bas zu verarbeitende Material nicht sortiert zu werben braucht.

Was bie Menge bes in den Pflanzeuteilen enthaltenen Wachses betrifft, so sei als Beispiel angegeben, baß in verbotet lufttrockiiem Eichenlaub, einem nicht bloß wertlosen, sondern diirck' seine Be­seitigung verborrtem nur Kosten verursachenben Material, ungefähr 2l/f Prozent Wachs enthalten sinb: demgemäß liefert ein Zentner Eichenlaub etwas mehr als ein Kilo Wachs. Bedenkt man, daß bas Kilo Wachs gegenwärtig ntnb vier Mark kostet, so leuchtet ein, daß eine Stadtverwaltung allein mit der Verarbeitung ihres Laubansalles Geschälte machen würbe. Anbere Substanzen, bie in Betracht fontmen, sinb fettreicher.

Sogar das im verflossenen Herbst abgefallene unb zu Kompost- Haufen geschichtete, bem Regen ausgeserte Laub - es würben Platanenblätter untersucht - hat bis heute, also nach vier Mo­naten, seinen Wachsgehalt nicht verloren.

Die Hitze, bei ber bas Wachs ans den Pflanzenteilen gewonnen werden kann, ist so gering, daß die Materialien nicht zerstört" werden, sondern nach dem Entfetten so aussehen, wie zuvor, bezw. wie int getrockneten Zustand.

Tie Apparatur, die einfach unb billig ist, besitzt ein ver- bält"'Sinäßig geringes Gewicht, so daß sie transportabel bleibt: sie kann nach Bedarf an de: einen oder anderen stelle in der Stabt ober im Walde ausgestellt werden, wodurch die Transport­kosten für das Matexial verringert werden, vorausgesetzt, daß man von solchen überhaupt reden kann, da die Abfälle oder das auf die Wege fallende Laub ohnehin abgefahren werden müssen.

Tie Rückstände der Vakuumdestillation können zu allen Zwecken, wie im nichtentsetteten Zustand, verwandt werden, besitzen sogar in gewisser Hinsicht wertvollere Eigenschaften:

Durch die Entziehung des Wachses, das den Vegftabilien häufig eine lederartige Beschaffenheit verleiht, werden diese einer­seits leichter zerkleinerbar, andererseits besser für die Witterung und die Fäulnisbatterien angreifbar.

Ter erstere Fall ist dessentwegen von Wichtigkeit, weil die Rückstände ein vorzügliches Brennmaterial sind unb durch die Eigenschaft, sich leicht zerstoß-m zu lassen, ohne Schwierigkeit zu Briketts verarbeitet werden können.

Ter zweite Fall hat Bedeutung, weil viele Vegetabilien, ;. B. das Laub, als natürliche Düngemittel dienen, nachdem sie einen Fäulnisprozeß burchgemacht haben, ein Vorgang, ber sicher­lich schneller verläuft, wenn bie betreffenben Pflanzenteile ihres Fettschutzes beraubt unb gewissermaßen aufgeschlossen sind.

Tas Verfahren wird für eine städtische, namentlich groß­städtische, Verwaltung von Wichcigkeit fein, beim fte ist hierdurch in ber Sage, nicht nur ihre An unb Mfälle, die seither zum großen Teil in Müllverbrennungsanstalten ober auf andere Weise vernichtet wurden, in nutzbringender Weise zu entfernen, sondern sie kann auch ihren Armen Beleuchtung s'Wachskerzeitt, Brenn­stoff «Briketts) und Seife «durch Verseifung des Wachses) geioäbreit. Tie Annen selbst, Männer unb Frauen jeden Alters

Frauen-Feuilleton.

Die Frauen im Parlament.

Wir geben bie folgenbcn Ausführungen über den Vorttag bes Prof. Dr. Broda wieder, ohne aber die darin niebergetegten Anschauungen zu den innere« zu machen. Welche Stellung wir gegenüber diesen Fragen einnehmen, haben wir schon mclyriad) bargefegt. Die Schriftl.

Vor einer interessierten Zuhörerschaft hielt am Dienstag abend r28. Januar) int Verein für Frauenstimmrecht Herr Pro­fessor Dr. Broda aus Paris einen Vortrag überdie Frauen im Parlament", ber wohl verdient, eingehender gewürdigt zu werden. Herr 'Professor Broda ist General-Sekretär desIn­stitut für internationalen Austausch fortschrittlicher Erfahrungen"; er hat bie Verhältnisse auf Studienreisen, bie zu diesem Zwecke unternommen wurden, an Ort unb Stelle kennen gelernt, unb dürfte daher wohl als gut unterrichtet gelten.

Während schon bie zwei Momente, bas ber Gerechtigkeit und bann die Nottvendigkeit der Vertretung der besonderen Frauen- interessen durch die Frauen selber, ben vorurteilslosen Mensckym das Frauenstimmrecht fordern lassen, so, hob Professor Broda hervor, ist doch das, was für den gesamten K'ullurfortschritt eines Volkes durch Sie Mitarbeit ber Frau geleistet wird, so bedeutend, baß auch bie Gegner sich bem nicht verschließen können. Ter so oft gemachte Einwand also, daß wohl die Frauen, bie in den Besitz des Wahlrechtes kommen, gewinnen, bem Staat aber insgesamt daraus ein Nachteil erwachsen könnte, ba, den Frauen, wie vielfach behauptet wird, das Verständnis für Groß­zügigkeit abgehe, dieser Einwand wurde von dein Redner, über­zeugend widerlegt. Er ließ bie Tatsachen sprechen, Tatsachen, die er in den Ländern antraf, die das Fraueiistimmrecht vor einer Reihe von Fahren einführten, und bie feitbem auf allen Gebieten ber Kultur einen Fortschritt ausweisen. Besonbers aber zeigt sich ein solcher auf sozialem Gebiet, da die Frauen fast allgemein parteipolitisch weniger interessiert sind als bie Männer und ihre Hauptkrast und Energie ber sozialen Gesetzgebung zu­wenden. Sie haben so in Finnland in beit wenigen Jahren ihrer parlamentarischen Mitarbeit verschiedenen Gesetzen zur Ver­wirklichung geholfen, die von weittragendster Bebeutung für bas Volkswohl sind und eine glänzende Rechtfertigung des Frauen- fttmmrechts bedeuten. Da ist ein Gesetz entstpitben, bas ben Kinderschutz in höherem Maße ermöglicht, wie ftüher. Eines, das sich des Erbrechts unehelicher Kinder annimmt und ein anderes zur Verbesserung der rechtlichen Verhältnisse der ver­

heirateten Frau. Leiter . große Bedeutung hat ein Gesetz, das die amtliche Bestallung von Hebammen vorsieht, das einem früher tief gefühlten Mangel besonders- in ländlichen Bezirken, begeg­net und ein Gesetz, das die Nachtarbeit im finnischen Bäckerei­gewerbe verbietet. Tie Nachtarbeit, die diesen Arbeitern doch auch ben Tag raubt und so ein Familienleben unmöglich macht, ist gewiß nicht geeignet, da bie Moralität zu heben.

Ein sechstes Gesetz, das sein Bestehen der eifrigen unb un­ermüdlichen Arbeit der Frauen verdankt, ist das, welches die Einfuhr, die Fabrikation und den Ausschank alkoholischer Ge­tränke verbietet. Es wurde anfangs vom Zaren nicht bestätigt und wurde wiederholt eingebracht, mit bem Erfolg, daß aut dein Lande ber Branntweinausschank ganz verboten ist unb Wein und Bier sich nur in den Gasthäusern für Touristen finden. Tie Städte in Finnland haben dafür das Selbstbestimmungsrecht in der Frage des Mkoholverbotes. Wollte man nach ben-Gründen tragen, bie bie Frauen zu ihrer Stellungnahme gerabe in biefer Frage veranlaßten, so mögen sie wohl zum Teil humanitäre sein, die bie Gesunbheit ber Kinber unb somit bie Volksgesund heft ober auch rassehygienische Gesichtspunkte betreffen, vielfach wirb man aber auch Gründe ganz persönlicher Art finben, die wohl bann auch persönlichen Erfahrungen zu verbanken waren. Die nötige Anerkennung verschafften bie siunlänbischen Frauen ihren Bestrebungen, daß sie z. B. in diesem Falle, wo es sich um ein Gesetz gegen die Verbreitung bes Alkohols hanbelte, den Parteien, bie baS Alkoholverbot nicht forberte», keine Frauen­stimme zukommen ließen, fo waren bie Parteien gezwungen, diese Forderung z-u vertreten, lieber eines ist uns ber Redner nun hierbei eine Erklärung schuldig geblieben, nämlich, wie die Einmütigkeit dieser Forderung bei den Frauen möglich war, da diese doch, wie uns ausdrücklich versichert wurde, nicht ui besonderen Frauenparteien organisiert, sondern in allen Parteien verteilt sind.

Betrachten wir mm die Verhältnisse in einem andern Staate, der das Frauenstimmrecht einführte, so kann auch hier wieder nur von den besten Ergebnissen gesprochen werben. In Neu- Seelanb besteht bas Fraueiistimmrecht schon seit 1893. Auch hier war eines der ersten Gesetze, für bas bie Frauen eintraten, Sas gegen die Trunksucht. Der Widerspruch unb bie Agitation in­teressierter Kreise wurden überwunden und bie Gastwirte fanden sich sehr bald in bie neue Situation. Die Kriminalität aber hat in allen Bezirken, in denen das Alkoholverbot besteht, abgenommen.

In Australien, das unter allen Ländern ber Erbe einen hervorragenden Kulturzustand aufweist, hat man das Frauen­stimmrecht feit 13 Jahren eingeführt und die Vorteile, die dem

Staatsganzen aus dieser Tatsache erwuchsen, werben .allgemein anerkannt unb können burch amtliche Berichte erhärtet werben. Die Frauen sinb bort immer fachlich, gewissenhaft unb voll Pflichteifer für das Ganze eingetreten, sie haben Sinn und Verständnis, sowie Opfermut gezeigt, wenn es sich um Fragen der Lanbesverteibignng handelte und haben niemals versagt, wenn es galt, die Mittel hierfür zu bewilligen Auch den Frauen Australiens standen die Fragen der Moral^ini Vordergrund, auch fte beschäftigten. sich, ebenso wie die Frauen ber beibeit andern genannten Staaten, weniger mit Parteipolitik: im all­gemeinen wählten die Frauen wie ihre Männer, und bie Be­fürchtung, daß durch bie Verschiebenheit ber Parteistanbpunkte Zerwürfnisse in die Familien getragen würden, ist hinfällig, da man sie für bie gebildeten Familien, die fast allein nur diese Tatsache auswiesen, nicht zu hegen braucht. Auch ber geg­nerische Einwand, daß bie Frauen nach Erlangung des Wahl­rechtes hauptsächlich klerikal oder sozialbemolratisch wählen wür­den, ist burch bie Erfahrungen aller Staaten, die bas Frauen­stimmrecht einführten, wiberlegt, unb bie Größenverhältnisse ber Parteien haben sich in biesen Länbern nicht verschoben. Auch im australischen Parlament machte sich die Rlltarbeit ber Frauen an ber sozialen Gesetzgebung bemerkbar, sie traten z. B. zu­gunsten eines Schutzgesetzes für Heimarbeiter ein, wodurch ge­setzliche Festlegung von Minimallöhnen erreicht itmrbe. Sie traten aber auch für ein Gesetz zur Schließung der Spielhöllen ein und bewirkten^ ein Hinauftücken des Schutzalters für junge Mäd­chen. Daß sich auch inbireftc Einwirkungen der Frauen auf erzieherischenl Gebiet .zeigten, erwähnte der Rebner neben­bei unb es ist eigentlich zu bebauern, baß er nicht etwas näher darauf etnging. Denn Erziehung unb Menschenbilbung wirb doch immer der Hauptfaktor in der Kulturentwicklung eines Volkes sein unb muß daher sowohl Interesse als auch Mitarbeit von Mämrerii und Frauen verlangen. Auf jeden Fall aber waren die Ausführungen von Professor Broda in ihrer Haren Sach­lichkeit sehr anregend unb interessant, und durch den llmftanb, daß er nur Tatsachen zum Beweis ansührte, gegen den Vorwurf der Utopien gesichert. Die Mwesenden haben ihm ihre dank bare Anerkennung nicht versagt und ihr Interesse durch mehrfache Diskussionsftagen bewiesen.

Zu bedauern ist nur, baß Gegner nicht anwesend waren, deren Glauben an die Richtigkeit ihrer Ansichten burch solche glän­zende Beweisführung zugunsten ber Frauenstimmrechtsforderung vielleicht doch Zweifel erwachsen wären.