Nr. 140
Trscheinl täglich mit Ausnahme deS Sonntags.
Die „Gießener Fam^ienblätler" werden dem ^Anzeiger" viermal wöchentlich beigelegt, das „Kreisblatt für den Kreis Gießen" zweimal wöchentlich. Die „Landwirtschaftlichen Zeit- fragen" erscheinen monatlich zweimal.
Mittwoch, 18. Juni 1913
Gießener Anzeiger
General-Anzeiger für Oberhejsen
163. Jahrgang
Rotationsdruck und Verlag der Drüblsichen Umversitäts - Buch- und Steindruckercl.
R. Lange, Gießen.
Redaktion, Expedition und Dnickerei: Schul- ftrnße 7. Expedition und Verlag: ^IKbl. Redaktion: e=8® 112. Tel.-Adr^ AnzeigerGießen.
Mb. Deutscher Reichstag.
163. Sitzung, Dienstag, den 17. Juni.
Dm Tische des Bundesrats: v. Heeringen.
Präsident Dr. Kacmpf eröffnet die Sitzung um 1 Uhr 15 Min. mw teilt mit, daß er mit dem Vorstande des Reichstags dem Kaiser die Glückwünsche des Hauses überbracht habe. Der Kaiser habe in seiner Antwort auf ein bereits früher von rhm gebrauchtes Wort hingewiescn: „Ein Reich, ein Voll ein Gott!"
Der Abg. v. M a l s e n (Zcntr.) ist verstorben.
die zweite Lesung dec Mehrooriage.
(Fünfter Tag.)
Die Aussprache wird bei der Dauer der Dienstpflicht fortgesetzt.
Die Sozialdemokraten beantragen, die Dienstzeit auf e i n Jahr zu beschränken. Die Fortschrittler fordern eine
•C FJ 3 u V fl der Dienstzeit und eine Erweiterung des Einjährig-Freiwilligen-PrivilegS, bcsondexs auf Grund hervorragender Turnleistungen.
Abg. Graf Praschma (Zentr.)r
Eine Herabsetzung der zweijährigen Dienstzeit ist undurchführbar. Die Kritik des Abg. Gradnauer an der Institution unseres Einjährigen-Privilegiurns war unberechtigt. Diese Einrichtung hat sich gut bewährt; wir sind daher auch für ihre Erweiterung.
Abg. Nehbel (Kons.):
Auch wir sind für eine Erweiterung des Einjährigenprivilegs, aber keineswegs für eine allgemeine Verkürzung der Dienstzeit. Die Söhne unserer kleinen Bauern dienen gern ihre drei oder gar vier Jahre. (Widerspruch bei den Soz.) Dafür haben Sie (zu den Soz.) ja kein Verständnis. (Lachen bei den Soz.) Wenn unsere Bauernjungen auf Urlaub kommen, sind sic stolz darauf, des Königs Rock zu tragen. (Erneuter lärmender Widerspruch b. d. Soziald.). Das ist Ihnen natürlich sehr unangenehm. Entsprechend der besseren körperlichen Ausbildung der Jugend eine gesetzliche Verkürzung der Dienstzeit vorzubereiten, ist ganz ausgeschlossen, so lange unsere Nachbarreiche eine längere Dienstzeit haben. Bei einer einjährigen Dienstzeit würden wir nichts als undisziplinierte, zur Kriegsführung ungeeignete Haufen bekommen.
Kriegsminister v. Heeringen:
Die beiden Herren Vorredner haben schon eine Reihe von Momenten, die gegen eine Verkürzung der Dienstzeit sprechen, angeführt. Wenn der Abg. Dr. Gradnauer sagt, die Verkürzung der Dienstzeit sei ein Mittel für die Einschränkung der Rüstungen, so mutz ich entgegnen, daß das ein sehr untaugliches Mittel ist. Alle Mächte, die sich dazu verstehen, die Dienstzeit herabzusetzen, also die Qualität ihrer Soldaten herabzusetzen, werden zweifellos gezwungen sein, in der Quantität in die Höhe zu gehen. Wenn die ganze Bevölkerung wehrfähig gemacht wird, so verursacht das ganz erhebliche Mehr- kosten. Es sind dann im Ernstfälle eine Menge Vorbereitungen nötig, wie bas Aushändigen der Waffen, die Verpflegung usw. Die Kosten wachsen damit ganz erheblich. Die Sozialdemokraten wollen ja auch ganz etwas anderes mit der Verkürzung der Dienstzeit. Der „Vorwärts" hat es einmal offen ausgesprochen; er schrieb: Die Miliz ist vor allen Dingen eine politische Forderung, nicht eine ökonomische; wir fordern sie im Interesse dec Demokratie, um die Macht der Regierung zu schwächen. Also Sie (z. d. Soz.), wollen eine Herabsetzung der Leistungsfähigkeit und der Zuverlässigkeit der Armee. (Unruhe b. d. Soz.) Sie wollen die Negierung schwächen, aber tatsächlich schwächen Sie die Sicherheit des Vaterlandes damit. (Erneuter Lärm b. d, Soz.)
Wenn unsere Armee heute und hoffentlich für alle Zeiten ein zuverlässiges Werkzeug für die Sicherheit des Vaterlandes ist, so beruht dies nicht darauf, daß die Disziplin durch Schrecken und Furcht eingehalten wird, sondern es beruht auf der sachgemäßen Erziehung, die den Leuten zuteil wird. Die Ausbildung beschränkt sich nicht allein auf das Lernen von Schießen und das Exerzieren usw., die Leute müsien dazu erzogen werden, daß sie ihren Führern willig folgen. Diese moralischen Eigenschaften, die der Soldat unbedingt haben muß und die der Armee auch in schwierigen Zeiten zum Siege verhelfen, sind nicht so einfach in die Massen hineinzubringen, das erfordert eine lange Spanne Zeit. Das muß um so mehr einleuchten, als wir unsere Friedensausbildung nicht aus dem Grunde so lang bemessen, weil wir den Soldaten innerhalb seiner aktiven Dienstzeit zum Soldaten machen wollen, sondern weil wir ihm eine Ausbildung geben wollen für die lange Zeit des Beurlaubtenstandes, damit er im Falle eines Krieges sofort mit Erfolg gegen den Feind geführt werden kann.
Der Abg. Gradnauer hat gemeint, wir brauchten die zweijährige Dienstzeit, um die Armee auch bei inneren Unruhen verwenden zu können. Die Armee ist sich allerdings bewußt, daß sie in ernsten Zeiten unter Umständen das Rückgrat des Staates bilden muß. Tie Armee hat unbedingt die Aufgabe, die Leute zur Treue zu König und Reich und Fürst und Vaterland zu erziehen. Eine Abwehr gegen Bestrebungen, die dem entgegenwirkeii, ist keine Provokation, das ist eine einfache Erfüllung selbstverständlicher Pflicht. Die Verwendung unserer Armee für innere Zwecke spielt Gott sei Dank eine sehr geringe Rolle. Ich glaube, es gibt fein Land, wo die Armee so wenig bei inneren Unruhen verwendet wird lüic Deutschland. Gegen eine Verkürzung der Dienstzeit sprechen aber noch weitere Gründe. In der Einstellung alles Parademäßigen sind wir ja bereits an die Grenze des Möglichen gegangen. Aber als Mittel zum Zweck, um das Beherrschen großer Menschenmengen zu ermöglichen, sind solche parademäßigen Hebungen auch beute noch durchaus am Platze. Eine Parade gibt einen guten raschen Ueberblick über die Truppenmassen. Daneben bilden sie — das sollte man nicht ganz unterschätzen — auch eine Art von Volksfe st. (Gr. Heiterkeit links.) Man muß auch auf diese Aeutzerlichkeiten Wert legen. Die Resolution der Fortschrittlichen Volkspartei, die die Periode zwischen der Entlassung der Reserven und der Einstellung der Rekruten vergrößern will, ist nicht annehmbar. Jetzt werden die Reserven in der zweiten Hälfte des September entlassen und die Rrkruten werden in der ersten Hälfte bezw. Mitte Oktober eingestellt. Eine längere Zwischenpause ist nicht möglich. D:e Hauptstärke des deutschen Heeres liegt in einer soliden gründlichen Einzelausbildung. Wenn wir daran rütteln, rütteln wir an den Grundpfeilern unserer Armee.
Heber die fortschrittlichen Anträge, die eine Verkürzung der Dienstzeit entsprechend der besseren körperlichen oder geistigen
Ausbildung des Volkes fordern, bin ich mir nicht ganz klar, ob diese Ausbildung heute schon als vorhanden gelten soll oder ob das erst für die Zukunft zutreffen würde. Im ersteren Falle würde ja auch die Bestimmung über den Turnunterricht eigentlich gegenstandslos sein. Heute besteht eine derartige Ausbildung in dem wünschenswerten Maße noch nicht. Die Sache ist also ivohl noch nicht spruchreif. HebrigcnS ist ein guter Turner noch lange nicht nn guter Soldat. Dieser muß ein guter Schütze sein oder sonstige soldatische Eigenschaften haben. Wer soll übrigens bestimmen, daß die bessere Ausbildung vorhandeii ist, die Schule oder die Militärbehörde? Die Praxis der freisinnigen Anträge würde eigentlich nur eine Vermehrung der Einjährigfreiwilligen ergeben.
Wir haben in der letzten Zeit auf den sogenannten Künstler Paragraphen größeren Wert gelegt und danach die Berechtigung zum Einjährigendienst gegeben. Bei aller Wertschätzung des Turnens muß doch hervorgehoben werden, daß der Handwerker ober Künstler, der etwas Hervorragendes leistet, für seine Umgebung immer ein Sporn zur Nachahmung sein soll, der Turner aber kommt nur für sich allein in Betracht. Außerdem, wer soll festsfellen, was „erwiesene", hervorragende Leistungen im Turnen sind? Wenn der Abg. Gradnauer das Institut der Einjährig-Freiwilligen überhaupt abschaffen will, so ist doch entgegenzuhalten, daß die Ausbildung einer kleinen Anzahl durch ausgesuchtes Ausbildungspersonal unter besonders günstigen Verhältnissen etwas leichter liegt, als die Ausbildung einer Kompagnie mit achtzig und mehr Rekruten. Außerdem tritt durch die öfteren Hebungen des Beurlaubtenstandes ein gewisser Ausgleich ein. Ferner würden die Kosten eine Mehrausgabe von etwa 24 Millionen betragen. Schließlich sprechen auch organisatorische Gründe gegen die allgemeine Einführung der Einjährigendienstzeit. Wir müssen unsere Friedenspräsenz in aller Stärke beibehalten. Wir brauchen sie auch im Frieden, denn nur so können wir die genügenden Cadres erhalten.
Frankreich will die dreijährige Dienstzeit, tveil die schwachen Friedenseadren nicht mehr zur Ausbildung genügen. Die schwachen Cadres würden bei einer Mobilmachung die Bezirkskommandos derart belasten, daß sie zusammenbrechen würden. Es geht auch nicht an, bei den heutigen gespannten politischen Zeiten an der Grenze die Mannschaften des Beurlaubtenstandes heranzuziehen. Was würde da die Folge fein? Der Krieg! Wir müssen deshalb die Armee so organisieren, wie es am ersten Tage eines Krieges ii o t wendig ist. Auch würden bei der einjährigen Dienstzeit zurzeit der Entlastung der alten Mann- schaften eigentlich nur die Offiziere und Unteroffiziere zur Stelle sein, so daß wir bis zur bollen Ausbildung der Rekruten wehrlos wären. Tas ist aber unmöglich. Herr Tr. Gradnauer hat sich ferner auf die kürzere Dienstzeit der Serben und Bulgaren berufen. Ohne unsere deutschen Soldaten herabzusetzen, muß doch gesagt werden, daß die Bulgaren und Serben viel mehr Naturvölker sind als wir, daß sie gewisse physische Eigenschaften mehr haben als unsere Soldaten. Die Leute sind abgehärteter, brauchen die Nahrung nicht, kannten starke Märsche und dann zogen sie in diesem Jahre begeistert in den Krieg gegen den Erbfeind. Und gegen ein Heer, das eigentlich nur ein Rekrutenheer war, in Entwicklung begriffen, von dem eine Anzahl kaum ein Gewehr in der Hand gehabt hatte und ganz unausgebildet war.
Man hat dann auf die Schweiz zurückgegriffen. Ich möchte hier die Neußerung eines schweizerischen Offiziers anführen. Er sagt, die 9lcgicrnng eines Landes, das nach feiner Größe und feinen fpnjtigen Verhältnissen zur offensiven Kriegführung verpflichtet ist, und aus irgendwelchen Gründen es unterläßt, ein solches Heer sich zu erhalten, versündigt sich gegen ihr Volk und namentlich gegen b i c Arbeiter des Landes. Für die Offensive sind aber Milizen ungeeignet, und Deutschland muß den Krieg offensiv führen. Es braucht daher eine gut ausgebildete Armee im Frieden, die auch in dec Mobilmachung bestehen kann. Ich kann nur auf das dringendste bitten, alle Anträge auf Verkürzung der Dienstzeit abzulehnen. Die jetzige Zeit ist nicht angetan, derartige Experimente zu machen, von der die verantwortlichen Leiter der Armee meinen, daß sie zum Ruin des deutschen Heeres führen würden. (Beifall rechts.)
Abg. Licsching (Vp.):
Ich spreche nicht nur die Hoffnung, sondern die Erwartung aus, daß unsere Resolutionen Annahme finden werden. Es war hoffentlich nur eine Entgleisung, was neulich der Reichskanzler und heute der Kriegsminister gesagt haben. Der Kriegsminister hat ja vor einigen Tagen erklärt, daß er die Resolutionen genau prüfen wird, daß er sie nicht ohne weiteres ablehnen wird. Der Wert der Resolutionen hängt wesentlich ab von der Stärke des Willens des Parlaments. Die Resolutionen sollen so gefaßt sein, daß sie den ernsten Willen bekunden, sie auch durchzusetzen. Die große Zahl der Resolutionen ist der beste Beweis, daß sie von der Militärverwaltung so sehr unerfüllt bleiben. Wir haben jedenfalls den nachhaltigen, ernsten Willen, auf die Durchführung der Resolutionen zu drängen, wir würden sonst die Konsequenzen beim Etat ziehen müssen.
Was die Miliz betrifft, so würde es den Leuten gar nicht lieb fein, wenn sie alle Jahre aus ihrem Erwerbsleben herausgeristen werden. Etwas anderes ist es, wenn Leute, die durch Fachschulen, z. B. Bangewerksschulen gegangen sind, Vergünstigungen in der Dauer der Dienstzeit erhalten. Wir wünschen eine Erleichterung und Abkürzung der Dienstzeit für das stehende Heer durch spätere Einstellung oder frühere Entlastung der Mannschaften, und weiter, daß eine gesetzliche Verkürzung der Dienstzeit, entsprechend der besseren geistigen und körperlichen Ausbildung der Jugend vorbereitet wird. Gewiß, es soll vorerst „vorbereitet" werden. Der Kaiser hat ja dieser Tage das als seine Ansicht ausgesprochen, daß eine bestere Ausbildung der Jugend organisatorisch erfolgen soll. Es kommt nur darauf an, daß eine starke Mehrheit sich im Reichstag für diese Resolution zusammenfindet; das ist dann nicht die Limonade, von der die Sozialdemokraten reden. Sie spotten ja über alle, die nicht ihrer Anschauung sind; aber wenn wir Ihre Zwischenrufe von Ihren Bänken hören, müsien wir die Anschauungen, die dabei oft zum Ausdruck kommen, als Zeugnis für unsere Stellungnahme nehmen.
2Tba. Schultz-Grsurk (Soz.):
Ter Kriegsminister sagt, ihn gehe die Jugenderziehung nichts an, das sei Sache anderer Restarts. Aber, wenn er will, kann er bei feinem Einfluß erfolgreich wirken. Er vertritt den Standpunkt des Berufsmilitärs, des Zunftmilitärs, der mit der bisherigen Heeresorganisation verwachsen ist. Wir können seinen Standpunkt begreifen, aber wir werden uns von ihm nicht abschrecken lasten; die militärischen Sachverständigen sollten etwas mehr Rücksicht nehmen auf die Bedürfnisse des Lebens. Wenn Sie uns bekämpfen, sind es nichts als politische Gründe, unge
recht politische Maßnahmen. Der Reichskanzler ist zum Generalleutnant b cf ö r b c r t ; hat da der KriegSminister mehr Respekt vor ihm bekommen? Vor einem anderen Mann hat der Kriegsminister mehr Respekt, von dem läßt er sich auch militärisch lvaS sagen, der nicht mal die Gefreitenknöpfe hat: Erzberger; und Herr Häusler, der leider hier selten spricht, hat einen berufsmilitärischen Blick und Vorbildung, aber er hat sich auch einen Blick für das andere Leben bewahrt. Aber dann freilich heißt es, er versteht von den Dingen nichts! Jahr für Jahr tritt der KriegSminister mit einer neuen Militärvorlage hervor, und jede ändert, und die jetzige erschüttert und wälzt das ganze bisherige Glcfügc um.
Wenn die Söhne der Reichen nur c i n Jahr zu dienen brauchen, bann muß auch für die Armen ein Jahr Dienstzeit genügen. Wenn das Privileg dos Einjährigenbicnsles, das jetzt etwa 5 Proz. des Volkes zugute kommt, erweitert wird, so daß es 6 bis 7 Proz. der Bevölkerung erhalten, bann bleibt cs für die übrigen 97 Proz. um so mehr verrammelt. Man soll schon in der Schule die Erziehung so einrichten, daß die jungen Leute einen großen Teil der Eigenschaften schon besitzen, die für den Heeresdienst notwendig sind. Dann brauchen wir nicht mehr als ein Jahr. Wir verlangen, daß die ganze Jugendausbildung gesetzlich geregelt wird; die privaten Bestrebungen aus, diesem Gebiete lehnen wir ab, vor allem den Jungdeutschlandbund, der geradezu eine Karikatur auf die Erziehung zur Wehrhaftigkeit ist. Blücher konnte einst sagen, cs sei der Ruhm Preußens, daß man nicht weiß, wo der Bürger aufhört und der Soldat anfängt. Heute aber richtet man Schranken zwischen Bürgertum und Soldatenstand auf, die nicht zum Vorteil des Ganzen beitragen.
Kriegsininister v. Heeringen:
Es ist richtig, daß militärisch das Einjährigenprivileg nachteilig wirkt, weil cs die Ausbildung schwieriger gestaltet. Aber daneben hat cs doch auch große Vorteile, da in die einzelnen Hceresabtcilungcn Leute mit größerer Bildung und höherer Intelligenz verteilt werden. Ich habe nie behauptet, daß wegen der Paraden die Dienstzeit länger sein müsse als cs sonst nötig wäre. Es ist doch selbstverständlich, daß die Herabsetzung der Dienstzeit eine weniger gute Ausbilduiig zur Folge hat. Im jetzigen Moment an die Herabsetzung der Dienstzeit heranzutreten, würde aber zweifellos noch schwieriger sein. Die Heeresvorlage will doch eine Stärkung der Armee, damit aber wäre die Ber- türzung ber Dienstzeit in direktem Gegensatz. (Zustimmung rechts.) Ausschlaggebend muß der Gesichtspuntt sein, daß die Armee im Ernstfall den Aufgaben, die an sie herantreten, auch wirklich gewachsen ist. Wenn es nach den Herren Sozialdemo, freien ginge, dann müßten wir unter den Soldaten erst ab- stimmen lassen, welche Vorschriften nötig sind und welche nicht. Aber in einer Armee kann doch nur ein Wille herrschen, sonst versagt sic. (Lebhafte Zustimmung rechts.) In der deutschen Armee sind Offiziere und Mannschaften eng aneinanbergefettet. Das haben erst in jüngster ZeU bic Kämpfe in A frika gezeigt.
So liegen die Verhältnisse überall im deutschen Heere, nicht, wie es sich die Herren Sozialdemokraten in ihrer Phantasie ausmalen. (Sebr gut! rechts. Unruhe b. d. Soz.) Unrichtig ist die Behauptung, daß die Ausbildung der Rekruten jetzt eine andere ist wie in den Vorjahren. Die Idee, die Rekruten monatelang in der Kaserne einzusperren und sie nur auf dem Exerzierplatz zu drillen, ist längst überwunden. Wir wissen ganz genau, daß der Mann sich von allem Anfang an im Gelände bewegen lernen muß. Das ist der moderne Standpunkt, den wir seit Jahren vertreten. Die Jugendbewegun.g und die bessere Ausbildung der Jugend ist geradezu vom Kriegsministerium ausgegangen. Ich will gar keinen Anstand nehmen zu erklären, daß viele der vom Vorredner geäußerten Gedanken und Anregungen richtig und nützlich sind. Aber wenn er dir sozialdemokratischen Jugendvereine als die bestell preist, so kann ich ihm darin nicht beipflichten. Ich kann es nicht billigen, daß die Jugendbewegung mit politischen Zwecken verbunden wird. (Lebhafte Zustimmung rechts. Große Unruhe b. d. Soz.)
Ter Vorredner hat eine Menge Artikel von Generälen verlesen, die ihm jetzt plötzlich als Autor täten gelten, weil sie mit ihm übereinftimmen. (Heiterkeit.) Ich muß feststellen, daß bei der Jugendbewegung nicht Soldaten- spielcrei die Hauptsache ist, sondern, de körperl'che und geistige Ausbildung. Die Statuten des Jungdeutschland-Bundes stellen als Ziel hin, die Jugend wehrhaft und wahrhaft zu machen; zur Ordnung und zum Gehorsam zu erziehen, der Armee das Herz der Jugend zu wahren. (Zuruf der Soz.: Ist das nicht politisch?) Neu, meine Herren, das ist nicht politisch; diese Ziele rann ich vollständig unterschreiben. Wenn von einzelnen S ch a u m s p r i tz e r n darüber hinausgegangen wird, so dürfen Sie nicht die ganze Bewegung dafür verantwortlich machen Nicht auf die Verherrl chung des Kr:eges kommt cs dem Jungdeutsch. land-Bund an, sondern auf die Lpferwilligkeit und die Allgemeinheit. Daß die Sozialdemokratie nicht damit einverstanden ist, Heer und Volk zu verbanden, das kann ich ihr nachfühlen, aber ich kann nur sagen, daß wir dem Generalfeldmarfchall von der Goltz nur dankbar sein können, daß er sich an die Spitze dieser Bewegung gestellt hat. Ich wünsche dem Bunde weiter gutes Gedeihen. (Lebhafter Beifall rechts. Unruhe b. d. Soz.)
Abg. Koch (Vp.):
Die Ausdehnung ber Berechtigung zum Einjährig-Freiwilli. gen-Dienst ist einfach eine Forderung der Gerechtigkeit. Mindestens sollten sie die Fachschulen, Bangewerksschulen und dergleichen erhalten. In derselben Weise sollten auch die anderen Schulen des Mittelstandes gehoben werden. Heute müßte er seine Kinder auf die höheren Schulen schicken zum Nachteile des Handwerkers und Gewerbe, die auf diese Weise keinen Nachwuchs haben. Auch bic höheren Schulen klagen über ben Ballast, ber ihnen durch baS Berechtigungswesen zugeführt wird. Bei mehr Einjährigen ist auch ber Offizierersatz bester gebeckt. Die Söhne unserer Bauern bienen heute noch gerne freiwillig.
Abg. Dr. Luarck (Soz.):
Die Debatten sind eine große Enttäuschung für bas Volk. Man häuft ihm neue Lasten auf, aber auch bc liberale Linke weiß dafür nicht politische Freiheiten wie die einjährige Dienstzeit cinzutauschen. Man begnügt sich mit ver- wässerten Resolutionen. Tie Militärverwaltung fühlt sich als das Ressort, das auf die Allg-emcininteresien überhaupt keine Rücksicht zu nehmen braucht. Eine Kollegialität zwischen Gemeinen und Offizieren besteht nicht, wie her Kriegsminister behauptet. Im Feldzuge gegen Frankreich mag sie während der Not bestanden haben, aber nach dem Feldzuge war es mit der Kameradschaft vorbei, da haben die Offiziere die Mannschaften wieder geschuriegelt.


