Nr. 15
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Anzeiger Gießen.
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Erstes Blatt
165. Jahrgang
Samstag, 18. Januar 1915
Bietzener Anzeiger
General-Anzeiger für Gberheffen
Beznasvreir: monatlich 75 Bi., vierteljährlich 2.20; durch Abhole' u. Zweigstellen monatlich 65 'Bi.; durch die Post Mk.2.—viertel- jährl. ausschl. Bestellg. Zeilenpreis: lokal 15Pf., auswärts 20 Biennig. Chefredakteur: A Goetz. Verantwortlich für den politischen Teil: August Goetz; für „Feriille- ton", „Vermischtes" und „Gerichtssaal": K. Neu«
Rotationsdruck und Verlag der Briihl'fchen Univ.-Buch- und Zteindruckerei R. Lange. Redaktion, Expedition und Druckerei: Zchulstratze 7. And" ? E.Heß^ür den Büdingen: Fernsprecher Nr. 269 Geschäftsstelle Bahnhofstraße 16a. Anzeigenteil: H. Beck.
Die heutige Nummer umfafot 18 Seiten.
politische wochenschan.
Gießen, 18. Januar.
Die Reden über das Etatkapitel Reichsamt des Innern i->n Reichstag waren wie der Wasserbach, von dem Goethe
».dichtete: „im flachen Bette schleicht er das Wiesental hin .
Am Ufer stehen die bekannten Blumen Koalitionsrecht und Maßregeln gegen das Streikpostenstehen; da sie schon halb : nn Sumpfe stehen, kann auch der seichte Bach sie nicht heiter beeinflussen. Der Staatssekretär Dr. Delbrück, der seine alten Gedanken aufs Reue predigte, war ein sicherer, ’ -rber nicht eben nach Sensationen gehender Fährmann — ! das Gebiet der Sozialpolitik ist, wie er auch andeutete, genügend überschwemmt und bedarf keiner neuen Wasserwebe — und wenn er den munteren Oertel nicht -zum De- rlerter gehabt hätte, der seinen alten Freund Müller-Mei- iringen mit neuen Witzen apostrophierte, so wärs lang- Meilig und öde gewesen. In der Frage des Koalitionsrechtds d-er Staatsarbeiter hat die Regierung bisher auch noch um k-eines Haares Breite nachgegeben, und das Streikposten- , stehen harrt der neuen strafrechtlichen Reformen, die in- z dessen der ungeduldige Dr. Oertel nicht mehr zu erleben i vermeint. Wir hoffen, daß er sich täuscht. Denn die so o st als dringend notwendig erwiesenen Resormen, die schärfere und wirksamere Abwehr von Beleidigungen aller Älrt, die neuzeitliche Ordnung alter Begriffe nach den Lehren der Erfahrung und den dringenden Bedürfnissen der Gegen- loart, dürfen doch wahrlich nicht mehr so lange aus sich i irrarten lassen. Wenn die Witze des Abg. Oertel in dieser ^Lichtung aufmunternd gewirkt haben, wäre diese Etatdebatte nebenbei auch praktisch nützlich geworden. Es wurden sonst ■ noch manche guten Gedanken ausgesprochen, aber in sozial- k politischen Dingen darf nun wirtlich nichts mehr überstürz/ Iwerden. Die Worte, die der Staatssekretär der roten Klatsch- nrohnecke zurief, sie mochte einen moralischen Einfluß auf Ibie Streitpostensteher in den Getreidefeldern der Arbeits- I willigen geltend machen, werden natürlich wirkungslos ver- Ihallen. Es wird immer wieder neuer Samen aufgehen. »Die Scharfmacherei des Schnitters Oertel wird doch die I ganze Ernte nicht gefährden wollen! Besondere gesetzliche INaßnahmen zum Schutze der Arbeitswilligen lehnt der »Kcichstag auch in diesem Jahre in seiner großen Mehr-
beit ab. \
Ein anderes Bild in den Erörterungen war es, als auf ; ben eitlen Abgeordneten und Abbs Wetterte hingewiesen wurde, der den Samen der Lilie Frankreichs (ohne Royalist ,u sein) so verräterisch an der Grenze ausstreute. Alles, was juch zum deutschen Namen bekennt, ist empört. Ein Reichs- «gsabgeordneter, Mitglied der elsaß-lothringischen 2. Kainnrer, als Förderer der Revancheidee bei den Galliern, als Mtkämpe Derouledes, wie der Staatssekretär Zorn von 'L iltach im Parlament der Reichslande mit erfreulichem I Nachdruck feststellte, so daß dem Franzäsling, der früher Iton den Verwaltern der deutschen Macht in Elsaß-Lothrin- !ien leider sehr verwöhnt worden war. Nur verlegene Phrasen ulrig blieben. Es war die höchste Zeit, daß in dem neuen I'Larlamente an der Grenze des Reiches einmal kräftige
Rutsche Töne geredet worden sind! Und erfreulich war es, jbaß. alle Parteien, mit Ausnahme der Sozialdemokraten, i lot diesem welschen Gebühren weit abrückten. Wenn die
„Franks. Ztg." auch recht haben mag, daß man den Mann nächt zu wichtig nehmen sollte, so ist es doch erforderlich, bau den an Hochverrat grenzenden Hetzereien gründlich nachgegangen werde, und zu diesem Zwecke ist es erforderlich, IDaü das Redematerial dieses famosen Priesters möglichst dem Wortlaut nach beschafft werde. Er hat dazu zwar hcimisch selbst aufgefordert, wohl in der Gewißheit, daß
Frankreich seine Geheimnisse nicht herausgeben werde, da er aber, wie Mephisto, stolz die Hahnenfeder als Erkennungszeichen trägt, wird man ihm doch bcikommen und ihm das allzn kecke Kikeriki schon abgewöhnen.
In der stolzen Republik ist gestern die Entscheidung über die Präsidentenwahl gefallen. Der bisherige Ministerpräsident Po in ca re, dessen Wahl in den letzten Tagen recht zweifelhaft geworden war, hat nun doch gesiegt Aber welche Zustände hat das Ereignis wieder einmal in den republikanischen Parteizuständen offenbart! Wenn in Deutschland die Parteien sich raufen, so geschieht es wenigstens im Hinblick auf sachliche Grundsätze und politische Ziele; in Frankreich herrscht, wie beim« Theater, das Cliquenwesen vor, und für die Premiere in der republikanischen Partei hätten die Vorbereitungen wirklich nicht skrupelloser sein können. Nach Programmen wurde nicht viel gefragt. Das Ringen nach Macht und Einfluß schreitet darüber hinweg. Man spricht zwar von Radikalisten und gemäßigten Republikanern, aber im Grunde ihres Wesens sind sie von gleicher Art. Namen wie Combes und Ele- menccau repräsentieren diesmal der dunklen Mächte Spiel, mit dem Poincare der Weg auf den Präsidentensitz versperrt werden sollte. Poincare gehört nicht zu jenem radikalen Klüngel, der in früheren Jahren den entscheidenden Einfluß ausgeübt hat und seitdem in die zweite Rolle hcrabgcsunken ist. Der Sturz Millerands, des unbestreitbar verdienstvollen Kriegsministers, war offenbar eine reine Komödie. Millerand hat sicherlich mit den Mdikal.sten um Clemcneeau unter einer Decke gesteckt, als er mit seiner Wiedereinstellung des Majors Paty de Elam in das Heer das Ansehen des Kabinetts Poincare gefährdete. Weil der Ministerpräsident nicht i'ofort demonstrativ seinen Rücktritt verkündete, hat man seiner Wahl zum Präsidenten mit Verdächtigungen entgegengearbeitet. Fürwahr, es ist kein imposantes Bild, das die „grande Nation" der Welt wieder einmal geboten hat. Der bisherige Ackerbauminister Pams, ein zwar sehr reicher, aber persönlich verdienstloser Mann, war von den Radikalisten, die wieder zur Macht kommen wollten, dazu ausersehen, Poincarö die Palme des Sieges streitig zu machen. Und der Feldzug hätte beinahe zum Gelingen geführt. Die republikanischen Elemente haben auf ihrer Vorvcrsammlung bei wiederholten Abstimmungen für Pams eine Mehrheit aufgebracht. dlber auf dem Kongreß in Versailles, wo die berden Häuser des Parlaments, Senat und Kammer, die Abstimmung zu vollziehen hatten, siegte Poincare durch die Mitwirkung der Rechten, die zusammen wohl über etwa hundert Stimmen verfügte. Beinahe hätte der jetzt gewählte Präsident noch ein Duell zu bestehen gehabt infolge eines beleidigenden Br'iefes Clemenceaus. Poincare hatte schon seine Sekundanten bestimmt, als Cle- menceau eine versöhnliche Erklärung abgab. Ob der neue Präsident Frankreichs die begeisterten Huldigungen einiger Berliner Blätter rechtfertigen wird, bleibt abzuwarten. Die vorherrschende Stimmung bei unseren westlichen Nachbarn unter dem gewesenen Ministerpräsidenten gegenüber Deutschland bestand aus einem Gemisch von Mißgunst und Eifersucht. Wo es irgend ging, schlug man sich zu unseren Feinden. Das wird wohl auch in Zukunft so bleiben.
Der Siet) poincare?.
Versailles, 17. Jan. (Nationalversammlung.) Es wurden 873 Stimmen abgegeben. Davon erhielt Poincare 381 und Pams 338 Stimmen. Die übrigen Stimmen entfielen dem Vernehmen nach auf den Sozialisten Vaillant, auf Ribot und Deschancl. Da keiner der Kandidaten die absolute Mehrheit von 437 Stimmen erlangt hat, ist ein zweiter Wahlgang erforderlich.
In dem ersten Wahlgang wurden 868 Stimmen abgegeben; die absolute Majorität betrug 435. Es erhielten:
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Poincare 429, Pams 327, Vaillant 63, Deschancl 18, Ribot 16. Die übrigen Stimmen waren zersplittert. An der Wahl Poincares fehlten 6 Stimmen. >
In dem zweiten Wahlgang wurde Poincars mit 483 Stimmenz nm Präsidenten der Republik gewählt. Der frühere Ackcrbauminister Pams erhielt 296, der Sozialist Vaillant 69 S immen. Das Ergebnis wurde vom Kongreß mit Begeisterung unbenommen.
Nach dem ersten Wahlgange ermahnte Briand bie Republikaner lebhaft, sich im zweiten Wahlgange auf den Namen Poincare zu vereinigen. Theodore R e i n a ch unterstützte ihn dabei und erklärte, die Freunde von Pams würden eine gefährliche Politik treiben, wenn sie nicht für Poincare stimmten. Das Publikum, das in Massen vor dem Palais du Luxembourg stand, nahm das Ergebnis der ersten Ab- stimmu'ng mit lebhaftester Genugtuung auf. Zahlreiche Rufe: Es lebe Poincare! wurden laut. Im Augenblick der Verkündigung des Resultats stieg ein Flug schiff über Versailles auf, das mit den Rufen: Es lebe Frankreich! Es lebe die Republik! begrüßt wurde. Um 4.25 Uhr begann dann der zweite Wahlgang, der um 6 Uhr beendet war.
Nach der Nationalversammlung nahm Poincare in Begleitung der Minister im Zimmer des Präsidenten der Nationalversammlung Kenntnis von dem amtlichen Protokoll. Sodann begrüßte Präsident Dub ost den neuen Präsidenten, dem er seine Glückwünsche darbrachte.
Poincare dankte bewegt für den Beweis des Vertrauens der Nationalversammlung. Er werde sich bemühen, sich dessen würdig zu zeigen. Er werde die Kämpfe von gestern und selbst die Schmähungen leicht vergessen'und überall und zu jederzeit ein unparteiischer Richter jein. Daraus brachte Minister Briand in bewegten Worten im Namen des Mi- nisterrats seine Glückwünsche zum Ausdruck und sagte, die Entscheidung der' Nationalversammlung bekräftige die Politik, mit der wir beide solange verknüpft waren. Die hohen Interessen des Landes sind in loyalen Händen.
Jin Publikum wird das Ergebnis der Präsidentenwahl mit lebhafter Befriedigung aufaenommen. Vor dem St. Lazare Bahnhose, wo Poincare eintr essen soll, ist eine große Menschenmenge versammelt, die schon jetzt auf den neugewählten Präsidenten stürmische Hochrufe ausbringt und ihm bei seiner Ankunft zweifellos eine begeisterte .Kundgebung bereiten will. In parlamentarischen Kreisen herrscht wohl vielfach große Genugtuung über den Ausfall der Wahl, aber auch die Besorgnis, daß der heftige Wahlkampf eine tiefgehende und nachhaltige Spaltung unter den Republikanern Hervorrufen werde und daß man bezüglich der inneren Politik bewegten Zeiten entgegengehe.
Raymond Poincare ist im lothringischen Barle-Duc am 20. August 1860 geboren. Er studierte die Rechte und widmete sich bem Anwaltsberufe. Seine literarischen imb rednerischen Leistungen warm cs, die ihm einen Sitz in der Akademie verfchafstm. Im Jahre 1886 machte ihn der Ackerbauminister T-evelle zu feilt cm Kabinettschef. Das Jahr darauf wurde er vom Bezirk Commercy im Departement Mmse in die Kammer gewählt. Dasselbe Departement wählte ihn 1903 in den Senat, dessen Mitglied er geblieben ist. Im ersten Kabinett Dupuy, am 4. April 1893 wurde er Unterrichtsminister; im zweiten Ministerium Dupuy, Dom Mai 1894 bis Januar 1895, war er Finanzminiftcr, im darauffolgenden Kabinett Ribot, Januar bis Oktober 1895, wieder Unterrichtsminister. Poincare war ein eifriger Verfechter der Wahlresorm in Frankreich. Er war für die Abschaffung der Einzelwahl und Einführung der Listenwahl und Verhältniswahl eingetreten.
Die Kot? der Großmächte.
Die „Westminster Gazette" schreibt: Dafür, daß die Kollcktivnote der Mächte in Konstantinopel n o ch immer nicht überreicht ist, werden verschiedene Gründe angegeben. Wir sehen keinen Grund für die Verzögerung und bedauern sie. Wenn Kiamil Pascha, wie ein Gerücht
Wieland-Anekdoten.
lZum Wieland-Gedenktage, 20. Januar.)
Aus seiner Kinderzeit hat Wieland selbst einem Besucher cin- niri eine ganz allerliebste Geschichte erzählt. Er lag als Kind m anderthalb oder zwei Jahren ut der Wiege; die Wärterin jaiig, um ihn in Schlaf zu bringen, aus ihrem Gesangbuche: sich bin müde mehr zu leben usw. Da richtete sich der Kleine auf Md rief' „Mehr Leben! Mehr Leben!" Man'mag in diesem kindlichen Ruse eine unwillkürliche Aeußerung der seltenen Lebens- Kost des Biberacher Pfarrersohnes sehen, die ihn bei einer an ljch schivächlichen Leibesverfassung zu einem hohen Alter bat ge- leiten lassen Tic „Goldene Mitte" war das Rezept, nach dem 'r zeit seines Lebens sich gerichtet hat. Er sagte einmal: „Meine Lebensgeister sind gut temperiert, weder zu viel Leben, noch zu reuig; daher halte ich mich in der Mittelhohe und kann nicht r hoch streben, als andere (bei diesm Worten sdyen er Goethe un Uune zu haben); das ist das Wahre: |cmc Natur und seine iräfte kennm und danach leben." „ _ .
Dabei war aber Wieland gegen äutzere Dinge lcineswegi? un- ilipfindlich, und insbesondere wurde er durch anhaltend trübe hticrung leicht in schlechte Laune verletzt. E.neS Tages trat er
i sehr verdrießlichem Gesichte zu Lütkemüller und sagte: „Ich irrt' es wohl! Ich habe eben den Barometer angesehen; er i|t Mich Hin keine Linie gestiegen. Immer noch 27 Zoll! Da kann r irs mit meiner Arbeit nicht gelingen, ja der Barometcr- Lib hat ans unseren Geist mehr- Einstutz, als Sic zu glauben Weinen Was mich betrifft, so verliert der meinige bei zu fcttincm Druäe der Lust feine Spannkraft, odewwie Lws nennen ivollen. Er beban wenigstens 27 Zoll 6 Linien." Manche lMichc Schichte von Wieland betrifft seine Beziehungen zu Goethe. Uttte liebte c., feinen Bruder in Apoll ab und zu ein wenig jufzuziehen, weil er wohl wußte, daß der autzerst liebenswürdige 'kieland nichts nachtrug. Ölegen Ende des 18. Jahrhunderts inerte Wieland einmal zu We'mnr un Klub clsrig gegen den See, weil der Tee doch offenbar schwäche.. Ta fiel aus dem Munde Goethes, der sich behaglich am Ofen wärmte, der Wideilpruch: Ta irrst du, Herr Bruder, Tee stärkt." Wieland: „Wieder cm )Lradoxon!" Goelse: „O, ich habe Gründe dafür genug und Kl" Wieland: „Um nur mit meinem schwächsten Argument -umfangen —." Goethe: „Das tue ja nicht, Herr Bruder, Ms Himmels willen nicht! Immer die stärksten voraus. Ich
habe mich verzweifelt ausgerüstet." Wieland: „Also erstlich toirft du nicht leugnen können, daß trotz aller deiner Sophisterei ausgekochte Kräuter von schädlicher Natur und laues Wasser —." Goethe: „Also der Tee schwäckst, willst du sagen." Wieland: „Ja, doch ich —" Goethe: „Also der Tee stärkt, sag ich." „Und schwächt nicht?" „Stärkt und schwächt." „Stärkt und schwächt?" „Wie jedes Eorroborans zu häufig genommen: man stärkt sich zu sehr." „Aber das Gift darin?" ,;Es gibt kein Gift." „Ein neues Paradoxon?" „Alles kommt auf die Dosis an. Auch Champagner iann Gift werdeii." „Am Ende wird der Sophist noch gar behaupten, wir stürben nicht." „Ei, das lassen wir so bleiben." Hier hielt cs Wieland nicht mehr aus und ging unter den Worten: „Das wird zu toll!" weg. Aber Goethe rief ihm noch nach: „Geh nur Alter, sonst provoziere ich aus unsere Unsterblichkeit, und du hast verloren." In diesem Nccketon haben sich die Unterhaltungen zwischen Goethe und Wieland oft betvegt, und wenn cs Goethe mit seinen Späßen marchmil etwas weit trieb, so nahm doch auch Wieland dem Freunde gegenüber kein Blatt in den Mund. So geschah es, daß er im Jal-re 1800 bei einer Aufführung des „Ritters Bayard" von Kotzebue im Weimarer Theater plötzlich laut auffchric: „Das ist dumm, ganz dumm!" Alles geriet in Bewegung. Goethe bog sich voll Bedeutung aus seiner Loge. Böttiger, Wielands Nachbar, beschwor ihn zitternd, sich zu mäßigen. Alle Blicke wandten sich nach der Stelle, von wo der Ruf erschollen war, aber der erboste Wieland ließ sich nicht irre macken, sondeim fuhr noch heftiger auf: „Ack> was, was dumm Ist, muß man auch dumm ncitncn." Und dabei blieb cs.
Dabei war Wieland im allgemeinen keineswegs eine scharfe Natur zu nennen, sondern er war nicht mir überaus liebenswürdig, sondern auch von zartestem Empftnden. Wie hübsch ist nicht die Art und Weise, wie Göschen sein Verleger wurde! Er war damals noch ein junger Buchhändler, Wieland war bet einem anderen Verleger versagt und Göschen wurde es sckfwer, ihn für sich zu gewinnen. Da gcsck>ah es, daß Wielands Frau die Unterhaltung der beiden unterbrach. Wieland ttnirbe über die Störung inißlaunig und gab seiner Frau auf einige Fragen verdrießliche Antworten. Tie milde und sanfte Heiterkeit, womit sich die Frau Hofrat sogleich entfernte, entzückte den jungen Buchhändler so, daß er in die Worte aus'brach: „Herr Hosrat, welch einen 'Engel von Weib haben Sic!" Wieland sah ihn einige Augenblicke ernst an, stand auf, ging auf ihn zu und sagte: „Junger Mann, Sie sind fälyig, den Wert dieses Weihes zu erkennen; damit haben Sie
auch mein Herz^ gewonnen. Hier meine Hand! Ist Reich gestorben, so wird teilt anderer mein Verleger, als Sie." Sehr schwer wurde es ihm, von dem Gütchen Osmannstcdt zu scheiden, wo er eine Reihe glücklicher Jahre verlebt hatte; er konnte das Gut nicht halten, er mußte es Verläufen, die Gräber seiner Mattin und Sophiens Brentano ließ er dort zurück. Als er Abschied nahm, hätte ihn die Wehmut fast überwältigt. Er sprach davon, wie er* 1 hier stundenlang Maulwurfsl/ügel geebnet und Steine weggelesen, aber auch den rastlosen Minengräbern zugeschen, und dabei an den „trefflichen Minierer" int Hamlet gedacht habe, und es war ihm nicht leicht, von den teuren Gräbern Abschied zu nehmen. Er behielt sich einen Platz an ihrer Seite vor. Und dort, in der ländlichen Stille der lieblichen Natur Thüringens, ruht denn auch Christoph Martin Wieland, der vor hundert Jahren am 20. Januar nach langem Erdenwallen feine Augen geschlossen hat.
*
Die EMdit'on 5chroeder-5t anz.
Auf die erste Nachricht, daß die von Schroeder-Stranz mit Hilfe einiger Gönner unternommene Expedition nach dem Nordosten Spitzbergens in Not geraten fei, hat sich die deutsche Rcgic- rung durch die Gesandtschaft in Kristiania mit der norwegischen Negierung über die Möglichkeit einer Hilfsexpedition in Verbindung gesetzt. Die norwegische Regierung bat, da eine Hilfeleistung vom europäischen Jcstlande ans nach den Eisvcrhältnissen des Polarwinters wenig Aussicht auf Erfolg bietet, in entgegenkommender Weise die ihr in Spitzbergen selbstizu Gebote stehenden Mittel und Kräfte zur Vei'sÜMng gestellt und auf die radiotelegraphischem Wege entspreck>cndc Weisungen nach Spitzbergen gelangen lassen. Effne Hilfsexpedition wird demgemäß, falls sie nicht schon unterwegs sein sollte, schleunigst, von der Lldvent-Bai aufbredjen, nm zunächst die auf dem Marsche von dem Schiffe dorthin zurückgekehrten Gefälirlen deS Kapitäns Retschner aufzusuchen und dann bis zu dem in der Treurenbcrg-Bai eingefrorenen Schiffe vorzudringen. Sonack) ist von der Regierung alles veranlaßt, was nach Lage der Tinge zurzeit gcfdidjat kann, um den etwa in Not befindlichen Hilfe zu bringen. Nadf Ansicht des Berliner Verckreters der Expedition, des Bruders des Expcditions- lciters, befdiränft sich nämlich die Notlage ans diejenigen Expeditionsteilnehmer, die mit dem Kapitän Netscher den Marsch vom ©dürfe zur yldventbai unternommen haben und nicht 5U^tem Schiffe zurückkehren konnten, während fidj der auf dem -schiss


