Ausgabe 
17.1.1913 Erstes Blatt
 
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rimqen genehmigen, auch dann nicht, wenn die Forderung überhaupt bezw. jetzt noch zulässig wäre.

Am 6. Januar schrieb Gr. einen Brief an Wallau, da' er den Abschluß der Sache durch eine beiderseitige Erklärung fir ^wünschenswert halte.

Am 8. Januar morgens machte G. Wallau den Vorschlag Winkler und Schneider zu einer Konferenz einzuladen.

Am 9. Januar hatte Gr. in Groß-Gerau mit Wallar' eine Unterredung. Sie hatte das Ergebnis, daß Gr. erklärte wenn eine Einigung nicht zustande komme und Winkler for 'dern werde, die Forderung anzunehmen und ein Ehrcngerich' entscheiden zu lassen.

Am 9. Januar. Brief Gr. an Schneider, der eine Antwott war auf ein Schreiben, in dem Schneider mitteilte. Winkle- habe ihm telephonisch mitgeteilt, daß er am 23. Dezember dic Forderung gestellt habe.

Die Zuschrift Dr. Winkers lautet:

Durch meinen ersten Beauftragten, den Amtsrichter Gustav Schneider in Bad-Nauheim, war Herr Abg. Dr. Grünewald ver ständigt worden, daß der zwischen .Herrn Grünewald und mir bestehende Streitfall mit der Waffe auszutraaen sein werde, wenn Herr Grünewald nicht eine mir genehme Grflärung abgebe. Nach dem der Amtsrichter Schneider mit Rücksicht auf seine amtliche Stellung gebeten hatte, ihn von der Ueberbrinaung der Forde rung zu entbinden, und da ich auch einen älteren Herrn der Gefahr einer Bestrafung mit Festungshaft nicht aussetzen konnte habe ich meinen Bundesbrudcr, den cand. Phil. SEanbrt) übrigens kein junger Student mehr mit der Ueberbringung der Forde­rung beauftragt. Obwohl Herr Grünewald den Auftrag des Herrn Aandry kannte, hat er es abgelehnt, den Herrn Lande» zu empfangen. Herr .Yanbrt) hatte sich auf seiner Visitenkarte ausdrücklich alsKÄrtellträger Dr. Winklers" bezeichnet. Damit ist auch die Forderung abaelehnt. Wenn Herr Grünewald sich nun damit entschuldigen will, daß ihm Herr L'andry zu jung ge wesen sei. so weiß Herr Grünewald als ehemaliger Korpsstudent und -Offizier der Reserve ganz aenau, daß er meinen Beauftragten, ob dieser nun Student oder Offizier, ob er jung oder alt ist. zu empfangen und die Forderung entgegenzunehmen hat. Herr Grünewald wollte aber die Forderung nicht annehmen und ver­sucht nun nachträglich sein Glück mit einer Entschuldigung, die sicherlich geeignet ist, Staunen zu erwecken.

Da wir nicht wissen, wie die Sache weiterhin aus- getragen wird und in den Zrittrngen zu lesen ist, der Abg Grünewald habe gegen Dr. Winkler und einige Z"itunaen Strafantrag gestellt, enthalten wir uns vorläufig aller kritischen Anmerkungen und behalten uns vor, später auf die Anaeleaenheit zurückzukommen.

Derrtscbe- Aeicb.

Der Nachfolger Jagows in Rom.

Wie die ,.Nordd. Altgem. Ztg." erfährt, ist der Ge­sa n d t e i n D a r m st a d t, Freiherr v. Ienisch , als Nachfolger des Staatssekretärs v. Jagow auf den Bot­schafterposten in Rom in Aussicht -genommen.

D-er Bundes rat stimmte dem Anträge Preußens betr. der aus Anlaß des hundertjährigen Gedenktages des Aufrufes Friedrich Wil­helms III.: An mein Volk! herzustellonden Reichs.silber- münzen, sowie dem Anträge Preußens betr. der aus Anlaß des 25jährig-en Regierungsjubiläums des Kaisers herzustellenden Reichssilbermünzen zu. Zur Annahme ge­langten die Vorlagen betr. eine Statistik über die den Weinhändlern gewährten Zollbegünstigungen, betr. die Zu­lassung von Aktien der Kattowitzer Aktiengesellschaft für Bergbau und Eis-enhüttenbetrieb zum Börsenterminhandel und betr. Festsetzung der von den privaten Versicherungs­unternehmungen für 1912 zu erhebenden Gebühren.

Ein neuer Kandidat für die Landtagswahl in Wetzlar.

Da Herr vom Rath der nationalliberalen Parteileitung in Wetzlar mitgetcilt hat, daß er aus verschiedenen Grün­den ablehneu müsse, wieder als Kandidat für die Landtags­wahl im Kreise Wetzlar aufzutreten, so hat die Vertrauens­männerversammlung der nationalliberalen Partei einstim­mig den Landwirt Krüger aus hopvenvade (Prov. Brandenburgs als Kandidaten für die demnächstige Land­tagswahl aufgestellt.

Ausland.

Das Homerule-Gesetz im Unterhaus.

Das Homerule-Gesetz wurde in dritter Lesung mit 368 gecjen/258 Stimmen unter ungeheurem Enthusias­mus auf feiten der Ministeriellen angenommen.

In der schwedischen Thronrede, mit welcher^ der König den Reichstag eröffnete, werden die Be­ziehungen Schwedens zu den fremden Mächten als freundsckraftlich bezeichnet. Unter den humanitären und spezialen Entnnirsen be­tont die Rede den Entwurf betr. die allgemeine Alters­versicherung. Trotz bedeutender Erb hung der Ausgaben werde leine neue Steuer vorgeschlagen. Ter Budgetentwurf für 1914 balanziere mit 275 217 000 Kronen. Die Hceresausgabcn erforderten 55121000, die Marine 27 821000 Kronen. Unter den letzteren Ausgaben befinden sich die nöt gen Summen für zwei Unterseeboote. In dem außerordentlichen Voranschlag werden 2V- Millionen .thronen für Ktteg^'^'stmaterial gefordert. Ins­gesamt ind 421/2 Millionen Kronen An eihen für pro uktive Zwecke beab icktigt. Ferner wird in der -L.,ijnrebe eine Reorganisation des Auswärtigen Amts angekündigt, die hmchtsächl-ch dazu dienen soll, die Interessen Schwedens in den außereuropäischen Ländern besser zu wahren. Für die Teilnahme Schwedens an der Aus­stellung in San Franzisko fordert die Regierung >700 000 Kronen.

Vie Philippi» n.

Gießen, 17. Jan.

In derGesellschaft für Erd- und Völkerkunde" kam gestern abend ein einheimischer Forscher zum Wort: Privatdozent Dr. W. F. Bruck berichtete über seine Reise nach den Philippinen undTie Kolonisierung dieser Inselgruppe durch die Amerikaner". Seine Reise, die von der deutschen Regierung unterstützt wurde, galt besonders dem Studium derFaserpflanzen" in den tropischen Gebieten.

Auf den Philippinen, ganz besonders auf der nördlichsten Hauptinsel, Luzon, aber auch auf der südlichsten, Mindanao, wächst eine Faserpflanze, deren Konkurrenzfähigkeit mit unserm oft» afrikanischen Sisalhanf festzustellen für die Reichsregierung von Interesse ist. Es ist dies der sogenannte Manilahanf, eine Ba­nanenart lMusa textilisl, deren Blattschäfte eine ausgezeichnete Faser für den Handel liefern. Die Eingeborenen verstehen daraus hübsche Kleiderstoffe zu weben, bereit Vtuster einen starkentwickelten Kunstsinn verraten, trotz der geringen Lkulturstufe, die diese Völker int übrigen einnehmen. Bei uns werden aus Manüahanf Schiffs­taue, Maschinenriemen, Bergsührerseile u. ä. hergestellt. Da­neben liefern die Philippinen auch noch eine feinere Faserart, die Ananasfaser, die zur Herstellung der Staatskleider der philippinischen Schönen Verwendung findet. Sie wird von der Ananaspslanze gewonnen, die uns auch die bekannten Früchte spendet: doch liefert eine gute Fruchtpflanze eine geringwertige Faser und umgekehrt. Seitdem die Inselgruppe der Herrsckxifl der Amerikaner untersteht (1898 , hat sich die Güte des Manila hanss stetig verringert, so daß sich die Regierung vor die schwi - rige Aufgabe gestellt sieht, durch geeignete Maßnahmen die völlig Entwertung dlests Hauptaussuhrgegenstandes zu verhüten. Dem unter den Ausfuhrwerten des Jnjelreick)s in Höhe von 40 Mill. I Dollar steht der Manilahanf mit 1712 Mill. Dollar an weit-'

aus erster Stelle. Nachstdem kommt die Ausfuhr der Copra in betracht, das sind die in Streifen geschnittenen und getrock :eten Kerne der Kokospalme. Diese wächst zwar nur an den lüstenstrichen, ist aber so recht ein Baum nach dem Herzen der aulen Füippmos. Denn ohne besondere Mühe gestattet der Saum 30 bis 40 Jahre lang ertragreiche Ernten. Immerhin utfallen auf die Philippinen 30 Prozent der Wcltvroduklion _n Copra. Rohrzucker stand früher in der Ausfuhr an crftci Stelle, ist aber beule infolge der mangelhaften Bewirtschastungs- orm für den Welthandel bedeutungslos geworden.

Nicht für die Ausfuhr, wohl aber für die Ernährung lonun

Anbau des Reises eine große Bedeutung zu. Ausgedehnte Terrassenkulturen und Berieselungsanlagen zur Anzucht dieser Sumpfpflanze geben größeren Strecken der Landschaft ihr eigen- trtiges Gepräge. Doch h»at die ameriüinische Regierung den großen rirtschastspolitischen Fehler begangen, daß sie die Einwohner veranlaßt hat, von dem Anbau des Reises abztisehen und sich aiür lohnenderen Kulturen zuzuwenden. Das Ansteigen des Ireispreises hat infolgedessen das durchweg arme Volk in schwere .üttschastliche Krisen und in drückende Ml-äugigkeit zu anderen ccu4)autreibenben Ländern, insbesondere Indien, gebracht. Ueber- f:-anot ist trotz der großen Fruchtbarkeit des Landes für seine Kultur noch wenig getan nwrden. Als die Amerikaner die Herrschaft antraten, betrug die Ausfuhr der Philippinen 30 Millionen Dollar, und heute, nach 15 Jahren, hat sie einen Wert von mir noch 10 Millionen Dollar.

Daß die Amerikaner bis jetzt zur Erschließung der reichen Hilfsquellen der Inselgruppe so wenig getan haben, kommt vor allem daher, daß von allem Anfang aniim Volk, und zwar inner­halb der demokratischen Partei, eine starke antiimperialistische Strömung gegen den Erwerb der Inseln von Svanien war und später daraus drängte, das Erworbene so schnell.wie m g ich wieder zu veräußern. Nachdem in letzter Zeit mit dem Präsidenten Wilson die demokratische Partei wieder ans Ruder gelangt ist, hat diese Absicht tatsächlich wieder gre'fbarc Gestalt angenommen. Die Scheu des amerikanischen Kapitals, sich an Un lerne Hutungen in dem neuen Kolonialreich zu beteiligen, wird unter.diesem Ge ichts- punkt begreiflich. Es fehlt deshalb dort zu allen wirtschaftlichen Unternehmungen an Geld, und ohne die Anschaffung kostspieliger Maschinen ist ein rechter Aufschwung nickst denkbar.

Auch die Arbeitenrage gestaltet die Verhältnisse für den Pflanzer äußerst schwierig. Tie Filippinos schätzen die Arbeit sehr wenig, und der Einwandening chines scher Kulis bereitet die Regierung die grössten Schwierigkeiten. Diese betrachtet die In­seln zurzeit h.w! t achlich vom militärisck>en Standpunkt aus, und ihre Ueberschwemmung mit Chinesen kann ihr daher nicht erwünscht sein. Tie Regierungsbeamten werden zum geringsten Teile von eigentlickstni Amerilanern gestellt, sondern stammen aus a'ler Herren Länder. So war ein Major und Tistriktsgouverneur, den der Reisende in Mindanao traf, aus Wenings bei Büdingen. Zahlreick>e Lichtbilder nnd eine kleine, aber äußerst interessante Ausstellung von Geweben ergänzten den Vortrag.

Ans Stcifct und Cand«

Gienen, 17. Januar 1913.

* * Tageskalender für Freitag, den 17. Jan.: Stadt- t h e a t e r: nwstipiel des Wiesbadener Operetlen-Theaters:Grigri." Abends 8 Uhr. *

" Ordensauszeichnung. Der König non Preußen hat den nachbenannten Offizieren re. die Erlaubnis zur Ein­legung der ihnen verliehenen nichlpreußischen Orden erteilt, und zwar: des Kointurkreuzes zweiter Klasse des Hess. Ver­dienstordens Philipps des Großnu'itigen: dem Generalmajor Herbudt von Rohden, Inspekteur der Jnfanterieschulen; des Ehrenkrenzes desselben OrdenS: dem Oberstleutnant z. D. votzel, zugeteilt der Fortifikation Mainz; des Ritterkreuzes erster Klasse desselben Ordens: dem Major v. BurSztini beim Stade des Fusilier-RegimentS Königin (SchleSwig-Hol- steinischen) Nr. 86, und dem Major Klotz in der 4. Jn- genienrinjpcktion und Jngenieiiroffizier vom Platz in Mainz; der Krone zum Ritterkreuz zweiter Klasse desselben OrdenS: dem Festungsbaubauptniann Haupt bei der Fortisikation Mainz; des Ritterkreuzes zweiter Klasse desselben Ordens: dem Festungsbauhauptmann Preine bei derselben Fortifikation'.

* * Erledigt sind an der Gemeindeschule zu Ar heil gen zwei mit evang. Lehrern zu besetzende Lehrerstellen.

\ Säuglingsftirsorqe in Hessen. Auf Anregung der Aerzte der Beratlingsstellen für Mutter- und Säuglings- sürsorge werdeit für die drei Provinzen am 21. Januar, 1. und 11. Februar Versammlnngen zur Besprechung der Aerzte stattfinden und zwar im Gutenbergkasino zu Mainz am 21. d. MtS., in der Kinderklinik zu Gießen am 1 Februar, 5/4 Uhr nachin., und im Britaniahotel zu Darmstadt am 11. Februar. Sanitätsrat Dr. Herzog- Mainz wird bei den Versammlungen einen Vortrag über Säiiglings- und Miitterschutz halten, worauf ein allgemeiner Gedankenaustausch stattfindet. Die Leiter der einzelnen Zweig­stellen sind zu den Versamnilunaen eingeladen.

** Bei der Landesversicherungsan st alt Hessen sind im Dezember = 317 Anträge eingcgangen und zwar: 242 Anträge auf Invaliden- und Krankenrentc (I. u. K.), 23 Anträge auf Altersrente (AZ, 25 Anträge auf Witwen- und Witwenrente (W.), 24 Anträge auf Waisen­rente (O.), 3 Anträge auf Witwengeld (Wg.). Unerledigt wurden in diesen Monat übernommen 318 Anträge, so daß 635 Rentengesuche in Bearbeitung standen. Es fanden Er­ledigung: 207 Anträge durch Bewilligung (135 I., 8 K., 16 A., 14 W., 5 Wg., 29 O.), 8 Anträge durch Anwart-- schaftsbefcheid (§§ 1258 und 1743 RBO.), 60 Anträge durch Ablehnung, weil unbegründet (43 I., 3 A., 10 W., 1 Wg., 3 O.s, 20 Anträge durch andere Weise Zurücknahme usw. (10 I., 3 A., 6 W., Wg., 1 £.), zusammen 295 Anträge, hiervon wurden 31 durch Umwandlung erledigt, so daß 371 als unerledigt auf Januar 1913 übernommen werden mußten. In welchem Umfange die Landesversicherungs­anstalt Heilverfahrenskosten für ihre Versicherten über­nimmt, ergibt sich daraus, daß Ende Dezeniber 1912 in Anstalten 180 versicherte Personen untergebracht waren. Außerdem befanden sich noch teils auf eigene Kosten, teils auf Kosten des Fonds der Großherzogin, von Gemeinden oder sonstiger Stiftungen 50 Personen in Anstalten.

* * S t a d 11 h e a t e r. Nochmals sei auf das G e s a rnt -- g a st s p i e l des Wiesbadener-Operettentheaters hingewiesen. Die Wiesbadener Gäste errangen gestern in Marburg mit Grig ri einen stürmischen Erfolg, nach faft jeder Nummer wurde geklatscht, das komische' Tanzduett Wenn im Lenz die Knospen sprießen" mußte dreimal wiederholt werden. Ausstattung und Darstellung genügte vollen Ansprüchen und ftum der Besuch wärmstens emp­fohlen werden. Samstag bringt das letzte Gastspiel der Wiesbadener mitD e r Tanz an walt", Vaudeville von Pordes Milo und Erich Urban, Musik von Walter Schütt. Der Tanzanwalt fand bei seiner Uraufführung am Neuen Theater in Hamburg einen stürmischen und ehrttchen Erfolg. Das liebenswürdtge und lustig übermütige Werk gefiel von Akt zu Akt mehr und löste wahre Heiterk'eitsaus- .>rüche aus. Tie graziösen Musiknummern wurden fast sämtlich da capo verlangt, und nach dem zweitei: und dritten Akte mußten die Autoren und der Komponist sich immer und immer wieder dem begeisterten Publikum zeigen. Die ge-

amtc Hamburger Presse stellte den unbestrittenen Erfolg 'eft und dieser Erfolg blieb dem Werke auch bei seinen Aus­führungen in Berlin treu. WieGrigri" gehört auch .Der Tanzanwal^ zum cif erneu Bestand des Wiesbadener Operettentheaters.

** Tas dritte Winter-Abonnementskon- zert unserer Regimentskapelle, mit dem Herr Obermusik­meister Löb er diese dankenswerte Neueinrichtung für den 'ekigen Winter beschließt, brachte eine auserlesene Spiel, folge, die viel Beifall fand. Sehr g'ücklich eröffnet wurde der Abend mit dem römischen Karneval von Hektor Berlioz, worauf Robert Schumanns Klavierkonzert in A-moll folgte' Frau Lene Ad am-Ni cki sch erwies sich dabei als eine klug überlegende, empfindungsvolle Klaviervirtuosin, die sich ihrer Aufgabe mit gittern Geschmack entledigte. Auch in dem Lisztlckwn Klavierkonzert in A-dur entfaltete sie ihre schönen Fähigkeiten mit bestem Erfolg. Eine sehr ge­fällige und ansprechende Neuheit war die in modernen Bahnen wandelnde Sinfonie in Sonatenfvrm in G-dur von unserem Theaterkapellmeister Franz Adam, der auch am Dirigentenputt erschien. Es war ein dankenswertes Unterfangen des Obermu'ikmeisters, daß er die Schöpfung seines jüngeren Kollegen dem Gießener Publikum zugänglich gemacht hat. Es ist änzunehmen, daß er damit'noch häufig einen schönen Erfolg erzielen to'rb. Den Schluß des Abends bildete Tschaikowskvs italieuisck>es Capriccio. Daß Herr Obermusikmeister Löb er sein Orchester in der Hand hatte, braucht eigentlich nicht besonders hervorgehoben zu werden.

** Konzert-Verein. Obwohl Wilhelm Backhaus Cher vor einigen Tagen von dem Herzog von Anhalt die große Medaille für Kunst und Wissenschaft erhielt) vielen unserer Musik­freunde bekannt ist, dürften doch einige Notizen über seinen Werde­gang interessieren. Am 26. März 1884 zu Leipzig geboren, ent­stammt B. einer kinderreichen Familie, in der, abgesehen von einer ernsthaften Musikliebe der Mutter, eine besonders benr-?rkens- werte musikalische Begabung nicht anzutreffen war. Schon in frühester Jugend trat bei ihm ein sozusagen angeborenes Spiel- talent hervor: im siebenten Jahre genoß er Klavierunterricht und zugleich theoretische Unterweisung durch den ausgezeichneten Musikpädagogen Prof. Alois Reckendorf. Ostern 1894 trat er als Schüler Reckendorfs und Jadassohns in das Kgl. 5ionservatorium seiner Vaterstadt ein. Hier erregte seine un­gewöhnliche spicltechnische Begabung, vor allem aber seine erstaun­liche Fertigkeit im Transponieren <z. B. Bachscher Fugen all­gemeines Aufsehen. Als er 1898 vom Konservatorium schied, war er eigentlich bereits ein Fertiger und hatte sich von Eugen d'Albert, der damals in Frankfurt lebte und dessen Schüler er wurde, nur noch die völlige geistige Weihe zum Pianisten zu gewinnen. Schon wihrend seiner Studienzeit konzertierte Back­haus: in Gießen spielte er als 15 jähriger Brahms Händel- variationen. Wenn an seinem damaligen Spiele trotz seiner schon enormen Technik die völlig geistige Vertiefung und Inner­lichkeit noch zu wünschen übrig ließen, so ist Backhaus in den folgenden Jahren, als er überreichlich Gelegenheit hatte zu kon­zertieren und weiter zu studieren, durch Erfahrung, Erleben und Erlernen zu vollendetem Ebenmaß seines außergewöhnlichen Könnens gelangt. Sein Spiel laßt sich mit wenigen charakte­ristischen Zügen kennzeichnen: Backhaus spielt kraftvoll, ohne zu lärmen, er spielt innig ohne jemals in Süßlichkeit zu geraten er spielt virtuos, ohne dabei den Eindruck der Schwierigkeit zu erwecken. Das reiche Programm verzeichnet mehrere selten ge­hörte Werke von Bach, eine Reihe anmutender Kompositionen Chopins und die mit wahnwitzigen Schwierigkeiten überhäuften Paganini-Variationen von Brahms. Bei Moritz Rosenthals erstem aufsehenerregenden Auftreten in Wien 188-1 wurden sie diesem alle überragenden Virtuosen als Mvnovol zugesprochen. Erst nach langen Jahren und zögernd wagten sich auch andere an die Riesenaufgabe. Der Erste und Einzige, nach dem Zeugnis derselben Wiener Kritik Rosenthal in der Wiedergabe völlig erreicht, teilweise sogar übertrifft, ist Wil­helm Backhaus.

* Die Ve rhandlunqen wegen des Verkaufs der alten Klinik sind, wie wir erfahren, eingeleitet und nahmen einen günstigen Fortgang. Die Anlage von Rangier- aeleifen nach der Liebigstraße zu ist nicht beabsichtigt, da die Bahn das Gebäude für Verivaltungszwecke verwenden will. Das jetzige Dienstgebäiide an der Ecke der Frankfurter- und Liebigstraße soll zu Dienstwohnungen für Bahnmeister ver­wendet werben.

** Unfall beim Rodeln. Der 10 Jahre alte Schüler I Rosenbaum überschlug sich gestern nachmittag beim Ro­deln am Eulenkopf und erlitt eine leichte Gehirn­erschütterung. Er imirbe im Automobil nach der elterlichen Wohnung gebracht.

** Phantasievolle Berichterstattung. In einer Frankfurter Morgenzeitung finden wir einen Bericht über diesehr stark besuchte" Bürgerversammlung imCafe Seib", in dem u. a. mitgetcilt wird, daß dec Stadtvorstand der Frage vorläufig ablehnend gegenüber- tehe und der Bürgerverein für einen Saalbau sei. Letzten. Mitteilung ist unrrchtig. Der Bürgerverein hat üderhaicht keine Stellung zu der Frage genommen, sondern nur eine Aussprache zur Klärung der Angelegenheit veranlaßt. Das einzige, was richtig in der Notiz ist, sind die Angaben über ;aS Beckersche Projekt, die jedenfalls unserem Bericht über >ie Versammlung des Saalbauvereins entnommen ind. Der Bericht ist offenbar entstanden, ohne daß der Berichterstatter in der Versammlung anwesend war.

Landkreis Gietzen.

Grüningen, 16. Jan. Alich in diesem Jahre hat Herr PaScoe in Dutenhofen armen Bergmannsfamilien hier 2 50 M k. gesandt und damit ihnen eine schöne Neujahrs- rrenbe bereitet. Kürzlich fand hier bei Bender der zweite Familie nabend der Ortsgruppe des evang. Bundes bei überfülltem Saale statt. Pfarrer Steiner, Worms, hielt einen interessanten Vortrag über seine Erlebnisse in Palästina. Er erzählte davon, wie dort heute an den Stätten, die jedem I Christen heilig sein sollten, krasser Aberglaube und unchrist- I liches Wesen herrschen. Tie Protestanten können stolz darauf I sein, daß sie diesem Treiben fernstehen. Prächtig waren dic I Lichtbilder, die der Oberhessische Verein für innere Mission I zur Verfügung gestellt halte, und eine weihevolle Stimmung I herrschte im Saale, als beim Erscheinen des ChristusbildeS | das LiedJesu geh voran" angeitnnmt wurde. Ter hiesige I Singverein erfreute durch einige schöne Lieder und Pfarrer I Steiner begleitete einige gememscnne Gesänge. Am nächsten | Tage wurden die Lichtbilder den Kindern in der Schule vor- I geführt und erläutert.

Kreis Friedberg.

L Friedberg, 16. Jan. Am Sehrerfemin ar findet I am 31. d. Mts. eine öffentliche Entlassungsfeier statt, I verbunden mit einem von den Seminaristen veranstalteten I Konzert. Der neue Guterbahnhof wurde dem Betrieb I übergeben Tie Gebäude de? Personendahnhoses sind im I Rohbau vollendet.