Ausgabe 
12.3.1913 Erstes Blatt
 
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Die heutige Nummer umsastl 14 Seiten.

Krieg oder Friede?

Die Botschaftcrkonferenz.

Sonbort, 11. Mürz. Die Bv tschafter traten heute nachmittag zu. einer zweistündig en Sitzun g zusam­men. Bon den Verbündeten der Balkanstaaten ist noch ferne Antwort eingegangen. r

Sofia, 11. Mürz. Das BlattMir" schreibt: Dre Verbündeten haben beschlossen, die Vermitte­lung der Mächte anzunehmen. Die Verhandlungen werden daher durch Vermittelung der Mächte und auf den Grundlagen der in London ausgestellten Bedingungen fort­gesetzt roerben unter Hinzufügung b c r Fordern ng einer Kriegsentschädigung, auf der die Verbün­deten bestehen werden. Die Feindseligkeiten werden je­doch nicht eingestellt werden und ihre Entwickelung wird natürlicherweise auf dm Gang der Verhandlungen Einfluß haben, da neue Opfer neue Kompensationen fordern.

Die innere Krisis in der Türkei.

Konstantinopel, 11. März. Das Gerücht von der Absetzung oder dem Rücktritt des Generalissi- uius JzzetPascha bewahrheitet sich bis jetzt nicht. Man erzählt, Izzet Pascha und der Generalstabschef Hadi Pa­scha hätten dem Großwesir einen Bericht unterbreitet, in dem sie ihm den Mschluß eines ehrenvollen Friedens empfehlen. Der Bericht soll den Unwillen einiger dem Komitee angehörigen Kreise hervorgerufen haben, worauf

sich, zwischen Oesterreich und Rußland einen Aus gl e t ch herb eiz uführen. Ferner heißt es, daß das Wiener Kabinett einen Schritt der Mächte in ©ersten herbei- fiihrcn möchte, unt Serbien freundschaftlichst zur Zurück­ziehung seiner Truppen von der Adriakufte zu veranlassen.

Das WienerFremdenblatt" schreibt an leitender ©teile:

Nicht nur in Oesterreich und Rußland, sondern auch im übrigen Europa wird man das Ergebnis des heutigen Tages als eute Erleichterung in der .politischen Situation and als eine Be­stärkung der Hoffnungen bewerten, von denen wir alle von Herzen wünschen, daß sie sich erfüllen mögen. Der Ruchchlag, den der Balkankrieg aus das Verhältnis zwischen Österreich-Ungarn und Rußland ausgeübt haben mag, ist Uicht ^irch reale Gegensätze zu erklären. Es geht dies ganz deutlich ans den Prinzipien hervor, die für uns während dieses so schnür en und untere Interessen so nahe berührenden Krieges maßgebend genasen sind und sich als ein direkter Ausfluß aus uns ermi ialwzehnte alten Orientprogramm ergeben haben. Unsere geschichtliche Orient­politik hat immer den wahren Vorteil der Monarchie m per Förderung der vollen Unabhängigkeit der Balkanstaaten erblickt und stets ein freundnachbarliches Verhälpiis mit ihnen ange­strebt. Diese Erkeimtnis hat sich, wie m der Vergangenheit, so auch mit besonders deutlicher Ausprägung wahrend der Krise betätigt Durch getreue und konsequente Anwendung ihres Pro­gramms in den letzten Monaten hat die Monarchie Tu ben geschichtlich entscheidenden Tatsachen Beweise für die Aufrichtig- feit ihrer Politik, die nicht aus Eroberungen ausgeht, geliefert Die gleichzeitige Mrüstimg an den Grenzen wird man als ein gute« Zeichen dafür nehmen dürfen, daß sich diese Politik nun­mehr a u ch i n P e t e r s b u r g die ihr gebührende Anerkennung errungen, und daß sich auch im russischen Volke eine Sluffanung durchgesetzt habe, die in dem Ergebnis des Balkankrieges ersreu- licheriveise die Möglichkeit erkennt, die einzigen Quellen des Zwiste-' zwischen Wien und Petersburg endgültig zu verschütten. N o ck> i st d i e K r i s e, die uns seit Monaten in ihrem Banne halt, nicht gelöst, wir wollen aber hoffen, daß mit dem Heuthen Tage ein Markstein auf dem Wege ihrer Entwirrung errichtet worden ist. ...

Gretzener Ktadttheater.

's Nullerl.

Bolksstück von Karl Morre.

<5>iclsen, 12. März.

Nullerl, das ist ein grundguter Mensch, eine von den seinen, abgeklärten Naturen, die auch im Schatten ein Geschenk der Sonne erkenneii und in all dem Bitteren und Schweren, was ihnen das Leben gebracht hat, noch ein Tröpflein Glück gefunden haben. Bescheiden und still gehen sie ihres Weges und sind weiter gar nichts auf ber Welt als Menschen, arme, einsaitige Menschen, und deshalb stehen sie so hoch über all den Nichtigkeiten des Alltags, aus dem die meisten Menschen zeitlebens nicht heraus kommen Feine Naturen, die nicht prahlen und nicht schmahlen, die immer zur Hand sind, wo Not zu lindern ist, die immer ver­schwinden, wenn sie Dank ernten sollen So einer ist das Nullerl der obdachlose Gemeindearme, und in all 1 einem Elend ist cr unendlich viel reicher und reiner und größer, als die Bauern um ihn her, in deren Dienst er grau und krumm gc- ^Diescn lieben, schlichten Alten hat Herr Goll an seinem Ehrenabend gespielt. Früher erschien er bei solcher Gelegenhei gewöhnlich mit dem klirrenden Pallasch an der Seite, diesmal kam er im zerlumpten Rock und im durchlöcherten Strümps, fein Anblick, um junge Mädchen zwischen lo und 45 zu be­reistem, äber eine Tat, die nicht ganz leicht fein mag. ^och sie wird Früchte tr gen. Ganz neue ^-orberungen treten nun an Herrn Goll heran, ganz neue Möglichkeiten bieten sich ihm, und wie er gestern abend das dttlllerl mit warmer, mitfühlender Menschlichkeit erfüllte, Ivie er .Worte fand, m brnen euie ganze Seele zitterte, da gab uns das die frohe Zuversicht, daß wir im nächsten Fahre einen tüchtigen und vornehmen Charakterkomiker an ihm haben werden. Daß ihm auch in seinem neuen Flch die Gunst der Theaterfreunde sicher ist, bewiesen die zahlreichen Spenden und die vielen .Hervoi-mfe. Auch die übrigen Dar­steller gingen unter seiner Leitung wacker ins Zeug und her- halfen dem wirkungsvollen Volksstück zu einem schonen Erwlg. Herr Kliewer gab dein starrsinnigen Quarzhirn einen festen, sicheren Umriß, der gut in dem Gesamtbild stand. <z-rl.M appo, die sich durch das .Hochtteiben ifacr Stimme um Mele Feinheiten bringt, lieh der Angla ein angenehmes, blendendes Acußere, zu zierlich und schmuck sogar lür eine Bäuerin. Lieb und gut, von edelstem Temperament getragen, war Fräulein de Bruhn als leidvolle Gabi. Eine frische, entschlossene Stattmagd gab Fräulein Jüngling als Grell. Als Agal holte sich jraukin S cho l z einen starken Sonder erfolg bei offener Bühne. Die­selbe Auszeichnung wurde Herrn 'Grosser zurell, der den

dämlichen Knecht Stoffel mit einer verblüffenden Sicherheit spielte. In prachtvoller Maske brachte er "den beschränkten Trottel mit unerschütterlichem Ernste zur Geltung. Herr B r u ch w i tz zeigte als Rupert wieder seine schöne, verinnerlichende Kunst der Menschengestaltung. In Reineren Rollen bewährten sich die Herren Coiiradi, Gerhard, Volck und vor allem Herr Dwvrkowski, ber den alten Zuchthäusler Hias spielte, ihn aber überhöhte; auch sitzen ihm die Arme etwas ,zu lose. Die Begleitung der Gesänge und die Zwischenaktsmusik führte die Regimentskapelle aus. N.

T

Alte Lädenformen. Auf dem 12. Denkmalspflege­tage in Halberstadt sprach Professor E. H ö g g über die modernen Lcideneinbauten in alten Gebäuden. Seine Ausführungen stützten sich auf eine überaus reichhaltige Ausstellung von Aufnahmen alter uub neuer Lädenformen aus ganz Deutsckstand. Högg wies an Hand dieses Materials darauf hin, welche Fülle reizvoller Lösungen die ursprünglichen Kaufläden darbieten und wie er­schreckend rasch sie bei dem heutigen Streben nach Modernisierung ber Altstädte bem Untergang geweiht seien Schon heute fällt es schwer, unberührte derartige Anlagen überhaupt noch aufzufinden. Er regte daher eine sorgfältige Sammlung und Veröffentlichung aller dieser noch vorhandenen Beispiele von alten Lädenformen an und ber Denkmalstag übertrug ihm und Geheimrat O. Gurlitt «Dresden^ bie Veranstaltung ber Sammlung. Da es sich haupt­sächlich um Bauwerke handelt, bie ohne Mitwirkung ortskundiger Kunstfreunde kaimi entdeckt werben können, so wendet sich ber Landesverein Sächsischer Hermatschutz, Dresden-A., Schießgasse Nr. 24, an die weitesten Kreise Deutschlands mit der Bitte, ihm solche Kaufläden aus alter Zeit in Dorf und Stabt namhaft zu machen und ihm möglichst auch ein Bilb davon zu übersenden. Die Heimatschutz-Flugschrift Nr. 9 gibt den Vortrag mit zahl­reichen Abbildungen wieder.

Zum 7 0. Geburtstage von Harald Höfsding. Prof. Tr. Harald Höffding, der berühmte Kopenhagener Philosoph, vollendete am' 11. März sein 70. Lebensjahr. Auch die deutsche Wissenschaft verdantt diesem nordischen Gelehrten von Ruf wert volle ''Anregungen. Höffding, Kopenhagener von Geburt, kam unter dem Einfluß Kierkegaards, den er später als Philosoph dargestelli hat, zur Philosophie. Seine Ersllingsarbeit von 1870 war der stoischen Bestimmung ber Willensfreiheit gewidmet. Dann hat er bie beut sehe Philosophie nach Hegel und die moderne englifrfjc Philosophie in zusamnienfassenden Arbeiten der dänischen Wissen sck-aft nutzbar gemacht. Besonders die Engländer führten ihn zu Eigenem. Sein Hauptlverk ist die Psychologie, die in alle .ihultursprachen bis ins Japanische übersetzt worden ist. Auch eine Ethik hat er geschrieben, eine Geschichte der neueren Philosophie, eine Religicmsphilosophie und als letzte Arbeit ein Werk über den

Die Konferenz der Hinanzminifter.

Aus Berlin wird uns geschrieben:

Urtier die Verhandlungen der im Reiclfsantt des Innern unter dem Vorsitz des Reichskanzlers ab gehaltenen Kon­ferenz der bundesstaatlichen Finanzminister und der Mit­glieder des Bundesrats erfährt man natürlich, da ebenso für diese Beratungen wie für die zwischen der Regierung und den Parlamentariern strengste Diskretion angesagt ist, nichts Genaueres, doch steht fest, daß die Verhandlungen sich in erster Reihe um die Deckung für die laufenden Kosten der Wehrvorlage drehten, und daß hierbei im Vordergrund die von jeiten des preußischen Staatsministeriums vor­geschlagene V e r m ö g e n s z u w a ch s st e u e r stand, die zurzeit bessere Aussichten haben soll, als die insbesondere vrm einigen anderen Bundesstaaten befürwortete Erbanfall- steuer. Was die Deckung der einmaligen Ausgaben für die Militärvorlage betrifft, die, wie behauptet wird, 996 Mill. Mark betragen sollen, so ist unter den Regierungen ein grundsätzliches Einverständnis über den Plan erzielt wor­den, die Kosten hierfür durch eine einmalige Vermö­gensabgabe aufzubringen. Die Einzelheiten des Planes stehen noch nicht fest, doch besteht die Absicht, die Steuer- grenze nach unten, bis zu der die Vermögen frei bleiben sollen, auf 30 000 Mark festzusetzen. Weiter geht der Plan dahin, die Steuer in mäßiger Weise progressiv auszubauen. Weiteres Kopfzerbrechen verursacht die Frage, was Vermögen ist. Gehören beispielsweise Mobi­liar, Schmucksachen, Bilder, Büch ersanimlun gen dazu? Diese Frage wird überwiegend verneint, aber wie steht es mit ertragslosem Vermögen in Gestalt von Terrains? Es scheint kein Zweifel darüber, daß diese, da es sich hierbei um Spekulationsobjekte handelt, zur Steuer her-angezogen werden müssen. Es tauchen hier im einzelnen eine Menge steuertechnischer Fragen auf, so die, ob 'der Grund und Boden nach dem gemeinen oder bem.' Ertragswert ein­geschätzt werden soll, und dergl. mehr. Festz-ustelM scheint, daß die Vermögensabgabe nicht auf einmal, sondern in Raten erhoben werden soll. Dagegen befindet sich noch im Stadium der Erwägung die Frage, ob die Ver­mögensabgabe durch eine einmalige Abgabe von den hohen Einkommen ergänzt werden soll, wodurch der Prozentsatz jener ermäßigt werden könnte. Es bedarf keines Nachweises, daß die Witwe, die von den Zinsen eines Kapitals von 30 000 Mk. lebt, mindersteuerkräftig ist als ein Arzt oder Rechtsanwalt mit 100 000 Mk. Einkommen. Und wenn auch die Gegensätze nicht imnter so kraß liegen, so würde es doch ungerecht erscheinen, die Vermögen bis zu einer so niedrigen Grenze heranzuziehen, während die großen Einkommen derjenigen, die es vorziehen, ihre Einnahmen unter Verzicht auf die Kapitalisierung restlos aufzubrauchen, ganz verschont würden.

Dieser Einwand würde umso mehr Kraft gewinnen, wenn die Verbündeten Regierungen sich für den auf der Konferenz der Finanzminister in erster Reihe erörterten Plan entschieden, zur Deckung der laufenden Ausgaben für die Wehrvorlage, die auf 184,8 Millionen Mark angegeben werden, vor allem die Ver m ö g e n sz u w ach s fteu er vorzuschlagen, d. h. eine Steuer auf die Mehrbeträge, die der Vermögensstand im Vergleich zu jedem Vorjahr auf­weist, mögen sie durch Ersparnis, durch Erbanfall oder sonstwie entstanden sein. Gegen diesen jetzt von preußischer

menschlichen Gedanken. Höffding gehört allen großen gelehrten Körpersck-aflen der Welt als Mitglied an.

Die Eröffnung desTheatermuseums in der Scala. Aus Malland wird berichtet: In Anwesenheit des Grasen von Turin und einer Versammlung von Ministern und hohen Würdenträgern wurde aut Samstag mit einer Einweihungs- rede von Corrado Ricci das große Theatermnseum in der Scala feierlich eröffnet. Es umfaßt fünf Säle, von denen der erste der Musik gewidmet ist, ein zweiter dem Schauspiel, in einem dritten sind die rcidfcn archäologischen Schätze, die sich auf Bühnen- und Schauspielkunst beziehen, vereinigt, im vierten findet man Kostüme, Tekorationsentwürfe und Bühncnmodelle. Ein großer Saal dient als eine Art Foyer und wird den Theaterbesuchern der Scala offen stehen, so daß das Publikum" von hier aus jederzeit in die Ms- stellungsräume treten Fann. Der interessanteste und vielseitigste Teil des Museums umfaßt die Gegenstände aus dem klassischen Altertum, darunter zahlreiche kostbare griecknsche Vasen, Terra- lotten, kleine Reliefs, Masken und Statuetten, Gemmen und Münzen. Auch eine Sammlung griechischer und altrömisck>er Musikinstrumente fesselt die Aufmerksamkeit. Tie mittelalterliche und die moderne Mleilung bergen reiche Schätze an Skizzen, Zeich­nungen, Porträts, Pastellmalereien, Miniaturen und vor allem an Porzellan. Alle Darstellungen beziehen sich auf Theaterkunst und Theaterkünstler.

T i e Suffragetten und der Sport.'Da Werder Weiber zu. Hyänen" Fann man mit Schlier sagen, wenn man von den Ausschreitungen hört, die sich die Suffragetten jenseits des Kanals zu Scknilden kommen lassen. Vor nichts macht der Wahn­sinn dieser irregeleiteten Werber halt, ob es nun die Fenster des. Oberhauses oder die eines Bankl-auses sind, ja, sie scheuen sich ja sogar nicht einmal vor Bombenattentaten, wie die neueste Zeit gelehrt hat. Jetzt haben sie ihr Interesse bedauerlicherweise auch dem Sport zugewandt. In Dover wurden vor einigen Tagen die Spielplätze des bortigen Golsklubs von Suffragetten zerstört, und die Ruderllubs der Universitäten Oxford und Cambridge mürber benachrichtigt, daß die für das große Achterrennen am1 13. März bestimmten Boote vernichtet werden würden, wenn die Mannschaften nicht unverzüglich das Training einstellen würden. Seitdenr nxr den die von den beiden Trainingsmannschafteil benutzten Boots­häuser Tag und Nacht von Irandfesten Polizisten bewacht, deren Knüttel den Suffragetten vielleicht doch einigen Respekt einflößen tverden.

Kurze Nachrichten aus Kunst und Wissen­schaft. Die Spielzeit des Münchener Künstler-Tlwaters, bn Mitte Mai beginnt, wird mit der Uraufführung eines neuen Werkes von Karl Sckönherr, des Verfassers vov Glaube und Heimat" eröffnet werden.

Nr. 60 Erstes Blatt 165. Jahrgang Mittwoch, mär} 1913

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(DienstagundFrenaa): M I iL M W KL W auswärts 20 Pfennig.

W U Hl W W W ▼▼ H BH Chefredakteur:A.Goetz,

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Anzeiger Gießen. tp ® '' » . _ . . c- rat^- für ^Stadt und

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Seite befürworteten Vorschlag batte das preußische Finanz- i Ministerium in einer eingehenden Denkschriftschwerwie- 1 genbe, ethische, finanzpolitische und technische Bedenken" gelteird gemacht Der Staat habe, so führte der Finanz- Minister Tr. Lentze darin aus, ein sehr dringerrdes Interesse . daran, den Sparsinn zu wecken und damit die Bildung ineuen Vermögens zu fördern; eine Steuer auf den Zuwachs aber wirke wie eine Strafe für den Sparer, wie eine Prämie auf die Verschwendung; eine solche Besteuerung würde umso unerträglicher wirken, als der Rückgang des Vermögens gegen das Vorjahr keine Berücksichtigung fände, so baß, wenn der Konjunkturgewinn eines Jahres im nächsten Jahre wegfalle, für einen niemals erzielten Gewinn eine hohe Steuer drtridjtet wäre....

Das sind einige der Einwände, die der Finanzmrmster^ Tr. Lentze gegen die, wie behauptet wird, von der Konferenz der Finanzminister befürwortete Reichsvermögenszuwachs­steuer erhoben hat. Es liegt in der D!atur der Sache, daß auch der Reichstag auf diese Bedenken Bezug nehmen wird. Im übrigen werden selbstverständlich zunächst die endgülttgen Beschlüsse der Regierungen und die weitere Ausgestaltung des Stcuerprogramms abjgüvartet werden müssen. Was nach dieser Richtung hin an Einzel­heiten, wie die Kombinationen mit der Wehrsteuer, der Ausbau der Q u i 1 t u n g s st e u e r usw., aemeldet wird, beruht auf Mutmaßungen, da noch keine endgültigen Beschlüsse vorliegen. Daran aber wird festgehalten werden müssen und dürfte auch die Mehrheit des Reichstags fest­halten, daß der Plan der einmaligen Vermögens- öezw. Einkommensabgabe nur beurteilt werden darf im Zusam­menhang mit den Vorschlägen zur Deckung der laufenden Ausgaben für die militärischen Neurüftungen. Selbstver­ständlich kann und darf diese Vermögensabgabe nicht einen Freibrief bilden für neue Steuern, die mehr oder minder verschämt den Verkehr ober Verbrauch treffen!

Berlin, 11. März. Tie leitenden Minister und die Finauzminister der Bundesstaaten haben gestern und heute unter dem Vorsitz des Reichskanzlers die W c h r v v r - läge und Vorschläge zur Deckung ihrer Kvsden beraten. Die Notwendigleit ber vorgeschlagcnen Heeresverstärkung wurde 'cinitimlmig anerkannt und der Gesetzeittwurf zur Beratung der Eiuzclhcitm sofort ben Ausschüssen für das Landheer und bie Festungen und für das Reckmungswesen überwiesen. All­gemeine Zustimmung fand desgleichen die Erhebung einer einmaligen Abgabe vom Vermögen zur Deckung der einmaligen Ko steu. Was cilblich bie fort­laufenden Ausgaben betrifft, so wurden die Grundsätze sowohl für bie Besteuerung des Besitzes als auch für die sonstno ch erforderlichen Steuern vereinbart. Die zuständigen Bun­desratsausschüsse werden nunmehr die vom Reickisschatzamt aus­gearbeiteten Gesetzentwürfe in den Einzelheiten feststellen.

Demobilijiruni} Oesterreichs und Rußlands.

Wien, 12. März. Die Entlassung der einbe­ruf e n e n R e s e r v i st e n in O e st e r r e i ch-U n g a r n to i e inRußlan d ist verfügt wordan. Rußland entläßt 360 000 Mann, Oester reich-Ungarn 30000 Mann und setzt dadurch seine Kompagniestärke auf die russische herab. Von offi­ziöser Seite toird ^erklärt, daß die politischen Schtoierig- keiten zivischen Oest>erreich--llngarn und Rußland noch nicht beseitigt seien. Die albanische Grenzfrage stehe auf ihrem alten Standpunkt und die Frage der Zugehörigkeit von Skutari und Djakowa sei noch ungelöst. Eine Entlassung der im Süd ei: der Donaumonarchie dislozierten Truppen : sei noch nicht in Aussicht genommen. E n g l a nd b k m ü h e