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Zweites Blatt
163. Jahrgang
Erscheint tSgllch mit Ausnahme deS Sonntags.
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die untersten Steuerklassen befreit werben können.
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Die „Gießener Familienblatter" werden dem .Anzeiger" viermal wöchentlich beigelegt, das ..Kreisblatt für den Kreis Gießen" zweimal wöchentlich. Die „Landwirtschaftlichen Seit» fragen" erscheinen monatlich zweimal.
Weise die von 1915 ab vorgesehene Steuererhöhung mit 863 060
Mark unterbleiben kann, so ist das ebensosehr zu begrüßen, wenn
Bett. ?te aasseh *• Preiswert, Medern ft. 150, LA, 4-50 p. Pfi riße Daunen-
Freitag, H. Februar 1913
Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schen Universiläts - Buch- und Steindruckerei.
R. Lange, Gießen.
Redaktion, Expedition und Druckerei: Schul- straße 7. Expedition und Vertag: 51.
Redaktion:eE112. Tel.-Adr.: AnzeigerGteßen.
soll, ist bis jetzt noch nichts bestimmtes darüber bekannt. Eine Steuer, die an dem wohl 300 Milliarden betragenden vorhandenen Besitz vorübergeht, sei keine Besitzsteuer. Boit Interesse wäre es, näheres über die Stellung der hessischen Regierung zu dieser Frage zu erfahren, nachdem in, einem sächsischen Blatt mitgeteilt worden ist, sie sei im Gegensatz zu anderen süddeutschen Regierungen nicht für die Ausdehnung der Erbschaftssteuer. Das sei wenig verständlich, wenn das zuträfe, zumal die Mehrheit in der hessischen 2. Kammer zweifellos für eine Erbschaftssteuer sei, die zwar nicht die idealste Steuer darstellc, aber allein noch als Besitzsteuer übrig bleibe, wenn die Vermögenssteuer nicht erreichbar ist. Redner begrüßt die bestimmte Resolution des Zcntralvorstandes der nationalliberalen Partei.
Die Klagen über die F l e i s ch t e u e r u n g scheinen leider zu stehenden zu werden. Man muß bei Beurteilung dieser Frage von den Tatfachen ausgehen. Die Teuerung, die sich für breite Volksmasscn als Flcischnot darstellt, ist unbestritten. Tie Schlachtungen und damit der Fleischverbrauch sind seit zehn Jahren erheblich zurückgegangen, wie an den Ziffern für Darmstadt nachgewiesen wird. Eine Tatsache ist auch der Rückgang des Viehbestandes, speziell auch in Hessen. Gewiß haben hier Dürre und Futternot, sowie Seuchen eine Rolle gespielt. Wir sind aber von dem anzustrebcnden Ziel: Deckung des Fleischbedarfs aus dem Jnlande weiter abgekommen. Mit der bloßen Vermehrung der Produktion ist weder dem Bauer noch dem Verbraucher geholfen, wenn die Preise zu hoch bleiben. Darum muß die Produktion durch Verbilligung der Futtermittel verbilligt werden. Der Bauer sei nicht schuld an den Preisen, man würdige in den Städten auch viel zu wenig die sehr große Mühe und Arbeit, die der Bauer und seine Familie mit der Viehzucht haben Auf dem Lande solle man aber auch die Notlage des ärmeren Teiles der Verbraucher verstehen lernen und sich nicht den Maßnahmen widersetzen, die zur Linderung eines besonderen, hoffentlich vorübergehenden Notstandes nötig sind. Selbltvcr- ständlich ist für ausreichenden Seuchenschutz zu sorgen. Die Maßnahmen der Rcichsregierung waren ungenügend und wirkten unsozial Sie zwangen damit die Städte, dem ohnehin schwer bedrängten Metzgergewerbe empfindliche Konkurrenz zu machen, weil es auf anderem Wege "nmöglich war, von den Erleichterungen Gebrauch zu machen. Die .Haltung <der «Agrarkonscrvativen, die jede Hilfe für die breiten Massen der Konsumenten ablehnen und dazu noch andere angreifen, die ihrer sozialen Pflicht Genüge tun wollen, sei nicht zu verstehen und mit ihrem so oft betonten Christentum nicht zu vereinbaren. In seinen weiteren Ausführungen besprach der Redner seine Stellung zur Gemeinde steuerreform, zur Warenhaus- und Filialsteuer lder er aus finanzpolitischen Gesichtspunkten zugestimmt habe), ferner den Antrag des Finanzausschusses wegen des D o m a n i a l- eigentums und den Kurs der Hess. Staatspapiere. In letzterer Hinsicht empfahl der Redner u. a., dahin zu wirken, daß die Kapitalien der Angestclltenversicherung nicht völlig außerhalb Hessens angelegt würden, davon könnten die hessischen Staatspapiere und indirekr auch die Hhpothekensuchenden Vorteil haben. Weiter regte er Verbesserungen für das Staatsschuldbuch an. Einen gesetzlichen Zwang für die Sparkassen, hessische Staatspapiere zu erwerben, lehne .er ab, das sei auch auf anderem Wege zu erreichen. .
Der Entwurf des Besoldungsgesetzes habe zwar manch: Beamtengruppen und die Volksschullehrer enttäuscht, aber es sei zu hoffen, daß bei einigem guten Willen auch hier ein befriedigendes Resultat erzielt werden könnte.
Der Redner streifte zum Schlüsse die Angriffe des Abg. v. Kardorff im preußischen Abgeordnetenhause gegen die süddeutschen Staaten. Er glaubt aber, daß Hessen sich nicht getroffen zu fühlen brauche, nachdem es sein gleiches Wahlrecht rückwärts revidiert habe. Diese Tatsache und anderes erinnere daran, daß der Liberalismus in Hessen in die Verteidigung gedrängt ist. Der Redner will aber nicht nut pessimistischem Ausblick schließen. Hessen marschiert in anderen Dingen immer noch an der Spitze. Aufgabe seiner Partei sei es, das Land auf allen Gebieten vorwärts bringen zu Helsen.
Staatsminister Tr. v. Ewald: Dem beabfichtigten Anträge, betreffend die Ueberführung von Großh. Familieneigentum in Staatseigentum gegenüber, gestatten Sie mir einige Bemerkungen. Ich habe bcn Eindruck, daß bei der Würdigung der Frage die rechtliche Seite nicht genügend berücksichtigt wurde. Es ist richtig, daß der Landesherr finanzielle Vorteile zurzeit nicht hat, weil die Erträgnisse in die Staatskasse fließen. Allein, meine Herren, damit erschöpft sich doch die Bedeutung mmt. Und wenn man dem Umwandlungsgedanken näher treten will.
Seethovenr Missa fokmnis.
G ießen, 14. Fehr.
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In der- bevorstehenden Aufführung wird der instrumentale Terl unter Professor Trautmanns Leitung von der M e i n r n g e r H o s k a p e l l e ausgesühtt. Das Soloqr.artett, dem von Beethoven gleich wie dem Chore ganz unerhörte Schwierigkeiten zugenrutet werden, bilden die Damen und Herren: Emma Tester, Paula Werner-Jensen, Henrv Wormsbächcr und O t t o S ch w e n d h. Tie kgl. Kammersängerin Frau Tester aus Stuttgart gilt für die Durchführung der Sopranpartie, die sich von Höhe zu Höhe schwingt, besonders durch ihre vollausgwende Stimme geeignet, die bis in die höchsten Lagen Kraft, Wohllaut und Ausdruck besitzt. Frau Tester hat die Partie mehrfach gesungen und sich auch sonst als Oratoricnsängerin von ausgezeichneter Schulung hervorgetan. Die Vertreterin der Wt- partie, Frau Paula Werner-Jensen aus Berlin, ist eine Tochter des früheren Tresdener Hofopernsängers und späteren Intendanten des Frankfurter Opernhauses Paul Fensen, sowie eine Nichte des Komponisten Adolf Jensen. Sie genoß ihre Ausbildung bei dem Frankfiirter Gesangsmeister Eduard Bellwidt und hat sich in den letzten Jahren einen ausgezeichneten künstlerischen Ruf in den größten deutschen Musikstädten erworben. Die Dresdner Kritik äußerte über ihr dortiges Auftreten im vorigen Oktober: Eine herrliche Altstimme, im Timbre und in der Ausgeglichenheit der drei Lagen einer schönen Klarinette vergleichbar, die von einem Meister seines Instrumentes tönen gemacht wird." Herr .Henry Worinsbäck-er aus Hamburg ist ein lyrischer Tenor von Ruf Bei seinem häufigen Auftreten als Oratoriensänger in Hamburg, Berlin, Frankfurt u. a. Orten hat er mit seiner bis in die höchsten Lagen anspreck>enden, weichen, überaus wohl- klingeiiden Stimme und seinem gesckMackvollen Vottrage große Erfolge zu verzeickmen. Der Bassist, .Herr Otto Schwendy aus Berlin ist von der Aufführung des Judas Makkabäus her bekannt. Der von Natur aus mit reichen, glänzenden Stimmitteln begabte funge .Künstler ist ans der Schule Messchaerts hervorgegangen und hat sich dort eine Technik erworben, die ihn befähigt, die «Vorzüge seines Organs in vorbildlicher Weise zu verwerten und durch seine Vortragskunst zu höchster Wirkung zu bringen.
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Das GedSchtnisjahr 1915.
Am letzten Dienstag fand in Steins Garten ein von der Freien Studentenschaft veranlaßter Vortrag von Prof. Roloff über Gneis en au statt. Wir können unseren Stu- benten gottlob den fleißigen Besuch der Vorlesungen und Uebungen nachrühmen Demgegenüber ist es zu bedauern, daß nicht-akademische Vorttäge, die hier in Gießen meist auch für Studenten wertvolles bieten, von ihnen nur spärlich besucht werden. Es nutfetc Verwunderung erregen, daß ein von einem Teil der
Hessische Zweite Kammer.
47. Sitzung.
.... bs. Da rmstadt, 13. Febr.
Der Präsident Köhler eröffnet die Sitzung um 9.20 Uhr.
Am Regierungstische: Staatsministcr v. Ewald, Finanz- jninister Dr. Braun und mehrere Ministerialräte.
Zu Beginn der Sitzung ist das Haus wiederum nur schwach besetzt.
Zunächst nimmt das Wort zur Tagesordnimg: Hauptvor- aiischlag der Staatseinnahmen und Ausgaben für das Etatsjahr 1913, der
Abg. Henrich (Fortschr. Volksp.): Die Auswärtsbewegung der letzten Jahre hat angehalten und macht sich in einer weiteren Besserung unterer Finanzen angenehm bemerkbar. Das zeigt sich vor allein in den Reserven, die in kurzer Zeit angewachsen sind. Der Restefonds wird Ende 1912, nach dreijährigem Bestehen, rund sieben Millionen enthalten, nach Abzug der Aufbesserung der Beamten in 1912. Der Tilgungs- und Ausgleichs- sonds, unser Juliusturm, wird Ende 1913 die gesetzliche Höhe von acht Millionen erreicht haben. Dazu kommt der Ueberschuß des Budgets für 1913 mit zwei Millionen, dem allerdings eine Forderung von drei Millionen für die Beamten gegenübersteht. Soweit das Sichere. Nun aber die Zukunftsmusik nach dem Programm der 1. Kammer. Von 1913 ab ist voraussichtlich eine Dotierung des Tilgungs- und Ausgleichsfonds nicht erforderlich. Bleiben die Eisenbahnüberschüsse in ihrer jetzigen Höhe bestehen, dann werden mindestens zwei Millionen verfügbar, die in einen Restefonds fließen sollen. Wenn auf diese
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muß man dieser Seite Rechnung tragen. Ich weise aus die Ausführungen des Staatsrechtslehrers Cossak hin. Weder der Großherzog noch die Landstände würden in der Lage sein, einen Gesetzentwurf vorzulegen, der die Ueberführung bestimmt, wt ist auch die Zustimmung der Agnaten erforderlich. Es müßte also die Zustimmung der Vertreter der beiden Prinzen einzuholen sein. Ob diese erfolgt, ist immerhin zweifelhaft. Tann kommt Istnzu, daß das Familieneigentum nicht den Staatsgläubigern gegenüber haftet. Auch im Falle eines unglücklichen Krieges, würde Dom Feinde wohl das Staatseigentum mit Beschlag belegt werden können, nicht aber das Familieneigentum. Ferner — ich glaube nicht, daß das einmal eintritt — würde mit der Möglichkeit zu rechnen sein, daß sich einmal eine Mehrheit in der Kammer ände, l ie die Zivilliste ablehnte. Was dann? Ueberhaupt wird man nicht außer Betracht lassen dürfen, daß beträchtliche Schwierigkeiten auch finanzieller Art bei der Ueberführung bestehen. Der Staatsminister verliest dann eine ganze Reihe von Zahlen. Ter Gesamtwert der Domänen beträgt über 238 000 000 Millionen Mark. Endlich darf man die Vorteile der bisherigen Verwaltung nicht unberücksichtigt lassen. Jetzt können ohne weiteres einzelne Parzellen an kleine Bauern verkauft werden: später müßte immer die Kammer befragt werden, was zu großen Unzuträglichreiten führen würde.
Es tritt dann eine Pause ein.
Nach dieser nimmt das Wort zu seinen Ausführungen zum Etat der
Abg. Ulrich (Soz.): Die Debatte ist bis,letzt im Gegensatz zu früher, ruhig verlaufen, und ich werde mich bemühen, diese Ruhe nicht zu stören. Es ist nicht zu bezweifeln, daß die Finanzen des Landes günstig sind. Wir wissen allerdings nicht, welche Forderungen das Reich noch an uns stellt. Unsere Finanzlage hängt mit der des Reiches eng zusammen. Ich kann dem Abg. Tr. Osann nicht beistimmen, daß die gute Finanzlage auf die Steuererträgnisse zurückzuführen ist. Wir sind nach wie vor angeiütefeit, auf die Eise nbahnüberschüsse, und die sind nach wie vor unbeständig. Dem Abbau der Steuern können wir Nicht zu- ftimrncu. Wenn man abbauen will, soll man zunächst die kleinsten Einkommen von einer Steuer befreien. Der Anlauf zur, Ltaats- vereinfachung ist rasch ins Stocken gekommen. Man soll zwei Minister abschaffen, man soll nicht bei den armen Schreibgch lsen sparen. Auch die Belastung durch die Stempelsteuer ist zu hoch. Der Redner verbreitet sich bann näher über die Besteuerung im allgemeinen im Sinne seiner Partei. Die Stadt Ofienbach, fthrt der Redner fort, hat die kleinen Einkommen frei gelassen, auf Grund des Gemeindesteuergesetzes. Daraufhin hat b;c Regierung angefragt, welcher Anlaß bazn vorlag. Das charatterisiert dm Regierung. Abg. Ulrich kommt bann auf bie Bestätigung bes Beigeorbneten Tißnert zu sprechen. Ich glaube, daß der Herr Minister unsckmldig daran ist, darum will ich ihn nickst dafür loben. Wir Sozialdemokraten haben ein Recht darauf. .^er Landesherr nimmt keinen Anstoß daran, daß ein Sozialdemokrat zuM Beigeordneten bestättgt wird, das betone ich hier ausdrücklich. Der Redner geht dann auf die Eisenbahnfrage ein. Aus den Ueberschüssen der Eisenbahnen sollten auch wir Reserven bilden, wie Preußen. Die Warenhaus- und Gewerbesteuer bekämpft der Redner. Tie '.Firmen werden nicht die Steuer tragen, sie werden sie auf die Konsumenten abwälzen. In letzter Linie sind die Leidtragendeii die Arbeiter, die für die Wareiihäuser arbeiten. Was die Frage des Domänenakguisittonsfonds anlangt, so ist es klar, daß wir als Kammer nicht einfei tig den Vertrag lösen können, der zwischen dem Fürsten und dem Lande abgeschlossen wurde. Es Müßte aber eine Revision des Landtagsabsclstedes vom Januar 1841 vargenommen werden. In bezug auf die Besoldungsvorlage tritt bet Rebner für die Wünsche der Schreib- gehilftn ^,^on-zminister Dr. Brann behält sich nach Schluß der Rede des Abg. Ulrich vor, auf einzelne Punkte noch zuriick- zukommen. _ , „
Damit ist die allgemeine Besprechung über den Hauptvoran- schlag erledigt. „
Schluß ber Sitzung 12.20 Uhr. Forfietzimg morgen Freitag, vormittag 9 Uhr. ~
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Gießener Anzeiger
General-Anzeiger für Gberhessen
Haupt jebe Steuererleichterung, sofern sie möglich ist. Die Erste Kammer will bie weiteren Ueberschüsse für einen Steuerregulie- rungsfonbs fetzlegeu, zum Abbau ber Steuererhöhnng von 1910. Jebenfalls ein agitatorisch gut verwertbarer Gebaute. Hier ist er ernster zu prüfen. Erfreulich ist es, baß ihn bie anberen Parteien gleichfalls ablehnen. Praktisch bebrüten alle diese Pläne, die Eisenbahnüberschüsse mit mindestens fünf bis sechs Millionen statt der vorgesehenen zwei Millionen zu den laufenden Ausgaben heranzufiehen. Bisher sind aber in 14 von 15 Jahren die reinen Ueberschüsse unter der Summt von vier Millionen geblieben. Die Meinungen scheinen sich in dieser Hinsicht geändert ru haben. Als er, Redner, im Vorjahre die Festsetzung des Anteils der Verwaltung an den Eisenbahneinnahmen auf zwei Millionen, anstatt wie erst vorgesehen IV2 Millionen, anregte, habe man ihm widersprochen, heute gehe man weit darüber hinaus und an eine Verwendung der Eisenbahnüberschüsse zu Vermögensausgaben zum Zwecke dar Verbesserung der Eisenbahnrente denke man überhaupt nicht mehr. Die 1. Kammer habe damals eine Bindung in dieser Richtung abgelehnt, er, Redner, lehne dagegen eine Bindung in anderer Richtung lediglich für das Steuerinteresse der 1. Kammer ab. lieber die späteren Ueberschüsse muß von Fall zu Fall je nach Lage der Verhältnisse entschieden werden. Kann die Steuererhöhung für 1915 unterbleiben und eine Entlastung ber unteren Klassen ftatffinben, bann ist das schon eine respektable Leistung. Haben wir bann noch Gelb, bann liegen andere Aufgaben näher als eine allgemeine Steuerherabsetzung. Vor allem bie Herabsetzung der Sternpel- fteuern, die Uebernahme der Volksschullasten auf den Staat und «mberes Jedenfalls sollte, man das Fell nicht eher verteilen, Iipor der Bär erlegt ist. ' Auf alle Fälle aber werden die Beamten, die bei der Erhöhung schlecht weggekommenen Pensionäre und Witwen, die Schreibgehilfen usw. cs nicht verstehen, wenn man ihre Wünsche mit dem Hinweis auf die Finanzlage zurück- Rveist, während wir uns hier darüber unterhalten, was wir mit den erhofften Ueberschüssen anfangen sollen. Es ist ebenso sehr vor unberechtigtem Pessimismus wie vor übertriebenem Optimismus zu warnen.
Der Redner bespricht sodann die Notwendigkeit der Revision des Eisenbahnvertrages und kriiisiert scharf das 5)inausziehen der Verhandlungen über die dieserhalb gestellten Anträge. Der Eisenbahnvertrag in seiner jetzigen Gestalt sei ein großes Hindernis für eine allgemeine deutsche Eisenbahngemeinschaft.
Zur Reichspolitik übergehend bespricht der Redner die Besitz st e u e r f r a g c im Zusammenhang mit der zu erwartenden Militärvorlage. Obwohl nach dem Antrag Bassermann-Erzberger die Besitzstcuervorlage bis zuni 30. April 1913 eingebracht sein
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Aur den Reichrtagsaurschirssen.
:: Berlin, 13. Febr.
Der Marinevoranfchlag im Bubgelausschuß
In der heutigen Sitzung des Budgetausschusses wurde durch eine Mehrheit von Zentrum, Sozialdemokraten il n d Polen bei Stimmenthaltung der Volkspartei eine Ent - l IIIMI H I! --I---
Studentenschaft selbst eingerichteter Vortrag über ein derartig patriotisches, der Ewörterung besonders würdiges Thema, nur von ein paar Studenten besucht war. Tie Anforderungen an die Studierenden sind groß. Taß sie nach ihrer hatten Tagesarbeit nickst jeden Llbendvottrag besuchen wollen, i|t selbstverständlich, sie sollen auch der Erholung und dem Sport sich hingeben. In diesem Falle darf die geringe Beteiligung der Studenten immerhin bemerft werden, da die Ankündigung diesen Vortrag ausdrücklich als zur Vorfeier der nationalenGebenk- t a g e gehörig bezeichnete dem gegenüber etwaige Abneigung gegen die Veranstalter nicht in Betracht kommen sollte.
Tas alles ist aber nur beiläufig. Die Absicht dieser Zeilen ist eine andere. Die Studentensck>aft veranlaßt Vorfeiern. Sogar unser Theater bat durch die ausgezeichnete Aufführung von Bir ts Drama „Aus eiserner Zeit" solche Vorfeiern rechtzeitig mit inauguriert. Temgegenüber kann man sich nur wieder verwundern, daß die Universitätsstadt Gießen, sonst nicht zurückhaltend in Festen, sich Über eine eigentliche Hauptfeier vollständig ausschweigt. Es handelt sich hier doch wahrhaftig nicht um patriottsches Hurrageschrei. Einer großen, einer gewaltigen Zeit soll gedacht werden, in der zu höchsten Zielen nicht bloß Widerstand und Kräfte, sondern alle herrlichsten Mächte des Gemüts, nicht nur bei Männern, sondern mich bei unseren Frau ei' unaufhaltsam hervorbrachen. Wären wir denn freie Deutsche ohne diese Opfer unfercr Väter? Hätten wir unsere Kultur ohne diese Vetteidiger, die Gut und Blut ohne Nebengedanken hergaben, nicht für sich, sondern für die Zukunft des Vaterlandes, für uns! Wir wollen keinen Siegesjubel wiederholen, der vor 100 Jahren aus den Herzen quoll, aber wir wollen der Vorfahren und ihrer Taten gedenken in feierlicher Weise. Das ist Pftickst, das ist Erhebung, das ist auch Hebung, zu gleichen Opfern bereit zu sein, wenn das Vaterland noch einmal in Gefahr geraten sollte.
Warum hört man in Gießen kein Wort von einer solchen Gedenkfeier? Wir kennen die Sparsamkeit unserer Stadtverwaltung und wir schätzen sie, aber wenn etwa nur diese Rücksicht davon abhalten sollte, der Begeisterung und dem Gefühl unauslöschlicher Dankbarkeit freien Lauf zu lassen, dann Fann man nur wünschen, daß etwas Idealismus auch einmal der Stadtverordnetenversammlung vom Himmel gesandt werde, um diese stumme Gleichgültigkeit aufzuwecken. Ist die Stadt Gießen wirklich nicht in der Lage, Opfer für Imponderabilien zu bringen, die höher stehen, als die schönste Bilanz, dann hoffen wir, daß die Universität mit ihrer Stnbentensckfaft, obwohl nur das Stieskinb der Stcwt, an ihre Stelle tritt, um mit Wort und Fackelschein die Erinnerung zu feiern an unsere große Zeit und ihre Träger.
Prof, Dr. A. Hansen.
Vom Konzertvereiii wird uns geschrieben:
Beethovens Missa solemnis wird jetzt zum dritten Male ißieyen aiifgeführt. Sie ist jedem Musikfreund so bekannt, daß iberflümg 'erscheinen dürfte, auf Einzelheiten dieses urgcroaltigen Werkes, welches nur noch in Bachs H-moll-Messe und der Mat- 'Ihäus-Passion Rivalen auf dem Gebiete des geistlichen Ora- loriums hat, einzugehen. Taher nur einige historisch interejfante (Erläuterungen: Eine äußere Veranlassung war es, die ,ie in neuerer Zeit den Kunstverständigen naher brachte, .die Feier Ler 100 Wiederkehr des Geburtstags des großen Meisters (geb. Zu Bonn 17. Dezember 1770). Von dieser Zeit ab wuchs das Verständnis und die Hingabe an das außerordentliche Werk, dcw ton berühmten Chorvereinigungen, wie dem Riedelverem in Leip- Zig, dem Philharmonischen Chor in Berlin u a„ m regel- rniäßigen Aufführungen immer wieder vorgefuhrt wurde. Zum «rsten Male vollständig kam die Meße 1824 m Petersburg mit richt sonderlichem Erfolge zu Gehör, wie es bei der damaligen Beurteilung der letzten Werke B. erklärlich-war. .^n deuftchen Landen erlebte sie die Uraufführung 1830 in dem Städtchen Wormsdorf in der böhmischen Lausitz, das sich damit einen unvergänglichen Ruhm erwarb. Erst- der Vorführung auf einem -rheinischen Musikfeste im Jahre 1844 gelang es, die Auftnerk- iimfcit größerer Kreise zu erregen und weitere Aufführungen cn anderen Orten zu zeitigen.
Betthoven war es nicht vergönnt gewesm, das Werk als Ganzes zu Gehör zu bringen. Er batte es für den Erzherzog Äudols komponiert, feinen begabten Schüler, und hohen Gönner, ler 1819 zum Erzbischof und Kardinal von Olmutz ernannt und 1820 eingeführt worden war. Auch die Klaviersonate, op. 106, -ist ihm gewidmtt. 1818 begauii Beethoven bie Me,se und schrieb 1819 das Credo. Doch zur Einsetzungsfeier konnte die noch un- lollenbctc Messe nicht aufgefühick werden. 1822 entschuldigt sich 1er Meister bei dem Erzherzog. Am 19. Marz 1823 erst konnte er rim eine Kopie überreichen. Die Schwierigkeiten des Werkes galten damals für unüberwindlich. , Heutzutage kennt feder ^iisi- ^alische die Messe und bewundert ihre alles überragende Große, Mackstsülle und die Tiefe religiösen Empfindens Wo dieses Werk mit ausreichenden, gut vorbereiteten Kräften auf geführt Wrbe, war die Wirkung sttts eine begeisternde und ergreifende. -Auf die Criginalbartihir, die in der Berliner Bibliothek auf- ^ewahtt wird, schrieb Beethoven die Worte: „Bon Herzen ^kam 's, zum Herzen soll es gehen" und in einem Briefe wom -3. ^san. 1823 bezeichnete er das Werk als „das gelungenste feiner Geistes- ttobuttc".


