Ausgabe 
15.8.1913 Zweites Blatt
 
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Nr. <90

Zweiter Blatt _ 165. Jahrgang

Erscheint täglich mit Ausnahme des Sonntag«. Y gL A A A AA A A Y AA

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.Anzeiger^ viermal wöchentlich beigelegt, da« Mc 9 W- B 3 IL I R Q M öLÄ Z.L

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ßreitag, 15. August 1915

Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schen Universität- Buch- und Eteindruckerei.

R. Lange, Dietzen.

Redaktion, Expedition und Druckerei: Schul- strotze 7. Expedition und Verlag: e^6)51.

Redaktion: 112. Tel.-Adr.: A,i-eigerG»etzen.

Gemeinnützige RcdjtsausfunftsftcIIen.

lieber die Rcchtsbelchrung der minderbemittelten Volkskreise im Jahre 1912 bat die Abteilung für Arbeiterstatistik im Kaiser lichen Statistischen Amt in einer Sonberbcilagc zumReichs arbeitsblatt" interessante Angaben gemacht. Die Erhebungen süt daS Jahr 1912 haben einen ziemlich weiten Umfang angenommen. Namentlich ist auch die Rechtsauskunftsettellung der Bercinigun gen von Privatangesteltten in die Statistik rinbezogen worden Im allgemeinen erstreckte sich diese Statistik nur auf diejenigen Rechtsauskunft.stellen, die an alle Besucher ober an minder bemittelte unentgeltlich ober gegen eine geringe (Gebühr Recht s- aud Fünft erteilen. Insgesamt verzeichnet der Bnicht 9 16 Äus - kunfts stellen, die zusammen nicht iveniger als 1 841 364 Auskünfte erteilten und 468 028 Schriftsätze anfertigten.

Äus den Einzelheiten heben wir hervor: Gemein^iche und staatliche Rechtsauskunftsstellen haben für 1912 im ganzen 119 auf die Anfrage des Statistischen Amts Berichte eingesandt. Tie AuSkunslserteilung erfolgt an alle oder nur an Minderbemittelte. 3n einigen fallen, z. B- in Gotha, wird in prioatrechtlichen Angelegenheiten nur an solche Personen Auskunft erteilt, die mit nicht mehr als 2000 Mark Jahreseinkommen veranlagt sind. Einige der betreffenden Stellen haben gewisse Rechtsgebietc von der Auskunftserteilung ausgeschlossen, davon sechs das Strafe recht, rtür Auskünfte erhebt keine dieser Stellen, für Schrift- fatze einige, Gebühren. Zuschüsse vom Staate bezogen 44 Stellen, darunter drei solche, von über 3000 Mark. Von Streifen erhielten 15 Stellen-Zuschüsse, von Handelskammern 5, von Handwerks Kammern 3.

Rechtsauskunftsstellen gemeinnütziger Vereinig tru­gen bestanden 32, gegen 29 im Vorjahr. Auch hier zahlten Staat und Gemeinden sowie andere öffentliche SVorporationen Zuschüsse. Mit wenigen Ausnahmen gehören die gemeindlichen und ftaat Men Auskunftsstellen sowie die gemeinnütziger Vereinigungen dem Verband der deutschen gemeinnützigen und unparteiischen Rechtsauskunftsstellen in Lübeck an. Dieser Verband gründete 1912 eine Zentralstelle zur Bekämpfung der Sckivindelfirmen. besonders auf fy?m Gebiete der Grundstücks und Htipothekenoermitt hing. Eine Flugschrift, in der das Geschäftsgebaren der Schwindel- firmen dargestellt ist, mürbe von der Zentralstelle an sämtliche Amts- und Landgerichte, an zahlreiche Rechtsanwälte und an die Zeitungen versandt. Tic Zentralstelle ersuchte um Mitteilung aller Betrngsfalle von Schwindelfirmen und erklärte sich zur Auskunsterteilung in diesen Angelegenheiten bereit. Durch einen Erlast des preutzischen Ministers für Handel und Gewerbe wurde diese Einrichtung zur Bekämpfung der Schwindelsirmen den Han delsvertretungcn und Regierungspräsidenten empfohlen. Sehr in­teressant sind auch folgende Mitteilungen: Von der öffentlichen Rechtsauskunftsstellen in Lübeck wurde in Verbindung mit dem Haus- und Grundbefitzerverein Lübeck ein Einigungsamt für Mietsstreitigkeiten eingerichtet. Ter Haus und Grundbefitzerverein erklärte sich bereit, in seinem Mietvertrags­formular die Bestimmung aufzunehmen, datz Ansprüche aus dem Mielverhältuis vor Gericht durch Silage und Widerklage nicht geltend gemacht werden dürfen, bevor die Einigung vor dem Einigungsamt erfolglos versucht ist. Die Geschäftsordnung sieht ür die Leitung des Einigungsamts einen unparteiischen Vor- ipenden den mit der Leitung der öffentlichen Rechlsauskunfts- telle betrauten Oberbeamten deS Stadt und Landesamts sowie je 6 Beisitzer aus der Zahl der Vermieter und der Mieter, sowie die gleidK Zahl von Ersatzmännern vor.

Bon Rechtsauskunsts- und Schutzstellen für Frauen, die von Frauenvereinigungen eingerichtet find, haben 93 berichtet. Auch hier sind Zuschüsse, freilich in recht geringer Höhe, vom Staat, von Gemeinden und von privater Seite zu cr- zeichnen. Die Frauen-Rechtsauskunsts- und -schutzstellen sind zu­meist deut Rechtssckmtzverband für Frauen in Halle a. S. ange- schlossen.

Mit ftattlidten Zahlen erscheint in der Statistik die 0e- neraltom miffto n der Gewerkschaften Deutsch­lands, die über 119 Arbeitersekretariate und 211 Auskunfts­stellen der Gewerkschaftskartelle berichtet. Die Sekretariate wur­den von 526 002 männlichen und 106 413 weiblichen Arbeit- n hmern und deren Angehörigen in Anspruch genommen. Von den Auskunftsuchenden waren 484 628 organisiert. Tas Zentral­arbeitersekretariat, das nur die Vertretung vor dem Reichsver­sicherungsamt übernimmt, erledigte im Berichtsjahre 2343 Sachen.

Ter Verband der Deutschen Gewerkvereine (Hirsch- Tunckri beridnet über die Tätigkeit von 9 Arbeitersekretariaten, von 29 Auskunftsstellen (1911: 30) und 17 Auskunstsbureaus (1911: 11). Tie Sekretariate werden von einem bestellten Beamten

verwaltet und sind den ganzen Tag geöffnet. die Rechtsauskunfts stellen werden nebenamtlich von Agllanonsbcamten geleitet und haben bestimmte Sprechstunden: in den Auskunstsbureau teilt ein Gewettvereinsmitglied, das noch in Arbeit steht, nad' SkAus seiner Arbeitszeit Auskunft Im ganzen wurden ins B< richtsjahre 58 365 Auskünfte erteilt und 11 185 Schriftsätze an gefertigt gegen 52260 bzw. 11115 im Jahre 1911 und 39413 I bzw. 9180 im Jahre 1910 Von den Auskunftfudxmden war?n 10 856 organisiert, 17 509 keinen Verbänden angcschlossen: neben 53 327 Männern suck'ten 5038 Frauen Rechtsberatung. Neben den Ausgaben für die Sekretariate, Auskunftsstellen und Bureaus in Höh' von 36 866 Ml' gaben nack) dem Jahresberichte 13 Ver bände 11 790 Mk. für Redtssckutz aus Dem Vertreter am Reichsversicherungsamt gingen im Berichtsjahre 330 neue StrriN'acken zu. davon waren 314 Unfall« und 14 Invaliden sacken. Zuzüglich der aus dem Vorjahre iibern.mrmcncn Sachen wurden 304 erledigt und 12 wegen Aussichtslosigkeit abgelehnt Zn 51 Fallen wurde ein tarier Erfolg, in 57 Fällen ein teilweiser Erfolg erzielt.

In der Statistik find wester vertreten dir christlichen Ge tperffdaftcn, eine p.'lnisdx Berufsvereinigung, die konfessionellen evangelisd^en und katlrolischen Bereinigungen und die Rechts auskunstsstellen polnischer Vereinigungen. Arbeitgeber« rechtsauskunftsstellen bestehen im Betriebe der preutzi scheu Berg«, Hütten» und Salinenverwaltung, sowie in einigen großen Privatbetrieben, wie z. B. in der Farbenfabrik vorm Friedrich Bager u. Eo. in Leverkusen. Ter Deutsche Buchdrucker verein in Leipzig hat schm im Jahre 1910 eine Rechtsauskunsts stelle für das deutsche Duchdruckereigewerbe errichtet.

Noch nicht sehr weit fortgeschritten ist die Reckstsbelehrung für die ländliche Bevölkerung, obwohl auch Iricr bereits crrrcultdK Anfänge zu verzeichnen sind. Neuerdings bemühen sich audi die Landwcrtsd-astskammern, der 'Deutsche Landwirt schaff sr.rt und das Preutzisd)e Landesökonomiekvllegium um den Aushau dieser Ginridtung. Ebenso erteilen die ländlichen Ge nossensck asten eine umfangreiche und in stetigem Matze wachsende Rechtsauskunft.

Unter den gemeindlichen und staatlichen Rechtsauskunftsstellen und denen der gemeinnützigen Bereinigungen erstrecken einige ihre Tätigkeit auf das Land oder sind gar für das Land bestimmt So sind die Bolksauskunftsstellen in Mobilrg und Gotha für die ganzen Herzogtümer, ferner die Rechtsauskunftsstelle in Rudol floht für die Oberherrschaft des Fürstentums Sckwarzburg zu ständig. Eigene Rechtsaustunftsstellen haben die Greife Köthen, Gelseniirck n, Osthavelland, Solingen, St stz, Mettmann und Wor bis errichtet. Bom MtcioL.mtmunaloerbaiü> Insterburg ist am 1. ?lpril 1913 eine öfst-ntliche gemeinnützige Reckstsauskunftsstelle geschaffen worden. Auch der Kreis Pr.-Holland beabsichtigt eine Rechtsauskunftsstelle einzurichten, für die der Kreistag 600 Mk. in den Boransck-lag eingestellt hat und die von den Raiffrisen-Or- ganisationen unterstützt werden fort. Bon den gemeinnützigen Ver einigunaen stehen auch der ländlichen Bevölkerung zur Verfügung die Rechtsauskunftsstelle für den Kreis Gelnhausen, für den Kreis Hirschberg, des Kreis Steinburger gemeinnützigen Vereins und die des gemeinnützigen Vereins des Kreises Rendsburg. Auch die städtischen und die sonstigen von gemeinnützigen Vereinen er­richteten Rechtsauskunftsstellen dehnen ihre Wirksamkeit zum Teilauf das umliegende Landgebiet aus. Von Landarbeiter­vereinigungen gewährt der Deutsche Landarbeiterverband, welcher der Generalkommission der Gewerkschaften Deutschlands angeschloffen ist, Rechtsauskunft und -schütz, ferner der christliche Zentralverband der Forst-, Land- und Weinbergsarbeiter Deutsch" lands, Essen iRührt. Auck der Mlgemrine Stallschweizerverband, Plauen, und der Allgemeine Sckweizerbund, Leipzig, haben den Rechtsschutz ihrer Mitglieder übernommen.

Eisenbahn- und poftassiftenten.

Wir werden um Aufnahme folgcncer Ausführungen gebeten:

Am 10. Juli hat Herr Minister v. Breitenbach einer Ab­ordnung des Eisenbahn-Assistenten-Verbandes milgeteilt, datz den Assistenten der preutzisch-hessischen Eisenbahnverwaltung vom näck>- ft en Etatsjahr ab eine Erhöhung ihrer Gehaltsbezüge zugedacht ist. Das Anfangsgehalt, bisher 1650 Mark jährlich, wird künftig 1800 Mark und das Endgehalt, bisher 3300 Mark, soll vom nächsten 1. April ab 3600 Mark betragen. Es war eine sehr liebenswürdige Handlung des Herrn Ministers, datz er diese Freudenbotschaft den Vertretern der Eisenbahnafsistentenschaft per­sönlich verkündete. Grotze Freude herrscht nun in dieser Beamten­klaffe, die, wie einmal im Abgeordnetenhause gesagt wurde, die

Kerntruppe des Eisenbahnbetriebes barfttlli. Die GedallSfrage hit für die betreffende Beamtenkategorie nicht nur eine materielle, sondern eine ebenso grotze ideelle Bedeutung, denn mit biefer Gehaltserhöhung wird die (fifenbabnaffiüentenidiait wiederum, wie bereits ui den Jahren 1907 ben Postassistenten gleichgestellt Die Postasfistenten erbeben aber, wie sie in einer von mehrernt Zeitungen veröffentlichten Zuschrift erklären, den Anspruch, eine höhere Stellung einzunehmen, als die Eisenbahnassistenten. Um diesen Anspruch begründen zu können, stellten sie künstlich einen Unterschied zwischen Cberpoflaffiftcnten und Postasfistenten her, der in Wirklichkeit nicht epftiert, und behaupten überdies, ,chie Laufbahn der Oberpostassistenten weiche von der Laufbahn der preutzischen Eisenbahn-Assistenten ab". Es ist richtig, datz die Oberpostassistenten bis zum Jahre 1895 eine besondere, höhere Gehaltöskala befapen als die Postasfistenten. Im Jahre 1895 wurden diese beiden Gehaltsklassen, deren Trennung keine innere Berechtigung hatte, zu einer ttzeballsllasse verschmolzen. Jeder Postassistent, der sich nidsts Erheblid>es hat zu Schulden kommen lassen, erhält nach 5 Jahren den Titel Oberpostaffistcnt. Eine Veränderung der dienstlichen Stellung und eine höhere Besoldung wird dadurch nicht herbeigeführt Audi bei den Eisenbahnassistenten ist dasselbe Titelverhältnis in Kraft. Auch der Elsenbahnassistent erhält nach 5 Jahren vorwurfsfreier Dienstzeit ben^Titel Ober- bahnaffiflcnt, ohne datz damit eine höhere bicnftlidtc Stellung und eine höhere materielle Bewertung verpknüpft ist.

Es ist erllärlich, datz die Cbcrpoftafiiftenten sich deii früheren Vorzug einer höheren Elebaltsklasse zurückwünsck>en. Da ihr Wunsch aber keine innere Berechtigung hat, wird er kaum je in Erfüllung gehen und auch die Gutachten von Professoren, die sich derVer­band mittlerer Post- und Telegraphenbeamten" zu öcrvbaffen gemußt hat, können nichts daran ändern. Es lätzt sich nicht an- nehmen, datz die Postverwaltung zu einem organisatorisckren Fehler, den sie erkannt und deshalb abgestellt hat. wieder zurückgrelfen! wird, nur weil die betreffende Beamtenklasse sstb in die sachlich durck>aus begründete Äenderung nicht finden will. ES soll nicht bestritten werden, datz der Wirkungskreis der Postassistentenklasse sich in letzter Zeit erweitert hat und datz ihr Dienst schwieriges und komplizierter geworden ist. Das gilt aber nickt nur von den Obervostasftstenten der Postverwaltung, sondern ebenso sehr von den jüngeren Assistenten, die ja denselben Dienst haben, wie ihre mit dem TitelOder" geschmückten Kollegen. In noch höherem Grade aber ist dies naturgemäß der Fall bei der gesamten Eisen- bahnafsistentenllasse infolge der ungeheuren Entwicklung dcS Eifcn- bahnverkehrs.

Wenn die Lberpostassistenten behaupten,ihr Rang und Dienstverhältnis entspräche genau dem der preutzischen Eisenbahn­betriebssekretäre", so hoben sic sich, ohne es zu tvollen, damit selbst ab absurdum geführt. Nämlich schon feit Jahren werden Eisenbahnbetriebssekretäre nicht mehr ernannt; ifjrc Stellen wer­den in Eisenbahnassistentenstellen umgeroanbcU und ihr Dienst wird bereits zum großen Teil von Eisenbahnassistenten versehen. Mit dem letzten der noch lebenden Eisenbahnbetriebssekretärr wird diese Stellung demnach oussterben und ousschlictzlich der Ässisten- tenllasse übertragen sein Wenn die Oberpostassistenten also der Ansicht sind, datz diese Stellunggenau" der ihrigen entspräche, so haben sie damit selbst erftärt, datz der Dienst der Eisenbahn- assistenten auf derselben Höhe stehe wie der ihrige.

Datz der Dienst der Eisenbahnassistenten dem der Postassisten- ten in feiner Hinsicht nachsteht, sondern im Gegenteil schwerer, verantwortungsvoller, gefahrvoller und, wegen des vielen Nacht­dienstes, gesundheitsschädlicher ist, ist übrigens von Ministern und Abgeordneten wiederholt anerkannt worden.

Was die Vorbildung betrifft, auf die sich die Postasfistenten häufig berufen, so seien hier die tatsächlichen Bestimmungen und Verhältnisse kurz erwähnt 3 7 der Postafffstenten sind Militär­anwärter. Die Zioilanwärter der mittleren Postbeamtenkarriere, die die übrigen 1 7 stellen, brauchten bis zum Jahre 1900 nur eine abgeschlossene Volksschulbildung Nachweisen: seitdem wird von ihnen das Zeugnis der Reise lür die Sekunda einer neun- stufigen höheren Lehranstalt verlangt. Viele Poftgehilsen besitzen darüber hinaus das Einjährigen-Zeugnis. Die Eiseubahnaffisten- ten ergänzen sich zu 2/3 aus Militäramvärtem, das übrige Drittel setzt sich aus ehemaligen Eisenbahn-Supernumeraren, die die Fack>- Prüfung 1. Klasse nicht bestanden haben, und aus ehemaligen Unterbeamten zusammen. Von den Eisenbahn-Supernumeraren wird das Zeugnis der Versetzung in die Obersekunda einer neun- stufigen höheren Lehranstalt gefordert.Bewerber, welche die 9ieifc für die Oberprima einer neunftufigen höheren Lehranstalt erworben Haden, werden vorzugsweise berücksichtigt", heitzt es aber wörtlich in den Bestimmungen. Bei dem großen Andrang haben tatsächlich nur noch Abiturienten und Oberprimaner ^lussicht aus baldige Einstellung. Autzerdem können Unterbeamte, die sich

wo; eine Schweizer Reife vor 200 Zohren kostete.

Reick an fdrönen Erinnerungen, aber vielfach mit leerem Beutel kehren jetzt die Ferienreisenden nach Hause zurück, und seufzen wohl, wie teuer es hock, unterwegs ist, und wieviel das Reisen kostet. In solcher Stimmimg wird es manchem einen Trost bereiten, datz frühere Fahrten in die Fremde noch bebcuienb viel mehr Geld verschlangen, und ein Tourist des 18. Jahrhunderts, unternähme er heute seinegrotze Tour", die Hände überm Kopf zusammen schlagen dürfte ob der großen Billiget, der er überall begegnet. Die Reisekosten aus einer fernen Vergangenheit genau Ni berechnen, ist sehr schwierig, da fdten exakte und vollständige Eingaben erhalten sind. Deshalb gewinnen besondere Wickttigkeit die Recknumten über eine Schwerzerreise im Jahre 1731, die der preutziscke Gerichtsrat d'Alenevn seiner vorgesetzten Behörde, dem Generaldirektorium, emgerricht hat, und die unter den Akten des Geheimen Staatsarchivs zu Berlin bewahrt werden. Der Beamte batte von König Friedrich Wilb.'lm I. den Auftrag erhalten, zu den wegen ihres Glaubens hartbedrängten Waldensern, die vor den Verfolgungen des Königs von Sardinien nach der Schweiz geflüchtet waren, zu reisen und zu prüfen, ob unter ihnen tüchtige Handwerker und fleitzige Ackersleute wären, die in Lst- preutzen angesiedelt werden sollten.

D'Wen<7vn trat am 4. März 1731 seine Reise von Berlin aus an und benutzte bis Frankfurt a. M. dieorbtnairc Post", der er für ''eine Beförderung und für die seines Dieners, foimc 120 Pfund Ueberfradxt 39 Taler 22 Groschen zahlen mußte. Am 12. März kam er in Frankfurt an. Die Rückreise auf^der- selbeu Strecke kam ihm billiger zu stehen. fic kostete nur 32 Taler 12 Groschen, dauerte aber dafür viel länger, vom 27. November bis jum 16. Te;cmbcr. Die 25 Mellen von Frankfurt nach Straffburg mutzte der (tzerickcksrat, da fcinc Post ging, in einer Landkutsche SurürÖt'gen, für die er 10 Taler 8 Groschen betagte. Dafür brauchte er aber auck' mehrere Tage, während man heute in rin paar Stunden die Strecke zurücklegt. Von Straffburg nach Basel gelangte er mit derreitenden Post"', also dem schnellsten damaligen Be­förderungsmittel, in einem Tage. Für die 10 Mellen weite Fahrt vvn Basel bis Bern bezahlte er 10 Taler 12 Groschen Von dort machte er dann während seines ganzen drrivierte!lährigen Aufenthaltes in der Schweiz vielfache Reisen in Geschäften, aus deren Speien hervorgeht, daff das Reisen zu Wasser billiger war als die Fahrt mit Post oder Wagen.

Das den Unterhalt anbelangt, den der Gericktsrat für sich und seinen Diener auf der Reise bestritt, so waren ihm an Zehrungskosten" 2 Rrickstcller täglich für sich und 12 Groschen für seinen Bedienten bewilligt. EL lätzt sich jedoch feststellen, daß

d'Meneion seine Diäten nicht völlig aufbrauchte, sondern datz er den Tag über für seine Person mit 1 Taler und 8 Groschen aus­kam. Für einfache Leute gestalteten sich die Lebensverhlltniffe viel büliqer. Das erhellt aus den Aufwendungen, die der Beamte für btc Verpflegung der an geworben en Seidenweber auf der Rück reife nach Berlin machte. Die Zehr ungelösten für diese Leute und ebenso für den Diener des Gerickusrates schwanken zwischen 4i 2 und 6 Groschen pro Tag. Auch Leute der höheren Stände, dte aber jticfrt mit solcher Beguemlichkeit reiften, wie unser &t- ricktsrat mit fernen Mxm Diäten, konnten wohlfeiler leben. Aus den Rechnungen geht hervor, daß sie etwa 12 Taler für den Tag brauchten. siegreich Maire, der die Reifekostenberidste d'Alen^ons im -)lrckiiv für Kulturgeschichte oeröffentlieht hat, kommt nach eingehenden Umersuchungen zu einem imeressanten Ergebnis Die Reise führte von Berlin über Halberstadt und Kassel nach, Frankfurt a. M., dann nach Bern, Neuchätel, Gens, Lcmsannc: dann wurden zwei Abstecher, ein längerer an den Genfer See und in das Waadtland und ein kürzerer nach Lausanne gemacht, und dann die Rückreise auf bemklbcn Wege angetreten. Die Transport­kosten für zwei Personen betrugen zusammen ungefähr 245 Taler. Die Verpflegungskosten beliefen sich während der 91/? Monat dauernden Reise auf etwa 490 Taler. Der Herr gab dabei für Kost und Quartier 1 Taler 8 Groschen aus, nach unserem Gelde also 44i 2 Mk , der Diener 6*26 Groschen ober 70 Pfg Eine läTigere Reise in die Schweiz konnte also tm Jahre 1731 sckon mit 300 Talern unternommen werden. Um aber diese Kosten richtig riwzuschätzen, muff man bedenken, daff der Kawstvert des Talers damals sehr verschieden von dem heutigen nxrr; man mutz den Wert des Talers von 1731 mindestens auf das Sechsfache des heutigen Tret Markstückes veranschlagen Danach stellt sich das Verhältnis so, datz der tägliche Unterhalt den Reisenden etwa 25 Mark pro Tag und seinen Diener 44i, Mark kostete. Tas sind Snnnnen, wie sie heute nur wohl­habende Rrivnde anlegen. Die Beförderungskosten auf den von dem Gericktsrat benutzten Stierten würden aber heute für zwei Personen in der Nveften Klasse höchstens 120 Taler betragen. Die Reisenden haben fo mit 245 Talent nickt das Doppelte, sondern das Zwölf tacke ausgeyeben. Das Reisen an und für sich ist also in der Zell des Dampfes und der ElekfriMtäl jedenfalls viel billiger gMvrden.

Ein neolithisches Dors. Aus Frankfurt a. M. wird uns berichtet: Unter der Führung von Prof. Dr. Wolff besichtigten die Mllglleder des Geschichtsverrins und zahlreiche auswärtige Gelehrte das vor einigen Monaten entdeckte und jetzt

völlig'fteigelegte Dorf aus der jüngeren Steinzeit, einer prähistorischen Siedlung, wie sie an Eigenart bisher an keiner anderen Stätte Teutfchlands gefunden wurde. Au' einem 300 Meter langen und 200 Meter breiten Gebiet der Hilffchen Ziegelei zwischen Steinbach und Praunheim befinden sich zahl­reiche grone und kleine Wohngruben. Von diesem Gelände wurde jetzt eine Fläche von 90 Mtt. Länge und 12 Mtr. Breite gründlich untersucht, loobri man 20 Wohngruben fand und 12 von ihnen vollständig ausräumte. An einer 16 Meter langen Grube konnten in gleichen Abständen vom Rande 35 Pfostenlöcher nachgennefen werden, die nach dem Innern der Grube gerichtet waren. Hier­durch wurde der bisher einzige Beweis erbracht, datz die Wohngruben überdacht mären. In Gegenwart der Gesellschaft wurden noll- die Pfostenlöcher einer kreisrunden Grube frei­gelegt. Neben den meisten Wohngruben befanden sich zahlreidre Brandgräber, andere enthielten mehrere Vertiefungen, die Hcrd- und Wohnraumen dienten. Ta derartige neolithische Wohngruben mit Pfostenlöchern in Deutschland bisher nicht gesunden wuroen, dieses Gräberfeld aber in den nächsten Tagen bereits den Ziegel­arbeitern zum Opfer fällt, hat das Frankfutter historische Museum rin genaues Modell der neolfthifchen Wohngrubengruppe an» fertigenJaHen, um so auf diese Weife ein Bild dieser vorgeschicht­lichen Stätte zu erhalten. Wie Prof. Wolfs mitteilte, ivaren alle Wohngruben der Wetterau wie überhaupt dieser Landschaft den geschildetten gleich, doch find ihre auffallenden Merkmale durch den tiefpftugenden Dampfpflug beseitigt worden.

25 neue Statuen in Paris Tie Tenkmälerwut in der Srinestadt scheint trotz der Kaffandra-Rufe, die in jüngster Zeit von verschiedenen Sellen erhoben wurden, iwch im Wachsen begriffen zu fein. Tie Verwaltung der schönen Künste hat sich dieser Tage mit dem Plan zur Errichtung von 25 neuen Sta­tuen beschäftigen müssen, die fo bald als möglich Paris schmücken sollen. Es banbrit sich um zahlreiche große Persönlichkeiten der gallischen Gristeswelt, die durch Manumente verewigt werden sollen, um Mme. de Staöl, um Barbey d'Aurevilly, Villiers de l'JsloAdam, Edouard Eolonne u. a m. Daneben aber kommen auch abstrakte Begriffe zu ihrem Recht. Die Flugkunst z. B. er­hält ihr Denkmal und derRuhm der Kolonien". Dann werden ganze Verbände verherrlicht, fobie Frauen von 1870/71." Solch hübscher Ideen gibt es noch mehrere. DerFigaro" aber bittet angesicÄs dieser neuen Denkmalsflut, man solle doch wenigstens auch noch etwas Platz für die Zukunft übrig lassen.Unsere. Enkel werden auch ihre großen Männer haben: denn es gibt deren jetzt mehr und mehr. Wo werden sie sie kinsetzen^