Nr. 259
Drittes Blatt
M. Jahrgang
Erschein! täglich mit Ausnahme des Sonntags.
Eeneral-Anzeiger für Tberheffen
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Unterstützung der wirtschaftlich Schwachen, Hand in Hand damit geht die Vermehrung der kommunalen Tätigkeit. Das Beamtentum nimmt heute eine ganz andere Stelle ein wie früher und cs muß das ihm langsam wieder zufallende Vertrauen der Bevölkerung dadurch rechtfertigen, daß jeder Beamter sich als Mitarbeiter am Gesamtwohl fühlt. Die RechtsftcmdlM im Volke ist groß, unser heutiges Recht wenig volkstümlich und seine Handhabung sehr um- ländlich und schwierig. Das alles spricht nachdrücklich für die Rechtsauskunftsstellen. „ x
Der andere Vortragende, Dr. Hüttner (Essen), verglich die Weltfremdheit der Richter nrit der Rechtsfremdheit des Volkes. Die Rechtsaustunstsstellcn sind berufen, mitzuarbeiten, um das Volk für Recht und Staatsleben zu interessieren, Rechtskenntnisse zu verbreiten und das Rechtsgefühl zu stärken. Hierzu dienen besonders die gemeinnützigen Rechtsauskunftsstellen, deren Förderung auch eine Förderung der gesunden modernen Rechtsentwicklung be-
Handel unterstützten. _ .. „ .
Verbandsvorsitzender Oberbürgermeister Kaiser (Neukölln) besprach das Tl)ema „Die gemeinnützigen Rechtsauskunftsstellen des A u s l a n d e s". Er wies darauf hin, daß die führende Stellung Deutschlands auf dem Gebiete der gemeinnützigen Rechtsauskunft vom Ausland voll anerkannt werde, daß aber auch im Auslände selbst sel/r beachtenswerte Rechtsberatungseiurichttlngen bestehen. Die Vereinbarung gegenseitiger Gewährung von Rechtshilfe bezeichnete der Vortragende als außerordentlich wichtig und machte dahingehend ausführliche Vorschläge.
Ein Antrag, wonach die deutschen und ausländischen gemeinnützigen Rechtsauskunftsstellen sich vorbehaltlich der Zustimmung der zuständigen Organe zur Einrichtung einer internationalen Vermittlung von Rechtsauskunft und Rechtsschutz vereinigen sollen, wurde unter Darlegung bestimmter Regeln einstimmig gutgeheißen und der Deutsche Verband beauftragt, mit den Rechtsauskunftsstellen des Auslandes zwecks Anschlusses an die Vereinbarung heranzutteten, nachdem in einer kurzen Aussprache sämtliche Redner den mit Beifall aufgenommenen Ausführungen der Vortragenden beigetreten waren. — .Hierauf wurden die weiteren Beratungen auf morgen vertagt >
DarHraurnstimmrech» im Urteil der Männer Finnlands.
Seit den letzten Landtagswahlen in Finnland gibt es in diesem Lande des Frauenstimmrechts 21 weibliche Abgeordnete, also mehr als je vorher. Dieser Umstand verleiht einer Äcuherung angesehener finnischer Männer über das Frauenstimmrecht erhöhte Bedeutung, aus dem die „Zeitschrift für Frauenstimmrecht" ein Urteil herausgreift, nämlich das des Senators Let Mechelin, P-wsessors des Rechts an der Universität Helsingsors und Vizepräsident im finnischen Senat.
„Da die weiblichen Mitglieder keine besondere Partei im Landtage bilden," so urteilt Professor Mechelin, „so kann man sie
nicht als Ganzes beurteilen, sondern muß sein Urteil auf das stützen, was sie im einzelnen erreicht haben. In innerem Parlament wird die Hauptarbeit in den Kommissionen getan. Wir müssen dabei sagen, daß die Frauen, welche in die Komitees hinem- gewählt wurden, ihre Arbeit zu voller Zufriedenheit ausgefuhrt haben, ob es sich um Finanzen, um soziale Reform, oder um Erziehungsfragen handelte. Bei den Debatten im <f* nmn hat nicht jede Frau das Wort ergriffen — dasselbe laßt sich auch von den Männern sagen —, aber die Reden der Frauen ,landen in kein-r Hinsicht, weder an Sachkenntnis noch an rednerischer Begabung, hinter denen der Männer zurück. Die Reden der weiblichen Mitglieder, sowie auch die Gesetzgebung, welche sie befürworteten, zeigten deutlich, daß die Mitarbeic der Frau m der Gemeinde eine wesentliche Stärkung der Voltsvertretuug ist und daß ohne ihre Beteiligung viele Fragen seitens der Manner keine gründliche Behandlung erfahren würden. Zu den Reformen^ welche die Debatten in der Kammer den Frauen verdankt, zahlen wir: Reform des Eigentumsbesitzes in der Ehe: Besserung der gesetzmäßigen Lage unlegitimer Kinder; Mutterschaftsversicherung; Einführung iveiblicher Sanitätsinspektoren; Vorschläge xiir v'ör- derung der Sittlichkeit; Ausdehnung der Rechte der Frau im Staatsdienst. Diese Beispiele zeigen, daß unsere Frauen ihr^ Haupttätigkeit auf die Gebiete verlegen, weiche ihnen mehr Einblick in die öffentlichen Hebel gestatten als den Mannern. -La? ist in keiner Weise als Feminismus zu bezeichnen, sondern e» sind wirkliche Reformen zum allgemeinen Besten. In polftftchen Fragen, welche zu Parteizwistigkeiten Anlaß geben, hat sich nock keine Frauenstimme im einzelnen geäußert.. In den Parteien arbeiten Frauen und Männer friedlich nebeneinander, als delegiert« in freundschaftlicher Kameradschaft. In keinem einzelnen Fal! haben die Frauen Ursache gehabt, über Mangel an Rücksicht seitens der „Kollegen Klage zu führen. Was das soziale Leben iiui die Familie anbelangt, so hat die politische Mündigkeit der Frav keine üblen Folgen gezeigt, eher das Gegenteil.
Aus der Natur der Sache mußte schon der Besitz gleicher Rechte auf beiden Seiten einen veredelnden Einfluß auf beid« Teile ausüben, und daß das Stimmrecht der Frau schlimme Folgen für die Familie haben müsse, ist einfach, ein Schreckgespenst von schwachen Männern, erfunden aus Angst um ihre traditwnelle Autorität. In Finnland haben wir keine Ursache, die Durchführung dieser Reform zu bedauern, denn alles, was unser nationales Gefühl stärkt, und unsere nationale Solidarität erholst, kann in diesen kritischen Zeiten, da die russische Regierung unsere Autonomie bedroht, nicht hoch genug angeschlagen werden.
Eine Kindesentführerin vor Gericht.
4 Colmar i. E., 10. Oktober.
Unter der Anklage der Kindesentführung, des Diebstahls und der Unterschlagung hatte sich vor dem hiesigen Gerichte eine gemeingefährliche Person, die vielfach vorbestrafte 45jährige unverheiratete Amanda Gertrude Sophie Augusta W c m p e aus Elsfleth zu verantworten. Neben zahlreichen Schwindeleien, denen namentlich Hoteliers zum Opfer fielen, die sich durch die gewandte Art der angeblichen Osfizierswitwe, als die sich die Schwindleriir stets auszugeben pflegte, hatten täuschen lassen, wird ihr ein noch schwereres Verdrecken zur Last gelegt, nämlich die Entführung eines Kindes zu dem Zwecke, fich dessen bei ihren Schwindeleien zu bedienen.
Im Februar d. Js. war das siebenjährige Mädchen einer hiesigen Familie verschwunden, ohne daß es gelang, durch die Nachforschungen irgendeine Spur zu entdecken. Erst iiw Mai. wurde das Kind in Lübeck aufgefunden und seine Begleiterin, die jetzige Angeklagte verhaftet. Sie war im Januar hierher gekommen und hatte sich unter dem Namen Ellh Richter bei der Mutter des Kindes, einer Frau Schön, eingemietet und sich nach kurzer Zeit mit der Frau so angefreundet, daß die Frau Schön, deren Mann stets auf Reisen ist, fich herbeiließ, mit ihrer liebenswürdigen Mieterin einen gemeinsamen Haushalt zu führen. Eines Tages strat sie an Frau Schön mit der Bitte heran, diese möge ihr kleines Töchterchen mit nach Neubreisach fahren lassen, wo sie, die angebliche Richter, Bekannte besuchen wolle. Die Frau willigte in dem Glauben ein, daß es sich nur um eine kurze Abwesenheit handle. Die angebliche Richter durchzog mit dein Kind ganz Eli'aß- Lothriirgen, Baden, Württemberg und das übrige Deutschland und verübte unter falschen Namen allerlei'Kreditsckwindeleien, bis sie in Lübeck festgenommen werden konnte. Von ihrer Reise aus hatte die Angeklagte wiederholt an die Mutter des Kindes Postkarten geschickt, jedoch auf diesen niemals eine Adresse angegeben, so daß sie Frau Schön auch nicht um Rückgabe der zu einer Reise geliehenen goldenen Damenuhr samt Kette und Brötchen, sowie eines Pelzmantels und verschiedener anderer Kleidungsstücke mahnen konnte.
Die Angeklagte gestand die ihr zur Last gelegten Falle von Betrug im großen ganzen ein, wohl deshalb, »veil ihr das Gegenteil angesichts ihrer Vorstrafen — wegen Betrugs UrLmden- fälschung, Unterschlagung und .Gewerbsunzucht — schwerlich gc'
Samstag, st. Oktober WZ
Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schen Universitäts-Buch- und Steindruckerei.
R. Lange, Gießen.
Tie „Gießener Familienblätter" werden dem «Anzeiger" viermal wöchentlich beigelegt, das „Kreisblßtt für den Kreis Gießen" zweimal wöchentlich. Die „Landwirtschaftlichen Seit- fragen" erscheinen monatlich zweimal.
Ein neuer Spionageprozeß.
)( Leipzig, 10. Okt. Das Reichsgericht verhandelte heute unter dem Vorsitz des Senatspräsidenten P e l a r g u s in einem neuen Spionageprozeß. Angeklagt sind: der 48 jähr. Gastwirt Bernhard K r e u t n e r aus Speck bei Grevenbroich, der Schlosser Reinh. Dringen berg aus Allendorf, der Schlosser Aug. Schäfers aus Langendreer, sämtliche.in Essen und Borbeck wohnhaft, und der Sprachlehrer Sylvestre de Sacy aus Pont l'veque, zuletzt wohnhaft in Köln. Die drei erstgenannten Angeklagten sind beschuldigt, sich Zeichnungen von wichtigen Gegenständen wie hydraulischen Pum- >en und Geschoßteile sich angeeignet zu haben, d e S a c y soll versucht haben, derartige inMOtteresse der Sicherheit des Reiches geheimzuhaltende Gegenstände an sich zu bringen. — Die Anklage vertritt Reichsanwalt Schwcigger. — Der Angeklagte Kreutner, der nicht beim Militär gedient hat, ist wegen Anfertigung falscher 50-Mark-Scheine bereits vorbestraft. — Der Angeklagte Dringenberg arbeitete nach seiner Mililärzeit zuerst auf der Germania-Werft und trat später zu Krupp über. Er ist wegen schweren Einbruchsdiebstahls zu einem Jahr Zuchthaus verurteilt worden, welche Strafe er derzeit verbüßt. — Der Angeklagte Schäfers hat seiner Militärpflicht in Metz genügt, und war später Polizeibeamter, bis er vor vier Jahren ebenfalls bei Krupp eintrat. — Die drei genannten Angeklagten sind verheiratet und be^en jeder mehrere Kinder. — Der Franzose de Sacy ist Jahrs alt, ledig und noch nicht bestraft. Er hat frühe^Chcmie studiert und war eine Zeitlang bei der Berlitz-School ange- 'tellt, später hat er sich in Köln als Sprachlehrer fort- gebracht, wobei namentlich Offiziere der dortigen Garnison, aber auch zahlreiche Privatpersonen seinen Unterricht aufsuchten. — Sofort nach Eröffnung der Sitzung beantragte Reichsanwalt S ch w e i g g e r für die ganze Dauer der Verhandlung die Oeffentlichkeit a u s z u s ch ließen. — Das Gericht trat diesem Anträge bei.
Redaktion, Expedition und Druckerei: Schul- straße 7. Expedition und Verlag: Redaktion:e^l12. Tel.-Adr.: AnzeigerGießen.
deutet. „
Nack) einer kurzen Besprechung sprach Assessor Lenz (Lübeck) über „Wege und Ziele der Zentralstelle zur Bekämpfung der S ch w i n d e l f i r m e n". Der Redner schilderte in großen 3; 2™ die bisherige Tätigkeit und die weiteren Ausgaben der Zentralstelle auf diesem Gebiete. Die Zentralstelle hat vielfach eine namhafte Förderung erfahren; der Redner verlangte aber eine ausgiebigere Unterstützung durch die Handelskammern, weil die Rechtsauskunftsstellen durch ihren Kampf gegen die Schmutzkonkurrenz den soliden
Trinksprüche.
Carthagena, 10. Okt. Im Verlaufe des Frühstücks brachte Präsident Poincare einen Trinkspruch aus, in dem er erklärte, er freue sich, das; er den ganzen Ruhm Spaniens habe an sich vorbeiziehen sehen können, alle lebendigen Kräfte, eine Gegenwart voller Hoffnung. Er habe die schöne spanische Armee bewundern und die tapfere Marine begrüßen können. Er sei von der Aufmerksamkeit des Königs von England sehr gerührt, der es ermöglicht 'habe, das; französische Offiziere und Mannschaften mit ihren englischen und spanischen Kameraden im Mittelmeer fraternisierten, wo zwei Zivilisationen sich noch mehr durchdringen können und wo die friedliche Union Frankreich und Spaniens ungeheure Vorteile haben werde. Poincare trank auf das Wohl des Königs und der spanischen Armee und Marine sowie auf die edelmütige Nation, die dem ersten Beamten Frankreichs eine unvergeßliche Gastfreundschaft geboten habe.
Ter König erwiderte auf den Toast Poincares:
„Ihre beredten Worte fanden den Weg zu meinem Heiden. Ich danke Ihnen dafür als Offizier und als Chef der bewaffneten Macht Spaniens' zu Lande und zu Wasser, von der Sie in so schmeichel!)asten und warmen Ausdrücken redeten. Ein Werk, nickst 'der Eroberung, sondern der Zivilisation und des Friedens, welchem die spanischen Soldaten und Seeleute ebenso wie ihre französischen .Waffenbrüder ihre Kräfte jenseits der Meerenge auf jenem afri- Üinischem Boden weihen, iben sie oft mit edlem Blute tränkten, wird dazu dienen — dessen bin ich sicher —, an jedem Tage die Bande, welche die beiden überall benachbarten Völker einigen, enger z.u ziehen und bereits ein herzliches Einverständnis immer intimer und fruchtbarer zu machen. Wir können unsere gemeinsame Wiege und die dauernden Interessen, an welche uns heute die umgebenden Fluten des Mittetmeeres stets erinnern, nicht vergessen. Ich bin dem König Georg V. sehr dank- bar, daß er den Panzerkreuzer „Jnvineible" nach Carthagena gesandt hat, wo ich vor sechs Jahren den Besuch König Eduards VII. glorreichen Angedenkens empfangen habe. Ich erlebe nochmals mein Glas Ihnen zu Ehren, Herr Präsident, ich trinke aus die französische Armee und Marine, auf welche sehr stolz zu sein Sie ein gutes Recht haben, ich trinke auf die benachbarte befreundete Nation.
Nach dem Besuche des Präsidenten Poincare beim König von Spanien vereinbarten der spanische Ministerpräsident, der spanische Minister des Äeußern und der französische Minister des .Aeußern folgende Veröffentlichung:
Die Unterhaltun gen zwischen Romanonez, Munoz und Pichou erstreckten sich auf alle politischen, wirtschaftlichen und Handelsfragen, welche Frankreich und Spanien interessieren. Sie erlaubten sich die Feststellung vollkommener U e b e r e i u st i m m u n g in den Anschauungen der Vertreter Ler beiden Länder. Ihre Politik in Afrika und Europa entwickelt sich gemäß den Grundsätzen, wie sie in den Uebereinkommen von 1904 1907 und 1912 niedergelegt sind, und läßt sich immer mehr leiten von den Gefühlen der Entente und herzlichen Freundschaft, welche sowohl die Interessen wie auch den Bestrebungen und Bedürfnissen der beiden Völker entsprechen. Wiese Grundsätze werden eine ganz natürliche Anwendung finden, sowohl in der allgemeinen Politik der Regierungen von Pans und Madrid wie in besonderen Fragen, die ftch an das Werk an- knüpfen,' das sie in Marokko vollenden.
Carthagena, 10. Okt. Ter König verabschiedete lick) herzlich von Poincare und begab sich an Bord der ' Espana" zurück. Darauf ist das französische Geschwader nach Frankreich abgefahren. ________
Der Kiewer RituaSmordprozeh.
Kiew, 10. Okt. Der Arbeiter L j u b t s ch e n k o aus Saizews Fabrik sagte aus: In der Mitte des Fabrikhofes befand sich ein Pferdestall mit bewohnbarer Räumlichkeit, in der Frau Beilis wohnte. Im Herbst brannte der Pserdestall ab. Auf Ersuchen des Verteidigers Beilis stellte das Gericht fest, daß der Pferdestall am 23. Oktober abbrannte, während Beilis am 18. August verhaftet wurde. Der Verteidiger Grusenberg ersuchte um Veröffentlichung des Protokolls über bie_ Haussuchung in der Wohnung Beilis. Das Gericht lehnte aus formellen Gründen das Gesuch ab und gab nur bekannt, daß die Haussuchung am 9. August stattfand.
Während des Verhörs von 14 Kameraden Juschtschinskis sagten zwei aus, sie hätten Juschtschinski am 25. März um 6 Uhr morgens auf dem Schulwege gesehen. Agenten der Geheimpolizei hätten gedroht, sie einzusperren, wenn sie nicht aussagten, daß sie Juschtschinski nicht gesehen hätten. Die Kameraden Juschtschinskis sagten weiter aus, fte hätten ost in der Nähe der Fabrik gespielt und zuweilen das *abrifterrain betreten. Die Hausknechte hätten sie oft vertrieben; Beilis jedoch niemals.
Kiew, 10. Okt. Im Ritualmord-Prozeß wies der Staatsanwalt darauf hin, daß ausführliche stenographische Berichte über die Gerichtsverhandlung abgedruckt würden: eine derartige Veröffentlichung finde er für unangebracht, besonders angesichts eines so wichtigen Prozesses, der für die ganze Welt bedeutungsvoll sei. Dies sei eine Verletzung der Statuten des Kriminalgerichtsverfahrens, denn so erhielten die Zeugen die Möglichkeit, sich mit dem Gange der Verhandlung bekanntzumachen. Tie Geschworenen seien von der Oeffentlichkeit abgeschlossen, die Zeugen nickst. Durch die Veröffentlichung der Stenogramme würde außerdem die öffentliche Meinung bearbeitet. Er beantragte daher, die Veröffentlichung der stenographischen Berichte einzustelleu.
Das Gericht ließ den Antrag des Staatsanwalts unberücksichtigt. Die Verteidiger bestanden darauf,' die Worte des Staatsanwalts, über die Bedeutung des Prozesses für die ganze Welt, über Bearbeitung der öffentlichen Meinung, zu protokollieren. Juschtschinslis Kamerad Herschko Ar en dar sagte aus, Jusckst- schinski habe ihn bis Weihnachten besucht, bann blieb er aus. Seine Mutter erklärte, Jnschtschinski weile bei seiner Großmutter. Der Zeuge sagte weiter aus, der Ermordece habe ihm mitgeteüt, daß er 600 Rubel besitze, von deren Zinsen er lebe. Der Zeuge kennt weder Sckmeerson noch Aaron .Beilis. Moschko Arendar, der Vater Herschkos, schloß sich den Aussagen seines Sohnes größtenteils an.
Kiew, 10. Okt. Die heutige Verhandlung war bemerkenswert wegen zahlreicher Zusammenstöße zwischen dem Staatsanwalt und den Verteidigern. Jener behauptete, die Verteidigung bereitete ihm fortgesetzt Schwierigkeiten, indem sie ihn immer wieder unterbreche, diese aber beschuldigten den Staatsanwalt, er formuliere seine Fragen an die Zeugen mehrfach so, daß die Aussagen, die das Gericht erhalte, keine Zeugenaussagen, sondern Staatsanwaltaussagen seien.
Der Prozeß schleppt sich nur langsam hin und ist bis .jetzt kaum über den Anfang der Zeugenvernehmung hinausgekommen. Den kleinen für die Presse reservierten Raum füllen Berichterstatter aus Warschau, Moskau, Petersburg, aber auch solche aus Frankreich. England und sogar solche philosemitischer Blätter aus New Bork, so daß für die wenigen deutschen Berichterstatter kaum Plan vorhanden ist. — Der Prozeß hat namentlich unter Der jüdischen Bevölkerung Rnßlands große Erregung hervorgerufen, die ein Progrom fürchtet. Die jüdische Bewohnerschaft Kiews hält sich von allen Vergnügungen fern, in den Synagogen werden für Beilis öffentliche Gebete veranstaltet, die von Zeitungen abgedruckt werden, wobei für die „Erleuchtung" des Staatsanwalts gebetet wird; eine ganze Anzahl solcher Zeitungen sind bereits der Konfiskation verfallen oder in Geldstrafe genommen worden. 700 Rabbiner aus der ganzen Welt haben eine Erklärung erlassen, daß es keine jüdische Sekte gibt/ welche Menschenblut zu religiösen : Zwecken verwendet.
Tann^rt=/ ™rt(. Thema der Hauptversammlung bestraf die „Gemein- ... -^“mäLnÄhinft und moberne Rechtsentwicklung , wofür zwei nutzige 9icKtsau^ninft u erste, Professor Rumpf (Mann-
Vortragende bestimmt w em Rechtsauskunft ihre Berech-
heim), betonte, das, dn gemelnn ^twendig-
t^uug laugst voll c^v^s^tz Rechtsauskunft als Gtted des Ge- keit wird vertieft, ioenn m Rechtsbetriebes anfteht. Die gänzlich . santtvrgancsmus des yeu ^M^n Anschauungen der Gegen- veranderten gstßllschal„ Rechtsberatung und deren Daucntbe
eine fein» vornehmsten Aufgaben in da
Poincere in Spanien.
Carthagena, 10. Okt. Bei der Ankunft des Königs ilnd des Präsidenten Paincare feuerten die französischen und die spanischen Panzerschiffe und der englische Panz-er- kreuzer „Jnvineible" Salut. König Alfons begab sich auf das Panzerschiff „Espana", Präsident Poincare auf das französische Panzerschiff „Diderot". Um 11 Uhr machte Poiiicarä dem König einen Besuch an Bord der „Espana". Der König und der Präsident besuchten sodann den englischen Schlachtkreuzer „Jnvineible" und begaben sich zusammen auf den „Diderot", wo der Präsident dem König ein Frühstück gab, bei welchem der König und der Präsident nebeneinander saßen. Unter den Gästen befanden sich der Ministerpräsident Graf Romanones, die Minister der auswärtigen Angelegenheiten Lopez Munoz und Pichou, der spailische Marineminister Gimeno, der spanische Botschafter in Paris de Billaurrutia, der französische Botschafter in Madrid Geoffray und der Kommandant des „Jnvineible". Ter König und der Präsident richteten ein g e m e i n s a m e s T e l e g r a m m mit ihrer Unterschrift an den König von England, welches lautet: Wir vercimgen uns, um Eurer Majestät dafür zu danken, daß Sie den „Jnvineible" in die Gewässer von Carthagena entsandt haben. Wir freuen uns, dieses schöne Panzerschiff miteinander besuchen zu können. Wir bitten Eure Majestät, von neuem die V e r s i ch e r u n g unserer h e r z l i ch st e n Freundschaft entgegenzunehmen.
Die gemeinnützige Rechlsaurrunst.
Nürnberg, 10. Ott.
Unter dem Vorsitz des Oberbürgermeisters Kaise r (Neukölln) twrmittag im Festsaal des Kumtlerhuises der Verband verdeutschen gemeinnützigen und unparteiischen Rechtsauslünftv- stellen zu seiner vierten H a u p t v er s a m m l u n g zusammen, zu rf’C Reichs- und Kommunalbehorden I owie Witter c 11 etit- BctttttCT entfanbt hatten: auch das Ausland war zahl- tiX W einer Reihe von Begrüßungsamprachen er- den Geschäftsbericht, demzufolge Die Mit- f(tit Lern Snl>te 1911 Bon 307 auf 383 «fliegen ist.
bÄ5!nSericht gibt einen Ueberblick über die Verteilung der Der Geschaftsber ) S toeift nachdrücklich darauf hm, daß !^efckatteP ?nt nf ii nn h e r G d) m i n t>cI f i r ni en nur bei einer Ausgiebigen Höhung der Mitgliederbeitrage dnrchgeftihrt werden


