Nr. 57
Lrichetni tLgllch mii Ausnahme des Sonntag».
®ie ^«letzener LamMenblatter" werden dem „Anzeiger' viermal wöchentlich betgelegl. da- „Kretsblatt für bev Kreis Eietzev" ireeimal Wöchentlich. Die ^Landwtrtschaflliche» Seit» tragen*' erscheine» monatlich tweimal.
LG3. Jahrgang
Samstag. 8. März LS13
Gießener Anzeiger
Genewl-Anzeiger für GberheMn
Rotationsdruck rnil Berte« der Br übliche« Unwersitäts - Buch- und 6temt>rudttCk ÖL Lange, Ließen.
Redaktion, Expedition und Druckerei? Schuld straße 7. Expedition und Verlag: €ü3S6L RedaktioruL^IIL LeL-AdttAnzeigerlSieben-
Mb. Deutscher Reichstag.
128. Sitzung, Freitag, den 7. März.
Am Tische des Bundesrates: Dr. Solf.
Vizepräsident Tr. Paaschc eröffnet die Sitzung 1 Uhr 15 Min.
der KÄomaieiÄ.
(Dritter Tag.)
Abg. Noske (Soz.):
Ich will meinen Gegnern nichts schuldig bleiben. Herr v. Siebert hat gestern restlos bestätigt, daß er sich an faulen kolonialen Gründungen beteiligt hat. Viele gutgläubige Leute haben dabei ihr Geld verloren. Hätte ich die Macht, so würde ich Herrn v. Liebert hinter Schloß und Riegel setzen lassen. (Heiterkeit und Unruhe.) Herr Erzberger soll mit seinen Rügen vorsichtig sein. Auch ihm, dem Äielgeschäftigen, sind böse Dinge unterlaufen. Er bat viele Seiten seines letzten Buches anderen Schriftstellern entlehnt, ohne Namen zu nennen. (Hört! Hört!) Und über dieses Buch schrieb die „Kolonial-Zei- tung": „Es wäre bedauerlich, wenn ein mit ) o vielen Unrichtigkeiten durchsetztes Buch weite Verbreitung fände." (Lebh. Hört! Hört!) Es ist auffallend, wie der sonst so beredte Mund des Herrn Erzberger zu solchen Vorwürfen zu schweigen weiß. (Sehr gut!)
Der Staatssekretär hat gemeint, wir hätten in der Kolonialpolitik gelernt, hoffentlich lernt er auch aus den Sozialistischen Monatsheften. Die Fortschrittspartei hat freilich int Handumdrehen umgelernt. Wir stehen auf dem Boden der Tatsachen. Bei den Bürgerlichen herrschte allerdings die r c i n e Kolonialphantasterei. Ihr Wahlsieg von 1907 beruhte auf dem niederträchtigsten verlogensten Kolonialschwindel, den man sich überhaupt nur denken kann. Es bleibt unbestreitbar, daß den Kriegszügen der Schutztruppe „M enschenopfer unerhört" zum Opfer gefallen sind. Das ist ein Meer von Blut! Zu dem Buch des Staatssekretärs v. Lindequist über die Besiedlungsfähigkeit Ostafrikas haben wir sehr geringes Vertrauen. In Südwest ist der Bankerott da, sobald die Einnahmen aus den Diamantenzöllen ausfallen. Die Samoaner sind anscheinend feine Beobachter; sie haben dem Staatssekretär einen Namen gegeben, der auf Deutsch etwa der „Schönredner" heißt. Daran lvurde man bei seinen Ausführungen über die Arbeiterfrage erinnert. Sie macht in allen Kolonien ernste Sorge, aber nur infolge der grundverkehrten Eingeborenenpolitik. Diese großen Kinder werden lediglich in die großkapitalistische Schablone Hineingespannt.
Der Gouverneur hat in der Kommission selbst zugegeben, daß in Südwest zwischen beiden Rassen ein tiefer Haß besteht. Kolonialpolitik und Recht sind zwei Begriffe, die sich nicht miteinander vertragen. In den vier afrikanischen Schutzgebieten ist die Prügelstrafe im letzten Jahre 7389 mal verhängt worden. Kamerun heißt geradezu „das Fünfundzwanziger Sanb", weil dort bei jeder Gelegenheit 25 aufgezählt werden. Ein besoffener Polizeibeamter, der ein zehnjähriges Negermädchen vergewaltigte, so daß es starb, wurde zu fünf Jahren Zuchthaus verurteilt. Diese Strafe fand der Gouverneur zu hart. E i n Neger, der ein vierjähriges weißes Mädchen vergewaltigt Baben soll, erhielt acht Jahre Zuchthaus. Der Gouverneur hat ihn aber zum Tode verurteilt, um dem Drängen der .Weißen nachzugeben. Dieser Gouverneur sollte infam kassiert werden. (Lebh. Unruhe.) Wir treiben positive KoIonia l p o l i t i k. (Heiterkeit.) Sehen Sie sich doch unsere Anträge an. (Zuruf: toie lehnen den Etat ja ab!) Die Eingeborenen dürfen nicht durch den ostelbischen Fusel verseuch^wer- den. Wir sind gegen jede Knechtung und für Unterstützung der Schwachen und Bedrängten.
Abg. Harkrath (Zentr.) bittet um Unterstützung der K o l o u i a l f r a u e n s ch u l e in Carthaus bei Trier. Die Schülerinnen gehen wirtschaftlich tüchtig ausgebildet in die Kolonien.
Abg. Dr. Müller-Mciningen (Vp.):
.Herr Noske behauptet, wir hätten umgelernt. Gewiß, das haben wir nie geleugnet. Von einer zweifelnden Kritik sind wir zu einer aktiven K o l o n i a l p o l i t i k übergegangen., Aber nicht wir haben uns geändert, sondern bad System ber Kolonialverwaltung hat sich geändert. An eine Preisgabe unserer Kolonien kann man vernünftigerweise nicht denken! Nur unsere Reformvorschläge muß man durchführen. Wäre es nicht eine Schmach und Schande, wenn wir das Land aufgeben wollten, in das so viele Millionen gesteckt sind, wo soviel deutsches Blut geflossen ist! (Sehr gut!) Die Sozialdemokraten sollten an ihren Genossen Maebonald in England und Van Kol in Holland denken, die begeisterte Ko l o n i a I f r e u n b c sind. (Hört! hört!) Aus dem internationalen Sozialistenkongreß in Stuttgart Tiefen diese beiden den deutschen „Genossen" zu: „Kommt doch heraus aus dem Schmollwinkel!" Sie haben erklärt, Kautsch und Ledebour seien Utopisten. (Sehr richtig!) Ich habe gehört, daß die Reden Noskes und Henkes wörtlich in den H o 11 en- tot t e n - Z e i t u n g e n veröffentlicht werden sollen. (Heiterkeit; Zuruf: Die armen Schwarzen!)
Der gestrigen program matischenStellungn ahme des Staatssekretärs stimmen wir im wesentlichen zu. Es ist erfreulich, baß er nicht für ein sentimentales Weltbürgertum eiu- getreten ist, für eine nebelhafte Humanitätsduselei, neben der meist Brutalität und Terrorismus wohnen. Er hat erfreulicherweise die Humanität des gesunden Menschenverstandes vertreten.
Förderung der Schulen! Wird das A u f s i ch t s r e ch't des Staates über die Missionsschulen gewahrt? In Südwest sollen die Missionsschulen in den letzten Jahren überhaupt nicht revidiert worben sein. (Hört! Hört!) Das Schulrecht darf vom Staate nicht den Missionen überlassen werden. Dreißig M i s s i o n s a e s e l l s ch a f t e n bemühen sich in erbitterter Konkv renz nm die Schulen. Da muß der Staat darüber wachen, in welchem Geist die Jugend in diesen Schulen auch erzogen wird. Es gebt nicht an, daß die Lehrer 40 bis 50 Dienst- stunden in der Woche haben. Auf einen deutschen kommen 500 farbige Schüler, allerdings mit farbigen Hilfslehrern. Die Re- gierungsschulen allein können die K o r a n s ch u l e n b e.- kampfen. Denn die Mohammedaner haben ihre Koranschulen nur als Gegengewicht geg"n die Missionsschulen gegründet, zu denen sie kein Vertrauen haben. Unsere deutschen Lehrer leisten in den Negierungsschulen ein glänzendes Kulturwerst Die Staatsschulen sind das beste Mittel, die Schutzgebiete dem Mutterlande politisch und wirtschaftlich näherzubringen. (Beifall.)
Abg. Keinath (Natl.):
Wenn der Abg. Noske. behauptete, der Wahlsieg der bürgerlichen Parteien im Jahre 1907 sei zurückzuführen gewesen auf
einen verlogenen Kolonialschwindel, so sage ich demgegenüber: Im Jahre 1907 wurde das deutsche Volk zum erstenmal vor die Frage gestellt, ob wir Kolonialpolitik treiben wollen oder nicht. Das deutsche Volk hat sich damals mit übergroßer Mehrheit für die Kolonialpolitik entschieden, und so denkt es auch heute noch. (Sehr richtig! bei den Natl.) Man darf freilich nicht vergessen, daß unsere ganze Kolonialpolitik heute noch eine Saat auf Hoffnung ist. Wir dürfen nicht immer England zum Vergleich heranziehen, das schon seit Jahrhunderten Kolonialpolitik treibt während wir erst vor verhältnismäßig kurzer Zeit damit begonnen haben. Gegenüber den Konzessionsgesellschaften in unserer jüngsten Kolonie Neukamerun sollte der Staatssekretär mit aller Energie «vorgehen. Wir werden die begründeten Rechte dieser Gesellschaften respektieren müssen, aber wir müssen dahin wirken, daß ba§ Konzessionsgebiet möglichst vermindert wird.
Dem abfälligen Urteil des Abgeordneten Erzberger über die Schutztruppe kann ich mich nicht anschließen. Der Gesetzentwurf über diese Frage sollte möglichst bald Gesetz werden im Interesse der Ansiedler, besonders in Südwestafrika. Tie Ersetzung der Schutztruppe durch die Polizeitruppe halten wir nicht für zweckmäßig. Die Ausbreitung der deutschen Sprache in den Kolonien ist ein sehr wertvolles wirtschaftliches Bindemittel zwischen den Kolonien und dem Mutterland. Deshalb sollte der Staatssekretär die weitere Ausdehnung der Regierungsschulen fördern. Den Ausführungen des Abgeordneten Erzberger über die Gefährlichkeit des Islands kann ich nicht zustimmen. Die Kolonialverwaltung sollte big Abneigung gegen den Eintritt verheirateter Beamten und Arbeiter in den Dienst zurückstellen, denn füg: die Kolonien kann es nux günstig wirken, wenn ein Familienleben bei den deutschen Beamten draußen besteht. Einer verständigen zielbewußten Kolonialpolitik werden wir immer unsere Unterstützung leihen. (Beifall bei den Natl.)
Abg. Dr. derlei (Kons.):
Wir sind wohl darin einig, daß der Staatssekretär der rechte Mann am rechten Platze ist. (Beifall.) Dem Vorredner stimme ich darin bei, daß wir vor allem unsere Frauen in die Kolonien schicken sollen. Frauen sind der beste Ausfuhrartikel, den wir haben. (Heiterkeit.) Emil Zimmermann, der nach meinem Rezepte auch seine Frau mitgenommen hat nach Neukamerun, ist natürlich nicht das ganze Jahr dort geblieben. Er hat das Land nur zu einer bestimmten Zeit gesehen, lieber solches Neuland kann man natürlich verschiedener Meinung sein. Wir müssen aus diesem Lande etwas machen. Pessimismus wäre da das schlimmste. Auch wir gedenken dankbar der Tätigkeit der Lehrer. Wir müssen dort ein Schulrecht haben. Ter Staat muß es organisieren und die Hand darin halten. Ich verstehe es nicht, wie Noske in bezug auf unsere Schutztruppe von Mensch en jagd und Massenmord sprechen kann! Deutsche Männer haben dort im Dienste des Vaterlandes ihr Blut vergossen. Wie kann man da von Mord sprechen? Tas geht über mein Verständnis hinaus. (Beifall; Zurufe der Soz.: Sie sind beschränkt!)
Ich freue mich, daß mein Verständnis in dieser Hinsicht beschränkt ist, und cs irirb beschränkt bleiben. (Heiterkeit.) Eine Kultur ohne Christentum ist unmöglich. Der Staatssekretär hätte ausdrücklich er Hären sollen, daß er Die Missions- best rebungen aufs k r ä f t i g ft c fördern will. (Beifall.) Herr v. Lindequist ist wegen seines Buches über die B e - s i e d I u n g s m ö g l i ch k e i t in O st a s r i k a von Noske angegriffen worden. Er wird diese Kritik mit Würde und Gelassenheit tragen. Mittlere und Heine Ansiedlungen müssen möglichst gefördert werden. Ter Gouverneur v. Schnee hat seiner Denkschrift gegen die Kleinsiedlungen einen Anhang des preußischen Landwirtschaftsministers beigegeben, in dem erklärt wird, daß wir in Deutschland keinen Ueberfluß an Bauern haben, die die Neigung haben, hinauszugehen. Wir brauchen tatsächlich auch unsere Bauern für Oedländercien usw. Die Sache ist also sehr schwierig.
In Südwest will man vielfach von der Weide- zur Acker- kultnr übergehen. Wie soll man den Farmern helfen? Es ist undurchführbar, Vieh aus Südweft nach Deutschland einzuführen. Für Südwest kommt als Absatzgebiet nur Südafrika in Betracht. Die Bodenkreditanstalt genügt nicht allein. Man sollte die Genosfenschaftcii unterstützen. Man sollte die afrikanischen Bezeichnungen durch deutsche ersetzen. (Ledebour: Lauter H o h e n z o l l e r n n a m e n!) Gut, dann würde ich auch einem Orte, der nicht sehr angenehm ist, den Namen Ledeboursdorf nicht versagen. (Heiterkeit.) Unsere Kolonialgebiete müssen, gesichert gegen die Wechselfälle der Zukunft, treudeutsch werden. Dem Staatssekretär stimmen wir in seinen Ausführungen zu. Sie waren aber z u theoretisch. Was will er praktisch tun? '
Staatssekretär Dr. Solf:
Für die freundlichen Worte, die der Herr Vorredner über mein gestriges Programm geäußert hat, spreche ich meinen besten Tank aus. Wenn er aber den leisen Vorwurf erhebt, daß meine Ausführungen doch etwas theoretisch waren, so möchte ich ihm entgegenhalten, daß sie gerade im Gegenteil das Exerpt der Erfahrungen sind, die ich in fünfzehnjährigem Verkehr mit den Eingeborenen in Samoa gesammelt habe. Als der frühere Staatssekretär Ternburg sein Amt antraf, hat er die Gouverneure aufgefordert, ein Programm zu entwickeln, wie sie sich die Entwicklung der Schutzgebiete denken. In meinem Programm bin ich auch auf die Eingeborenenfrage gekommen. Was ich damals ausgearbeitet • habe, ist genau dasselbe, was i ch g e st e r n hier v o r t r u g. Deshalb waren sie nicht bloß theoretisch, sondern enthalten in ihren einzelnen Sähen genau die einzelnen praktischen Bedürfnisse. Aus demselben Programm möchte ich auch auf die Anfrage über die Schulen antworten. Es geht klar daraus hervor, daß ich ein Fr e u nd und Anhänger jeder deutschen Schule , in den Kolonien bin.
Wenn wir mit der Errichtung von Schulen aber nicht so schnell vorwärts kommen, als man es wohl wünschen könnte, so sind daran lediglich finanzielle Gründe schuld. Wir können mit unseren jetzigen Mitteln eine allgemeine Schulpflicht in den ausgedehnten Schutzgebieten nicht durchführen. Ten Weg, den wir gegangen sind, halte ich für richtig. Den Missionen, die die Lehrtätigkeit meisterhaft beherrschen, wollen wir diese auch weiter lassen, aber wir sind auf der anderen Seite auch den Wünschen nach Errichtung von Negierungsschulen möglichst ent- gegengetommen. Irgendwelche Mißstände aus dem mangelhaften Verordnuiigssystem über die Beaufsichtigung haben sich bisher nicht herausgestellt. Tie Missionsschulen haben sich freiwillig einer Beaufsichtigung durch den Gouverneur unterworfen, aber es scheint sich nicht einmal das Bedürfnis dazu herausgestellt zu haben. Jedenfalls werden luir die Sache prüfen und im nächsten Jahre weitere Mitteilungen darüber machen. Mit der Publikation der Schrift des Herrn v. Lindequist hat die Kolonialverwaltung als solche nichts zu tun. Im allgemeinen bin ich mit ihr
durchaus eiitberffanben, nur in der Klein sie de lungs» frage unterscheiden sich unsere Auffassungen ein wenig.
Herr von Lindequist, der fast sein ganzes Leben in Süd- westafrika zugebracht hal, und mit Leib und Seele an der Kolonie hängt, erstrebt die Besiedelung Südwestafrikas mit kleinen Leuten. Wenn ein Mann mit dieser Lieblingsidee in ein anderes Schutzgebiet geht, dann ist es nur allzu menschlich, daß er auch die Verhältnisse in den anderen Kolonien mit der s ü d w e st a f r i k a n i s ch e n Brille betrachtet. Dem Wunsch, bestimmte Ziffern für die Möglichkeit einer Kleinsiedelung zu nennen, kann ich nicht Nachkommen. Ich kann nur Andeutungen geben. Für Kleinsiedelungen würde ich ungefähr auf die Ziffer des Herrn von Lindequist, das ist 8500 bis 10 000 Mark, kommen. Für Mittelsiedelungen aber kann ich unmöglich eine Ziffer nennen. DaS kommt ganz auf die Erfahrungen, die Tüchtigkeit und den Fleiß des einzelnen Ansiedlers an. Ter eine kommt mit 30 000 Mark aus, der andere vielleicht erst mit 40- und 50 000. Unter diese Summe möchte ich allerdings nicht heruntergehen. Jedenfalls möchte ich davor warnen, die Besiedelungs- frage z u einer politischen Frage zu machen. Lassen Sie die politische Frage heraus, dann können wir die Debatte damit begraben, lieber die nach? K amcrun verbannten H o 11 c n t o 11 e n ist bereits im vorigen Reichstage gesprochen worden. Ich habe auf Wunsch des Reichstages mich mit dem beiden in Frage kommenden Gouverneuren in Verbindung gesetzt, ob diese Unglückliche.'. in ihre Heimat zurückgeführt werden sollen.
T^r Gouverneur von Südwest hat erhebliche Bedenken geltend gemacht, weil unter ihnen polnisch höchst gefährliche und zum Aufruhr geneigte Leute seien. Bei der sonst auch schwierigen Haltung dieser Stämme könnte es leicht wieder zum Aufruhr im Lande kommen. Der Bericht kann leicht an das Mitleid appellieren: es ist den Hottentotten schlecht gegangen. Sie haben an Krankheiten gelitten und es ist nur eine kleine Zahl übrig geblieben. Man schuldet ihnen Mitleid, trotzdem sie Verbrecher waren, die eine starke Strafe verdient haben. Ich habe mich deshalb nochmals an den Gouverneur gewandt. Ich möchte aber darauf aufmerksam machen, wenn der Gouverneur aus politischen Gründen zu der Meinung kommt, daß er die Hottentotten nicht haben will,, so kann ich ihm meine nicht aufoktroyren. Wenn Sie weniger Zentralisation wollen, so müssen Sie auch zugeben, daß der Gouverneur anderer Meinung fein kann als der Staatssekretär, und daß der Gouverneur recht behält. Wir haben Mitleid mit den Leuten gerade so wie Sie. Ich kann aber heute keine bestimmten Versorechungen abgeben. D re Aussendung junger Mädchen, von der der Abg. Hartrath sprach, wäre, soweit ich die Verhältnisse übersehen kann, nur nach Südwestafrila möglich. Die tropischen Gebiete kommen nicht in Betracht. Auch hier kann es sich im ganzen nur um vereinzelte Fälle handeln, wir werden darüber ebenfalls den Gouverneur von Südwest hören müssen. (Beifall.)
Abg. Mumm (Wirtsch. 23gg.):
Man soll auch die Kolonialpolitik nicht mit Pessimismus an- greisen. Ich erinnere an das Wort StoeckerS: Der Pessimist ist der einzige Mist, auf dem nichts wächst. (Heiterkeit.) Nach Möglichkeit müssen verheiratete Beamte und Pflanzer in die Kolonien hinausgehen. Nicht alle Eingeborenen sind tfer Erziehung zur Arbeit fähig; für diese müssen nach dem Muster Amerikas Eingeborenenreservate geschaffen werden. Angesichts der Leistungen der Eingeborenen auf dem Gebiete der Kakaokultur in Togo können wir doch von der angeborenen Faulheit der Neger nicht mehr sprechen. Innerhalb fünf Stunden sprach ich einmal mit zwei Gouverneuren derselben Kolonie. Der frühere Gouverneur sagte: Tie Eingeborenen sind faul. Der jetzige bestritt dies ganz entschieden. — Wir erweisen den Eingeborenen den besten Dienst, wenn wir Acrzte hinausschicken. Die Missionsärzte üben keinen religiösen Druck auf ihre Pfleglinge aus. Die Mission ist eine Pflicht jedes christlichen Volkes: das Kreuz ist das beste, was wir den Eingeborenen bringen können. Tic RegierungSschule dürfe nicht den Anschein einer Begünstigung des Islams erwecken. Das System der Strafexpeditionen muß aufhören. Die Menschenopfer dieses Systems auf beiden Seiten sind gewiß zu bedauern. Was bedeuten sie aber gegenüber den Opfern der endlosen Stammessehde auf dem seit Jahrhunderten mit Blut getränkten Boden Afrikas?
Abg. Dr. Weill (Soz.)f ' spricht gegen die Konzessionsgesellschaften in Kcufamcrun. Hoffentlich ist es der Regierung mit ihrem Kampfe Ernst. Denn die Konzessionsgesellschaften treiben einen Raubbau und saugen das Land aus. Trotzdem sind Bestrebungen im Gange, diese Konzessionsgesellschaften zu stärken und zu für« dem. Und der lebhafte Fürsprecher dieser Bestrebungen ist der nationalliberale Abg. Dr. Semler. (Hört! Hört!) Die französischen Konzessionsgesellschaften haben sich mit der deutschen Südkamerungesellschaft in Verbindung gesetzt, um gemeinsam ihre Zwecke zu verfolgen. Die Regierung wußte davon. Ja, sie hat sogar Dr. S e m I c r als geeigneten Vermittler vor- gcschlagen. (Hört! Hört!) Die Regierung hätte dabei reservierter sein sollen. Sie sollte nicht solche finanziellen Geschäfte unterstützen. In Frankreich hat man besonders die Verdienste Dr. Sem- lers hervorgehoben: Rechtsanwalt in Hamburg, Mitglied des Reichstags, B e r i ch t e r st-a 11 e r des Kolonialetats (Lebh. Hört! Hört! b. d. Soz.), Vorsitzender der .Gesellschaft Süd- lamerun!
Wir haben Dr. Semler aufgefordert, nicht den Bericht über den Kolonialetat zu übernehmen. Er Bat aber dabei nichts ge» funben. (Hört! Hört!) Aber seine Eigenschaft als Berichterstatter des Kolonialetats wird in Paris angeführt als Beweis für seine besondere Qualifikation zu gewißen Geschäften (Hört! Hört!) Da sollte der Reichstag doch Wert darauf legen, daß Dr. Semler nicht in derartige delikate Situationen kommt. (Hört! Hört!) Der Redner ioeist dann darauf hin, daß Dr. Semler in Paris mit den französischen Konzessionsgesellschaften eingehende Verhandlungen gepflogen Ijat. Wir können verlangen, daß da, wo es sich um ganz private Interessen einzelner Konzesfionsgesellfchaften handelt, Regierungs. beamte sich größere Reserve aufcrlegcn. Das gilt namentlich von dem deutschen Botschaftsrat v. d. Lancken in Paris, der den Verkehr zwischen den französischen Inter- e s s e n t c n und D r. Semler vermittelt hat. Dr. Semler soll sich beklagt haben, er sei schlechter behandelt worden als die Portugiesen. ^Heiterkeit.) Das ist sein Pech. V /
Abg. Dr. Semler (Natl.):
Durch die Angriffe des Vorredners bin ich überrascht worden. Ich wußte allerdings, daß irgend etwas in der Luft lag, daß die Sozialdemokraten mir etwas anhängen wollten, weil ich den Herren gestern die völlige Dürftigkeit ihres


