Ausgabe 
12.6.1913 Zweites Blatt
 
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Nr. 135

Erscheint täglich mit SluSnatjme deS Sonntag?.

LieGießener Zcnnllienblälter" werden dem .Anzeiger" viermal wöchentlich beigelegt, das Kreisblatt für den Kreis Gießen" zweimal wöchentlich. DieLandwirtschaftlichen Zelt­fragen" erscheinen monatlich zweimal.

Gmeral-Mzeiger für Gberhefsen

163. Jahrgang

Redaktion, Expedition und Druckerei: Schul- snaüe 7. Expedition und Verlag: e^5L Redaktion: 112. Tel.-2ldr.:AnzeigcrGießen.

Donnerstag, 13. Jnni 1913

Z AA Rotationsdruck und Verlag der Vrnhl'schev Universität? - Blich- und Steindruüerei.

R. Lange, Gießen.

Mb. Deutscher Reichstag.

15 9. Sitzung, Mittwoch, den 11. Juni.

Am Tische des Bundesrats: v. Bcthmann Hollwcg, V. H e c r r n g c n , Tr. D e ! b r ü ck .

Präsident Tr. Kaempf eröffnet die Sitzung um 1 Uhr 20 Min.

Sis zweite Lesung he: Mehrevrlage.

(Zweiter Tag.)

Abg. Erzbcrgcr (Zentr.):

hat cs mit seiner 4)6 stündigen Rede gestern noch gnädig gemacht, denn sein Parteifreund Jaurös in Pari:' rat angekundlgr, dag er drei Tage reden werde Rosa Luxemburg wird honcntt.ch befriedigt (f-citcrfcin, denn sie hatte ja schon in £..ec. r"2'1eipd-prCrt Volkszeitung" geschrieben, daß die Partei hier im Reichstag ichl^pp )uarc und schon auf das Niveau der 6 o r t s ch r r 11 l i ch e n Volkspartci h i n u n t e r g c g l i t - len sei. Auch die Genossen im Württemberg, die eine schärfere Stellungnahme verlangten, werden nun wohl wenigstens m i t d c c äußeren K r a f t l e i st u n g ihres FraktionsrcdnerS zu- «rieden sein. Daß die sozialdemolratischc Partei innerlich ^,0 h l ist, kann niemand in Abrede stellen. Die ganze Rede des Abg. Aos.e hatte Sinn gehabt, wenn sic bei der ersten Lesung ge­halten worden wäre. Die ganze Beratung in der Bud- g e t r o m m i s s i o n i st v v l l st ä n d i g erfolglos an dem sonst sehr aufnahmefähigen .'Kollegen Noskc abgcglitlen. Es ift anrfallend, wie unsere Sozialdemokraten im Vergleich zu ihren fr a nz osis ch en G c n o s s c n diese Heeresvorlage als etwas Unerhörtes bezeichnen. In der französischen Tcpulicrtenkammer sagen die Sozialisten, die deutsche Militärvoclage sei so etwas Unbe­deutendes, daß sie kein Grund sein könne, in Frankreich die drci- sahrige Dienstzeit cinzuführcn. Ter Abg. Noske sagt, daß wir uns m der Kommission gar nicht mit einerEtatsverslärkung beschäftigt ijattcm Er scheint nicht zugehört zu haben. Wve haben allein ztvei Tage über die Notwendigkeit einer Etatsvcrstärkung beraten.

Die Rede Noskes hat sich unendlich viel widersprochen; ich mache ihm gar keinen Vorwurf; wenn man viereinhalb Stunden zu reden verpflichtet ist, muß es zu Widersprüchen ko m m cn. (Heiterkeit.) Noskc verlangt das Milizshstcm und die Ausbildung jedes jungen Mannes. Jeder, der bisher frei war, soll cingezogeii werden, und Noske verlangt, daß gespart wird. Dabei haben seine Genossen Gradnauer niid Schöpflin im vorigen Jahr das Zugeständnis gemacht, daß das Milizstistem genau so viel verschlingt wie das stehende Heer. Natürlich kann in drei Stunden der Vorder- und der Nachsatz nicht zueinander stimmen. (Heiterkeit.) Er greift die Luftschiffe u n d ihre F ü h r u n g an. Die besten Schiffe seien im Privat- dicnst. Dabei i;t bekannt, daß die ältesten' Zeppeline im Heeres­dienst sind, länger anSgehalten haben als die im Privaldicnst. Aber daß hier von der R c i ch s t a g s t r i b ü n e ans solche A n g r i f f e und solche herabsetzende Ans- brüefe Qcncn unsere braven Offiziere gewagt werden, die j e d e n Augenblick i h r L e 6 c n aufs Spiel setzen, das braucht sich der Reichstag wahrlich nicht gefallen zu lassen. (Beifall.) Was die Bemerkungen Noskes über die K r u v p sch e n Zulagen an die A b n a h m e o f f i z i c r e betrifft, das hat Herr General Wandel nicht widerlegt, sondern bestätigt. Es ist das eine große Ungehörigkeit. 1909 habe ich selbst in der Budgetkommission auf diese skandalösen Verhältnisse verwiesen, d a S w a r bei der Marine, und das i st a b g e s ch a f f t. Man muß -doch annehinoii, daß die Verhandlungen nicht nur von dem einen Ressort gelesen werden. Wir verlangen restlos eine Be­seitigung dieses UebelstandcS auf dem Uebungsplatz in Meppen, wie damals bei der Marine.

Es wäre furchtbar töricht, erst zu rüsten, wenn die Kriegsgefahr unmittelbar bevor steht. Der kluge Mann baut vqx. Für Deutschland liegt immer eine Gefahr vor. Noch der Fraktionsfreund NoSkes, Wendel, hat das am 9. Mai 1913 in derNeuen Zeit" anerkannt. Noch im Juni wiederholte das Genosse Thomas. Beide beweisen, was jeder, nur der Abg. Noske nicht weiß, daß in "ben letzten Jahren der Chauvinismus in Frankreich gewachsen ist. Dem Wort von dem an­geblich uneingelöstcn Königswort möchte ich ein anderes cntgegcn- halten, das der Kaiser vor 25 Jahren an den Reichstag gerichtet hat. Es heißt: meine Liebe zum deutschen Heere wird mich nicht in Versuchung führen, dem Land die Wohltaten deS afiebrig zu verkümmern, wenn uns der Krieg nicht durch einen Angriff auf- gedrungcn wird; das Heer ivird den Frieden mit Ehren aufrecht erhalten." Der Kaiser hat dieses Wort in diesen 25 Jahren gehal­ten und das deutsche Volk ist ihm dankbar dafür (Beifall rechts und in der Mittel Das ist auch das Programln des deutschen Volkes. Diesen Gesichtspunkt werden wir auch bei Bewilligung der Heeresvorlage Vertreten unter d er Voraus­setzung, die schon unser Fraktionsvorsihende nm Montag abend betont hat, daß gleichzeitig mit der Verstärkung des Heeres auch die erforderliche Deckung beschafft wird. Wir können uns dabei auf die Autorität des Bundesrates stützen. Und dieser Hftundfatz sollte für jedermann im deutschen Vaterlande sclbstver- pändlich sein. Tas Gegenteil wäre halbe Arbeit, Stückwerk und Stümperei

Die gleichzeitige Genehmigung der Deckung ist unentbehrlich. Eins ohne das andere das geht nicht! Eine Politik, die hier nicht die erforderlichen Einnahmen schafft, i st eine unehrliche, widerspruchsvolle, halbe Po­litik, die zum Zusammenbruch führen muß. Wir wollen eine militärische Kräftigung Deutschlands als Garantie des Friedens. Wir wollen diesen' nicht erlaufen durch den Ruin der deutschen Finanzen. Dann erst ergibt sich ein erschreckendes Minus für daS deutsche Volk. Tie Deckung steht so auf dem gleichen Rang wie, die Militärverstärkung. In Frankreich unter dem Ministerium Ariand hieß eS ausdrücklich, die größere Menschenzahl Deutsch- landS bedeute nicht so viel, denn Frankreichs finanzielle Leistungs­fähigkeit sei so viel größer. Die drei Grundsätze, die die Militärvorlagc enthält, halten wir für durchaus zutreffend: Er­höhung unserer Etatsstärke, Herbeiführung einer schnellen Mobil­machung im Ernstfall und Ausbildung m ö g l i ch st vieler junger, unverheirateter Leute. Wir wollen unser Vat^land so stark machen, luic wir es nach unserer Bevölkerungs­zahl können. Wenn man von der Durchführung dieser drei Ge­sichtspunkte schon im April überzeugt war, so ist sie heute erst recht eine Notwendigkeit.

D i c französischen Maßnahmen, die in der Zwischenzeit erfolgt sind, zwingen uns einfach zur Verab­schiedung unserer Heeresvorlage. Herr Noskc sagt, wir sollten uns doch mit Frankreich verständigen. Nun, dazu gc- hörcn zwei. Gerade Frankreich hat mehrfach versucht, uns cinzu- ift eisen, ich erinnere nur an Delcasse. An die F r i e d e n s l i e b e l

pt r a n r r e i ch s können wir nicht glauben, solange c5 nicht fern Rechnung trägt, daß unser Volt '.ibcr die Hälfte stärker ift -tic Agitation, die von den verantwortlichen Stellen in Frankreich Cur Durchführung der militärischen Maßnahmen in Frankreich getrieben wird, zeugt auch nicht von Friedensliebe. Frankreich bat in den letzten Jahren eine Anzahl von militärischen Maßnahmen durchgesuhrt, noch ehe von unserer Wchrvorlage irgend etwas ve- tannt war. Millerand hat in der Tcputiertenkammer erklärt, cr brauche 500 Millionen, ganz unabhängig, ob in Deutschland das veer verstärkt werde oder nichst Frankreich hat in unserer Vorlage nur ein billiges A g i t a 1 i o n s m i 11 e l gesehen um die b. 5 c l j ah iige Dienstzeit durchzusühren. Grade die franzö- Iischen Maßregeln zwingen uns, auch unsererseits vorzugeben, nicht umgekehrt, daß unsere Rüstungen die französischen hervorgc- rufcn hatten. Wir stimmen den von der Regierung vorgeschlagenen Maßnahmen in der festen Ucberzeugung bei, daß sic eine starke Garantie für die Aufrechterhaltung des Friedens geben. Der Respekt vor den deutschen Waffen muß so groß und stark sein, daß jedermann das Risiko, gegen Deutschland anzustürmen, für zu groß halt Wir halten sie für ein ausgezeichnetes Instrument für öic Auirecc)terhaltui,g des Friedens für Deutschland und Europa (Beifall). . r

Abg. Dr. Sentier (Natl.):

31-- Jahre 1886 bei der damaligen Wehrvorlage hat uns Winr-thorst vorgehalten, wir bewilligten ja jeden Mann uab jeden Groschen. Heute sind die Vertreter aller bürgerlichen Parteien darin einig, daß jeder Mann und jeder Groschen bewilligt ivird. Diese Wehrvorlage nötig, wie cs die damalige war. Nach den Neutvahien, die die Auslösung des Reichstages notivenöig gemacht hatte, kam das Gesetz in allen drei Lesungen m fünf Tagen zustande! Die Grundlage der jetzigen Vorlage.ist der Wunsch, die allgemeine Wehrpflicht nach dem Scharnhorstschen Gedanlen durchzuführen. Tas wollen wir in dem Grade tun, daß wir nicht bloß jeden Mann, sondern auch jedes Pferd bewilligen. (Heiterkeit.) Demgemäß beantragen wir die Wiederherstellung der Regierungsvorlage mit den drei Kavallericrcgi- m entern, die die Kommission gestrichen hatte. Wichtiger als jede Deckung erscheint uns aber, daß die Wehrvorlage zum 1. Juli beschlossen wird, um zum 1. Oktober durchgeführt zu werden. Wir wollen dazu alle Hilfe in Anspruch nehmen, die sich bietet, auch die unserer v e r l ä ft e r t c n Oberlehrer, die die Führer und Bildner unserer Jugend sind. Es ift nicht richtig, daß wir, wie Abg. Noske behauptete, vor feinen Gefahren stehen. Ich verweise aut die Rede dcS damaligen Kriegsministcrs v. Bronsart. der aus­drücklich betonte, wie sehr wir jeden Augenblick bedroht sind. Und was Bismarck damals in seiner großen Rede sagte, luirft so un­mittelbar, als wenn cs mit Bezug auf die heutige Lage gesagt ivorden märe.

Es ist gewiß richtig, daß der Entschluß, den wir jetzt hier fassen, auf die französischen Entschlüsse cinmirfcn wird. Dann soll sich aber Frankreich bei feiner Presse und den Landsleuten be­danken, d:e immer gegen und gehetzt haben. Wir haben tagtäglich Heraiisforderunacii gegen deutsche Interessen erlebt. Tas'dürfte ein so großer Staat wie Frankreich einfach nicht dulden. Wir halten b:c ganze Wchrvorlage für außerordentlich notwendig und wir werden auch beantragen, die drei gestrichenen Kavallerieregi­menter wicdcrherzustellen. Es sind in der Kommission auch eine Reihe von Offizier- und U n t e r o f s i z i e r st c l l e >i ge­strichen worden. Tas ist im Lande mißverstanden. Wir haben diese Stellen nur gestrichen, weil sie nicht besetzt werden konnten und weil wir nicht einen pavicrnen Etat haben wollen. Natürlich müssen wir auch gewisse Forderungen aufstelleii und mit besonderem Nachdruck jetzt wiederholen. Denn cs würde im Volk nicht verstanden werden, wenn die Volksvertretung in bem Augenblick, wo sie große Mittel bewilligen soll, nicht auch be­rechtigte Kritik übte. Wir haben in manchen Dingen ein Entgegen­kommen der Militärverwaltung vermißt, so in der Frage des M i l i t ä r v o y k o 11 s und der Sorge für die Militär- anwärtcr. Wir verlangen auch, daß der Zutritt zum Ein- jahrigenexamen in höherem Maße geöffnet wird: Leuten mit einer gewissen Fachausbildung muß die Möglichkeit dazu gegeben werden.

Zu unserem Bedauern finden sich noch immer zahlreiche Regimenter, die überwiegend mit adl gen Offizierkorps beseht sii'd. Daniit hängt auch die Bevorzugung gewisser Oiarnifoncn zusammen. Unsere gegenwärtige M i l i t ä r j u st i z b.rgt große, zum Teil barbarische Härten. In dieser Hinsicht muß, sei es auch durch c:n Notgesetz, schleunigst Remedur ge­schaffen werden. Ein Teil der Presse hat uns wegen unserer langen Beratungen in her Budgetkommissioir angegriffen und vonResolntionsgewäsch" gesprochen. Tic Presse hat unrecht getan; diese Resolutionen sind notwendig. Es ist überhaupt nicht Aufgabe der bürgerlichen Prcffc, dic Budget­kommission hcrabziisetzen, das geschieht schon von anderen Stellen.

Der Abg. Noskc hat gestern am Schlüsse seiner Nedo Drohungen gegen unsere Armee ausgesprochen. Noch ist unsere Armee ein gewaltiges Bollwerk für den monarchischen Gedanken, sie kann und wird es auch bleiben, es sei denn, daß Ungerechtigkeit den monarchischen Gedanken zerstört. Aber die Drohungen Noskes sind für uns und die verbündeten Negierun­gen eine Mahnung, daß wir uns auch bei einer solchen Vorlage nicht bekämpfen, sondern daß wir, die bürgerlichen Parteien, wenn es irgend geht, uns vertragen. (Sehr richtig! bei den bürgert Parteien, Lachen b. d. Soz.) Wer zuletzt lacht, lacbt am besten. Es wäre sehr zu bedauern, wenn cs in der Tcckungssrage unter den bürgerlichen Parteien eine Partei der Besiegten ober der Sieger gäbe. (Beifall im Zentr.) ES kommt nicht nur darauf an, daß diese Vorlage irgendwie zustaudekoinint, es kommt darauf an, den guten Gedanken zu erhalten, baß jeber nach Maßgabe feiner Kraft für baä Vaterlanb beiträgt. (Beifall.)

Abg. Gans Edler Herr zu Putlitz (Kons.):

Tas ist dic» größte Wchrvorlage feit Gründung des Reiches. Aber noch heute ift der Krieg das Ausschlaggebende im Tasein der Völker. Tarum muß je De Nation gewappnet sein. Wir können uns nicht verbchlcn, daß sich im Lause des letzten. Jahres die poli­tischen Verhältniffe außerordentlich verändert babeii, und wir können nicht an der Tatsache vorübergehen, daß die Nachbarländer treue Rüstungen machen. Tie Notwendigkeit einer verstärkten Rüstung ist danach für uns gegeben, und es kam nur auf das Maß dieser Rüstungen an. Im ersten Moment konnten die großen Neuforderungen verblüffen, aber bei näherer Betrachtung muß sie jeder billig Tenkende für berechtigt ansehen. Ich bin Der lieber* zeugung, daß unser Vorrat an neuen Wehrpflichtigen auch jetzt noch nickst erschöpft erscheint, sondern daß wir immer noch starke Reserven behalten. Bei Der Kavallerie sind gegen unseren Willen Drei Regimenter gestrichen worden. Die Kavallerie hat zu ihrer bisherigen Ai:fgabe, die ihr geblieben ist, eine neue erhalten, und deshalb erscheint einem Teil meiner Freunde nicht

einmal die Zahl von sechs neuen Kavallerieregimentern aus- reichend, so daß sie eine stärkere Vermehrung beantragt haben. Daß wir durch Resolutionen auf die Heeresverwaltung cinwirken, ist unser gutes Reckt. Tie Resolutionen enthalten ja vieles, waS eigentlich selbstverständlich ist. Wir haben manche Resolutionen abgelehnt, obwohl sic in unserem ÖJcDanfcufrcis lagc.i, weil sie einen Eingriff in die .Kommandogcwalt darstellten. Daran können wir nicht rütteln. Auch sind die meisten Resolutionen unberechtigt gegenübei einer Militärverwaltung, die ihre Pflicht tut. Ja, wenn unsere Heeresverwaltung während der letzten Jahre ge­schlafen hatte, iväre cs etwas anderes. Wir wollen nicht unsere Heeresverwaltung schwächen, in einem Zeitpunkt, in dem gewisse Kräfte am Werke sind, unseren Staatsgedanken zu beseitigen. D i c Sozialdemokratie versteht unter Vaterland etwas ganz anderes als wir. Sic kämpft nur für ihre internationalen Be­strebungen, und sic spricht cs offen aus, daß sie unsere Jugend mit einem antimilitaristischen Geist erfüllen ivill. Ter Abg. Noske hat gestern a u f I c n a h i n g e w i e s e n. (Lcbh. Unterbrechungen der Soz., Zuruse: Er hat kein Wort von Jena gesprochen!) Ich habe es in Den Zeitungen gelesen, aber wenn cr auch nicht davon gesprochen hat, kann ich nicint Ausführungen trotzdem machen. (Stürmisches Gelächter bei den Soz.) Es ist also gesagt worden (Zwischcnruse der Soz.: Wo?), ich habe c-3 selbst gehört, daß wir an Jena denken sollen. Aber Jena ist nur durch die übertriebene Sparsamkeit, durch dcO Ausruhen auf den Lorbeeren verschuldet worden. Und gerade der Hinblick auf Jena müßte Veranlassung sein, die jetzige Wchrvorlage anzunchmen. Herr Noske hat sich auch bemüht, den Kapitalismus zu bekämpfen. Wenn er das wirklich tun will, bann müßte er gerade unser jetziges Nc- gimc aufrecht zu erhalten suchen, beim ein starkes monarchisches Regime setzt diesen kapitalistischen Strömungen viel stärkeren Dampf entgegen, als cs in demokratischen Ländern geschieht. Und wenn man die parlamentarische Herrschaft in den Vordergrund schieben will, so muß ich sagen: mir können in Deutsch­land aus unser Parlament st o l z sein. Wenn wirklich bedauerliche Strömungen im Parlament vorhanden sind, so sind das nicht kapitalistische Strömungen, sondern solche, die gerade von Der entgegengesetzten Seite ausgchen. Auch dagegen ist eine starke Monarchie das stärkste Gegenmittel.

Wir werden den Kriogsminister uniorstützen in. allen Be­strebungen, das Heer vor sozialdemokratischen Einflüssen zu be­wahren. Wir glauben, daß wir durch unsere Wchrvorlage zur Erhaltung des Friedens beitragen. Darum können wir dem Volk auch die Lasten dafür auforlegen. 29ir hoffen, daß daS Volk die Ueberzcugung gewinnt, daß diese Lasten eine Existenz­frage für unser Reich sind. (Beifall.)

Abg. SDtüUcr TZciningcn (Vp.):

Ter Vorredner meinte, das deutsche Volk könne stolz fein auf sein Parlament. Es ist noch nicht lange her, da fiel von der rechten Seite dieses Hauses daS Wort von dem Leutnant und den zehn Mann. Wenn von einer Verschleppung der Verabschiedung der Wohrvorlagcn gesprochen wird, dann muß gesagt werden, daß niemand anders cls die Rechtsparteien daran schuld sind. (Lachen rechts.) ES ist noch nicht lange her, da hielt ein Mitglied dieses Hauses eine Rede, worin cr sagte:Wenn ich Reichskanzler wäre und die Wchrvorlage wäre Ende Juni nicht verabschiedet, würde ich dem Kaiser sagen: Dieser Reichstag muß nach Hause geschickt werden oder ich rann nicht länger regieren!" Dieser Herr war Herr Dr. O c r t c l. (Heiterkeit. Der Abg. Dr. Ocrtcl tritt vor die Rednertribüne und verbeugt sich unter allgemeiner Heiterkeit.) TaS corpus delicti liegt uns jetzt vor. (Erneute Heiterkeit.) Ich schenke ihm aber im gegenwärtigen Zeitpunkte keine weitere Beachtung. (Der Abg. Dr. Ocrtcl wendet sich um und verläßt unter stürmischen Heitcrkeitsausbrüchcn den Saal.)

Tie geschickte aber rücksichtslose Inszenierung der Vorlage er­schwert uns die Prüfung der Vorlage. Diese Milliardcnvorlage wurde einem abgespannten übermüdeten Parlä - ment erst spät im April vorgelegt. Auch ist die Vorlage ctat. rechtlich unübersichtlich. Wir müssen auch Front machen qc^cii die unanständige Art der Polemik, mit der die offiziöse Presse abweichende Meinungen alter Offiziere bekämpft hat. Der Äriegsministcr hat mit wahrem Löwenmut jeden Leutnant ver­teidigt; er hat seine Schuldigkeit getan. Wir haben auch nur den Abstrich von drei Kavallerie Regimentern erreicht. Der Beschluß wurde erst nach gewissenhafter Prüsrrng gefaßt. Wir müssen uns vor^Ucberschätzurigcn in Acht nehmen. Tas borgend)Ta- gcnc Spionagegesetz geht zu weit; fein § 9 liefert Presse und Parlament bezüglich ihrer Gutachter vollständig dem Staats­anwalt aus. Der größte Verbrecher aller Zeiten, als welchen ich den Obersten Redl bezeichnen möchte, muß doch sehr bedenklich machen. Ten offiziösen Dementis bringen wir aroßes Mißtrauen entgegen, aber wir haben doch den Eindruck, daß das österreichische Landesverteidigungsministerium sehr viel vertuscht hat, Unterlassungssünden und die blödsinnige Hand­habung des Ehrbegriffs. Daß die auswärtige Lage so scklecht ist, dafür trägt dock; aud; die Leitung unserer Politik mit die Ver­antwortung und die Schuld, auch dafür, daß wir jetzt diese ac« wattige Vorlage bringen müssen. Ter Kriegsminister hat das bei der ersten Lesung ausdrücklich anerkannt. Von unserm Verhält­nis zu Frankreick, äußerte Ernst Lavine, es gebe viele Deutsche, die Frankreich verachten. Tas ist eine riesige llcbcrtreibunß und gilt für keinen gebildeten Teutschen.

Es ift in erster Linie eine gegenseitige Aufklärung nötig, und von diesem Standpunkt au? ist die erste Konferenz der deutschen und französifchen Parlamentarier in Bern mit Freuden zu be­grüßen. (Sehr richtig! links.) Unsere Wehrvorlage ist keine Drohung gegen Frankreich, sondern lediglich eine Verteidigungs­maßnahme gegen zwei Fronten. Die Rede des Abg. Noske war ein starker Theaterdonner. (Zuruf bei den Soz.: Nie- mand spielt mehr Theater als Sie!) Ihre Haltung in der B u d g e t k o m m i s ff o n war ganz anders als hier im Plenum; sie war so milde, so bürgerlich gemäßigt! (Widerspruch bei den Soz.) Sie haben teilweise ganz verständige Reden dort gehalten, Sic haben sogar dic Angrifssmoglichkeit von Osten einmal ganz offen anerkannt! Sic (zu den Soz » können nicht leugnen, daß die Mitteiliing.cn, die uns in geheimer Sitzun g über die Schwierigkeit der Mobilisierung der deutschen Armee nach zwei Fronten gemacht sind, auf Sie keinen Eindruck gcmackt haben. Wenn diese Mitteilungen bekanntgewordcn wären, wäre dic Rede des Herrn Noske unmöglich gewesen. (Widerspruch bei den Soz.)

Wie gesagt, in der Budgetkommission haben Sie ^u den Soz.) sich viel verständiger benommen. Militärtechnische Gründe waren für uns maßgebend: die Mängel der Mobilmachung und die Not­wendigkeit, technische Truppen auszubilden. Der Ausfall Noskes gegen die Flieger war eine bedauerliche Ent. gleisung. Wir wollen keine Erhöhung der Quantität des Heere? a-f Kosten der Qualität. Deshalb beantragen wir auch eine bessere körperliche Jugenderziehung. Tie in den