Ur. 239
163. Jahrgang
Zweites Blatt
Erscheint tSglich mit Ausnahme des Sonntags.
humanistisch gebildeter Männer in allen Berufsarten verkennt. Nicht die Rücksicht aus verschwindende Minoritäten, sondern die Rücksicht auf das allgenreine, das Staatsivohl erfordert cs, daß man die Möglichkeit der Vorbildung für das Gymnasium auch den Söhnen des Landes und der kleinen Städte osfenhÄt.
Es wäre vielleicht am besten, wenn die Regierung eine Erhebung darüber anstellen würde, welches die W ü n s ch e derbeteiligtenEltern sind und ob sie in ihrer Mehrheit das angeführte Bedürfnis bestätigen. Nur dann könnte unseres Erachtens dem Verlangen der Freunde des humanistischen Gymnasiums entsprochen werden.
lürcbe und Schule.
Eine Gefahr für die humanistische Bildung im Großherzogtum Hessen?
In der Zeitschrift „Das humanistische Gymnasium" schreibt Pfarrer Nebel-Laubach:
Bor mir liegt eine vergleichende Statistik über den Besuch der Gymnasien einerseits und der Realgymnasien und Oberreal- schulen anderseits in den fünf größten Städten unseres Landes in den Schuljahren 18 9 9/19 0 0 u n d 19 10/19 11. Dieselbe ist von dem Großh. Ministerium des Innern, Abt. für Schulangelegenheiten, ausgestellt und als Beilage einem Schreiben zugefügt worden, das die Eingabe dreier o b e r h e s s i s ch e r P s a r r k o n s e r e n z e n beantwortete, in der ersucht war, daß die höheren Bürgerschulen, wie dies früher der Fall gewesen, wieder die Vorbereitung auch für das Gymnasium übernehmen möchten. Diese Statistik ist so interessant und lehrreich, daß sie hier wiedergegeben sei.
Aus Stcrdt unv LuuK.
Gies; en, 11. Oktober 1913.
Doppelte Umsatzsteuer beim Grundstückscrwerb.
Eine für den Grundstückshandel nicht uninteressante Umsatz^ steuersrage beschäftigte kürzlich das Reichsgericht. Es handelte sich dabei um folgendes:
Zur Anlage eines Wasserwerks lauste die Stadtgemeinde Berlin im Jahre 1908 eine Anzahl in der Feldmark Heiligen- see belegene Grundstücke von dem Bauntcister G. in Berlin. Diesem waren die Grundstücke von ihren Ej^ntümern (Landwirten) notariell zum Kauf angeboten. G. mai<c darauf der Stadt seinerseits ein notarielles Kaufangebot, in welchem bestimmt ist, daß' alle Stempel- und Steuerkosten die Stadt zu tragen habe. Nachdem die Stadt dieses Kaufangebot angenommen hatte, nahm' dieser seinerseits die Angebote der Landwirte an. In den aus diese Weise zustande gekommenen Kaufverträgen zwischen den Landwirten und G. übernahm der letztere den Verkäufern gegenüber, die Tragung der Umsatzsteuer. Die Grundstücke imirben dann von! den Eigentümern nicht an G., sondern unmittelbar an die Stadt Berlin aufgelassen. Diese wurde darauf von der Gemeinde Heiligensee und vom Kreis Nicderbaruim zur Umsatzsteuer herangezogen. ' Nun bestimmen die Umsatzsteuerordnwngen für Heiligensee und den Kreis Niederbarnim übereinstimmend, daß die Steuer vom Wert des Grundstücks zu berechnen ist. Wenn aber die Auflassung aus Grund mehrerer auseinandersolgender Ber- äußerungsverträge von dem er st en Veräußerer an den letzten Erwerber erfolgt, so wird die Steuer von der Gesamtsumme der Erwerbspreise der Veräußerungsgeschäfte berechnet und es haften für die Steuer der erste Veräußerer und der letzte Erwerber. Es wird also, wenn wie hier ein Grundstück von einem Zwischenkäufer erworben wird, die doppelte Umsatzsteuer erhoben. Die Steuer wurde demgemäß von der Gesamtsumme der Erwerbspreise berechnet, die G. an seine Verkäufer und die Stadt Berlin wiederum an G. 51t zahlen hatte. Der Preis, den G. mit den Landwirten vereinbart hatte, betrug 291 462 Mark. Die von der Gemeinde Heiligensce und dem Kreis Niederbarnim für diese Summe von der Stadt Berlin eingezogene Umsatzsteuer von 21/2 Prozent beträgt 7286 Mark. Diesen
Die „Siebener Zamtlienblötter" werden dem .Anzeiger" viermal wöchentlich beigeleat, daS „Kreisblatt für den Kreis Siehen" zweimal wöchentlich. Die „Landwirtschaftlichen seit» fragen" erscheinen monatlich zweimal.
Redaktion, Expedition und Druckerei: Schul« straße 7. Expedition und Verlag: e=a^51. Redaktion:e^H2. Tel.-Adr.: AnzeigerGießen»
Samstag, Moder 1913
Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schea Universttäts - Buch- und Steindruckerei.
R. Lange, Gießen.
A m a l i e ist ein Backsisch, dem tieferes Verständnis erst durchs Leben kommen muß, hübsch aber noch leer. . M ar t h a ihrem Binder ähnlich, nur zurückhaltender; Luise, schwärmerisch melancholisch, hängt an Karl Follenius, wird aber von diesem halben Asketen nicht beachtet. Jettchen ist schwärmerisches Kind aus dem Volk.
Alle diese Einzelschicksale sind nur kurz und knapp als besondere Lichter aus das allgemeine Zeitgemälde, das Bild vom Bolksschicksal, aufgesetzt. Deshalb muß hinter dem Dialog stets (außer im 4. Akt) die Massenaktion als lebendiger Hintergrund wirksam bleiben, namentlich zum Schluß ! Die Versöhmrng Scips und Deicherts soll nur als Symbol wirken vor der Haupthandlung: Einmütige, religiös-feierliche Erhebung des Volksgeistes im Gottesdienst vor dem tatbereiten Ausmarsch.
Allen Festspielen liegt die Gefahr schablonenhafter Wirkung nahe. Sie entsteht dadurch, daß die Massen nicht differenziert werden, und daß Blücher und andere große Persönlichkeiten aus die Bühne gestellt werden, ohne daß Gelegenheit gegeben ist, sie seelisch tiefer zu erfassen. Mit der bloßen patriotischen Begeisterung ist das nicht möglich. Ein richtiges Blücherdrama, das dem interessanten Charakter gerecht würde, dürfte eben nicht bloß in Gießen spielen.
Freilich darf ein Festspiel auch wieder nicht so sehr in Seelcuanalyse einzelner aufgehen, daß darüber sein Gelegenheitszweck, die möglichst allgemeine Gemütserhebung, vergessen würde.
Heber die Gesichtspunkte, die den Verfasser bei seiner Arbeit leiteten, spricht er sich selbst im Vorwort folgendermaßen aus:
,-Ein Festspiel ist sozusagen angewandte Kunst. Es hat neben den ttinstlerischen Normen seine he müderen Gelegenheitszwecke zu erfüllen, wodurch die Bewegungsfreiheit des Verfassers nicht unwesentlich eingeschränkt ist. So gut es ging, hielt ich mich bis inj Kleinigkeiten hinein an das historisch Gegebene. Nur um persönlichen Verstimmungen und Mißdeutungen auf feiten des Publikums aus dem Wege zu gehen, habe ich einige Namen fingiert, so narnent- lich den des Professor Warens, in dessen Charakterbild ich mehrere der damaligen Professoren verschmolzen habe. Nötig hatte ich ihn als Doppelgänger Cromcs, weil dieser in der kritischen Zeit Gießen verließ. Die Bezeichnung „Landsmannschaft" ersetzte ich, um Ver- wechstungen mit der Gegenwart vorzubeugen, durch die damals auch noch angängige „Orden"."
Eine Schwierigkeit war das Fehlen eines rechten Abschlusses. Blüchers „Durchmarsch" hatte natürlich einen solchen nicht. Die hessischen' Jäger aber kamen nicht mehr zum Schlagen, und so fehlte auch von dieser Seite die Pointe. Die Lösung suchte
Strecker darin, daß er den Ausblick in die Zukunft an das Ende setzte, die weiter gehende unabgeschlossene Bewegung also aus einem Nachteil in einen Vorteil verwandelte. Daß die unvermeidlichen Hock'- und Heilrufe im 2. und 3. Akt stehen und am Ende eine feierliche Choralwirkung den Schlußstein bildet, dürfte das Stück nicht zu seinem Schaden von andern unterscheiden.
Die Dialogfüllung nrußte bei der Fülle der Personen und Ereignisse kurz sein, und durste doch nicht au Charakter und Gehalt verlieren. So wechselt Dialekt, Französisch, Russisch und poetisches Hochdeutsch, und die großen Ideen der Zeit kommen neben den Aeußerungen primitiver Volksinstinkte zu Wort.
Der Aufbau in 5 Akten folgt dem Gang der Weltgeschichte: Napoleon auf der Höhe (1. Akt), Katzbach als erste Erschütterung (2. Akt), Napoleons Sturz bei Leipzig (3. Akt), Kriegselend und Ausblick auf die französischen Kämpfe (4. Akt), Hinweis auf Deutschlands Zukrmft (5. Akt). —
Dieser historische Verlauf ist durchflochten von den individuellen Geschicken, die natürlich nur typisch für das ähnliche Erleben pieler stehen. Aus den Archiven hat sich der Verfasser (das tritt überall deutlich hervor) soviel Einblick in die Zeit geholt, daß. auch diese Einzelschicksale alle int Rahmen der Wahrscheinlichkeit bleiben, sofern sie nicht überhaupt direkt historische Wirklichkeit wiedergeben.
Die Gießener Namen und Lokalitäten erhöhen den Eindruck des Lebendigen, doch gibt das Spiel ein Bild vom Erleben des gesamten Rheinbunds, für das Gießen wieder nur ein Typus war. —
Wirkt so das Stück als Lesedrama interessant, so bietet es ohne Frage auch für die Bühne handlungsreiche Bilder genug, die Spannung wecken und künstlerisch wirken. Nur muß die Regie ihr Hauptaugenmerk neben den Dialogführenden vor allem der mitwirkenden Masse zuwenden, die, dramatisch organisiert, für die vortretenden Einzelnen erst die Resonanz gibt. —
Der 4. M ist ein Stück für sich. Die beiden geistigen Führer begegnen sich hier: Welcher für ben Patriotismus, Hegar für den Napoleonismus. Ihnen gönnt der Verfasser, ihrer Bedeutung entsprechend, mit Recht ein breiteres Ausleben. Hegars Tod versinnbildlicht sogleich den Untergang Napoleons, seines Helden wozu Beethovens Trauermarsch die passende Ouvertüre bietet Von dieser tragisch erschütternden Szene hebt sich die feierliche Abschlußszene dann umso ernster und größer ab.
Gießen, den 8. Oktober 1913. . Dr. Bernbeck.
Demnach haben sich die Gymnasien mit Ausnahme von Mainz nicht einmal auf ihrer alten Hohe gehalten, geschweige, daß der zunehmenden Bevölkerung entsprechend ihr Besuch zugenommen hätte. Dagegen h.at sich der Besuch der Realgymnasien und, Oberrealschulen in unverhältnismäßiger Weise gehoben, in Offenbach und Worms um das dreifache, in Mainz und Gießen beinahe um das doppelte. Das ist zum Teil aus dem Zug der Zeit und ihrer Vorliebe für die realistische Bildung zu erklären, hat aber auch einen anderen Grund. Wir behaupten nämlich, daß in unserem Großherzogtum die Eltern in den kleinen Städten und auf dem Lande vielfach unfreiwillig und schweren Herzens ihre Söhne einer höheren realistischen Anstalt, statt dem Gynrnasium zuführen, weil ihnen die Möglichkeit der Vorbildung für das Gymnasium seit einiger Zeit dadurch genommen worden ist, daß die höheren Bürgerschulen in steigendem Maße nur noch lateinlosen Unterricht erteilen, also nur für die Oberrealfchule vorbereiten. Gesetzlich sollen sie ganz allgemein die Vorbildung für die höheren Schulen leisten, und so haben früher auch die kleinen Realschulen in den Landstädten ihren Schülern Gelegenheit gegeben, sich für die oberen Klassen des Gymnasiums vorzubüden. Die ganz einseitige Vorbildung der Bürgerschulen für die höheren realistischen Anstalten ist erst neueren Datums. Einige höhere Bürgerschulen haben es freilich durchgesetzt, daß ihnen Latein als fakultatives Fach gelassen worden ist, an anderen wird es privattm gelehrt; aber die Schüler müssen die Kosten dieses Unterrichts aufbringen und haben feine Arbeit sermäßiguiig in anderen Fächern. Daß da manche wieder abspringen, weil sie durch das Latein überlastet sind, liegt auf der Hand. So sehen sich viele Beamte, Pfarrer, Lehrer auf dem Land und in Landstädten gezwungen, ihre Söhne einer Oberrealschule oder einem Realgymnasium zuzuführen, wenn sie dieselben nicht im frühesten Alter von sich geben und auf das entfernte Gymnasium tun wollen oder können, statt sie der vor ber Tür liegenden Bürgerschule zu übergeben.
Für diese lateinlose Organisatton der höheren Bürgerschulen werden schultechnische Gründe geltend gemacht. Gewiß ist es viel einfacher und ordnungsmäßiger, wenn der Schulbetrieb ganz einheitlich gestaltet ist, aber die Bürgerschule soll dem Lande und der Landstadt dasselbe leisten, was der Großstadt Gymnasium und die realistischen Anstalten zusammen leisten; und die Möglichkeit, auch die Vorbildung für das Gymnasium zu gewähren, müßte den schultechnischen Bedenken ihre aussckstaggebende Bedeutung nehmen. Tas praktische Bedürfnis und die Ansprüche eines wichtigen Teils der Bevölkerung dürfen schultechnischen Schwierigkeiten nicht geopfert werden, die nicht unüberwindlich sind und die früher, als die Bürgerschulen für die Absolvierung aller höheren Schularten vorbereiteten, gleichfalls bestanden.
Man spricht von der kleinen Minorität, auf die Rücksicht zu nehmen ein Unrecht gegen die Gesamtheit bedeute, namentlich in finanzieller Beziehung. So kann man nur sprechen, wenn man den Wunsch humanisttscher Bildung als eine Privatliebhaberei ansieht, ber keine Berechtigung zukomme, und wenn man die Bedeutung
Aus Hessen.
Aus ben Ausschüssen.
rb. Darmstabt, 10. Oft. Ter Finanzausschuß der Zweiten Kammer setzte beute vormittag um 9 Uhr seine Beratungen über die B e s 0 l du n g s r e f 0 r m fort; der Ausschuß war vollzählig beisammen mit Ausnahme des rheinhessischen Abg. Best, der infolge einer schweren Armverletzung den Verhandlungen leider nicht beiwohnen kann. Die nationalliberale Kammersraktion ist daher zurzeit nur durch den Ausschußpräsidenten, Abg. Dr. Osann, bei den Verhandlungen über die Besold ungs Vorlage vertreten. Auch die heutige Sitzung wurde noch vollständig durch die näheren Feststellungen, über den vereinfachten Gehaltstarif ausgesüllt. Die Fortsetzung der Beratung erfolgt am nächsten Dienstag.
Der Bittschristenaus schuß der Zweiten Kammer beschäftigte sich in seiner gestrigen Sitzung unter dem Vorsitz des Abg. Raab lwuptsächlich mit der schon in der vorigen Woche begonnenen Beratung über die Vorstellung der ^Bereinigten elektrotechnischen Spezialsabriken, worin diese unter Bezugnahme auf die geplante elektrische Ueberlandzenttale in Offenbach die Regierung und die Kammer zu ersuchen, die Errichtung von Ueberland- Zentralen durch Privatpersonen, wobei sich diese das Jnstallations- monopol sichern, nicht zu genehmigen. Der Ausschuß beschloß, bet Kammer die Annahme einer Entschließung zu empfehlen, worin die Regierung ersucht wird, sie möge in der Regel nur solchen Verträgen ihre Genehmigung erteilen, welche auf kommunaler Grundlage abgeschlossen sind und nur in ganz besonders gearteten Fällen, wie beispielsweise bei der Gründung der „Hessischen Eisenbahngesellschast" in Darmstadt, andere Verträge für Gesellschaften zulassen; vor allem solle die Regierung keine Verträge mit Installations-Monopolen zulassen. Der Ausschußberichterstatter, Abg. liebel, wurde mit der genauen Abfassung einer solchen Entschließung für die nächste Ausschußsitzung beauftragt. — Der Ausschuß beschäftigte sich im übrigen noch mit der Feststellung verschiedener Berichte über früher gefaßte Beschlüsse. Bezüglich der Vorstellung des Jakob Bundschuh IV. zu Haubach wegen Rückkaufs seines Steinbruchs mürbe Abg. Hauck als Berichterstatter beauftragt, an Ort und Stelle nähere Erkundigungen einzuziehen. Jubetresf der Vorstellung des Bürgermeisters Ille zu Bürstadt wegen Errichtung einer Gemeindeapotheke soll in der nächsten Sitzung vorerst mit dem Vertreter der Regierung in Verhandlung getreten werden.
Politische Tagesschau.
Die Welfenfrage und die politischen Parteien.
So ziemlich allgemein werden die neuesten Erklärungen des Prinzen Ernst August nicht für genügend gehalten. Nur einige demokratische und Zentrumsblätter üben ihre „Nachsicht". Dagegen schreibt z. B. die „Freisinnige Zei- t un g":
Selbst wenn in der Erklärung die Welfen mit ihren Interpretationen und ihren Bestrebungen ausdrücklich abgeschüttelt toor- den wären, würde die Kundgebung staatsrechtlich nicht genügen. Was hat denn all die Dispute, die unerfreulichen Silbenstechereien und Auslegungen heraufbeschworen? Die einfache Tatsache, daß ein klarerVerzichtnich tausgesprochen wird. Weshalb sträubt sich der Prinz dagegen, wenn er wirklich gewillt ist, die Ansprüche auf Hannover nicht mefyr zu erheben? Volenti non fit injuria! Er will, wie er an den Reichskanzler am 21. April schrieb, nichts tun und nichts unterstützen, was darauf gerichtet ist, den derzeitigen Bestand Preußens zu verändern. Er fügt,jetzt hinzu, daß er sich an dieses Versprechen für immer gebunden fühle. Er ist entlüftet, daß es Personen gibt (in den Kreisen, die ihm nahe stehen), die an diesen Worten herumdeuteln. Aber dann kann ihm doch kein Unrecht geschehen, wenn man einen regelrechten Verzicht verlangt. Er würde dann nichts anderes zu Protokoll geben, als was er nach seinen Worten zu erfüllen bereit ist. Dann würde Klarheit eintreten. Jedermann ist doch für klare Verhältnisse. Am meisten sollten es Regierungen und Fürsten sein. Mer Prinz August sagt, wie die Jungfrau von Orleans, zum Kaiser: „N i ch t s von Verträgen, nichts von Uebcrgabc!"; und die Welfen, die in der nächsten Zeit bis zur Braunschweiger Thronbesteigung ruhig sein werden, werden mit der Jungfrau von Orleans sagen: „Mein ist der Helm und mir gehört er zu!"
Das Hauptorgau der Konservativen, die „K r e u z z e i- t u n g", schreibt:
„Es fragt sich nun, ob die jetzige Veröffentlichung dennoch eine Aenderung des bisherigen Zustandes insofern herbeizuführen vermag, als sie zwischen den Fürsten des welsischen Hauses und der w elfischen Agitation den notwendigen Trennungsstrich zieht. Nach den bisherigen Erfahrungen haben wir die gewisse Zuversicht daraus nicht. Mussen es leider vielmehr auch in Zukunft nicht für ausgeschlossen halten, daß von w.ckfischer Seite unter Berufung auf das welfische Herzogshaus Rechtsansprüche an Gebietsteilen des preußischen Staates erhoben werden. Solange das aber geschehen kann, ohne sofort den unzweideutigen Widerspruch seitens aller zuständigen Mitglieder des Welfenhauses zu finden, könnenwirdieV v rau ssetzungeunichtals gegeben erachten, von denen der Bundesratsbeschluß vom 28. Februar 1907 die Zulassung eines welsischen Prinzen zur Regierung in Braunschweig abhängig macht." *
Zur Bekämpfung der Geburteneinschränkuug.
Der deutsche Sittlichkcitsverein hat dem Reichstage eine Eingabe zugehen lassen, in der er empfiehlt, den Handel mit Verhütungs- und Abtreibungsmitteln den offenen Ladengeschäften zu verbieten und ihn in die Apotheken zu legen, die diese Mittel nur nach Verordnung des Arztes abgeben dürfen.
Diese Anregung wird, wie man uns aus Berlin schreibt, von den zuständigen Instanzen unterstützt und wird jedenfalls auf ihre Durchführbarkeit geprüft werden. Im übrigen wird der Vertrieb solcher Mittel jetzt viel schärfer von den Behörden verfolgt als früher. Die betreffende Literatur wird, wenn sie keinen wissenschaftlichen Wert hat und nur zu An- preisungszwecken dient, beschlagnahmt werden. Auch der Gebärstreitsagitation wird die Behörde ein wachsames Auge fvidmcn, soweit sich diese Agitation in öffentlichen Kundgebungen und Vorträgen bemerkbar macht und zur lieber» treiung gesetzlicher Vorschriften auffordert.
Siebener Anzeiger
Gemral-Mzeiger für Ohechchen
Die yumdoldiianer.
Es wird uns geschrieben:
„Blücher in Gießen": Mit dieser.Ansschrist sollte das Gedenk- spiel'ursprünglich seiner Zweckbestimmung übergeben werden. Die Gründe, weshalb der Dichter seinem Schauspiel diesen Titel nicht gegeben hat, find bereits in Nr. 227 des Gießener Anzeigers kurz gestreift. In der Tat, einen eigentlichen „Helden" hat das Stück nicht Träger der Handlung ist die in ihre Haupt-Typen zerlegte Gießener Einwohnerschaft. Es kam Strecker darauf an, die geteilte Nheinbundfeele mit ihren mancherlei Konflikten durch alle Stände hindurch darzustellen. Außer den geplagten Bauern spaltet sich alles in eine französische und deutsche Partei.
Rheinbündler sind bei den Professoren: Hegar, geistig bockstehend, aus wirklichem Verständnis für Napoleons Genie; C rom e als etwas oberflächlicher Auskläriingsmann und charakterschwacher Diener seines Brotgebers, des Grobherzogs; Warens, sein Doppelgänger", desgleichen. Bei beiden zeigt sich eine gute Dosis'"egoistischer Kurzsichtigkeit, Aus dem Beamtentum werden uns Klein und Streberlich als lächerliche Typen gesm- nunasloser flacher Streberei vorgeführt. — Soweit die Bürger- fchast ans geschäftlichem Interesse für die Kontinentalsperre ist, w^rd sie durch Stadtrat Schmidt vertreten. — Aus den Stu. dentenkreisen entpuppen sich die Rhenanen als ideallo.e Genußmenschen und künftige ©lieber Doch losen sich hier Sch u l z nnh (V ä in m C r e r, später auch Deichen als besiere Elemente __ D^u chastel, der sranzösische Sprachlehrer, sorgt als $>anSSI|tbe?r äc9Ube? &Uumb o l b t i a n e r (b. h. D-uttck- treten MonbeS hervor: Professor Welcker («18 Gegenspiel von Crome) durchglüht von reinem, geistig-hochstehendem Idealismus. Ebenso Schauman n nur weniger impulsiv iind ae/stvoll Ihnen stehen politych nach: bei den Beamten, ire uß dessen Anteilnahme durch Loyalitatsruchichten aller - dinas etwas gedämpft ist; - bei den Bürgern, W erdig, aus Witter elfen der Gegner der Konttnentaliperre, ferner der BÜ*rg" rm ei st er aus S^rge für die Stadt und auch aus • 'Minktivem Gefühl. So auch Lisbeth St umvL die B a.u- e rin ne n bei denen der Instinkt durch persönliche Opfer sich bis zum leidenschaftlichen Haß steigert. Franz.und Moll sind hn Gmnde deutsch, nur anfangs verzagt; bei den Studenten ist Ludwig Follenius der sturrnnche Brausekopf, Karl der ernste, für Martyrium empfängliche Heyer der einfach IS hingehende Idealist. - Die beiden Gymnasiasten sind naiv — überschwenglich.
Darmstadt
’e
El
Offenbach
Woims
Gießen
Bevölkerung 1900 ....
72 000
97 000
55 000
41000
25 000
„ 1910 ....
87 000
110 000
76 000
47 000
31 000
Zahl der Gymnasiasten 1899/1900 .
702
633
264
259
290
1910/1911.....
588
648
232
230
236
Zahl der Realgnmnasiasten u. Oberrealschüler 1899/1900
1018
756
227
284
543
1910/1911
1 695
1 424
685
855
964


